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Die Stadt am Kreuz: High-Fantasy-Roman
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eBook513 Seiten6 Stunden

Die Stadt am Kreuz: High-Fantasy-Roman

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Über dieses E-Book

»Inmitten der gleißenden Wüste kauerte ein zerklüftetes, abgeschliffenes Sandsteinmassiv. Inmitten dieses zerbrochenen Felsens kreuzten sich rauschend und gurgelnd die Flüsse Olharam und Ners Ewed. Die Stadt, die zwischen den Felsen steckte, hieß Duremm.«

Teklija na Kamatasai wurde ihr Leben lang darauf trainiert, ihre Herrin zu beschützen. Des Mordes bezichtigt, ihres Lebensinhaltes beraubt und nach Duremm verbannt, verfällt sie immer mehr dem Wahnsinn. Kurz entschlossen gibt Teklija ihrem Leben einen neuen Sinn, indem sie einem ehemaligen Feldherrn und einem kleinen Mädchen zu Hilfe eilt und das ungleiche Paar eigenmächtig zu ihren neuen Herren erklärt. Die Geschichte droht jedoch, sich auf dramatische Weise zu wiederholen, als die Tragödie ihrer Vergangenheit auch Teklijas neue Familie in Gefahr bringt.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum17. Aug. 2015
ISBN9783941864382
Die Stadt am Kreuz: High-Fantasy-Roman
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    Buchvorschau

    Die Stadt am Kreuz - Rafaela Creydt

    Das Buch

    »Inmitten der gleißenden Wüste kauerte ein zerklüftetes, abgeschliffenes Sandsteinmassiv. Inmitten dieses zerbrochenen Felsens kreuzten sich rauschend und gurgelnd die Flüsse Olharam und Ners Ewed. Die Stadt, die zwischen den Felsen steckte, hieß Duremm.«

    Teklija na Kamatasai wurde ihr Leben lang darauf trainiert, ihre Herrin zu beschützen. Des Mordes bezichtigt, ihres Lebensinhaltes beraubt und nach Duremm verbannt, verfällt sie immer mehr dem Wahnsinn. Kurz entschlossen gibt Teklija ihrem Leben einen neuen Sinn, indem sie einem ehemaligen Feldherrn und einem kleinen Mädchen zu Hilfe eilt und das ungleiche Paar eigenmächtig zu ihren neuen Herren erklärt. Die Geschichte droht jedoch, sich auf dramatische Weise zu wiederholen, als die Tragödie ihrer Vergangenheit auch Teklijas neue Familie in Gefahr bringt.

    Die Autorin

    Die 1982 am Rande Göttingens geborene Rafaela Creydt erlangte im ersten Semester Germanistik die Erkenntnis, dass nicht jeder zum Theoretiker geboren ist, und fand im Studium der Landschaftsarchitektur die für sie richtige Mischung aus Kreativität und bodenständiger Praxis. Nach fünf verschiedenen Wohnorten in drei Bundesländern lebt die Landschaftsarchitektin derzeit in Nürnberg. In all diesen Wirrungen bildet das Schreiben phantastischer Geschichten ihren einzigen und liebsten roten Faden.

    Rafaela Creydt

    Die Stadt am Kreuz

    Roman

    Originalveröffentlichung

    © 2015 Verlag in Farbe und Bunt

    Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch die der Übersetzung, des Nachdrucks und der Veröffentlichung des Buches, oder Teilen daraus, sind vorbehalten.

    Kein Teil des Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

    Alle Rechte liegen beim Verlag.

    Cover-Gestaltung: Stefanie Kurt

    Satz: Winfried Brand

    verantwortlicher Redakteur: Stefanie Zurek

    Lektorat: Martina Guttek

    Korrektorat: Kathrin Böttcher

    Herstellung und Verlag:

    in Farbe und Bunt Verlags-UG (haftungsbeschränkt)

    Kruppstraße 82 - 100

    45145 Essen

    http://www.ifub-verlag.de

    ISBN Taschenbuch: 978-3-941864-37-5

    ISBN E-Book: 978-3-941864-38-2

    ISBN Audiobuch: 978-3-941864-39-9

    Prolog

    »Sag mir noch einmal, warum wir sie nicht umbringen durften!«, rief Tresten. Zu viel war an diesem Tag passiert. Zu viel Wichtiges, lang Geplantes, Unerwartetes, Herrliches – und Beunruhigendes. Er war nicht mehr in der Lage abzuwägen, was er sagte.

    Die Mörderin eines der wenigen Menschen zu sehen, die Tresten wirklich etwas bedeuteten, war unerträglich gewesen. Weil sie nicht gefoltert, geschändet und hingerichtet wurde, wie sie es verdient hatte, sondern gehen durfte.

    Weil sie zwar von den Inseln und Gewässern Relvens verbannt wurde – aber was war das schon, wenn sie trotzdem noch ihren Stolz und ihre Waffen hatte, und sie noch aus eigener Kraft das Schiff besteigen konnte, das sie fortbrachte?

    Unerträglich war all dies, weil Tresten selbst viel Fingerspitzengefühl, versteckte Diplomatie und Intrige aufgewendet hatte, um genau dieses Ergebnis zu erreichen. Die Mörderin seiner Verlobten war praktisch freigesprochen geworden, weil Tresten es so gewünscht hatte.

    Nur, fragte er sich. Warum noch einmal?

    »Das weißt du ganz genau«, sagte Raika. Glücklicherweise war Raika da Melln die einzige Person, vor der Tresten da Fijen niemals abwägen musste, was er sagte.

    Solvens schändlicher Tod würde eine blutende Wunde bleiben, aber wer wie Tresten Rang und Macht unter den Angesehenen und Mächtigen seiner Heimat erlangen wollte, musste mit dem handeln, was er hatte.

    Alles, was Tresten nach Solvens Tod noch hatte, war das Messer in dieser blutenden Wunde. Die Mörderin.

