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Ideologie und Herrschaftsrationalität: Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen

Ideologie und Herrschaftsrationalität: Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen

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Ideologie und Herrschaftsrationalität: Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen

Länge:
819 Seiten
9 Stunden
Freigegeben:
Oct 18, 2012
ISBN:
9783868545593
Format:
Buch

Beschreibung

Für die Forschung zur nationalsozialistischen Besatzungspolitik in Polen scheint der Befund eindeutig: Auf einen mit äußerster Brutalität geführten Krieg folgte der von der SS vorangetriebene Versuch, zumindest den annektierten Westen des Landes in einen "Exerzierplatz" rassischer Lebensraumpolitik zu verwandeln, in eine - so Himmler - "blonde Provinz". Gerhard Wolfs Analyse fördert indes Erstaunliches zutage. Himmlers Pläne stießen bei verschiedenen Institutionen auf erbitterten Widerstand, als durch sie ein großer Teil der polnischen Bevölkerung als "rassisch ungeeignet" deportiert werden sollte, und sie scheiterten schließlich an den lokalen Gauleitern. Deren Selektionsverfahren stellten nicht "Rasse", sondern "Volk" in den Mittelpunkt. Sie zielten mit Verweis auf die - freilich oftmals erzwungene - Bereitschaft der Einheimischen, die deutsche Herrschaft anzuerkennen, auf die Einbindung in die deutsche Volksgemeinschaft. Die Vermutung, in einem nach rassistischen Kriterien organisierten Staat werde sich die Konfliktpartei durchsetzen, die für eine rassistische Politik steht, ist naheliegend - in diesem Fall führt sie jedoch in die Irre.
Freigegeben:
Oct 18, 2012
ISBN:
9783868545593
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Über den Autor


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Ideologie und Herrschaftsrationalität - Gerhard Wolf

17.

»Deutscher Drang nach Polen«

Antipolnische Germanisierungspolitik: auf dem Weg zum deutschen Nationalstaat

Am Beginn der modernen deutsch-polnischen Beziehungen stand die Zerschlagung der Adelsrepublik in den Jahren 1772 bis 1795. Der Wiener Kongress von 1815 bestätigte diese Raubpolitik und setzte den russischen Zaren in Personalunion zum König des neugeschaffenen sogenannten Kongresspolens ein, während Österreich Galizien und Preußen Westpreußen sowie das Großherzogtum Posen endgültig zugesprochen wurden.

Preußen hatte zweifelsohne am stärksten von der Zerschlagung Polens profitiert. Während Westpreußen sogleich als neue Provinz in die Verwaltungsstruktur des Königreichs eingegliedert wurde, signalisierte Friedrich Wilhelm III. der Bevölkerung im Großherzogtum Posen am 19. Mai 1815 noch ein gewisses Entgegenkommen – sie müssten ihre »Nationalität [nicht] verleugnen« und könnten sowohl ihre »Religion […] aufrechterhalten« wie auch ihre »Sprache […] neben der deutschen in allen öffentlichen Verhandlungen« gebrauchen.¹ Angriffe auf diese »höchsten Heiligtümer einer Nation« mit dem Ziel, ein »Volk zu entnationalisieren«, würden gerade das Gegenteil bewirken, so wenig später der preußische Kultusminister Karl vom Stein zum Altenstein, woran Berlin allein interessiert sei: an »vollkommen gute[n] Untertanen«.²

Weder diese zunächst konziliantere Politik Preußens noch die härtere Russlands verhinderte das Entstehen einer polnischen Nationalbewegung, der es bald gelingen sollte, die polnische Frage dauerhaft auf die europäische Tagesordnung zu setzen. Die Teilungsmächte bekamen dies spätestens dann zu spüren, als die Pariser Juli-Revolution 1830 auch auf Polen übergriff und schließlich in einen Aufstand gegen die russischen Besatzungstruppen mündete. Die Reaktionen nicht nur in den deutschen Ländern waren gespalten: Während die Regierung in Berlin ein Übergreifen dieser Unruhen auf den preußischen Teil Polens befürchtete, stießen die polnischen Aufständischen bei der bürgerlich-nationalen Opposition auf große Sympathie, begriffen diese Polen doch als »Schlachtfeld«, auf dem die restaurative Ordnung ganz Europas aus den Angeln zu heben war.³ Die Wiederherstellung des polnischen Staates erschien diesem Lager keineswegs als Bedrohung, sondern wurde im Gegenteil als Etappensieg im eigenen Kampf für die deutsche Einigung begrüßt.⁴ Ob es sich dabei tatsächlich, wie Michael G. Müller behauptet, um »Kosmopolitismus«⁵ handelte oder ob nicht eher der von Reinhart Koselleck geprägte Begriff »Pannationalismus« zutrifft⁶ – der preußischen Regierung war beides gleichermaßen suspekt. Eduard Flottwell wurde mit dem Auftrag nach Posen entsandt, durch die verstärkte Assimilierung der dortigen Bevölkerung und die Marginalisierung des polnischen Adels und der katholischen Kirche die befürchteten irredentistischen Bestrebungen im Keim zu ersticken. Flottwells Maßnahmen leiteten eine radikale Kehrtwende in der preußischen Polenpolitik ein und setzten den preußischen Staat auf einen verhängnisvollen Kollisionskurs mit einem großen Teil der eigenen Bevölkerung in den Ostprovinzen.⁷

Die Sympathie des deutschen Bürgertums sollte sich als weniger dauerhaft erweisen als die kompromisslose Haltung des preußischen Staates. War Erstere parallel zur Verhaftung und Verurteilung der polnischen Verschwörer 1864/67 noch einmal kurz aufgeflackert, änderte sich die Situation grundlegend, als die Polen in den Wirren der Revolution Ernst machten, in Teilen des Großherzogtums Parallelverwaltungen einrichteten und bewaffnete Verbände aufstellten. Das Angebot des liberalen März-Ministeriums, zwar nicht dem gesamten Großherzogtum, aber doch seinem östlichen Teil um Gnesen Autonomierechte einzuräumen, wiesen die polnischen Nationalisten empört als unzureichend zurück und entschieden sich für den offenen Kampf.⁸ Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands in Preußisch-Polen markierte gleichsam die antidemokratische Wende der deutschen Revolution. Die Erkenntnis, dass die Erfüllung der polnischen Ambitionen mit dem eigenen politischen Ziel – der nationalen Einigung – kollidierte, begrub endgültig auch die noch einmal jäh aufgeflackerte »Polenfreundschaft« – das bisherige Bild des freiheitsliebenden Polen wich dem des brutalen Rebellen gegen eine legitime Ordnung.⁹

Dies zeigte sich in den Diskussionen in der Frankfurter Nationalversammlung. Polnische Forderungen, nicht in das auf dem Nationalitätenprinzip gründende Deutsche Reich einbezogen zu werden, wurden abgelehnt. Die Wiederherstellung Polens unter Einbeziehung preußischer Territorien wurde von dem linksnationalistischen Abgeordneten Jordan als »schwachsinnige Sentimentalität« gebrandmarkt und die Polen zu »Todfeinden« eines vereinigten Deutschlands erklärt.¹⁰ Neben der sozialen Frage scheiterte die deutsche Revolution also auch an der nationalen Frage.¹¹ Vor die Wahl zwischen Freiheit und Einheit gestellt, entschied sich die Mehrheit für die Einheit und verlor mit der Konterrevolution schließlich beides.¹²

Die Errichtung des Deutschen Reiches als Nationalstaat musste natürlich auch die Diskussion um die nationalen Minderheiten wieder offen ausbrechen lassen. Wie bereits 1848 in Frankfurt protestierten polnische Abgeordnete erneut gegen die Einbeziehung von mehrheitlich von Polen bewohnten Gebieten in ein Gebilde, das sich explizit auf nationalstaatlicher Grundlage formierte und nicht bereit war, nationalen Gruppen Minderheitenrechte einzuräumen.¹³ Der polnische Abgeordnete von Zoltowski stellte am 1. April 1871 fest, dass er und seine Kollegen sicherlich »die Letzten« wären, die sich nicht über die durch den Krieg durchgesetzte »kräftigste Bestätigung eines Princips, für dessen Aufrechterhaltung wir von jeher stets aufgetreten sind […] [freuen]; ich meine das Nationalitätenprincip« – es müsse aber auch für die polnische Nation im Deutschen Reich gelten.¹⁴ Im neugeschaffenen Reichstag stießen solche Forderungen auf schroffe Ablehnung, die die zwischenzeitlich erreichte Identifikation der ehemals bürgerlichen Opposition mit dem neuen Staat zum Ausdruck brachte. Unter allgemeiner Zustimmung war es Bismarck selbst, der den Protest Zoltowskis zurückwies und der polnischen Fraktion verdeutlichte, dass sie in den Augen der Regierung »zu keinem anderen Volke als zu dem der Preußen [gehörten], zu dem ich selbst mich zähle«. Anknüpfend an eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckten civilising mission der mittelalterlichen Ostkolonisation, drohte Bismarck, dass die preußische Regierung »fortfahren [werde] in den Bestrebungen, die Segnungen des Rechtsschutzes und der Gesittung unter den Dankbaren und unter den Undankbaren zu verbreiten«.¹⁵

