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Befreit Gott von den Gläubigen!: Eine Liebeserklärung an Gott

Befreit Gott von den Gläubigen!: Eine Liebeserklärung an Gott

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Befreit Gott von den Gläubigen!: Eine Liebeserklärung an Gott

Länge:
518 Seiten
9 Stunden
Freigegeben:
28. Okt. 2015
ISBN:
9783828863002
Format:
Buch

Beschreibung

Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Horst Herrmann ist einer der bekanntesten und profiliertesten Religions- und Kirchenkritiker Deutschlands. Doch in seinem neuen Buch bekennt er sich, für viele überraschend, zu einem positiven Gottesbild. Und kann sogar von Gottesfreundschaft sprechen. Mit dem "Amtsgott" der Kirchen, einem patriarchalen Herrscher- und Kontrollgott, der seinen Sohn blutig am Kreuz opfert, hat dieser Gott jedoch nicht das Geringste zu tun. Der Autor plädiert in seinem außergewöhnlichen Buch für einen konsequenten Paradigmenwechsel und fordert ein befreites wie befreiendes Gottesbild, das Gott als Freund und Freundin auf Augenhöhe erkennt. Gott muss von seinen Verwaltern wie auch von seinen Gläubigen erlöst werden. Herrmanns provokantes Werk "Befreit Gott von den Gläubigen!" ist die Liebeserklärung an einen lebendigen Gott. Es ermutigt, sich kritisch mit sich und seinem Glauben oder Nicht-Glauben auseinanderzusetzen.
Freigegeben:
28. Okt. 2015
ISBN:
9783828863002
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Befreit Gott von den Gläubigen! - Horst Herrmann

Anfang.

1.

GOTT ERINNERN

„Hierin liegt der Grund der universellen Tragödie: Gott schweigt. Und er schweigt, weil er Atheist ist."

(Miguel de Unamuno y Jugo¹⁸)

„Man nennt Gott geduldig, und das muss er auch sein, sonst hätte er die Geistlichkeit schon längst ins Verderben gestürzt für die grausigen Anerkennungen, die sie ihm bezeugt."

(Mark Twain¹⁹)

Dieses erste Kapitel stellt seine Fragen schon im Titel. Gott in Erinnerung rufen? Um welchen Gott geht es?

An Gott erinnern besagt, von Glauben und Nichtglauben zu sprechen. Glaube ist kein göttlicher Befehl, sondern eine unterstützte menschliche Tat. Aber welche Unterstützung? Auch eine inhaltliche. Entlasten heißt nicht menschlichen Glauben erleichtern, sondern einsichtiger machen. Das seit langem eingeführte Problem von Glaube und Vernunft, Wahrheit und Geheimnis.

Gott erinnern? Mitten in einer überhasteten Welt, die ihn weithin vergessen hat? Mitten in einem kirchlichen Milieu, das ihn täglich lautstark feiert – und vergessen hat, was es tut. Was wissen wir denn von Gott? Er erscheint mir als ein Gott, der durch Verehrung längst entehrt ist.

Wir können seine Existenz nur erhoffen, seine Wirklichkeit nur erahnen. Umso mehr Lücken tun sich auf. Umso mehr irrige Gottesbilder halten sich.

Noch immer kommt niemand mit einem Bild von Gott zur Welt. Kein Kind weiß von Gott, bis Leute es beschwatzen, die genau so wenig davon wissen. Gerade der Kindergarten als Ort eines Glaubenskampfes ist gewählt. Hier sind die Objekte der alltäglichen Mission am schwächsten. Also Hand drauf! Und so werden die so genannten Glaubensinhalte bewusst zu einer Zeit angedient, zu der ein Kind weder Interesse für sie noch die Fähigkeit hat, ihre Tragweite zu begreifen. Erwickelt sich dann sein Denken, erscheint der anerzogene Glaube bereits unangreifbar.

Heute halten es manche für unglaubhaft, wenn von einem Schreckensregime gesprochen wird, das sich über die Kindheit vieler gelegt hatte. Es ist in der Tat nicht leicht zu glauben, dass Kindern das Credo der Kirche mithilfe von Prügeln eingeschärft wurde. Und doch ist es weithin so gewesen. Wir können uns den Zeugnissen für jene Zeit nicht verweigern.

Wer kann sich über Denkverbote und Denkschwächen in einem Pferch noch wundern? Wer dazu gebracht wurde, kritiklos hinzunehmen, was ihm angebliche Autoritäten eingetrichtert haben, wird über eine lange Zeit hinweg kein Denken beherrschen. Bis er sich, selten genug, befreien will und kann. Befreiung von dem Glaubens- und Autoritätsschrott aus Kindertagen ist in der Tat angesagt. Konkret von den anerzogenen irrigen Bildern. Doch Befreiung macht Mühe. Fehlentwicklungen wachsen sich nicht von allein aus.

Manchmal wird Ersatz eingeführt. Dann sprechen Menschen von einem Wettergott, der ihrem Ausflug gnädig sein soll, oder einem Fußballgott, der den FC Bayern auch mal ein Spiel verlieren lassen könnte. Die Menschen brauchen Surrogate, denn sie wissen meist gar nicht, wie sie mit Gott in Verbindung treten sollen. Nichtwissen – und das nach einer religiösen Sozialisation mitten in einem angeblich christlichen Land. Ein Bankrott.

Das Nichtwissen, die Illusion von Gewissheit, der Verzicht auf Nachdenken und Nachfragen machen unmündig. Und Glauben ist das Zauberwort aller, die sich für die Werteväter einer Gesellschaft halten. Werteväter? So bezeichne ich patriarchal ausgerichtete, meist ältere Männer, die oft nur über negativ geprägte Beziehungen zum konkreten Leben der Nachwachsenden verfügen wollen. Sie bleiben geschlossene Geister. Sie sind ohne Verständnis für junge, als zeitgeistig verlästerte Generationen und Ideen.