    Und natürlich Raika. Zwei Schritte machte er auf sie zu, zog ihre schlanke Gestalt in seine Arme und atmete den Geruch ihrer Haare ein. Raika war der einzige Mensch auf der Welt, der Tresten mehr bedeutete als das Opfer des Monsters.

    »Du hättest sie hören sollen«, sagte er. »Du hättest sie hören sollen!«

    »Besteht die verehrte Familie da Gwenn auf einer Prüfung des Urteils?«, hatte die Richterin in der Verhandlung vor wenigen Stunden gefragt und Estren da Gwenn antwortete, dass sie darauf bestünden.

    Die Verhandlung fand einen Steinwurf von den Anlegern entfernt am Richtplatz im Hafen statt, unter einem grauen Himmel, durch den Wolkenfäden jagten wie die Schiffchen zorniger Weber.

    »Erhebt ein Bürger Relvens Einspruch dagegen, diese Prüfung durch den Richtersitz zur Rechten durchführen zu lassen?«, fragte die Richterin.

    Schweigen. In der ganzen Menschenmenge, die sich versammelt hatte, war nicht ein Laut zu hören. Hoch über dem Hafen schrien die Möwen.

    »Obwohl der Verlobte der ehrenwerten Solven da Gwenn, Tochter von Estren und Akatija da Gwenn, deren Ermordung und die dafür verhängte Strafe hier erneut verhandelt werden soll, Tresten da Fijen war? Ein Sohn des Hauses Fijen und damit persönlich und privat mit dem Richtersitz zur Rechten verbunden?«, fragte die Richterin, die den Namen Teska da Fijen trug. Sie war Trestens Mutter. Wie er war auch sie groß und hatte braune Haare. Seine waren kurz und sorgfältig frisiert, während sich durch ihre graue Strähnen wie Nebelstreifen zogen.

    Schweigen. Niemand hatte den geringsten Einwand. Es gab keine Alternative.

    »Dann wird das Urteil des Richtersitzes zur Rechten bindend sein«, sagte die Richterin und wandte sich dem Monster zu.

    »Teklija na Kamatasai, warst du der N’Duma Dahn der ehrenwerten Solven da Gwenn?«, fragte Teska da Fijen.

    »Ja.«

    Teklija hatte auf das Recht, ihrem Schicksal stehend zu begegnen, verzichtet. Die Zehen aufgesetzt, die Hacken eng aneinander gestellt und mit kerzengeradem Oberkörper hätte jeder andere früher oder später das Gleichgewicht verloren. Sie blieb regungslos wie aus Stein geschlagen sitzen. Tresten brachte es nicht über sich, sie anzusehen. Wegen ihr hatte er Solven verloren und beinahe seine ganze Zukunft. Weil sie so kaltblütig war und getan hatte, was sich kein N’Duma Dahn je vorstellen konnte. Ein Monster.

    »Was war«, fragte Teska da Fijen, »nach den Überzeugungen, die an der ersten Akademie der Wächter zu Relven gelehrt werden, deine Aufgabe?«

    »Mein einziger Lebenszweck und meine Aufgabe ist es, das Leben meiner Zadih vor jeder Gefahr zu schützen. Solven da Gwenn war meine Zadih«, sagte das Monster.

    »Hast du diese Aufgabe erfüllt?«

    »Vier Jahre lang habe ich sie erfüllt.«

    »Was hast du dann getan?«

    »Ich habe meine Zadih, die ehrenwerte Solven da Gwenn, getötet.«

    Das verletzte, verstörte Tier in Tresten brüllte vor Zorn und Schmerz.

    »Du bleibst bei dieser Aussage?«

    »Es ist die Wahrheit, verehrte Teska da Fijen.«

    »Hast du zur Rechtfertigung deiner Tat etwas zu sagen?«

    »Nein.«

    »Hast du im Auftrag eines anderen gehandelt?«

    »Nein.«

    »Möchtest du die Aussagen, die du im Verlauf der Verhandlung vor dem Richtersitz zur Linken gemacht hast, ergänzen?«

    »Das möchte ich nicht.«

    »Möchte jemand anderes auf etwas von Bedeutung hinweisen, das noch nicht berücksichtigt wurde?«

    Schweigen. Und Tresten war so kalt im Küstenwind. So kalt und heiß zu gleich.

    »Sie hat gesprochen, sie hat es tatsächlich gewagt, den Mund aufzumachen«, sagte er und schob Raika ein wenig von sich fort. Er wollte ihre Augen sehen. »Sie hat gefragt, ob sie Trauer-Grau tragen darf. Für Solven. Trauer-Grau!«

    »Ich weiß. Ich war da.« Raika war eine große Frau, nur zwei Monate jünger als er, mit weißblondem, glatten Haar und hellen Augen. Wie er trug sie die Tracht aller Tjares, der Herrschenden von Relven: eine langärmelige Bluse, eine auf dem Rücken geschnürte, steife Weste und einen bodenlangen, in starre Falten gelegten Rock. Die nachtblauen Farben ließen ihre Haut noch heller schimmern. Alles an Raika war elegant und streng zugleich.

    »Ich weiß«, sagte Tresten. »Ich habe dich gesehen.« Ganz hinten, zwischen Reihen um Reihen von Schaulustigen hindurch hatte er einen Blick auf sie erhascht und sich die ganze Verhandlung hindurch daran festgehalten.

    »Ja«, bestätigte Raika.

    »Das war verboten«, sagte Tresten. Auf Relven, dem Leuchtfeuer der Zivilisation in den Weiten des Meeres, gab es zwei Instanzen des Gerichtes: der Richtersitz zur Linken unterstand der Familie da Melln; der Richtersitz zur Rechten der Familie da Fijen.

    Jeder Relver durfte sprechen, streiten und die Ehe eingehen mit wem auch immer er wollte, aber kein Fijen durfte Kontakt haben zu einem Melln und umgekehrt. Die Verfahren durften nicht korrumpiert werden.

