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Dora und Gerlinde: Das einfache Leben der Amseln
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eBook357 Seiten4 Stunden

Dora und Gerlinde: Das einfache Leben der Amseln

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Über dieses E-Book

"Es ist ja nur ein Mädchen", sagte Jann, als ihm Dora endlich das erste Kind gebar. Zu seinem Glück, wie er dachte, folgten vier Söhne, und er begann, von seinem großen Bauernhof zu träumen.
Das 20. Jahrhundert war jedoch für langfristige Pläne und festen Zukunftsglauben auch für die Kleinen Leute am Niederrhein völlig ungeeignet. Sie arbeiteten hart, litten geduldig und gehörten dennoch zu den Verlierern. Solschenizyn sagte von solchen Menschen, sie leben unter uns und wir merken nicht, dass ohne sie kein Dorf, keine Stadt, ja die Welt nicht existieren könnte.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum16. Okt. 2015
ISBN9783739260983
Dora und Gerlinde: Das einfache Leben der Amseln
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Autor

Johannes Kettlack

Nach 29 Jahren als Schulleiter in Deutschland, Schweden und in den USA veröffentlichte Johannes Kettlack Romane, Erzählungen und vorwiegend politische Lyrik. Zuletzt erschien unter dem Pseudonym Jan van Rijn "Kam ein Kuckuck geflogen" ein Tagebuch des ersten Corona-Jahres.

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    Buchvorschau

    Dora und Gerlinde - Johannes Kettlack

    Brentano

    1

    Doras und Janns Muttersprache war eine abgewandelte Form des Holländischen. Ob sie des Hochdeutschen wirklich mächtig waren, war schwer in Erfahrung zu bringen. Beide unterhielten sich mit den Kindern, Enkeln, mit der Verwandtschaft und den Nachbarn ausschließlich in ihrer erdverbundenen, anschaulichen aber emotionsverhüllenden Muttersprache. Sie war in ihnen tief verwurzelt.

    Andererseits mussten sie eine passive Grundkompetenz der Hochsprache haben. Schließlich hatten sie beide die Volksschule besucht, den Katechismus auswendiggelernt und die Bibel gelesen. Auch das Bürger-Blatt, die Zeitung für ihren Kreis, lasen beide regelmäßig. Sie hatten sich daran gewöhnt, nicht alles, was in offizieller Sprache ausgedrückt wurde, zu verstehen. So fragten sie beispielsweise nicht nach, wenn der Hausarzt, der häufig gerufen werden musste, unvermittelt ins Hochdeutsche wechselte oder gar medizinische Fachausdrücke benutzte, und bis auf die Predigt verstanden sie ja sonntags in der lateinischen Messe auch nicht viel.

    Wenn Dora das „Vaterunser und „Gegrüßet seist du, Maria sprach, auf Hochdeutsch, wie sie sicher annahm, verschlang sie viele Silben, und die Intonation ähnelte dem repetitiven Mahlgeräusch der Kaffemühle, die sie mindestens zweimal am Tag zwischen den Knien hielt.

    Einmal spielte ihr einer der Enkel eine Tonaufnahme des „Vaterunsers vor. „Hör dir das mal an, Oma!, sagte er.

    Wie enttäuscht war er, als er statt der erhofften Heiterkeit Unverständnis erntete. Dora hatte sich gar nicht wiedererkannt und empfand es als gotteslästerlich, Gebete in dieser Weise zu missbrauchen.Wie kannst du das nur tun, Junge?, fragte sie verärgert, natürlich auf „niederrheinländisch".

    Janns niederländische Vorfahren waren spätestens im 17. Jahrhundert aus den Niederlanden in das Land der Cherusker, genauer in das der Hattuarier gekommen, denen das Dorf seinen Namen „Hetter verdankte. Wahrscheinlich kannten seine Bewohner die Sage von Siegfried aus Xanten; ob sie wussten, dass sich dahinter vielleicht der „große Deutsche Hermann der Cherusker, verbirgt, ist unwahrscheinlich.

    Im Dorf gab es viele Familien mit holländischen Familiennamen. Sie hießen Awater, Blusward, Drost, Mulder, Peerenboom, te Beek, van Haaren, Rademaker oder te Wild und die Vornamen klangen noch holländischer: Rütger, Hermes, Derrick, Joes, Kuntje, Lijsken oder Elsgen.

