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Café Olympia
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Café Olympia

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Über dieses E-Book

Nach dem Roman "Brendels Fantasie", mit dem Elke Heidenreich ihre Musikbücher-Edition bei C. Bertelsmann begann, versammelt Günther Freitags Prosaband "Café Olympia" Texte und Fotos zur aktuellen Lage Griechenlands. Im Zentrum der Miniaturen stehen reale Figuren, die unter dem Einfluss der allgegenwärtigen Krise rasch eine absurde Wandlung erfahren, welche als Spiegelbild des für weite Bevölkerungsschichten unheilvollen Zusammenspiels von rücksichtslosen Finanzmärkten, korrupter Politik und der Verantwortungslosigkeit des Einzelnen fungiert.
SpracheDeutsch
HerausgeberWieser Verlag
Erscheinungsdatum30. Sept. 2015
ISBN9783990470268
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    Buchvorschau

    Café Olympia - Günther Freitag

    978-3-99047-026-8

    Sofort nach dem Aufwachen dachte Nikolas an sein Café auf der Esplanade und musste eine erste Tablette schlucken, damit sein angegriffenes Herz nicht bereits aus dem Rhythmus geriet, noch ehe er die Wohnung im Zentrum der Altstadt von Kerkyra verlassen hatte. In dem finsteren Loch lebte er seit der Kindheit mit seinem Vater und zog auch nach dessen Tod nicht um, obwohl er sich als Besitzer des traditionsreichsten Cafés der Insel jede andere Wohnung hätte leisten können.

    An die Mutter, die schon gestorben war, bevor er noch zur Schule ging, erinnerte er sich nicht. Doch der alte Papafloratis verfolgte ihn sogar als Toter bis in seine Angstträume. Mehrmals schreckte er jede Nacht schweißgebadet hoch, wenn ihn der Vater wieder einmal mit seinen Vorwürfen gedemütigt hatte. Da half es ihm auch nicht, wenn er sofort das Licht auf seinem Nachttisch anmachte und die großformatige Todesanzeige fixierte, die er noch druckfrisch hatte rahmen und anstelle einer Ikone mit dem Abbild des heiligen Spiridon in seinem Schlafzimmer aufhängen lassen. Der Alte war tot, wusste er, und sein verschlafener Blick bewies es ihm, aber der Alte ließ ihn nicht los.

    Jahrzehntelang hatte er ihn als Versager bezeichnet und schlechter als die Kellner im Café behandelt. Jeder Schafhirte aus Lefkimi besitze mehr Verstand und Geschäftssinn als er, hörte Nikolas von klein auf, und was für ein Unglück es sei, dass nicht er anstelle der Mutter gestorben sei. Sie habe die besten Mehlspeisen gebacken, bis nach Ioannina hätten sie die Kuchen und Torten der Mutter geliefert. Alle bedeutenden Familien hätten für Hochzeiten oder Taufen bei ihm bestellt, aber nach seiner Geburt habe die Mutter jedes Interesse am Geschäft verloren und ihre ganze Kraft an ihn vergeudet, was sie schließlich umgebracht habe. Ein Mörder sei er, nicht bloß ein Versager, das wäre ja noch zu ertragen, ein Schwerverbrecher, der im Gefängnis verfaulen sollte, aber er sei frei und denke bloß darüber nach, wie er ihn aus dem Café verdrängen könnte, um das Lokal in der kürzesten Zeit zu ruinieren. Aber diesen Gefallen werde er ihm nicht machen, bevor er das Olympia einem Versager wie ihm übergebe, werde er lieber hundert Jahre alt …

    Dass er diese Drohung nicht wahr machen konnte und mit neunundachtzig nach einem Gehirnschlag tot von seinem Stuhl hinter der Registrierkasse im Café fiel, half Nikolas wenig, denn als er zum ersten Mal als Besitzer sein Lokal betrat, war er knapp sechzig und damit bereits in einem Alter, in dem die meisten Griechen schon jahrelang ihre Pension durch Schwarzarbeit aufbesserten.

    Das Zusammenleben mit dem tyrannischen Vater hatte ihm jedes Selbstvertrauen geraubt, das wussten auch die acht Kellner, die sich vorgenommen hatten, nach dem alten Papafloratis keinen Herrn mehr über sich zu dulden. Und schon gar nicht einen, der jedes Mal zusammenzuckte, wenn sie ihn anredeten. Alle Kellner sind heimtückische Diebe, dachte der Alte und sagte das seinen Angestellten immer wieder, die sich hüteten, ihn auch nur um einen Cappuccinaki zu betrügen, wenn er seinen Platz hinter der Registrierkasse für ein paar Augenblicke verlassen musste. Nicht einmal ein Glas Wasser wagten sie auf eigene Rechnung zu verkaufen, weil sie wussten, Papafloratis würde sie, entdeckte er den Betrug, sofort entlassen und mit den anderen Lokalbesitzern sprechen, von denen sie danach keiner mehr einstellen würde, nicht einmal dann, wenn sie freiwillig auf einen Teil ihres Lohns verzichteten. Seine Meinung galt viel unter den Geschäftsleuten in der Altstadt, nicht dass sie ihn schätzten oder sich freiwillig mit ihm auf einen Ouzo zusammensetzten, sie respektierten ihn, weil er es verstanden hatte, Unsummen mit dem Olympia zu verdienen. Auch seinen Umgang mit den Politikern und Behörden bewunderten sie. Alle Politiker sind eitle Kriecher, verkündete er, wenn wieder einmal einer dieser Gauner seinen Kaffee nicht bezahlt und angekündigt hatte, er werde sich dafür einsetzen, dass die Stadt den Platz vor dem Café neu pflastern oder die Kanalisation des Lokals sanieren lasse. Versprich ihnen deine Stimme bei den nächsten Wahlen, und sie tanzen nach deiner Pfeife, sagte Papafloratis. Dann stolzieren sie wie die Pfauenmännchen im Achillion durch die Stadt und freuen sich darauf, die nächsten Jahre im Parlament in Athen schlafen und ein paar unsaubere Geschäfte abwickeln zu können. Von den Politikern hielten die Geschäftsleute wie alle Übrigen nicht viel, in diesem Punkt gab es kaum Unterschiede zwischen Arm und Reich. Die Meinung über die eigenen Politiker verwischte alle Unterschiede und hätte, glaubte man den Fantasten der KKE, den Beginn einer klassenlosen Gesellschaft markieren können, was aber bloß als Denkmodell in schnauzbärtigen Diskussionsrunden funktionierte, denn die kommunistischen Politiker unterschieden sich nur äußerlich von jenen der Nea Dimokratia und der Sozialisten, die sich nach dem Sturz der Generäle das Land untereinander aufgeteilt hatten.