Doch sie handeln wie die Paten einer „Familie". Solche Wertepaten haben einen erheblichen Einfluss auf Personen, Gruppen und Gesellschaften. Denn Werteväter legitimieren, stabilisieren und verteidigen jene Väterwerte, die ihren Interessen am meisten dienen. Als seien diese für alle Menschen nachhaltig notwendig.

Werteväterschaft ist nach dem Muster von Paten organisiert: Oben steht ein hoch respektierter Einzelner oder eine Gruppe, die alles wissen dürfen. Unten kommen massenhaft Menschen zu stehen, denen gesagt werden muss, was heilsam ist. Werteväter sichern sich Normen, die den Fortbestand einer „Familie", eines in sich geschlossenen Regelsystems, gewährleisten.

Häufig treten Werteväter als authentische Interpreten Gottes auf. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, berufen sie sich auf einen Geist Gottes, der sie geleitet habe. Mit Recht können sie in vielen Fällen als falsche Propheten bezeichnet werden. Sie sind blind und Führer von Blinden.

Eine eigene Wertepaten-Pädagogik will sich ihre Kinder heranziehen: auf bloßes Antworten fixierte Wesen. Das haben Menschen in Familie und Schule regelmäßig erlebt. Im Prozess der Erziehung mussten ihr Verstand und ihr Eigenwille gebrochen werden, um möglichst lebenslang fremdbestimmt zu sein.

Fremdbestimmt? Der Philosoph Friedrich Nietzsche²⁰: „Die erste Meinung, welche uns einfällt, wenn wir plötzlich über eine Sache befragt werden, ist gewöhnlich nicht unsere eigene, sondern nur die landläufige, unsrer Kaste, Stellung, Abkunft zugehörige; die eigenen Meinungen schwimmen selten obenauf."

Eigene Meinungen? Meist sind sie Belege für das Aufgehen fremder Saat.

Die Kirche hat einen wesentlichen Anteil an solcher Zurichtung. Sie stellt eine geronnene Ideologie dar. Sie fixiert sich auf so genannte Sünden, auf Himmel und Hölle. Sie favorisiert Verzicht, Gehorsam, Strafe und Lohn.

Sünden? Auf diesem Gebiet toben sich Werteväter aus. Nicht dass sie selbst … Nein, sie erstellen und stabilisieren förmliche Sündenkataloge. Deren Inhalte verankern sie in ihren Gläubigen. Ein besonders eindrückliches Beispiel bietet das sechste Gebot. Das lautet ursprünglich „Du sollst nicht ehebrechen!" Mittlerweile ist diese Weisung auf alles ausgedehnt, was sich als so genannte Unkeuschheit darstellen lässt: Empfängnisverhütung, Homosexualität, Masturbation und so fort.

Zu diesen Themen hat sich die Bibel, als Gotteswort verstanden, gar nicht oder nicht eindeutig geäußert. Aber Gottes angebliche Stellvertreter wollten dies nicht hinnehmen. Sie reden – und leiten aus Gottes Schweigen ihr Rederecht ab.

Und so sprechen sie über den Glauben, ihr Zauberwort²¹. In religiösen Angelegenheiten wirkt es schnell und nachhaltig. Ich will nachprüfen, was es damit auf sich hat. Welcher Gott eigentlich, hatte ich gefragt. Existiert er überhaupt? Woher wissen wir etwas über ihn?

Von Gott reden? Das ist von Grund auf schwierig. Mit „Gott" kann keine Wirklichkeit, schon gar kein Gegenstand bezeichnet werden, die in unserer Welt vorzufinden sind. Wir können diese Aporie, diese Weg-Losigkeit, nicht beseitigen. Der Theologe Gotthold Hasenhüttl betont²²: Gott wird vermittelt durch Erscheinungsformen, mit denen er nicht einfach identisch ist.

Der Gebrauch des Wortes Gott hat nur Sinn, wenn es auf unser Dasein bezogen wird. Ein Gott, der mit uns nichts zu tun hat, wäre ohne Belang und Bedeutung. Das wissen Religionen und richten sich danach.

Die Forderung nach einem einzigen, exklusiven Gott ist eine relativ späte Erfindung. Sie sollte die überkommene Götterwelt ordnen. Damit erschien sie für alle nützlich, die sich in einer chaotisch erscheinenden Welt der Götter nicht mehr zurechtfanden. Zudem gewannen Werteväter Befriedigung: Höher hinauf konnte ein Mensch nicht mehr denken.

Kein Wunder, dass der Höchste zugleich der Allwissende, Allmächtige, Allliebende sein musste. Und im patriarchalen Umfeld machte sich ein Vatergott besonders gut. Er ließ alle frühen Muttergottheiten ebenso unter sich wie die mannigfachen anderen Götter. Sie alle konnten künftig – im Stolz, den wahren Gott gefunden zu haben – als bloße Götzen bezeichnet werden.

Was mich betrifft, so nähere ich mich dem Problem der Gotteskritik mithilfe einer so genannten negativen Theologie. Aber das letzte Wort ist auch das nicht.

Negative Theologie

Diese Theologie ist ein sehr altes, doch bis heute anzutreffendes Verfahren bei Aussagen über Gott. Es kritisiert alle „positiven – und häufig aus kirchenpolitischem Interesse verwendeten – Feststellungen als unangemessen. Es betrachtet nur „negative Äußerungen als zutreffend.

Als positiv gelten Aussagen, mit deren Hilfe festgestellt werden soll, was Gott ist. Dies geschieht, indem ihm bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Dabei werden Bilder wie Herr und Vater, die zeitgeistige Erfahrungen von Menschen wiedergeben, auf ihn übertragen. Allein im so genannten Alten Testament ist 6.828 Mal von Gott als dem „Herrn" die Rede.