    Janns Großvater Henricus hatte 1848 aus dem niederländischen Nachbardorf einwandern dürfen, aber erst nachdem ein einheimischer Bürger ihm ein Stück Land zur Verfügung gestellt hatte. Eigentlich müsste es heißen: wieder einwandern, denn sein Vater war auf dem Stammsitz der Familie in Hetter geboren. Die Staatsgrenze, die sich im Laufe der Jahrhunderte mehrmals verschoben hatte, war weder eine Sprachbarriere, noch konnte sie verhindern, dass alte Familienbande weiter existierten und neue geknüpft wurden.

    Dieser fruchtbare Teil Europas mit seinem eigenmächtigen Fluss, den zahlreichen stillen Wassern und seinem kraftvollen Westwind hatte seit dem Mittelalter viele Herrscher gesehen: die Herzöge von Cleve, die Spanier, die Franzosen, die Niederländer, die Preußen. Es gab am Niederrhein Orte, die mehrfach ihre Staatszugehörigkeit geändert hatten und mit ihnen die Bewohner. Sofern es überhaupt zu einem Wechsel der individuellen Staatsangehörigkeit kam – am Niederrhein lebten selbst im Zweiten Weltkrieg viele Holländer und Deutsche auf der „verkehrten" Seite der Grenze – mit einem Kulturschock war diese Form der Einwanderung nicht verbunden. Die Diskussion darüber, ob der im Herzogtum Cleve geborene Peter Minuit, der Gründer New Yorks, Deutscher oder Niederländer war, drang nie bis zu den Dörfern beiderseits der Grenze vor. Integrationsprobleme gab es nicht.

    Der Gemeinderat stimmte also der „Immigration nur unter dieser Maßgabe zu. Das Recht auf Steuerung der Einwanderung hatte der preußische König den Gemeinden eingeräumt, um zu verhindern, dass die Zahl der Bewohner, die der gesetzlich vorgeschriebenen Armenfürsorge unterlagen, nicht zu sehr anstieg. Der Rat, in dem fast ausschließlich grundbesitzende Bauern mit hoher Abgabeverpflichtung saßen, war sich völlig einig, dass „Einwanderung in das Sozialsystem, wie es 150 Jahre später hieß, vermieden werden musste.

    Henricus war Ackerer und hätte sich von diesen zwei Morgen Weideland nicht ernähren können. Er war gerufen worden, um seinen Onkel Derk einmal zu beerben, dessen Söhne vorzeitig verstorben waren. Einmal in Preußen, heiratete er Anna, eine recht vermögende Bauerntochter. Sie brachte zusätzliches Land und eine beträchtliche Summe Bargeld mit in die Ehe. Somit war der kleine Hof wirtschaftlich gesund und hätte Basis für die großen Pläne sein können, die sein Enkel nach dem Ersten Weltkrieg verwirklichen wollte.

    Das Dorf, das in Wirklichkeit aus zwei Dorfschaften mit unterschiedlichen Namen, einem Ritter- und einem Landgut bestand, war nach Westen durch zwei Altrheinarme und den Deich vom Hauptstrom getrennt. Nur bei etwas höherem Wasserstand konnten die Bewohner die Lastkähne sehen. Bei richtigem Hochwasser begriffen sie, warum ihre Kirche nun schon seit Jahrhunderten nicht mehr in der Nähe des ursprünglichen Flusslaufes stand. Die Berichte und Erzählungen über Dammbrüche, über in den Fluten versunkene Familien, über Menschen, die auf der Flucht vor dem Wasser auf den Bäumen erfroren waren, vor allem die Tatsache, dass ihr Dorf zweimal vollständig von den Fluten mitgerissen worden war, ließen sie es als gottgegeben hinnehmen, dass man nach Westen den sonst üblichen Weitblick nur auf der Deichkrone hatte. Dieser war umso grandioser, aber auch Ehrfurcht erregender, je höher das Wasser stand: Es hätte die Nordsee sein können, wären da nicht die beiden auf Warften gelegenen Höfe und, vereinzelt, alten Weiden und Pappeln gewesen.

