Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

DSA 55: Blutrosen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 55

DSA 55: Blutrosen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 55

Vorschau lesen

DSA 55: Blutrosen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 55

Länge:
382 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
10. Jan. 2013
ISBN:
9783868896527
Format:
Buch

Beschreibung

Nach Borbarads Ende greift Prinzessin Dimiona nach der Macht im Land der Ersten Sonne. Ein Verräter, der die Geheimnisse der göttertreuen Verteidiger kennt, stellt seine Rachsucht in den Dienst der neuen Herrin. Muss die Hoffnung unter Dornenranken ersticken, wenn im Land Oron die Blutrosen blühen?

Dieser Roman setzt die Handlung aus "Sphärenschlüssel" fort.
Herausgeber:
Freigegeben:
10. Jan. 2013
ISBN:
9783868896527
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie DSA 55

Titel in dieser Serie (40)

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

DSA 55 - Heike Kamaris

Titel

Jörg Raddatz & Heike Kamaris

Blutrosen

Aranische Nächte

Teil 2

Fünfundfünfzigster Roman in der Welt von

Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele

Band 55

Kartenentwürfe: Ralph Hlawatsch

E-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright ©2013 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.

DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN: 3-453-17900-5 (vergriffen)

E-Book-ISBN: 978-3-86889-652-7

Was bisher geschah

Nach Jahrhunderten der magischen Verbannung kehrt der gefürchtete Dämonenmeister Borbarad zu­rück und beginnt erneut mit der Eroberung Aventu­riens. Auf der Insel Maraskan und in der Provinz To­brien erheben sich seine Anhänger und überziehen das Land mit Krieg.

Der geckenhafte Magier und Dämonenkundler Tarlisin von Borbra wird unterdessen zeitweilig von Borbarads Geisteskraft kontrolliert und erfährt auf diese Weise in Visionen vom Sphärenschlüssel, einem uralten Artefakt, das je nach seiner Verwendung Bor­barads Macht erheblich vermehren oder entscheidend schwächen würde. Daraufhin wird es Tarlisins vor­dringlichstes Ziel, den Sphärenschlüssel zu entdecken und mit ihm Borbarad zu bekämpfen, sich zu rächen und Ruhm zu ernten.

Dabei führt ihn sein Weg unter anderem in die le­bensfeindliche Ödnis der sturmgepeitschten Gori­schen Wüste, wo er mit borongläubigen Rittern vom Golgaritenorden die Ruinen von Borbarads Schwar­zer Zitadelle erforscht und gemeinsam mit jenen vom untoten Drachen Rhazzazor, einem Diener Borbarads, angegriffen wird. Die letzte Golgaritin, die junge Khalidai, stirbt in Tarlisins Armen, und als einziger Überlebender verlässt er durch verbotene Pforten die Gorische Wüste, um seine Suche fortzusetzen.

Bevor er jedoch dieses hehre Ziel weiterverfolgen kann, bringen ihn zunächst seine zahlreichen Brüche des Gildenrechts während seiner Queste vor das Ge­richt der Grauen Magiergilde. Zusätzlich hat ihm die Magierin Alvina, Borbarads heimliche Agentin im ›Orden der Wächter Rohals‹, weitere schwere Verbre­chen untergeschoben. Tarlisin gelingt es zwar, die Spionin zu überführen und die schwerwiegendsten Anklagen zu widerlegen, doch wird er wegen der üb­rigen Vergehen verurteilt: Er muss seine Gildenämter ruhen lassen, sich in der ›Perricumer Akademie der Austreibung‹ einer seelenkundlichen Examination unterziehen und den Sphärenschlüssel finden – oder auf immer aus der Gemeinschaft der Magier ausge­stoßen werden.

1. Kapitel

Zorgan, im Praiosmond des Jahres 28 Hal

Von den verschiedenen Möglichkeiten, die Hochzeit der besten Freundin zu feiern, entschied sich Mara für die Eroberung und Zerstörung des Schwarzen Turms des Dämonenmeisters. Auf beide Ereignisse hatten die Zorganer, ja, alle Aranier, seit geraumer Zeit gewartet. Ihren jungen Prinzen Arkos endlich vermählt und die Thronfolge gesichert zu sehen war den meisten nicht weniger wichtig als ein Sieg (und sei er auch rein symbolischer Natur) über den düste­ren Schwarzmagier Borbarad, dessen Horden bereits die Nachbarländer im Norden und Osten verheerten.

