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Epona - Die Pferdegöttin

Epona - Die Pferdegöttin

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Epona - Die Pferdegöttin

Länge:
564 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 2, 2015
ISBN:
9783944587820
Format:
Buch

Beschreibung

Vor 2700 Jahren …

In einem eiskalten Wintersturm wird sie im Zeichen des Pferdes geboren, Epona, die Tochter der Göttin. Mit vierzehn Jahren bricht sie auf in das Land des Sonnenaufgangs, die Steppe, wo die Mutter aller Pferde lebt, die weiße Stute und ihr Geliebter, der schwarze Hengst. Eponas Aufgabe ist es, den Stämmen das Heilige Pferd zu bringen. Zwei Männer begleiten Epona auf der gefährlichen Reise: Der schweigsame Caled, der von der Göttin zu ihrem Beschützer bestimmt wurde und Lugur, der Herzlose …
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 2, 2015
ISBN:
9783944587820
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Epona - Die Pferdegöttin - Ulrike Dietmann

1

Luaide ahnte, dass ihr nur noch wenige Atemzüge blieben, bevor sie sterben würde. Vielleicht war es das, was die Göttin verlangte. Dann würden Rigana und die anderen Alten ihr den Bauch aufschneiden und das Kind herausholen, das Heilige Kind. Luaide sah das Messer in Riganas Hand blitzen und begriff, was die Alte damit vorhatte. Sie werden nicht warten, bis ich tot bin, dachte sie. Eine neue Welle des Schmerzes überrollte Luaide mit der nächsten Wehe und raubte ihr die letzte Kraft. Ich flehe euch an, lasst mich so lange leben, bis ich das Kind gesehen habe.

Das Wasser!, schrie Teaglach und presste sich mit aller Macht gegen die Tür. Aber der Jüngling konnte dem Wind, der die Tür von außen einzudrücken drohte, kaum etwas entgegensetzen. Zu seinen Füßen bahnte sich ein Rinnsal den Weg über den Lehmboden des Versammlungshauses. Das Rinnsal breitete sich zu einer Lache aus und einen Atemzug später war es zu einem Strom angeschwollen.

Flieht! Der Fluss wird das Haus mit sich reißen und uns darunter begraben!

Die Frauen und Männer, die Kinder und Alten, die im Versammlungshaus Zuflucht gesucht hatten, griffen in wilder Panik nach ihren Habseligkeiten und drängten zum Ausgang. Luaide sah, dass Rigana sich nicht entscheiden konnte, ob sie das Kind noch vor der Überflutung aus ihrem Leib holen oder die Gebärende mit sich schleppen sollten. Sobald die Türe geöffnet wurde, schoss das Wasser in einem großen Schwall herein und durchnässte das Strohlager, auf dem Luaide gebettet war. Zwei Frauen packten sie unter den Armen. Die Flut! Weg! Weg! Luaide suchte mit den Füßen Halt, aber sie glitt auf dem nassen Stroh aus.

Ihre Lederfußlinge sogen sich mit Wasser voll und das Stroh, auf dem sie gelegen hatte, wurde von der schmutzigen Brühe weggeschwemmt. Halb ohnmächtig ließ sich Luaide von den Frauen mitschleifen, während sie spürte, wie sich die nächste Wehe näherte.

Achmanon, der Häuptling des Mondanbeterstammes, blieb bis zuletzt. Er schleppte die Kranken, die kaum gehen konnten, mit Hilfe von ein paar anderen Männern hinaus. Da sah er, dass eine der Wände nachgab.

Lauft!, schrie er die Männer an. Es stürzt ein! Mit letzter Not brachte er sich selbst in Sicherheit. Einer der Männer und zwei Hand voll der Kranken blieben im Versammlungshaus zurück, als die Wände unter der Wucht des anstürmenden Wassers einknickten, und das Dach des Hauses über ihnen niederging. Achmanon suchte unter den Trümmern nach den Verschütteten, so lange, bis er sich selbst in Schutz bringen musste, weil der Wind die losen Teile wie Steinbrocken gegen ihn schleuderte. Er folgte den Fliehenden, die im Schneetreiben verschwunden waren.

Luaide spürte, wie das Kind aus ihrem Leib drängte.

Lauf, schrien die Frauen, aber Luaide hatte die Herrschaft über ihre Beine verloren. Sie fiel in den Schnee, die Frauen zerrten sie wieder hoch. Sie musste einen geschützten Ort finden, um das Kind zur Welt zu bringen. Aber wo? Die Stammesmitglieder flohen den Hang hinauf, um sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen. Unten im Dorf würde keine der Hütten dem Wasser standhalten. Der Wind peitschte ihr den Schnee ins Gesicht. Lange werde ich nicht mehr durchhalten, dachte sie, ich kann nur noch auf ein Wunder hoffen. Große Göttin! Gütige, Sanftmütige, Liebende, Gebärerin, Schöpferin, steh uns bei. Wir vertrauen auf deine unergründliche Weisheit und Kraft.

Das Ende, dachte Achmanon. Es ist das Ende. Es gibt keinen Ort, an den wir fliehen können. Im Wald werden uns die umstürzenden Bäume erschlagen. Draußen werden wir im Sturm untergehen. Der Weg zur Höhle ist zu steil, um sie in der Dunkelheit und bei diesem Wetter zu erreichen. Er sah, dass Teaglach, der Sohn seines Bruders, neben ihm auftauchte.