Die Unangemessenheit menschlicher Vorstellungen und die Unwahrheit der auf ihnen basierenden Aussagen über Gott ist das einzige, was in Bezug auf Gott als zutreffend bestimmt werden kann. Somit sind nur negative Aussagen legitim, also Verneinungen positiver Aussagen. Alle Bejahungen oder positiven Attribute kommen Gott in keiner Weise zu. Sie bleiben unzutreffend, auch wenn es sich aus menschlicher Sicht um Vollkommenheiten wie Macht, Wissen, Leben handelt.

Die negative Theologie begründet ihre Ablehnung mit dem Argument, dass es unmöglich ist, bei positiven Aussagen Gottes Transzendenz angemessen zu berücksichtigen. Zutreffend bestimmt werden können allein die Unangemessenheit zeitgeistiger Vorstellungen und die Unwahrheit der auf diesen basierenden Aussagen über Gott. Nur so kann ein Verhältnis zu Gott gewonnen werden, das seinen Namen verdient. So wird das Reden über Gott freiwillig beschränkt. Die Begriffe positiv und negativ sind dabei nicht in einem wertenden Sinn gemeint.

Und die Verneinung positiver Bestimmungen ist nicht als Bejahung von ihnen entgegen gesetzten Bestimmungen zu verstehen. Die Aussage, Gott könne nicht als gut bezeichnet werden, bedeutet nicht, dass er als schlecht bezeichnet wird. Vielmehr lehrt die negative Theologie, dass Begriffe wie gut und schlecht nicht auf Gott angewandt werden sollten. Einsicht ergibt sich allein für den, der erkennt, was Gott nicht ist.

Gott bleibt unaussprechlich

Gottes Wesen ist mit unserem Denken nicht zu erfassen und mit unseren Worten nicht auszudrücken. Und alle Gottesbilder wanken. Gott lässt sich nun einmal nicht malen.

Ansatzpunkte für den Gedanken der Unsagbarkeit Gottes fanden Theologen in einzelnen biblischen Aussagen. Zu den relevanten Stellen gehören diejenigen, welche die Einzigartigkeit Gottes betonen und ihn scharf von allem Außergöttlichen abgrenzen.

Bezeichnungen wie Vater, Schöpfer, Herr und sogar das Wort Gott selbst sollen nicht wirklich angemessen sein. Sie sind nur aus einer begrenzten menschlichen Perspektive sinnvoll. Sie sagen über den grenzenlosen Gott an sich nichts Gültiges aus. Gott darf auch kein Name beigelegt werden, da ein Namensgeber vor dem Benannten da sein muss.

Gott ist einzigartig, und kein Unterscheidungsmerkmal kommt ihm zu. Letztlich sind auch so genannte Über-Aussagen wie „Gott ist über-gut" nur Hilfsmittel. Sie können keine Tatsachenbehauptungen über das Wesen Gottes sein.

Ich nenne Gott, wie Sie lesen werden, den Freund, die Freundin. Eine solche Bestimmung ist als Analogie zu Bekanntem berechtigt. Eine Kenntnis Gottes kann sie nicht vermitteln. So hilfreich sie ist.

Wir können nicht von Gott sprechen, wenn wir keine gemeinsame Sprach- und Begriffsbasis haben. Dabei gibt es wesentliche Unterschiede. Die klassischen Anthropomorphismen Herr und Vater sind milieubehaftet, mann- und vaterzentriert. Der von mir bevorzugte Anthropomorphismus Freund ist in dieser Hinsicht neutral, nicht vorbelastet, weder historisch noch aktuell. Daher habe ich ihn gewählt.

Meine Erfahrung tut ein Übriges. Ich könnte weder mit einem Gott als Herrn noch mit einem patriarchal gesicherten Vatergott leben, doch immer mit einem Freund. Ich gehe davon aus, dass es sehr vielen ebenso geht.

Ich halte eine approximative Theologie für möglich, die – wenn überhaupt – allenfalls Annäherungen an das Geheimnis Gottes für möglich und zulässig erachtet. Von daher gesehen verbietet sich ihr eine als definitiv ausgegebene Aussage wie das Dogma. Auch eine so genannte Selbstoffenbarung Gottes wie in der Bibel liefert keine Festlegungen, sondern nur Hinweise auf Erfahrungen mit Gott und von daher mögliche Gottesbilder.

Hinweise können, sofern ihr approximativer Charakter berücksichtigt wird, auch aus jeweils aktuellen Gotteserfahrungen herrühren. Die Bibel besitzt kein Monopol auf Gotteserfahrungen. Ein solches ist ihr erst von Wertevätern aus ziemlich eigennützigen Gründen zugeschrieben worden.

Gotteserfahrung? Ohne Gotteserfahrung erscheint mir das Sprechen von Gott ohne Sinn. Freilich müssen wir Vorsicht walten lassen. Selbst- und Fremdtäuschungen kommen oft vor.

Noch eins: Nicht erleuchtet erscheint mir die Meinung, religiöse Erfahrungen setzten nicht nur den weihevollen Augenblick, sondern auch einen geweihten Ort voraus. Luther sagt einmal, sein für die neue Sicht des Glaubens entscheidendes Gotteserlebnis habe er „auff diser Cloaca auff dem thorm" gehabt²³. Er gibt damit Anlass für eine katholische Deutung, den Ort dieses wichtigen reformatorischen Geschehens auf den Klosterabort zu verlegen. Der Inspiration tut dies kaum Abbruch, wohl aber der Interpretation: Der eine wird eben auf dem Klosett besser inspiriert als andere auf dem Katheder.

Wer Erkenntnis anstrebt, gelangt zur Einsicht in sein eigenes Nichtwissen und Nichterkennen²⁴. Dieses erweist sich als Voraussetzung dafür, dass er eine Beziehung zu Gott erlangt. Die negative Theologie führt zu einer Reinigung des auf Gott gerichteten Denkens. Und zur Demut.