Die ganze aranische Hauptstadt war zu diesem An­lass mit Flaggen, Wimpeln und Blumen geschmückt, und in den Gassen und auf den Basaren prahlten die Frauen und Männer damit, zu welchem Teil der Fest­lichkeiten sie jeweils eine Einladung ergattert hatten – denn wie es sich in einem tulamidischen Fürstentum gehörte, wurde dem Anlass entsprechend drei Tage lang gefeiert, wobei sich die zahlreichen kleinen Ver­anstaltungen der verschiedenen Stadtteile, der Groß­sippen und Stämme zu einem gewaltigen Spektakel verbanden.

Den Höhepunkt des ersten Tages bildete eine far­benprächtige Darbietung augenschmeichelnder Zau­berkunst, bei der sich Fabelwesen zu fremdartigen Blumen umformten, um danach in einem Funken-oder Sternenmeer zu vergehen, wobei jede neue Er­scheinung von den Betrachtern mit lauten Beifallsbe­kundungen begrüßt wurde. Die Illusionisten der Ma­gierschule des Seienden Scheins taten an diesem Abend ihr Bestes, um den Zuschauern eine Unterhal­tung zu bieten, wie sie sonst den Reichen und dem Adel vorbehalten war.

Währenddessen hielten die Gesandten des arani­schen Hochadels ihrerseits Hof und pflegten die di­plomatischen Beziehungen. Im Mittelpunkt der all­gemeinen Aufmerksamkeit stand natürlich die Braut, in ihrer Würde als Gräfin von Gorien, doch auch die Delegationen von Baburin – vertreten durch den stol­zen Graf Merkan –, von Palmyramis und dem Lande Yalaiad glänzten in ihren jeweiligen Zelt- und Pavil­londörfern. Sogar vom Kalifenhofe waren edle Gäste erschienen, aus der Stadt Rashdul gar die Shanja Es­hila selbst.

Nur die Zelte für die Gesandten der Grafschaft El­burum standen leer. Diese hatten Nachricht ge­schickt, dass sie durch Gerüchte von einem maraska­nischen Truppeneinfall an der Elburischen Küste aufgehalten worden seien, die sich erst im letzten Augenblick als unwahr erwiesen hätten, denn dieser Teil Araniens lag der verfluchten Insel am nächsten, die nun von den Schergen des Dämonenmeisters be­herrscht wurde.

Der zweite Tag war dem eigentlichen Anlass des Festes vorbehalten. Inmitten von allerlei ausgelasse­nen Feierlichkeiten war es an Prinz Arkos, dem einzi­gen Sohn der geliebten Fürstin Sybia, seine Braut Eleonora, die Gräfin von Gorien und Tochter des Gra­fen von Baburin, zur Ersten Gemahlin Araniens zu erheben, zur ›Shahi Haranija‹. In einem Land, das seit jeher von Frauen regiert wurde und in dem die adli­gen Männer allenfalls dem Namen nach herrschten, war dies eine Würde, die ihr das Nachfolgerecht si­cherte. Einst war die Zeremonie ganz auf die Erha­benheit des Fürsten ausgerichtet gewesen. Auf einem vornehmen Diwan, durch einen Vorhang vor den zu­dringlichen Blicken des gemeinen Hofstaates ge­schützt, wartete der Monarch während jener Zere­monie darauf, dass die Auserwählte gesenkten Blik­kes den Saal betrat und das Wort nicht etwa an ihn direkt, sondern über eine Fürsprecherin an seine Mutter richtete. Diese musterte die Bittstellerin prü­fend und legte schließlich das Ersuchen der Braut dem Monarchen zur Entscheidung vor, der großmü­tig seine Zustimmung erteilte.

Eleonora, die sonst eher schlicht und nüchtern auf­trat, war zu ihrer Hochzeit in prunkvolle Gewänder gekleidet: Vom Fez auf den kastanienbraunen Haaren floss ein silberner Schleier herab, der das Seerosen­symbol Araniens aufnahm. Über grünen Hosen aus Zhatan trug die fünfundzwanzigjährige Adlige eine Ghala, ein Ehrengewand im tulamidischen Stil, aus grünem Brokat, mit achatbesetzten Knöpfen. Ihre Brüste waren noch vollständig bedeckt, denn erst am nächsten Tag würde die Fürstgemahlin sich erstmals ihren zukünftigen Untertanen mit dem übernomme­nen Brustschmuck der Shahi Haranija präsentieren.