Wohin?, hörte er ihn durch den Sturm schreien.

Ich weiß es nicht.

Was sollen wir tun?

Wir können nichts tun. Wir werden sterben. Eine Lähmung erfasste Achmanon, als er die letzten Worte aussprach. Er wusste, dass der Herr der Anderswelt seine Hand nach ihm ausgestreckt hatte. Seine Glieder erstarrten und er war unfähig, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Eine grauenhafte Angst packte ihn, nicht um sein eigenes Leben, sondern um das seines Stammes. Er hatte sein Leben dem Schutz des Stammes gewidmet und nun konnte er nichts mehr für ihn tun. Während sein Körper immer schwächer wurde, begriff er, dass er seinen Stamm nicht wiedersehen würde. Sein Leben als Häuptling der Mondanbeter ging zu Ende. Ein unsäglicher Schmerz erfasste ihn, darüber, dass er sie im Stich lassen musste. Dafür gab es keinen Trost. Wie sehr hatte er sie geliebt, wie sehr hatte er für sie gekämpft und jetzt war alles verloren.

Was ist?, hörte er Teaglach.

Lass mir einen Augenblick Ruhe, erwiderte Achmanon und Teaglach gehorchte. Der Häuptling sank in den Schnee und spürte, wie ihn die letzte Kraft verließ. Eine große Ruhe breitete sich in ihm aus. Mitten im Sturm, ohne Hoffnung, weitete sich sein Blick. Nicht nur sein Stamm, alle Stämme der Göttin waren verloren. Das Zeitalter der Heiligen Hochzeit zwischen der Göttin und dem Hirschkönig neigte sich dem Ende zu. Die neuen Siedler breiteten sich immer mehr aus und unterwarfen die Eingeborenen ihrer Herrschaft. Sie kannten nicht die Güte der Göttin, die wie eine Mutter für alle ihre Kinder sorgte. Sie verehrten einen Gott des Krieges und der Gewalt. Nicht einmal Dana, die Große Mutter, hatte die Macht, den Lauf der Dinge aufzuhalten.

Mitten im Sturm hörte er Ihre süße Stimme, als spräche Sie ein letztes Mal zu ihm.

Geh zur Quelle, hörte er Sie flüstern.

Zur Quelle?

Er spürte, wie etwas Kraft in seine Glieder zurückkehrte. Aber es waren nicht seine Beine und Arme, nicht sein Kopf und sein Rumpf, es war nicht sein Körper, der sich zögerlich bewegte. Achmanon kannte diesen Körper nicht, der sich in ihm rührte, der sich schließlich erhob und seine großen, starken Muskeln dehnte und mit großen, kräftigen Schritten ausholte.

Obwohl sie noch nicht geboren war, kannte sie ihren Namen: Epona, das Kind des Pferdes. Sie kannte auch die Dauer ihres Aufenthalts auf der Erde. Sie sah die Dunkelheit, in die sie geboren wurde und Traurigkeit erfüllte sie. Es war nicht die Traurigkeit der Göttlichen, die Abschied nehmen musste vom Paradies, es war eine Menschentrauer. Und Epona wusste, dass sie dabei war, ein Mensch zu werden. Für die Menschen gab es, anders als für die Götter, keinen Trost, ihre Traurigkeit war unentrinnbar wie der Atem, der ihnen Leben einhauchte. Sie hatten die Gabe verloren, das Licht der Göttin zu sehen und waren darüber untröstlich. Sie kannten nur noch den Widerschein des Lichts, seinen Schatten.

Epona sah, wie ihr Vater, Achmanon, mit dem Tiergeist kämpfte. Er kämpfte darum, in seine menschliche Gestalt zurückzukehren. Aber das war nicht möglich. Denn die Göttin wollte es so. Achmanon war ein starker Führer, aber er würde seinem Volk erst dienen, wenn er sich der Göttin ganz hingab. Nur dann würde sein Kind auf die Welt kommen. Erst wenn Achmanon sich ganz dem Licht der Göttin hingab, würde sich die Geburt vollziehen.

Der Schmerz ihres Vaters glich dem Schmerz ihrer Mutter. Ihre Mutter und ihr Vater gebaren mit demselben Schmerz das Göttliche Kind. Während Achmanons Seele sich dem Licht näherte, verließ Eponas Seele wehmütig den geborgenen Schoß der Göttin. Sie weinte über die Schönheit, die sie zurücklassen musste, sie trank ein letztes Mal von der Reinheit der Heiligen Quelle und segnete die Wesen, die den Garten der Göttin bewohnten. Sie sog die Liebe der Heiligen Pferde in sich auf.

