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Todesklinik: Die Organ GmbH & Co KG

Todesklinik: Die Organ GmbH & Co KG

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Todesklinik: Die Organ GmbH & Co KG

Länge:
322 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 12, 2013
ISBN:
9783990264690
Format:
Buch

Beschreibung

Während in der Volksrepublik China die Anhänger der Meditationsbewegung Falun Gong in den Gefängnissen und Arbeitslagern des Landes grausam gefoltert werden, plant und organisiert ein skrupelloser deutscher Chirurg in seiner mittelfränkischen Privatklinik illegale Organtransplantationen. Seine Organspender besorgt er sich aus dem Reich der Mitte. Da geschieht das Unfassbare: Einer Chinesin gelingt die Flucht aus der "Todesklinik". Die geheime chinesische Polizeiorganisation "Büro 610" jagt die Flüchtige, und auch die deutschen Behörden ermitteln ...
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Freigegeben:
Mar 12, 2013
ISBN:
9783990264690
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Todesklinik - Werner Rosenzweig

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und -auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2012 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99026-467-6

ISBN e-book: 978-3-99026-469-0

Lektorat: Dr. phil. Ursula Schneider

Umschlagfotos: Luis Louro | Dreamstime.com, Werner Rosenzweig

Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.

www.novumverlag.com

Einleitung

Reich, doch mit Tugend

Menschen aus alter Zeit sagen:

Geld, Ding im Äußeren.

Jeder weiß, jeder danach trachtet.

Der Starke seine Begierden zu stillen,

die Schöne für Glanz und Glamour,

der Alte seiner Vorsorge wegen,

der Wissende für Ruhm und Glitter,

der Beamte seiner Pflicht wegen

und, und, und.

Daher das Trachten.

Für dieses streiten die Schlimmeren,

der Stärkere Gefahren wagt;

dafür der hoch Erregte Gewalttaten begeht;

Eifersüchtige platzen vor Zorn.

Das Volk zu bereichern, der Dao¹ des Herrschers.

Geld anbeten, unedles Tun.

Reich, doch ohne Tugend, schadet allen Wesen,

reich, doch mit Tugend, alle erhoffen.

Daher der Reiche keinesfalls Tugend nicht fördert.

Tugend gesammelt in Vorleben.

Herrscher, hohe Beamte, Reiche, Würdenträger,

alle entstanden aus Tugend.

Keine Tugend, kein Gewinn,

Tugend verloren, alles zerfließt und schwindet.

Daher nach Macht und Reichtum Trachtende

Tugend sammeln zuvor.

Leid ertragen, Wohltat üben,

viel Tugend gesammelt.

Es müssen erkannt sein die schicksalhaften Wirkungen.

Das erkannt, das Herz der Regenten und

des Volkes von selbst beherrscht.

Reich unter dem Himmel friedvoll.

Li Hongzhi, Gründer von Falun Gong, am 27. Januar 1995

PROLOG

25. April 1999, Zhongnanhai, Peking

Das weitläufige Regierungszentrum Zhongnanhai lag ruhig im Morgenlicht der aufgehenden Sonne, nur einen Steinwurf von Pekings „Verbotener Stadt entfernt. In der riesigen, ummauerten Anlage zwitscherten die Vögel und begrüßten den neuen Tag. Die verstreut liegenden Regierungsgebäude duckten sich im Schatten der hohen Bäume, während sich die ersten Sonnenstrahlen in den leicht kräuselnden Wellen des Nanhai und des Zhonghai Sees brachen und auf der Wasseroberfläche wie ein Meer hell leuchtender Weihnachtssterne glitzerten. Exotische Enten gründelten ohne Hast an den Ufern und suchten sich ihre erste Nahrung an diesem warmen Aprilmorgen. Wie immer wurden die Mauern und Tore, die das Areal umgaben, von chinesischen Elitesoldaten schwer bewacht, denn Zhongnanhai war das Hauptquartier der Kommunistischen Partei und der Regierung Chinas. Innerhalb des Geländes schlug und pulsierte das Herz der Volksrepublik, was Zhongnanhai zu einem der größten Machtzentren dieser Erde erhob. Am Haupteingang, im Süden des Areals, dort, wo die stark befahrene West Chang’an Avenue vorbeiführte, waren starke Armeekräfte konzentriert. Ganz besonders heute, denn die Kommunistische Partei erwartete, dass es ein besonderer Tag werden würde, ein Tag, der möglicherweise in die Geschichte des Landes einging. In militärischer Tarnfarbe gestrichene Mannschaftstransportwagen spuckten zu diesen frühen Morgenstunden bereits ein Heer schwer bewaffneter Polizisten aus. Die Uniformierten verteilten sich weitläufig rund um die Anlage und befolgten die laut gerufenen Befehle ihrer Vorgesetzten. Den Haupteingang, das „Tor des neuen China, zierten Parolen der Partei. „Lang lebe die Kommunistische Partei war dort zu lesen und „Lang leben die unbesiegbaren Mao Zedong-Ideen.