    »Ziemlich viel, was wir tun, ist verboten«, sagte Raika da Melln, die Tresten da Fijen liebte, seit er wusste, was das Wort bedeutete.

    »Danke, dass du da warst«, sagte er. Er liebte Raika auf tausend unterschiedliche Weisen. Sie war seine zweite Hälfte, machte ihn zu einem besseren, klügeren, glücklicheren Menschen. Raika war diejenige, die ihn ermutigt hatte, Solven da Gwenn zu umwerben. Wenn er schon Raika nicht heiraten durfte, dann sollte Tresten die beste Frau bekommen, die es gab: Solven da Gwenn. Einzige Erbin eines Handelsimperiums, von dem Tresten, Nachfahre von Generationen von Juristen, nur träumen konnte.

    Solven. War sie nicht ein Wunder gewesen, diese Frau ohne Falsch? An Handel und Geschäften so interessiert wie an den Fußkrankheiten der Flüchtenden Völker, aber begeistert, einen Mann gefunden zu haben, den sie mit ihrer Bürde glücklich machen konnte. Solven wollte nur eins: alle glücklich machen. Keine Eigenschaft, die Tresten teilte, aber Solven schaffte es, dass er zumindest sie glücklich machen wollte. Solven hatte dazu nicht mehr gebraucht als das kurze Gespräch, nachdem sie von Raika und Tresten erfahren hatte. Solven da Gwenn hielt zu ihrem Verlobten, obwohl dieser eine andere liebte. Sie wollte, dass er und Raika glücklich waren. Unwahrscheinliches, unglaubliches Wesen. Solven.

    Die von dem Monster getötet worden war, das er nicht töten durfte. Weil die Wunde, die das Monster geschlagen hatte, die einzige Karte war, die Tresten noch ausspielen konnte.

    »Erzähl mir, wie es weiterging«, sagte Raika. »Ich konnte nicht bleiben. Eure Askenji hätten mich beinahe entdeckt.« Was niemals geschehen durfte. Kein Wächter, kein Diener, kein Freund, kein Bruder. Weshalb sie sich in verfallenden Hütten trafen, an einsamen windigen Stränden, zur kältesten Zeit in den luftigsten Sommerhäusern. Niemand durfte Raika und Tresten zusammen sehen. Nur ihre eigenen N’Duma Dahn waren immer dabei. Aber sie schwiegen und hielten ihren Eid.

    Diesmal war es ein verlassener Keller. Drei Treppen über Tresten und Raika stand der halb verfallene Turm einer Tjares-Familie, die gescheitert war. Geister sollten hier umgehen. Raika hatte eine Handvoll Schalen mit schwimmenden Kerzen aufgestellt, die zitternde Schatten an die holzverkleideten Wände warfen. Trestens N’Duma Dahn und Raikas standen im Schatten am Treppenaufgang. Es roch nach warmem Wachs, feuchtem Holz und Raikas Duftessenzen.

    »Sie haben das Urteil bestätigt«, sagte Tresten.

    »Ja«, sagte Raika.

    Das war der Plan gewesen.

    »Kein Todesurteil«, sagte Tresten, und es tat immer noch weh. »Teklija na Kamatasai ist von Relven und seinen Gewässern auf den Krüppelkontinent verbannt. Lebenslänglich. Soll sie in Tagora verrotten. Die Namen der Götter werden ihr verweigert. Sonst nichts. Auch wenn meine Mutter es natürlich beeindruckend formuliert hat.«

    »Ungefähr so beeindruckend wie ich?«, fragte Raika – die Richterin, die das Urteil in der ersten Instanz gefällt hatte.

    »Nicht ganz so wunderbar, Raika da Melln«, sagte Tresten und küsste sie kurz. Sie lachte leise und zum ersten Mal hob sich auch Trestens Laune ein wenig. Er hatte Raika. Reichte das nicht schon aus?

    »Du hättest die Leute hören sollen!«, sagte er. »Wären die Askenji nicht eingeschritten, hätten sie das Monster gelyncht.«

    »Und du?«, fragte Raika.

    »Nein!«, hatte Tresten gebrüllt. Er war nicht der Erste, der seiner Empörung Luft machte, aber er war der Lauteste.

    »Ich erkenne dieses Urteil nicht an! Lasst sie brennen!« Er deutete auf das Monster, das nicht einmal den Kopf wandte. »Lasst sie verhungern! Zerhackt sie in winzig kleine Stücke! Sie hat Solven getötet! Meine Solven!« Tresten hatte geweint in diesem Moment.

    »Ich habe meiner Mutter ein paar Wahrheiten an den Kopf geworfen«, sagte er zu Raika und löste sich von ihr, um sich in Pose zu stellen. Die zerrissene Weste klaffte über seiner nackten Brust auf. »Es hat sogar Spaß gemacht.«

    Mit beiden Händen hatte Tresten in den Ausschnitt seiner mit den schweren Silberfäden bestickten Weste gegriffen und solange gezerrt, bis der Stoff krachend aufriss. Die leichte Seidenbluse darunter zerfetzte Tresten gleich mit.

    »Ich, Tresten da Fijen, sage mich los von der Familie Fijen, die aus einem ehrlosen Haufen Bastarde besteht und nicht weiß, was Gerechtigkeit ist und was sie fordert.«

    Er hatte eine Pause gemacht, damit alle, inklusive seiner beisitzenden Brüder, begriffen, dass er all dies tatsächlich gesagt hatte.

    »Ich entsage der Familie da Fijen, ihrer Unterstützung, meinem Erbe und allen Rechten und Pflichten, die sich mit dem Namen Fijen verbinden.«

    »Und deshalb durften wir sie nicht hinrichten«, sagte Raika.

    »Ja«, sagte Tresten.

