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Deliduman: Roman

Deliduman: Roman

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Deliduman: Roman

Länge:
479 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
2. Okt. 2015
ISBN:
9783943562514
Format:
Buch

Beschreibung

Sommer 2013. Der Gezi-Park in Istanbul. Wasserwerfer und Tränengas. Und ein kleines Mädchen, das den Moonwalk tanzt...

Çağlars kleine Schwester Çiğdem will mit dem Moonwalk zum YouTube-Star werden. Doch im Sommer 2013 blickt die Welt auf den Taksim-Platz in Istanbul und den Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Gäbe es einen besseren Ort zum Tanzen als vor den Wasserwerfern der türkischen Polizei?
Çağlar und Çiğdem sind zwei unter Tausenden inmitten des größten Volksaufstands, den die Türkei je erlebt hat. Sie hören, sehen, riechen und schmecken den Aufruhr, die Solidarität und den
Deliduman, den verrückt gewordenen Rauch. Es geht um nichts weniger als die Zukunft!
Herausgeber:
Freigegeben:
2. Okt. 2015
ISBN:
9783943562514
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Deliduman - Emrah Serbes

1

Wenn euch der Grund für das gesellschaftliche Phänomen interessiert, das im Sommer 2013 in den Großstädten seinen Anfang nahm und nach kürzester Zeit auch unseren kleinen Landkreis Kıyıdere in seinen Bann zog, dann – mal abgesehen davon, dass der Sommer 2012 total scheiße war – muss ich euch zuerst von der Schönheit meiner kleinen Schwester und ihren guten Eigenschaften berichten. Denn solange ihr nichts von der Schönheit und den guten Eigenschaften meiner kleinen Schwester wisst, werdet ihr diesen Sommer niemals verstehen, nicht unseren Sieg über den seelenverbrennenden Schmerz jahrelanger Hilflosigkeit und nicht den Übergang unseres dunklen Pessimismus in eine plötzliche Hoffnung.

Meine Schwester Çiğdem İyice ist neun Jahre alt und geht in die Klasse 3A der Eyliya-Çelebi-Grundschule. Sie ist mit Abstand Klassenbeste, und ihre Handschrift gleicht einer Perlenkette. Nicht so wie meine. Man braucht kein Sumerologe zu sein, damit man entziffern kann, was sie geschrieben hat. Sie ist nicht wie die üblichen Klassenbesten verschlossen und egoistisch, sondern sehr sozial. Sie wird nicht nur von ihren Freunden sehr geliebt, sie wird von allen Lebewesen auf dieser Erdoberfläche geliebt. Wenn sie zum Beispiel an Hunden und Katzen auf der Straße vorbeigeht, bleiben sie stehen und schauen sie mit Bewunderung an. Eines Tages, das werde ich nie vergessen, sahen wir auf dem offenen Parkplatz vom Migros eine Schildkröte, die ihren Kopf in den Panzer eingezogen hatte. Selbst diese traurige Schildkröte kam aus ihrem Panzer hervor, als sie meine Schwester sah, und bewegte ihren Kopf anerkennend vor und zurück. Zusätzlich zu diesen Eigenschaften hat meine kleine Schwester noch viele weitere Vorzüge. Für ihr Alter ist sie überdurchschnittlich groß, fröhlich und voller Energie. Gleichzeitig ist sie aber auch besonnen. Das ist aber keine lieblose Besonnenheit, die nicht ihrem Alter entspräche. Es ist eher eine Besonnenheit, die ihre kindliche Naivität bewahrt. Wenn sie irgendwo hingeht, läuft sie kerzengerade. Jetzt denkt bitte nicht, sie sei ein Nudelholz. Es ist ein sehr vornehmer und anmutiger Gang, den ihr aus 30 Meter Entfernung bemerken und bei dem ihr denken würdet, dass eine elegante Frau auf euch zukommt. Das sage ich unter der Annahme, dass Eleganz bei Frauen kein Alter hat.

Wenn ihr sie nur kennen würdet, meine kleine Schwester, mit ihrem Lachen, ihren Blicken, ihrer Stimme und ihrer Stille, sie würde euch verzaubern. Wenn ihr ihre Wangen, ihre Stirn, ihre Haare und ihren Hals eine Million mal küssen würdet, ihr würdet nicht genug davon bekommen, bei jedem Kuss ihren Duft in euch aufzunehmen. Manchmal, wenn ich sie anblicke, habe ich Schwierigkeiten, zu glauben, dass wir Geschwister sind, und dann füllen sich meine Augen mit Tränen. »Jetzt übertreibst du aber ein bisschen«, werdet ihr denken. Ja, ich übertreibe. Und der Grund dafür ist der: Auf dieser Welt gibt es so viele Einfaltspinsel – wenn man nicht übertreibt, verstehen sie gar nichts. Doch die Schönheit und die Vorzüge meiner Schwester sollten sich so schnell wie möglich auch der Welt offenbaren.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten meiner Schwester ist, dass sie sich mit einem Spagat von 180 Grad mitten ins Wohnzimmer setzen und dir dabei in die Augen sehen kann, als sei das der natürlichste Zustand des Wesens, das man Mensch nennt. Im Übrigen kann sie einen Handball 150 mal hintereinander in der Luft auf ihrem Fuß jonglieren. Aber das am meisten übernatürliche Talent, das sie besitzt, das alles andere in den Schatten stellt, ist: ihr Talent für den Moonwalk.