Bismarcks Beschwörung der altpreußisch-supranationalen Staatsbürgerschaft galt 1871 einem historischen Auslaufmodell, das selbst für die von ihm geführte Reichsregierung nicht mehr maßgebend war. Im Gegenteil: Nach Erlangung der äußeren Einheit sollte nun die innere Einigung herbeigeführt werden. Kriege standen also Pate bei der Herausbildung des deutschen Nationalbewusstseins und bei der Gründung des Deutschen Reiches; eine kriegerische Logik bestimmte die Integrationspolitik der Reichsregierung: Der innere Gegner wurde »zum ›Reichsfeind‹ erklärt und unter Polizeiregiment gestellt«, eine Politik, die neben Katholiken, Sozialdemokraten und Juden auch auf die ethnischen Minderheiten zielte, von denen die Polen die bei weitem größte war.¹⁶

Die Katholiken waren die ersten, die als Feinde des neuen Nationalstaats ausgemacht wurden. Und wenn es auch übertrieben scheint, dass sie vor allem deshalb in Bismarcks Fadenkreuz gerieten, weil damit insbesondere auch die polnischen Preußen getroffen werden konnten, bleibt doch unbestritten, dass die Maßnahmen eine »eindeutig antipolnische Spitze« hatten und in keinem anderen Landesteil des Deutschen Reiches zu solch dramatischen Konsequenzen führten wie in Preußisch-Polen.¹⁷

Ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung war die von der Reichsregierung durchgesetzte Säkularisierung des Schulunterrichts. Die aus seiner Sicht nur langsam fortschreitende Assimilation der polnischsprachigen Bevölkerung führte Bismarck in den Beratungen zum Schulgesetz auf die Obstruktionspolitik der katholischen Kirche zurück. Der »Einfluß der lokal [sic] Geistlichen« – so Bismarck – »hindere […] die Anwendung der deutschen Sprache, weil Slawen und Romanen im Bündnis mit dem Ultramontanismus Rohheit und Unwissenheit zu erhalten suchen und den Germanismus, welcher Aufklärung zu verbreiten sucht, überall in Europa bekämpfen«.¹⁸ Im März 1872 verloren die Kirchen ihre bestimmende Stellung im Schulwesen, die Schulen wurden zu Instrumenten der Germanisierungspolitik. In Schlesien wurde Deutsch bereits 1872 als Unterrichtssprache eingeführt, die Provinzen Posen und Preußen folgten 1873. Polnisch war ab diesem Zeitpunkt lediglich noch für den Religionsunterricht zugelassen, bis auch dieser bald in Deutsch abgehalten werden musste.¹⁹ Am 28. August 1876 wurde Deutsch schließlich zur alleinigen Amtssprache erklärt und die bis dahin zumindest im Prinzip bestehende Zweisprachigkeit in der Provinz Posen aufgehoben.²⁰ Der Weg war frei für eine Repressionspolitik, die sich als Zivilisierungsmission verkleidete.²¹

Die staatlichen Angriffe auf die Kirche ließen aber auch nach der Verstaatlichung der Schulaufsicht nicht nach. Mit den sogenannten Maigesetzen griff die preußische Regierung 1873 erstmals massiv in die innere Verwaltung der Kirche ein, regelte nicht nur die Ausbildung der Geistlichen, sondern unterwarf sie überdies der disziplinarischen Gewalt des Staates. Widerspenstige Geistliche wurden inhaftiert oder des Landes verwiesen, der katholische Klerus in den folgenden Jahrzehnten dezimiert – allein im Erzbistum Gnesen-Posen betraf dies etwa ein Drittel der Geistlichen.²²

»Kein Zweifel, daß Bismarck« – so selbst Heinrich Claß, der Vorsitzende des radikalen Alldeutschen Verbands, später – »sich in der Leidenschaft des Kampfes in seinen Mitteln vergriffen hat.«²³ Und tatsächlich war die Bilanz aus staatlicher Sicht ernüchternd, als die innenpolitischen Kosten der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche Bismarck Ende der 1880er Jahre zu einem Ausgleich zwangen. Die Angriffe hatten auf Reichsebene zu einer Solidarisierung mit dem politischen Katholizismus und zur Gründung der Zentrumspartei geführt und in Preußisch-Polen weder die Germanisierungspolitik vorangetrieben noch die katholische Kirche von der polnischsprachigen Bevölkerung isoliert, sondern diese Verbindung im Gegenteil zementiert.

Die Misserfolge der staatlichen Zwangsmaßnahmen gegenüber der polnischsprachigen Bevölkerung führten jedoch nicht zu einer Revision dieser Politik, sondern zu ihrer Radikalisierung. Nicht länger allein auf die Assimilationskraft der deutschen Kultur vertrauend, entschied sich die preußische Regierung, »Ausrottungsmaßnahmen in ihre Regierungspolitik aufzunehmen« und gegen jene einzusetzen, die entweder nicht assimilierbar schienen oder aber nicht assimiliert werden sollten.²⁴ Die Skepsis, die bereits früher der Assimilierung des Klerus und des Adels entgegengebracht wurde, dehnte sich nun auf weitere Bevölkerungsschichten aus.

Einen ersten Höhepunkt erreichte diese Reorientierung der Germanisierungspolitik in der Anordnung Bismarcks vom 22. Februar 1885, in der er die Deportation von in den preußischen Ostprovinzen ansässigen Polen forderte, die noch keine preußische Staatsbürgerschaft erhalten hatten.²⁵ Die Misserfolge der Assimilierungspolitik wurden auf die Einwanderung aus den russischen und österreichisch-ungarischen Teilungsgebieten zurückgeführt und man phantasierte von einer »Überschwemmung durch das Slawentum«.²⁶ Es gelte – so Bismarck offen – diejenigen zu vertreiben, die »die Grenzprovinzen polnisieren, während deren Germanisierung unsere staatliche Aufgabe bildet«.²⁷ Die ersten Ausweisungen begannen im Februar/März 1885 und trafen zum Teil seit Generationen dort ansässige Familien. Insgesamt wurden ca. 48000 Menschen aus Posen, Westpreußen und Oberschlesien vertrieben, darunter auch die – gemessen an dem sehr viel geringeren Bevölkerungsanteil – verhältnismäßig hohe Zahl von ca. 9000 Juden, was auf die antisemitische Spitze dieser Maßnahmen verweist.²⁸ Auch wenn die Ausweisungen auf scharfen Protest nicht nur seitens der Sozialdemokraten oder des Zentrums im Reichstag, sondern auch seitens der ostelbischen Junker stießen, die damit Landarbeiter verloren, die ohnehin schon knapp waren, wurden sie bis 1887 und vereinzelt noch darüber hinaus fortgeführt.²⁹

Neben diesen Deportationen sollte sich die Germanisierungspolitik bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs mit einem weiteren Schlagwort verbinden, das im Allgemeinen mit dem Wortschatz der Nationalsozialisten assoziiert wird: der »Germanisierung des Bodens«.³⁰ Da in der Sicht staatlicher Stellen die mangelnden Assimilierungsfortschritte der polnischen Bevölkerung nur mit dem Widerstand der polnischen Eliten erklärt werden konnten, hatten die Angriffe auf die katholische Kirche in Preußisch-Polen besonders aggressive Formen angenommen. Mit der gleichen Zielsetzung geriet nun auch der Adel erneut ins Visier. Nachdem in der Flottwell’schen Ära dessen politische Macht gebrochen worden war, galt es nun auch, ihn in seiner wirtschaftlichen Bedeutung auszuschalten und – wie Bismarck sich ausdrückte, die Biologisierung des politischen Vokabulars vorantreibend – die »Trichine des polnischen Adels aus dem Land zu schaffen«.³¹

Bismarcks ursprüngliche Idee, sich analog zu den bereits 1878 verabschiedeten Sozialistengesetzen auch ein Gesetzespaket gegen den polnischen Adel genehmigen zu lassen, wurde schließlich von einem Vorschlag abgelöst, den die preußischen Minister Robert Lucius und Gustav von Goßler 1885 eingebracht hatten. Dieser sah den gezielten Ankauf von polnischem Gutsbesitz vor, der anschließend parzelliert und an deutsche Kolonisten vergeben werden sollte.³² Der Reichstag verabschiedete das Gesetz am 26. April 1886. Für den Bodenerwerb stellte die preußische Regierung zunächst 100 Millionen Reichsmark zur Verfügung und rief die Königliche Ansiedlungskommission ins Leben, die von Posen aus die Flächen auswählen, aufteilen, für die Besiedlung vorbereiten und schließlich günstig deutschen Bauern überlassen sollte.

