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Und alles wird erinnert: Gedichte 2001-2011
Und alles wird erinnert: Gedichte 2001-2011
Und alles wird erinnert: Gedichte 2001-2011
eBook128 Seiten44 Minuten

Und alles wird erinnert: Gedichte 2001-2011

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Über dieses E-Book

Die polnische Dichterin Julia Hartwig (* 1921) blickt in ihrem lyrischen Spätwerk zurück auf ein reiches, bewegtes Leben. Ihre Erinnerungen an persönliche Erlebnisse und poetische Momente, aber auch an Geschichtskatastrophen und politische Umbrüche fügen sich zu einer ungeschönten, aber niemals bitteren Bilanz fast eines ganzen Jahrhunderts.

Julia Hartwig ist eine der wichtigsten polnischen Dichterinnen ihrer Generation, die gleichwohl lange im Schatten von Autoren wie Zbigniew Herbert, Tadeusz Rózewicz oder Wisława Szymborska stand. In Deutschland führte das dazu, dass ihre Lyrik bis heute nicht in Buchform vorliegt (lediglich einige Gedichte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht).

Die Auswahl von Gedichten Julia Hartwigs aus den Jahren 2001-2011 möchte diese Lücke schließen und dem deutschsprachigen Publikum erstmals eine poetische Stimme von ganz eigenem Charakter und eigenem Klang präsentieren, die einerseits - wie die oben genannten Dichter - die historischen Erfahrungen ihrer Generation keinesfalls negiert, andererseits aber auch andere existenzielle Fragen verhandelt. Dabei achtet Julia Hartwig immer auf die poetische Form und hält Distanz zu übermäßigen Emotionen, ohne Widersprüche, Tragik und menschliche Schwächen zu beschönigen oder auszublenden. Das verleiht ihrem Werk eine einzigartige innere Spannung.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum9. Jan. 2014
ISBN9783801505004
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    Buchvorschau

    Und alles wird erinnert - Julia Hartwig

    2001)

    * * *

    daß die Gegenwart so sich mit Abwesenheit füllt

    daß die Kälte so in einstiger Wärme taut

    daß die Tage so von vergangenen Tagen zehren

    daß jedes Grün immer an jenes Grün erinnert

    BLEIBEN WIR

    Bleiben wir noch wach

    solange die Musik so schön spielt

    Bleiben wir noch wach

    solange der Morgen nicht graut

    Solange wir mit der Nacht Schritt halten können

    im Dunkel mit dem wir uns verbrüdern möchten

    Bleiben wir noch wach

    solange die Klänge die Zeit verlieren

    Bleiben wir noch wach

    Bleiben wir wach

    GEGEN MICH SELBST

    Alle Dichter der Welt schreiben dasselbe Gedicht

    beschreiben denselben Fels in der Meeresbrandung

    denselben Verlust der keinem von ihnen erspart blieb

    verspüren im selben Moment die Ekstase des Daseins

    legen sich in derselben Nacht ins Bett der Finsternis

    Sie kennen den allumfassenden Zweifel der so stark ist

    daß die Welt für sie zu existieren aufhört

    und beim Versuch sie wiederaufzubauen

    bersten sie vor ihrer Überfülle

    In der großen Symphonie die sie aufführen

    schüttelt der Dirigent nur den ersten Geigern die Hand

    und obwohl alle demselben harmonischen Gesetz unterliegen

    möchte jeder von ihnen einzeln geliebt werden

    WEDER EWIGKEIT NOCH NICHTS

    Die Zeit ist in uns und um uns

    obwohl sie nicht wir ist

    dabei ist unser Herzschlag

    auch ihr Maß

    Unsere Schritte messen sie

    doch wie eine mythische Götterbotin

    eine leichtfüßige Iris mit unbekannter Botschaft

    entfernt sie sich immer weiter von uns

    Andere würden vielleicht sagen

    sie bleibt bei uns wie ein penibler Buchhalter

    der das Schwinden unseres Kapitals notiert

    das wir wohl oder übel

    aufbrauchen müssen

    Wohl nichts auf der Welt

    wird so verschwendet

    oder so sparsam verwendet

    wie sie

    Doch die Fürsten

    die sich ihr nicht untertan fühlen

    heißen sie beiseite treten

    Hat nicht Baudelaire gesagt:

    Was mich groß gemacht hat war auch der Müßiggang

    WIE KOMMT MAN

    Wie kommt man – muß man das denn? – in die Unterwelt

    die wie ein Labyrinth ist und in der man dem Faden

    folgen kann den die müde Ariadne spann

    (Du bist Ariadne du stirbst verlassen am Ufer)

    Wie kommt man – muß man das denn? – in die Unterwelt

    der Erinnerung die schläft und darauf wartet geweckt zu werden

    auf die Gnade des Einverständnisses mit allem was war

    oder aber auf die demütigende Erkenntnis ohnmächtig zu sein

    gegenüber der Vergangenheit Was ein Ganzes sein sollte

    liegt da wie ein umgestürzter Wolkenkratzer

    voll vom Nachhall der Beschwörungen und Abschiede

    von Spiegeln mit den Gesichtern derer die gingen

    Wo soll man Bilanz ziehen? Wem Rechenschaft ablegen?

    DAS ALSO

    Das also war nötig

    damit die Zeit mit sich eins wurde

    damit im tiefsten Zweifel das Sein

    in der Niederlage sich offenbarte

    wie ein noch immer von Wellen umspülter Stein

    wie die Lücke einer amputierten Hand

    die im Phantomschmerz daran erinnert

    daß es sie gab

    UNGEWISSHEIT

    Wenn sie wußten was sie von der Kunst wollten

    mieden sie die Trugbilder des Schönen

    und wenn sie der Versuchung erlagen – bereuten sie ihre Schwäche

    So verführerisch ist aber die Schönheit der Welt

    so groß unsere Ungewißheit was Schein ist und was Wahrheit

    daß wir immer wieder auf Gefühle und Empfindungen hereinfallen

    und auf keine Freuden verzichten wollen

    selbst wenn wir wissen wie billig und flüchtig sie sind

    WIDMUNG

    Courbet Ehre erweisen

    der die Steinmetze malte, das Begräbnis in Ornans

    und der niemandem zu gefallen versuchte

    nicht einmal der Natur die er demütigen wollte

    indem er sie nüchtern und ungeschönt zeigte

    Nach dem Fall der Pariser Kommune 1871

    verhaftete man ihn als Mittäter beim Sturz der Vendôme-Säule

    Gewiß hatte er sie gestürzt

    denn er

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