Letzten Winter habe ich ihr nur kurz die Technik gezeigt: »Tritt mit einem Fuß ganz auf und mit dem anderen nur mit den Zehenspitzen. Und danach versuchst du, die Position der Füße zu tauschen und zugleich rückwärts zu laufen. Vergiss dabei nicht, deine Hände und Arme zu koordinieren«, hab ich gesagt. Da meine Schwester ein unverfälschtes Talent ist, hat sie die Technik sofort aufgeschnappt und ist losgelaufen. Sie rutschte auf dem heimischen Parkett, als würde sie alle physikalischen Gesetze herausfordern wollen. Unmittelbar danach bestellten wir uns im Internet bei idefix den Film Moonwalker und zogen auch sämtliche Moonwalk-Videos auf YouTube heran, um harmonische Tanz-Figuren auszuarbeiten. Innerhalb eines Monats verwandelten wir unsere Anfängerfiguren in eine fünfminütige Performance, bei der jeder, der Zeuge war, uns Bewunderung zollte. Aber auch das reichte uns nicht. Wir gingen zum Schneider Merkez Terzi Orhan, der bis zu jenem Tag lediglich unsere Jeanshosen gekürzt hatte, und gaben einen maßgeschneiderten weißen Anzug in Auftrag. Nachdem wir fünfzehn Tage lang erfolglos sämtliche Geschäfte nach einer weißen Krawatte abgeklappert hatten, fanden wir eine bei eBay. Bei Markafoni bestellten wir ein blaues Hemd. Im KIPA-Einkaufszentrum gingen wir in jedes einzelne Geschäft und kauften den krassesten Gürtel mit der größten Schnalle. Um den alten weißen Hut meines Opas zogen wir eine schwarze Bordüre, die wunderschönen, kastanienbraunen Haare meiner Schwester, die ihr über den ganzen Rücken reichen, knoteten wir in einen festen Dutt, versteckten ihn unter dem Hut und begannen am 18. Mai 2013 um zwei, hinter den Kulissen des Konferenzsaals der Uludag-Universität zu warten, bis wir aufgerufen wurden. Wir waren der 21. Michael Jackson in der Reihe.

Wenn man so viele Michael Jacksons auf einem Haufen sieht, bekommt man eine Art kleinen Nervenzusammenbruch. Selbst nach uns gab es noch sechs weitere Michael Jacksons, die auf die Bühne wollten. Natürlich war keiner von ihnen so talentiert wie meine Schwester. Jeder, der irgendwie die richtigen Klamotten gefunden hatte, kam dahin. Je länger ich die anderen Michael Jacksons betrachtete, desto mehr nagte es an mir, dass ich meiner Schwester nichts Originelleres beigebracht hatte.

Und mir hatte damals der Hund, der mein Onkel sein soll, dieses Zeug namens Moonwalk beigebracht. Wer weiß, von wem er es gelernt hatte vor hundert Jahren. Als ich mit dem Moonwalk anfing, hatte niemand wirkliche Moonwalker-Ambitionen. Die 80er- und 90er-Jahre hatten ihren Stempelabdruck hinterlassen, die Schwierigkeiten in Michael Jacksons Karriere und Privatleben schienen Mitte der Nullerjahre langsam in Vergessenheit zu geraten, als ich damit anfing. Es wurde viel über ihn gesagt und gelästert: »Weil er sich seiner dunklen Hautfarbe schämte, hat er seine Haut bleichen lassen«, sagten sie, als sei er gar nicht an der Weißfleckenkrankheit erkrankt. Oder sie sagten: »Entschuldigung mal, aber er zeigt kleinen Kindern seine Flöte«, als sei er gar nicht in seiner kindlichen Seele gefangen und deswegen mit Kindern so tief verbunden. Und kaum war er 2009 gestorben, drehten diejenigen, die ihm all diese Dinge unterstellt hatten, sich einmal um ihre eigene Achse und klagten mit einem Riesengeschrei: »Unsere Legende ist gestorben, unsere Legende ist von uns gegangen, Freunde …« Ob nun beabsichtigt oder nicht, brach danach ein neuer Moonwalkwahn aus. Meine Schwester hatte den Moonwalk zuerst bei ihren Schulkameraden gesehen und Feuer gefangen. Als ich daraufhin anfing, ihr den Moonwalk beizubringen, hatte ich nicht gedacht, dass wir jemals so weit kommen würden. »Michael Jackson ist ein Klassiker, Michael Jackson ist zeitlos. Er würde niemals und unter keinen Umständen aus der Mode kommen«, dachte ich damals. Wenn sie schon was lernen wollte, wünschte ich mir, dass sie das lernte.

Wie dem auch sei, nun warteten wir dort darauf, an dem Casting eines Talentwettbewerbs, an dessen Namen ich nicht mal denken will und von dem ich mir auch keine einzige Sendung zukünftig anschauen werde, nicht einmal, wenn sie mir 375 Euro pro Folge zahlen würden, teilzunehmen. Und wie ich schon erwähnt habe: Es gab sehr viele Michael Jacksons. Es waren sogar so viele, dass die Jury beschloss, diese Gruppe von all den anderen Talenten zu trennen und sie von den Zauberern, den menschlichen Rechenmaschinen, den Glasschluckern, den Ziegelsteinbrechern, den Keulenjongleuren, den Feuerspuckern und Breakdance-Gruppen gesondert zu bewerten. Und als ich all diese anderen Typen da so sah, machte sich der Gedanke immer mehr in mir breit: »Was machen wir hier eigentlich?« Ich wollte am liebsten meine kleine Schwester an die Hand nehmen, den Weg frei machen, indem ich in die Luft schoss, und von dort verschwinden. Natürlich versuchte ich in dem Moment, meinen Gemütszustand und meine innere Unruhe vor ihr zu verstecken. Bis zu diesem Tag konnten alle – dazu gehören sämtliche Nachbarn, Verwandte, Freunde –, die meine Schwester mit ihrer Performance live erlebt hatten, es einfach nicht glauben, wie gut sie tanzte, und mussten sie wohl im Fernsehen sehen, damit sie sich überzeugen ließen. An jedem gottverdammten Tag, an dem sie meiner Schwester begegneten, sagten sie ihr, sie müsse bei so viel Talent unbedingt an einem Talentwettbewerb teilnehmen und ob sie denn verstanden hätte, dass sie unbedingt teilnehmen müsse. Wir waren hier, weil die anderen darauf beharrt hatten und weil meine Schwester nicht mehr dagegenhalten konnte und eingewilligt hatte, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Hätte meine Schwester sich von diesen pazifistischen Verrückten, die den ganzen Tag nichts Besseres zu tun haben als vor der Glotze zu hocken, nicht überzeugen lassen, hier teilzunehmen, hätte ich nie zugelassen, dass sie Teil einer solchen Schmach wird.