An ihrer Seite schritt ihre Vertraute Mara, eine jun­ge und ungebärdige Hexe, gebürtig aus dem Norden und nun Herrin über die Grenzbaronie Samra. Sie war gemäß der alten Sitten in derselben Farbe wie die Braut gekleidet, wenn auch in Gewänder von schlich­terem Stoff und gewagterem Schnitt: Die Rothaarige trug eine Hose aus ungeschmückter Seide, und ihr golddurchwirktes Brokatwestchen mit dem Wappen Goriens gab bei jedem Schritt den Blick auf die ent­blößten Brüste frei, deren Spitzen mit juwelenbesetz­ten Ringen geschmückt waren und von goldenen See­rosenblättern umkränzt wurden.

Keine der beiden jungen Frauen hielt den Blick ge­senkt, wie es dem Brauch entsprochen hätte. Im vol­len Bewusstsein ihrer zukünftigen Stellung hielt die Braut stolz und fest den Blick auf das gewaltige Himmelbett gerichtet, hinter dessen schweren Bro­katvorhängen ihr Prinz und zukünftiger Gemahl ver­borgen lag.

Vor dem Himmelbett, flankiert von ihren Leib­wächterinnen, saß Ihre Durchlaucht Sybia auf dem Fürstinnenthrone, in ein weich fließendes Gewand gehüllt, dessen grauer Stoff im Licht in allen Regen­bogenfarben schillerte, und schaute mit wohlwollen­der Miene ihrer Schwiegertochter entgegen. Auch mit fast sechzig Jahren war die Fürstin Araniens noch ei­ne ansehnliche Frau und nur einige wenige Silberfä­den durchzogen das volle rotblonde Haar.

Auf dem kostbaren Tulamidenteppich mit dem Großen Wappen Araniens, der in respektvollem Ab­stand zu der Fürstin ausgelegt worden war, kniete Gräfin Eleonora nieder. Mara trat hinter sie und war­tete, bis Sybia das Wort an sie richtete: »Wie ist Euer Name?«

»Mara ay Samra, Freigräfin zu Anchopal, Euer Durchlaucht.« Obgleich jede Einzelheit der Zeremo­nie seit langem festgelegt und oft durchgesprochen worden war, hätte sich die Stimme des rothaarigen Wildfangs vor Aufregung fast überschlagen.

»Was führt eine Tochter Goriens vor den Fürsten­thron?« Sybia nickte der Fürsprecherin ihrer auser­wählten Nachfolgerin beruhigend zu.

»Euer Durchlaucht, meine Gräfin Eleonora von Go­rien wünscht die Erste Gemahlin des Fürsten zu wer­den.«

»So soll sie hervortreten.« Bei diesen Worten erhob sich Gräfin Eleonora und Mara trat einen Schritt zu­rück. Für heute hatte sie ihre Aufgabe erfüllt.

Sybia hingegen fuhr fort: »Dreht Euch um, auf dass ich Euch betrachten kann.« Voller Anmut drehte Eleonora sich einmal um die eigene Achse, eine Be­wegung, die sie wochenlang eingeübt hatte. Die Für­stin wandte sich dem Himmelbett zu: »Mein Sohn, ich kann keinerlei Fehl an ihr feststellen und empfeh­le Euch daher, die Gräfin Eleonora von Gorien, Alya­nur Sherefi ay Gorija, zu Eurer Ersten Gemahlin zu erwählen, zur Shahi Haranija.«

Darauf rauschten die Brokatvorhänge wie von Dschinnenhand gezogen auseinander, und jeder im Saal wurde des jungen Fürsten ansichtig, der, auf sei­ne Seidenkissen gestützt, mit überraschend kraftvol­ler und weit tragender Stimme erklärte: »So soll es geschehen!« Mit einem zweiten Rauschen schlossen sich die Vorhänge wieder – des Prinzen Aufgabe in dieser Darbietung war erfüllt.

Während die Hörner schmetterten und der Hof­staat in Jubel ausbrach, vermochten die älteren der Höflinge im Gesicht der Fürstin Sybia deutliche An­zeichen von Erleichterung zu erkennen. Immerhin war damals, bei ihrer eigenen Erhebung zur Fürstgemahlin, während der ganzen Zeremonie ein lautes Schnarchen hinter den Vorhängen ertönt, wo sich Fürst Muzaraban mit Pfeife und Weinschlauch verschanzt hatte ... »So habe ich nun eine neue Toch­ter.« Mit diesen Worten zog die Fürstin ihre Schwieger­tochter und Erbin Eleonora zu sich heran und küsste sie auf die Wangen, ehe sie ihr die Schmuckstücke der Ersten Gemahlin und den sinnbildlichen Schlüssel des Fürstenpalastes übergab.