Die Ergebnisse waren aus preußischer Sicht allenfalls zunächst zufriedenstellend. Zwischenzeitlich war der Ansiedlungskommission mit der stetig wachsenden Zahl von polnischen Selbsthilfeorganisationen ein starker Gegner erwachsen, der unter dem Schlagwort der »organischen Arbeit« seit Mitte der 1860er Jahre die nationale Selbstbehauptung durch eine intensivierte kulturelle und wissenschaftliche Bildungsarbeit sowie den Aufbau eines modernisierten »polnischen« Wirtschaftskreislaufs sicherzustellen versuchte.³³ Mit den in dieser Zeit gegründeten Bauernvereinen, Kreditgenossenschaften und Banken »wurde der Spieß der Germanisierungspolitik geradezu umgedreht«, mit dem Ergebnis, dass ab 1896 mehr »deutscher« Boden in polnische Hände wechselte als umgekehrt.³⁴ Die Ansiedlungskommission begann den »ökonomischen Kleinkrieg um den Grundbesitz« zu verlieren.³⁵

Diese neuerlichen Rückschläge hatten für weite Teile der politischen Elite des Deutschen Reiches und vor allem die politische Rechte eine kaum zu unterschätzende Wirkung. In der politischen Umbruchszeit nach Bismarck – mit dem Versagen der bisherigen Kartellpolitik, der Politisierung weiter Teile der Bevölkerung, der Formierung von Massenparteien, dem Aufstieg der Sozialdemokratie, der Bildung von Interessenverbänden und Gewerkschaften – beschleunigten diese Niederlagen eine strukturelle Neuorientierung auch der politischen Rechten, die von der Regierung eine entschieden nationale Politik sowohl jenseits als auch diesseits der deutschen Grenzen erwartete und diese durch die Gründung von nationalistischen pressure groups durchzusetzen gedachte.³⁶ Für diese radikalen Nationalisten avancierte die polnische Frage rasch zum »mit Abstand wichtigsten ›nationalen Kriegsschauplatz‹« und dominierte auch den ersten Verbandstag der wohl einflussreichsten dieser Gruppen, dem 1891 gegründeten Alldeutschen Verband. Gefordert wurde eine Radikalisierung der bisherigen Politik, die so lange erfolglos bleiben musste, wie sie nur auf Adel und Kirche, nicht aber auf den erstarkten polnischen Mittelstand zielte, da vor allem dieser die polnische Beharrlichkeit ermögliche.³⁷ Die Alldeutschen plädierten dann auch in erster Linie für eine wirtschaftliche Ruinierung aller wohlhabenden Polen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Germanisierungspolitik, Erfolg sei langfristig nur solchen Mitteln beschieden, die der polnischsprachigen Bevölkerung eine »freiwillige« Assimilierung in die deutsche Mehrheitsbevölkerung als im eigenen Interesse nahelegte.³⁸

Pressure groups wie der Alldeutsche Verband standen dann auch an der Spitze einer Bewegung, die den Staat auf einen Wirtschaftskrieg gegen die polnische Minderheit einschwor. Einer seiner Gründer, Alfred Hugenberg, zu diesem Zeitpunkt bereits an entscheidender Stelle in der Ansiedlungskommission tätig, hatte schon 1899 in einem anonymen Beitrag gefordert, dem Staat das Recht auf Enteignung des polnischen Großgrundbesitzes einzuräumen – eine Initiative, die zunächst nur von Ferdinand Hansemann aufgegriffen wurde, einem der Mitbegründer des Ostmarkenverbandes, einem weiteren radikalnationalistischen Verband.³⁹ Die Diskussion verlagerte sich stattdessen auf einen von der Ansiedlungskommission eingebrachten Vorschlag, die Bautätigkeit von polnischen Landkäufern zu beschränken.⁴⁰ Als auch diese Diskriminierungsmaßnahme nicht den gewünschten Erfolg erbrachte und die Ansiedlungskommission bei der Präsentation ihres zwanzigsten Jahresberichts vielmehr zugeben musste, dass sie im Landkauf von polnischen Organisationen überholt und das selbst erworbene Land im letzten Jahr zu 90 Prozent von deutschen Verkäufern stammte, wurde Hugenbergs Forderung erneut aufgegriffen.⁴¹ Der Ostmarkenverein nahm seine Kampagne wieder auf: »Die Waffe zum Hieb und zum Angriff, die Waffe zur Wiedergewinnung eines Teiles wenigstens des uns entfremdeten Bodens bietet« – so das hauseigene Organ Ostmark – »allein das Enteignungsrecht.«⁴² Ende 1907 wurde schließlich im Preußischen Landtag ein Gesetz eingebracht, das das »öffentliche Wohl«, womit Enteignungen begründet werden mussten, auf das »Ideal der nationalen Homogenität« ausdehnte.⁴³ Als das Gesetz im März 1908 verabschiedet wurde, führte dies zu einer weiteren Erosion des in der preußischen Verfassung garantierten Gleichheitsgrundsatzes – auch wenn das Gesetz »nur« vier Mal angewandt wurde und die Enteignungen an Entschädigungen gebunden waren.

Zusammen mit den Deportationen Ende der 1880er Jahre war damit der Höhepunkt der antipolnischen Repressionen im 19. Jahrhundert erreicht und gleichzeitig auch ein signifikanter Wechsel in der preußisch-deutschen Germanisierungspolitik vollzogen. Zwar hatte sich bereits im Königreich Preußen eine schleichende nationalistische Wende in der antipolnischen Politik abgezeichnet, die zunehmend auch auf die sprachliche und kulturelle Assimilierung der polnischen Bevölkerung gerichtet war. Allerdings hatte außer Frage gestanden, dass es sich bei dieser Bevölkerungsgruppe um – wenn auch polnischsprachige – Preußen handelte, deren vollständige Integration in die deutschsprachige Mehrheitsbevölkerung wünschenswert, ja geradezu notwendig sei.

Diese Radikalisierung war eine Bankrotterklärung der bisherigen Politik, die eine allmähliche Assimilation als natürlichen Gang der Geschichte unterstellt hatte. Zwar wurde immer dringlicher an die Vergangenheit des deutschen Volkes als eines Siedlervolkes erinnert, die angebliche deutsche kulturelle Überlegenheit beschworen und das Ziel der Assimilierung der polnischsprachigen Bevölkerung in einer Reihe von Denkschriften verteidigt. Mit dem Verweis auf die neun Millionen ausgewanderter Deutscher, sei es doch nur – so Ernst Hasse, zwischen 1893 und 1908 Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes – recht und billig, »als Äquivalent etwa die Hälfte jenes Verlustes durch Germanisierung von Fremden wieder einzubringen«. Hasse verteidigte dabei diesen Kurs – und dies ist für die Fragestellung dieses Buches besonders interessant – auch vehement gegen eine neu aufflackernde Kritik von rechts, wonach die Assimilierung nichtdeutscher Bevölkerungsteile möglicherweise eine rassische Gefahr darstellte:

»Man fürchtet durch die Eindeutschung der Polen die deutsche Rasse zu verschlechtern. Wir behaupten, dass dies von den auf deutschem Reichsgebiet wohnenden Polen nicht gilt. Diese sind vielfach nur sprachlich Slaven und sind ethnographisch betrachtet von keiner schlechteren Blutmischung als der größte Teil des rechtselbischen Deutschtums. Der deutsche Anteil ihres Blutes stammt aus der Zeit der germanischen Besiedlung des Weichselgebietes vor der Völkerwanderung aus den zahllosen deutschen Kolonisationen dieses Gebietes seit dem Jahre 800. Auch in kultureller Hinsicht stehen die Polen ganz auf deutschen Schultern.«⁴⁴

Die polnischsprachigen Preußen schienen davon aber wenig beeindruckt. Sowohl die Durchsetzung der deutschen Sprache als auch die Kultur- und Bildungspolitik im Allgemeinen musste zunehmend der Polizei übertragen werden, und als im Schuljahr 1906/07 die Hälfte der Schulen in der Provinz Posen bestreikt wurde, wurden die dem Unterricht fernbleibenden Kinder verprügelt und die Eltern der Gendarmerie übergeben.⁴⁵ Nicht besser verhielt es sich mit den wirtschaftlichen Diskriminierungsmaßnahmen. Die Ansiedlungskommission verschlang zwar bis 1913 eine Milliarde Reichsmark, doppelt so viel wie die gesamte überseeische Kolonialpolitik, scheiterte aber gleichermaßen.⁴⁶ Bezeichnenderweise ließ sich die preußische Regierung nicht nur von polnischen Landeigentümern, Banken und Genossenschaften ausmanövrieren, sondern geriet darüber hinaus in zunehmend größere Schwierigkeiten, überhaupt »Deutsche« für die ohnehin überschaubare Anzahl von Parzellen zu finden.⁴⁷ Der ständig unterstellte »deutsche Siedlungswille« wurde schließlich auf dem Rücken von ethnischen Deutschen aus Russland ausgetragen, denen als Einwanderer wenige Alternativen blieben.⁴⁸ Auf der Strecke blieb die verfassungsmäßige Ordnung Preußens und des Reiches. Der polnische Abgeordnete Anton Sulkowski hatte diese fatale Dynamik bereits 1908 im Preußischen Herrenhaus angesprochen: »Millionen auf Millionen werden geopfert, aber die Millionen genügen nicht – das Kampfspiel verschlingt Punkt auf Punkt des Verfassungsrechts.«⁴⁹

Wie Peter Walkenhorst zu Recht herausstellt, waren es nicht zuletzt diese ernüchternden Erfahrungen, die radikale Nationalisten wie den Nachfolger Hasses, Heinrich Claß, auf einen Krieg und damit auf Maßnahmen hoffen ließ, die zu Friedenszeiten nicht durchsetzbar waren. Was Claß vorschwebte, war weniger eine Rückkehr zu Bismarcks Deportationspolitik, als vielmehr ihre umfassende Radikalisierung. Einen Ausblick gibt die ursprüngliche Fassung seiner während der zweiten Marokko-Krise entstandenen Flugschrift, in der er dafür eintrat, dass die nach dem kommenden Krieg gegen Frankreich zu annektierenden Gebiete »frei von Menschen« übergeben werden.⁵⁰ Dieser Passus verschwand zwar auf staatlichen Druck, tauchte dann jedoch in seinem wenig später – anonym – publizierten Buch »Wenn ich der Kaiser wär’« wieder auf, diesmal auch gegen Russland gerichtet und auf die Gebiete bezogen, die an das Deutsche Reich im Osten abzutreten waren.

Es waren solche Überlegungen, die nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs umstandslos in die Diskussion um die deutschen Kriegsziele einflossen und dieser eine besonders deutliche antipolnische Spitze verliehen. Wie die Planungen des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg vom 9. September 1914 verdeutlichen, zielte das Deutsche Reich in Osteuropa auf eine Abdrängung »Rußland[s] von der deutschen Grenze«, um in dem so entstehenden Machtvakuum einen von deutschem Kapital durchdrungenen und politisch eng an das Deutsche Reich angebundenen Staatengürtel entstehen zu lassen, der die fortdauernde deutsche Hegemonie über Europa garantieren würde.⁵¹ Mochten die konkreten Vorstellungen hierzu in Berlin und Wien auch auseinandergehen, bestand das Deutsche Reich doch darauf, die östliche Grenze durch einen zu annektierenden sogenannten Grenzstreifen »abzurunden«. Aufseiten der Reichsleitung findet sich dieser Gedanke das erste Mal in einer Gesprächsnotiz des bayerischen Ministerpräsidenten Georg von Hertling, der nach einem Treffen mit Bethmann Hollweg am 3. Dezember 1914 festhielt, dass dieser im Osten an eine »Grenzregulierung« denke. Hertling fügte noch im selben Satz hinzu, dass »der an Preußen fallende schmale Landstrich von den Russen evacouiert werden soll«.⁵² Und auch wenn diese Stelle nicht ganz eindeutig ist, da etwa – wie Immanuel Geiss herausstellt – nicht zweifelsfrei zu klären ist, ob Bethmann Hollweg damit nur die Vertreibung der ethnischen Russen oder aber auch die der Polen als russische Staatsangehörige meinte, so spricht der weitere Verlauf der Diskussion doch für Letzteres. Die folgenden Planungen in den Führungsgremien des Deutschen Reiches wurden von den zwei Fragen bestimmt, wie breit das – in der deutschen zeitgenössischen Diskussion euphemistisch »Grenzstreifen« genannte – polnische Gebiet sein und was mit der dort ansässigen jüdischen und polnischen Bevölkerung geschehen solle. Einigkeit herrschte jedoch darüber, die deutsche Grenze so weit wie möglich nach Osten zu verschieben und nach den ernüchternden Erfahrungen mit der preußischen Germanisierungspolitik möglichst die gesamte dort lebende nichtdeutsche Bevölkerung zu deportieren.

Aller Wahrscheinlichkeit nach dokumentiert Hertlings Gesprächsnotiz bereits das Ende eines ersten politischen Meinungsbildungsprozesses innerhalb der Reichskanzlei, in dem die Annexion polnischer Gebiete beschlossen worden war. In einer zweiten Phase sollte nun die praktische Umsetzung diskutiert werden, wozu bei verschiedenen Stellen Aufforderungen eingingen, Gutachten über Landabtretungen an der deutschen Ostgrenze anzufertigen. Auf zwei der eingegangenen Antworten möchte ich etwas näher eingehen – ein Exkurs, der mir deshalb wichtig erscheint, weil damit ein Blick in die Vorgeschichte der im Zweiten Weltkrieg tatsächlich durchgeführten Bevölkerungsverschiebungen verbunden ist. In der Diskussion um Kontinuität und Diskontinuität deutscher imperialistischer Politik in Osteuropa kommt ihnen meines Erachtens eine entscheidende Rolle zu.

Unter den ersten Eingängen findet sich die Antwort des Oberpräsidenten von Ostpreußen, Adolf von Batocki, vom 20. Dezember 1914. Im »Interesse des Weltfriedens« forderte er die Annexion eines ca. 36000 Quadratkilometer großen Grenzstreifens, um in Osteuropa eine »möglichste Übereinstimmung der Staats- und Sprachengrenzen« herzustellen. Dieser Grenzstreifen sei nicht nur von militärisch-strategischem Nutzen, sondern würde den angeblichen Siedlungswillen der deutschen Reichsbevölkerung stillen und könnte auch als Auffangbecken für die ethnischen Deutschen in Osteuropa dienen, die hierher umzusiedeln wären, um gleichzeitig die »weiße« vor den »so gewaltig überlegenen farbigen Rassen« zu retten.⁵³ Die in diesem Grenzstreifen lebende nichtdeutsche Bevölkerung, die nach Batockis eigenen Berechnungen über 85 Prozent und also fast zwei Millionen Menschen ausmachte, war durch eine »großzügig angelegte Umsiedlung« von hier zu entfernen. Dieser großangelegte Plan zur ethnischen Säuberung Osteuropas traf – wie Batocki ausgerichtet wurde – beim Reichskanzler auf Zustimmung.⁵⁴ Nur wenige Monate später, am 25. März 1915, legte auch der Regierungspräsident von Frankfurt/Oder, Friedrich von Schwerin, seine nicht weniger radikalen Ausarbeitungen vor. Nach Auffassung Schwerins, der seine Beamtenlaufbahn in der Ansiedlungskommission begonnen hatte und zeit seines Lebens ein vehementer Vertreter der »inneren Kolonisation« blieb, war im Osten durch Zurückdrängung Russlands und territoriale Expansion der Grundstein für die Weltmachtstellung des Deutschen Reiches zu legen. Der zu annektierende Grenzstreifen sollte durch einen Bevölkerungsaustausch besiedelt werden, in dessen Verlauf die nichtdeutsche Bevölkerung durch ethnische Deutsche bis hin aus den Wolgakolonien zu ersetzen war.⁵⁵ Der entstehende deutsche Siedlungsgürtel sollte die preußischen Polen isolieren und vor die Wahl stellen, sich entweder vollständig zu assimilieren oder ebenfalls in die polnischen Territorien jenseits der Grenze auszuwandern.