Während die Erinnerung an den Garten der Göttin verblasste, erschien das Antlitz des Jünglings vor ihr. Seine Augen sprachen von noch größerer Trauer, als der Trauer, den Garten der Göttin verlassen zu müssen. Der Jüngling lebte in dieser Welt, in die sie eintreten würde. Sein Verstand wusste nichts vom Garten der Göttin. Nur seine Seele kannte ihn und seine Seele wartete auf sie. Epona studierte sein Gesicht. Seine Lider waren schwer von der Last seines Schmerzes, sein Herz noch schwerer, seine Seele gefangen in einem dunklen Gefängnis. Sie sah, wie er die Hand nach ihr ausstreckte. Seine Hände berührten ihre Hände und die Wände des Gefängnisses bröckelten. Epona spürte die Liebe und den Stolz dieses Mannes. Seine Liebe rief nach ihr, seine Seele verzehrte sich nach ihr und ihre Seele antwortete auf den Ruf wie eine Stute auf den Ruf des Hengstes. Sie erfuhr seinen Namen: Caled, der Unbeugsame. Deine Liebe ruft mich, dachte sie. Wegen dir komme ich. Du bist der Grund, warum ich den Garten zurücklasse und in die irdische Welt hinabsteige.

In diesem Augenblick sah Epona, dass Achmanon den Kampf aufgegeben hatte. Sein Körper hatte sich vollkommen in die Gestalt des schwarzen Hengstes verwandelt und Epona erkannte, dass das Gesetz erfüllt war. Der Leib ihrer Mutter öffnete sich und Epona glitt hinaus in die Welt.

Achmanon? Teaglach suchte nach dem Häuptling, den er auf seinen Wunsch hin zurückgelassen hatte. „Achmanon!" Er kehrte zu der Stelle zurück, wo er ihn zuletzt gesehen hatte. Sein Blick fiel auf die Pelzmütze des Häuptlings, die halb vom Schnee begraben war. Er verscheuchte die Hunde mit einem Stock und fand neben der Mütze Federn, Steine und das Mondamulett des Häuptlings, die Zeichen seiner Macht. Aber wo war der Häuptling? Hatte ein Tier ihn gerissen und fortgeschleppt? Teaglach wurde von einer großen Trauer befallen und sank auf die Knie. Da sah er, im Nebel, ein großes schwarzes Tier stehen, aus dessen Nüstern der Atem aufstieg. Teaglach erstarrte vor Ehrfurcht und senkte den Blick, denn er wusste, er hatte ins Antlitz des Göttlichen geblickt und er begann zu beten und die Göttin um Schutz für seine Seele anzuflehen.

Er hörte die Stimmen seiner Stammesbrüder durch den Sturm zu ihm dringen.

Das Kind, riefen sie. Das Kind ist geboren!

Noch einmal hob Teaglach den Blick auf das dunkle Tier und ihm war, als verlange das Tier von ihm, zu schweigen und diese Begegnung für sich zu behalten. Er erinnerte sich an eine Geschichte, die die Alten am Feuer erzählten. In der hieß es, dass das Schwarze Pferd erscheine, wenn das Göttliche Kind, das Kind des Pferdes geboren werde. Teaglach verneigte sich von maßloser Demut gepackt vor dem Pferd, dann eilte er seinem Stamm hinterher.

Luaide hielt das Kind in den Armen und spürte eine so tiefe Glückseligkeit wie nie zuvor. Sie zog das Tuch von ihren Schultern und wickelte das Neugeborene darin ein. Ihre Stammesbrüder und -schwestern drängten sich um sie. Sie wollten das Kind sehen, sie bildeten einen Ring um das Kind, um es mit der Wärme ihrer Körper zu schützen. Noch mehr Wärme ging von dem winzigen Wesen selbst aus, das sie fest umschlungen hielt. Das Wehklagen, das den Stamm erfüllt hatte, seit der Winter angebrochen war und sie ihre Hütten nicht heizen konnten, weil die Siedler alles Holz geraubt hatten, und sie nichts zu essen hatten, weil die Siedler alle Vorräte geraubt hatten, verwandelte sich in einen unaussprechlichen Jubel. Eine Woge der Hoffnung erfasste alle von den Kindern bis zu den Alten. Neue Kraft blühte auf und es schien, als ob sie gerettet wären. Die Göttin hatte ihr Versprechen wahr gemacht.

Zur Höhle, riefen sie. Lasst uns zur Heiligen Höhle aufsteigen und der Göttin das Kind bringen. Plötzlich schien der Weg nicht mehr weit.

2

Der Wind peitschte ihm den Schnee waagerecht ins Gesicht. Eiswasser lief an seinen Wangen hinunter und drängte in alle Öffnungen seines Gewandes. Am Mittag war Albignion aufgebrochen mit einem Heer von fünfhundert keltischen Kriegern. Er hatte sie um sich versammelt wie einen Mantel, der ihn schützen sollte. Am Mittag war der Sturm noch ein gewöhnlicher Winterwind gewesen. Jetzt war er ein Orkan. Es war kein natürlicher Orkan, wie er manchmal um diese Jahreszeit die Siedlung heimsuchte. Es war ein Krieg zwischen den Göttern, die sich nicht um den Willen der Irdischen scherten. Er, Albignion, der Eichenpriester der stolzen Kelten, war Teil dieses Kampfes der Götter, der vor neun Monden begonnen hatte, als Albignion zum ersten Mal Kunde von der Ankunft des Heiligen Kindes erhalten hatte. Der Wind hatte ihm davon erzählt und die Raben, die Wölfe, die Fische, die Bären und zuletzt der Göttliche selbst.

In seinem Rücken hörte Albignion die knirschenden Schritte der Männer. Es genügte nicht, die Eingeborenen zu versklaven, ihr Geist war unbeugsam, er musste einen Weg finden, ihren Geist zu brechen. Er musste einen Weg finden, dieses Kind zu töten. Anders würde es den Kelten nicht gelingen, sich auf diesem Land niederzulassen und es zu beherrschen. Eine Böe erfasste Albignion und er klammerte sich mit letzter Kraft an einen Baumstamm.