In der Nacht trafen schließlich auch die Gesandten aus Elburum ein, zu spät, um an der Huldigung teilzu­nehmen, wofür sich ihre Anführerin Reshemin, die noch jugendliche Abgesandte und Enkelin der greisen elburischen Gräfin, wortreich entschuldigte. Doch wie um die Verspätung wieder gutzumachen, stürzten sie sich umso eifriger in den Trubel der Feiern, denn für den dritten Tag war eine Reihe von Spektakeln und Darbietungen vorgesehen, einige dem Adel des Hofes und des Landes zum Wohlgefallen, andere dem Volk zum Ergötzen. Am Morgen hatte Fürstin Sybia ihre erwählte Nachfolgerin Shahi Eleonora, die in einer blumengeschmückten Sänfte saß, den Untertanen vor­gestellt. Später fanden verschiedene Belustigungen statt, von denen das Reiterspektakel im alten tulamidi­schen Stile den Höhepunkt bildete, eine ›Fantasija‹, die alle bisherigen in den Schatten stellen sollte.

Den Araniern liegen derartige wilde Schauspiele sehr, und in diesem Jahre hatte sich die oberste Ze­remonienmeisterin etwas einfallen lassen, was die meisten Teilnehmer begeistern würde, auch wenn es in manchen Goriern eher Widerwillen weckte: Als Thema hatte man die ›Bezwingung des Schwarzen Turmes‹ gewählt.

Folglich war schon viele Wochen zuvor vor den Toren der Stadt ein gewaltiger Zitadellturm aus un­gebrannten Ziegeln errichtet worden, schwarz ange­strichen und groß genug, um eine ganze Reiter­schwadron aufzunehmen. Dieses Bauwerk sollte nun als Turm des Schwarzen Magus dienen, der von den Rittern Araniens bezwungen werden musste, und dass es nicht längst von einem Sommerregen hin­weggeschwemmt worden war, nahmen viele als Zei­chen göttlicher Billigung dieses Plans.

Eigentlich hätte das Los darüber entscheiden sol­len, welche Grafschaften die Besatzung für den Turm stellen musste – einzig die Gorier, die direkten Ge­folgsleute der neuen Shahi, sollten davon ausge­nommen sein, da man ihnen, die gleichsam im Schat­ten der echten Schwarzen Zitadelle leben mussten, nicht einmal zum Scherze zumuten wollte, den Schwarzen Turm zu bemannen. Doch aus Verlegen­heit über ihr Versäumnis boten sich die Elburier frei­willig für die Rolle der Feinde an, ein großmütiges Angebot, das die Zeremonienmeisterin nur allzu gern annahm.

Mara ay Samra war von der Shahi gebeten worden, die Gorier in den Kampf zu führen, eine Ehre, die die hitzige Frau freudig annahm, denn sie hatte sich nur aus Freundschaft gegenüber ihrer Gräfin und um je­ner nicht das Fest zu verderben vor schärfsten Prote­sten gegen das Thema des Spektakels zurückhalten können. Eleonora hingegen nahm das Ganze sehr ge­lassen: Für die neue Erste Gemahlin zählten Wirk­lichkeiten viel mehr als jeder Schein und vermutlich sah sie den Turm tatsächlich nur als Ziegelbau von befristeter Lebensdauer und nicht als Symbol für Un­terdrückung und Dämonenkult.

Insgeheim schwor sich Mara, das ihre zu tun, um diesen schandbaren Schwarzen Turm umzulegen und zu zerstören. Während in einer feierlichen Zeremonie die Anführerinnen und Anführer der Grafschafts­truppen gemeinsam schworen, nicht zu wanken noch zu weichen im Kampf gegen die schwarze Magie, kreisten Maras Überlegungen einzig um eine Frage: Wie sie es anstellen sollte, in diesem Schaukampf mit ihren Goriern den Sieg zu erstreiten. Das war mit­nichten eine leichte Aufgabe, denn all die Adligen ringsumher beschäftigten sich mit dem gleichen Ge­danken.

Da war Reuther Raimon von Revennis, Eleonoras Bruder, der den Mangel an Humor mit rondriani­schem Mut wettmachte, als Anführer der Baburiner Recken. Da stand Reutherin Rashpatane von Palmy­rabad, die ungestüme Erbin der palmyrenischen Grä­fin, und da wartete Gräfin Alwidja saba Mhirija aus dem Yalaiad, jeder Fingerbreit eine furchtlose tula­midische Streiterin in Spiegelpanzer und Spitzhelm. Auch wenn es nur um die Belustigung der Wett­kämpfer und ihrer Zuschauer ging, würde keiner dem Nachbarn ohne Gegenwehr den Sieg schenken.