Während ich, mit dem Rücken an den schwarzen Paravent der Kulisse gelehnt, wartete, sagte meine Schwester »Çağlar« zu mir. Denn sie nennt mich immer beim Vornamen. Ich habe nie erlaubt, dass sie mich »großer Bruder« nennt und mich »Ağbi« ruft. Also »Çağlar«, sagte sie erneut, »ob ich vielleicht meine Augen dieses Mal besser auflassen soll, anstatt sie wie immer zu schließen, bevor ich mit dem Tanzen beginne?«

»Warum?«

»Ich sehe gerade alles etwas verschwommen … Ich glaube vor Aufregung. Wenn ich meine Augen offen lassen und auf meine Füße schauen würde … Am Anfang sieht man meine Augen doch sowieso nicht wegen dem Hut und weil mein Blick nach unten gerichtet ist.«

»Ich weiß, dass deine Augen nicht zu sehen sind, meine Liebe«, sagte ich. »Aber bleib bei der Strategie, die du immer anwendest. Der Grund, warum deine Augen zu sind, ist, dass du dich dann besser konzentrieren kannst. So kannst du dir viel besser vorstellen, dass die ganze Welt sich darauf vorbereitet, dich zu sehen, und dass du in Kürze all den kleinen Menschen eine große Botschaft überbringen wirst. Und in dem Moment, in dem du deine Augen öffnest, kannst du dann Jackos Seele direkt in deinem Herzen spüren.«

»Du hast Recht, Çağlar«, sagte sie und versuchte dabei zu lächeln, obwohl ihr besorgter Blick und ihr vor Stress wackelnder Fuß ihre Anspannung unübersehbar machten. Ich hielt ihre Hände, die in vergoldeten Lederhandschuhen steckten, die wir bei eBay Kleinanzeigen für 84 TL erstanden hatten, es gab nur ein Paar, und streichelte ihre feinen Finger, um ihr Mut zu machen. Wegen kleiner Details schwankend zu werden und beinahe aufzugeben, nachdem die größten Strapazen durchgestanden sind, ist wohl eine Eigenart, die alle großen Talente miteinander verbindet. Zum Beispiel: In der siebten hatten wir so ein Genie in der Klasse, das bei dem Wettbewerb Jugend forscht teilgenommen und sehr gut abgeschnitten hatte. Im Jahr darauf haben sie ihn nach Amerika geschickt, weil er diesem Land hier wahrscheinlich zu viel geworden wäre. Also dieser Typ, dieser Vollidiot, konnte keine Wassermelone essen, weil er nicht in der Lage war, die Kerne herauszupulen. Schlepp dem vom Markt eine Zehn-Kilo-Melone nach Hause, schneide sie ihm auf, und der Trottel kriegt die Kerne nicht herausgepult. Aber er ist ein Genie. Vielleicht ist er mittlerweile Professor geworden in Amerika, hat eine Kern-Auspul-Maschine erfunden, die Maschine auf seinen Esstisch in seinem Haus in Alabama platziert und ist jetzt sehr glücklich. Vielleicht denkt er sogar noch manchmal an uns, seine Mitschüler aus der siebten Klasse. Wir wissen es nicht, deshalb: Niemals andere Menschen vorverurteilen!

Ich hielt also die Hände meiner Schwester, um ihr Mut zu machen. Als wir so Hand in Hand dasaßen, sahen wir am Ende der Kulisse den Michael Jackson, der als letzter auf die Bühne gegangen war. Er kam mit schweren Schritten von seinem Auftritt zurück, setzte sich auf einen Stuhl und legte seinen Hut auf den Knien ab. Ich beobachtete aufmerksam die Schweißtropfen, die von seinen Schläfen in Richtung Kinn perlten. In seinen Augen leuchtete ein wildes Funkeln. Ich konnte nicht herausfinden, worin dieses Funkeln begründet war, und konnte meinen Blick einfach nicht von ihm abwenden. Es war einer dieser Momente, der einem etwas ganz Gewöhnliches bedeutungsvoll erscheinen lässt. Die Musik, die von der Bühne kam, wurde mal lauter, mal leiser, und mal überließ sie die Bühne auch der Stille. In diesen Momenten nahmen wir aus einer für uns nicht sichtbaren Dunkelheit Gelächter wahr. Wer gelacht hatte und warum, das wussten wir natürlich nicht. Und manchmal schwappte eine Welle von Aufregung zu uns herüber, wenn die zwei bis drei Mitarbeiter mit ihren schwarzen T-Shirts mit dem Logo der Sendung, an der wir teilnehmen wollten, von einem Ende der Kulisse zum anderen Ende rannten. Warum rannten sie, was wurde da gerade vorbereitet? Jeder schaute die Schwarzgekleideten erwartungsvoll und gespannt an, aber keiner von ihnen machte sich die Mühe, uns irgendwelche Infos zu geben, seien sie noch so klein. Und ungefähr zu diesem Zeitpunkt fing ich ebenfalls an, vor Aufregung, Beunruhigung und Anspannung, die das Warten mit sich brachte, mein Umfeld verschwommen zu sehen. Wer weiß, wie es meiner Schwester in dem Moment ging, wer weiß, wie wild ihr kleines reines Herz schlug?

