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"Ich lass mich von den Geschicken tragen": Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941
"Ich lass mich von den Geschicken tragen": Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941
"Ich lass mich von den Geschicken tragen": Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941
eBook363 Seiten4 Stunden

"Ich lass mich von den Geschicken tragen": Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941

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Über dieses E-Book

Mit einer der letzten Schiffspassagen gelingt 1939 dem 15-jährigen HERBERT PETER SECHER MIT SEINEN ELTERN DIE EMIGRATION IN DIE USA. Während Teile seiner Familie nach Palästina, Sydney und Riga fliehen, bleiben fünf Personen in Wien zurück. 1994 entdeckt Herbert Peter Secher im Nachlass seiner Mutter die vollständige Korrespondenz der Wiener Familie mit seinen Eltern und Onkeln in New York. Die Familien in New York, Haifa und Australien überleben, doch die Spur der in Wien verbliebenen ebenso wie der nach Riga geflohenen Familienmitglieder verliert sich im Holocaust.

NEUE PERSPEKTIVE AUF DEN ALLTAG IM NATIONALSOZIALISMUS
Das Buch versammelt 160 BRIEFE UND BRIEFFRAGMENTE AUS DEM NATIONALSOZIALISTISCHEN WIEN. Diese oft sehr privaten Quellen der als Juden verfolgten Familienmitglieder ermöglichen einen neuen Blick auf den Nationalsozialismus in Österreich. Die Briefe an Familie und Freunde zeichnen das alltägliche ERLEBEN DES EXTREMEN, die sich steigernde Verfolgung, Entrechtung und Erniedrigung, den Raub von Existenzen, Besitz und Vermögen sowie die wirtschaftliche Marginalisierung und Ausbeutung aus der Perspektive der Opfer nach. Die Dokumente lassen das Wechselspiel von Hoffen und Bangen unmittelbar werden.
SpracheDeutsch
HerausgeberStudienVerlag
Erscheinungsdatum28. Okt. 2015
ISBN9783706558037
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    Buchvorschau

    "Ich lass mich von den Geschicken tragen" - StudienVerlag

    Gedenken

    Vorwort

    H. Pierre Secher kam kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Wien. Als emeritierter Professor der Politologie der Memphis State University (1975–1991) kehrt Secher in seine Geburtsstadt zurück, aus der er 1939 im Alter von 15 Jahren vor den Nationalsozialisten als Herbert Peter Secher hatte fliehen müssen. In Wien wollte H. Pierre Secher sich zwei lange gehegte Wünsche erfüllen. Zum einen wollte er sich mittels einer politischen Biografie der Person und dem Phänomen Bruno Kreisky nähern. Die Tatsache, dass in Österreich eine Person mit jüdischem Hintergrund derart populär, lange und wirkmächtig Regierungschef sein konnte, hatte sein besonderes Interesse geweckt. Der Verfolgte und Vertriebene wollte die Person Kreiskys studieren, der, ebenfalls ins Exil gezwungen, zurückkehren konnte und in Österreich zur bestimmenden politischen Figur der 1970er Jahre werden sollte. Kreiskys Verhältnis zum Judentum, zum Staat Israel und das Verhältnis zu Simon Wiesenthal waren weitere Kernpunkte seines Interesses und seine Ausgangspunkte für die 1994 bei Dorrance Publishing Company erschienene Biografie Bruno Kreisky: Chancellor of Austria: A Political Biography.

    Der zweite Wunsch war, Wien in einem längeren Aufenthalt wieder neu zu erkunden. Er zeigte die Stadt seiner dritten Frau Lucy, besuchte die Orte seiner Erinnerung, wollte die Stadt und ihre Menschen sehen, erleben und erneut im Rahmen seiner vielfältigen Interviews mit Mitarbeitern und Zeitzeugen die Eliten der Stadt und des Landes kennenlernen.

    Zum Zwecke der Studien kooperierte Professor Secher mit der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, die ihm bereitwillig alle Akten des Hauses zur Verfügung stellte und darüber hinaus das weite Netzwerk an Kontakten zu anderen Archiven, Medien, Zeitzeugen, Weggenossen und politischen Gegnern zugänglich machte. Als junger Mitarbeiter wurde der Autor dieser Zeilen mit der Aufgabe betraut, H. Pierre Secher behilflich zu sein und ihm seine Studien und Gespräche so weit als möglich zu erleichtern.