Die offensichtliche Bereitschaft der Reichsleitung, die Germanisierungspolitik der Vorkriegszeit zu radikalisieren und möglicherweise bereits im Krieg zum Ziel zu führen, wurde aber nicht allein durch die Unterstützung von Spitzen der preußischen Verwaltung geformt und verstärkt, sondern sicherlich auch von einer – zumindest halb öffentlichen – Diskussion beeinflusst, zumal deren Teilnehmer oft Mitglieder der entsprechenden pressure groups waren und damit über gute Verbindungen zu den staatlichen Stellen verfügten. Als Beispiel ist eine sehr frühe Initiative des Berliner Ordinarius und Mitglieds des Ostmarkenverbands Ludwig Bernhard zu nennen, der sich von dem zu Beginn des Krieges ausgesprochenen Verbot, deutsche Kriegsziele öffentlich zu diskutieren, so wenig beirren ließ wie viele andere und eine Denkschrift in Umlauf brachte, die unter dem aufschlussreichen Titel »Land ohne Menschen« die Annexion von polnischem Territorium und den Austausch der dortigen Bevölkerung durch ethnische Deutsche aus Russland forderte. Der Reichskanzler zeigte sich beeindruckt,⁵⁶ und auch in weiteren Denkschriften wurden Bernhards Forderungen aufgegriffen, wie etwa in der sogenannten Intellektuellendenkschrift vom 8. Juli 1915. Besondere Beachtung verdient auch ein Beitrag Friedrich Meineckes vom 6. Mai 1915, da dieser noch einen Schritt weiter ging und die Vertreibung der preußischen Polen aus Posen und Westpreußen forderte. Seine Ausführungen enden mit dem Satz: »Früher hätte man das für phantastisch gehalten, und doch ist es nicht unausführbar.«⁵⁷ Damit hatte Meinecke mühelos selbst die anfänglichen Positionen des Alldeutschen Verbands oder des Ostmarkenvereins hinter sich gelassen, die sich zwar ebenfalls für eine Annexions- und Vertreibungspolitik aussprachen, aber die preußischen Polen ausnahmen.⁵⁸

Als sich am 13. Juli 1915 die Teilnehmer einer interministeriellen Konferenz in der Reichskanzlei einfanden, um die eingegangenen Denkschriften auszuwerten und das weitere Vorgehen festzulegen, war der Meinungsbildungsprozess bereits weit fortgeschritten. Die Konferenz bestätigte sowohl die Annexion eines Grenzstreifens als auch die vorgesehenen Umsiedlungsmaßnahmen, also die Ersetzung der einheimischen nichtdeutschen Bevölkerung durch vor allem ethnische Deutsche aus Russland. Die deutsche Zivilverwaltung in Polen wurde angewiesen, unauffällig die im Grenzstreifen lebenden ethnischen Deutschen an einem Wegzug zu hindern und nach Möglichkeit bereits mit der Abschiebung der polnischen und jüdischen Bevölkerung zu beginnen, um für die späteren Friedensverhandlungen vollendete Tatsachen zu schaffen.⁵⁹ Auch wenn diese Anordnungen offensichtlich nicht oder nicht in großem Umfang umgesetzt wurden, hatte das Deutsche Reich damit doch gezeigt, dass es – zumindest auf der Planungsebene – zu einer Politik der ethnischen Säuberung bereit war.

Wie zentral der polnische Grenzstreifen für das deutsche Kriegszielprogramm auch im weiteren Verlauf des Krieges blieb, zeigt sich an der Beharrlichkeit, mit der relevante Teile der deutschen Führung auch dann noch an dieser Forderung festhielten, als sie sich längst eindeutig als dysfunktional erwiesen hatte, da sie jeden Anlauf torpedierte, die Polen jenseits der eigenen Grenzen als Verbündete zu gewinnen. Die zunehmend feindliche Haltung der Bevölkerung in den besetzten polnischen Gebieten zwang die Reichsleitung 1917 schließlich zum Umdenken. Zwar konnte man sich auch aus bevölkerungspolitischen Gründen nicht dazu durchringen, auf die Annexion des Grenzstreifens ganz zu verzichten, drängte aber doch auf seine Reduktion. Während die Reichsleitung also die Planungen für ein großangelegtes Umsiedlungsprojekt noch nicht aufgegeben hatte, das die Aussiedlung der ethnischen Deutschen aus Russland und sogar aus den nicht deutschen Gebieten Österreich-Ungarns anstrebte, drängte Bethmann Hollweg gegenüber der Obersten Heeresleitung im April 1917 gleichzeitig auf eine deutliche Verkleinerung des Grenzstreifens. Der sich hier abzeichnende Richtungswechsel innerhalb der zivilen Führungsspitze des Deutschen Reiches führte diese schnell in einen immer ernsteren Konflikt mit der Obersten Heeresleitung. Freilich war dieser Richtungswechsel der Reichsregierung nichts anderes als eine Reaktion auf die sich verschlechternde militärische Lage an der Ostfront. Als diese sich 1918 mit dem militärischen Zusammenbruch Russlands schlagartig besserte, ließ sich der neue Reichskanzler Georg von Hertling sofort von der Siegeszuversicht der Obersten Heeresleitung (OHL) mitreißen. Neben weiträumigen Enteignungen forderte Ludendorff wiederum ein umfangreiches Umsiedlungsprogramm. Und auch nachdem den Alliierten die ersten großen Durchbrüche gelungen waren und die Westfront zu wanken begann, blieb die Reichsleitung standhaft – den Polen gegenüber. Zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Niederlage – in den Worten Geiss’ – »wirklich für jeden Denkenden offensichtlich war«, blamierte sich der Staatssekretär des Äußeren, Paul von Hintze, gegenüber dem polnischen Vertreter in Berlin, Graf Adam Ronikier, indem er diesem noch am 19. September 1918 offiziell die deutschen Forderungen nach Abtretung polnischen Gebiets eröffnete. »Die Deutschen« – so hieß es daraufhin in polnischen Kreisen – »klauen noch auf dem Sterbebett.«⁶⁰

Im Wissen um die Vorgänge im Zweiten Weltkrieg, in dem Polen eine für die deutschen Kriegszielplanungen noch bedeutendere Rolle gespielt hatte, erscheint es naheliegend, nach Kontinuitäten zu suchen. Hans-Ulrich Wehler etwa sieht in den Vorstellungen des Ostmarkenvereins eine frühe Ausprägung der nationalsozialistischen »Lebensraum«-Ideologie⁶¹, während Philip T. Rutherford in einer der jüngsten Studien zur nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik in Polen bemerkt, die Gemeinsamkeiten seien »so offensichtlich, dass eine Verbindung kaum zu leugnen war«.⁶²

Mit mindestens gleicher Berechtigung kann jedoch darauf hingewiesen werden, dass gerade der Ostmarkenverein bis zuletzt auf die Assimilierung der polnischsprachigen Bevölkerung gedrängt hatte. »Da das Denken in der Kategorie ›Blut‹ dieser Gruppe fremd blieb« – so Harry K. Rosenthal – »verbietet sich eine simple Gleichsetzung mit den späteren Nazis.«⁶³ Und die Umsiedlungsplanungen der Reichsleitung und der Obersten Heeresleitung, die noch am ehesten an die spätere nationalsozialistische Politik erinnern, blieben ebendies: Planungen. So wie vor dem Krieg staatlichem Handeln noch gesetzliche Grenzen gesetzt waren, so war die deutsche Führungsspitze während des Krieges eben nicht bereit, polnisches Gebiet zu annektieren oder die bereits vorliegenden Deportationsplanungen in die Tat umzusetzen.