Als ich merkte, dass sie vor lauter Anspannung kaum noch auf einem Fleck sitzen konnte, sagte ich zu dem Hund, der mein Onkel sein soll, denn er war an dem Tag auch mit uns da: »Onkel«, sagte ich, »geh mal bitte gucken, welcher Jacko gerade an der Reihe ist! Und frag mal, wann wir dran sind.« Der Hund, der mein Onkel sein soll, kniete währenddessen und polierte, damit es so aussah, als sei auch er irgendwie beschäftigt, mit einem Lappen unbekannter Herkunft die schwarz-weißen Schuhe meiner Schwester, die wir extra für diesen Tag bei Schuster Fatih hatten anfertigen lassen. Zu jener Zeit wusste ich natürlich nicht, dass der Hund, der mein Onkel sein soll, ein solcher Hund ist. Ich wusste, dass er Fehler begangen hatte und auch schon die ein oder andere Schandtat, aber dass er so ein Hund war, wusste ich nicht. Seine Schandtaten waren eine Sache, das Hundsein eine andere. Damals waren offensichtlich noch nicht alle Bedingungen zusammengekommen, die uns in ihrer Gesamtheit hätten aufzeigen können, was für ein Hund mein Onkel war.

»Gut, ich geh mal nachfragen«, sagte er und ging. Während er sich mit gleichgültigen Schritten in die Tiefen der Kulisse begab, sah ich ihm hinterher. Ich weiß, ich werde gleich wieder ausrasten, aber ich muss es euch erzählen. Ich weiß auch, es ist schade um die Energie, die ich gleich aufwenden werde, um seinen Charakter zu zeichnen, aber was soll’s, ich hab nun mal angefangen damit, und das Beste ist, ich versuche, ihn zu beschreiben, so objektiv es geht: Mein Onkel, dieser Mensch von Hund, ist der Bürgermeister von unserem Kıyıdere. Alle bei uns daheim lieben und respektieren ihn. Natürlich ist das eine oberflächliche Liebe und ein oberflächlicher Respekt. Würden sie sein Innenleben kennen, könnte er nicht mehr unter Menschen gehen. Aber wer könnte schon unter Menschen gehen, wenn sein Innenleben bekannt würde? Das ist ein anderes Thema. Mein Onkel sieht so liebenswürdig aus, als sei sein Schnurrbart erst letzten Monat gewachsen. Seine Sonnenbrille steckt immer in seiner Brusttasche. Seit er Bürgermeister ist, fühlt er sich verpflichtet, immer Anzug zu tragen. Und immer hängt seine Krawatte etwas schief. Obwohl er sie sich jeden Morgen neu bindet, sieht sie so aus wie die Krawatte, die ich mir nach den Sommerferien nur einmal zum Schulbeginn binde und dann das ganze Jahr trage. Würdet ihr ihn auf der Straße sehen, würde euch zuletzt einfallen, dass er Bürgermeister eines Landkreises ist. Kämen Kandidaten nicht durch Wahlen, sondern allein aufgrund ihrer Erscheinung in ihre Position, hätte er garantiert verloren.

Im Jahr 2009 bei den Kommunalwahlen, als er der Partei, wegen der mein Opa Krebs bekommen hat, beitreten wollte, wiesen sie ihn zurück. Sie hatten ihre eigenen Männer. Daraufhin suchte er das Gespräch mit einigen bekannten Persönlichkeiten, einem Komitee voller Knallköpfe aus unserem Landkreis. Die sprachen dann mit der Partei, wegen der mein Opa Krebs bekommen hat: »Stellt unseren Altan als Kandidaten auf«, haben sie gesagt. »Er ist sowohl im Zentrum als auch in den Dörfern bekannt und beliebt, er hat eine große Verwandtschaft, wird von allen gegrüßt, auf einen Tee oder eine Suppe eingeladen, wird überall empfangen. Wenn ihr ihn nicht aufstellt, dann wird jemand anderes von der Partei Wem sonst wollt ihr eure Stimme geben, wenn nicht uns dieses Bürgermeisteramt übernehmen. Gott bewahre …«, haben sie gesagt, aber konnten sie dennoch nicht überzeugen. Der andere Kandidat hatte wirklich ganz gute Rückendeckung von oberster Stelle. Und was ist dann passiert? Mein Onkel hat eine Partei gefunden, die niemanden interessierte, die Partei mit dem Pferd als Logo, und hat sich von denen aufstellen lassen. Während des Wahlkampfes gab es keine Tür im gesamten Wahlkreis, an der er nicht geklingelt, keinen Tee, den er nicht getrunken, keinen Handwerker und Händler, dem er nicht die Hand geschüttelt, kein einziges Kind, dessen Kopf er nicht gestreichelt, keine Katze, mit der er nicht miaut, und keinen Hund, mit dem er nicht gebellt hätte. Er ist in jedes Dorf, in jedes Café in jedem Dorf gefahren und hat sich bei denen, die ihn kannten, wieder in Erinnerung gerufen, und denen, die ihn nicht kannten, hat er sich lang und breit erklärt. Mit »Wenn ihr mir nicht glaubt, dann fragt den und den«, schuf er Vertrauen, mit einer Kurzfassung seiner selbst ist er jedem atmenden Lebewesen in unserem Kıyıdere durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausgedrungen. Er war sich für keine Kriecherei zu schade, alle hatten es satt und dachten nur: »Geduld, lass diese Wahlen bald vorbei sein, damit er endlich seine Klappe hält.« Mit 35 Stimmen Differenz gewann er die Wahl, aber auch nur, weil ein zweites Mal gezählt werden musste, da gegen das Ergebnis vom Morgen, als er mit 20 Stimmen führte, von der Gegenseite Widerspruch eingelegt worden war.