    Parallel zum Deich verliefen die Provinzialstraße, später auch die Straßenbahnschienen und die Reichsbahn. In einem großen Bogen, gut fünfhundert Meter von dieser Straße entfernt, verlief die unbefestigte Wiesenstraße, die die Ortsteile untereinander und Hetter mit dem Nachbardorf Verveld verband. Eins der wenigen Häuser gehörte Doras Eltern. Es trug die Hausnummer 1 und gehörte zum Nachbardorf mit eigener Kirche und Schule. Jann und Dora hatten sich daher auch erst nach der Schulzeit kennengelernt.

    Jann, der wie seine Frau bei der Heirat zweiundzwanzig Jahre alt war, zog nach der Hochzeit 1914 hier ein. Die sechs Kilometer zu seinem Arbeitsplatz bei der Eisenbahn in der Stadt legte er in den ersten Jahren zu Fuß zurück. Dora hatte es bis zur Molkerei nicht so weit, musste aber dafür morgens und abends, also zweimal am Tag, zu ihrer Arbeit laufen. Diese bestand unter anderem darin, „Gouda- und Edamerkäse in Brotform" herzustellen. Ansonsten kümmerte sie sich um Feld und Garten, den Haushalt und den kranken Vater.

    Wenn sie aus dem Küchenfenster schauten, hatten sie einen unverstellten Blick bis weit nach Holland hinein. In dieser Gegend gab es nur Wiesen und Felder. Berge und Wald kannten die Kinder der Dörfer hier nur aus den Märchen. Sie hielten sie daher für ebenso wunderlich wie Hexen oder Feen.

    Der Blick nach Osten hätte ebenso weit reichen können, wären da nicht die mächtigen Gebäude der beiden Großbauern gewesen. Für einen von ihnen leistete Jann Spanndienste. Als Gegenleistung durfte er Pferd und Pflug ausleihen, um seinen eigenen kleinen Acker zu bestellen. Er hätte sonst sein eigenes Stück Land mit dem Spaten umgraben müssen! So hatte er das das Gefühl, selbst ein kleiner Bauer zu sein.

    Die Arbeit bei der Bahn betrachtete er sowieso lediglich als Existenzsicherung; sein Traum war, selbstständiger Oeconom zu werden, wie die großen Bauern sich damals nannten. „Voor en Telder Papp över de Ächterdör van den Buur springen", also für einen Teller Milchsuppe über das Scheunentor des Großbauern springen, wollte Jann nicht.

    Veränderungen im Haus seines Vaters ließen die Hoffnung zu, dass dieser Traum Wirklichkeit werden könnte. Das war jedoch zehn Jahre später. Jetzt stand nach dem Militärdienst in der Garnisonsstadt der Einsatz in Frankreich bevor.

    Hätten die Enkel fünfzig Jahre später Janns und Doras zahlreichen Briefe, deren Marken sie für ihre Sammlung brauchten, nicht einfach weggeworfen, wäre über ihre Liebe zueinander sicher mehr zu sagen, als dass sie bis zu ihrem Tod hielt. Vielleicht wären aber auch nur mehr Einzelheiten über das Leben in der Kaserne und an der Front herausgekommen oder über das beschwerliche Leben zu Hause, die alle vier Wochen abzuarbeitenden Wäscheberge, das tägliche Ausmisten des Schweinestalles, über die hektischen Schlachttage, die Arbeit auf dem Feld bei Wind und Wetter, über die Belastung durch die Arbeit in der Käserei, über das Leiden des todkranken Vaters.

    Man hätte wohl auch genauer gewusst, ob Jann wirklich bei den Ulanen war, wie wiederholt kolportiert wurde. Seine stattliche Figur, sein kräftiger Schnauzbart und – Jahre später – seine Rolle als Oberst zu Pferde in der Schützenbruderschaft waren für Gutmeinende Beweis genug. Dennoch ist es mehr als zweifelhaft. Selbst hat er dies nie erwähnt. Aber auch nicht, dass er wahrscheinlich nur Grenadier war.