Während sich die ›Belagerer‹ bereitmachten, be­setzten die Elburier unter Führung der Reutherin Reshemin den Schwarzen Turm und hissten die ei­gens für das Spektakel entworfene Fahne mit dem Drachenhaupt.

Dann ertönte der Schrei: »Für die Zwölfe, für Ara­nien!«, und auf ging es ins Getümmel.

Als Erste stürmten die Gorier heran, zähe Kriege-rinnen und Krieger, ein jeder auf einem leichten, von einem oder zwei Straußen gezogenen Streitwagen. Allein standen sie in den Wagen, die Zügel in der ei­nen Hand, in der anderen eine Garbe leichter Wurf­speere, die Hiebwaffe noch umgegürtet.

Ein größerer Unterschied zu den leichten Strau­ßenwagen Goriens war kaum denkbar, als danach die schweren, bronzebeschlagenen Streitwagen der Ba­buriner Streiter erschienen. Wie Ungetüme aus einer längst vergessenen Zeit polterten sie heran, gezogen von Zwei- oder Viergespannen, edlen Rössern von schwerem Schlag und weißer Farbe, allein die Mäh­nen wehten fuchsrot. Rot waren auch Zaumzeug und Zügel, die die Knappen der hohen Herrinnen und Herren in den Händen hielten, während sie die selte­ne Rolle als Wagenlenker gekonnt meisterten. Hinter ihnen standen gelassen ihre Ritterinnen und Ritter, die Sprünge und Stöße des Gefährtes in den Knien abfedernd, die Stoßlanze oder das Schwert sicher im Griff. Reuther Raimon führte sie mit lauten Rufen an.

Zu beiden Seiten der Baburiner ritten die Streiter der beiden übrigen Grafschaften. Zur Rechten sah man die wilden Plänklerinnen aus Palmyramis. Die dürftig gerüsteten Töchter dieser rahjatreuen Graf­schaft führten nur leichte Waffen, Wurfspeer, Schleu­der oder Fangschlinge, vollführten jedoch während des gesamten Rittes akrobatische Kunststücke auf ih­ren ungesattelten Pferden, derer sich keine Sharizad hätte schämen müssen.

Ganz anders die Kämpfer aus dem Yalaiad: Sie strahlten vor allem Würde aus, wie sie nach alter tu­lamidischer Art heranritten, in blitzende Spiegelpan­zer gehüllt, die blinkenden Khunchomer Zweihänder über den Spitzhelmen schwenkend.

Die Zuschauer mühten sich, die Kämpfer noch an Lautstärke zu übertreffen, und jeder jauchzte den Streitern seiner Grafschaft zu. Selbst die eifrigsten Speichellecker wurden von dem Spektakel mitgeris­sen und vergaßen, für die Grafschaft der neuen Fürstgemahlin zu jubeln, wenn sie nicht gerade selbst aus Gorien stammten.

Während sich die Streiter dem Turme näherten, wurden von oben allerlei Dinge auf sie herabge­schleudert – von Wassergüssen über stumpfe Speere bis zu ›Feuerbällen‹, farbigen Sandbeutelchen aus Seidentuch. Doch plötzlich zuckten auch scheinbar echte Blitze vom Turm herab, und den Angreifern stockte der Atem, denn Magie kam bei einem solchen Reiterspektakel sonst nie zum Einsatz.

Zwar entpuppten sich die Blitze bei zweitem Hin­sehen als Illusionen, doch der Schaden war schon an­gerichtet: Die Tiere gerieten in Verwirrung, ja, fast in Panik, und während die Reiter ihre Pferde mit viel Geschick, aber auch Mühen zügig wieder in den Griff bekamen, hatten die Wagenlenker alle Hände voll zu tun, dass die Zugtiere nicht ausbrachen und die Streitwagen auf dem richtigen Weg blieben. Vor al­lem die Gorischen Strauße waren verschreckt, und teils wütende, teils schmerzerfüllte Schreie verrieten, dass manch einer der leichten Rennwagen umge­stürzt und zerbrochen war.

Als die Gorier ihre schnellen, aber dummen Lauf­vögel endlich beruhigt hatten, waren die übrigen Wagen längst an ihnen vorbeigeprescht, getrieben von der wilden Lust am Getümmel, und auch das Publikum begrüßte die unerwartete Einlage mit Ju­bel.