Auch wenn es natürlich zutrifft, dass »Bismarck und Hitler nicht austauschbar waren«, so sollte sich die radikalisierte preußischdeutsche Germanisierungspolitik seit den 1890er Jahren mit ihren Planungen einer ethnischen Säuberung Europas für die spätere Entwicklung doch als entscheidend erweisen: Sie war ein Erfahrungshintergrund, vor dem die Nationalsozialisten ihre Germanisierungspolitik konzipierten.⁶⁴

¹ Zit. n. Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 85.

² Ebenda, S. 90.

³ Kolb, Polenbild und Polenfreundschaft, S. 113.

⁴ Siehe die vielfältigen polenfreundlichen Bezüge etwa auf dem Hambacher Fest: Majewski, Sage nie, du gehst den letzten Weg; Asmus, Das Hambacher Fest. Zum Überblick über die Vielzahl der Hilfsorganisationen im damals freilich besonders liberalen Baden siehe Brudzyńska-Němec, Polenvereine in Baden.

⁵ Müller, »Deutsche und polnische Nation im Vormärz«; S. 74, siehe auch S. 71f., sowie Kolb, Polenbild und Polenfreundschaft, S. 111–113.

⁶ Koselleck, Volk, Nation, Nationalismus und Masse, S. 404.

⁷ Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 101f.

⁸ Lukowski/Zawadski, A Concise History of Poland, S. 142–144; Schmidt-Rösler, Polen, S. 82f.

⁹ Trzeciakowski, Die polnische Frage, S. 63f.

¹⁰ Zit. n. Wippermann, Der Ordensstaat als Ideologie, S. 144f. Ausführlicher bei Müller/Schönemann, Die »Polen-Debatte«.

¹¹ Sauer, Das Problem des deutschen Nationalstaates, S. 422f.

¹² Siehe hierzu auch Ther, Beyond the Nation, S. 53f.

¹³ Hoensch, Geschichte Polens, S. 231.

¹⁴ Von Zoltowski am 1. April vor dem Reichstag, zit. n. Verhandlungen des Reichstages, Bd. 1, S. 97.

¹⁵ Ebenda, S. 98. Zur Wiederentdeckung der mittelalterlichen deutschen Ostkolonisation siehe Wippermann, Der »deutsche Drang nach Osten«, v.a. S. 82–116; Kopp, »Arguing the case for colonial Poland«, S. 151.

¹⁶ Sauer, Das Problem des deutschen Nationalstaates, S. 431.

¹⁷ Wehler, »Deutsch-polnische Beziehungen«, S. 204.

¹⁸ Trzeciakowski, The Kulturkampf in Prussian Poland, S. 119 [Übers. G.W.].

¹⁹ Hoensch, Geschichte Polens, S. 232. Zu den Auswirkungen auf Schlesien siehe Matuschek, »Das Polnisch der Oberschlesier«, Teil 1, S. 110f., und ders., »Das Polnisch der Oberschlesier«, Teil 2, S. 194. Zu der Bedeutung von Sprache für den entstehenden Nationalismus siehe vor allem Anderson, Die Erfindung der Nation, S. 72–87; Hobsbawm, Nationen und Nationalismus, S. 60–83; für Deutschland etwa Puschner: Die Völkische Bewegung, S. 27–48. Zu einem konzisen Forschungsüberblick zur Funktion von Sprache in der Durchsetzung nationalistischer Denkformen siehe Day/Thompson, Theorizing Nationalism, S. 90–92.

²⁰ Dazu siehe Leuschner, »›Die Sprache ist eben ein Grundrecht der Nation‹«.

²¹ Trzeciakowski, The Kulturkampf in Prussian Poland, S. 52f.; Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 134; Lindemann, »Die preußisch-deutsche Reichsgründung«, S. 30.

²² Trzeciakowski, The Kulturkampf in Prussian Poland, S. 57–59.

²³ Claß, Deutsche Geschichte, S. 286.

²⁴ Trzeciakowski, The Kulturkampf in Prussian Poland, S. 6 [Übers. G.W.].

²⁵ Kopp weist hier auf eine interessante zeitliche Koinzidenz hin, fiel diese Eskalierung der inneren Kolonisierung doch mit der überseeischen Expansion des Deutschen Reiches zusammen. Von einem kausalen Zusammenhang zu sprechen, erscheint mir jedoch fraglich. Siehe Kopp, »Arguing the case for colonial Poland«, S. 149.

²⁶ Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 143.

²⁷ Neubach, Die Ausweisungen von Polen und Juden, S. 32.

²⁸ Lindemann, »Die preußisch-deutsche Reichsgründung«, S. 35.

²⁹ Ebenda sowie Wehler, »Von den ›Reichsfeinden‹ zur ›Reichskristallnacht‹«, S. 187.

³⁰ Siehe etwa die Diskussion bei Ernst Hasse, Das Deutsche Reich als Nationalstaat, S. 56–58.

³¹ Wehler, Das deutsche Kaiserreich, S. 116.

³² Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 148.

³³ Hagen, »National Solidarity«, S. 42f.

³⁴ Berghahn, Das Kaiserreich, S. 186; siehe auch Davies, God’s Playground, S. 130; Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 141f. u. 152f.

³⁵ Ebenda, S. 153.

³⁶ Eley, Reshaping the German Right, S. 41–48, und Walkenhorst, Nation – Volk – Rasse, S. 68f.

³⁷ »Eine neue Polenpolitik«, abgedruckt in: Alldeutscher Verband (Hg.), Zwanzig Jahre alldeutsche Arbeit, S. 13–22.

³⁸ »Eine andere deutsche Polenpolitik«, abgedruckt in: Alldeutscher Verband (Hg.), Zwanzig Jahre alldeutsche Arbeit, S. 114–125.

³⁹ Walkenhorst, Nation – Volk – Rasse, S. 264. Hansemanns Unterstützung abgedruckt in: Ostmark vom Januar 1900, dem Publikationsorgan des Ostmarkenverbandes, zit. n. Oldenburg, Der Deutsche Ostmarkenverein, S. 136.

⁴⁰ Das Gesetz wurde am 28. Juni 1904 vom Preußischen Herrenhaus verabschiedet und knüpfte die Errichtung von Wohngebäuden in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Posen sowie Teilen von Schlesien, Brandenburg und Pommern an eine Genehmigung durch den jeweiligen Regierungspräsidenten – auf die polnische Antragsteller natürlich nicht rechnen konnten. Siehe ausführlicher Hofmann, »Das Ansiedlungsgesetz von 1904«.

⁴¹ Tims, Germanizing Prussian Poland, S. 152–155, sowie Wehler, »Von den ›Reichsfeinden‹ zur ›Reichskristallnacht‹«, S. 188.

⁴² In: Ostmark, August 1907, S. 62, zit. n. Oldenburg, Der Deutsche Ostmarkenverein, S. 137.

⁴³ Wehler, »Von den ›Reichsfeinden‹ zur ›Reichskristallnacht‹«, S. 191. Siehe auch Walkenhorst, Nation – Volk – Rasse, S. 273f.

⁴⁴ Hasse, Das Deutsche Reich als Nationalstaat, S. 57.

⁴⁵ Davies, God’s Playground, S. 135. Siehe ausführlicher auch Kulczycki, School Strikes. Der Alldeutsche Verband forderte gar, die Schulpflicht für polnische Kinder aufzuheben. Teilnehmer an dem Streik sollten »dauernd von dem Schulbesuch ausgeschlossen werden«, Hauptleitung des Alldeutschen Verbandes (Hg.), Zwanzig Jahre alldeutsche Arbeit, S. 299.

⁴⁶ Laak, Deutscher Imperialismus, S. 86.

⁴⁷ Boysen, Der Geist des Grenzlands, S. 109.

⁴⁸ Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 166.

⁴⁹ Oldenburg, Der Deutsche Ostmarkenverein, S. 140.

⁵⁰ Zit. n. Walkenhorst, Nation – Volk – Rasse, S. 222.

⁵¹ Zit. n. Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 93. In der Sicht Robin Priors und Trevor Wilsons ist das Septemberprogramm ein »terrifying document uncannily foreshadowing the policy of conquest on which Adolf Hitler embarked 20 years later«, Prior/Wilson, First World War, S. 325. Zur Aktualität der »Hamburger Schule« siehe Berghahn, Ostimperium und Weltpolitik. Zu einem Überblick über die unterschiedliche Interpretation des Septemberprogramms in der Forschung siehe Mombauer, The Origins of the First World War, S. 132f., die in diesem Band auch einen konzisen Überblick über den allgemeinen Stand der Forschung zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs gibt.