Die kommunistischen Führer Chinas richteten sich an diesem Tag auf Tausende von Demonstranten ein. Nichtsnutzige Falun-Gong-Anhänger! In den Augen der Politiker eine volksverhetzende Sekte, deren Anführer, Li Hongzhi, nach Queens, N.Y, geflohen war, um von dort, aus den fernen USA, gegen die Kommunistische Partei Chinas zu hetzen. Insofern war es nur rechtens, diese Sekte öffentlich zu diffamieren und mit strenger Hand für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nun kamen die ersten dieser Aufwiegler und Volksverhetzer herangezogen, die sich für eine traditionelle, buddhistische Qigong-Schule hielten, in der Absicht, Petitionen einzureichen, um ihre sogenannten Rechte auf Glaubensfreiheit einzufordern. Von wegen Rechte, einzig und allein die Partei bestimmte, was als Recht und Ordnung galt. Sollten sie doch kommen und demonstrieren, es würde

ihnen nichts helfen. Doch so einfach war die ganze Angelegenheit nun auch wieder nicht. Das war den Führern der KPCh klar. Die Situation barg eine gewisse Brisanz in sich, je nachdem, wie sich die Lage entwickeln würde. Noch zu frisch waren in den Köpfen der kommunistischen Kader die Ereignisse, die sich zehn Jahre vorher, 1989, am Tiananmen-Platz und in den Straßen der Hauptstadt zugetragen hatten, als die Panzer der ruhmreichen Volksbefreiungsarmee eine studentische Protestbewegung blutig niederwalzten. So weit wie damals durfte es heute nicht kommen! So weit würde es nicht kommen, denn die Regierung hatte diesmal vorgesorgt. Hunderte von Demonstranten hatten sich zwischenzeitlich um das Petitionsbüro versammelt, um ihre Anträge auf Glaubensfreiheit einzureichen, und von Minute zu Minute wuchs ihre Menge an. Die Polizisten reagierten zurückhaltend und baten die Demonstranten, sich weitläufiger um die Anlage zu verteilen. Zur Mittagszeit hatten sich bereits mehr als 10.000 Falun-Gong-Anhänger versammelt, die von den Polizisten weiterhin geschickt rund um das Gebiet von Zhongnanhai aufgeteilt wurden. Das war es, was die kommunistischen Machthaber wollten: der Sitz der chinesischen Regierung, umringt und bedroht von Tausenden von gewaltbereiten Demonstranten. So lautete die offizielle Berichterstattung in den Medien. Man brauchte diese Bilder für das eigene Volk und für die Weltöffentlichkeit. Die Demonstranten aber standen still, geduldig und friedlich in den Straßen rund um den Regierungssitz. Am späten Nachmittag empfing Premierminister Zhu Rongji eine Abordnung der Falun-Gong-Bewegung und hörte sich ihre Forderungen an. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass eure Bewegung als rechtmäßig und friedlich anerkannt wird", versprach er der Abordnung. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese erfreuliche Nachricht durch die Reihen der Abertausenden, die friedlich in den Straßen um Zhongnanhai standen und in aller Stille um ihre Rechte kämpften. Unmittelbar nachdem die regierungsamtliche Zusage jeden der Demonstranten erreicht hatte, löste sich die Menge ruhig und geordnet auf und die Menschen gingen nach Hause. Die Welt außerhalb Chinas, welche die Szenen am Bildschirm der Fernsehgeräte verfolgt hatte, atmete auf. Niemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass das Schicksal von Falun Gong längst besiegelt war.

