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Aufstand und Zwangsumsiedlung: Die kubanischen Unabhängigkeitskriege 1868-1898

Aufstand und Zwangsumsiedlung: Die kubanischen Unabhängigkeitskriege 1868-1898

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Aufstand und Zwangsumsiedlung: Die kubanischen Unabhängigkeitskriege 1868-1898

Länge:
627 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
18. Okt. 2012
ISBN:
9783868545609
Format:
Buch

Beschreibung

"Alle Bewohner der ländlichen Gebiete [...] haben sich innerhalb von acht Tagen in von Truppen besetzten Dörfern einzufinden. Wer nach dieser Frist abseits der Befestigungsanlagen aufgegriffen wird, gilt als Aufständischer und wird als solcher bestraft." Mit diesem Befehl zur Zwangsumsiedlung der Zivilbevölkerung vom 21. Oktober 1896 sollte der Zugang der kubanischen Guerillatruppen zu Waffen, Nahrung, Medizin, Kleidern und militärischen Informationen unterbunden werden; die entvölkerten Landstriche wurden konsequent der Zerstörung anheimgegeben. In über 80 befestigten Städten und Dörfern wurden mindestens 400 000 Personen interniert - sie lebten in improvisierten Hütten, Baracken und alten Lagerhäusern. Rund 170 000 Menschen starben an Seuchen und Unterernährung. Andreas Stucki analysiert die Zwangsumsiedlungen im Kontext des kubanischen Guerillakrieges und diskutiert die Frage der strategischen Umsiedlungspolitik als militärische Strategie im Rahmen der Counterinsurgency. Seine komparative empirische Studie zu den sozialen, ökonomischen und politischen Folgen der Zwangsumsiedlungen eröffnet auch Perspektiven für weitere Untersuchungen im Spannungsfeld der Kolonialismus- und vergleichenden Lagerforschung.
Freigegeben:
18. Okt. 2012
ISBN:
9783868545609
Format:
Buch

Über den Autor


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Aufstand und Zwangsumsiedlung - Andreas Stucki

»Aufbruch«.

Der Zehnjährige Krieg: Laboratorium der Aufstandsbekämpfung

»Wenn wir den Atem haben, die halbe Insel zu entvölkern, insbesondere das Zentrum, um sie nach neuem Vorbild wieder neu zu erschaffen, so ist die Situation gerettet; haben wir ihn nicht, so ist die Insel unwiederbringlich verloren.«¹

In der Meistererzählung um den »Ursprung« von Konzentrationslagern auf Kuba wird der Zwangsumsiedlung während des Zehnjährigen Krieges (1868–1878) im Osten Kubas keinerlei Beachtung geschenkt. Auch in der Literatur zu den kubanischen Unabhängigkeitskriegen und in militärhistorischen Abhandlungen zur Kriegführung auf Kuba findet diese frühe Reconcentración kaum Erwähnung. Dieses in der Forschung vernachlässigte Sujet wird im Folgenden in den Diskurs um »Lager« und Zwangsumsiedlung integriert. Dabei zeigt sich, dass der Erfahrungsraum des Zehnjährigen Krieges in mehrerer Hinsicht für die spätere Konzeption von Wehrdörfern und Bevölkerungskontrolle prägend war. Zum einen entstanden bereits in den 1870er Jahren zahlreiche militärische Operationspläne. Diesen war die Auffassung gemein, dass über die Konzentration der Zivilbevölkerung an militärisch kontrollierten Punkten eine rasche »Pazifizierung« der Insel erzielt werden könne. Zum anderen sammelten junge Offiziere wie Valeriano Weyler praktische Erfahrungen hinsichtlich der Problematik der Zivilbevölkerung in Imperialkriegen. Diese Erfahrungen und Konzeptionen des Kleinkrieges setzten sie später als Oberbefehlshaber mit beispielloser Härte und Konsequenz um. Das humanitäre Desaster, eine Folge des damals noch uneinheitlichen Vorgehens gegen die unbeteiligte Landbevölkerung, schrieb sich tief in die lokale Erinnerungskultur in Oriente² ein.

Der Zehnjährige Krieg, ein »kleiner« und »vergessener« Konflikt,³ stellt demnach einen wichtigen Zugang zum Verständnis der Reconcentración von 1896 dar. Im Folgenden stehen nach einer kurzen Erörterung der allgemeinen Konfliktstrukturen insbesondere das »Gesicht des Krieges« sowie die oben erwähnten Operationspläne im Zentrum der Analyse. Der Fokus auf die Strukturen, auf den Charakter des Krieges öffnet zugleich den Blick auf die Reconcentración und ihre »globale Karriere« als Antiguerillamaßnahme. Diese beschränkte sich nicht lediglich auf die Ränder des spanischen Imperiums (Kuba, Philippinen). Die zeitnahen Vorschläge zur »Befriedung« der baskischen Provinzen während des dritten Karlistenkrieges (1872–1876) waren jenen für Kuba auffallend ähnlich. Dieser Transfer des »Repressionswissens« von der Peripherie in die Metropole verdeutlicht die zentrale These dieses Kapitels: Die Umsetzung von Extremmaßnahmen – die Reconcentración – in der Guerillabekämpfung lässt sich über biografische Prägungen der Akteure, strukturelle Parallelen der Konflikte sowie situativ erfahrene Prämissen und angebliche »Erfordernisse« hinsichtlich der Kriegführung erklären.

Konfliktstrukturen und Verlauf

Nach der Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Festlandkolonien (1810–1825) verfügte Spanien bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch über ein »Restimperium« in Übersee. Über die Bedeutung des Verlustes der südamerikanischen Kolonien für die Metropole gibt es bis heute in der Forschung keinen Konsens. Weitgehende Übereinstimmung besteht allerdings hinsichtlich der Frage nach der Relevanz Kubas – der sogenannten »Perle der Antillen« – sowohl unter Zeitgenossen als auch in der aktuellen Historiografie. Wirtschaftlich profitierte Kuba Ende des 18. Jahrhunderts von der Revolution auf Saint-Domingue (1791–1804). Die Insel stieg in dieser Zeit zu einem der wichtigsten Zuckerproduzenten auf dem Weltmarkt auf. Im Jahr 1840 galt Kuba unter Ökonomen als »die wohlhabendste und in voller Blüte stehende« Kolonie in europäischem Besitz.⁴ In der zeitgenössischen patriotischen Auffassung vieler Spanier war Kuba zudem ein integraler Bestandteil des nationalen Territoriums und erlangte den Beinamen »die immer treue Insel«. Bei der liberalen spanischen Elite – insbesondere unter Intellektuellen – war diese imaginäre Aneignung der Großen Antillen besonders stark ausgeprägt. Sie äußerte sich deutlich in der Wahrnehmung und Deutung der Aufstände im 19. Jahrhundert als »Bürgerkriege«. Erst in den 1890ern sollte sich dieses Bild angesichts der hohen spanischen Verluste wandeln: Für Generalkapitän Arsenio Martínez Campos mutierte das »Kronjuwel« zum »Abgrund«, in dem »spanisches Blut und Reichtum« gleichsam versanken. Die »Perle der Antillen« wurde zur »Fußfessel«.⁵

Mitte des 18. Jahrhunderts war es der spanischen Krone gelungen, dank eines komplexen Systems von Anreizen die kreolische⁶ Elite Kubas an den Thron zu binden. Anreize boten die ökonomische Öffnung, aber auch die zahlreich vergebenen Adelstitel und die daraus resultierenden Privilegien, deren Fortbestehen nur die spanische Monarchie garantieren konnte. Durch die Aristokratisierung gelang es, die Pflanzerelite auch militärisch zu integrieren: als Milizkommandanten.⁷ Die Angst unter der kreolischen Elite, Unabhängigkeitsbestrebungen auf Kuba könnten zur Sklavenbefreiung und somit zu einem Rassenkrieg führen, verstärkte vor dem Hintergrund der Revolution auf Saint-Domingue/Haiti – aber auch angesichts der Sklavenrevolten auf Kuba – die Bindung an die Metropole. Die Umwälzungen auf Haiti hatten die ganze Atlantikregion erschüttert und auch auf der nur einige Seemeilen entfernten Insel Kuba die Ängste vor einem »Zusammenprall der Rassen« geschürt. Verschwörungen und Aufstände von Sklaven sowie freien Schwarzen gegen die Unterdrückung – letztendlich gegen die spanische Domination – schlug die spanische Kolonialadministration brutal nieder.⁸ Die grassierende Angst vor einem Rassenkrieg sollte während der kubanischen Unabhängigkeitskriege von spanischer Seite gezielt in propagandistischer Manier instrumentalisiert werden.

Auch unter der privilegierten kreolischen Elite traten etwa mit Francisco Arango y Parreño bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und später mit José Antonio Saco sowie den reichen Pflanzern in der »Junta de Información« (1865–1867) verstärkt Forderungen nach (ökonomischen) Reformen und politischer Partizipation innerhalb der kolonialen Struktur auf. Seit dem Ausschluss der kubanischen Abgeordneten aus den spanischen Cortes⁹ (1837) wurde Kuba auf der Grundlage von »Sondergesetzen« regiert, die nie in einem Verfassungstext konkretisiert wurden.¹⁰ Diese stetige Ausnahmesituation und die 1825 von König Fernando VII. erteilten »außerordentlichen Befugnisse« öffneten dem autoritären Stil der Generalkapitäne in Havanna Tür und Tor.¹¹ Die Position des Generalkapitäns in den Kolonien glich jener eines Diktators: Er war nicht nur für militärische und politische Angelegenheiten zuständig, sondern auch für rechtliche, kulturelle und religiöse Belange. Der Madrider Historiker Manuel Espadas Burgos verglich den Posten mit dem eines Vizekönigs.¹² Der Machtzuwachs von Generalkapitän und Generalgouverneur in Personalunion stand im Gegensatz zur geforderten Mitbestimmung einer wirtschaftlich fortschrittlichen und erfolgreichen kreolischen Oberschicht.¹³ In den Jahren von 1825 bis 1865 hatte sich Kuba zu einer der profitabelsten Kolonien entwickelt. Die im Vergleich wirtschaftlich rückständige Metropole war allerdings nicht in der Lage, den sich verändernden Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Sie reagierte mit Unfähigkeit und Despotismus anstatt der logischen Repräsentation Kubas in den Cortes und der Aussicht auf mehr Autonomie.¹⁴

Nach verschiedenen gescheiterten Reformversuchen und erhöhter Fiskalbelastung brach im Schatten der spanischen »Septemberrevolution« am 10. Oktober 1868 unter der Führung von Carlos Manuel de Céspedes im Osten Kubas ein Aufstand aus. Dieser hatte seine Wurzeln in der radikalen Reformbewegung der kreolischen Oberund Mittelschicht im wirtschaftlich eher rückständigen Osten der Insel. Der Aufstand breitete sich rasch über Zentralkuba aus: Im November 1868 erhoben sich patriotische Verbände in der Region um Puerto Príncipe, im Februar 1869 in Santa Clara. Die Städte des Westens wurden von einer Welle der Repression heimgesucht. Nur so gelang es den spanischen Truppen und Freiwilligen, Verschwörungen aufzudecken und die Rebellion im Westen praktisch im Keim zu ersticken.¹⁵

Kuba und seine Bezirke (Jurisdicciones) um 1860

Nach einer Vorlage von Ferrer, Insurgent Cuba, S. 20

Der Aufstand wurde auch nach Ausbruch der Kampfhandlungen weitgehend als Fortführung der kubanischen Reformbewegung – jedoch mit anderen Mitteln – verstanden, wovon die kreolische Elite die teilweise noch in Spanien geborenen (Peninsulares) Pflanzer der reichen Westprovinzen zu überzeugen suchte. Im wirtschaftlich bedeutsamen Westen dominierte unter den Plantagenbesitzern jedoch die Sorge um ökonomische Einbußen und nicht zuletzt die Angst, die Revolte gegen die spanische Kolonialherrschaft könnte rasch in einer offenen sozialen Revolution gipfeln. Dabei spielte wiederum die Furcht vor einem drohenden Rassenkrieg eine nicht zu unterschätzende Rolle. Diesen Befürchtungen versuchten die Aufständischen insofern Rechnung zu tragen, als sie in den ersten Kriegsjahren nur eine graduelle Sklavenemanzipation propagierten, die durch finanzielle Entschädigungen an die Sklavenhalter ermöglicht werden sollte. Im November 1868 verbreitete der Anwalt und Plantagenbesitzer Céspedes, Präsident der »Republik in Waffen« (1869–1873), ein Dekret, das die Agitation von Sklaven zur Rebellion unter Todesstrafe stellte. Im folgenden Monat wurde verkündet, die Abschaffung der Sklaverei werde nach Kriegsende mit dem Triumph der Revolution erfolgen. In der verfassungsgebenden Versammlung von Guáimaro (Camagüey) proklamierte die »Republik in Waffen«, sprich: der revolutionäre »Gegenstaat«, am 10. April 1869 die Freiheit aller Einwohner des Landes. Dieser Beschluss wurde im Territorium von Cuba libre kaum umgesetzt und sogleich mit einer restriktiven Verordnung für Freigelassene (Reglamento de Libertos) abgeschwächt.¹⁶

Gerade an dieser ambivalenten Haltung bezüglich der Sklavenbefreiung lassen sich die Konflikte innerhalb der Reihen der Aufständischen veranschaulichen. Das komplexe Verhältnis von Sklaven, Kreolen, Autonomisten und Independentisten sowie die steten Spannungen zwischen ziviler und militärischer Führung, aber auch die Widersprüche unter den Vertretern der Revolution im Exil, verhinderten eine konsequente Ausbreitung der Rebellion über die ganze Insel.¹⁷

Der Kampf gegen die spanische Kolonialherrschaft war insbesondere bei der Bevölkerung des ländlich geprägten Ostens, vor allem in der schwer zugänglichen Provinz Oriente, populär. Daher wäre es verfehlt, die Revolte auf einzelne Exponenten wie Céspedes, Salvador Cisneros Betancourt (Präsident der »Republik in Waffen« von 1873–1875), Francisco Vicente Aguilera, Bartolomé Masó, Pedro Figueredo oder den Rinderbaron Ignacio Agramonte zu reduzieren.

Die Entfremdung wohlhabender Kreolen von der spanischen Metropole vollzog sich mitunter über den einschneidenden wirtschaftlichen und politischen Wandel Kubas während des 19. Jahrhunderts. In ökonomischer Hinsicht war nicht Spanien, sondern Großbritannien und ab 1870 Nordamerika das Zentrum für ihre Vermögensvermehrung. Gerade die Orientierung Richtung USA zeitigte Rückwirkungen auch in sozialen und kulturellen Belangen und führte zu Veränderungen der Mentalität: So spiegelte sich der Wandel des Weltbildes, der kollektiven Einstellung der kubanischen Elite Mitte des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt in der wachsenden Popularität von Baseball gegenüber dem spanischen Stierkampf wider.¹⁸ Neueste Forschungen verweisen allerdings vermehrt auf die Ambivalenz und die Mehrdeutigkeit der Identitäten auf Kuba während des 19. Jahrhunderts. Diese oszillierten vorwiegend zwischen der spanischen Metropole und den USA, wobei sich insbesondere viele Intellektuelle noch immer eng mit Spanien verbunden fühlten und daher eher für ein Autonomieregime denn für die Unabhängigkeit Kubas eintraten.¹⁹

Die Aufstände auf Kuba erfolgten nahezu zeitgleich mit der »Septemberrevolution« in der spanischen Metropole. Der Putsch (Pronunciamiento) durch General Juan Prim in Cádiz, die darauf folgende Machtübernahme General Francisco Serranos sowie die Flucht der bourbonischen Regentin Isabella II. ins französische Exil führten zu einer Neuordnung der politischen Landschaft. Die auf 1868 folgenden »revolutionären sechs Jahre« (1868–1874) waren durch anhaltende innenpolitische Unruhen und Machtwechsel geprägt. Neben politischen Umwälzungen, etwa der Abdankung König Amadeus’ d’Aosta und der daraufhin am 11. Februar 1873 ausgerufenen Republik, stellten der 1872 erneut entbrannte karlistische Bürgerkrieg im Norden Spaniens sowie die Erhebung der »kantonalistischen« Föderalisten vom Sommer 1873 im Osten und Süden des Landes weitere Faktoren der Destabilisierung der Metropole dar.²⁰ Die inneren Konflikte in Spanien absorbierten die während der langen Rezession (1868–1875) ohnehin knappen finanziellen Ressourcen und die Streitkräfte auf der Iberischen Halbinsel, weshalb der konservative spanische Generalkapitän auf Kuba, Francisco Lersundi, auf die loyalen kubanischen Milizionäre und Freiwillige angewiesen war, um Städte wie Yara oder Holguín vor dem ersten Ansturm der Aufständischen um Céspedes zu verteidigen.

Im Oktober 1868 nahm Céspedes mit seinen von Luis Marcano geführten Truppen Bayamo ein. Die ersten Erfolge der Aufständischen beruhten nicht zuletzt auf der militärischen Erfahrung des Dominikaners, der ehemals unter spanischer Flagge gedient hatte. Máximo Gómez, einem weiteren Dominikaner, gelang im November 1868 (Tienda de Pino) ein erfolgreicher Schlag gegen die als Verstärkung für Bayamo anrückenden spanischen Truppen. Die Konsolidierung ihrer Position um Bayamo war den Aufständischen schließlich mit der Eroberung von Palma Soriano durch Donato Mármol gelungen.²¹ Die Entscheidung, zu den Waffen zu greifen, wurde durch die gescheiterte spanische Annexion von Santo Domingo begünstigt. Mit dem Abzug der spanischen Truppen unter beträchtlichen krankheitsbedingten Verlusten Mitte Juli 1865 hatte sich gezeigt, dass auch ein militärisch unterlegener Gegner in der Lage war, den spanischen Truppen in schwierigem tropischen Gelände die Stirn zu bieten.²² Auf diese Erfahrungen konnte auch Gómez zählen, der während der spanischen Kampagne von Santo Domingo noch als Hauptmann der Kavallerie in der dominikanischen Reserve der spanischen Armee gedient hatte. Auf Kuba trug er nun wesentlich zu den ersten Erfolgen des Befreiungsheeres bei.

Der spanische Generalkapitän Lersundi war zweifellos von der Stärke und Zahl der Aufständischen überrascht worden. Als Reaktion entsandte er General Blas Villate, den Grafen von Valmaseda, der mit massiertem Aufgebot die Aufständischen zurückdrängte: Im Januar 1869 ritten seine Truppen in Bayamo ein. Die Entscheidung der Revolutionäre für einen Krieg der Zerstörung und die rücksichtslose Kriegführung unter Valmaseda sollten für den Charakter des Zehnjährigen Krieges wegweisend sein.

Im Jahr 1870 war die Revolution in Santa Clara praktisch niedergerungen, in Puerto Príncipe dem Stillstand nahe.²³ Die Kontrolle der Küsten mit neuen Kanonenbooten verhinderte zudem die Versorgung der Aufständischen mit benötigtem Kriegs- und Sanitätsmaterial, wenn auch die meist von Exilkubanern in den USA organisierten Landungen von Schiffen mit Kriegsmaterial, sogenannte Expeditionen, nie ganz unterbunden werden konnten. Deren geringe Zahl insgesamt war auf Differenzen der Vertreter von Cuba libre in den USA zurückzuführen.²⁴ Valmaseda beendete im November 1870 seine militärisch erfolgreiche Kampagne in Oriente (Creciente Valmaseda), um im Dezember das Amt des Generalkapitäns in Havanna zu übernehmen.

Valmaseda konzentrierte in der zweiten Jahreshälfte 1871 die militärischen Kräfte um Puerto Príncipe; die einzelnen Einheiten der Revolutionäre sollten so isoliert und Schritt für Schritt nach Osten gedrängt werden. Dieses Vorgehen verunmöglichte größere Offensivaktionen der Patrioten. In der Defensive waren die Aufständischen jedoch von den schwerfälligen spanischen Truppen kaum zu fassen, sodass die kubanische Historiografie die Region um Las Tunas als eine »Festung« der Revolution bezeichnet.²⁵ Obwohl die prospanische Pressuregroup mit den Voluntarios²⁶ die Dekrete, die zur Beschlagnahmung und Enteignung der Güter von angeblichen Sympathisanten der Revolution berechtigten, im April 1869 noch dem liberalen Generalkapitän Domingo Dulce abgerungen hatten, trug Valmasedas Art der Kriegführung wesentlich zur Radikalisierung beider Parteien bei.²⁷ Die Repressionsmaßnahmen reichten von mündlichen Kriegsgerichtsentscheiden ohne Appellationsmöglichkeit über die Beschlagnahmung, Enteignung und Zerstörung von Besitz – nicht nur der Aufständischen – bis hin zum Abschlachten ganzer Rinderherden, um den feindlichen Truppen möglichst alle Ressourcen zu entziehen.²⁸ Die Taktik der »verbrannten Erde« wurde konsequent umgesetzt. Im Januar 1870 beklagte sich Valmaseda, dass sich die Vegetation auf Kuba zu rasch erhole: »Das Tempo, mit welchem Feldfrüchte wie etwa Süßkartoffeln oder Maniok nachwachsen, erlaubt es nicht, [den Aufständischen, A. S.] komplett die materielle Lebensgrundlage zu entziehen […].« Die Vernichtung der natürlichen Ressourcen war seines Erachtens noch immer die sicherste Methode, damit sich einmal im Felde geschlagene Rebellen nicht in Gegenden mit guter Versorgungslage sammeln und erholen konnten. »[D]eswegen ist das oberste Gebot der Kolonnen die Zerstörung der Bananenstauden in den Vegas²⁹ im Innern der Wälder; so können die Lebensmittelvorräte für sechs Monate zerstört werden.«³⁰ In der Tat waren die Erträge der fruchtbaren kubanischen Vegetation für die Revolutionäre beträchtlich. Doch für eine ausreichende Ernährung der Truppen genügten sie nur in den ersten Kriegsmonaten, dann war Hunger ein ständiger Begleiter vieler Angehöriger des Befreiungsheeres.³¹ Die Zerstörung von Gütern und Pflanzungen durch spanische Einheiten oder Freiwillige war in manchen Fällen militärisch kaum zu rechtfertigen. Klagen von Plantagenbesitzern weisen darauf hin, dass die Verwüstung teilweise auf schon vor dem Kriegsausbruch schwelende Konflikte zurückzuführen war.³² Dies war nicht zuletzt der bürgerkriegsähnlichen Gemengelage von Gewalt und Zerstörung geschuldet. Neuere Forschungen haben auf den persönlich motivierten Charakter der Denunziation angesichts der permanenten Situation der Unsicherheit in Bürgerkriegen hingewiesen, die der Gewalt vorausgeht. Je nach Präsenz der Truppen und den dadurch bedingten Machtverhältnissen wurden alltägliche Konflikte im Krieg indirekt ausgetragen.³³