Er kannte die Mordlust der Krieger, die immer bereit waren, auszuziehen und zu brandschatzen, aber nun hatte sich ihre Mordlust gegen ihn gewandt. Der Sturm war zu gewaltig, er machte sie irre. Sie spürten, dass sie gegen den Willen der Götter ohnmächtig waren. Sie klapperten mit den Speeren gegen ihre Schilde. Männer, deren Leben in seinen Händen lag. Ihr Vertrauen in ihn als ihren Anführer begann zu bröckeln, sie wussten nicht, wofür sie kämpften und er konnte es ihnen nicht nahebringen, weil ihr Feind unsichtbar war. Nicht mehr lange und sie würden über ihn herfallen und ihn in Stücke reißen, wenn er nicht umkehrte und sie in die Siedlung zurückbrachte.

Weiter!, brüllte Albignion. Das Heilige Kind der Sonnwende muss sterben oder wir werden sterben. Wollt ihr untergehen? Wollt ihr Sklaven der Göttin sein?

Die Krieger hörten ihn nicht. Weiter!, brüllte Albignion. Als hätte Hu Domnhall, der Göttliche, Erbarmen mit ihm, kam der Sturm für einen Augenblick zum Erliegen und eine unheimliche Stille breitete sich über dem Tal aus. Der Nebel lichtete sich und öffnete den Blick auf die vom Sturm zerstörten Hütten und Vorratsspeicher der Eingeborenen. Das Tal war überschwemmt von reißendem Wasser, das alles mit sich fortgespült hatte. Der Sturm hatte die Arbeit, für die sie gekommen waren, schon vollbracht. Aber hatte er auch das Kind getötet?

Albignion war, als könne er seinen eigenen Herzschlag hören, die Dunstwolken seines Atems stiegen vor ihm auf. Die Männer erkannten die Lage, ein düsteres Gemurmel erhob sich und sie begannen sich abzuwenden, um sich auf den Rückweg zu machen, nachdem sie gesehen hatten, dass hier nichts mehr zu tun war.

Das Kind. Es lebt, stieß Albignion hervor. Er wusste nicht, woher er die Gewissheit nahm, aber er war sich sicher. Sie hatten es versteckt, sie waren mit ihm geflohen. Jeden, der umkehrt, werde ich verfluchen und dem Heiligen Feuer übergeben, sagte Albignion. Endlich hörten sie ihm zu. Wenn sie auch den Tod im Kampf nicht fürchteten, so fürchteten sie doch den Tod in den Flammen des Zornigen Gottes.

Teaglach lief dem fliehenden Stamm hinterher. Er war einer der Letzten und sorgte dafür, dass keiner zurückblieb. Er hörte die Hunde laut bellen, drehte sich um und erstarrte vor dem Anblick, der sich ihm bot. Die Frauen und Männer des Mondanbeterstammes hatten den halben Weg hinauf zur Höhle zurückgelegt, aber der beschwerlichere Teil lag noch vor ihnen. Das Mondlicht fiel durch einen Felsspalt in die Schlucht und am Fuß des Steilhangs sah Teaglach ein Heer von unzähligen keltischen Kriegern und er wusste, dass sie gekommen waren, sie zu vernichten.

Teaglach, riefen seine Stammesgenossen und er folgte ihnen, als sei nichts geschehen. Sie konnten nicht fliehen. Wenn die Kelten sich entschlossen hatten, sie zu töten, würden sie es tun, heute Nacht oder morgen oder an jedem anderen Tag. Bislang hatten sie das Volk der Mondanbeter verschont, denn die Mondanbeter galten als Heiliges Volk. Aber jetzt gab es keine Zuflucht mehr, nein. Er würde seinen Stammesbrüdern nur unnötige Kraft rauben, wenn er sie in Panik versetzte. Sie brauchten jetzt alle Kraft, um zur Heiligen Höhle zu gelangen. Nichts war wichtiger als der Göttin das Kind zu bringen. Die Göttin würde sie beschützen, einen anderen Schutz gab es nicht.

Die Männer strömten aus, um Feuerholz zu sammeln, die Frauen schmolzen Schnee in Krügen und Schüsseln, die sich in der Höhle befanden und bereiteten Tee mit Kräutern.

In der felsigen Wand, am hinteren Ende der Höhle, befand sich eine Nische, die von einem Talglicht beleuchtet war. In der Nische stand das Pferd aus Mammutgebein, nicht größer als ein ausgestreckter Daumen.

Endlich! Endlich! Luaide fiel vor der Statue nieder und hielt dem Heiligen Pferd, dem Antlitz der Göttin, das Geschenk entgegen, das Sie ihnen in Ihrer übergroßen Liebe gemacht hatte.

Große Mutter, betete Luaide. Oh, Große Gebärerin des Lichts. Du hast Dein Versprechen gehalten und uns Dein Kind geschenkt.

Die Frauen bereiteten ein Lager aus Fellen und legten das Neugeborene darauf nieder. Der ganze Stamm fiel auf die Knie vor dem Kind und betete und sang und schrie und flehte die Göttin an, dass Sie das Kind und seine Mutter und seine irdischen Brüder und Schwestern beschützen möge. Sie flehten die Göttin an, sie vor dem Tod zu bewahren, vor der Gewalt der keltischen Siedler, vor der Kälte und dem Sturm. Ihre Schreie und Gebete hallten von den Wänden wider.

Oh, Große Mutter, beschütze Dein Kind.

Beschütze die Retterin. Die Befreierin.

Die Krieger stürmten in die Höhle mit gezogenen Schwertern, mit aufgestellten Speeren, mit Schreien, die jedes Gebet erstickten. Köpfe fielen von den Schultern wie Äpfel, so scharf waren ihre Klingen, ihre Messer, ihre Dolche. Blut spritzte an die Wände der Heiligen Höhle. Kinder pressten sich an ihre Mütter, Alte brachen zusammen vor dem Ansturm der Leiber. Es ging so schnell, dass Luaide zuerst wie gelähmt dastand. Dann packte sie das Kind und drängte mit ihm zum Ausgang.

Ein Mann tauchte auf im Gewand des keltischen Priesters. Sie spürte seine geistige Macht und wusste augenblicklich, dass er der Anführer war und warum er gekommen war. Er zog einen Dolch und holte blitzschnell nach dem Kind aus.

Nein! Luaide presste das Bündel an sich und warf sich in die Menge, die zum Ausgang der Höhle drängte. Der Druide folgte ihr und packte sie an den Haaren. Er riss sie zurück. Luaide drehte sich um. Um ihn von sich zu stoßen, streckte sie eine Hand nach ihm aus, während sie mit der verbliebenen Hand das Bündel umklammerte. Sie stieß ihn zurück, er stolperte, aber war schnell wieder auf den Füßen. Sie sah, wie er mit dem Messer ausholte und mit der Klinge die Brust des Kindes berührte. Da warf sich Rigulla, die Alte, dazwischen, sie stellte sich schützend vor das Kind und das Messer traf ihren Rücken. Ihr lebloser Körper glitt an Luaide herunter und sank zu Boden. Luaide rannte weiter, sie hatte den Ausgang der Höhle beinahe erreicht, da sah sie Steinbrocken von den Wänden der Höhle fallen. Sie sah, wie die Krieger und auch Angehörige ihres Stammes von den Steinen getroffen zusammensanken. Sie hörte ein Geräusch, das wie Donner klang und aus dem Innern des Berges zu kommen schien. In großer Panik liefen alle, Stammesmitglieder und Krieger, zum Höhlenausgang. Es schien, als hätte ein Erdbeben die Höhle erschüttert. Auch Luaide wollte hinauslaufen, aber draußen fielen noch mehr Steine. Sie presste sich in eine Ausbuchtung, um das Kind vor den herabstürzenden Steinen zu schützen. Wieder hörte sie das Grollen, diesmal noch lauter, und lauter und lauter.

Albignion machte einen Schritt aus der Höhle hinaus und spürte kurz darauf, wie etwas Spitzes ihn am Hinterkopf traf. Blut rann seinen Nacken entlang. Er hörte die Krieger aufbrüllen. Schnee rutschte von oberhalb des Hangs auf sie herunter. Es geschah blitzschnell. So schnell, dass Albignion nicht ausweichen konnte. Eine große Schneewand hatte sich durch die Erschütterung gelöst und mit ihr fielen Eiszapfen herab, hart wie Steine und spitz wie Dolche. Der Platz vor der Höhle war nicht breiter als ein Ochsenkarren. Dahinter fiel der Fels steil ab in eine Schlucht. Albignion klammerte sich an die Äste eines Busches, aber der Busch wurde von den Schneemassen mitgerissen. Sein Fuß hing in einer Wurzel, seine Hände krallten sich fest am blanken Stein. Er sah, wie die Krieger, von der Lawine mitgerissen, in die Tiefe stürzten wie vom Wind abgerissene Blätter. Einige wurden gegen den Fels geschleudert. Er hörte ihre Todesschreie. Die Wurzel gab nach und Albignion fiel ins Bodenlose.

Albignion wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er aufwachte. Es war totenstill. Ein dünner Wind wehte über den Boden der Schlucht, wo der herabgestürzte Schnee unregelmäßige Haufen bildete. Albignion sah einen Uhu, der seine Bahnen am Nachthimmel zog. Verwundert stellte er fest, dass er seine Arme und Beine bewegen konnte. Er hatte geglaubt, seine Knochen wären in tausend Stücke zersprungen. Er schaufelte sich mit den Händen frei und ertastete etwas Warmes unterhalb von sich. Es war der Körper eines toten Kriegers, auf den er gefallen war und dessen weicher Leib ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hatte.

Albignion sandte einen Schrei in die Dunkelheit hinaus, aber er erhielt keine Antwort. Die Krieger schienen vom Schnee begraben worden zu sein. Er entdeckte ein fahles Licht in der Ferne, das sich langsam auf ihn zubewegte. Gab es Menschen, die zu dieser Zeit unterwegs waren? Albignion wusste, dass das kaum möglich war in dieser abgelegenen Schlucht, aber er klammerte sich an diese einzige Hoffnung. Je näher das Licht kam, desto heller wurde es. Albignion hielt sich schützend die Hand vor Augen, weil das Licht so sehr blendete. Kalte Angst kroch seinen Rücken hoch, er hatte nie zuvor ein solches Licht gesehen. Aus der Mitte des blendenden Lichts trat ein Tier hervor, ein blendend weißes Pferd von so großer Schönheit, dass es ihm den Atem raubte. Ein Zittern lief über das Fell des Pferdes. Es blähte die Nüstern und sog den Geruch ein, den der Wind zu ihm hintrug.