Es war am 16. März, gerade mal 40 Tage vor der friedlichen Demonstration, als Jiang Zemin, der Führer der Kommunistischen Partei und Staatspräsident Chinas, sowie Premierminister Zhu Rongji mit den sieben anderen Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros zusammensaßen, um endlich eine leidige und lästige Angelegenheit aus der Welt zu schaffen. „Und ich sage euch, liebe Parteifreunde, es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als diese Falun-Gong-Bewegung mit aller Härte zu zerschlagen, auch wenn ihr immer noch Bedenken habt. Erinnert euch, sie haben in wenigen Jahren mehr als einhundert Millionen Anhänger rekrutiert, mehr Menschen, als die ruhmreiche Kommunistische Partei Chinas Mitglieder hat. Wollen wir uns das gefallen lassen? Glaubt mir, von der Meditation zur Politik ist es nur ein kleiner Schritt. Mir liegen nun eindeutige Beweise vor, belog Jiang Zemin seine Parteigenossen und rückte seine große Brille zurecht, während er enthusiastisch weitersprach, „unser militärischer Geheimdienst hat einen Brief dieses Volksverhetzers Li Hongzhi an seine Basis abgefangen, worin er alle Falun-Gong-Gläubigen auffordert, ihre Menschenmassen gegen die Kommunistische Partei Chinas zu mobilisieren, um unser politisches System zu stürzen. Das wollen und das dürfen wir nicht zulassen. Jede Bewegung, welche die absolute Macht der Kommunistische Partei gefährdet oder zu gefährden droht, muss mit den allerschärfsten Mitteln bekämpft werden. Deswegen, liebe Führer der Kommunistischen Partei Chinas, sage ich euch, wir werden Falun Gong verfolgen, wir werden sie, wo immer wir sie aufgreifen, verhaften und wir werden sie physisch vernichten. Es war ein Fehler, dass wir diese Sekte früher gefördert und unterstützt haben. Sie haben unsere Gutmütigkeit schamlos und skrupellos ausgenützt, haben sich wie die Schmeißfliegen vermehrt und drohen nun über uns herzufallen. Mit ihrer bisher gezeigten falschen Friedfertigkeit verhalten sie sich wie ein Wolf im Schafsfell. Seid ihr mit mir einer Meinung, dass es endlich an der Zeit ist, unsere übermäßige Geduld mit ihnen abzulegen und die starke, alles zerschmetternde Faust der Kommunistischen Partei hervorzukehren? Habe ich eure Unterstützung? Acht besorgte Gesichter waren auf Jiang Zemin gerichtet. Die Worte ihres Vorsitzenden hinterließen bei ihnen einen besorgten Eindruck. „Du hast unsere vollste Unterstützung, Jiang, sicherte ihm Zhu Rongji zu. „Dass Li Hongzhi, dieser Verbrecher, seine Anhänger zum Aufruhr angestiftet hat, entzog sich unserer Kenntnis. Unseren Militärs gebührt ein großes Lob, dass es ihnen gelungen ist, den Brief dieses Volksverhetzers abzufangen. „Gut, ich danke euch, Genossen, und freue mich, dass ihr die lästige Angelegenheit genauso beurteilt wie ich. Nachdem dies nun geklärt ist, werde ich mich persönlich der Sache annehmen und mit den anderen Genossen unseres Politbüros reden."

Am 10. Juni 1999 wurde auf Anordnung von Jiang Zemin eine geheime, machtvolle Polizeiorganisation gegründet, die später „Büro 610 genannt wurde. Sie hatte nur eine Aufgabe: Falun-Gong-Praktizierende zu verfolgen, zu verhaften und in Gefängnissen und Arbeitslagern „umzuerziehen bzw., falls nötig, zu eliminieren. Einen Monat später, am 20. Juli 1999, wurde Falun Gong offiziell verboten und die bereits eingeleitete Verfolgung gnadenlos intensiviert. Durch eine groß angelegte Kampagne wurde die Bevölkerung angehalten, Falun-Gong-Anhänger zu denunzieren. „Kopfprämien" wurden ausgelobt. Für Hunderttausende Falun-Gong-Anhänger begann ein dauerhafter Leidensweg, der in die Gefängnisse und Zwangsarbeitslager des Landes führte. Sie erlitten fortan unvorstellbare physische und psychische Folterungen, grausame Verhörmethoden und drakonische Strafanwendungen, welche nicht selten zum Tode führten.