    So kam es während seinem Aufenthalt in Wien über die Wochen zu vielen Gesprächen, privaten Treffen und gemeinsamen Spaziergängen. Der Autor vermittelte das zeitgenössische Wien, das sich ihm in den drei Jahren seines Aufenthaltes in der Stadt eröffnet hatte, und war bemüht, Politik in Österreich, ihre Netzwerke und Kultur im Wien der frühen 1990er Jahre aufzublättern.

    H. Pierre Secher führte den Autor mit der Zeit intensiver in sein Wien der späten 1930er Jahre ein. Seine Orte, die Familientraditionen und die regelmäßigen Wege, die er als Kind und Jugendlicher alleine oder mit der Familie einschlug. Samstägliche Kaffeehausbesuche mit dem Vater, deren Mittelpunkt für Herbert die erotischen Fortsetzungsgeschichten in den ausliegenden Tages- und Wochenblättern waren. Familienausflüge in die Umgebung Wiens, Speisen, Redensarten und vieles mehr, das sich mitteilen ließ, erlebte H. Pierre Secher in diesen Wochen mit mir. Dabei behielt er die engeren Bezüge zur Familie für sich zurück. Es gab keine gemeinsamen Besuche der ehemaligen Wohnorte, des zerstörten Tempels oder der Friedhöfe. Hier blieb zunächst noch eine Distanz, die gewahrt und respektiert wurde.

    Die lose Freundschaft, die sich im Rahmen des Wiener Aufenthaltes entwickelt hatte, vertiefte sich über die folgenden Jahre. Es kam zu gegenseitigen Besuchen und bezog auch die Familie, Ehefrau Lucy, die Kinder Robert und Sandy, ein.

    1994 verstarb in New York im hohen Alter Johanna Secher, geborene Schab, H. Pierre Sechers Mutter. In ihrem Nachlass, in einem alten Karton verwahrt, stieß der Sohn auf die Korrespondenz der Familie der Jahre 1939–1941. Während Herbert Peter mit seinen Eltern die „Ausreise" über Genua in die USA gelingt, fliehen andere Teile der Familie illegal über die Schweiz in die USA, über die Donau und das Schwarze Meer ins britische Mandatsgebiet Palästina, nach Riga oder nach Sydney in Australien. Zwei Großmütter Herberts, zwei Tanten und ein Onkel bleiben jedoch in Wien zurück. Was Pierre fand, war die Korrespondenz aus Wien an seinen Vater bzw. die Familie in New York.

    Trotz aller seelischen Qualen, die die Lektüre bereitete, sah sich Pierre verpflichtet, diese Briefe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und zu publizieren. Diese Arbeit zog sich über zehn Jahre hin, wurde aufgenommen, zurückgelegt, im Kreis der Familie besprochen und erneut aufgenommen, bis im Jahre 2004 bei McFarland & Company, Inc. der Band Left behind in Nazi Vienna mit einer Auswahl von Briefen erschien. Die Briefe wurden in der Folge der Bibliothek der University of Memphis übergeben.

    Bei einem Besuch in Wien kam es zu einem ausführlichen Gespräch mit H. Pierre Secher über die Briefe, ihre Bedeutung für ihn, für die Familie und ihre Bedeutung als historische Quelle. Pierre gab in diesem Gespräch seinem Herzenswunsch Ausdruck, die Briefe auf Deutsch, in der Originalsprache, und in Wien, dem Ort ihrer Entstehung, publiziert zu sehen. Er hatte die Arbeit an der Publikation nur bewältigen können, weil dies in den USA, mit einem amerikanischen Verlag und in englischer Sprache erfolgt sei, drei Elemente, die gleichsam einen Puffer zwischen den Herausgeber und die tragischen Umstände der Entstehung der Briefe und ihren Inhalt schoben.