Ist mein Buch ein theologisches Buch, frage ich an dieser Stelle. Ja und nein. Ja, denn es befasst sich engagierter, als viele annehmen werden, mit Gott, zumal es an dessen Freundschaft und Liebe glaubt. Nein, denn es hat nichts mit der kirchengebundenen Theologie zu tun, die Glauben an einen vorgezeichneten Amtsgott verlangt, jede Abweichung von ihrer Generallinie sanktioniert und sich anmaßt, gerade unter eben diesen Umständen eine Wissenschaft zu sein²⁵.

Befreit Gott von diesen Gläubigen!

Die bisherige Superlativ-Theologie ist nicht nur in ihre Resultate verliebt, sondern auch denkerisch nicht besonders anspruchsvoll. Es ist ja nicht schwierig, Gott in allem und jedem einen Superlativ zuzuschreiben: Er ist der Mächtigste, der Beste, der Größte und so fort. Denkleistungen dieser Qualität sind in Minuten zu erbringen und in das entsprechende Pathos zu kleiden. Annäherungen an das Geheimnis Gottes machen es sich nicht gar so leicht. Wir werden noch von dem notwendigen Abschied von den Formeln erfahren, die über Gottes „Majestät im Umlauf sind, vor der „die Engel zittern

STILLE GEDULD

Menschen reden von einem lieben Gott, weil sie so erzogen sind. Sie ließen sich an diese Bezeichnung gewöhnen. Das passt in ihren Sprachrahmen. Doch sind damit weder Gottes Existenz noch seine Liebe bewiesen.

Gottesbeweise gelten als Versuche, die Existenz eines Gottes – teilweise unter Einbeziehung empirischer Beobachtungen unter Gläubigen – zu beweisen. Oder zumindest Hinweise darauf zu finden. Diese Methode steht im Gegensatz zu den Formen eines Irrationalismus. Dieser versteht die Erkenntnis Gottes als Mysterium, das sich der logischen Analyse entzieht.

Um es gleich zu sagen: Ein allgemein anerkannter Beweis für die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes konnte bisher nicht erbracht werden.

Spiegel Online hat zwar im September 2013 mitgeteilt²⁶: Ein Wesen existiert, das alle positiven Eigenschaften in sich vereint. Jetzt sind die letzten Zweifel ausgeräumt: Gott existiert tatsächlich. Ein Computer hat es mit kalter Logik bewiesen. Er wurde auf eine Formelfolge angesetzt, die der legendäre österreichische Mathematiker Kurt Gödel um das Jahr 1941 auf ein paar Blätter gekritzelt und später ausgefeilt hatte. Keine Minute brauchte der Computer, um Gödels Beweis für gültig zu befinden. Die Existenz Gottes kann fortan als gesichertes logisches Theorem gelten.

Wirklich? Denn nichts ist bewiesen. Kurt Gödel setzt voraus, dass es ein höheres Wesen mit nur positiven Eigenschaften gibt. Dann setzt er dieses Wesen mit Gott gleich. Das sind zwei Thesen und keine Beweise. Mit den Prämissen fällt der Beweis. Wer mit Gottesbeweisen etwas über Gottes Wirklichkeit auszusagen meint, fantasiert in ein Vakuum hinein.

Gottesbeweise beziehen sich nicht notwendig auf einen bestimmten Gott in einer bestimmten Religion. Sie sind aber historisch im Anschluss an die griechische Philosophie im Christentum ausformuliert worden. Freilich erscheint manchen bereits die Frage nach Gottesbeweisen unzulässig. So ging der dänische Philosoph Søren Kierkegaard davon aus, dass das Dasein eines zu beweisen, der da ist, einen Versuch darstellen kann, ihn lächerlich zu machen²⁷.

Doch muss nicht irgendjemand die Welt geplant und geschaffen haben? Gibt es kein Gewissen, das auf Gott verweist? Lenkt Gott nicht spürbar das Leben jedes Menschen? Würde Gott, wenn es ihn gäbe, so viel Unrecht und Leid auf der Erde zulassen?

Gottesbeweise?

Im christlichen Mittelalter spielten Gottesbeweise für das Leben der Gläubigen eine andere Rolle als heute. Die Existenz eines Gottes stand meist nicht in Frage. Zudem war sie in frühen Gesellschaften oft zusammen mit der jeweiligen Staatsreligion festgeschrieben. Sie infrage zu stellen wurde mit erheblichen Sanktionen belegt. Die theoretischen Überlegungen sollten lediglich die vorhandenen Grundüberzeugungen stützen²⁸.

Mittelalterliche Denker betonen die Notwendigkeit einer Vermittlung von Vernunft und Glaube. Wesentliches Moment ist die Auffassung, dass der Vernunft die Existenz Gottes einsichtig sei. Die eigentliche Zeit der Gottesbeweise ist schließlich die Frühe Neuzeit und die deutsche Aufklärung.

Aufklärung? Die Bezeichnung fasst vielfältige Bewegungen zusammen. Sie engagierten sich vor allem im 18. Jahrhundert für vernunftgemäßes Denken und gegen religiösen Aberglauben. Sie traten für die Verbreitung von Wissenschaft und Bildung ein, die gefördert und allen Schichten vermittelt werden sollten.

Aufklärung fordert, sich auf das Wagnis einzulassen, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Ein Prozess individueller wie gesellschaftlicher Emanzipation befragt kritisch die auf dem Glauben an kirchliche, gesellschaftliche, wissenschaftliche Autoritäten beruhenden Denkweisen. Wer aufgeklärt lebt, ist keinen Vorgaben von Wertevätern oder zeitgeistigen Zwängen unterworfen. Er bestimmt sein Denken nach Möglichkeit selbst: cogito, ne cogiter Ich denke, damit ich nicht von jemand Anderem gedacht werde.