    Dora liebte trotz des beschwerlichen Daseins ihr Zuhause sehr. Nachdem sie schon Jahrzehnte nicht mehr dort wohnte, fuhr sie mit dem Fahrrad regelmäßig „noor Huis, wie sie zu sagen pflegte. In der Rückschau war offenbar das Leben dort trotz allem erfreulicher und leichter gewesen als „opp den Bölt – auf dem Buckel – wie man das Anwesen ihres Schwiegervaters nannte, wo sie die anderen Zweidrittel ihres Lebens zubrachte. Jann pflegte ihren Wunsch mit einer Mischung aus Verärgerung und Nachsicht zu kommentieren:Noor Huis, noor huis! Wat willt gej door?

    Ihre immer wieder mal geäußerten Bemerkungen zum Tod ihres Vaters waren von Mitleid geprägt, keineswegs von Erleichterung darüber, dass eine schwierige Pflege zu Ende gegangen war. „Seine Zehen und Hände waren von den ständigen Schmerzen und Krämpfen, die sein Blasenleiden mit sich gebracht hatte, ungewöhnlich verkrümmt, sein Gesicht unnatürlich verzerrt. Er muss fürchterlich gelitten haben."

    2

    Warum Jann auf sein erstes Kind zwei Jahre warten musste, lässt keine eindeutige Antwort zu. Während er von seinen Kameraden im Turnverein Germania zu hören bekam, er sei wohl ein „Börg", man habe ihm anscheinend die Manneskraft genommen, mag Dora instinktiv den Krieg als ungünstige Voraussetzung für neues Leben angesehen haben. Jedenfalls spricht vieles dagegen, dass es eine in jeder Hinsicht bewusste Entscheidung war. Schließlich dauerte der Krieg noch weitere zwei Jahre.

    Als ihm die Nachbarn zu seiner Erstgeborenen schließlich gratulieren konnten, erwiderte Jann: Danke, danke, aber es ist ja nur ein Mädchen. Dreißig Jahre später erwies sich diese Bemerkung als die größte Fehleinschätzung seines Lebens.

    Janns Onkel, der aus den USA zurückgekehrt war, um den Sieg gegen Frankreich nicht zu verpassen, und ihr Schwager Gerd waren schon gefallen. Sie machte sich große Sorgen, dass auch Jann sie und ihre Tochter allein lassen könnte. Mehrmals am Tag betete Dora inbrünstig zum lieben Gott, er möge Jann verschonen. Als sich dann endlich die Nachricht vom Waffenstillstand herumsprach, schaute sie hundert Mal aus dem Fenster an der Ritterburg vorbei bis zur Provinzialstraße, bevor sie Jann, die Tochter auf dem Arm, entgegenlaufen und in die Arme schließen konnte.

    Im folgenden Jahr wurde der eigentlich schon früher erwartete Sohn geboren. Sie tauften ihn nach dem Großvater väterlicherseits auf den Namen Theodorus, riefen ihn aber von Anfang an nur Theo. Auch den zweiten Sohn, Albert genannt Battje, brachte Dora noch im Bettkasten des elterlichen Hauses zur Welt. Die Hebamme glaubte schon kurz nach der Geburt, bei diesem Kind eine besondere Keckheit feststellen zu können. Beispiele dafür konnte Dora Jahre später, wenn sie von ihrem allzu früh verstorbenen Jungen erzählte, in der Tat anführen.

    Janns Elternhaus, das unweit des Deiches fast unmittelbar an der Provinzialstraße lag, nannten die Dörfler liebevoll auch Rosenkate. Ob es dafür handfeste Gründe gab, ob also auf dem Anwesen mehr Rosen als anderswo blühten, ist zweifelhaft. Fotos aus dieser Zeit geben jedenfalls keinerlei diesbezügliche Hinweise. Das Schicksal der Bewohner rechtfertigt diese Bezeichnung nicht.

    Das Haus, das wie bereits angedeutet, wegen des Rheinhochwassers auf einem Hügel gebaut worden war, bestand aus einem Vorderhaus mit Essküche, einem kleinen Wohnzimmerchen, drei Schlafzimmern und Waschküche sowie dem Hinterhaus mit Deel – Tenne auf Hochdeutsch – ,Schweineställen und Kuhstall. Ein weiteres Schlafzimmer, die sogenannte Obkamer, war nur über eine sechsstufige hochklappbare Holztreppe zu erreichen, die zugleich als Abschluss des kleinen und sehr niedrigen Kellers diente.

    Das Anwesen, zu dem auch eine mittelgroße Scheune gehörte, war auf drei Seiten von Wiesen bzw. dem großen Garten umgeben. Wollte ein Fremder das Wohnhaus durch die Vordertür betreten – Bekannte wählten den Weg über die Deel – musste er, um den breiten Schaugraben zu überqueren, zunächst über eine Holzbrücke gehen, das Eisentor öffnen und dann die letzten dreißig Meter zum Haus hinaufsteigen. Die Kinder benutzten die Brücke nur im Frühjahr, wenn das Rheinhochwasser die Gräben auf dieser Seite des Deiches überquellen ließ. Dann löste sich die Brücke aus der losen Verankerung und wurde für Jungen zum leicht handbaren Floß.

    Hier hatten zunächst der Einwanderer aus Holland, Henricus, mit seiner deutschen Frau Anna und ihre elf Kinder gelebt. Sieben waren in die Vereinigten Staaten ausgewandert, drei lebten in der Nähe oder in Holland. Theodorus mit seiner Frau Gerharda waren zu Hause geblieben, bewirtschafteten den kleinen Hof und hatten sich testamentarisch verpflichtet, die Sorge für die Eltern zu übernehmen. Er konnte über insgesamt acht verschiedene Flurstücke mit etwa dreißig Morgen verfügen, hatte aber laut Erbvertrag den Geschwistern je vierhundert Mark ausgezahlt und musste weitere zweitausendvierhundert Mark zu einem späteren Auszahlungstermin bereithalten. Zur Befriedigung dieser Erbansprüche, die dem Werte nach dem eines neuen Hauses entsprachen, hatte er ein großes Stück Land verkauft. Darüber hinaus hatte er sich Geld geliehen, eine Last, die auch die nächste Generation in ihrem Expansionsdrang noch einschränkte.

    Theodor konnte trotz des selbstverständlichen Einsatzes seiner unverheirateten Geschwister und, später, seiner eigenen Kinder von der Bewirtschaftung seines kleinen Hofes und von der Arbeit für den Gutsbesitzer allenfalls überleben; die Schulden zu seinen Lebzeiten abzuzahlen war ihm nicht möglich.

    Er hatte trotz des ihm Respekt verleihenden kaiserlichen Backenbartes, seiner körperlichen Größe und seines gebieterischen Auftretens eine Schwäche, die ihm jedoch erst Jahre später den üblichen Ansehensverlust einbrachte. Er brauchte für seinen Eigenbedarf Bargeld, wenig, wenn man es in absoluten Zahlen angeben wollte, zu viel, gemessen an den sehr geringen Erträgen aus dem Verkauf von Eiern oder Milch.

    Theodor trank. Er brauchte regelmäßig sein Borreltje, und das nahm er nicht nur zu Hause zu sich. Beim Kartenspiel in der Schenke trank er so viel, dass ihm der Heimweg immer mal wieder zu schmal wurde, und er im Graben landete. Zumindest einmal konnte er dieses Missgeschick Frau und Kindern nicht verheimlichen. Der teure handgeschneiderte braune Sonntagsanzug – der einzige, den er hatte – roch am Morgen danach so eindringlich nach Jauche, dass Gerharda ihn einer ärgerlichen Befragung unterzog:

    „Theodor, wo warst du? Was hast du gemacht? Warum stinkt dein Anzug nach Kuhstall? Den müssen wir waschen und dann zum Aufbügeln zum Schneider bringen. Weißt du, was das kostet? Theodor, bist du wieder „satt gewesen? Du wolltest doch nicht mehr so viel trinken! Worauf Theodor antwortete, Jannetje, der Nachbar, habe ihn in den Graben gestoßen, in den ja bekanntermaßen der Gutsbesitzer van de Waal seine Jauche ableite. Gerharda widersprach nicht. Thedor war ein stimmgewaltiger Mann und pflegte ihm nicht gefällige Meinungen niederzubrüllen. Sie vertraute auf andere, subtilere Mittel, um mit seinem Laster fertig zu werden.

    Theodorus hatte eine Tochter, Hanne, und fünf Söhne: Heinrich genannt Henn, Johann genannt Jann, Wilhelm genannt Wellem, Gerd und Konrad. Das waren zwar nur noch halb so viele wie sein Vater zu versorgen gehabt hatte, stellte aber angesichts der Wirtschaftskrisen mit ihren Folgen für ihn eine große Last dar.

    Unglücklicherweise mussten er und Gerharda sich auch noch um einen seiner Brüder kümmern, der krank aus Ohio zurückgekommen war und sein ihm zustehendes Heimrecht wahrnahm. Er war daher froh, als Hanne heiratete und ins Nachbardorf zog, Henn als Bahnwärter eine Anstellung fand und sich mit seiner jungen Frau eine Wohnung suchte, und Wellem als Kopfschlächter ebenfalls auf eigenen Füßen stand. Jann war ja schon elf Jahre zuvor ausgezogen.

    Da Gerd, der jüngste, auf dem Feld der Ehre sein Leben gelassen hatte, blieb ihm nur noch Konrad. Er sollte den Hof übernehmen und seine Eltern bis zu deren Lebensende „in allen Lebensbedürfnissen, insbesondere auch in der erforderlichen Pflege in Arzt und Arzneien angemessen und standesgemäß unterhalten, ihnen auch nach ihrem Tode ein standesgemäßes Begräbnis bereiten".

    Konrad nahm den Erbvertrag gern an, entband er ihn doch von der Verpflichtung, sich als Tagelöhner zu verdingen oder sich eine Beschäftigung außer Haus zu suchen. Er war noch jung und seine Eltern noch sehr rüstig. Sich ihnen unterzuordnen fiel ihm nicht schwer. Andere Loyalitäten kannte er nicht, und konnte er sich nicht vorstellen. Um sich herum sah er Gleichaltrige, die arbeitslos waren, für Unterkunft und Verpflegung bei einem der Gutsbesitzer schufteten oder ins Ruhrgebiet verzogen, um eine ihnen völlig fremde und harte Arbeit anzunehmen, wie es zwei von Doras Brüder getan hatten. Letztere konnten selbst Jahre danach, auch als es ihnen gut ging, ihren Ansehensverlust bei ihren Verwandten im Dorf nicht wieder wettmachen.

    Wäre Konrad Junggeselle geblieben, alles hätte noch Jahre so weitergehen können. Er half Theodor beim Melken der zwei Kühe, brachte die Milchkanne zur Molkerei, mähte das Gras für die Schweine, mistete den Schweinestall aus, fütterte die Hühner, lief hinter Pflug und Egge, säte und erntete, sägte und hackte Holz für Kamin und Herd und leistete gehorsam die geforderten Spanndienste beim Oeconomen.

    Theodor war bemüht, ihn an der kurzen Leine zu halten. Aber er konnte nicht verhindern, dass Konrad wie alle jungen Leute zum Schützenfest ging und bei dieser Gelegenheit Aloysia, eine Näherin aus der Stadt, kennenlernte.

    Die Hochzeit kam schneller, als den beiden und seinen Eltern recht war. Obgleich sie keineswegs aus begüterten Verhältnissen kam und zu arbeiten sowohl zu Hause als auch beim Kleidermacher gewohnt war, fiel ihr die plötzliche Umstellung auf die Rollen als Ehefrau, Mutter, Schwiegertochter und Magd sehr schwer. Als letztere fühlte sie sich nicht zuletzt wegen der, wie sie meinte, herablassenden Art ihrer Schwiegermutter, mit der diese ihr zeigte, wie man das Feuer im Herd anmachte oder einen Speckpfannkuchen backte.

    Stell dich nicht so dumm an, Deern. Du wirst es schon noch lernen! meinte sie.

    Was das Wesen ihrer Schwiegermutter anging, irrte sich Aloysia. Gerharda war eine kluge, sanfte und auf Ausgleich bedachte Frau, die schon deshalb nicht zum Hochmut neigte, weil sie selbst in den ersten Jahren „opp den Bölt" vieles hatte lernen müssen, was in ihrem Elternhaus Dienstmägde erledigt hatten.

    Schlimmer als die vermeintliche Hochmütigkeit Gerhardas war der herrische Ton, den der Schwiegervater immer dann anschlug, wenn sie sich weigerte, zum Oeconomen zu gehen, um dort an Theodors oder Konrads Stelle bei der Ernte oder beim Schlachten auszuhelfen.