    »Weil nämlich nur ein absolut inakzeptables, empörendes Urteil ein glaubwürdiger Grund ist, warum du deine Familie verlassen solltest und dein nobles Verhalten die Familie da Gwenn überzeugen könnte, dich doch noch in ihre Familie aufzunehmen«, sagte Raika.

    »Nicht als Schwiegersohn, sondern als Sohn.«

    Estren und Akatija da Gwenn hatten nur ein überlebendes Kind, nur einen Erben für ihr Imperium gehabt: Solven. Die zu Trestens unbändigem Stolz fest von seinen geschäftlichen Fähigkeiten überzeugt gewesen war.

    Ihre Eltern waren da immer etwas skeptischer gewesen.

    Aber jetzt, vereint in ihrem Leid über Solvens Tod und der himmelschreienden Ungerechtigkeit des Urteils, dazu Trestens dramatischer Entschluss, seine Familie öffentlich anzugreifen und die eigene Sicherheit dafür aufzugeben, und ohne eine andere Alternative …

    Tresten hatte den Widerstand in Akatijas Augen bröckeln sehen, als sie sich heute von ihm verabschiedete.

    Die Gwenn fingen ganz langsam an, an sein Recht auf einen Platz in ihrer Familie zu glauben. Solven hätte es so gewollt, oder nicht?

    »Tresten da Gwenn, Erbe der Gwenn«, sagte Raika.

    »… der Raika da Melln heiraten darf«, fügte Tresten hinzu.

    »Ja.«

    Das Furchtbarste und Wunderbarste an diesem Spiel war, dass Tresten als da Gwenn natürlich Raika da Melln heiraten durfte. Heiraten und in aller Öffentlichkeit mit ihr leben, sobald die Adoption geklärt, die Trauerzeit beendet und die Wogen sich geglättet hätten. Mehr als je möglich gewesen wäre, ohne Solvens Tod durch die Hand ihrer N’Duma Dahn.

    Es war schrecklich, lächerlich, unfassbar, aber nur realistisch. Handle mit dem, was du hast. Und wenn du nur noch Schmerzen hast, handle mit denen. Tresten und Raika hatten aus einer Katastrophe ein Wunder gemacht und alle ihre Probleme gelöst – bis auf eines. An diesem einen, schwer erträglichen Tag.

    In aller Bescheidenheit musste Tresten zugeben, dass sie großartig waren. Großartig. Aber nicht artig. Er lachte leise.

    Raika zupfte an den ausgefransten Rändern seiner zerrissenen Weste. »Hattest du den Stoff präpariert?«

    »Natürlich. Der Effekt war es wert.«

    »Wenn nur niemand Verdacht schöpft.« Sie schob ihre warmen Hände durch die Fetzen auf seinen Rücken.

    »Ich glaube nicht, dass es daran lag«, sagte Tresten und spürte, wie sich ihre Hände sofort anspannten.

    »Wer?«, fragte sie. »Wer hat einen Verdacht?«

    »Jennen«, sagte Tresten. »Jennen da Faijatasar. Miststück. Sie weiß es. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es weiß.«

    Raikas Hände entspannten sich.

    »Natürlich weiß sie, dass du Schulden bei ihr hast.«

    »Das ist kein Scherz, Raika.« Das war ihr letztes Problem. Ihr größtes. Sein größtes.

    »Entschuldige«, sagte Raika. Sie genoss ihren Titel als Richterin zur Linken. Sie hatte nur ihre Schwester über sich, was kein Dauerzustand sein musste, und liebte die verschlungenen Pfade des relvischen Gesetzes. Tresten fand nichts langweiliger, als einen Paragraphen nach dem anderen zu reiten. Aus Geld noch mehr Geld zu machen, jedem zu geben, was der glaubte zu brauchen und am Ende trotzdem von allen am besten dazustehen, das war ein Spiel, das Tresten reizte. Nur hatte es dem Sohn von Juristen niemand beigebracht.

    Jennen da Faijatasar war zu den Gwenn und zu Tresten gekommen, als der Platz sich bereits leerte. Ganz die hochrangige Tjares, Inhaberin des größten Bankhauses von Relven. Ganz Haltung und Kondolenz und Unverständnis über das viel zu milde Urteil.

    Dann hatte sie mit einer Entschuldigung Tresten beiseitegenommen und gefragt:

    »Wie lange mögt Ihr wohl noch planen, in Trauer zu bleiben?«

    »Ich plane nicht. Ich bin«, sagte Tresten.

    »Oh, was für ein wahres Wort. Mehr Planung und weniger Sein hätte Euch, und dem Bankhaus Faijatasar, viele Unannehmlichkeiten ersparen können, nicht wahr?«

    »Verehrte Jennen da Faijatasar, wenn Ihr Eure Darlehen an mich einfordern wollt, dann tut es. Öffentlich. Nicht flüsternd.«

    Es war ein Bluff. Tresten konnte sich eine öffentliche Bekanntmachung seiner Finanzen, in aller Ehrlichkeit seiner Pleite, nicht erlauben, solange da Gwenn noch die kleinsten Zweifel hinsichtlich seiner Qualitäten hatte. Aber Jennen bluffte natürlich ebenfalls.

    »Oh, nein, Ihr missversteht mich«, hatte sie prompt widersprochen. »Die Forderungen bleiben ausgesetzt, bis Eure Zeit der Trauer beendet ist. Natürlich. Wie lange auch immer sie dauert. Ich frage mich lediglich, ob dieser Zeitpunkt wohl kommen wird, bevor Ihr einen neuen Schlüssel am Bund tragen werdet.«

    »Und sie hat Recht!«, rief Tresten. »Sie hat Recht. Selbst wenn da Gwenn mich morgen aufnimmt, bis ich mich einfach so aus ihrem Kapital bedienen kann, werden noch Jahre vergehen.«

    Hundertmal das mittelgroße Vermögen, das Tresten zur Begleichung seiner Außenstände brauchte, lag in den Schatzkammern unter dem Turm der Gwenn, aber …

    »Ich bräuchte noch einmal drei Tote, um lange genug Trauer tragen zu können«, sagte Tresten und sah sich bereits der Tjares-Würde enthoben, in ganz Relven als Bankrotteur bekannt gemacht, als kleiner Angestellter seiner Eltern bei Gericht die Akten schleppen. Er stöhnte.