Inzwischen hatte sich der erste Tumult gelegt und das Reitergefecht zu Füßen des Turmes begonnen. Lautes ›Ah!‹ und ›Oh!‹ erklang von den Schaulusti­gen auf der Tribüne, während Reiterinnen und Streitwagenfahrerinnen atemberaubende Kunststük­ke vollbrachten, einander in einem farbenprächtigen, aber völlig ungeordneten Turnier bekämpften und allgemein ein Abbild der heldenhaften Schlachten ih­rer stolzen tulamidischen Vorfahren zum Leben er­weckten. Dass inzwischen gar illusionäre ›Dämonen‹ mit gehörnten Drachenköpfen erschienen waren, heizte die Kampfeslust nur noch mehr an, zumal die Illusionen, so unerwartet sie auch waren, zumindest dem Geiste des Kampfes gehorchten und nach zwei, drei Treffern mit der stumpfen Turnierwaffe ver­schwanden. Manch eine der Kämpferinnen trug im Eifer des Gefechtes Verletzungen davon, viele andere schieden gemäß der vorab vereinbarten Bestimmun­gen als ›getroffen‹ aus, und nach zwei Stunden des prächtigsten Getümmels hatte sich das Publikum hei­ser gebrüllt und sich das Feld so weit gelichtet, dass der Eingang des Turmes nur noch von wenigen elbu­rischen Elitekämpferinnen bewacht wurde, nach de­ren Bezwingung die Erstürmung des Bauwerkes be­ginnen konnte.

Nun war es niemand anderes als der Grafensohn Raimon von Revennis, der nach heftigem Klingen-spiel als Erster in das Innere des Turmes vordringen konnte, um die Fahne einzuholen und als Ehrenpreis seiner Schwester, der neuen Shahi, zu überbringen. Damit sollte, so war es vereinbart, die Schlacht ent­schieden sein, die Macht des Schwarzen Turmes ge­brochen.

Kämpferinnen wie Zuschauerinnen jubelten aus vollem Halse, als die Fahne verschwand; doch das Jubeln blieb ihnen im Halse stecken, als jene unmit­telbar danach wieder aufgerichtet wurde.

Unter den Zeugen dieser Szene war wohl niemand so verärgert wie Mara: Eigentlich liebte sie raue und wilde Spielereien und die Aufregung der Jagd, aber ihr Widerwille gegen das Thema des Spektakels hatte jede Begeisterung erstickt. Der jungen Frau war heiß, der Schweiß körperlicher Anstrengung, der sonst ih­ren schlanken Körper noch geschmeidiger zu machen schien, klebte ihr mit Staub und Sand vermischt am ganzen Körper, die Raufereien hatten sie eher ermü­det als aufgestachelt. Sie wollte nur noch, dass das gedankenlose Spiel ein Ende nahm, verließ kurz ent­schlossen und mehr als unvorsichtig ihren Straußen-wagen und eilte ihrerseits in den finsteren Turm.

Das Innere des Gebäudes war leer, nur ein großer Stapel Heuballen lag bereit für den letzten Akt, der geplant war: die Vernichtung der Schwarzen Bastion durch reinigende Flammen. Zwei Reihen hölzerner Treppenstufen führten empor zu den Galerien, die sich unter den Fensterreihen erstreckten.

Die meisten der Verteidiger waren erschöpft zu­sammengesunken und kümmerten sich nicht um Ma­ra, die die steilen Treppen emporfegte. Doch als sie die von Zinnen umgebene Plattform betrat, die das Dach des Turmes darstellte, sah sie sich Reshemin, der Enkelin der Gräfin von Elburum, gegenüber. Der Baburiner Grafensohn aber lag reglos zu deren Fü­ßen.

Während sich die beiden jungen Frauen für einige Augenblicke anstarrten, hätte ein Beobachter zahlrei­che Gemeinsamkeiten zwischen ihnen festgestellt: Beide waren von zierlicher Gestalt, mit langem Lok­kenhaar, heller Haut und großen Augen, die kindli­che Unschuld zum Ausdruck bringen konnten, im Moment jedoch voller Wut und Erregung funkelten. Auch Reshemin, so wurde gemunkelt, sollte mit ma­gischen Kräften geboren worden sein, und beide Frauen waren zu unbeherrscht und leidenschaftlich, um ihre Zauberkünste wirklich zu schulen.

Natürlich gab es auch Unterschiede. So war Mara rothaarig, wohingegen Reshemin schwarze Haare be­saß. Der entscheidende Unterschied aber lag in der Natur ihrer Zornesmiene: Während die Gorierin ganz offensichtlich mit der Geduld am Ende war, leuchte in den himmelblauen Augen der Elburierin die Wut einer Besessenen, die keine Niederlage akzeptieren will, sei diese auch noch so lange vorhergeplant.

Fauchend wich sie zurück, stellte sich zwischen den Fahnenmast und die Angreiferin und hob dro­hend die stumpfe Waffe.