Die erfolgreiche Offensive von Antonio Maceo in den Tälern von Guantánamo im August 1871 gab der Revolution neue Hoffnung. Als Reaktion darauf entsandte Valmaseda den damaligen Brigadier Martínez Campos in die Region von Santiago und Guantánamo. Dieser setzte die Aufständischen wieder massiv unter Druck. Durch die Konzentration der spanischen Kräfte in Oriente hatte nunmehr der Freiheitskämpfer Agramonte in Puerto Príncipe wieder zur Offensive gefunden; in Holguín und Jiguaní war der kubanische Stratege Calixto García aktiv, José de Jesús Pérez hatte El Cobre attackiert und marschierte in Richtung Santiago, Vicente García González kontrollierte die Region um Las Tunas.³⁴ Wann immer die spanischen Einheiten ein Territorium »befriedet« hatten, entflammten andernorts die Aufstände erneut. Da aufgrund des Ausbruchs des dritten Karlistenkrieges 1872 in Spanien kaum Verstärkung für das Expeditionskorps zu erwarten war, deuteten die Zeichen auf einen langen Abnutzungskrieg. Dazu trugen auch die zahlreichen Regierungswechsel in Madrid bei, die eine einheitliche Militärpolitik auf Kuba verunmöglichten. Die fehlende Kontinuität wurde während der lediglich sieben Monate dauernden Amtszeit Cándido Pieltains als Gouverneur geradezu augenfällig: 1873 erlebte er in diesem Zeitraum vier Wechsel an der politischen Spitze der Republik in Madrid. Vor Ort wurde ein einheitliches Vorgehen gegen die kubanischen Revolutionäre zudem durch zahlreiche Wechsel der Generalkapitäne erschwert.

Nach Rückschlägen und inneren Querelen vor allem in den Jahren 1870/71 hatte das Befreiungsheer wertvolle militärische Erfahrungen gesammelt und seine Position 1873 weitgehend konsolidiert. 1874 waren die revolutionären Kräfte in der Lage, die Intensität des Krieges zu steigern, und kontrollierten Ende des Jahres fast den ganzen ländlichen Osten sowie Zentralkuba, kamen allerdings nicht gegen die größeren, militärisch befestigten Städte an. Gleichwohl war es etwa den Truppen von Máximo Gómez, zu dieser Zeit Generalmajor, gelungen, Kampfhandlungen mit 250 bis 500 Mann durchzuführen und auch befestigte Städte wie Santa Cruz del Sur – zumindest kurzzeitig – in Bedrängnis zu bringen.³⁵ Erfolgreiche Aktionen wie Anfang Dezember 1873 bei Palo Seco oder im März 1874 bei Las Guásimas stellten die erreichte Kampfkraft des Befreiungsheeres unter Beweis, hatten jedoch nie den Charakter einer Entscheidungsschlacht.³⁶ Die Kampagne in Camagüey 1873/74 sollte den Weg für eine »Invasion« in die Westprovinzen im Januar 1875 bereiten. Gegen Mitte des Jahres 1875 hatten die revolutionären Flammen in Santa Clara vorübergehend das durch Plantagenwirtschaft geprägte ökonomische Herz, die Region von Colón und Cienfuegos, erreicht. Die kubanische Historiografie datiert gemeinhin den Höhepunkt der Revolution im Westen auf den Dezember 1875.³⁷

Als am 18. Januar 1876 Joaquín Jovellar y Soler zum zweiten Mal das Amt des Generalkapitäns übernahm, verfügte er über rund 72000 reguläre Soldaten und 80000 Freiwillige, denen lediglich um die 20000 Revolutionäre gegenüberstanden. Im Februar zwangen die spanischen Truppen das lediglich um die 1000 Mann starke Invasionsheer bei Manicaragua zum Kampf. Beide Seiten hatten hohe Verluste zu verzeichnen, doch war es dem spanischen Expeditionsheer gelungen, den Weg in Richtung Cienfuegos und Matanzas zu sichern. Zudem erreichte nach beendigtem Karlistenkrieg Martínez Campos, mittlerweile in den obersten Generalsrang aufgestiegen, zusammen mit zahlreicher Verstärkung Anfang November 1876 Havanna.³⁸ Er übernahm sogleich die militärische Führung der aktiven Truppen, während sich Jovellar um administrative Angelegenheiten kümmerte. Im März 1877 kündigte Martínez Campos die Offensiven für Puerto Príncipe sowie Oriente an. In der Folge führten die Reorganisation der spanischen Kräfte sowie die intensivierten militärischen Anstrengungen in Kombination mit den persönlichen Rivalitäten unter den Revolutionären zur Atomisierung des Befreiungsheeres.³⁹ Über eine Mischung aus Repression, Begnadigungen und finanziellen Anreizen gegenüber den Aufständischen sowie personellen Wechseln in der eigenen militärischen und zivilen Administration auf Kuba gelang es Martínez Campos am 10. Februar 1878, mit einem Komitee der Aufständischen ein Abkommen, den sogenannten Pakt von Zanjón, auszuhandeln.⁴⁰ Fern dem erklärten Ziel der »Republik in Waffen«, der Unabhängigkeit der Insel, garantierte die Übereinkunft den kubanischen Patrioten lediglich die gleichen politischen Rechte gegenüber der Metropole, wie sie zu dieser Zeit Puerto Rico beanspruchte – darunter auch die Vertretung in den spanischen Cortes. Dabei waren weder Martínez Campos noch die Revolutionäre genau mit dem Status der Nachbarinsel vertraut, die in dieser Zeit über Ausnahmegesetze regiert wurde. Immerhin garantierte der Pakt allen Sklaven und asiatischen Kontraktarbeitern, die aufseiten der Spanier oder der Revolutionäre gekämpft hatten, die Freiheit.⁴¹ In Artikel zwei setzte er zudem das »Vergessen des Geschehenen« hinsichtlich »politischer Delikte« seit 1868 fest – ein Punkt, der nach zehn Jahren Krieg und Übergriffen beider Seiten nicht mehr als einen Wunsch darstellen konnte.⁴² Die Kapitulation der letzten Einheiten des Befreiungsheeres zog sich nicht zuletzt aufgrund der zusammengebrochenen Struktur der Revolutionäre über Monate hin. Die Kämpfer um Maceo in Oriente lehnten den Pakt ab und bäumten sich noch mehrere Wochen gegen die spanische Übermacht auf (Protest von Baraguá). Am 7. Juni konnten Jovellar und Martínez Campos das Ende des Krieges offiziell bekanntgeben.⁴³

Die Opferzahlen des Zehnjährigen Krieges sind bis heute umstritten. Autoren zeitgenössischer Militärzeitschriften gingen davon aus, dass die Kämpfe allein auf spanischer Seite über 74000 Opfer gefordert hatten. Der kubanische Historiker José Abreu Cardet kam jüngst auf der Grundlage von Archivstudien zum Schluss, dass die spanische Seite zwischen November 1868 und Januar 1878 über 145000 Tote zu beklagen hatte – davon über 133000 aufgrund von Krankheiten und Seuchen. Inklusive des Kleinen Krieges (1879–1880) sollen die Verluste beider Krieg führender Parteien rund 260000 Personen betragen haben, wobei nicht klar ist, ob diese Schätzung die gefallenen Zivilisten miteinbezieht.⁴⁴ Zeitgenossen errechneten, dass der Krieg um die 45 Prozent des Reichtums der Insel vernichtet hatte. Die Gesamtkosten des Konflikts sind schwer zu beziffern. Schätzungen, inklusive der über Jahre anhaltenden Zerstörung der Infrastruktur, gehen von 621 bis 700 Millionen Pesos aus. Für das Loch im kubanischen Finanzhaushalt existieren hingegen konkrete Zahlen: Es betrug 206680250 Pesos. Spanien hatte die gesamten Kriegskosten dem Haushalt der Karibikinsel aufgebürdet.⁴⁵

Das Ende des Zehnjährigen Krieges stellte nunmehr »Spaniens letzte Chance auf Kuba« dar – eine große Herausforderung, der nur mit tief greifenden Reformen zu begegnen war. Martínez Campos war sich dessen bewusst, als er nach Beendigung der Kampfhandlungen in Havanna die Amtsgeschäfte als Generalkapitän übernahm. In Anbetracht der schwierigen finanziellen Lage der Insel stieß er eine Debatte zur Steuerbelastung an. Ihm schwebte die steuerliche Gleichstellung Kubas mit den spanischen Küstenstädten vor – ganz im Interesse der kubanischen Zuckeraristokratie. Diese Maßnahme war insbesondere als Stimulation der auf die USA ausgerichteten kubanischen Exportwirtschaft gedacht, die unter hohen Schutzzöllen und anderen Zugangsbarrieren zum nordamerikanischen Markt litt. Auf sozialer Ebene stellte Martínez Campos die Institution der Sklaverei zur Diskussion. Wirtschaftliche Öffnung und freie Lohnarbeit sollten sich gegenseitig die Waage halten. Da vor allem die Vorschläge zur wirtschaftlichen Gleichstellung in der Metropole auf erbitterten Widerstand der diktatorischen Regierung von Antonio Cánovas del Castillo stießen, verfolgte Martínez Campos – im Rahmen der Möglichkeiten eines Generalgouverneurs und -kapitäns – seine Reformprojekte zuerst auf der Insel. Im Januar 1879 wurde er aus Kuba abgezogen und im März in Madrid in ein von Cánovas’ Mitstreitern dominiertes Kabinett integriert. In seiner kurzen Zeit als Regierungschef war es ihm und dem Überseeminister Salvador Albacete nicht gelungen, mehrheitsfähige wirtschaftliche Reformprogramme für Kuba vorzulegen. Mitunter wurde Martínez Campos seine politische Naivität zum Verhängnis, was neben dem erneuten Aufstand, der Guerra Chiquita, das Ende der Reformpläne bedeutete. Die politische Neuordnung Kubas ging in den folgenden Monaten und Jahren im Strudel der innerspanischen Politik unter.⁴⁶

Das »besondere« Gesicht des Krieges

Den Charakter des Krieges prägten von privater Seite finanzierte und von den staatlichen Institutionen nur schwer zu kontrollierende irreguläre Gewaltverbände, die Voluntarios. Sie stellten den paramilitärischen Arm der in den illegalen Sklavenhandel involvierten Plantagenbesitzer dar, die sich beispielsweise im Casino Español⁴⁷ von Havanna formiert hatten.⁴⁸ Die Freiwilligenbataillone repräsentierten die Interessen der Pflanzer und der spanischen Geschäftsleute im von Plantagenwirtschaft dominierten sowie von massiver Immigration beeinflussten Westen der Insel. Die regional geprägten Auffassungen der weit weniger von Sklavenarbeit abhängigen Kleinfarmer des Ostens und der Rinderzüchter aus Camagüey standen diesen Interessen diametral gegenüber. Für die spanische Finanzoligarchie auf Kuba ging es um den Verlust ihrer Privilegien. Sie setzten sich daher vehement für die Verteidigung des kolonialen Status quo der Insel ein, der gerade unter der reformorientierten spanischen Regierung der Generäle Prim und Serrano in Gefahr schien.

Die paramilitärischen Verbände wurden vornehmlich für den Schutz der Städte eingesetzt, wo sie – wie in Havanna – ihr eigenes Terrorregime errichteten. Ihr Einsatz in großer Zahl ermöglichte den regulären Einheiten konzentrierte Offensiven. Zu Beginn des Jahres 1869 standen über 33000 Voluntarios, meist Spanier, unter Waffen. 1873 waren es bereits 57000.⁴⁹ Die zahlenmäßig starken halbmilitärischen Organisationen stellten für Dulce, der Lersundi Anfang Januar 1869 als Generalkapitän abgelöst hatte, eine schwere Hypothek dar, denn sie mordeten und brandschatzten. Ende Januar 1869 waren Hetzjagden auf angebliche Sympathisanten der Aufständischen an der Tagesordnung. Im Mai und Juni probten die Freiwilligenverbände gar den Aufstand, da Dulce in ihren Augen zu wenig konsequent gegen die Aufständischen vorging. Dulce sah sich daraufhin gezwungen, bei der spanischen Regierung seinen Rücktritt einzureichen.⁵⁰ Von Insubordination wurde auch aus Matanzas, Santiago de Cuba, Cárdenas, Colón und Güines berichtet.⁵¹ General Antonio Pelaez (Cinco Villas) versuchte 1869 mit einer Flugschrift, den Vorwürfen der Voluntarios entgegenzutreten, er sympathisiere mit den Aufständischen.⁵² Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass irreguläre Gewaltorganisationen die höchste politische und militärische Autorität in Frage stellten und so erheblichen Einfluss auf die Militärpolitik auf der Insel ausübten.⁵³

Außerhalb der Städte waren instabile Fronten und sich stetig ändernde Machtverhältnisse für das Gesicht des Krieges kennzeichnend. Gerade die »irreguläre« Gestalt des Konflikts mit vielen kleinen Scharmützeln und fehlenden Entscheidungsschlachten, überhaupt der Kampf unter den für die spanischen Soldaten unwirtlichen klimatischen Bedingungen ließ den Krieg auf Kuba für spanische Theoretiker und Militärangehörige als etwas »Besonderes« erscheinen.⁵⁴ Sowohl für Francisco Ceballos als auch für Pieltain waren »in dem speziellen Krieg in Kuba« vor allem kleine, mobile sowie ortskundige Truppen gefragt, da der Feind offene Feldschlachten zu vermeiden wusste.⁵⁵ In der Tat versuchte das Befreiungsheer, die spanischen Kolonnen zu umgehen, und beschränkte sich auf die Zerstörung der ökonomischen Ressourcen der Insel.

Andere Offiziere ließen den Hinweis auf den »einzigartigen Charakter« des Krieges auf Kuba nicht gelten, erweckte dies doch den Anschein, als müsste dieser als Entschuldigung für das spanische Versagen herhalten. In einem viel beachteten Werk legte Oberst Adolfo Jiménez Castellanos 1883 dar, dass es zur Lösung aller für Kuba relevanten militärischen Fragestellungen schon in den 1860er Jahren genügend Ansätze in der militärischen Fachliteratur gegeben habe. Während manch ein Hauptmann auf Differenzen zwischen dem Kleinkrieg auf Kuba und dem Partisanenkrieg in Spanien verwies, sah Jiménez Castellanos keine nennenswerten Unterschiede, ob nun – wie 1848 in Katalonien – ein Gebiet in Spanien oder auf Kuba »gesäubert« werde. Es gelte lediglich, das Vorgehen der unterschiedlichen Topografie und Natur anzupassen.⁵⁶ Das Problem schien jedoch eher in der Anpassungsfähigkeit der Kommandeure zu liegen. So wurden auch Reglements durchgesetzt, die unter den gegebenen Umständen keinen Sinn machten. Es ist daher durchaus verständlich, dass der auf Kuba geborene Oberst Francisco Acosta y Alvear neben der eklatanten Unkenntnis der kubanischen Verhältnisse beim höheren Kader und fehlendem Material wie Macheten vor allem den Mangel eines Reglements für die Guerillabekämpfung in den Tropen beklagte. Dringend nötig schienen ihm Richtlinien für den Umgang mit der berittenen Infanterie der Patrioten.⁵⁷ Jede Kolonne operierte nach eigenem Gutdünken. Der spanische Historiker Luis Navarro konstatierte jüngst, dass unter den spanischen Offizieren die Wahrnehmung des Krieges als etwas »Besonderem« und »Unvergleichbarem« dazu geführt habe, dass in taktischer Hinsicht viel improvisiert wurde, lediglich dem eigenen Instinkt folgend.⁵⁸

Heftige Kritik am angeblichen Sonderfall Kuba artikulierte in späteren Jahren ein Außenstehender, der Journalist Gonzalo Reparaz. Er versuchte in verschiedenen Artikeln im Heraldo de Madrid sowie in einer monografisch angelegten Studie darzulegen, dass nur militärische Unkenntnis zu dem Schluss führe, die Kriege auf Kuba seien in irgendeiner Weise »speziell«. An den Beispielen der Niederlande auf Sumatra, des Vereinigten Königreichs in Nordamerika, Afrikas und Indiens sowie des Zarenreichs im Kaukasus führte er aus, dass das Problem eher in den spanischen Militärakademien zu suchen sei. Dort werde leider nicht gelehrt, wie diese Kriege geführt werden. Nicht einmal aus den eigenen Erfahrungen während der Kampagne von Santo Domingo seien die nötigen Schlüsse gezogen worden, ganz zu schweigen vom Amerikanischen Sezessionskrieg. Der Revolutionsführer Máximo Gómez war nach Reparaz nichts anderes als ein »Schüler« von Jeb Stuart und Philip H. Sheridan, die während des Amerikanischen Bürgerkriegs für ihre Raubzüge und die Taktik der »verbrannten Erde« berüchtigt waren.⁵⁹

Die fachlichen Grundlagen für Reparaz’ militärtheoretische Einschätzungen dürften in dem militärpolitischen Zirkel um Camilo Polavieja zu suchen sein, was auch die Freundschaft zwischen Reparaz und Polavieja nahelegt. In den traditionellen militärischen Kreisen, die für die Kampagne auf Kuba verantwortlich zeichneten, wurden die Reformvorschläge nicht goutiert. Auf der Insel wurde Reparaz’ Studie verboten und aus den Buchläden entfernt. Aufgrund seiner kritischen Artikel zum Gesundheitszustand der spanischen Armeeangehörigen auf Kuba wurde er am 2. Januar 1897 in Gewahrsam genommen.⁶⁰

Die institutionelle Lernunfähigkeit, die nicht nur Reparaz aufgedeckt hatte, war in der Tat ein gravierendes Problem des spanischen Militärapparats.⁶¹ So war die spanische Militärführung nicht in der Lage, aus den hohen Ausfällen aufgrund der unzureichenden sanitären Bedingungen im Marokkokrieg (1859–1860) oder auf Santo Domingo zu lernen und daraus Schlüsse für die Planung und Durchführung der Aufstandsbekämpfung auf Kuba zu ziehen. In seiner institutionsgeschichtlich angelegten Studie identifizierte Octavio A. Delgado drei Faktoren, welche die spanischen Armeen auf Kuba in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder vor Probleme gestellt haben. Das waren neben Natur und Klima – auch dem politischen – vor allem die bürokratischen Auswüchse, die mit der Politik in der Metropole einhergingen.⁶²

Den Befund, dass sich im trägen spanischen Militärapparat die Lehren aus der Guerillabekämpfung zu keiner Doktrin verdichteten und keinen Eingang in die Militärakademien fanden, bemängelten schon die Zeitgenossen; heute ist er in der Forschung unbestritten.⁶³ Diesem Konsens gilt es den informellen Wissenstransfer gegenüberzustellen, der als »koloniales Archiv« den militärischen Entscheidungsträgern den Rückgriff auf das Wissen aus früheren Erfahrungen erlaubte.⁶⁴ So stand in Spanien der institutionellen Lernunfähigkeit insbesondere die Kontinuität einer kleinen Gruppe von Offizieren bei der Guerillabekämpfung gegenüber, die sich über mehrere Jahrzehnte und Kontinente nachzeichnen lässt.⁶⁵ Am Anfang dieser für die spanische Antiguerilla in Übersee konstitutiven Linie stand der 1824 geborene Villate, der Conde de Valmaseda.⁶⁶ Er hatte die karlistischen Bürgerkriege in Spanien erlebt und bekleidete während der kolonialen Feldzüge von Santo Domingo, Marokko und Kuba jeweils Führungspositionen.⁶⁷ Unter Valmaseda hatten auch Martínez Campos, García Polavieja sowie Weyler gedient. In den militärischen Spitzenfunktionen prägten sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Gesicht der irregulären Kriege sowohl auf Kuba wie auch auf den Philippinen. Weyler war in den Generalstabslehrgängen noch von Martínez Campos instruiert worden. Trotz unterschiedlicher Ansichten und Vorgehensweisen ist bei den vier Offizieren eine gemeinsame Entwicklung und Schulung in taktischen Belangen erkennbar.⁶⁸ Als kleinster gemeinsamer Nenner für die Guerillabekämpfung lässt sich ihre Bemühung zur Aufteilung des Terrains in einzelne Sektoren festhalten sowie das Bestreben, Aufständische von Zivilisten zu trennen. Den Nutzen von Verhandlungen und politischen Anstrengungen zur Beendigung der Konflikte beurteilten sie allerdings durchwegs unterschiedlich. Neben den oben genannten Militärs gilt es auf nahezu ein Dutzend weiterer Offiziere hinzuweisen, die sie zumeist über Jahre als verlässliche ausführende Hand in mehreren Kriegen begleiteten. So etwa Arsenio Linares oder Juan Arolas Esplugues, die beide unter Weyler auf den Philippinen und später auf Kuba an zentraler Stelle, in Pinar del Río sowie bei der Trocha, der militärischen Befestigungslinie zwischen Mariel und Majana, Dienst taten.⁶⁹ Andere, wie Luis Pando, Sabas Marín oder José María Velasco, der sowohl auf Santo Domingo als auch auf Kuba für Spanien in den Krieg zog, sowie Jiménez Castellanos, hatten nahezu 25 Jahre auf Kuba Dienst getan und die Kriegführung der Oberbefehlshaber von Valmaseda über Martínez Campos bis Weyler miterlebt. Jiménez Castellanos, dem letztlich Ende 1898 die undankbare Aufgabe der Organisation des spanischen Abzugs und die Übergabe der Insel an die US-Militäradministration zufiel, hatte sich wie kaum ein anderer auf theoretischer Ebene mit den Herausforderungen der Kriegführung auf Kuba auseinandergesetzt.⁷⁰

Dessen ungeachtet hat die spanische Militärgeschichtsschreibung in jüngster Zeit vermehrt auf Weyler hingewiesen. Dieser gilt als einer von wenigen spanischen Generälen der jüngeren Geschichte, die handfeste »Innovationen in die allgemeine Kriegskunst« eingebracht haben.⁷¹ Nach diesen Darstellungen legte Weyler in den 1860er Jahren die Grundsteine für die Contraguerilla. Er habe als einer der ersten Militärs den Guerillakrieg definiert, seinen irregulären Charakter mit instabilen Fronten erkannt sowie erste Antiguerilla-Strategien entwickelt.⁷²

In der Tat finden sich schon erste Dokumente aus Weylers Zeit auf Santo Domingo, in denen er als Kommandant einer Kolonne den Kleinkrieg in dem schwierigen tropischen Gelände beschrieb, detailliert über das militärische Vorgehen – insbesondere den Positionskampf – Auskunft gab sowie die Problematik der Verletztentransporte erörterte.⁷³ Auf Kuba verstand er es, seine Vorgesetzten schon nach den ersten Kämpfen vom Nutzen seiner Erfahrungen aus Santo Domingo sowie seiner raschen Auffassungsgabe zu überzeugen. In Form einer Denkschrift standen seine taktischen Richtlinien für den Kleinkrieg dem Offizierskorps schon im Dezember 1868 zur Verfügung.⁷⁴ Als Vertreter des Primats der Offensive legte Weyler Wert auf die konsequente Verfolgung auch kleinster Verbände von Aufständischen, um sie nicht zur Ruhe kommen zu lassen und so zu zermürben.⁷⁵ Zum Schutz der Kolonnen vor Hinterhalten sollten bei Märschen kleinere, auch mit Macheten ausgerüstete Einheiten parallel im tropischen Buschland (Manigua) sowie der Kolonne vorgelagert marschieren. Es handelte sich um ein kraftraubendes Vorgehen, das Weyler schon als Oberst mit seinen Truppen verfolgte und später, als Generalkapitän, von allen Einheiten auf Kuba verlangte.⁷⁶ Dabei soll er stets beteuert haben: »Was die kubanischen Guerilleros können, das können auch wir.« Weyler hatte rasch erfasst, dass die Gefahr für eine reguläre Armee auf Kuba nicht in größeren, offenen Schlachten lag, sondern vielmehr in den unabhängig voneinander operierenden kleineren Gruppen, die als Ortskundige die natürlichen Gegebenheiten des Terrains zu nutzen vermochten und so, ohne sich selbst größeren Risiken aussetzen zu müssen, dem Gegner kapitalen Schaden zufügen konnten.⁷⁷ Rückblickend bezeichnete Weyler die Kämpfe auf Santo Domingo – neben seiner Intervention im Karlistenkrieg 1873 – als die prägenden Momente seines Lebens als Militär.⁷⁸ Vergleicht man seine taktischen Erläuterungen zum Kleinkrieg in tropischem Klima mit Charles E. Callwells 1896 erstmals publizierten Prinzipien des Kleinkrieges, so lassen sich durchaus Parallelen zu dem britischen Militärtheoretiker feststellen.⁷⁹

Die Verbreitung von Weylers Schriften, größtenteils Rechenschaftsberichte an seine Vorgesetzten, hielt sich allerdings in engen Grenzen. Ein Schreiben Weylers vom April 1869 zeigt, dass er eine Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen zum Kleinkrieg anstrebte. Er hoffte dafür auf die Zustimmung von offizieller Seite.⁸⁰ Aus den überlieferten Quellen geht jedoch nicht klar hervor, was aus der viel zitierten Denkschrift wurde. Auch eine Abschrift sucht man in Weylers Militärakte vergeblich. Zu einer Publikation ist es offensichtlich nicht gekommen, was die historiografische Beurteilung Weylers als »großer Militärtheoretiker« relativieren dürfte. Das von Kampfgefährten und Beobachtern viel gepriesene System mit flankierenden Einheiten war zudem weder in der spanischen noch in der europäischen Kriegführung ein Novum; doch in der Praxis wurde es oft vernachlässigt.⁸¹

Weylers Verdienst lag lediglich darin, ein bewährtes Vorgehen bei Märschen durch eine genaue Beschreibung den konkreten Bedingungen auf Kuba angepasst zu haben. Diese Sicht der Dinge unterstreicht ein von Santiago Pascual y Rubio erstmals 1834 publiziertes Büchlein über den Gebirgskrieg. Es handelt sich um eine kurze Abhandlung der Aufstandsbekämpfung im Gebirge, die vor dem Hintergrund des Ausbruchs des ersten Karlistenkrieges von 1833 erneut an Aktualität gewonnen hatte. Pascual y Rubio baute für seine Ausführungen auf die Erfahrungen aus dem Krieg gegen die Armeen Napoleons (1808–1814) und legte mit seinen »Abhandlungen über den Gebirgskrieg« einen kleinen Leitfaden zur Guerillabekämpfung vor.⁸² Er beschäftigte sich unter anderem mit der Problematik von Märschen (flankierende Truppen), den Eigenheiten des Terrains und den für erfolgreiche Operationen unabdingbaren lokalen Führern, darüber hinaus erörterte er die Vor- und Nachteile einer leichten, berittenen Infanterie – Themen, die später auch für die Kriege auf Kuba rege diskutiert wurden. Im Schlusswort beklagte Pascual y Rubio, dass die Erfahrungen früherer Jahre rasch in Vergessenheit geraten seien, wo sie doch »als eine praktische Schule« für künftige Kriege hätten dienen können. Ein ähnliches Schicksal wurde in Spanien wohl auch seinen Ausführungen zuteil. 1858 lag zwar eine deutsche Übersetzung vor, einen Verweis auf Pascual y Rubio sucht man allerdings in den innerspanischen Diskussionen zur Guerillabekämpfung auf Kuba vergeblich.⁸³ Demgegenüber galten Weylers 1910/11 publizierte Memoiren in Spanien schon bald nach ihrer Veröffentlichung als »von großer historischer Relevanz für das Studium« des letzten Krieges auf Kuba. Aufgrund des »militärischen, politischen und historischen Charakters« erlangten die Bände den Status eines offiziellen Standardwerks.⁸⁴

Neue Formen der Aufstandsbekämpfung

Die Guerillataktik der Aufständischen auf Kuba verlangte nach neuen Lösungen. Zu den wichtigsten Neuerungen der spanischen Armeen auf Kuba zählte ein dichtes Netz von kleinen taktischen Operationsbasen und Wehrdörfern, die zur Aufrechterhaltung der Kommunikationslinien dienten. Mithilfe zahlreicher Befestigungsanlagen, den Trochas, unterteilte der spanische Generalstab den Osten der Insel in einzelne Sektoren, wo die Aufständischen dann unablässig bekämpft werden sollten. Die Befestigungsanlage zwischen Júcaro und Morón, die sich von Nord nach Süd über knapp 70 Kilometer erstreckte, wurde während des Zehnjährigen Krieges zum Sinnbild der Trennung von Ost und West.⁸⁵ In der Tat sollte es den spanischen Truppen gelingen, den Krieg mehr oder weniger auf den Osten der Insel zu begrenzen. Dies war allerdings nicht zuletzt auf innere Konflikte der »Republik in Waffen« zurückzuführen, die in der Radikalisierung der Kriegführung und den Invasionsversuchen in Sancti Spíritus sowie Villaclara gründeten, was den Graben zwischen militärischer und politischer Führung vertiefte und zudem den Bruch mit reformorientierten Pflanzern des Westens zur Folge hatte.