Aufklärer, die dem so genannten Deismus nahe standen, dem Glauben an einen Gott aus Gründen der Vernunft, lehnten jede Verabsolutierung einer angeblichen – und bis heute geradezu vergötzten – Offenbarung ab und wollten mithilfe von Gottesbeweisen eine auf der Vernunft basierende Religion etablieren.

Spätere Religionskritiker wie Ludwig Andreas Feuerbach versuchten zu beweisen, dass Gott gar nicht existiere. Feuerbach zufolge projizieren Menschen ihre Wünsche „nach drüben und draußen" und fertigen sich ihren Gott selbst.

Dem stimme ich zu – mit einer Einschränkung: Nicht die Menschen sind es, sondern Werteväter, die in der Gottesfrage ihre Interessen bedienen und dem Rest erklären, das sei das Beste für sie. Kaum jemand wird behaupten, es seien Frauen oder Kinder statt wortführende Patriarchen gewesen, die für das geltende Gottesbild verantwortlich gemacht werden können. Der durchweg patriarchal bestimmte Gott kann sich nicht von seinen Schöpfern lösen. Er handelt genauso, wie es seine Väter wollen und selbst praktizieren.

Seine Kinder leben aus ihrer Belohnungserwartung. Nähmen wir ihnen die affektive Bindung an ihren Vater-Gott, an ihre Mutter Kirche, käme religiöse Herrschaft schnell an ihr Ende.

Doch solange die religiösen Systeme unserer Breiten das typische Schema von Oben und Unten, von Sünde und Erlösung, Strafe und Gnade, Mensch und Gott beibehalten, wird es Herren und Knechte geben. Das Problem der religiösen Herrschaft und der Macht von Menschen über Menschen bleibt ein Gottesproblem. Es lässt sich, wenn überhaupt, nur durch innovative Gottesbilder mildern. Und konsequenterweise allein durch die Aufgabe des Kirchengottes und damit der Kirche selbst lösen.

Dieses Buch handelt von dem Problem.

Auswege? Unarten?

Gottesbeweise sind mit dem Entstehen einer säkularisierten Gesellschaft und philosophischen Vorbehalten gegen ihre Durchführbarkeit weitgehend nur noch für religiöse Kreise interessant. Theisten, die an einen Gott, vorzugsweise an den eigenen, glauben und diesen Glauben verteidigen, müssen Grenzziehungen gegenüber Andersdenkenden schätzen. Sie haben viel zu tun, wenn sie sich abgrenzen. Atheisten auch.

Offensichtlich gewinnt ein Mensch heute nur dann persönliche und gesellschaftliche ldentität, wenn er ein abgrenzendes Etikett trägt und sich als Markenartikel herumreichen lässt. Dann hat er – zur Genugtuung aller ähnlich Gestylten – seinen Platz eingenommen, dann dient er als Entlastung für Feind und Freund, dann hat er seine soziale Funktion akzeptiert, dann funktioniert er.

Jedenfalls kann bisher niemand Gott, niemand dessen Nichtexistenz beweisen. Und da ein höchstes Wesen weder zu verifizieren noch, infolge unserer Erkenntnisbegrenzung, auszuklammern ist, erscheint eine agnostische These konsequenter als eine atheistische. Dazu gleich mehr.

Dogmatisch fixierte religiöse Überzeugungen sind langfristig gefährlicher als solche in anderen Bereichen. Denn ihre Herkunft und ihre Inhalte sind nicht zu hinterfragen. Und sie bleiben es, was für politische Doktrinen über längere Zeit kaum möglich ist. Während die Irrtümer in der Philosophie bloß lächerlich sind, sind denn auch, so der Philosoph David Hume²⁹, die Irrtümer in der Religion zumeist gefährlich.

Im Übrigen könnte, merkt der Schriftsteller Arno Schmidt³⁰ an, die Tatsache zu denken geben, dass Goethe, Herder, Klopstock, Lessing, Schiller, Wieland nicht katholisch waren. Zudem waren drei von ihnen ausgemachte Gegner der positiven Religion, also des Christentums.

Warum auch nicht? Die Psychoanalyse hat vielfach fragwürdige, schädliche oder illusorische Aspekte religiöser Überzeugungen aufgezeigt. Dogmen und andere Doktrinen des Katholizismus sind nun einmal nicht zu beweisen. Niemand kann gezwungen werden, sie als definitiv wahr zu akzeptieren. Einige von ihnen sind sogar derart unwahrscheinlich und stehen so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass wir sie den Wahnideen vergleichen können.

Werteväter im Wahn? Friedrich Nietzsche³¹ hält den christlichen Gottesbegriff für einen der korruptesten, die je erreicht worden sind. Ich greife den Satz auf, wandle ihn um und beziehe ihn auf die Tatsache, dass Werteväter den Gott, der Liebe ist, zu einem Herrn der Strafe verdreht haben. Das bedeutet Korruption: Liebe zur Strafe umzudrehen und diese als Liebe auszugeben.

Sigmund Freud machte eine bis heute gültige Aussage: Kaum geht es um Fragen der Religion, macht sich der Mensch besonderer Attitüden, Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig.

Priester und Philosophen

Die meisten Theologen haben zwar die Suche nach einem Gottesbeweis aufgegeben. Sie sprechen nur noch davon, dass wir an die Existenz Gottes glauben müssen. Dieser Position sind jedoch fundamentale Schwierigkeiten eigen.

Denn wozu sollte gerade der traditionelle Glaube an einen einzigen Gott für wahr gehalten werden? Warum sollte es nur einen Schöpfer Himmels und der Erde geben? Und nicht etwa vier oder fünf Göttinnen, wobei einige für das Gute und andere für das Böse verantwortlich sind? Weshalb sollte dieser eine Gott auch noch barmherzig sein? Könnte, wie die Welt nun einmal beschaffen ist, die Annahme der Existenz eines bösen Dämons nicht plausibler sein?

Nur die Vernunft könnte aus der Fülle möglicher Glaubensinhalte eine begründete Antwort zugunsten des klassischen Eingottglaubens liefern. Doch der menschliche Geist vermag nichts Begründetes über diesen Gegenstand zu erkennen. Dennoch sieht sich, so der Philosoph Ludwig Klages³², mancher Philosoph der wunderlichen Aufgabe ausgesetzt, Beweise für Doktrinen beizubringen, deren Gültigkeit Priester bereits beschlossen haben.

Und Gott schweigt. Er übt sich in Geduld.

Theismus? Atheismus?

Theismus³³ ist ein religionsphilosophischer Begriff, der im Zeitalter der Aufklärung gegenüber dem Atheismus geprägt wurde. Er bezeichnet die religiöse Überzeugung vom Dasein eines höchsten, überweltlichen, persönlichen Gottes. Dieser hat die Welt gewollt. Er erhält und regiert sie. Er wirkt zwar in seiner Welt, ist jedoch substantiell von ihr verschieden.

Atheismus? Ein Nicht-Glauben an höhere Wesen und die Annahme, dass es überhaupt keine göttlichen Wesen gibt. Der Begriff geht auf das griechische Adjektiv átheos (ungöttlich, gottlos) zurück. In Latein findet sich der Ausdruck zuerst bei Cicero, seit dem 18. Jahrhundert ist er in deutschen Schriften heimisch.

Die Bezeichnung war lange ein Kampfbegriff, der von Nichtgläubigen zunächst nicht übernommen wurde. Die abwertend gemeinte Wortschöpfung wurde von den sich als rechtgläubig Bezeichnenden gegen angeblich oder wirklich Ungläubige benutzt. Vor allem wurde er auf Anschauungen bezogen, die im Konflikt mit den etablierten Religionen standen. Im aktuellen philosophischen Diskurs ist Atheismus ein wertneutraler Begriff, der dem des Theismus gegenüber gestellt wird.

Dessen Vertreter haben zu tun. Ständig werden ihre Hauptannahmen bezweifelt. Ständig wuchern weitere Widerstände. Da heißt es aufmerksam und auf dem neuesten Stand bleiben. Eine junge Disziplin, die Neuro-Theologie³⁴, betreibt beispielsweise die Aussöhnung der Erzfeinde Wissenschaft und Religion. Gott soll biologisch nachweisbar sein, Religiosität evolutionär festgelegt. Forscher vermuten, dass sich zumindest deren Sitz lokalisieren lasse – im Scheitellappen. Und schon lässt sich folgern, wie die Journalistin Sonja Zekri³⁵ festhält: Atheismus schrumpft zur Anomalie. Gläubige leben gesünder und glücklicher. Und da sie zudem besser mit Geld umgehen sollen, wird Atheismus flugs nicht nur als Gesundheitsrisiko, sondern auch als Armutsfaktor benannt.

Theismus? Atheismus? Der Theismus behauptet, der Atheismus leugnet Gott. Einen Beweis bleiben beide Seiten schuldig.

Und schon heute ist die eigentliche Gegnerin des Glaubens jene Gleichgültigkeit, für die Gott gar kein Thema mehr ist³⁶. Gottesbeweise interessieren nicht. Der Streit um die Frage der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes gilt als ausgestanden. Wird überhaupt diskutiert, so ist nicht Gott gemeint, sondern seine Verwaltung.

Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach Gott? Ich spreche lieber von einer – durchaus nachzuvollziehenden – „Erschöpfung". Denn Millionen Menschen sind, seit sie denken können, immer wieder mit den gängigen Predigten eingedeckt worden und einfach ekklesiogen erschöpft. Entdecken sie überhaupt noch Widerspruchsgeist in sich, richtet sich dieser gegen das Personal am Boden und dessen Eskapaden.

Die übliche Gottesverwaltung stützt sich auf einen geradezu vulgären Theismus, einen klassischen Monotheismus zumal, den der berühmte Kritiker David Friedrich Strauß in einem Brief vom 25. November 1871 „das Erzeugnis des Selbstgefühls einer Nomadenhorde" genannt hat. Gott legitimiert und garantiert dessen eigene Interessen, Pläne und Wünsche. Gott muss sich zum Vorteil einiger Werteväter missbrauchen lassen.

Eine Neuevangelisierung auf der Basis einer solchen Altkirche? Das sollte niemand zulassen. Kirchliche Tradition, die manchen immer noch als ehrwürdig gilt, bedeutet nun einmal eine von Interessen gelenkte Zurechtbiegung und deren Verfestigung. Ein Abschied und ein Neuanfang sind, wenn überhaupt, heute noch nicht richtig vorstellbar, doch zukunftsträchtig. Die Gottesidee muss neu formuliert werden, damit sie sich der Wirklichkeit Gottes wieder annähert. Mit dem Kirchengott ist dagegen keine Zukunft möglich. Eine Kirche, die sich auf diesen beruft, hat sie ihn doch selbst erarbeitet, fährt vor unseren Augen ihre Kultur gegen die Wand. Und wenn die Frage nach dem so genannten Gottesbezug einer europäischen Verfassung ausgerechnet durch die Einführung des vatikanischen Amtsgotts beantwortet werden soll, der alle „Abweichler" ausgrenzt³⁷, kann ich nur warnen. Einen solchen Gott möchte ich Europa ersparen.

Meinen hochrangige Vertreter des Vatikans, Europa brauche neben dem Euro auch eine geistige und geistliche Leitwährung, sprechen sie nur für die eigene Organisation. Der Katholizismus eine europäische Leitwährung? Mit diesem Ballast aus Geschichte und Gegenwart? Ausgeschlossen.