Wenn ihr mir das nicht glaubt, könnt ihr gerne auf der Website des Wahlausschusses die Ergebnisse der Kommunalwahlen von 2009 in Kıyıdere nachlesen. Die Zentrale der Partei mit dem Pferd, für die sich keiner interessierte, konnte im ersten Moment nämlich auch nicht an diesen Sieg glauben. Sie riefen mehrmals auf dem Handy an und fragten: »Haben wir wirklich gewonnen?«, und ich antwortete: »Wir haben wirklich gewonnen, ich schwöre es!« Mein Onkel konnte an dem Tag nicht an sein Telefon gehen, er war mit der Organisation einer Beerdigung beschäftigt. An dem Morgen, an dem mein Onkel die Wahl gewann, starb mein Opa. Auf der einen Seite Freude, auf der anderen Trauer, es war wahrscheinlich der widersprüchlichste Morgen seines Lebens. Wahrscheinlich war es aber auch sehr lehrreich. Stell dir nur vor, du hast mit einem Honda Civic einen Lamborghini Aventador überholt, dein Arsch hängt an der Decke vor lauter Selbstvertrauen, aber diese Welt ist vergänglich, du weißt, dass wir alle in Gottes Hand sind und eines Tages mit den Füßen voran aus der Tür getragen werden.

Wie dem auch sei, nach den Wahlen hatte eine Gruppe Pferdeköpfe von der Pferde-Partei, die keiner für voll nahm, es satt, immer wieder unterdrückt zu werden, und schloss sich der Partei, wegen der mein Opa Krebs bekommen hat, an. »Komm mit«, sagten sie zu meinem Onkel. Mein Onkel zierte sich, er wolle nicht mitkommen, so ein bisschen nach dem Motto: Ihr könnt mich mal. Der Wahlkreisvorsitzende der Partei, wegen der mein Opa Krebs bekommen hat, rief ihn an und wollte ihn zu dem Transfer bewegen. Er blieb standhaft. Er wollte einen Anruf von der Parteizentrale, von ganz oben. Sie hatten ja vor den Wahlen gesagt: »Hau ab, wer bist du denn? Wir kennen dich nicht«, das hat ihn natürlich in seinem Stolz verletzt, und er war nun auf dem Trip, dass ihm nur die Bitte von ganz oben reichen würde. Ein Jahr hat er auf diesen Anruf gewartet. Am Ende war er kurz davor durchzudrehen, weil er dachte, dass sie ihn wohl gar nicht mehr fragen würden. Anscheinend kam er eines Tages irgendwem wieder in den Sinn, wir reden hier schließlich über einen sehr großen Landkreis. In meinem ganzen Leben habe ich keine so große Freude gesehen und keine so große Mühe, diese Freude zu verheimlichen. An dem Tag, an dem er die Nachricht erhielt, sagte er, als sei nichts gewesen: »Morgen fahre ich nach Ankara, Çağlar. Die Zentrale der Partei, wegen der mein Vater Krebs bekommen hat, hat mich gebeten zu kommen. Was die wohl von mir wollen?« Am nächsten Morgen um sechs Uhr machte er sich mit selbstsicherer Grazie, als ginge er jeden Tag in die Parteizentrale, auf den Weg nach Ankara. Am selben Tag ließ er sich während des Meetings im Parlament zusammen mit weiteren 28 Überläufern wie bei einer Sammel-Beschneidung das Parteiabzeichen am Revers anbringen.

Mein Opa, Gott hab ihn selig, sagte, als ich noch ein Kind war, immer zu mir: »Çağlar, du bist jetzt ein erwachsener Mann geworden. Verliere in dieser verschissenen Welt ja nicht deine Würde zwischen all den Blendern.« Und dieser Hund, der mein Onkel sein soll, hat in dieser verschissenen Welt, in der Politik seine Würde verloren. Bevor er in die Politik ging, war er eigentlich kein würdeloser Mensch. Er war ein ganz normaler Immobilienmakler. Er kaufte und verkaufte Häuser und Grundstücke, die ihm nicht gehörten, und wenn er dabei einen kleinen Gewinn erzielte, war er glücklich und fuhr mit mir am nächsten Tag nach Çınarcık oder Esenköy und bestellte mir, was ich wollte. Uns ging es gut an solchen Tagen. Die Politik diente als Transformator, der zum Vorschein brachte, mit welcher Hefe sein Teig angesetzt war. Im Grunde ist in jedermanns Hefe, außer in der meiner kleinen Schwester, ein Anteil Würdelosigkeit enthalten. Das Wichtige dabei ist nur, von Dingen fernzubleiben, die diesen Anteil an die Oberfläche tragen.

Zum Beispiel: Das Verkaufen von Gemüse treibt dich zu einer unwürdigen Tat, weil du nicht anders kannst, als beim Wiegen der Tomaten zwei verfaulte unterzuschmuggeln, dann solltest du dich fragen, warum du so etwas machst. Du solltest tief Luft holen und darüber nachdenken, warum du es nicht einfach lassen kannst, diese gottverdammten verfaulten zwei Tomaten mit abzuwiegen. Fühlst du dich sehr hilflos, wenn du die zwei verfaulten Tomaten weglässt? Kannst du nicht mehr schlafen, oder bekommst du Atemnot, oder erkrankst du an Burnout, wenn du diese zwei verfaulten Tomaten nicht in die Tüte packst? Wenn man dir die Welt zu Füßen legt, hat sie für dich keine Bedeutung, solange du nicht diese zwei verfaulten Tomaten unterschmuggeln kannst? Wenn einer sagen würde: »Es reicht, das ganze Leid, das du ertragen musstest, hier hast du ein Hin- und Rückflugticket und 6500 Dollar dazu, flieg nach Singapur und mach dort einen Abstecher in jedes Bordell«, würde dir das Vergnügen, zwei verfaulte Tomaten in diese Tüte zu stecken, mehr Befriedigung verschaffen? Wenn die Welt aus den Fugen gerät, kein Stein mehr auf dem anderen steht, das Chaos ausbricht, Außerirdische kommen und deine gesamte Familie vergewaltigen, würdest du dann sagen: »Nein, mein Freund, ich werde bei der ersten Gelegenheit wieder zwei verfaulte Tomaten in den Beutel packen«? Jeder Mensch hat irgendwie einen Kompass, ein Ziel, oder wenn er kein Ziel hat, zumindest einen Stil, eine Haltung, eine Ausdrucksform. Und dein Kompass in diesem Leben, dein Ziel, dein Stil, deine Haltung, deine Ausdrucksform ist es, diese zwei verfaulten Tomaten da hineinzustopfen? Wenn du eines Tages Großvater geworden bist und dich zur Ruhe gesetzt hast, werden dann diese beschissenen zwei Tomaten deine einzige Vergangenheitssehnsucht sein, du Hurensohn? Du erbarmungsloser Bastard! Dann nimm jetzt dieses Schriftstück und hänge es an die Tür deines Gemüseladens, überlass den Laden jemand anderem und verpiss dich! Such dir eine andere Arbeit. Was weiß ich, werde Kassierer! Werde Raketeningenieur! Werde, was auch immer du werden willst, aber verkaufe kein Gemüse mehr! Vielleicht wirst du, wenn du Kassierer bist, nicht sagen, ich stopfe was von dem Geld in meine Tasche. Vielleicht stellst du dann fest, dass das, was dir deinen Anstand nimmt, zwei verfaulte Tomaten sind. Vielleicht wirst du, wenn du Raketeningenieur bist, deine Taschen nicht mit Raketenmunition füllen und dann verstehen, dass das, was dich zu einer Schandtat verführt, zwei verfaulte Tomaten sind. Jetzt schau dir mal diesen Typen von einem Hund an! Dieser Vollidiot! Ich schwöre, mir zittern gerade Hände und Füße vor Wut. Ich krieg keine Luft mehr. Egal, ich will nicht mehr an ihn denken … Dieser Bastard!

Wenn ich mich richtig erinnere, erzählte ich von meinem Onkel, der sich auf den Weg machte, um einen Verantwortlichen zu finden und zu erfragen, wann wir an der Reihe sind. Also, er kehrte wieder zurück aus der geheimnisvollen Dunkelheit der Kulisse, kam entspannten Schrittes auf uns zu, als wäre er gerade spazieren, und sagte: »Gerade ist der elfte Jacko dran, Kinder. Wir müssen noch ein bisschen warten.« Strapaziert, mit einem vor Aufregung ausgetrockneten Hals und mit kaltem Schweiß auf unseren Rücken warteten wir eine weitere halbe Stunde. Dann tauchte ein Verantwortlicher auf, eine schwarze Mappe an die Brust gedrückt und einen Stöpsel im Ohr, und sagte in die Runde: »Die Michael Jacksons können jetzt gehen.«

Auf Fragen wie »Gehen?« oder »Wie jetzt?« wurde folgendermaßen geantwortet: »Die Jury hat ausreichend Michael Jacksons gesehen. Sie wollen keine mehr.«

Mein Onkel, dessen Lebensweise es entspricht, in kritischen Momenten einfach zu verschwinden, sagte: »Wartet hier. Ich versuche mal herauszufinden, was da los ist.« Gleichmäßigen Schrittes verschwand er erneut in der Dunkelheit. In der Zwischenzeit umzingelten die Eltern der Michael Jacksons den Verantwortlichen, und eine Flut von Fragen brach los. Der Verantwortliche, der mit dem Zeigefinger auf seinen Ohrstöpsel drückte, sagte nur: »Ich kann euch nur das sagen, was die Jury mir gesagt hat. Sie haben genug Michael Jacksons gesehen. Sie wollen keine mehr.«

Der Verantwortliche war klein, aber von kräftiger Statur, er stand kerzengerade, er hatte die Nase eines Boxers, seine Haare waren leicht ergraut, er war um die Vierzig. Mit seinem dunklen Blick, der niemanden ins Visier nahm, versprühte er Gleichgültigkeit und Autorität zugleich. Er war sichtlich gestresst. Als ob er in einer anderen Welt leben würde und wir nur in seine Welt gekommen waren, um ihn zu nerven. »Versteht ihr kein Türkisch?«, fragte er, jede einzelne Silbe betonend. »Sie haben genügend Michael Jacksons gesehen, sage ich.«

In seiner Stimme lag ein Ton, der keinen von uns für voll nahm, wie ein Pantoffel, der uns als Kakerlaken ansah. Auf einmal schoss mir mein ganzes Blut ins Gehirn. Ich war wie eine zu weit aufgezogene Uhr, kurz davor durchzudrehen. Meine Augen richteten sich auf ihn und starrten ihn an. Er dachte keine Sekunde daran, dass man sich Monate lang vorbereitet hatte und dass gleich Herzen brechen würden. Das einzige, woran er dachte, war das, was man ihm zu sagen aufgetragen hatte. Dabei haben wir, zum Beispiel, um das Kostüm meiner Schwester zu vervollständigen, einen langen Weg vom Kleinhändler um die Ecke bis zu den Geschäften internationaler Marken in den Einkaufszentren bis hin zu sämtlichen Anbietern im Internet hinter uns gebracht. Wir haben uns alles angesehen, recherchiert und im Chaos der Vielfalt ein Kostüm zusammengestellt, allein das war eine große Aufgabe. Was soll jetzt bitte heißen: »Es wurden genug Michael Jacksons gesehen, die Jury sagt, ihr sollt gehen?«

Nehmen wir mal an, du sagst das mit einer eiskalten Stimme, mit einer Stimme wie eine Schere, aber was bitte soll das, diese Aussage mit einer Stimme zu machen, die im Namen der Menschlichkeit verprügelt werden sollte?

Vier bis fünf kleine Michael Jacksons, die diese Stimme vernommen hatten, fingen im selben Moment zu weinen an. Diejenigen, die ein bisschen älter waren, schürzten ihre Lippen, als würden sie gleich anfangen zu weinen. Ich sah zu meiner Schwester. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, und mit der Spitze ihrer schwarz-weißen Moonwalk-Schuhe, die wir bei Schuster Fatih hatten anfertigen lassen, scharrte sie auf dem Parkett. Ihre Haltung drückte Traurigkeit aus, und dieser Anblick quälte meine Seele. Ich nahm ihre Hand, zog meine Schwester heraus aus dem Lärm der Kulisse und setzte sie auf eine der leeren Sitzbänke in dem breiten Korridor. »Warte hier, mein Schatz«, sagte ich. »In Kürze wird alles wieder in Ordnung kommen.« Mit einer »Kein Grund zur Aufregung«-Miene zwinkerte ich ihr zu und kniff ihr dabei in die Wange. Dann ging ich wieder zurück und suchte den Verantwortlichen.

»Wann ist die genügende Anzahl Michael Jacksons erreicht?«, fragte ich mit ruhiger Stimme.

»Ich verstehe nicht«, sagte er.

»Vorhin sagten Sie, die Jury hätte genügend Michael Jacksons gesehen. Wie viele sind genug?«

»Die haben doch schon hundert davon gesehen«, sagte er.

»Hier sind keine hundert Michael Jacksons«, erwiderte ich. »Hier gibt es nur siebenundzwanzig, und die Jury hat nicht einmal die Hälfte von ihnen gesehen. Und auch wenn sie hundert gesehen hätten, interessiert mich das nicht. Meine Schwester haben sie nicht gesehen. Und meine Schwester hat so viel Talent, dass es für hundert reicht. Und sollte dieses Mädchen jetzt nicht auf die Bühne gehen, dann habe ich so viel Enttäuschung und Wut in mir, dass es für hundert reicht.«

Als ich das sagte, machte sich in den Gesichtern der weinenden Michael Jacksons erneut ein Hoffnungsschimmer bemerkbar. Um mich herum wurden die Stimmen, die mir Recht gaben, lauter. Alle fingen gleichzeitig zu reden an. »Einen Moment bitte«, sagte ich, ohne meinen Blick von dem Verantwortlichen abzuwenden. Ich sah ihm direkt in die Augen. Ich wollte, dass er wusste, dass es mich sehr befriedigen würde, wenn er aus diesem Problem, das alle etwas anging, eine persönliche Angelegenheit zwischen ihm und mir machen würde. Sollte er der Ungerechtigkeit, deren Botschafter er war, genau so stark verbunden sein wie ich meiner Schwester, dann wollte ich wissen, wie weit er dafür zu gehen bereit war. Übrigens: Wenn man mich persönlich so ungerecht behandelt hätte, hätte mich das nicht so aufgeregt. Aber meine Schwester, Çiğdem İyice, Schülerin der EvliyaÇelebi-Grundschule, ist eine sensible Angelegenheit für mich.

»Nur weil sie sich auf eure belanglose Show vorbereitet haben, hatten diese Kinder in den letzten zwei Monaten nicht einmal Zeit, ein Eis zu essen!«, schrie ich ihn an. Das traf auf meine Schwester wirklich zu. Wenn eine allgemeingültige Ungerechtigkeit im Raum steht, dann scheue ich mich auch nicht zu verallgemeinern. Der Verantwortliche reagierte in einer nicht traurigen, sondern beinahe erfreuten Art und Weise darauf: »Es gibt nichts, was ich tun kann.«

»Doch, du kannst gleich zwei Fäuste essen«, sagte ich.

In dem Moment war plötzlich das Gesetz der Erdanziehung außer Kraft gesetzt, meine Füße schwebten über der Erde, mir wurde schwarz vor Augen, mein Geist wurde stumpf, die Zeit warf Falten. Ich spürte einen unglaublich stechenden Schmerz in meinen Armen, die Welt entfernte sich von mir, eine Frau schrie: »Was ist da los?«, sie sagten: »Beruhigen Sie sich, alles in Ordnung.« Der Mann, der mit den Keulen jonglierte, der Junge, der sich auf seinem Kopf drehte, der Drache, der neben dem Feuerlöscher Benzin trank und Feuer pustete, Atatürks Rede an die türkische Jugend und besorgte Blicke – wo gingen wir nur hin? Nach den Treppen und dem Steinboden fand ich mich in einem kleinen Raum wieder, mir gegenüber zwei private Sicherheitskräfte.

Ich war in der Ecke des Raums, der eine stand mir direkt vor mir, der andere rechts von mir. Ich sah die beiden sehr verschwommen, doch sie waren sehr wütend auf mich. Ich konnte gar nicht verstehen, wann sie so viel Wut auf mich hatten ansammeln können. In der anderen Ecke des Raums konnte ich Fernsehgeräusche ausmachen, vielleicht auch Radio, ich weiß nicht.

»Mit welchem Recht benimmst du dich hier wie ein Rockstar, Mann?«, sagte die Sicherheitskraft, die mir direkt gegenüberstand.

Während ich die Sicherheit anschaute, erreichte mich ein Schlag von rechts direkt aufs Ohr, und mein Kopf knallte an die Wand. Ich versuchte, meine Hand an meinen Kopf zu führen und mich zu sammeln. Da schnappte mich die Sicherheit von gegenüber am Kragen, schüttelte mich und fragte erneut: »Mit welchem Recht benimmst du dich wie ein Rockstar?« Ich steckte fest in meiner Ecke. Ich suchte nach einer Lücke, einem Ausweg, konnte aber keinen finden. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr atmete, und schnappte tief nach Luft, während ich den ansah, der mir den ersten Schlag verpasst hatte. Er hatte seine Augenbrauen zusammengezogen, seine Augen zusammengekniffen, seine breite Nase mit den großen Nasenlöchern schien nur dafür geschaffen zu sein, damit wütend zu schnaufen. Der mir gegenüber ballte seine Sicherheits-Hand zur Faust und kam mit ihr immer näher an mein Gesicht. »Junge, was soll diese Rockstar-Nummer?«, schrie er.

»Ich zieh keine Rockstar-Nummer ab«, sagte ich.

Plötzlich brach Stille ein, und sie musterten mich von Kopf bis Fuß, abwartend, dass ich ihnen einen Grund für einen weiteren Angriff liefern würde. Der gegenüber erhob schon wieder seine Sicherheits-Faust, ich versuchte mein Gesicht mit den Armen zu schützen, während er schrie: »Jetzt verpiss dich endlich, bevor ich dir hier umbringe!« Die andere Sicherheit neben mir packte mich am Kragen und schubste mich Richtung Tür. Auf einmal spürte ich eine Weite in mir, öffnete die Tür, und gerade als ich über die Schwelle treten wollte, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute das Sicherheitspersonal an. Der, der mir den ersten Schlag verpasst hatte, brüllte: »Was glotzt du so?«, ging auf mich zu und verpasste mir einen Tritt in die Magengrube. Ich fiel die zwei Stufen, die in den Raum führten, hinunter und landete auf dem Parkettboden vor dem Eingang eines Konferenzraumes. Aus meiner liegenden Position sah ich, wie der, der mich gerade getreten hatte, auf mich zulief und der andere ihn festhielt und »Lass ihn!«, sagte. Ich rappelte mich auf und sah mich um. Zum Glück hatte niemand diesen Tritt gesehen. Ich lief los, ohne mich umzudrehen, und versuchte, mich wieder aufzurichten. Als ich die Ausgangstür des Konferenzraumes erreicht hatte, spürte ich, wie mein Ohr dröhnte, mein Kopf schmerzte, und eine Benommenheit erfasste mich, als sei ich gerade vom Lärm einer Bohrmaschine aus meinem tiefsten Schlaf gerissen worden. Meine Hände zitterten. Ich versuchte, mit Faustschlägen in meine Handflächen das Zittern zu verhindern. »Wenn ich nicht sofort zurückgehe und denen die Leviten lese, ob ich dann wohl den ganzen Respekt vor mir selbst verliere?«, dachte ich. Ich beschloss zurückzugehen. Ich holte tief Luft. Dann hörte ich, wie mich jemand aus der Ferne rief. Manchmal, da kommt es mir so vor, als würde mich einer rufen, dabei ist die Person, die »Çağlar, Çağlar« ruft, keine andere als meine innere Stimme.

Plötzlich ergriff jemand meinen Arm. Ich zuckte zusammen, drehte mich um: Mein Onkel. Er hielt meine Schwester an der Hand und sagte: »Seit zwei Stunden rufe ich nach dir, warum drehst du dich denn nicht um?«

Ich konnte nicht antworten.

»Wo steckst du denn?«

»Hier.«

»Was ist passiert?«

»Nichts.«

»Komm jetzt, sie warten schon auf uns.«

»Wer?«

»Sei leise, beweg dich, wir suchen dich schon seit zwei Stunden.«

Wir traten in ein großes Zimmer, das vom Konferenzsaal abging. Dort empfing uns eine Frau mit einem Walkie-Talkie in der Hand. Sie hatte eine schwarze Jacke an, einen riesengroßen Mund und machte auf mich einen kompetenten Eindruck. »Altan Bey«, sagte sie. Mein Onkel sagte: »Hallo« und schüttelte ihr die Hand. »Sind Sie die Produktionschefin Afşar Hanım?«

»Ja, die bin ich.«

»Unser Vorsitzender vom Regierungsbezirk Bursa hat Sie angerufen, glaube ich«, sagte mein Onkel.

»Ja, hat er. Was ist das Problem?«

Mein Onkel zeigte auf meine Schwester, als sei sie das Problem, und lächelte. »Unser kleiner Engel«, sagte er. »Seit Monaten bereitet sie sich schon vor. Wenn sich die Jury doch nur mal kurz ihren Auftritt anschauen könnte.«

Die Frau musterte meine Schwester von oben bis unten und sagte: »Aber sie haben schon genügend Michael Jacksons gesehen.«

Mein Onkel erwiderte: »Ja, bestimmt haben sie das. Aber unsere Kleine ist eben ein so begabtes Kind. Auch unser Minister liebt unsere kleine Prinzessin und sagt immerzu, wenn er sie sieht: ›Wie schön die Kleine doch tanzen kann.‹ Wie ich gehört habe, ist der Minister ja auch ein guter Freund ihres Produzenten.«

Mein Onkel reichte der Frau seine Visitenkarte und sagte: »Und ich bin der Bürgermeister von Kıyıdere«, so wie die Typen, die den Joker immer zum Schluss aus dem Ärmel ziehen. Als ob sich jemand für Kıyıdere interessieren würde. Wenn er dem Strang mit dem Minister gefolgt wäre, wäre es wohl besser gewesen. Obwohl, ich bin mir ziemlich sicher, dass der Minister meine Schwester noch nie hat tanzen sehen. Die Geschichte ist komplett erfunden.

Die Frau

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