    „Was ich kann oder meine Frau, ist dir wohl nicht gut genug. Was bildest du dir ein? Du gehst dort hin und sonst gar nichts!" schalt sie Theodor.

    Aloysia verließ dann schluchzend das Haus und suchte ihren Mann, um bei ihm Trost und Rat zu finden. Konrad aber konnte nicht helfen. Er verstand sie nicht. Seine ältere Schwester Hanne hatte doch dieselben Arbeiten verrichtet, ja sogar gern zur Abwechslung einmal beim Großbauern gearbeitet. Ihm war vor der Heirat gar nicht in den Sinn gekommen, ihr von diesen Verpflichtungen und Abhängigkeiten zu erzählen. Sie dagegen fragte sich, warum können sich diese stolzen Leute kein eigenes Pferd leisten? Warum pachteten sie Land an, wenn sie kein Geld für den Pachtzins haben? Dafür sollte sie jetzt schuften? Auch von den Schulden, die jedes Jahr bedient werden mussten, erfuhr sie mehr durch Zufall! Sie begriff und erkannte immer deutlicher, ihr Leben in der Stadt wäre einfacher und leichter gewesen, aber Konrad durfte sie das nicht sagen.

    Es war ein anstrengender Tag gewesen. Arbeit und Sonne hatten ihnen den Schweiß aus allen Poren gelockt. Theodor, Konrad und Bruder Jann hatten das ganze Roggenfeld gemäht, Gerharda, Schwiegertochter Dora und eine Nachbarin hatten das Getreide gebunden und zum Trocknen aufgerichtet. Am folgenden Tag sollte es aufgeladen und in die Scheune gebracht werden, bevor es dann später im Jahr gedroschen würde. Das war der Lauf der Dinge. So machte man es.

    Sie hätten zufrieden einschlafen können, Theodor und Gerharda. Obwohl Juli, war es in ihrem Schlafzimmer stockfinster. Es hatte kein Fenster nach draußen, wohl aber eine kleine Luke, die jedoch nicht zum Lüften gedacht war, sondern einzig und allein dazu diente zu überprüfen, ob in den Ställen alles in Ordnung war. Insbesondere wenn eine Kuh zum Kalben anstand, schliefen beide unruhig, schoben abwechselnd immer mal wieder die rotkarierte Gardine zur Seite und schauten nach.

    Heute Abend war es ruhig, aber sie konnten beide nicht einschlafen. Nebenan, in „de achterste Kamer", so genannt, weil dieses Schlafzimmer von der Küche aus am weitesten entfernt lag, atmete der kranke Bruder schwer, aber regelmäßig. Die jungen Leute in der Obkamer waren zu weit weg, als dass sie Gespräche im elterlichen Schlafplatz hören konnten.

    „Theodor, kannst du auch nicht schlafen?"

    „Nein, ich mache mir große Sorgen. Aloysias Verhalten passt mir ganz und gar nicht. Hätte sie heute nicht mit uns aufs Feld kommen können? Du hättest nicht vergessen, uns Kaffee und Butterbrote zu bringen, und unseren Schnaps hätten wir auch bekommen."

    „Sicher, ich finde es jedoch viel schlimmer, dass sie so wenig interessiert ist. Mir hat sie entschuldigend gesagt, sie sei Schneiderin und nicht Bauerntochter. Ich glaube, sie hat sich alles ganz anders, vor allem leichter, vorgestellt. Ich habe darüber mit Konrad schon mal gesprochen, aber er ist mir ausgewichen."

    „Ja, unser Konrad. Er ist ein Schlappschwanz. Kann sich nicht durchsetzen. Sollte mal mit der Faust auf den Tisch hauen!"

    „Aber Thedor, das kann Konrad doch gar nicht. Du weißt doch, Männer, die heiraten müssen, weil sie zu früh ein Kind angesetzt haben, werden von ihren Frauen ihr Leben lang kurz gehalten. Da ändert sich nichts mehr."

    „Hast du gesehen, wie leicht und schwungvoll Jann mit der Sense umgegangen ist? Und Dora, wie gut und schnell sie die Garben gebunden hat? Und dabei hatte sie schon zwei Stunden auf der Molkerei gearbeitet!"