⁵² Geiss, Der polnische Grenzstreifen, S. 72.

⁵³ Zit. n. ebenda, S. 75.

⁵⁴ Ebenda, S. 77.

⁵⁵ Ebenda, S. 83.

⁵⁶ Hagen, Germans, Poles and Jews, S. 286.

⁵⁷ Zit. n. Wehler, »Von den ›Reichsfeinden‹ zur ›Reichskristallnacht‹«, S. 197.

⁵⁸ Siehe etwa Geiss, Der polnische Grenzstreifen, S. 49; Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 141, sowie Oldenburg, Der Deutsche Ostmarkenverein, S. 225–227.

⁵⁹ Geiss, Der polnische Grenzstreifen, S. 91–96.

⁶⁰ Zit. n. ebenda, S. 147.

⁶¹ Wehler, »Von den ›Reichsfeinden‹ zur ›Reichskristallnacht‹«, S. 191.

⁶² Rutherford, Race, Space, and the »Polish Question«, S. 51 [Übers. G.W.].

⁶³ Rosenthal, German and Pole, S. 41 [Übers. G.W.].

⁶⁴ Forgus, German Nationality Policies in Poland, S. 107 [Übers. G.W.].

Deutsche Minderheiten in Polen als Komplizen und Instrument deutscher Aggression

Völkische Außenpolitik ist ein modernes Phänomen. Noch im Kaiserreich spielten die Auslandsdeutschen keine nennenswerte außenpolitische Rolle.⁶⁵ Die Niederlage im Ersten Weltkrieg sollte dies ändern. Geschwächt und den Beschränkungen des Versailler Vertrages unterworfen, waren es zunächst die Weimarer Republik und dann das nationalsozialistische Deutschland, die im Bemühen, alle verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, die deutschen Minderheiten in den neuentstandenen Staaten Ostmitteleuropas als verlängerten Arm der eigenen aggressiven Interessen ausmachten und in diesen Gruppen aktive Kooperationspartner fanden.

Revisionismus in der Weimarer Republik

In Versailles hatte das Deutsche Reich alle Hoffnung auf ein deutsch dominiertes Osteuropa begraben müssen. Anstelle eines deutschen Großwirtschaftsraums sah sich Berlin nun mit einer Reihe unabhängiger Staaten konfrontiert, die zudem von Frankreich in ein Bündnissystem einbezogen wurden, das jedem weiteren »Drang nach Osten« einen Riegel vorschieben sollte. Legitimation bezog diese neue osteuropäische Staatenwelt aus Wilsons 14-Punkte-Programm. Wilson glaubte, mit dem dort proklamierten Recht auf nationale Selbstbestimmung zugleich die Lösung für die nationalistischen Auseinandersetzungen gefunden zu haben, die er für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machte.⁶⁶ Dem war mitnichten so. Wie unlängst Eric D. Weitz anmerkte, markierte Versailles den »Wandel vom Wiener zum Pariser System«, in dem staatliche Souveränität nicht mehr in erster Linie oder gar allein territorial bestimmt war, sondern sich auch im Verhältnis zur dort lebenden Bevölkerung oder den dort lebenden ethnisch oder religiös bestimmten Bevölkerungsgruppen erweisen musste.⁶⁷ Während dem Ruf nach nationaler Selbstbestimmung nachgegeben und in Mittel- und Osteuropa aus der Konkursmasse der alten Reiche neue Staaten entstanden, sollte der Nationalismus gleichzeitig durch Minderheitenschutzverträge, die diesen Staaten aufgezwungen wurden, im Zaum gehalten werden.⁶⁸ Erfolgreich war diese Politik nicht: »Der Geist […] war nicht mehr in die Flasche zurückzudrängen.«⁶⁹ Gerade dort, wo ein Staat seine Legitimität von der Bevölkerung oder besser gesagt vom »Volk« ableitete und dieses ethnisch definierte, lag es nahe, die Existenz von ethnischen Minderheiten als Bedrohung zu begreifen. Dadurch rückte das Ideal ethnisch homogener Nationalstaaten »ins Zentrum der europäischen Politik der Zwischenkriegszeit«.⁷⁰

Die Revision des Versailler Vertrages war das zentrale außenpolitische Ziel aller Regierungen der Weimarer Republik. Dabei ging es nicht allein um die Aufhebung der Einschränkungen der deutschen Souveränität, sondern auch um die Rückgliederung verlorener Gebiete. Letzteres gerann sehr bald zu einer antipolnischen Politik, die sich die Wiederbesetzung der ehemals preußischen Landesteile zum Ziel setzte.

Angesichts der in den östlichen Grenzgebieten anstehenden Volksabstimmungen und der verzweifelten Versuche der Reichswehr sowie einer Vielzahl paramilitärischer Selbstschutzverbände und Freikorps, das Blatt doch noch mit Gewalt zu wenden, wird auch die erstaunlich anmutende deutsche Freude über den sowjetischen Vormarsch im Osten Polens verständlich. Unzufrieden mit der östlichen Grenzziehung der Siegermächte, war die polnische Armee in die Sowjetunion eingefallen und zunächst nur knapp einer militärischen Katastrophe entgangen – Siege, die in Berlin gefeiert wurden, »als ob es sich um deutsche militärische Erfolge handele«.⁷¹ Die überraschende Wendung vor Warschau im August 1920 und der für Polen vorteilhafte Frieden war für die deutsche Außenpolitik jedoch kein Anlass, den bis dahin gehegten Glauben an einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps des polnischen Staates aufzugeben. Stattdessen setzte man in Berlin auf eine Wiederauflage der alten deutsch-russischen Politik der Einkreisung Polens.⁷² Diese Politik erfuhr durch den im April 1922 unterzeichneten Vertrag von Rapallo einen entscheidenden Auftrieb. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, der bereits unmittelbar nach dem Krieg reguläre Truppen in den »Grenzschutz Ost« überführt und diesen im Kampf gegen polnische Einheiten kommandiert hatte, gab dieser Hoffnung folgendermaßen Ausdruck: »Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muß verschwinden und wird verschwinden durch eigene Schwäche und durch Rußland, mit deutscher Hilfe.«⁷³ Dass von Seeckt damit nicht allein die Stimmung der auf Revanche sinnenden Reichswehr wiedergab, sondern vielmehr den Kern der Regierungspolitik beschrieb, bestätigte der liberale Zentrumsabgeordnete und Reichskanzler Joseph Wirth, als dieser nach Vertragsunterzeichnung erklärte: »Polen muß erledigt werden. Auf dieses Ziel ist meine Politik eingestellt. […] In diesem Punkt bin ich ganz einig mit den Militärs, besonders mit dem General von Seeckt.«⁷⁴

Es war erst der Antritt Gustav Stresemanns als Reichskanzler und Außenminister, der 1924 einen Wandel in der deutschen Haltung gegenüber Polen einleitete. Wie Stresemann in einer geheimen Ressortsitzung aller preußischen und reichsdeutschen Ministerien kurz nach seinem Amtsantritt klarstellte, fühlte auch er sich der Revision des Versailler Vertrages verpflichtet: »Die Schaffung eines Staates, dessen politische Grenze alle deutschen Volksteile umfaßt, die innerhalb des geschlossenen Siedlungsgebietes in Mitteleuropa leben und den Anschluß an das Reich wünschen, ist das ferne Ziel deutschen Hoffens.«⁷⁵ Er war aber gewillt, das politisch Mögliche als Prämisse einer neuen deutschen Außenpolitik zu akzeptieren. An die Stelle eines undifferenzierten Konfrontationskurses setzte er eine Politik, die eine vorsichtige Annäherung mit einer schrittweisen Revision zu verbinden verstand und im Kern auf eine Spaltung Europas zielte. Zugeständnisse in Westeuropa, hier vor allem an das Sicherheitsbedürfnis Frankreichs, sollten Verständnis für deutsche Forderungen nach einer – nicht militärischen – Änderung des Status quo in Osteuropa wecken.⁷⁶ Wie vielversprechend diese Kursänderung war, zeigte sich bei der Unterzeichnung der Verträge von Locarno im Dezember 1925, in denen die Weimarer Republik die Garantie der Westgrenze unter anderem gegen die Aufnahme in den Völkerbund und den Abzug der französischen Truppen aus dem Rheinland eintauschte. Der Plan eines »Ost-Locarno«, also vergleichbare Grenzgarantien für Polen und die Tschechoslowakei, scheiterte dagegen am deutschen Widerstand. Vor dem Auswärtigen Ausschuss des Reichstags lehnte Stresemann selbst einen expliziten Gewaltverzicht zur Änderung der deutschen Ostgrenze ab, da dieser eine Besitzstandsanerkennung impliziert hätte.⁷⁷ In Locarno den Anfang der »Verfallsgeschichte des europäischen Sicherheitssystems«⁷⁸ zu verorten, erscheint deshalb auch nicht übertrieben, legte die Weimarer Republik doch eine »erste Etappe auf dem Wege der erstrebten Revision des Versailler Vertrages«⁷⁹ zurück, während Polen die Unterordnung der eigenen Sicherheitsinteressen unter die seiner westlichen Verbündeten hinnehmen musste, die Polens Westgrenze zu einer »Grenze zweiter Klasse«⁸⁰ degradierten.