Die Trochas waren unter den spanischen Militärs von Beginn an umstritten: Der Bau war äußerst kostspielig und band während des Krieges zahlreiche spanische Einheiten. Zudem füllten sich die Gräben rund um die Blockhäuser und Forts in der Regenzeit mit Morast. Sowohl am nördlichen als auch am südlichen Ende grenzte die Befestigungslinie an Sumpfgebiete. Dies hatte die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Gelbfieber und Malaria und damit verbunden hohe Ausfälle zur Folge. Über die Frage, ob die strategischen Vorteile der Befestigungsanlagen zu überzeugen vermochten oder ob deren Nachteile überwogen, existiert sowohl unter den Zeitgenossen wie auch in der aktuellen Forschung kein Konsens.⁸⁶

Fest steht, dass das spanische Expeditionsheer 1890 auch auf den Philippinen nach Jahre währenden Konstruktionsarbeiten auf Mindanao eine 28 Kilometer lange Befestigungslinie erstellte.⁸⁷ Im Krieg auf Kuba von 1895 setzten die spanischen Generäle erneut auf die Nord-Süd-Barrieren: So intensivierte Weyler 1896 den Bau des Riegels zwischen Mariel und Majana im Westen der Insel.⁸⁸ Freiheitskämpfer wie José Miró Argenter, Generalstabschef unter dem charismatischen Revolutionär Antonio Maceo, führten später in ihren Memoiren aus, dass die Trochas das Befreiungsheer kaum zu beunruhigen vermochten. Darin war sich Miró mit kritischen spanischen Beobachtern einig. Wurden die Linien nicht durchbrochen, so wurden sie einfach umgangen.⁸⁹ Die überlieferten Dokumente der aufständischen Seite zeichnen allerdings – im Gegensatz zu Mirós »Erinnerungen« – ein anderes Bild: Aus einem Schreiben Maceos geht hervor, dass die Kommunikation mit den einzelnen Truppenteilen aufgrund der erst im Bau befindlichen Trocha zwischen Mariel und Majana schon Mitte 1896 erheblich erschwert wurde. Oberstleutnant des Befreiungsheeres Eduardo Rosell y Malpica notierte zu ebendieser 32 Kilometer langen Befestigungslinie am 7. Juli 1896 in seinem Tagebuch: »[E]s ist praktisch unmöglich, sie zu überschreiten.« Aus Pinar del Río wurde die Regierung der »Republik in Waffen« im August 1898 offiziell über die Schwierigkeiten unterrichtet, die nunmehr auch noch beleuchtete Trocha zu passieren.⁹⁰ Obwohl es den revolutionären Truppen noch immer gelang, Häuser in Sichtweite der Befestigungslinien anzugreifen und Macheten sowie Kleider zu erbeuten, stellte der westliche Riegel ein folgenreiches Hindernis dar, das Antonio Maceo schließlich nach einem Umgehungsversuch Anfang Dezember 1896 das Leben kostete.⁹¹

Neben den Befestigungsanlagen war auch die Organisation sowie Bewaffnung der Truppen umstritten.⁹² Für die effektive Guerillabekämpfung zeichnete sich ab, dass das Bataillon mit seinen 800 Mann als taktische Einheit für den Kleinkrieg zu schwerfällig war. Zur Erkundung des Terrains wurde schon bald die leichte Kavallerie mit Einheiten von anfänglich 20 bis 30 Mann eingesetzt oder den Kolonnen als sogenannte Volantes zur Seite gestellt.⁹³ Ab Januar 1869 operierten ganze Bataillone als berittene Contraguerilla.⁹⁴ Häufig anzutreffen waren zudem die kleineren, örtlich gebundenen Einheiten, die keiner Kolonne unterstanden und aus »Freiwilligen« der Region rekrutiert wurden. Wie die Instruktionen der Contraguerilla »Las Minas« und »Pto. Príncipe« zeigen, zählten zu den Aufgabenbereichen der lokalen Guerilla nicht nur die Erkundung des Terrains, Überraschungsangriffe auf etwaige Vorstöße des Feindes, sondern auch das Zusammentreiben von Huftieren und die »Säuberung der ihnen zugeteilten Gebiete von Feinden«. Interessanterweise fand der Schutz der jeweiligen Weiler und Dörfer nicht explizit Erwähnung. Diesen eher informellen Weisungen folgte ein 1872 unter Ceballos und 1873 unter Pieltain verabschiedetes Reglement für die Contraguerilla: Jahre an Kriegserfahrung hatten gezeigt, welch wichtigen Beitrag diese ortskundigen und an das Klima gewöhnten Truppen zur Guerillabekämpfung leisten konnten.⁹⁵

Eine klare Struktur und bessere Organisation der Contraguerilla sollten ihre Kampfkraft nun noch weiter steigern.⁹⁶ Einheiten, die innerhalb der ihnen vertrauten Bezirke operierten, waren am wertvollsten. Einem Bataillon oder einer Kolonne zugehörige Truppen waren den jeweiligen regulären Offizieren unterstellt, die lokalen Verbände (contraguerrillas fijas) kommandierten auch Offiziere der Freiwilligenverbände. Reibereien zwischen Angehörigen von regulären Einheiten und der Contraguerilla waren kaum zu vermeiden. Insbesondere spanische Offiziere machten aus ihrer Abneigung keinen Hehl. Davon zeugt die Ausarbeitung von Richtlinien, die den Umgang mit den oftmals bunt zusammengewürfelten Einheiten regelten. Die Kämpfer der Contraguerilla sollten sich zudem durch »Ehrenhaftigkeit und Sittlichkeit« auszeichnen, doch die Disziplinierung dieser Einheiten stellte eines der größten Probleme dar.⁹⁷

Gleichwohl bauten mit zunehmender Dauer des Krieges auch die anfänglichen Kritiker unter den spanischen Offizieren ihre Guerillaeinheiten aus und nahmen so deren berüchtigte Übergriffe auf die Zivilbevölkerung oder die Desertion mit Waffe und Munition in Kauf.⁹⁸ Pünktliche Bezahlung und ausgiebige Verpflegung sollten die Exzesse möglichst in Grenzen halten. Rechtzeitige Besoldung war auch insofern wichtig, da die meisten Angehörigen der Contraguerilla Familien zu versorgen hatten.⁹⁹ Generalkapitän Pieltain machte dieses Anliegen zur Chefsache und bestand in einem Schreiben an den Verwaltungsoffizier darauf, dass die Contraguerillas »mit aller Pünktlichkeit ihre Einkünfte« erhalten. In seinen Memoiren von 1879 führte er erneut aus, dass keine andere Truppe im Zehnjährigen Krieg »bessere Dienste geleistet« habe.¹⁰⁰ Einzelne Einheiten, wie die von Oberst Weyler zwischen 1869 und 1872 geführte Söldnertruppe, die Cazadores de Valmaseda, stiegen zu Spezialeinheiten

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