    „Was willst du mir sagen?"

    „Was ich dir sagen will? Jann und Dora passen besser zu uns auf den Hof. Das will ich dir sagen."

    Gerharda mochte seine Überlegungen nicht zu Ende denken. Was sollte dann aus Konrad werden, der doch nichts gelernt hatte? Und das in diesen schweren Zeiten, wo die am besten dran waren, die über Land oder Vieh verfügten und sich weitgehend selbst versorgen konnten!

    3

    An einem Sonntag im August besuchte Jann nach dem Hochamt seinen Vater wie immer, wenn er in seinem Heimatdorf in die Kirche ging. Die Mutter hatte dann eine Tasse Hühnersuppe für ihn und Theodor, obwohl dieser lieber einen Schnaps gehabt hätte, was auch Adelheid, die Witwe des reichen Oeconomen vom Offenberg wusste. Sie kam, für Gerharda zu oft, direkt über die Deel herein und ließ sich ohne Aufforderung am Tisch in der großen Wohnküche nieder, wo Theodor die Flasche schon bereit hielt. Ihren modischen Hut, der einer dreischichtigen Torte glich, und ihren dicken grauen Mantel mit großen Revers und langen Ärmelaufschlägen behielt sie dabei an. Der Unterschied zwischen der bescheidenen, einfachen Gerharda und dieser mondänen, anspruchsvollen Frau schuf eine Disharmonie, die Jann körperlich zu fühlen glaubte. Als sie Jann kommen sah, stand sie, wie ein kleiner Junge, der beim Naschen erwischt worden war, auf und ging. Das passte Theodor überhaupt nicht.

    Wie immer wenn Jann zu Besuch kam, gingen sie zunächst auf die Deel, bestaunten die jungen Ferkel oder das Kalb, das sich seit dem letzten Besuch so außerordentlich gut entwickelt hatte, und dann gingen sie am Hühnerstall vorbei auf die am Haus gelegene Wiese, schauten den Kühen beim Grasen zu und diskutierten Fettgehalt und Butterpreise. Jann fühlte sich hier immer noch zu Hause und seit einiger Zeit auch ernst genommen.

    An diesem Sonntag kam ihm der Vater verändert vor, bedrückt, zögerlich, nicht so selbstsicher wie er sich sonst zu geben pflegte.

    „Jann, wir machen uns Sorgen, sagte er völlig unvermittelt. Mit Konrad und Aloysia, das klappt einfach nicht."

    Jann schaute seinen Vater verwundert an. Sollte ihm völlig entgangen sein, dass sein Bruder sich mit seiner Frau nicht verstand? Und das nach so kurzer Zeit? Der Vater gab ihm keine Gelegenheit zu fragen, sondern fuhr lapidar fort: „Du musst wieder nach Hause kommen; du hast eine tüchtige Frau. Aloysia ist für die Landwirtschaft völlig ungeeignet." Jann war über dieses Angebot, das eher wie eine Aufforderung oder gar Anordnung geklungen hatte, überrascht und verwirrt zugleich, aber er war auch stolz, dass sein Vater ihm die Bewirtschaftung des Hofes zutraute. Seinen Ehrgeiz, selbst einmal ein anerkannter Bauer zu werden mit hinreichend Ländereien, einem größeren Viehbestand, mit eigenen Pferden hatte er angesichts der beschränkten Möglichkeiten auf dem Anwesen seiner Schwiegereltern immer wieder unterdrückt. Dieser Ehrgeiz war aber, wie er jetzt merkte, immer noch lebendig und keineswegs abgestorben.

    Am liebsten hätte er sofort gesagt: „Ja, wir kommen gerne!" Aber ihm gingen tausend Fragen durch den Kopf. Wie hatte Vater sich den Wechsel vorgestellt? Was sollte mit Konrad und Aloysia geschehen? Wovon sollten sie leben? Welche Bedeutung hatte der Erbvertrag, den sie mit Theodor geschlossen hatten? Könnte er die ungeliebte Arbeit bei der Bahn schon bald aufgeben? Ja, und das fiel ihm erst jetzt ein, was hielt Dora von der ganzen Sache?

    „Na, was hältst du davon?" hörte er

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