1 (Weg, Gesetz)

Kapitel I

Gefangen

1

17. September 2005, Schanghai, Hengshan Lu No. 12

Wang Hongli, die hübsche, 24-jährige Studentin der Tongji-Universität, Schanghai, war todmüde nach diesem 17-Stunden-Arbeitstag, wie auch die anderen Anwesenden im Raum. Die Zeiger der Wanduhr krochen langsam, aber unaufhaltsam auf 02:00 Uhr zu – früher Morgen. Vor zehn Minuten waren die Vertragsverhandlungen zwischen der Schanghai Shentong Met­ro Group Co., Ltd. und Vertretern der Siemens Ltd. China erfolgreich zu Ende gegangen. Die beiden Vertragsparteien hatten sich endlich geeinigt. Zwei Wochen lang hatte das zähe Ringen um Preise, Konditionen, Lieferzeiten und Technologie, teils in parallelen technischen und kaufmännischen Diskussionen, angehalten. Es war ein Feilschen wie auf einem Jahrmarkt. Wollte der chinesische Kunde eine verlängerte Gewährleistungszeit, verlangte der deutsche Verhandlungsführer auf der Anbieterseite dafür einen höheren Gesamtpreis. Lehnte die Siemens-Seite die Anerkennung von Folgeschäden ab, drohte Shentong mit dem Abbruch der Vertragsverhandlungen. Beide Vertragspartner schenkten sich nichts. Nun endlich, vor einer Viertelstunde, hatten sich Herr Zhu Husheng, der Executive Vice President des Kunden, und der deutsche Verhandlungsführer der Siemens Ltd., China, per Handschlag über die letzten, noch offenen Vertragspunkte geeinigt. Die Lieferzeit der ersten neuen Metrozüge war der letzte kritische Verhandlungsgegenstand gewesen. Nachdem der Vice President der Siemens Ltd., China, das telefonische Okay aus Deutschland bekommen hatte, 17 Monate Lieferzeit für den ersten Zug zu akzeptieren, war der Knoten endlich durchschlagen. Zwar hatte Zhu Husheng wegen der verkürzten Abwicklungszeit noch einen Preisnachlass gefordert, doch sein Verhandlungspartner auf der Gegenseite hatte gemeint, dass er den Preis eigentlich noch erhöhen müsse, da mehr Ingenieure und Kaufleute in das Projektteam berufen werden müssten, um die ehrgeizigen Lieferzeiten einhalten zu können. Zhu Husheng hatte gelächelt, als er diese Antwort vernahm, und dem Deutschen eine weitere Zigarette über den Tisch geschmissen, bestimmt schon die fünfte seit Mitternacht. Gemeinsam und zufrieden hatten sie die letzten Glimmstängel an diesem frühen Morgen geraucht, ohne nochmals auf die verhandelten Vertragsinhalte zurückzukommen. Es war so, als ob die beiden Häuptlinge nach einer Schlacht, die weder Sieger noch Verlierer kannte, die lang ersehnte Friedenspfeife rauchen würden. In den nächsten beiden Tagen würde das frisch verhandelte Vertragsdokument von beiden Vertragsparteien nochmals peinlich genau auf Tipp- und Übersetzungsfehler überprüft werden, bevor dann am 19. September die feierliche Unterschriftszeremonie stattfand. Doch das war die Arbeit der Mitarbeiter. Die beiden Häuptlinge trafen sich erst zur Vertragsunterschrift wieder.

Für Wang Hongli war es der letzte Arbeitstag bei der Schanghai Shentong Metro Group. Ihr vierwöchiges Praxisseminar war zu Ende. In wenigen Tagen ging es wieder an die Tongji-Universität zurück. Die attraktive, junge Chinesin hatte ihr pechschwarzes, schulterlanges Haar zu einem lustig wippenden Pferdeschwanz zusammengerafft, der von einer metallenen Haarspange gehalten wurde. Dadurch kamen die leicht abstehenden Ohren in dem hübschen Gesicht zum Vorschein, was Hongli aber eine zusätzliche sympathisch wirkende Note gab. Mit ihren 1,70 m Körpergröße bei nur 56 kg Gewicht war Hongli eine auffallend schlanke, attraktive Chinesin mit ebenmäßigen, ausdrucksstarken Gesichtszügen. Am auffallendsten waren ihre kohlrabenschwarzen Augen, welche das Geschehen um sie herum zu jeder Zeit aufmerksam verfolgten. Nachdem sich die Siemens-Delegation müde, aber zufrieden über die erreichten Ergebnisse in den Vertragsverhandlungen verabschiedet hatte, half sie den Shentong-Mitarbeitern noch, die Unordnung auf den Besprechungstischen zu beseitigen. Überquellende Aschenbecher, halb volle Pappbecher mit den Resten von kaltem, grünem Tee, angebissene Reste der Pizzen „Hawai, die zum Abendessen besorgt worden waren, und jede Menge vollgekritzeltes Schmierpapier waren überall auf den Tischen verteilt und zeugten von den schwierigen Verhandlungen der letzten Stunden. Wang Hongli war bei den Aufräumarbeiten in Gedanken bei ihren Eltern, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Xiangtan, in der südlichen, zentralchinesischen Provinz Hunan, lebten und ihr einfaches Dasein durch den Verkauf von selbst angebautem Gemüse fristeten. Sie war das einzige Kind. Bereits als Zehnjährige musste sie schwere Arbeit auf den kargen Feldern verrichten, welche ihre Eltern bewirtschafteten. Die Sommer waren heiß und feucht, mit viel Regen, die Winter nasskalt, sie trieben stetig einen eisigen Wind durch das kleine Dorf. Das baufällige Haus ihrer Eltern hatte weder eine Klimaanlage noch eine Heizung, um die extremen Klimaschwankungen erträglicher zu machen. Doch das war normal. Auch den anderen Bauern erging es nicht besser. Niemand klagte über sein karges, einfaches Leben. Es galt ganz einfach nur zu überleben! Wie angenehm lebte sie da momentan in der großen Stadt Schanghai, in der sie sich mit einer Freundin ein dreißig Quadratmeter kleines Apartment teilte. Sie hatte großes Glück gehabt, als sie bei der französischen Supermarkt-Kette „Carrefour einen Nebenjob ergattern konnte. So reichte ihr monatliches Einkommen gerade aus, um ihre bescheidenen Lebenshaltungskosten in Schanghai zu decken. Manchmal schaffte sie es sogar, noch einige übrig gebliebene Yuan an ihre Eltern zu überweisen.

„Hongli, wir sind so gut wie fertig, den Rest machen wir allein, geh ruhig nach Hause, es ist sehr spät geworden, du hast noch einen weiten Weg vor dir. Wei Bin, eine Mitarbeiterin der Shentong Metro, mit der sich Hongli während der letzten vier Wochen etwas angefreundet hatte, war es, die sie aus ihrer Gedankenwelt riss. „Nochmals besten Dank für deine Mitarbeit. Weiterhin viel Erfolg an der Uni und lass mal wieder von dir hören!

Wang Hongli umarmte Wei Bin zum Abschied und drückte ihr einen dicken Schmatz auf die Wange. „Danke, Wei Bin, für deine freundschaftliche Unterstützung. Es hat mir bei euch sehr gut gefallen und ich konnte eine Menge lernen. Auch dir alles Gute. Es wäre schön, wenn wir in Verbindung bleiben könnten. Dann nahm sie ihre Handtasche über die linke Schulter und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Als sie hinaus, auf das Gelände der Shentong Metro Group schritt, waberte ihr die dämpfige, feucht-stickige Luft dieser Septembernacht entgegen und nahm ihr fast den Atem. Die Temperaturen lagen noch immer bei 28 Grad und nicht der kleinste Windhauch brachte die ersehnte Abkühlung. Die Riesenstadt glich einem vor sich hin brütenden Dampfkessel. Hongli schritt an der Kabine des Nachtportiers vorbei, der ihr wie immer freundlich zuwinkte. Von drüben, auf der gegenüberliegenden Seite der Hengshan Lu, schlugen ihr die lauten Heavy-Metal-Klänge entgegen, die aus einer der vielen Nachtbars drangen und sich mit dem noch immer anhaltenden Verkehrslärm der Straße vermischten. Die Hengshan Lu, eine der Amüsierstraßen Schanghais, war kein Ort, an dem sich Wang Hongli normalerweise aufhielt. Diese Straße gehörte den Ausländern, die in Schanghai arbeiteten, sowie den jungen, reichen Chinesen, die sich der „Schicki-Micki-Szene zugehörig fühlten. Junge, schicke Chinesinnen waren ständig auf der Suche nach betuchten Ausländern. Die junge Generation gierte nach Geld und Reichtum. Insbesondere in den warmen Sommernächten kam die Straße bis in die frühen Morgenstunden hinein nicht zur Ruhe. Restaurants, Bars und kleine Läden reihten sich zu beiden Seiten aneinander. Die meist jungen Gäste der Nachtlokale belagerten lautstark die Tische und Tresen und versuchten verzweifelt gegen die Bässe aus den Lautsprecherboxen anzuschreien. „Sehen und gesehen werden war das Motto. Wenn etwas ging beim anderen Geschlecht, umso besser. Man wollte sich schließlich vergnügen. Als wäre es die letzte Gelegenheit, schütteten die meisten der jungen Leute Cocktails, Rotwein und Bier in einer affenartigen Geschwindigkeit in sich hinein, wobei ihre Stimmung und ihr Verhalten von Glas zu Glas an Lautstärke und Aggressivität zunahmen. In einem letzten lallenden und unverständlichen Kauderwelsch „outeten sich schließlich nicht wenige der Gäste als „Alkoholleichen, um sich halb liegend, halb sitzend auf den Tischplatten zwischen Bierpfützen und halb leer getrunkenen Gläsern Platz für ein Schläfchen zu verschaffen. Die „Überlebenden, die den Kragen noch immer nicht voll hatten, störte dies nicht. Das brodelnde Nachtleben tobte um die Schlafenden herum. Ab und zu wachte eine der „Alkoholleichen auf, um sich schnell noch mal am abgestandenen Bier zu laben, bevor der Kopf wieder lallend auf die Tischplatte sank. Spätestens wenn die Wirtsleute ihre Kneipen schlossen, wurden die Schlafenden „wiederbelebt und in den jungen Tag hinaus geschickt. Spätestens um Mitternacht des neuen Tages waren sie wieder zurück und das Spiel wiederholte sich. Nebenan, im „Zapatas, tanzten temperamentvolle spanische, mexikanische und kolumbianische Ehefrauen, meist deutscher Männer, auf den Tischen und führten nach der dritten Caipirinha einen „Veitstanz auf, dass den staunenden chinesischen Gästen die Augen tropften. Die Kulturen konnten unterschiedlicher kaum aufeinandertreffen.

Wang Hongli sah hinüber auf die Szene der gegenüberliegenden, lärmenden Bar. Die Tische im Außenbereich, entlang der Straße, waren noch voll besetzt. Aus der Menschenmenge hob sich plötzlich ein Arm und winkte ihr zu. Erst bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass sich das Siemens-Verhandlungsteam an einem der Holztische niedergelassen hatte, sich ausgelassen unterhielt und gegenseitig zuprostete. Sie schienen ihren Vertriebserfolg zu feiern. Hongli winkte freundlich zurück und begab sich schnellen Schrittes auf den Weg zur nächsten Metrostation der Linie 1. Kurz bevor sie ihr Ziel erreichte, fiel ihr ein, dass die U-Bahn um diese frühe Tageszeit nicht mehr bzw. noch nicht fuhr. Missmutig und müde winkte sie sich ein freies Taxi herbei. Sie hatte noch einen weiten Weg vor sich, quer durch die Stadt in nordöstliche Richtung. Gemeinsam mit Zhang Xia, einer gleichaltrigen Studentin aus der Provinz Anhui, hatte sie in der Fuxin Lu, gleich gegenüber dem Heping Park, ihr vorübergehendes Zuhause gefunden. Während der Taxifahrer sich geschickt durch den immer noch anhaltenden Verkehrsstrom der Innenstadt schlängelte, hing Wang Hongli erneut ihren Gedanken nach. Sie hatte in den letzten zwei Wochen, in denen sie als stumme Zuhörerin den Vertragsverhandlungen beiwohnen durfte, viel gelernt. Die vier Wochen Praktikum bei der Shentong-Gruppe, dem Betreiber der Schanghaier U-Bahn, waren eine aufschlussreiche Zeit gewesen. Sie war schon immer von Schienenfahrzeugen, egal ob Metrozüge, S-Bahnen, Lokomotiven oder Hochgeschwindigkeitszügen, fasziniert. Sie erinnerte sich noch gut daran, als sie im Alter von neun Jahren mit ihrer Mutter am Bahnhof der Provinzhauptstadt Changsha das erste Mal in einen Zug stieg, um ihre Großmutter in Wuhan zu besuchen. Als die Landschaften draußen an den Fenstern vorbeiflogen, hatte sie sich bereits vorgenommen, einmal einen Beruf zu ergreifen, der etwas mit Eisenbahnen zu tun hatte. Zuerst stellte sie sich vor, Schaffnerin zu werden, weil man dann den ganzen Tag umherfahren durfte. Mit zwölf Jahren träumte sie bereits davon, Lokomotivführerin zu werden. Und nun, in wenigen Wochen, würde sie den Titel „Ingenieur des Maschinenbaus tragen dürfen. Ihre Diplomarbeit „Digitales Röntgen von Schweißnähten im Schienenfahrzeugbau war bereits fertig und bedurfte lediglich noch einiger weniger Schönheitskorrekturen. „Welche Hausnummer war es noch mal, Nr. 3? Wir sind gleich da! Die Stimme des Taxifahrers riss sie aus ihrer Gedankenwelt. Schnell warf sie einen Blick nach draußen und vergewisserte sich, dass er sie auch tatsächlich zur richtigen Adresse gebracht hatte. „Ich steige hier aus, wies sie den Fahrer an. „Macht 58 Yuan, entgegnete dieser und gähnte dabei mit einem lauten, lang gezogenen Seufzer. Sie reichte ihm einen 100-Yuan-Schein und stieg steif und müde aus dem Wagen, nachdem sie das Wechselgeld entgegengenommen hatte. Mit eiligen Schritten verschwand sie in der schmalen, dunklen Fuxin Lu und strebte dem Wohnhaus zu, in dem ihr gemeinsames Apartment lag. Die Absätze ihrer Schuhe klapperten auf dem brüchigen Asphalt und das Geräusch brach sich an den Außenwänden der beidseitigen Häuserzeilen. Zhang Xia schlief bestimmt schon längst. Sie würde sehr leise sein, um ihre Freundin nicht zu wecken. Gerade als sie den Schlüssel in das angerostete, primitive Schloss der alten Haustür stecken wollte, trat unvermittelt ein Mann aus dem Schatten der dunklen Straße. Er war ein Hüne, breit gebaut, mit kräftigen Oberarmen. Der Schirm einer Baseballkappe, welche er sich tief in das Gesicht gezogen hatte, verbarg seine Augen. Seine schwarze Hose und sein ebenso schwarzes Hemd wirkten bedrohlich. Sie erschrak gewaltig und ein ungutes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Das unerwartete Auftauchen des Fremden jagte das Adrenalin durch ihre Adern und löste ein aufkommendes Angstgefühl aus, welches ihr langsam und unangenehm die Kehle hochkroch. „Wang Hongli?, fragte der Schattenmann mit rauer, tiefer Stimme. „Ja, die bin ich! Sie versuchte ihrer Antwort etwas Bestimmendes, Festes zu geben, doch ihre innere Furcht war den vier kurzen Worten deutlich zu entnehmen. „Was wollen Sie von mir?, hakte sie nach, um zu erfahren, warum sich der Fremde ausgerechnet nach ihr erkundigte und ihr im Dunkel der Nacht auflauerte. Er gab nur ein kurzes, dahingeknurrtes „Polizei von sich. Ohne sich entsprechend auszuweisen, erklärte er ihr, dass sie in den letzten Tagen wiederholt dabei beobachtet wurde, wie sie in der Mittagspause auf dem Firmengelände der Schanghai Shentong Metro Group verbotene Falun-Gong-Übungen praktizierte. „Was haben Sie diesen Anschuldigungen entgegenzusetzen?, wollte er unfreundlich und voller Ungeduld wissen. „Ja, das ist richtig, antwortete Wang Hongli, „diese Übungen tun meinem Körper gut. Seit ich Falun Gong praktiziere, sind meine wetterbedingten Kopfschmerzen wie weggeblasen. „Haben Sie auch das Buch Zhuan Falun des Volksverhetzers Li Hongzhi gelesen?, wollte der angebliche Polizist weiterhin wissen. Die Furcht in Wang Hongli war plötzlich verschwunden und machte einer unbändigen Wut auf den fremden Mann Platz. „Li Hongzhi ist kein Volksverhetzer. Er lehrt nur Wahrhaftigkeit, Toleranz und Nachsicht, wovon Sie sich anscheinend eine Scheibe abschneiden könnten. Und ja, ich habe sein Buch gelesen. Ich trage es immer bei mir und lese täglich darin, um Herrn Li’s Ratschläge besser verstehen zu lernen. Und nun lassen Sie mich in Ruhe und verschwinden Sie endlich, ich bin müde und möchte schlafen, herrschte sie den Polizisten an. Doch völlig unbeeindruckt davon hob dieser den rechten Arm und winkte in die Dunkelheit hinein. In der Nähe wurde der Motor eines Wagens gestartet und zwei Scheinwerfer richteten ihre grellen Lichtkegel in die dunkle Nacht der kleinen Straße. Langsam und nahezu gespenstisch lautlos rollte aus der Finsternis ein VW Passat auf Wang Hongli und ihren menschlichen Plagegeist zu. „Frau Wang, ich verhafte Sie wegen Untergrabung der Staatsgewalt, wegen Praktizierens volksschädlicher Übungen sowie wegen des Besitzes und Mitführens verbotener Bücher. Der VW Passat hielt direkt neben Wang Hongli. Seine roten Kfz-Kennzeichen wiesen ihn als Armeefahrzeug aus. Der hintere Wagenschlag auf der Beifahrerseite wurde von innen geöffnet. „Lassen Sie mich los, Sie Grobian, rief Wang Hongli in die Stille der Nacht, als ihr der Polizist ihre Handtasche entriss und sie grob am rechten Oberarm packte. Brutal wurde sie auf die Rückbank im Inneren des Wagens gestoßen. Zusätzlich griffen zwei kräftige Arme von innen nach ihr und zogen sie endgültig in den Passat. Der Polizist, der Wang Hongli vor ihrem Apartment aufgelauert hatte, setzte sich neben sie und schlug die Wagentür zu. Langsam setze sich der Pkw wieder in Bewegung und bog kurz darauf in die Lian Lu ab. Der Wagen beschleunigte auf 80 km/h und verschwand in der Nacht der großen, dunklen Stadt. Niemand hatte etwas von dem Vorfall, der nur wenige Minuten gedauert hatte, mitbekommen. Wang Hongli war spurlos verschwunden. Ihre Freundin, Zhang Xia, schlief friedlich in ihrer kargen, bescheidenen Kammer. Bevor sie zu Bett gegangen war, hatte sie auf einem Zettel noch eine kurze Nachricht für ihre Freundin hinterlassen:

„Liebe Hongli, deine Mutter hat angerufen und berichtet, dass es deinem Vater gesundheitlich nicht sehr gut geht. Ruf sie bitte morgen an. Sie klang sehr verzweifelt und wartet auf deinen Rückruf. Dein Vater hat sich über einen Besuch der Sicherheitspolizei aus der Provinzhauptstadt Changsha sehr aufgeregt und einen Schwächeanfall erlitten. Die Polizisten hatten behauptet, dass er Falun-Gong-Praktizierender wäre, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht. Sie haben ihn stundenlang verhört. Ich hoffe, du hattest einen angenehmeren, letzten Arbeitstag bei der Shentong

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