    »Ah«, sagte Raika. »Jetzt machen wir Fortschritte.«

    Tresten sah sie verwundert an.

    »Wen möchtest du umbringen, mein Schatz?«

    I

    »Kein Leben ist wichtiger als ein anderes. Auch deines nicht!

    Ist eines wichtiger, ist es Zadih.«

    (Schahida Naha, nach dem Kodex der ersten Akademie der Wächter)

    Inmitten der gleißenden Wüste kauerte ein zerklüftetes, abgeschliffenes Sandsteinmassiv. Inmitten dieses zerbrochenen Felsens kreuzten sich rauschend und gurgelnd die Flüsse Olharam und Ners Ewed. Die Stadt, die zwischen den Felsen steckte, hieß Duremm.

    Seit Hunderten von Jahren bauten die Reichen ihre Anwesen auf die Felskuppen, trieben die nicht ganz so Reichen Höhlensysteme in das Massiv, klebten die eher nicht Reichen ihre Häuser schwalbengleich an die Wände, und hängten die Armen und Verrückten ihre Hütten und Plattformen an Seilen und Balken zwischen die Schluchtwände. In Duremm schaukelten nicht nur die Schiffe in den vier Häfen, auch die Hälfte der Stadt schwang knarrend und seufzend im wechselhaften Rhythmus des Windes und seiner Bewohner hin und her.

    Keine Türme, kein graues Meer, kein kühler Salzwind. Die wenigen blonden Frauen auf den Stegen waren so braungebrannt, dass sie wie aus Bernstein geschnitzt erschienen.

    Wie ein Stück Treibholz war Teklija na Kamatasai in diesem Gewirr hängen geblieben. Es gab keinen Grund, hierzubleiben. Es gab keinen Grund, weiterzugehen. Zwischen den Steinen war der Himmel nur ein Gerücht.

    Achtzig Meter über dem Alten Olharam, wie man den Fluss aufwärts des Kreuzes nannte, hing zwischen zwei Brücken die Taverne Jerons Sprung. Unter ihr stürmte der Fluss brüllend den Stromschnellen entgegen, dessen Geräusch schon ausreichte, um dem geizigsten Reeder klarzumachen, dass kein Flussschiff diese Passage überstehen würde. Die Duremmnis machte es reich, denn sie besaßen kleine, wendige Boote und das Wissen über die Navigation in einem sehr eigensinnigen Gewässer.

    Im Sprung schottete ein Dach aus alten Segeln Blicke, Licht und Müll von oben ab. An den Enden der schwankenden Plattform hielten festgenagelte Paravents noch den betrunkensten Gast auf der richtigen Seite.

    Teklija saß auf einem Hocker im hintersten Teil des Sprungs. Unter ihren Füßen, unter dem Fußboden, zugänglich durch lose Bohlen, hing eine Hängematte über achtzig Metern Nichts. Daneben ein Beutel, der ihre ganze Habe enthielt. Es war die unverschämteste Entschuldigung einer Unterkunft, von der sie je gehört hatte. Vielleicht war sie deshalb geblieben.

    In den ersten Tagen war der Wirt sehr höflich gewesen, hatte aber nicht darauf verzichtet, den Weinpreis für ihr Wasser zu berechnen. Seit drei Wochen hatte die Höflichkeit abgenommen. Er hatte wohl verstanden, dass Teklija na Kamatasai, N’Duma Dahn und ehemals Leibwächterin der verehrten Solven da Gwenn, ihre Waffen nur noch trug wie eine Schildkröte ihren Panzer. Seit sie die schwarzen Haare nicht mehr aufsteckte, schwang der geflochtene, hoch angesetzte Zopf über ihrer Hüfte hin und her wie ein Galgenstrick.

    Nur ein Mann im Sprung war größer als sie. Blond, wo die Wächterin dunkel war, laut und aufdringlich, wo sie still und selbst versenkt war. Als er den Raum betreten hatte, hörte das Lachen und Kreischen für einen Moment auf. Ein Flüstern war durch den Raum geflattert: »Arrian der Angeber.«

    Angeber, dachte Teklija. Einer von der anderen Hälfte des Treuen Volkes, das die Wirklichkeit nach seinem Willen verbiegen konnte. Das Volk, das vor dreihundert Jahren den ganzen Kontinent verkrüppelt hatte.

    Seine blonden Zotteln – manche hatte er zu Zöpfen geflochten, in anderen hingen bunte Keramikperlen – waren sein Erkennungszeichen und so gut wie ein Name in diesem Teil Duremms. Von den Haaren abgesehen machte Arrian nicht viel her. Ein längliches Gesicht, dazu verwaschene, ehemals bunte Kleider, die ordentlich geflickt worden waren, und eine ausgebeulte Umhängetasche.

    Teklija hatte ihn genau betrachtet, bis er sich zu der Gruppe an den Tisch neben ihrem setzte. Treues Volk, dachte sie. Verräter. Wie ich.

    Arrian warf den Kopf in den Nacken, sodass die Perlen klimperten, und lachte aus vollem Hals über einen Witz seiner Freunde.

    Angewidert wandte Teklija den Blick ab. Sie trank einen Schluck, setzte den Tonbecher wieder ab und starrte in das Wasser. Eine Wächterin trank niemals Alkohol. Im schwachen Licht Duremms war die Flüssigkeit schwarz und undurchdringlich. Nach jedem Schluck rollten weiße Reflexe sinnlos darin herum. Es war ein Blick in die Zukunft und zeigte ihr den Rest des Nachmittags.

    In einer Ecke spielten drei Männer und eine Frau Bell Morres. Vier Götter trugen die Schöpfung, vier Parteien spielten Bell Morres: ein Brett mit Feldern so chaotisch wie die Welt, für jeden Spieler ein Dutzend Figuren so unterschiedlich wie die Menschen und ein Satz Karten so unvorhersehbar wie das Schicksal. Lehre ein Kind die Politik, sagte man auf Relven, und es wird vielleicht ein guter Politiker. Lehre ein Kind Bell Morres und es wird ein großer Politiker.

    Solven hat das Spiel gehasst. Ich selbst hätte es besser spielen können als sie, dachte Teklija mit einem Anflug von Wehmut, der sofort verbrannte. Meine Schuld. Der letzte Augenblick, als der Engel flog, ihr blutiges Haar, ihr bleiches Gesicht …

    Vergangenheit, ermahnte sie sich.

    Am Spieltisch kam Unruhe auf. Teklija warf erneut einen Blick hinüber. Menschen konnten sich ebenso leicht und lange in den Herausforderungen des Bell Morres verlieren wie in der Liebe oder dem Alkohol. Aus diesem Grund spielten die Wächter, ob N’Duma Dahn oder Askenji, nicht.

    Einer der vier an diesem Tisch tat es allerdings und das mit so großem Geschick, dass es den Unmut seiner Gegner schon zu dieser frühen Stunde erregte. Es war ein kleiner, breitschultriger Mann am hinteren Ende des mittleren Alters, mit Haaren, die blond oder grau sein konnten. Am linken Mundwinkel zog sich eine alte Narbe nach unten. Er hatte das zerfurchte Gesicht eines Mannes, der wusste, was Entscheidungen bedeuteten.

    Ein zufriedenes Grinsen ließ ihn makellose Zähne zeigen.

    Der Mann, der soeben das Spiel mit keiner einzigen Karte auf der Hand gewonnen hatte, war sich anscheinend sicher, auch den Sprung als Sieger zu verlassen. Bemerkenswert, wenn man bedachte, dass zwei der Gegner soeben von den Hockern aufstanden und die Hand des einen – ein Haken von Mann, dürr und mit gekrümmten Schultern – auf dem langen Dolch lag, der in seiner Schärpe steckte. Sein Freund, kleiner, aber im Gewicht dem Ersten ebenbürtig, grollte: »Und wo hast du dein Blatt gelassen, Raviod?«

    Der dritte Spieler, eine schmale Frau mit rotem Kopftuch und wachen Augen, die sich konstant im Schatten gehalten hatte, verschwand im Dunkel. Am Tisch zurück blieb ein kleiner Haufen Silberkreuz-Münzen, den sie dem Sieger, wer auch immer es letztendlich sein würde, zugestand.

    Der Mann, der Raviod genannt wurde, tastete nachlässig seine Kleidung ab. Wie durch Zufall zeigte er dabei die großflächige Narbe auf der Innenseite seiner rechten Hand. Ein schmaler Goldring fing einen verirrten Lichtstrahl auf. Dann deutete er mit der gleichen Hand auf den Haufen aufgedeckter Karten vor sich und sagte: »Alles vollständig und wohlbehalten an seinem Platz, scheint mir.«

    Die Wächterin betrachtete ihn genauer.

    Er trug duremmnische Kleidung, als sei er darin geboren worden. Sein Akzent dagegen sprach vom Norden. Das warf ein seltsames Licht auf einen unbewaffneten Mann in einer Taverne im hängenden Duremm.

    Ein hervorragender Spieler. Eine beeindruckende Persönlichkeit, im Besitz von Geld und Schwierigkeiten. In diesem Moment war sich Teklija sicher, dass es seine Familie auf Relven zu Tjares-Würden gebracht hätte.

    Der Haken zog seinen Dolch endgültig. »Ja, außer deinen diebischen Fingern, scheint mir.«

    Der Wirt sah auf, erkannte Schwierigkeiten und rief: »Steck das Messer weg! Oder klär es draußen. Sonst kriegst du hier nie wieder was!«

    Hakens Freund nutzte die schweigende Sekunde, die darauf folgte, um seine Faust in Raviods Gesicht zu versenken. Nur war Raviod – beeindruckend für einen Mann seines Alters, dachte Teklija flüchtig – bereits abgetaucht und auf dem Weg zur Tür. Eine halbe Sekunde später war klar, dass damit Raviods Probleme noch längst nicht gelöst waren. Eine Gruppe Männer betrat den Sprung. Während sie noch in die Lichtstreifen blinzelten und Raviod mitten im Lauf wie angewurzelt stehen blieb, Schrecken und Erstaunen im Gesicht, begriff die Wächterin.

    Sie traf eine Entscheidung und schleuderte ihren Wasserbecher auf den ersten der Neulinge, einen untersetzten Mann mit nackter Brust und rotem Halstuch. Teklija vergewisserte sich nicht, ob sie traf – sie traf immer –, sondern sprang über ihren Tisch und versetzte dem Mann neben ihr einen Hieb ins Gesicht. Es war der Angeber. Den Schwung ausnutzend rollte sie ab und landete neben Raviod.

    In Jerons Sprung begann daraufhin eine der frühesten Schlägereien seiner Geschichte.

    Mit höflichem Respekt in der Stimme fragte Teklija Raviod: »Mir scheint, Ihr könnt Hilfe gebrauchen, verehrter Herr?«

    Der Spieler riss den Kopf herum und starrte sie wild an, die Fäuste erhoben. Dann erst schien er ihre Worte zu verstehen und musterte sie. Teklija wusste, was er sah: ihre Waffen. Fünfzehn Dolche, verziert mit Silber-Filigran, Perlen und Juwelen, waren leicht zu erkennen. In den letzten zwei Jahren waren sie nur zur Übung gezogen worden.

    »Ich werde mich hüten, einer solchen Frau den Spaß zu verderben«, sagte Raviod.

    Teklija antwortete nicht, denn dem Haken war es gelungen, das Schlachtfeld, in das sich der Sprung verwandelt hatte, zu durchqueren. Er stand hinter Raviod und hob den Dolch. Mit einer einzigen Bewegung war sie beim Haken, schlug ihm in den Magen und trat ihm die Waffe aus der Hand. Haken ging zu Boden und hinter sich hörte sie durch all den Lärm ein Stöhnen. Sie wirbelte herum.

    Ein Trick! Hakens Freund hatte die günstige Gelegenheit ergriffen und ein Stuhlbein über Raviods Kopf gezogen. Raviod brach zusammen, während sein Gegner noch einmal zuschlug, jetzt mit der geballten Faust.

    Wie kann jemand nur so unfähig sein! Die Wächterin hörte das Keifen ihrer Ausbilderin, während sie mit der linken Hand eines der kurzen, schlanken Schwerter aus dem Futter auf ihrem Rücken zog, mit der Rechten den Mann ergriff, ihn aus seiner gebeugten Haltung hochriss und den Stahl mit Bedacht durch seine Rippen ins Herz schob. Sie drehte die Klinge ruckartig, zog sie heraus und kniete neben ihrem neuen Zadih, bevor er vollends zum Liegen kam.

    Schahida Naha! Ist er würdig? Bist du würdig?!

    Es war egoistisch von ihr. Sie brauchte einen Herrn, auch wenn sie kein Recht auf Ehre hatte. Was ist ein Schatten, den niemand wirft? Was ist ein N’Duma Dahn ohne Zadih? Du hast kein Recht darauf! Du hast auf nichts ein Recht.

    Ja, antwortete sie sich selbst. Aber es ist passiert. Es war falsch. Aber es ist passiert.

    Vorsichtig legte sie den bewusstlosen Raviod über ihre linke Schulter, steckte das Schwert zurück, zog einen Dolch aus der Scheide auf ihrer Brust und begann, sich den Weg aus dem Sprung heraus zu arbeiten. Sie war trainiert, immer noch, und solange ihr Zadih nicht in Sicherheit war, würde sie das Gewicht kaum spüren. So war es immer gewesen.

    Ein Mann tauchte vor ihr auf, ein unaufhaltsam anschwellendes Auge verzerrte seine Züge. »Ist mir egal, ob du aus dem Tempel kommst oder ob Etale selbst dich schickt, aber du wirst Ruben nirgendwo hinbringen.«

    Die ehrliche Hingabe in seiner Stimme rettete ihn. Denn als Teklija schon den Dolch in ihrer Hand drehte, begriff sie, dass ihr neuer Zadih noch andere Freunde in diesem Wahnsinn haben könnte. Deshalb wirbelte sie mit drei Schritten um den Mann herum, stieß ihn tiefer in das Gewühl und sagte über die Schulter: »Zunächst werde ich ihn hier herausbringen, und daran kann mich niemand hindern.«

    Es ist jetzt so. Ob es unverschämt war oder nicht. Ich bin an ihn gebunden.

    Zwei Schritte später passierte Teklija die Tür und stand vor der schwankenden Treppe, die hinauf zu einer der beiden Brücken führte.

    Wohin?

    Das Licht in diesem Teil der Stadt wurde bereits trüber, gefiltert durch den Irrsinn, der zwischen den Schluchtwänden baumelte.

    Unter Teklija rauschte der Olharam und hinter sich hörte sie Rufe, Stöhnen, Schreie – und das Schließen einer Tür. Aber mit Raviod auf ihrer Schulter konnte sie sich nicht umdrehen. Behutsam ließ sie ihre Last nach vorne gleiten und legte den zusammengesunkenen Körper auf die Treppenstufen vor sich. Dann zog sie beide Schwerter aus der gemeinsamen Scheide. Das eine, dessen Heft über ihre Schulter ragte, und das andere, dessen Griff an der gegenüberliegenden Hüfte ruhte. Teklija wusste, welchen Eindruck diese einstudierte, elegante und schnelle Bewegung auf jemanden machte, der freien Blick auf ihren Rücken hatte.

    Als sie sich schließlich umdrehte, stand der Mann mit dem geschwollenen Auge vor ihr und mit einem Blick auf seine Haare erkannte sie schließlich den Angeber.

    »Also?«, fragte sie.

    »Was hast du mit ihm vor?«, fragte er mit schlecht verborgener Nervosität.

    »Ich werde ihn in Sicherheit bringen«, erklärte sie.

    »Wohin?«

    »Was macht dich vertrauenswürdig genug für dieses Wissen?«

    »Ich bin sein Freund!«

    Die Wächterin nickte. »Ich bedaure, aber im Moment kann er das nicht bestätigen.«

    Er starrte sie an.

    »Geh jetzt«, fügte sie hinzu.

    Im Sprung zersplitterte erneut etwas und eine laute Stimme begann Befehle zu erteilen. Mit dem Angeber vollzog sich eine erstaunliche Veränderung. Er machte einen Schritt auf Teklija zu.

    »Hör mal, du bist nicht von hier, das merkt man sofort. Du hast keine Ahnung, wie es hier läuft, was für Probleme Ruben hat und vor wem man sich deshalb in Acht nehmen sollte, und wir haben ganz sicher keine Zeit mehr für gemütliche Plaudereien. Außerdem bist du allein. Aber ich kenne mich aus, ich weiß, wo wir sicher sind. Und ich bin Arrian der Angeber.«

    Er hatte schnell gesprochen, holte jetzt einmal tief Luft und sah ihr herausfordernd in die Augen.

    Eigentlich hatte Teklija ihm gar nicht zugehört, sondern sich um die Wandlung der Stimmung in der Taverne gesorgt, aber dann hatte sie doch verstanden, was er sagte, weil es genau ihren eigenen Gedanken entsprach: Du bist allein. Du weißt nicht wohin. Dein Zadih hat viele Gegner. Sie hatte keine Zeit mehr für Misstrauen.

    Aber ein Angeber?

    Er gehörte zum Treuen Volk. Aber er kennt meinen Namen nicht, erinnerte sie sich und war außerdem sicher, den schmalen Mann jederzeit abhängen zu können.

    Sie schob ihre Schwerter zurück in die Scheide, schulterte Raviod, zog zwei handliche Dolche und sprintete die Treppe hinauf. »Du deckst Ruben Raviod!«

    In den Tunneln auf halber Höhe des Kreuzes war vom Treiben auf Stein, Wasser und Holz kaum etwas zu hören. Sehr laut klang daher das Knarren, mit dem die schwere Holztür einen Spalt breit aufschwang. Viele hastige Herzschläge lang tat sich nichts weiter. Dann stahl sich eine kleine Hand um die Tür und drückte sie weiter auf, bis ein schmales Mädchen im grauen Kittel hindurch schlüpfen konnte. Der Tunnel lag in düsteren Schatten, nur vom Ausgang fiel blendend helles Licht hinein. Vor diesem Leuchten war der massige Mann, der im Schlaf an der Wand heruntergesunken war und den Gang versperrte, kaum mehr als ein weiterer konturloser Schatten. Dem Mädchen erschien er mit seinem enormen Kugelbauch und dem schmatzenden, unregelmäßigen Schnarchen und Atmen schreckenerregend wie ein Seeungeheuer. Nur sein Geruch nach Schweiß und Zwiebeln rückte ihn in die Nähe menschlicher Wesen.

    Lange betrachtete das Kind den Schlafenden, eine Hand noch an der Tür hinter sich, bis sie die Lippen zusammenpresste und entschlossen fünf Schritte in die Dunkelheit zurückwich.

    Fünf Schritte Anlauf, dann sprang sie über die Beine des Schlafenden und lief zum Licht.

    Im Ausgang blieb sie stehen. Tausend Brücken, Seile und Häuser verstopften den Abgrund zwischen den Felsen. Die Menschen drängten sich an Orten, an denen sich einzig Vögel wohlfühlen sollten. Nur an wenigen Ecken Duremms wurde es jemals blendend hell, trotzdem blinzelte das Mädchen in Licht und Lärm. Sie schaute sich um, einmal, zweimal und dann zurück in den Tunnel. Wieder wurden ihre Lippen zu einem konzentrierten Strich. Sie rannte nach rechts davon. In den Schatten wandten sich drei gleichförmige Gestalten ab, die tiefer im Felsen verschwanden. Gleichgroß, gleichbreit. Die gleichen grauen Kutten, die gleichen Kapuzen, die gleichen weichen Tücher vor dem Gesicht, die nur die Augen frei ließen. Dreimal die gleichen, unausgesprochenen Überzeugungen: Kinder zu stehlen war Unrecht. Niemand wusste das besser als sie. Das Mädchen hatte eine Chance verdient.

    Aber es gab auch Verträge.

    Ein Luftzug, angenehm kühl in der Wüstenhitze, strich in den Tunnel und schlug die Tür zu. Der Schlafende verschluckte sich und erwachte.

    Der Angeber überholte Teklija, sobald sie die Brücke erreicht hatten. Aber bevor sie ihn zurechtweisen konnte, rief er über die Schulter: »Ich weiß wo’s langgeht, Schönheit! Sorg du einfach für Ruben und bleib mir auf den Fersen.«

    Er ignorierte ihre Befehle! Wenn die Lage ruhiger war, würde Teklija einen Filetstrang aus seinem Rücken schneiden.

    Dann bemerkte sie, wie rutschig der Boden unter ihren Füßen war, verbannte die Wut und konzentrierte sich erneut auf ihre Arbeit.

    Arrian führte sie nach unten, dem Wasser und der Dunkelheit entgegen. Immer wieder hörten sie hinter sich die polternden Schritte und wütenden Rufe ihrer Verfolger, mal näher, mal weiter entfernt. Verbissen schweigend liefen sie durch Duremm, hielten sich fern von den Steinen, blieben im unübersichtlichen Mobile der Brücken und schwebenden Hütten. Über Stufen, Leitern und manchmal auch einfache Taue kletterten sie, immer den Schatten und dem Brausen des schwarzen Wassers entgegen. Die Leute wichen zur Seite, sobald sie den Gesichtsausdruck und die Waffen in den Händen der Wächterin sahen.

    Aber je näher sie dem Kreuzmarkt kamen, desto schwieriger wurde es. Die Menschen drängten sich halb nackt und schwer beladen oder in flatterigen Stoffen mit nicht mehr Gepäck als einer Geldkatze auf den schmalen Wegen.

    Grüße und Handzeichen flogen zwischen den Brücken hin und her. Flaschenzüge hievten knarrend ganze Ballenketten in die Höhe. Zitternd, zeternd und rechnend standen Händler daneben. Kinder johlten bei ihren Kletterspielen über dem Nichts.

    Flüche verfolgten sie, als Teklija und Arrian durch die Reihen brachen. Die Leute sprangen zur Seite und waren plötzlich mit der schwierigen Entscheidung konfrontiert, sich selbst oder ihre Bündel festzuhalten.

    Teklija sah sich zu einem Stakkato exakter, kurzer Schritte gezwungen, wollte sie weder ausrutschen noch umgeworfen werden.

    Die schwüle Luft roch immer wieder nach Zuhause. Relven lebte vom Handel, Duremm lebte vom Handel. Es war kaum verwunderlich, trotzdem zog sich Teklija jedes Mal das Herz zusammen, wenn sie ein Hauch von feuchter Wolle, von Zitrusfrüchten oder Rosenöl streifte.

    Du hast eine Aufgabe, ermahnte sie sich. Keine Ablenkungen.

    Der Angeber vor ihr war ein springender Schatten.

    Ruben

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