Zentral ist die Rolle der Kirche in der Tat noch immer, doch nicht geistig, sondern machtpolitisch. Rom, eine Stadt von spezifischem Gewicht, bleibt ein Epizentrum klerikaler Macht.

Spricht der Vatikan nun aber nicht für über eine Milliarde Menschen, die er katholisch heißt? Übersehe ich solche Zahlen? Ist meine Argumentation zu sehr auf Europa fixiert? Sollten wir das bisschen Europa nicht vergessen?

Rom liegt nicht im Kongo. Die führende Theologie und ihre Bestreitung sind nach wie vor europazentriert. Außerhalb Europas finden sie sich kaum. Kein Wunder, dass sich die vom Vatikan beschworene Neuevangelisation vor allem auf Europa bezieht. Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn die Resultate unserer Patriarchats-, Religions- und Bibelkritik eines Tages die katholische Restwelt erreichen. Die bereits eingeleiteten Prozesse der Modernisierung und der Säkularisierung werden unter Anderem Afrika bald umgeformt haben.

ERFAHRUNGEN MIT GOTT

Ich verleugne mein katholisches Erbe nicht. Doch ich erinnere daran, dass Sie alle Ihre eigene Biographie haben. Für diese können Sie wahrscheinlich ebenso wenig wie ich für meine. Sie sind beispielsweise in einem atheistischen Milieu erzogen worden und halten Ihre atheistische Überzeugung für die richtige. Oder Sie sind von gläubigen Eltern erzogen worden und können nicht verstehen, dass Menschen Ihren Glauben nicht teilen wollen.

Ich frage: Wozu glauben Sie an Gott? Warum tun sie es nicht? Welche Rolle haben Erziehung sowie Personen und Ereignisse in Ihrem Leben gespielt? Welche Ereignisse oder Erkenntnisse haben Ihren Glauben gestärkt oder geschwächt? Haben Sie Zweifel am eigenen Glauben oder Nicht-Glauben?

Eine Prägung in der Kindheit wächst sich nicht immer aus. Und wenn doch? Nicht wenige Leserinnen und Leser werden von sich sagen, Sie hätten gerade auf dem Hintergrund einer strikt katholischen Erziehung ihren Glauben aufgegeben. Oder: Was seit langem dahinsiechte, ist in Stille gestorben. Das ist bereits heute ein massenhaft auftretendes Ereignis, und die Diagnose wird künftig auf immer mehr Menschen zutreffen.

Gefühle für die Kirche? Oder gegen sie? Vielleicht betrachten Sie die Inszenierungen des Vatikans und seiner öffentlichen Beter im Fernsehen ähnlich unengagiert wie ein wenig sportlicher Zuschauer die Olympischen Spiele. Vielleicht leben Sie wie eine Frau, die nach etlichen Ehejahren auf einmal weiß, dass sie gegenüber dem einmal geliebten Mann keine Zärtlichkeit mehr empfindet. Kein Interesse, keine Achtung, keine Neugierde, was er sagen oder tun wird. Keine Hoffnung, alles werde sich wieder regeln. Nicht einmal Ärger, weil er ihr gleichgültig geworden ist. Keine Selbstvorwürfe wegen dieses Verlustes, wegen dieses Prozesses der Desillusionierung. Nur noch Teilnahmslosigkeit.

Die Frage ist für viele längst beantwortet: Was hat das, was die da in Rom veranstalten, eigentlich noch mit mir zu tun? Die Antwort ist eindeutig: Nichts.

Das verstehe ich. Doch in meinem Fall war es anders. Ich bin Priester gewesen und habe ein Jahrzehnt als Professor der katholischen Theologie gearbeitet. Dann kam es anders als erwartet. Vor Jahrzehnten bin ich aus der Kirche ausgetreten und habe dies keinen Tag bereut.

Gott erfahren

Die unerwartete Feststellung kommt erst noch: Ich glaube, Gott in meinem Leben erfahren zu haben. Bis heute. Es ist ein Gott, der nichts mit dem zu schaffen hat, den die Kirche predigt. Im Gegenteil. Ich veröffentliche dieses Buch, um eine überfällige Gottesentlastung anzustoßen.

Meine eigene Erfahrung mit Gott kann ich niemandem beweisen. Sie beweist nicht einmal im strikten Sinn die Existenz Gottes selbst. Doch ich kann sagen: Gott ist keine bloße Chiffre zur Welterklärung, keine Metapher für Leute, denen nichts Besseres einfällt. Gott ist auch nicht als Stütze einer Überzeugung zu missbrauchen. Gott ist schon gar kein Instrument, um Gehorsam oder Moral zu erzwingen. Was er ist? Ich kann ihn nicht erklären. Ich meine aber sagen zu können, dass er zu erfahren ist und dass mit ihm gesprochen werden kann.

Zu erfahren? Zu sprechen? Auch wenn Sie mich für naiv halten: Meine lebenslange Erfahrung mit Gott führe ich nicht auf einen Lappen im Großhirn zurück, der für die menschliche Religiosität zuständig sein soll. Ich hätte Gott längst aufgeben, ihn nicht nur einmal verleugnen können. Ich habe es trotz vieler Zweifel nicht getan – und kann auch dies nicht erklären. Nur so viel: Angst vor Gott hat mich nicht geleitet. Ich habe sie, wenn ich es recht bedenke, noch nie gehabt. Der offiziellen Lesart, dem „Amtsgott", bin ich nicht gefolgt. Ich lebe auf Augenhöhe. Darüber später.