Übermütig warf es den Kopf in den Nacken und seine Mähne flog auf wie der Flügel eines Vogels. Seine Mähne war weiß, glitzernd weiß wie der Schnee, auf dessen Oberfläche sich das Licht in unzähligen Kristallen brach. Das weiße Pferd blieb stehen, nur einen Huf breit von Albignions Kopf entfernt, der aus dem Boden ragte, während der Großteil seines Körpers noch im Schnee begraben war. Das Auge des Pferdes war in die Ferne gerichtet. Albignions Herz schlug ihm bis zur Brust, aus Angst, dass das Pferd ihn mit einem Tritt seines Hufes töten würde. Das weiße Pferd stampfte mit seinem Huf dreimal auf dem Boden auf. Da wusste er, dass die Göttin der Eingeborenen erschienen war. Sie war gekommen, um Ihr Kind zu schützen. Sie war gekommen, weil er versucht hatte, das Kind zu töten, das Heilige Kind. Weil er das Heilige Volk angegriffen hatte.

Das Pferd ließ den Huf wieder sinken. Dann machte es kehrt und preschte davon mit wehendem Schweif.

Der Sturm verzog sich und am nächsten Morgen schmolz der Schnee.

3

Ja, zeig's ihm! Zeig’s dem Bastard!

Geschickt und mit der Wendigkeit eines Fisches wich Caled den Schlägen aus. Als Lugurs Schwert ins Leere stieß, holte er aus und ließ das Schwert seines Gegners in hohem Bogen durch die Luft fliegen. Lugur, der Sohn des Fürsten, lag vor seinem Sklaven im Staub und jaulte wie ein geprügelter Hund.

Steh auf!, herrschte Caled ihn an.

Lugur stemmte sich ächzend auf die Beine, schnappte sein Schwert und rannte mit blutunterlaufenem Blick los. Ihre Schwerter krachten aufeinander, dann gelang es Lugur irgendwie sein Schwert zu befreien. Kurz darauf spürte Caled einen reißenden Schmerz, der von unten nach oben seine Brust aufriss. Er fühlte das warme Blut fließen. Die Zuschauer brüllten sich die Kehle aus dem Hals in der bis zum Bersten gefüllten Arena. Sie liebten es, dem gut gebauten Sklaven, dem Sklaven mit dem todesverachtenden Mut dabei zuzusehen, wie er von seinem Herrn aufgeschlitzt wurde. Es war kein fairer Kampf. Caleds Schwert war aus Holz, das des Fürstensohns aus Eisen. Die meisten Sklaven ließen bei diesem Kampf ihr Leben. Nur Caled war es noch nicht gelungen, zu sterben. Die Verletzung reizte seinen Zorn. Er holte aus, zwang Lugur in die Knie. Er konnte ihn nicht ernsthaft verletzen, aber er ließ ihn durch die Arena fliegen wie ein Stück totes Fleisch. Auch wenn die Waffe nur ein Holzschwert war, hätte er Lugur damit den Schädel zertrümmern können. Aber es gab ein Gesetz, das Caled nie übertreten würde: Er würde nie einen anderen Menschen töten.

Schwächling, Feigling, schrien die Zuschauer. Töte ihn!, brüllten sie. Auch wenn Lugur der Sohn des Fürsten war, verachtete ihn das Volk wegen seiner Schwäche und Jämmerlichkeit. Darin waren die Kelten gnadenlos.

Lugur rannte taumelnd auf seinen Sklaven los. Mit dem nächsten Hieb schlitzte er Caleds Wange auf. Caled holte mit dem Fuß aus, trat Lugur in die Brust und stieß ihn in den Staub. Dann stellte er seinen Fuß auf den am Boden Liegenden, entriss ihm sein Schwert und stieß es in die Höhe.

Zwei Riesen packten Caled und schleiften ihn hinaus. Caled bäumte sich gegen die Umklammerung auf, da erschien ein dritter Mann und drosch mit einer Lederpeitsche auf ihn ein. Blut rann über seinen Rücken. Die Zuschauer genossen das Schauspiel seiner Auspeitschung. Caled biss und kickte, bis seine Kräfte erlahmten und er ohnmächtig zusammenbrach.

Am Abend wachte er in einem lichtlosen Bretterverschlag auf. Der Hass stieg von neuem in ihm auf. Hass auf die Kelten, aber mehr noch auf sich selbst. Darauf, dass er es nicht verstand, zu sterben. Mein Volk ist tot, meine Brüder, meine Schwestern, meine Eltern, alle, die ich geliebt habe, wurden abgeschlachtet von den keltischen Mördern – und ich habe es immer noch nicht fertiggebracht, mich von ihnen totprügeln zu lassen. Was ist es in mir, dass ich leben muss, um jeden Preis?

Die Türe des Bretterverschlags wurde geöffnet und Fackellicht fiel in den Kerker. Zwei Männer banden ihn los.