Der neugewonnene Spielraum, der sich aus der Entspannung im Westen ergab, wurde von der Weimarer Republik konsequent genutzt. In der Erfahrung, dass Polen sich durchaus nicht als der »Saisonstaat« entpuppt hatte, als der es nach dem Krieg diffamiert worden war, versuchte Berlin nun die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Warschaus auszunutzen und suspendierte den deutsch-polnischen Warenaustausch.⁸¹ Die wirtschaftlichen Beziehungen sollten so lange ausgesetzt bleiben, bis – so Stresemann in seiner Begründung – die »wirtschaftliche und finanzielle Notlage Polens den äußersten Grad erreicht und den gesamten polnischen Staatskörper in einen Zustand der Ohnmacht gebracht hat« und das Land »für eine unseren Wünschen entsprechende Regelung der Grenzfrage reif« sei.⁸² Der Wirtschaftskrieg, der die Weimarer Republik ihren Zielen keinen Schritt näher brachte, konnte dennoch auf die breite Unterstützung aller politischen Parteien zählen, war doch die »Forderung nach einer umfassenden Revision der Ostgrenze« längst zu »einem der wenigen echten nationalen Integrationsfaktoren« geworden.⁸³

Moralische Legitimität für die antipolnische Destabilisierungspolitik suchte die Weimarer Republik mit dem Verweis auf die deutschen Minderheiten zu gewinnen. Diese seien schließlich nicht nur in flagranter Verletzung des 14-Punkte-Programms Wilsons in den polnischen Staat gezwungen worden, sondern auch einem Assimilierungsprozess ausgesetzt, der durch die unterzeichneten Minderheitenschutzabkommen hätte ausgeschlossen werden sollen. Die Berufung auf Wilson trug jedoch nicht, da dessen Friedensprogramm explizit die Errichtung eines souveränen polnischen Staates mit Zugang zum Meer vorsah sowie auch die Minderheitenschutzverträge kein wie auch immer geartetes Kollektiv mit Gruppenrechten ausstatteten, sondern vielmehr – dem westlichen Liberalismusverständnis entsprechend – das Individuum als Rechtssubjekt in den Mittelpunkt stellten und diesem die freie Wahl seiner ethnischen Identität sicherten.⁸⁴ Verhindert werden sollte »die Unterdrückung von Minderheiten«, nicht jedoch »die Assimilierung ethnischer Gruppen«, die im Gegenteil im Umfeld des Völkerbundes als unvermeidlicher Prozess betrachtet wurde, der zudem – wenn er denn friedlich verlaufe – als Lösung für die nationalistischen Spannungen der Gegenwart zu begrüßen sei.⁸⁵ Im Auswärtigen Amt wurde dies anders gesehen. Die deutschen Minderheiten – so eine Denkschrift vom Juli 1928 – seien »mit allen Mitteln […] zu erhalten«, da »dies die Voraussetzung für eine günstige Lösung der Korridor- und der oberschlesischen Frage« darstelle.⁸⁶ Es war diese Funktion als »lebendiges Symbol und Brückenkopf revisionistischer Forderungen«, die den deutschen Minderheiten ungeteilte Aufmerksamkeit und massive Hilfe Berlins eintrugen.⁸⁷ »Hinter der Minderheitenpolitik«, so konzedierte Martin Broszat, »stand die Grenzfrage und erst dadurch erhielt auch erstere ihren politischen Sprengstoff«.⁸⁸

Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass die unmittelbar nach dem verlorenen Krieg einsetzende Massenabwanderung von deutscher Bevölkerung in Berlin große Besorgnis hervorrief. Die Gründe für die Abwanderung wurden – so Christian Jansen und Arno Weckbecker – gerade auch in der deutschen Geschichtsschreibung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg allein der polnischen Politik angelastet, während die neuere Forschung die Ursachen »primär bei den Deutschen selbst und ihrer Mentalität« sehe.⁸⁹ Letztere Sichtweise hatte sich bereits 1919 dem deutschen militärischen Überleitungskommissar in Posen aufgedrängt, der Zeuge der fast panikartigen Flucht der deutschen Bevölkerung wurde, die an massive staatliche Subventionen gewöhnt und von diesen »zur Unselbständigkeit erzog[en]« worden waren.⁹⁰ Przemysław Hauser hingegen betont eher die fehlende Anpassungsbereitschaft, in Zukunft »ohne den Status des Herrenvolks« leben zu müssen.⁹¹

Die Weimarer Republik war nicht bereit, sich mit dieser Entwicklung abzufinden. Bereits im September 1920 erklärte ein Lagebericht der deutschen Botschaft, dass die deutschen Minderheiten in Polen noch lernen müssten, dass – wie Albert Kotowski die Aussage dieses Schreibens zusammengefasst hat – »ihr Ausharren in Polen ihre erste nationale Pflicht sei«.⁹² Um diese politischen Forderungen durchzusetzen, verschärfte Berlin im April 1921 die Einreise-, Passund Visumsbestimmungen und machte zudem Entschädigungszahlungen für zurückgelassenes Eigentum von Erklärungen von Organisationen der Deutschen in Polen abhängig, die die Ausweglosigkeit des Auswanderers bescheinigen mussten.⁹³ Berlin erkannte aber bald, dass allein eine drastische Verbesserung der Situation in Polen die Abwanderung auch der restlichen Deutschen verhindern könnte würde. Der Aufbau eines verzweigten und finanzkräftigen Organisationsgeflechts in Deutschland und in Polen sollte dies sicherstellen.

In keinem anderen Bereich ist Richard Blankes These, wonach die Entwicklung der deutschen Minderheiten »abgelöst vom außenpolitischen Kontext« zu untersuchen sei, so irreführend wie in der Frage der Organisierung dieser Gruppen.⁹⁴ Die »Frontstellungen«, wie Hans-Adolf Jacobsen das Verhältnis der sich oft heftig befehdenden Organisationen der Deutschen in Polen treffend bezeichnete, sind im Gegenteil ohne ihre außenpolitische Dimension nicht zu verstehen, sondern nur vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Beziehungen und der engen Verbindungen und Abhängigkeiten zwischen den deutschen Minderheiten und Berlin.⁹⁵

Gerade Letzteres wurde bereits in den Anfängen überdeutlich. Noch bevor der genaue Grenzverlauf bekannt war, schlossen sich parteiübergreifend Abgeordnete der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung und der Nationalversammlung in Berlin 1919 zu einem Parlamentarischen Aktionsausschuss Ost zusammen.⁹⁶ Weil die alliierte Kontrolle des Reichshaushalts aber eine direkte politische und finanzielle Förderung der Deutschen in den Abtretungsgebieten ausschloss, wurde im Januar 1920 die Tarnorganisation Konkordia Literarische Gesellschaft mbH unter Max Winkler gegründet.⁹⁷ Winkler verfügte über erhebliche Geldmittel, die für den Aufkauf deutscher Zeitungen im Ausland bereitgestellt wurden, um deren Existenz zu sichern, und die Konkordia in kürzester Zeit zu einem gewaltigen Zeitungskonzern anwachsen ließ, der fast die gesamte auslandsdeutsche Presse

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