    Legendär wurde jener Auftritt des Alten mit einem Finanzbeamten, der damit geendet hatte, dass der Mann aus dem Olympia ins Krankenhaus eingeliefert und erst nach einigen Tagen entlassen wurde.

    Den jungen Mann, der in die besonderen Verhältnisse auf der Insel nicht eingeweiht war, weil er aus Ioannina stammte, hatte der Leiter des Finanzamts wohl zu Papafloratis geschickt, um ihn nach dem Abschluss seiner theoretischen Ausbildung mit der Wirklichkeit vertraut zu machen. Er sollte nach der Finanzprüfung das Olympia mit einem geschärften Blick für die Realität verlassen und auch über die praktische Anwendung von Gesetzen philosophiert haben. Erst dann würde er in der Lage sein, sich ohne Probleme in die Hierarchie der Behörde einzugliedern. Dass er den Jungen unvorbereitet zu Papafloratis hatte gehen lassen, sei im Nachhinein betrachtet ein Fehler gewesen, aber er habe sich an das Prinzip Learning by Doing gehalten. Der Finanzamtsleiter liebte es, englische Begriffe in seine Sätze einfließen zu lassen, weil das seiner Meinung nach einen Fachmann internationaler Prägung ausmache, als den ihn seine Untergebenen akzeptieren sollten.

    Der Beamte kam ins Lokal und wurde von einem Kellner sofort zur Registrierkasse geführt, hinter der Papafloratis mit versteinerter Miene thronte und ihn lange schweigend betrachtete.

    Warum schickt man mir ein Kind?, fragte er nach einer Weile, und der Junge bekam vor Aufregung und Verlegenheit rote Flecken im Gesicht. Bist du krank?, fragte Papafloratis und begann so laut zu lachen, dass alle Kellner zusammenliefen. Wenn du dich nicht wohlfühlst, solltest du dich ins Bett legen!

    Der Junge begann in seiner Aktentasche zu kramen und fand endlich das Papier mit der Anordnung zur Finanzprüfung, das er dem Alten reichte. Papafloratis zerknüllte das Formular und warf es in den Korb mit den gebrauchten Servietten. Als der Beamte die Unterlagen des vergangenen Jahres verlangte, fasste der Alte unter das Pult und warf dem Finanzbeamten eine Plastiktüte zu. Such dir einen ruhigen Platz und melde dich, wenn du deine Schnüffelei beendet hast!

    Stunden verbrachte der Junge an einem Ecktisch. Wann immer ein Kellner nach seinen Wünschen fragte, bat er bloß um ein Glas Wasser. Als ihm Papafloratis einen Imbiss und ein Glas Wein bringen ließ, schickte er das Tablett zurück, er habe nichts bestellt und wolle sich von seiner Arbeit nicht ablenken lassen. Am späten Nachmittag schloss er seine Prüfung ab und bat Papafloratis zu sich, um ihm das Ergebnis mitzuteilen.

    Bevor er seinen Platz hinter der Registrierkasse verließ, steckte sich Papafloratis eine dicke Zigarre an und stapfte dann gereizt in den Nebenraum. Eine Weile stand er vor dem Tisch des Finanzbeamten und blies ihm den Rauch ins Gesicht, worauf der Junge zu husten begann, kein Wort herausbrachte und nur durch Handzeichen den Alten zum Platznehmen auffordern konnte. Der aber blieb stehen, paffte seine stinkenden Rauchwolken dem Hustenden ins Gesicht, der nur mehr wie durch eine dichte Nebelwand den massigen Körper seines Klienten wahrnahm.

    Aber das habe dem Bürschchen aus Ioannina nicht genügt, erzählte Papafloratis später immer wieder, wenn sich einer der Geschäftsmänner bei ihm über die Höhe der festgesetzten Steuern beklagte. Der Festlandidiot habe wohl gemeint, er könne mit ihm so verfahren, wie er es in seinen Lehrbüchern gelesen habe. Den jungen Leuten mangle es nicht bloß an Respekt, in ihrem übereifrigen Größenwahn meinten sie, ihre fehlende Erfahrung dadurch wettmachen zu können, dass sie sich stur an Paragrafen klammerten. Aber die könne er zu dem wertlosen Papier in seine Aktentasche stecken, habe er dem Beamten sofort gesagt, nachdem dieser endlich zu husten aufgehört und schon in seinem ersten gestotterten Satz auf einen Paragrafen verwiesen habe. Mittlerweile sei seine Geduld mit dem Anfänger erschöpft gewesen, und er habe gehofft, der hätte endlich begriffen, mit wem er es zu tun habe. Das hier sei die Wirklichkeit und nicht eine Unterrichtsstunde für angehende Finanzbeamte, habe er ihm eine Brücke gebaut, über die zu gehen der

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