Mit äußerster Selbstbeherrschung zwang sich Ma­ra, Ruhe zu bewahren: »Was soll das, Reshemin? Eu­re Aufgabe ist erfüllt, Ihr habt uns beinahe stärker zugesetzt als einem Spiel angemessen ist.«

Die Verteidigerin des Dämonenbanners antwortete mit einem überspannten Lachen. Beim Klang dieses fast unmenschlichen Gelächters riss der mühsam zu­sammengehaltene Geduldsfaden der Rothaarigen endgültig entzwei und mit einem katzenhaften Sprung warf sie die Gegnerin zu Boden.

Kaum war Reshemin gestürzt, riss Mara das Ban­ner herunter. Schon wollte sie es über die Zinnen schleudern, da fiel ihr Blick auf Raimon von Reven­nis, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrich­tete – offenkundig hatte Reshemin ihn mit einem Tiefschlag gefällt, wie er vielleicht dem Kriegsge­tümmel, nicht aber einem Schaukampfe angemessen war.

Nach kurzer Beratung nahm der noch immer leicht benommene Grafensohn die Siegesbeute an und er­klomm mit ihr schwach schwankend die Zinnen, während Mara die gestürzte Reshemin beobachtete. Der übertriebene Siegeswille schien der Elburierin durch den Sturz ausgetrieben, und als der Beifall für den siegreichen Raimon schließlich abgeebbt war, rang sie sich auch einige Worte der Beglückwün­schung ab, doch keinerlei Entschuldigung für ihren regelwidrigen Angriff.

Mara knirschte mit den Zähnen, da sie ihre bösen Vorahnungen derart bestätigt fand. Die unselige Grundidee des Spektakels hätte selbst aufrechte Strei­terinnen mit einer ganz und gar unheiligen Besessen­heit zu erfüllen vermocht, und als der Sieger und alle ›Besiegten‹ den Turm verlassen hatten, ließ die Gorie­rin es sich nicht nehmen, als Letzte die Fackel an Fahnenmast, Treppenstufen und auch an den Heu­haufen zu legen.

Währenddessen trug der stolze Raimon das erbeu­tete Banner zur Ehrentribüne, wo er als siegreicher Heerführer aus der Hand seiner Schwester und zu­künftigen Fürstin einen wunderschön verzierten Rei­tersäbel und eine prächtige Ghala erhielt. Aus den Reihen der Baburiner erklang erneut lauter Jubel, in den schnell auch die übrigen Zuschauer einfielen.

Auf dem Kampfplatz aber loderte der Schwarze Turm inzwischen lichterloh und die wenigen, die ihm mehr Aufmerksamkeit schenkten als dem Strom von Raschtulswaller Rotwein, der nun dargereicht wurde, übersahen zumeist die erschöpfte kleine Frau, die sich, ohne noch einmal zurückzublicken, auf den Weg zum nächsten Badehaus machte.

So feierte das Land Aranien voller Prunk seine Ed­len und Recken, während sich jenseits der Grenzen Übles zusammenbraute.

2. Kapitel

Rashdul, zur Mittags­stunde am 16. Rondra des Jahres 28 Hal

Mit einem lauten Knall zerbarst die Karaffe, als der weite Ärmel der Magierin sie zu Boden riss. Genera­tionen von Dienstboten hatten diese Kostbarkeit aus der Zeit der Magiermogule vorsichtig gereinigt, doch Belizeth bemerkte überhaupt nicht, dass sie das Gefäß zerstört hatte. Später würde sie den Verlust begreifen und sie würde noch sehr viel wütender werden.

Die Mittdreißigerin war eine gepflegte Tulamidin und trotz ihrer standesgemäßen Robe und des Ma­gierstabes wirkte sie mit den langen schwarzen Haa­ren, dem sanften Gesicht und den fließenden Bewe­gungen ihres schlanken Körpers eher wie eine Tänze­rin als wie ein Magierin. Aber Belizeth Dschelefsunni war die rechtmäßige Spektabilität der Rashduler Akademie, denn sie hatte ihrem Vater diesen Rang gemäß den alten Gesetzen im magischen Zweikampf abgerungen. Dennoch war sie nicht die unumstrittene Herrscherin. An der Akademie gab es zwei Fachrich­tungen: Eine Gruppe der Magier hatte sich auf die Beschwörung von Dämonen festgelegt, während die Übrigen sich mit der Dschinnenkunde beschäftigten. Sie selbst war zwar in der Herbeirufung der elemen­taren Kräfte versiert, ihr Interesse hatte jedoch von jeher der Dämonologie gegolten.