Eine unerlässliche Anmerkung an dieser Stelle: Es handelt sich bei den letzten 60–70 Seiten dieses Buches nicht um ein Coming out. Schon vor Erscheinen hat mein Manuskript in dieser Hinsicht viel Verwunderung erregt. Ein solcher Kirchen- und Religionskritiker – und ein Ja zu einem lebendigen Gott? Aber wer mich kennt, weiß oder ahnt zumindest, dass ich mein ganzes Leben auf die Erfahrungen und Gespräche mit Gott gestützt habe. Daher brauche ich mich jetzt, für manche überraschend, nicht eigens zu outen. Ich lebte immer so, auch wenn ich das nicht an die große Glocke gehängt habe.

Im Übrigen: Es leuchtet mir nicht ein, dass konsequente Kirchenkritik nicht mit einem lebendigen Gottglauben zu tun haben kann oder soll. Das Gegenteil ist wahr. Wer sich kritisch mit dem Bild eines Amtsgotts auseinandersetzt, wie es die Kirche noch immer verbreitet, wird folgerichtig mit dieser brechen. Doch hat er damit nicht mit Gott gebrochen. Nur wer – irrigerweise – davon ausgeht, dass Gott etwas mit dem Kirchenglauben zu schaffen hat, wird ein Junktim herstellen. Wer aber Gott von seinen Gläubigen befreien will, wird gerade diese behauptete Verknüpfung leugnen.

Coming out? Ich vergesse die Augen nicht, die meine liebsten Atheistenfreunde eines Abends gemacht haben. Wir hatten über das Schicksal gesprochen, dem wir oft im Leben begegnen. So oft sogar, dass wir uns Fatalisten nennen können. Und ich habe die Gelegenheit ergriffen und den beiden gesagt, für mich stecke hinter einem solchen Fatum allein ein persönlicher Gott und Freund, der zwar nicht eingreift, dessen Liebe aber Leben begleitet. Im Vertrauen auf diese Liebe lebe ich selbst geduldig und gelassen. Wie gesagt, wir kennen uns schon lange. Doch so etwas hatten sie noch nicht von mir gehört, der ich nun nicht gerade als Träumer gelte. Sie reagierten freundschaftlich wie immer. Aber ich habe gespürt, dass sie den Schlag erst verkraften mussten.

Dann habe ich monatelang nachgedacht, meine Erfahrungen sortiert. Und schließlich die Liebe eines persönlich erfahrenen Gottes noch deutlicher als damals vor den beiden lieben Atheisten ausgemacht. Doch was ich hier schreibe, wirkt wahrscheinlich auf viele Menschen idealistisch, subjektivistisch, individualistisch. Auch auf Sie?

Subjektivistisch? Der Anlass meines Buches mag so erscheinen. Ich kann nichts dafür. Ich weiß, dass kein Gottesbeweis überzeugt und Gottes Existenz weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Ich weiß, dass der Rückgriff auf eine persönliche Gotteserfahrung vielen als schwaches Argument vorkommt. Doch ich weiß auch, dass die Gotteserfahrung eines Menschen nicht widerlegt werden oder als grandiose Selbsttäuschung abgetan werden kann. Ich bin nüchtern genug, um die Gefahr der Selbst- oder Fremdtäuschung nicht zu erkennen. Sie droht im Übrigen nicht nur mir.

Nur wenn Gott im Diesseits als Du, als Freund, als Quelle der Solidarität zu Menschen erfahren werden kann, hier und heute, kann ich von einer Wirklichkeit „Gott" und deren gesellschaftsverändernder Kraft sprechen. Bleibt Gott in einem Jenseits, in einem Himmel, verharrt der liebe Vater überm Sternenzelt, wie Friedrich Schiller 1785 dichtete³⁸, ist er für mich bedeutungslos.

Ist dieser Ansatz individualistisch? Gewiss geht es hier um persönliche Erfahrungen mit Gott. Doch vergessen wir nicht, dass sich solche Erfahrungen auf Gruppen und Gesellschaften auswirken. Gerade wenn ich mich in diesem Buch auf den individuellen Glauben beschränke, übersehe ich nicht, welche sozialen Effekte dieser hat. Es ist sogar davon auszugehen, dass die jeweiligen Vorstellungen von Gott nicht nur in einem bestimmten Milieu angesiedelt sind und von diesem beeinflusst werden. Sie schaffen sich ihrerseits neue Milieus. Religionsgeschichte, Kirchengeschichte, Kulturgeschichte belegen eine solche Effizienz.

Und das Urteil „idealistisch"? Ich sage: Geduld. Eines Tages wird dieses Buch umgesetzt werden, und wenn es sehr, sehr lange dauert, bis es so weit ist. Ich habe etwas Ähnliches schon erlebt. Vor 40 Jahren habe ich nicht nur über das unmoralische Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland nachgedacht, als erster Theologe in Deutschland und allein auf weiter Flur, sondern auch eine Alternative zur Kirchensteuer entwickelt³⁹. Diese Mandatssteuer – Begriff und Inhalt stammen von mir – soll es den Steuerpflichtigen ermöglichen, über die Verwendung ihres Beitrags selbst zu entscheiden, also ein Mandat zu vergeben. Entweder an die Kirche oder an den Staat oder an eine karitativ tätige Organisation. Mein Modell ließe sich im Übrigen auch auf die Parteienfinanzierung übertragen. Damit wäre das aktuelle Gießkannen-Prinzip überwunden.

Ich wurde damals als extremer Kirchenfeind beschimpft. Doch Jahre später hat der Vatikan meine Geschäftsidee in Italien, Spanien, Ungarn und Liechtenstein einführen lassen. Und das Modell mehrfach der Bundesrepublik Deutschland empfohlen. Nebenbei: Nicht dass ich es erwartet hätte, aber ein wenig menschlicher Anstand hätte sich gut gemacht. Bis heute hat sich kein Kirchenvertreter bei mir bedankt, obwohl mein Modell Milliarden einbringt.

In jedem Fall abwarten, rege ich an. Gerade was mein jetziges Buch betrifft. Geduld. Wir sollten den

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