    H. Pierre Secher wünschte, trotz Vorbehalte des Autors, dass er die Briefe edieren sollte. Diese Texte waren nie für eine Öffentlichkeit gedacht oder geschrieben worden. Ihr Sprachduktus und ihre Form sind gänzlich familiär. Ein Brief an Dritte ist in dem Konvolut, der selbstverständlich in offiziellem Geschäftsdeutsch gehalten ist. Die Briefe an die Familie nehmen die familieninterne Sprache auf, kleine Ausdrücke aus dem Jiddischen oder dem Hebräischen fließen ebenso ein wie kleine orthografische Ungenauigkeiten. Das waren sehr persönliche Zeugnisse einer Familie und von Menschen, denen 1938 bis 1942 praktisch alles genommen wurde, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte. Menschen, die ausgelöscht wurden, ohne Grab, ohne Nachricht. Eingezwängt in überbelegte Wohnungen im neu errichteten Wiener Ghetto der Leopoldstadt. Zwischen Angst, Hunger, ständigen Demütigungen und banger Hoffnung sind es diese Briefe, der Kontakt mit den geliebten Familienmitgliedern, die ein letztes Rückzugsgebiet darstellen. Wäre die Publikation nicht der Raub dieses zuletzt Verbliebenen?

    H. Pierre Secher nahm dem Autor an diesem Tag das Versprechen ab, diese Briefe in Wien und auf Deutsch zu publizieren. In der Folge erhielt der Autor nicht lange vor H. Pierre Sechers Tod ein Konvolut an Kopien der Briefe mit der erneuten Bitte, sich diesen zu widmen.

    Rasch taten sich eine Reihe von Fragen und Hindernissen auf, die den Weg zu einer schnellen Publikation verstellen sollten. Die Briefe waren in einer Form, die eine Entzifferung sehr schwer machen würde. Schlechtes Papier, aufs engste beschrieben, im Sparzwang der alltäglichen Not unter dem Nazi-Regime wurden auch die Ränder bis zum letzten Millimeter ausgenutzt. Die Briefe waren oft nicht vollständig erhalten. Fehlende Teile konnten trotz intensiver Nachsuche nicht identifiziert werden. Die Sammlung würde also fragmentarisch bleiben.

    Versuche, diese Korrespondenz durch andere Korrespondenzen weiterer Familienmitglieder zu ergänzen und so vermeintliche Lücken zu schließen, einen Schritt hin zu mehr Vollständigkeit zu erreichen, waren sehr aufwendig. In Bibliotheken und Archiven an den Fluchtorten der Emigration aus Wien, in Tel Aviv, New York, Jerusalem oder Stockholm konnten solche Sammlungen identifiziert werden. Diese hätten die Korrespondenz der Familie Secher-Schab-Kupler jedoch nur in ihrer Redundanz der Schilderungen der Alltagsprobleme und in ihrer Bruchstückhaftigkeit ergänzt.

    Die angesprochenen Redundanzen in den Texten, die Schilderungen des Alltags der als jüdisch im Sinne der NS-Unrechts verfemten und verfolgten Wienerinnen und Wiener, schienen zunächst eine weitere Schwäche der Texte. Wo war der Erkenntnisgewinn, den diese neue Quelle der Geschichtswissenschaft liefern sollte? Waren diese nicht durch die Angst vor der Zensur und dem Wunsch, die Lieben in Übersee nicht zu sehr zu ängstigen, bereits in der Entstehung in einem doppelten Sinne einer Selbstbeschränkung der Autorinnen unterworfen?

    So wurde zunächst in mühevoller Arbeit die Transkription aller Texte vorgenommen. Trotz des ernsthaften Bemühens blieben Teile der Texte unleserlich, konnten also die Lücken in den ohnehin teilweise fragmentarischen Texten nicht geschlossen werden.

    Die intensive Arbeit mit den Texten über einen langen Zeitraum hinweg, oftmals unterbrochen und erneut aufgenommen, führte dann zu einer Neuinterpretation.

    Die Korrespondenz würde nicht vorrangig eine neuartige historische Quelle erschließen, die Briefe würden nicht eine neue Perspektive zum Narrativ der Verfolgung und Shoa in Wien eröffnen.

    Es sind die Intimität der Texte, die Nähe zu den Autorinnen und der familiäre Charakter, die die Stärken der Texte ausmachen. Der Leser, die Leserin wird in die Situation eingebunden und kann den Autorinnen Marie Kupler und Ella Schab gleichsam über die Schulter schauen. Die unterschiedlichen Charaktere der Autorinnen werden deutlich ebenso wie die neu geknüpften Bande zwischen den in Wien zurückgelassenen Familienmitgliedern, die vor dem März 1938 wenig Kontakt pflegten.

    Die teilweise fragmentarische Natur ist der Tribut, der der besonderen zeitgenössischen Authentizität zu zollen ist. Texte, die ex post, aus der Erinnerung entstanden sind, dominieren zumindest quantitativ die Oral-History-Dokumentation. Hier können Lücken der Erinnerung durch Lektüre, Gespräche im Kreis der Zeitzeugen und die Stütze der Familiennarrative geschlossen werden. Von Ella Schab ist noch die Deportation ins Ghetto Izbica dokumentiert, die Spur von Marie Kupler verliert sich, zumindest nach heutiger Quellenlage, bereits 1942 in Wien. Wie kann angesichts dieser Umstände Vollständigkeit erwartet werden?

    Auch die Redundanzen der Inhalte um Affidavit, Schiffspassagen, Ausreisequoten, Wohnung, Versorgung, Gesundheit und dem Schicksal der in Wien verbliebenen Bekannten und Freunden sind nur scheinbar ein Nachteil, abhängig von der Fragestellung und Erwartung an den Text. Hier wird die entrechtungs- und verfolgungsbedingte Schrumpfung der Räume für die Autorinnen greifbar. Es schrumpft die Bewegungsfreiheit, es schrumpfen die Wohnungen, es schrumpft durch Auswanderung, Flucht, Suizid und Deportation die Gemeinschaft der Schicksalsgenossen, es schrumpfen die Versorgungsmöglichkeiten und mithin beschränkt sich auch die Zahl der Themen, die in den Briefen zur Sprache kommen. Die Sehnsucht gilt einem Ausflug aufs Land oder einem Nachmittag im Bad, der Lebensalltag hingegen bleibt ghettoisiert.

    So richtet sich die Edition nicht vorrangig an eine wissenschaftliche Fachwelt. Fündig werden viel mehr jene, die historisches Wissen und Fakten zu ergänzen suchen. In den hier vorgelegten Texten präsentieren zwei Frauen ihrem engsten Familienkreis ihre Leben in Wien von April 1939 bis November 1941.

    Ende der 1990er Jahre entstand in Österreich, wie in vielen Teilen Europas und der westlichen Welt, aus unterschiedlichen inneren und äußeren Gründen ein neues und verstärktes Interesse an Fragen zu der NS-Geschichte in Österreich, dem NS-Vermögensentzug, dem NS-Kunst- und Kulturraub und der Restitutions- und Entschädigungspolitik nach 1945 sowie über den Einsatz von „Fremd"- und ZwangsarbeiterInnen in der NS-Kriegswirtschaft. An dieser großen Anstrengung zur Aufarbeitung der NS-Geschichte sowie des frühen Umgangs der Zweiten Republik Österreich mit ihrem NS-Erbe beteiligte sich auch der Autor dieser Zeilen in verschiedenen Bereichen. Diese Arbeit führte über private und staatliche historische Quellen, historische Zeitzeugenberichte oder spätere Darstellungen und Erinnerungen unweigerlich sehr nahe an die menschlichen Schicksale und Tragödien heran und stellte durchaus eine erhebliche seelische Belastung dar, die zuweilen im Widerstreit mit dem Ringen um wissenschaftliche Professionalität und historische Objektivität stand. Der vorliegende Text gewinnt für den Autor dieser Zeilen die Qualität eines Abschließens der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema und ist in seiner Entstehungsgeschichte sowie in seiner Umsetzung vielfach mit persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen verbunden. Damit verbunden ist die Öffnung zu einem Text und Format, das sich nicht ausschließlich an ein Fachpublikum zu wenden sucht.

    Diese Arbeit wäre so nicht möglich gewesen ohne eine breite Unterstützung von Freunden, Familie und Bekannten. Ich danke Magdalena Käte Lütgenau† für die unermüdliche und sehr aufreibende Hilfe bei der Transkription der Texte. Diese Arbeit wurde am Ende ihres Lebens zu einer neuerlichen schwer lastenden Auseinandersetzung mit dem NS-Regime, das ihre Kindheit und frühe Jugend prägte, und der Shoa. Ich danke Reiner Gerald Lütgenau für die Hilfe bei der Auflösung der jiddisch-hebräischen Passagen. Ich danke meiner Familie für ihre Geduld, wenn die Arbeit an der Edition Zeit raubte und Seele und Gemüt belastete. Alle Bedankten haben ihren Anteil am Gelingen, alle Unzulänglichkeiten und Fehler sind allein dem Autor dieser Zeilen zuzuschreiben.

    Mein besonderer Dank gilt dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, der das Projekt gefördert und über Jahre mit langer Geduld begleitet hat. Ohne die große Flexibilität des Zukunftsfonds wäre das Projekt leicht an einer der Klippen, die zu umschiffen waren, zerschellt.

    Barbaratag 2014 Stefan August Lütgenau

    Der Einzelne nur Schaum auf der Welle

    Georg Büchner

    Einleitung

    Emil Secher lebte mit Gattin Johanna, geborene Schab und Sohn Herbert Peter in Wien. Seit Mitte der 1920er Jahre war Emil Secher im renommierten Antiquariat Gilhofer & Ranschburg beschäftigt, bei dem sein Schwager Wilhelm Schab als Gesellschafter fungierte. Nach dem „Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland 1938 hatte Emil Secher seine Stellung verloren, das Antiquariat wurde noch im gleichen Jahr den Besitzern entzogen und „arisiert.

    Wann genau die Entscheidung im Hause Secher fiel, das Land Richtung New York zu verlassen, wo sich bereits zuvor Verwandte niedergelassen hatten, ist nicht überliefert. Es war geplant, dass die gesamte Familie, bestehend aus den Zweigen Secher, Kupler (Emils Schwester, ihr Ehemann Emil und seine Mutter Fanny) und Schab (Regina, Mutter von Johanna, und Ella, Johannas Schwester) Wien möglichst gemeinsam verlassen sollte. Auch andere Teile der Familie waren entschlossen, Wien zu verlassen.

    Nun begann ein zynischer Wettlauf gegen die Zeit. Zur Ausreise waren eine Garantieerklärung für den Unterhalt der Ausreisewilligen aus den USA, der sogenannte Affidavit, das Visum der USA mit positiv abgeschlossenem Gesundheitstest, Schiffspassagen und die Erfüllung aller Auflagen durch das Nazi-Regime notwendig. Fehlte nur ein Teil in diesem bürokratischen System der Bescheinigungen und Bestätigungen oder war auch nur die Gültigkeit eines der Dokumente abgelaufen, wurde die ersehnte Ausreise unmöglich.

    Gleichzeitig betrieb das NS-System in Wien eine immer weitergehende Entrechtungs- und Konzentrationspolitik, die die Vorstufen zur späteren Deportation in Gebiete des eroberten Polen bildeten.

    Wir kennen die genauen Umstände und den Fortgang der Bemühungen heute nicht mehr. Alle genannten Familienmitglieder waren zur Ausreise registriert und in wohl unterschiedlichen Wartelisten verzeichnet. Im September 1939 öffnete sich dann zumindest für die Familie Emil, Johanna und Herbert Secher eine Möglichkeit, über Triest und Genua in die USA auszureisen. Am 30. Oktober sollte die Familie Wien über die Südbahn nach Italien verlassen.

    Am 26. Oktober, vier Tage vor der geplanten und fix arrangierten Ausreise, erhielt Emil Secher eine Aufforderung, sich zu einer der vom Wiener Nordbahnhof abgehenden Deportationen zu melden. Damit schien kurz vor der glücklichen Ausreise die Familie auseinandergerissen zu werden und die so lange ersehnte Ausreise in die USA unmöglich.

    Das energische Auftreten Emil Sechers und die Tatsache, dass er Pass, Visum und Passage vorweisen konnte, bewahrten ihn vor der Deportation nach Polen.

    Am Abend des 30. Oktober 1939 fand sich Marie Kupler mit Emil, Johanna und Herbert am Südbahnhof ein. Diese um zu verabschieden, jene um auszureisen. H. Pierre erinnerte sich, dass damals eine kleine Gruppe von „Juden", nicht mehr als 50, scheu auf die Abreise des Zuges wartete, während der Bahnsteig von Zivilisten und Militär überfüllt war.

    Mit der Ausreise wurde Emil Secher zur einzigen Hoffnung für die in Wien Zurückgelassenen, eine Ausreise in die USA noch zu ermöglichen.

    Die Familien Kupler und Schab lebten zu dieser Zeit noch in vergleichsweise komfortablen Verhältnissen. Regina und Ella Schab bewohnten eine geräumige Wohnung in der Taborstraße 66, die mit den vielen Annehmlichkeiten einer bürgerlichen Wohnung ausgestattet war. Straßenseitig gelegen, Balkon mit einem kleinen Glashaus, große Küche, WC, fließend Wasser und zwei Schlafzimmer sowie ein Zimmer für ein Dienstmädchen. Die Einrichtung bestand aus einem Klavier, Bücherschränken, Ölbildern, Perserteppichen, Ottomane, einem Speisezimmer, einem Wohnzimmer mit grünem Kachelofen und wohl noch so manchem Nippes. Ein Badezimmer, wie in vielen bürgerlichen Wohnungen der Gründerzeit, fehlte. Warmes Wasser wurde in der Küche bereitet, zum Baden ging man ins nahegelegene Römerbad.

    Die Wohnung war Zentrum des Familienlebens in Wien gewesen, hier wurden die großen religiösen Feste, die Jubiläen und andere Feste gefeiert.

    Marie Kupler und ihre Mutter Fanny wohnten ganz in der Nähe, quasi im gleichen Block in der Vereinsgasse 15. Ihre Wohnung, gleichwohl bescheidener, war ebenfalls komfortabel. Hier war Herbert immer wieder zu Gast, blieb bei Tante, Onkel und Großmutter über ein Wochenende oder einige Ferientage.

    Als sich die Ausreise abzeichnete, lösten Sechers ihre Wohnung auf, sodass die letzten Wochen getrennt in Wien verbracht wurden. Herbert und Johanna bei Ella und Regina Schab in der Taborstraße, Emil bei seiner Schwester Marie in der Vereinsgasse.

    Für die Zeit nach der Ausreise war für die in Wien verbleibenden Familienmitglieder vorgesorgt worden. Regina und Ella waren durch Ellas Brüder vor ihrer Ausreise finanziell zumindest für einige Zeit abgesichert. Willy Schab sollte zudem Mutter und Schwester, sobald er sich in den USA eingerichtet hatte, finanziell unterstützen. Aus Angst, Opfer einer staatlichen Erpressung zu werden, wurden Geldfragen und die Person Wilhelm Schab nur in Kürzeln (G.; W.) in der folgenden Korrespondenz angesprochen.

    Emil und Marie Kupler, sowie Großmutter Secher waren in einer wesentlich ungünstigeren Situation. Fanny Secher erhielt zunächst eine kleine Pension. Emil und Marie waren hingegen gänzlich auf die Zuwendungen Emil Sechers angewiesen. Die Bürde der finanziellen Unterstützung der Familie in Wien, als frischer und zunächst stellungsloser Einwanderer in New York, teilte er sich mit seinem Neffen Otto Kupler, der vor den Sechers New York erreicht hatte.

    Weiters standen Freunde der Familie, Heinrich und Helly Beck bereit, Kuplers unter die Arme zu greifen. Zudem hatte Emil seine Schwester überzeugt, die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) in die Programme zur Unterstützung der mittellosen Gemeindemitglieder aufzunehmen.

    Trotz der kursierenden Gerüchte über weitere Entrechtungsmaßnahmen des Nazi-Regimes und trotz der beginnenden Deportationen nach Polen war die Familie wohl guten Mutes, die Ausreise der Zurückgebliebenen recht bald bewerkstelligen zu können.

    Die hier vorgelegte private Korrespondenz der Briefe Sechers und Kuplers nach New York erzählt von dieser Hoffnung, die die Familie den Trennungsschmerz und die zunehmend schwieriger werdende Situation in Wien meistern ließ. Sie dokumentiert auch das Schwinden dieser Hoffnung, die Freude über sich vermeintlich auftuende Chancen zur Ausreise und die langsam zur Gewissheit werdende Einsicht, dass dieses Hoffen und Sehnen sich nicht mehr erfüllen würde.

    Marie und Ella berichten von der zunehmenden Entrechtung der als „Juden verfolgten Wienerinnen und Wiener. Parks und öffentliche Anlagen sind den Verfolgten versperrt. Straßenbahnfahren wurde immer mehr zum Spießrutenlauf. Willkürliche Kontrollen, Rauswürfe und andere Schikanen waren an der Tagesordnung. Marie spricht stets von den vielen „Laufereien in der Doppelbedeutung von Amtsweg, Besorgung und Fußweg. Ein rassistisches Ausgehverbot ab 16:00 Uhr erhöhte den Druck zusätzlich.

    Ein Gesetz über die „Mietverhältnisse mit Juden" vom 30. April 1939 ¹ wurde zum Instrument, die Verfolgten aus ihren Wohnungen zu vertreiben und in einem „Judenviertel" in Wiens Leopoldstadt zu konzentrieren. Marie, Emil und Fanny mussten als Erste die vertraute Wohnung aufgeben und ein Sammelquartier in einer Wohnung in der Lessinggasse 15, in direkter Nachbarschaft zur früheren Wohnung, beziehen.

    Die Unsicherheit über die neue Wohnung, die Frage des Umzuges, der Unterbringung der überzähligen Einrichtung sowie die Demütigung des Sammelquartiers zehrten sehr an den Nerven Ellas und Maries.

    Zur finanziellen Abhängigkeit von anderen kam die Mühe, die die bewusste Verknappung der Lebensmittel und überhöhte Preise für die als „Juden Verfolgten bedeutete. Dinge des täglichen Bedarfs, Wurst, Käse, Milch, Kaffee oder Tee wurden zu unerreichbarem Luxus, der nur über sogenannte „Liebesgabenpakete aus dem Ausland, von Familienmitgliedern aus der Schweiz oder aus Lettland erreichbar war. „Nichts zu achelen, der jiddische Ausdruck für „essen, ist eine häufig wiederkehrende Bemerkung der Briefschreiberinnen.

    Die Gemeinschaft der Verfolgten um die Familien Kupler-Secher-Schab wird über die Monate zunehmend kleiner. Manchen gelingt die Ausreise, andere fallen der Deportation zum Opfer, andere fliehen in den Suizid. Je länger sich die Ausreise verzögert, je strenger die Visa-Vergabe der USA wird, je rigider und zynischer die Verfolgung des Nazi-Regimes wird, desto schwieriger wird es für Ella und Marie, gegen die Hoffnungslosigkeit anzukämpfen. Mit der Zeit werden der Trost, die Geliebten in Sicherheit und Wohlergehen in New York zu wissen, und die Erinnerung an die gemeinsame Zeit zu den letzten verbliebenen Lichtblicken in den Briefen.

    Marie und Ella standen sich vor 1938 nicht besonders nahe. Marie, eine zweifache Mutter und bodenständige Hausfrau, war nicht leicht zu erschüttern. Sie herrschte über die Küche, den Mittelpunkt des häuslichen Lebens, und wusste sich stets zu helfen. Ella hingegen war eher die schöngeistige und empfindsame Person, unverheiratet, sich um die Mutter kümmernd. Erst die Umstände der Jahre 1939 bis Juli 1942, als Regina nach Theresienstadt und Ella ins Ghetto von Izbica deportiert wurden, ließ die beiden Frauen und ihre Familien näher zusammenrücken. Jetzt kommt es zu fast täglichen Besuchen, Hilfsdiensten vor allem von Emil und Marie an Ella und Regina. Die eingehenden und ausgehenden Briefe werden miteinander geteilt, gemeinsam gelesen und somit zu einem wichtigen Bindeglied der beiden Frauen. Dieses Verhältnis bleibt auch so eng bestehen, als Ella und Regina aus ihrer Wohnung vertrieben werden und in der weiter entfernten Franz-Hochedlinger-Gasse 10 in ein Sammelquartier gezwungen werden.

    Von besonderer Bedeutung sind die Schilderungen der Hochfeste im jüdischen Kalender. Hier treten in den Briefen vor, zu und nach den Feiertagen die Ohnmacht der Lage der Wiener Familie, ihre Sehnsucht nach der Familie in den USA, ihr Hoffen auf eine Wiederkehr von Normalität und die Erinnerung an vergangene Feste als Stütze in der Trostlosigkeit besonders hervor.

    Bemerkenswert ist zudem, worüber die Briefe nicht berichten. Es wird keine Klage über oder gar gegen die Entrechtung geführt. Die vom Regime zunehmend verschärften Einschränkungen des täglichen Lebens werden erwähnt, als Hindernis dargestellt oder selten ihre Umgehung geschildert, wenn man im Augarten trotz Verbotes auf einer Parkbank ausgeruht hatte. Schikanen und Demütigungen, die die Autorinnen erfahren und gesehen haben müssen, finden keinen Eingang in die Korrespondenz. Hier sind Zweck und Umstände der Korrespondenz zu beachten. Die Briefe dienten zunächst dazu, Kontakt mit der geliebten Familie zu halten, zu fragen, zu berichten und zu informieren. Die Familie in New York sollte aber nicht beunruhigt oder geängstigt werden. Das Vertrauen, dass in New York alles zur Ausreise der in Wien Verbliebenen versucht würde, war durchgehend ungebrochen. Es musste ein Gleichgewicht von Berichten über Vorgefallenes, Bitten und Beruhigung der Familie gefunden werden. Oft oszillieren die Texte um dieses angenommene Gleichgewicht, folgt ein „gottlob" auf eine Klage über Mühen und Sorgen.

    Nicht präsent sind auch Krieg und Zensur. Ein einziges Mal wird die Zensur wegen der Entfernung eines mitversendeten Dokuments erwähnt. Einmal wird die Befürchtung geäußert, mit der Ausreise müsse wohl bis zum Ende des Krieges gewartet werden. Ob dies Ausdruck eines Fatalismus war, der der uneingestandenen Einsicht in die Unmöglichkeit der Ausreise in die USA folgte, oder ob dies angesichts der „Pause" im Krieg, Sommer 1940 bis Frühjahr 1941, nach der Besetzung Frankreichs, Belgiens, Luxemburgs, der Niederlande und dem Überfall auf Dänemark und Norwegen und vor den Kriegen gegen Jugoslawien, Griechenland und die Sowjetunion und der damit verbundenen relativen Ruhe in Wien eine berechtigte Hoffnung zu sein schien, lässt sich nicht beantworten.

    Diese vermeintliche Lücke ist in mehrfacher Hinsicht zu erklären. Weder Ella noch Marie waren „politische Menschen", beide wussten um die Beschränkung ihres Gesichtskreises, Informationen über den Fortgang des Krieges waren in New York mindestens ebenso wenn nicht viel leichter verfügbar. Die Briefe sollten unbedingt unbehelligt von der Zensur ihre Adressaten erreichen. Alles, was als politische oder militärische Äußerung oder Information hätte gewertet werden können, hätte dies nur gefährdet.

    Während Fanny und Regina die deutsche Schriftsprache nur unzulänglich beherrschen und sich in einem wienerischen Jiddisch äußern, sprechen und schreiben Ella, Marie und Emil selbstverständlich ein feines, ebenfalls wienerisch gefärbtes Deutsch. Die hier vorgelegten Briefe sind jedoch schriftlich fixierte Gespräche mit engsten Familienmitgliedern. Mithin schreiben Marie und Ella die in der Familie übliche Sprache mit einer entsprechenden Orthografie. Diese ist durchaus nicht deckungsgleich

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