Steh auf. Der Rat der Krieger hat beschlossen, dich zusammen mit den keltischen Jungmännern zum Krieger weihen zu lassen. Sie wollen, dass du für die Kelten kämpfst.

Niemals werde ich für die Kelten kämpfen.

Du hättest dich nicht so kampflustig zeigen sollen. Wenn du erst auf dem Schlachtfeld bist, wirst du kämpfen – um dein Leben.

Die Männer schleiften Caled ins Langhaus der Jünglinge, kleideten ihn in vornehme Beinlinge und ein Lederwams. Sie setzten ihm ein saftiges Stück Wildschwein vor. Ehre sei dir, stolzer Kämpfer, priesen ihn die keltischen Jünglinge. Caled hasste es, wie sie sich über ihn lustig machten.

Tau benetzte den Boden als sie kurz nach Sonnenaufgang aufbrachen, fünfzig Jünglinge. Jedem der Jünglinge war ein erfahrener Krieger, ein Weihemann, zur Seite gestellt.

Der Gehörnte wird euch verschlingen, jammerten und heulten die Mütter, Schwestern und Mädchen, die ihnen bis an den Rand der Siedlung folgten. Sie rissen sich die Haare aus, warfen sich auf den Boden und beteten zu den Göttern. Wenn die geweihten Krieger zurückkehrten, würden sie zu den begehrtesten Jünglingen gehören, die Mädchen würden sie umschwärmen und die Mütter vor Stolz platzen. Niemand durfte sich den Kriegern dann mehr nähern, ohne vor ihnen auf die Knie zu fallen.

Hast du keine Angst vor dem Drachen?, fragte Tisan, ein vor Muskeln strotzender Junge mit verfilzten Haaren, der neben Caled herlief,

Der Drachengott ist der Gott der Kelten. Warum sollte ich mich vor ihm fürchten?, erwiderte Caled. Seine Schritte quietschten im nassen Gras.

Er erscheint auch Ungläubigen.

Ich werde ihm ins Gesicht spucken.

Er wird dich verfluchen.

Ich bin verflucht.

Willst du nicht erfahren, welchen Namen die Götter für dich bestimmt haben?

Ich habe keinen Namen.

Willst du nicht erfahren, welche Aufgabe die Götter für dich bestimmt haben?

Ich habe keine Aufgabe, außer der zu sterben.

Tisan schüttelte den Kopf. Wenn wir auf dem Schlachtfeld sterben, werden wir im Reich der Krieger weiterleben, wo die schönsten Jungfrauen sind, das üppigste Essen, Gefäße aus purem Gold und nie hört die Sonne auf zu scheinen. Wo wirst du sein, wenn du stirbst?

Nicht bei euch.

Für die Tätowierung verwendeten sie eine bräunliche Pflanzenfarbe, die mit spitzen Nadeln in die tiefen Hautschichten gestochen wurde. Vier Männer hielten Caled, zwei an den Händen, zwei an den Füßen, ein fünfter hielt ihm einen Dolch an die Kehle.

Wieder gelang es ihm nicht, zu sterben. Das Zeichen des Kriegers bestand aus einem geflügelten Drachen, dessen Zunge und Schwanz einen Kreis ohne Anfang und Ende bildeten. Die Tätowierung bedeckte die ganze linke Gesichtshälfte. Jeder, der ihm von nun an begegnete, würde ihn als keltischen Krieger betrachten.

Ihr habt mir euer Zeichen in die Haut gebrannt, sagte er. Aber es wird euch nicht gelingen, mir euer Zeichen in mein Herz zu brennen. Haut ist nur eine Oberfläche. Euer Zeichen bedeutet nichts. Ihr seid machtlos. Es wird euch nie gelingen, das Kind zu töten. Das Kind wird kommen und es wird mächtiger als ihr alle sein.

Die keltischen Jünglinge schrien wütend auf und griffen zu ihren Schwertern und Speeren. Das Kind war bald vierzehn Winter alt, und immer noch lebte es. Wie ein unsichtbares Reh floh es, wie ein Vogel, der das Fliegen gelernt hatte, entwischte es den keltischen Spürhunden.

Am nächsten Morgen wurden die Jünglinge voneinander getrennt. Das Ritual verlangte, dass jeder allein den Wald der Einweihung betrat. Die Weihehelfer führten sie bis an den Rand, dann verabschiedeten sie sich. Drei Tage mussten sie im Wald überleben. Sie würden dem Drachengott, Hu Domnhall, begegnen und mussten seine Prüfung erdulden. Einige der Jünglinge schrien vor Angst, als sie allein vor dem unheimlichen Dickicht standen. Seit ihrer Kindheit hatte man ihnen unzählige Geschichten über den Drachengott erzählt, der die Irdischen verschlang, ihnen Beine und Arme abriss, bevor er sie hinunterwürgte.

Du wirst nun allein weitergehen, sagte der Weihehelfer zu Caled. Sein Gesicht war entstellt, von einem Mundwinkel zum Ohr verlief eine Narbe, die er sich in einem Kampf zugezogen hatte. Der Gehörnte wird dir das Herz herausreißen und dir ein neues Herz einsetzen. Zeige nicht den Hauch einer Angst. Sonst wird er dich in tausend Stücke zerreißen und deine Seele wird für immer im Wald gefangen sein.

Caled kannte keine Angst. Endlich war er allein, endlich war er frei. Er sog die kühle Feuchte und die Würze der Kiefern ein. Er gab sich voller Wonne dem Geruch nach Fäulnis und Moder hin, und der Dunkelheit. Er folgte einem Wildpfad, der ihm den Gang durch das Unterholz erleichterte. Bald hatte er eine Quelle gefunden, wo er sich erfrischen konnte. Er scheuchte ein Kaninchen aus seinem Bau, und aß es roh. Der Wald zog ihn immer tiefer in sein geheimnisvolles Herz hinein. Die Dunkelheit schärfte seine Sinne, seine Augen, sein Gehör.

Der Wald war so dunkel wie seine Vergangenheit, die in flüchtigen Bildern vor seinem inneren Auge aufblitzte. Er spürte, wie seine Mutter über sein volles Haar strich. Nachdem die Kelten ihn gefangen genommen hatten, hatten sie ihm seine Haare abrasiert. Er hatte sich mit vielem abgefunden, aber sein Haar vermisste er jeden Tag. Er mochte nicht einmal mit der Hand auf seinen Kopf fassen, so sehr verabscheute er seine Glatze.

Die Stämme der Weißtannen standen so dicht, dass so gut wie kein Licht durchdrang. Ab und an bildeten sich geisterhafte Lichtflecken auf dem Moos. Caled vergaß den Geist, der ihm begegnen sollte, er vergaß, warum er hier war. Er ließ sich treiben mit dem Raunen der Kiefern und dem Rascheln der Tiere im Unterholz. Er hängte sich mit seinem ganzen Gewicht an den Ast einer Eiche, bis er brach. Dann entfernte er die Zweige und schlug sich mit dem Stock durchs Unterholz. Zorn kochte in ihm hoch, er drosch auf die Stämme ein und stellte sich vor, dass er seine keltischen Peiniger schlug – bis ihm siedend heiß einfiel, dass er niemanden schlagen durfte. Das Gesetz seines Stammes lautete: Liebe alle Menschen als deine Brüder.

Sein Blick fiel auf eine Gruppe Sprösslinge, die sich um den dicken Stamm einer Kiefer scharten. Ihm war, als höre er ihre Stimmen, wie die Stimmen von Kindern, die ihn um Hilfe riefen. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass es die Seelen seiner Geschwister waren, die ihn riefen. Er erkannte ihre Stimmen: Megab, Dosud, Talim, sie sprachen zu ihm. Befreie uns aus den Klauen der Feinde. Caled umklammerte seinen Stock. Er sah Flammen aufzüngeln, sie griffen nach seinen Geschwistern aus. Ein Feuer, das Haus, in dem sie wohnten, es stand in Flammen, Menschen verbrannten. Alle, die im Haus waren, verbrannten. Er rannte um sein Leben. Er lebte.

Caled hörte die raschelnden Schritte eines Tieres in seinem Rücken. Ein Keuchen. Das Tier sprang aus der Dunkelheit auf ihn zu. Zwei spitze Hörner standen von seinem Kopf ab, zwei weiße Reißzähne blitzten auf, er sah gelbe Augen. Das Tier war groß wie ein Bär, seine Pranken schwangen durch die Luft. Caled holte mit seinem Stock aus und schlug auf die Bestie ein. Das Tier schlug zurück und er flog rückwärts gegen einen Stamm. Sein Kopf prallte gegen das Holz und ihm wurde schwarz vor Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie das Tier über ihm stand. Es war kein Bär, er hatte nie zuvor ein solches Tier gesehen. Der Gehörnte, schoss es ihm durch den Kopf. Blitzschnell suchte er nach seinem Stock, er fand ihn am Fuß des Baumes und brachte sich in Kampfhaltung. Er dachte an seine Geschwister, an sein Volk, als er ausholte. Er würde sich nicht vom Gott der Kelten töten lassen. Das durfte er seinem Volk nicht antun. Er durfte nicht das Opfer eines fremden Gottes werden. Kräfte, die er nie zuvor an sich gekannt hatte, flossen ihm zu, er wuchs über sich hinaus. Er war immer ein starker Kämpfer gewesen, und diesmal kämpfte er für seinen Stamm, für die Göttin.

Caled merkte, dass seine Kraft nicht ausreichte, um die Bestie zu besiegen. Sie schleuderte ihn hin und her wie ein welkendes Blatt. Ich muss seine Schwachstelle finden, schoss es ihm durch den Kopf. Blitzschnell kletterte er einen Baum hinauf. Von dort oben sprang er dem Ungeheuer in den Rücken und schlug ihm mit voller Wucht ins Genick. Er hatte die Bestie getroffen, sie fiel ächzend ins Laub. Caled stand zitternd vor Erschöpfung da. Sein Gegner rührte sich nicht.

Du darfst keinen Menschen töten, hörte er eine Stimme in seinem Kopf. Wenn du es tust, bist du für immer ein Ausgestoßener.

Aber es ist kein Mensch, rief Caled voller Angst und bückte sich zu der Bestie hinunter. Er betastete den leblosen Körper, untersuchte ihn von oben bis unten. Seine Finger tauchten in Blut. Er schmeckte das Blut. Kann ein Geist Blut haben, fragte er sich. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu.

"Wenn ihr einen

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