Während sie auf dem Konvent in Punin gewesen war, hatte ihr Stellvertreter Dschaladir, einer der Dschinnologen, keine Zeit verloren, um sich bei sei­nen Kollegen ins rechte Licht zu setzten. Nach ihrer Rückkehr hatte es keinen offenen Aufruhr gegeben, aber es gab kleine, untrügliche Zeichen, dass Magi­ster Dschaladir beabsichtigte, Belizeth in absehbarer Zeit zum Kampf um die Herrschaft herauszufordern.

Der heutige Tag hatte bereits äußerst übel angefan­gen. Ihre Leibsklavin Tariba hatte bei der täglichen Handpflege einen von Belizeths Nägeln derart zuge­richtet, dass die eitle Maga alle Nägel kürzen musste. Bei der anschließenden Züchtigung hatte Tariba so schrill gebrüllt, dass die Magierin starke Kopfschmer­zen bekam. Um sich abzulenken, war Belizeth in die Bibliothek gegangen, nur um dort festzustellen, dass zahlreiche wichtige Bücher verschwunden waren. Dscherine, die Bibliothekssklavin, hatte zuerst nicht mit der Sprache herausrücken wollen, ihr aber letzt­endlich doch verraten, wer die Folianten entfernt hat­te: niemand anderes als Magister Dschaladir.

Nun, glücklicherweise war für den heutigen Tag ohnehin eine Besprechung mit dem Dschinnenkund­ler anberaumt, sodass Belizeth ihn schon bald um die Herausgabe der Werke ersuchen konnte.

Das Gespräch mit Magister Dschaladir war ein Mu­sterbeispiel geheuchelter Freundlichkeit. Magistra Be­lizeth konnte den umtriebigen Dschinnenmeister nicht leiden und er hetzte nachweislich gegen sie. Dennoch hatten sie ein loses Bündnis geschlossen, denn den meisten anderen Lehrmeistern an der Akademie traute die Dämonologin noch weniger – und Dschaladir be­saß, so hervorragend er auch sein mochte, eine deutli­che Schwäche: Er war derart eingenommen von seiner Leistung, dass er manchen Winkelzug seines Gegen­übers übersah. Ihm gegenüber spielte sie meist die Rolle der unerfahrenen Scholarin, die dringend den Rat eines älteren, väterlichen Freundes benötigt.

Sie hatte schon vor vielen Monden begonnen, ihm Hinweise darauf zu geben, dass womöglich ein Auf­stand der Dämonologen geplant war, und dadurch so manches wertvolle Wissen über die Verteidigungs-und Angriffspläne der Dschinnenbeschwörer gewon­nen.

Nachdem sie einen – zweifellos sehr geschönten – Bericht über die Geschehnisse der letzten Wochen er­halten und an den richtigen Stellen ein ›Oh weh!‹, ›Kaum zu glauben!‹ und ›Wenn ich Euch nicht hätte!‹ eingeworfen hatte, lächelte Belizeth Magister Dscha­ladir an. »Was mir gerade noch einfällt, Magister«, sagte sie mit weicher Stimme, »ich bin Euch wirklich dankbar, dass Ihr die Sphärologica Exempta, die Mhanadischen Fragmente und die Annales Academi­ae in Eure Obhut genommen habt. Ich verstehe auch, dass diese Werke in der Bibliothek kaum noch sicher sind – aber nun brauche ich sie, um gewisse reichlich absonderliche Theorien einiger Konventsbesucher zu überprüfen. Seid doch so gut und stellt die Folianten bereit, dass ich sie im Laufe des Nachmittags abholen lassen kann.«

Magister Dschaladir hielt dem Blick der Magierin stand. »Ich verstehe leider nicht ganz, worauf Ihr hinauswollt, Collega. Die von Euch genannten Bücher befinden sich mitnichten in meinem Besitz.«

Belizeth schenkte dem Magier ein süßes Lächeln. Magister Dschaladir hielt sich nicht schlecht. Wer ihn nicht gar so gut kannte wie sie, hätte seiner Lüge ge­wiss Glauben geschenkt. Aber sie hatte schon oft ge­nug beobachtet, wie sich in angespannten Situationen auf der Stirn des Magus eine steile Falte bildete. »Nun, Collega, selbst wenn Ihr sie nicht in Eurem persönlichen Besitz habt, werdet Ihr ja wohl wissen, wem Ihr die Bücher anvertraut habt.«

Der Dschinnenbeschwörer schüttelte den Kopf. »Es tut mir Leid, aber Ihr missversteht mich. Mir war bis

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über DSA 55 denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen