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Verschwörungstheorien: Theorie - Geschichte - Wirkung

Verschwörungstheorien: Theorie - Geschichte - Wirkung


Verschwörungstheorien: Theorie - Geschichte - Wirkung

Länge:
345 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 28, 2015
ISBN:
9783706557818
Format:
Buch

Beschreibung

Die Freimaurerei zog von Anfang an Verschwörungstheorien nach sich. Die Vorstellung, geheime Drahtzieher seien am Werk, und dass die Welt von konspirativen Gruppen gelenkt werde, findet sich in zahlreichen literarischen Werken, populärwissenschaftlichen Büchern und in der rechtsextremistischen Propaganda. Der vorliegende Sammelband vereint Beiträge namhafter Spezialisten zu diesen Verschwörungstheorien und analysiert Ausprägungen, Wirkung und Hintergründe. Die Themen sind unter anderem:

Historischer Überblick über die Entwicklung der Verschwörungstheorien
Die "jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung"
Der soziale Wandel seit der Französischen Revolution als Basis der Verschwörungstheorien
Psychologische, soziale und politische Faktoren
Die politische Instrumentalisierung und die Manipulationsfunktion von Verschwörungstheorien.

Dieser Band erscheint in der neuen Reihe "Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei".

Die Reihe behandelt umfassend Geschichte und Gegenwart der europäischen Freimaurerei in Form von Quellen, Handbüchern, Sammelbänden und Darstellungen.
Sie befaßt sich detailliert mit ihren Zielen und Ideen, ihrem Innenleben, ihren Organisationsstrukturen und Richtungen, ihrem Verhältnis zu Staat, Politik, Gesellschaft, Kultur, Kirche und Religion sowie auch zu ihren Gegnern (Antimasonismus). Es geht auch um die spannende Frage nach dem heutigen Selbstverständnis und der gesellschaftlichen Wirkung der europäischen Freimaurerei. Veröffentlicht werden dezitiert nur Originalquellen, die bisher nicht publiziert wurden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 28, 2015
ISBN:
9783706557818
Format:
Buch

Buchvorschau

Verschwörungstheorien - StudienVerlag

(Innsbruck)

Johannes Rogalla von Bieberstein

Zur Geschichte

der Verschwörungstheorien

In der Zeitschriftendatenbank „Jade bin ich kürzlich auf diesen 1997 im „Materialdienst der Europäischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen publizierten Artikel gestoßen: „Paranoia als Programm. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur".1 Von dieser Konjunktur profitieren auch wir. So habe ich gleich Michael Hagemeister im Mai 1999 auf der vom Deutschen Historischen Institut Warschau veranstalteten Tagung über „Verschwörungstheorien"2 gesprochen und treffe ihn heute hier im schönen Innsbruck wieder, auf einer dem gleichen Thema gewidmeten, allerdings thematisch wesentlich enger gefaßten Tagung.

Ohne daß ich auf diese Konjunktur näher eingehen möchte, sei hier doch angemerkt, daß sie auch manch unseriöse, primär der Unterhaltung, dem Kommerz oder aber auch der Verbreitung dubioser Vorstellungen dienende Publikationen hervorbringt. So heißt es denn ja in dem 1998 erschienenen Buch: Wer steckt dahinter? Die 99 wichtigsten Verschwörungstheorien: „Überall kursieren Verschwörungstheorien und zu jedem Mist".3

Unseren Forschungen legen wir nicht den weiten, ja uferlosen Verschwörungsbegriff zugrunde, der – so das amerikanische Recht – „eine Verbindung beinhaltet „von zwei oder mehrereren Personen zu dem Zweck, eine illegale oder verbrecherische Tat zu verüben". Bei den vermeintlichen Verschwörungen, welche hier zu diskutieren sind, handelt es sich also nicht um kriminelle und auch nicht um lokale Verschwörungen. Vielmehr um – wie Daniel Pipes in seinem Buch Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen schreibt – eine „Weltverschwörung".4 Diese zeichnet sich dadurch aus, daß im Verborgenen agierende Konspiratoren ein umfassendes politisch-ideologisches Konzept mit dunklen Machenschaften und somit unter Täuschung der Bevölkerung durchzusetzen suchen.

Der Ausgangspunkt unseres Forschungsinteresses ist die in Reaktion auf Aufklärung und Französische Revolution entwickelte Verschwörerthese.5 Sie ist im 19. und 20. Jahrhundert fortgeschrieben und weiterentwickelt worden, d.h. an die veränderten politisch-historischen Rahmenbedingungen angepaßt worden. Dabei ist die Verschwörerthese säkularisiert und radikalisiert worden. Hierbei ist es es zu einer Verschiebung der angeprangerten und stigmatisierten Subjekte der Verschwörung, also von den Philosophen/Freidenkern zu den Freimaurern und Juden gekommen. Die Kombination des antisemitischen mit dem antimasonischen, speziell jedoch dem antikommunistischen Feindbild, welches zu der Vorstellung von einem „jüdischen Bolschewismus bzw.der „Judokomuna verdichtet worden ist, ist in verhängnisvoller, ja mörderischer Weise geschichtsmächtig geworden.6

Der Vollständigkeit halber sei eingeschoben, daß es neben antirevolutionären und antiliberalen, „rechten Verschwörertheorien auch sich fortschrittlich gerierende gegeben hat und noch gibt. So wurde von einigen Aufklärern im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Vorstellung von einer das Licht der Aufklärung verdunkelnden reaktionären „exjesuitischen Verschwörung verbreitet. Daniel Pipes und andere haben darauf verwiesen, daß Kommunisten vielfach in paranoider Weise an eine gegen sie gerichtete weltweite Verschwörung geglaubt haben. Dabei ist dem „Kapital" als vermeintliche Verschwörungsagentur eine Schlüsselrolle zugefallen. Diese Verschwörungsthese, die so weit geht, Adolf Hitler und Adolf Eichmann als Agenten des Kapitals hinzustellen,7 ist noch nicht systematisch erforscht worden. Sie hat mit der antirevolutionären gemein, daß es sich dabei gleichfalls um ein umfassendes und zwar marxistisches „Welterklärungsmodell" handelt.

Ohne daß ich hier Armin Pfahl-Traughber vorgreifen möchte oder könnte, sei hier darauf verwiesen, daß das gegenwärtige Interesse esoterischer Kreise an Verschwörertheorien das Links-rechts-Schema sprengt. Man kann hierin einen Ausdruck der Spaßgesellschaft erblicken, die ja den Slogan „Hitler ist Pop" hervorgebracht hat, oder auch eine Bestätigung für den Satz, daß sich die Extreme berühren. Es scheint mir bezeichnend, daß mir vor einiger Zeit ein ganz offensichtlich zur linksalternativen Subkultur gehörender Bibliotheksbenutzer das Buch von Jan Helsing zur Anschaffung vorgeschlagen hat, in dem sich absurde antisemitische Verschwörungsbeschuldigungen befinden.

Als Einstieg in die konterrevolutionäre Verschwörerthese möchte ich die Eingabe eines Wiener Gubernialsekretärs vom August 1790 an den Kaiser wählen. Darin glaubte dieser nachweisen zu können, daß „das Rad der gegenwärtigen Irrungen und Revolutionen Europens von der Bruderschaft der Freymaurer getrieben" werde8.

Die Basis für diesen Verschwörungsglauben ist 1791 von einem Augsburger Jesuiten so formuliert worden: „Eine Bruderschaft, die unter Personen von verschiedenen Ständen eingegangen wird, hat kein Verhältnis zu der Verschiedenheit der hierarchischen Ordnung, welche Gott zur guten Leitung der Welt eingesetzt hat, daraus folgt unnachläßlich der Umsturz des geistlichen und weltlichen Systemes".9

Die Tatsache, daß die Verschwörungsthese von einem ständisch-hierarchischen Standpunkt aus Fundamentalkritik am Gleichheitsprinzip übt, erklärt den Sachverhalt, daß sie sowohl von Repräsentanten des Ancien Régime, als auch später von antiliberalen Vertretern des laizistischen Rechtsradikalismus in Anspruch genommen werden konnte. Die Verschwörungsthese konstituiert also ein antimodernistisches Feindbild. Es hat im zwanzigsten Jahrhundert mit seinen „Sündenböcken dabei geholfen, in „feindlicher Nähe zueinander stehende christliche Konservative und Nationalsozialisten in gemeinsamer Frontstellung gegen Laizismus, Liberalismus und Sozialismus miteinander zu verbinden.

So hat Kaiser Wilhelm II., welchem Ludendorff seine antifreimaurerischen Pamphlete ins holländische Exil nachschickte, 1924 behauptet, die Schuld an der Revolution von 1918 „trifft in erster Linie die Freimaurer"10. Dabei ging er davon aus, daß die Freimaurer der Mittelmächte mit den Entente-Freimaurern unter einer Decke gesteckt hätten. Den Hintergrund für diese Unterstellung bildet jene deutsche Kriegsideologie11, nach der es „um den Sieg des demokratisch-nationalen Prinzips über das theokratischautokratische, monarchisch-feudale, militaristisch-imperialistische" ging.

Dies hatte der Jesuit Hermann Gruber in seiner 1917 publizierten Schrift Freimaurerei, Weltkrieg und Weltfriede behauptet.12 Ähnlich hat der alldeutsche Präsident des Flottenvereins, Fürst Otto zu Salm-Horstmar, am 9. Juli 1918 in seiner Herrenhaus-Rede argumentiert. Unter Bezug auf die bayerischen Illuminaten erklärte er, alle Revolutionen der Neuzeit wären von Freimaurern „in Szene gesetzt worden. Dabei stellte er die „jüdisch-demokratische der „deutsch-aristokratischen Weltanschauung gegenüber und warnte vor der „jüdisch-freimaurerischen Sozialistischen Internationale.

Bevor ich die Entfaltung der Verschwörungstheorie skizziere. möchte ich vorausschicken, daß es nicht angängig ist, alle Propagatoren der Verschwörungstheorie als Opfer eines Wahns zu betrachten. Vielmehr lassen sich unter ihren Fabrikanten und Propagatoren neben naiven und fanatischen Gläubigen auch skrupellose Machttechniker ausmachen. Und zwar Leute, die in durchaus zynischer Weise die Ressentiments und Ängste der durch krisenhafte Entwicklungen Verunsicherten mit oft nicht geringem Erfolg zu manipulieren versucht haben.

Für die Geburt von Verschwörungstheorien stellen tiefgreifende gesellschaftliche und geistige Umbrüche den erforderlichen Nährboden dar. Sie pflegen viele Menschen in hohem Maße zu verunsichern und lassen sie nach einfachen Formeln zur Erklärung der komplexen Realität suchen. Dabei ist für die Plausibilität von Verschwörerheorien ein Korn Wahrheit erforderlich, welches dann in verzerrter Form präsentiert wird. Die „idée de complot, welche François Furet als „notion centrale et polymorphe gekennzeichnet hat,13 erfüllt eine rationalisierende Funktion, indem sie vorgibt, für alle existentielle Ängste hervorrufenden gesellschaftlichen Umbrüche eine griffige Erklärung bereit zu haben. Sie ist durch eine interessengeleitete Denkstruktur gekennzeichnet, welche dualistisch-manichäistische Züge trägt.

Damit entspringt die Verschwörerthese einem Bedürfnis nach Reduktion der komplexen Realität und vermag eine – wegen ihrer Wahnhaftigkeit – gefährliche Orientierungsfunktion wahrzunehmen. Denn bei der Verschwörungsthese handelt es sich nicht um ein distanziertes und unparteiisches Erkenntnisinstrument, sondern vielmehr um eine der Feindbestimmung und damit der Feindbekämpfung dienenden ideologisch politische Waffe, also um eine Kampfthese.

Da zum Wesen der Verschwörungsthese der Glaube gehört, daß kleine Minderheiten14 den Geschichtsprozeß – und zwar illegitim – steuern können, müssen diesen Minderheiten zwangsläufig dämonisch-übermenschliche Kräfte zugeschrieben werden. Gleichzeitig muß jedoch die Zuversicht vermittelt werden, daß durch die Entlarvung und die Ausschaltung der wenigen die Gesellschaft vergiftenden Bösen der soziale Organismus wieder geheilt werden könne. Es handelt sich dabei um das sog. verschwörungstheoretische Paradox.

Bevor die Entstehung, die unterschiedlichen Ausprägungen sowie die geschichtliche Relevanz der antifreimaurerischen, antisemitischen und antisozialistischen Verschwörungsthese skizziert wird, ist dies anzumerken: Der Verschwörungsthese wird erst in jüngster Zeit ernsthafte wissenschaftliche Beachtung geschenkt. Wenn man sie früher als ein „Schauermärchen"15 abtat, so deshalb, weil man die Bedeutung der Angst und damit sozialpsychologischer Mechanismen in der Politik verkannte16 und weil man darüber hinaus „unseriösen" Theoremen keine Beachtung schenken zu müssen glaubte.

Die ursprüngliche konterrevolutionäre Verschwörungsthese beruht auf einem antiaufklärerischen, antirevolutionären, integral-christlichen Weltbild. Der Abbé und Exjesuit Augustin Barruel,17 der sie unter Rückgriff auf deutsche Pamphlet-Literatur in seinen erstmals 1797/98 in London publizierten und in neun europäische Sprachen übersetzten und geschichtsmächtig gewordenen Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme18 zu einem eingängigen System verarbeitet hat, behauptet dies: Die Philosophen (Freidenker), Freimaurer, Physiokraten, Juden, Jakobiner und Republikaner hätten eine „Sekte gebildet, die sich „in Amerika mit den ersten Grundlagen des Codex der Gleichheit, der Freiheit und des Souveränen Volkes angekündigt habe19.

Für Barruel wie für andere Repräsentanten des durch die Symbiose von „Thron und Altar gekennzeichneten Ancien Régime stellten die Aktivitäten der „Sekte – speziell der Freimaurer – eine Revolte gegen den göttlichen Herrn dar. Denn: „Der Gott, der die Menschen für die bürgerliche Gesellschaft geschaffen hat, hat ihnen die vorgeblichen Rechte der Gleichheit und Freiheit, die Grundlagen der Unordnung und der Anarchie, nicht beigelegt. Der Gott, der uns die Herrschaft und die Aufrechterhaltung der Gesetze nur in der Subordination der Staatsbürger unter die Obrigkeiten und Regenten wahrnehmen lässet und zeiget, hat nicht jeden einzelnen Staatsbürger zum Regenten und zur Obrigkeit gemacht."20

Die ursprüngliche Verschwörungsthese präsentiert sich also als aggressiver Ausdruck jener politischen Theologie, welche durch die Gleichung Demokratie = Atheismus gekennzeichnet ist.21 Sie muß demzufolge im Zusammenhang mit der Diskussion über die „Dechristianisierung gesehen werden.22 Hierbei ist zu beachten, daß für die Traditionalisten die Devise „une foi, une loi, un roi maßgeblich war und daß der in der vorjakobinischen Phase der Französischen Revolution unternommene Versuch, eine „démocratie chrétienne" zu begründen23, als blasphemisch verworfen worden ist.

Die Tatsache, daß die Verschwörungsthese eine enorme Bedeutung erlangen und bis in die Gegenwart fortwirken konnte, erklärt sich wie folgt: In der Freimaurerei als dem Subjekt der Verschwörungsthese sind die aufklärerischen Ideale von religiöser und konfessioneller Toleranz, kosmopolitischer Orientierung, Humanität und Brüderlichkeit nicht nur ideell, sondern auch organisatorisch verkörpert. Insbesondere deshalb, weil der aufklärerische Fortschrittsglaube diesen Idealen ein optimistisches Moment verlieh, konnte die im Arkanraum der Loge praktizierte Freimaurerei als eine private und konkrete Vorwegnahme auf eine ideale Wert- und Sozialordnung erfahren werden.

Eine Wiener Freimaurerschrift von 1786, welche den bezeichnenden Titel Schatten und Licht trägt, machte dies deutlich: „Die Maurerei ... vereinigt Leute aus allen Nationen, von allen Religionen, von allen Ständen: der Mexikaner, der Sibirier, der Deutsche und der Japaner, der Christ und der Muselmann, und der Jude, der Minister, der Kapuziner und der Feldmarschall umarmen einander in der Loge: die Meinungen der Sekten werden wechselseitig geduldet."

Die moderne „spekulative" Freimaurerei hat wegen ihrer in orthodoxen Kreisen als indifferentistisch abgelehnten Toleranzidee schon früh den Argwohn der Kirche erweckt und wurde daher 1738 durch eine erst 1974 erheblich abgeschwächte24 päpstliche Bulle verdammt.

Nachdem die Freimaurer bereits 1746 vom Abbé Gaultier bezichtigt worden waren, eine „conspiration génerale contre la religion" zu organisieren25, veröffentlichte der Abbé Larudan 1747 in Amsterdam die Broschüre Les francs-macons écrasés. Darin warnte er – konkreter Anlaß war der englisch-französische Krieg – vor einer großen antikatholischen, protestantisch-freimaurerischen Verschwörung. Die Freimaurer machten, so unterstellte er, „die vollkommene Freiheit und Gleichheit, so uns von allen Arten der Obrigkeit losmacht ... einem jeden beliebt und anständig.26 Cromwell habe den Freimaurerorden gegründet, um „das menschliche Geschlecht zu bessern und Könige und Potentaten, deren Geißel er war, auszurotten.27

In der Schrift Centinella contra Francs Masones thematisierte der spanische Dominikaner Joseph Torrubia, Mitglied der Inquisition, das zum Aufhänger für Verschwörungs-Unterstellungen gewordene freimaurerische Toleranzprinzip wie folgt: „Der Katholik ist hier (in der Loge) der Bruder des Lutheraners, des Kalvinisten, des Zwinglianers, des Schismatikers und wer weiß, ob nicht des Mohammedaners und Juden."28

Nachdem der Fortschritt der vielfach antiklerikale Akzente tragenden Aufklärungsbewegung die Befürchtungen der christlichen Orthodoxie noch gesteigert hatte, attackierte der Aachener Dominikaner Greinemann 1778 die Freimaurer von der Kanzel wie folgt: „Die Juden, die den Heiland kreuzigten, waren Freimaurer, Pilatus und Herodes die Vorsteher einer Loge. Judas hatte sich, bevor er Jesus verriet, in einer Loge zum Maurer machen lassen."29

Mit diesen Worten, welche Ausschreitungen gegen Aachener Bürger und damit einen politischen Skandal ausgelöst haben,30 stellte sich Greinemann in die Tradition des christlichen Antijudaismus. Zugleich aber brachte er erstmals die Juden und die Freimaurer in einen konspiratorischen Zusammenhang, der dann bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein immer wieder konstruiert worden und zum Anlaß für Verfolgungen genommen worden ist.

Zu den Unterstellungen der antimasonischen kirchlichen Polemik ist global zu sagen, daß die antifreimaurerischen und gelegentlich auch schon antisemitischen Verschwörungsvorwürfe konstruiert sind. So hat der Freimaurer George Washington selbstverständlich nicht als Marionette einer Loge agiert. Die in Einzelfällen vorgenommene und auch noch nach 1789 keineswegs unumstrittene Rezeption von Juden in Freimaurerlogen31 hat allerdings unbestreitbar einen Beitrag zur Integration von bereits assimilierten Juden in die christlich-bürgerliche Gesellschaft geleistet.

Auch kann nicht bestritten werden, daß es kein Zufall ist, wenn eine Affinität zwischen freimaurerischen Idealen und der amerikanischen Declaration of Independence von 1776 vorliegt. Immerhin konnte der Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing in seinen freimaurerischen Gesprächen Ernst und Falk von einem Freimaurer sagen, daß er zu denjenigen gehöre, die „in Europa für die Amerikaner fechten. Er habe die Grille – so heißt es dort weiter –, „daß der Congreß eine Loge ist, daß da endlich die Freimaurer ihr Reich mit gewaffneter Hand gründen.32

Wie die Attacken der Dominikaner Torrubia und Greinemann zeigen, hat die aufklärerische Infragestellung der kirchlichen Orthodoxie die Folge gehabt, daß kirchlicherseits Urängste ausgelöst und mittelalterliche Vorstellungen reaktiviert worden sind. Dies bezieht sich sowohl auf die Freimaurer als auch auf die – in der kirchlichen Tradition vielfach mit dem Antichristen in Verbindung gebrachten und dämonisierten – Juden.33 Auf sie sind neben Elementen des Satans- auch solche des Hexenglaubens34 übertragen worden. Hiervon zeugt etwa die erstmals 1761 in London publizierte und anschließend – 1768 und 1769 – auch ins Deutsche und Französische übersetzte Schrift: Freemasonry, the highway to hell, a sermon, wherein is clearly proved, both from reason and scripture, that all who possess these mysteries are in a state of eternal damnation.35

Eine Analyse der jeweils unterschiedliche Aktualisierungsformen annehmenden Verschwörungsthese zeitigt das Ergebnis, daß ihr Realitäts- bzw. Wahngehalt große Schwankungen aufweist. Der Abbé Barruel selbst spricht von einer „dreyfachen Verschwörung ... in welcher, lange vor der Revolution, der Ruin der Kirche, der Ruin des Thrones, und endlich der Ruin der ganzen bürgerlichen Gesellschaft geschmiedet wurde, und noch geschmiedet wird. Träger dieser Verschwörungen seien die jeweils mit der Freimaurerei assoziierten Philosophen („Sophisten des Unglaubens), bürgerlich-konstitutionalistischen Revolutionäre („Sophisten des Aufruhrs) von 1789 und endlich die Jakobiner („Sophisten der Anarchie).

Die erste dieser Verschwörungen, nämlich der Glaube an eine „philosophische Conspiration"36, nimmt sich im Vergleich mit den anderen noch vergleichsweise realitätsnah und darum wenig wahnhaft aus. Sie beruht nämlich gewissermaßen auf einem ideologisch-geisteswissenschaftlichen Politikverständnis, nach dem aufklärerische und damit auch freimaurerische Ideen auf eine recht direkte Weise zu politischen Gestaltungsprinzipien transformiert worden sind und einen Wertwandel bewirkt haben. So wird den Freimaurern in der von Augsburger Exjesuiten herausgegebenen „Neuesten Sammlung im Zusammenhang mit Warnungen vor dem quasifreimaurerischen Illuminatenorden dies nachgesagt: „Was soll man denken von einem Haufen Leute, die nichts als Freiheit atmen, die nichts schreiben, werden sie nicht auch frei handeln wollen?

Der 1776 von dem Ingolstädter Professor Adam Weishaupt begründete und von seinem Mitstreiter Adolf Freiherr Knigge in Norddeutschland verbreitete radikalaufklärerische Illuminatenorden, der sich der Freimauererei als eines „Deckmantels" bedient hat, fasziniert – wie ein Blick ins Internet belegt – bis in die Gegenwart und hat deswegen eine mythologische Überhöhung erfahren. Ein Grund hierfür war, daß er seine radikalen emanzipatorischen Ziele mit konspirativen, also quasi-absolutistischen Methoden zu erreichen suchte.

Der Illuminatenorden ist als Forschungsgegenstand von Richard van Dülmen mit seiner ihm 1975 gewidmeten Monographie neu entdeckt worden. Nachdem Hermann Schüttler 1991 erstmals eine umfassende Mitgliederliste dieses Ordens publiziert hatte, veröffentlichte Helmut Reinalter 1997 in Frankfurt/M. den Sammelband Der Illuminatenorden 1776-1785/87.

Monika Neugebauer-Wölk hat 1995 mit ihrem Buch „Esoterische Bünde und bürgerliche Gesellschaft" einen neuen Akzent in die Freimaurer- und Illuminatenforschung eingebracht. Sie hat die Bedeutung antiker Mythen speziell auch für den Illuminatenorden hervorgehoben und herausgearbeitet, daß sich für die Illuminaten die Vernunftreligion in Mysterien offenbart. Nachdem Monika Neugebauer-Wölk und Richard Saage 1996 in Tübingen den Sammelband Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert publiziert hatten, veröffentlichte Florian Maurice seine Dissertation Freimaurerei um 1800. Auch sie eröffnet neue Horizonte, indem sie sich den zuvor vernachlässigten liturgisch-rituellen und mystisch-esoterischen Aspekten der unterschiedlichen Observanzen der Freimaurerei zugewendet hat.

In der Auseinandersetzung um den 1785 in Bayern verbotenen Illuminatenorden37 haben sich in Deutschland erstmals so etwas wie politisch-ideologische Fronten herausgebildet. Die Reaktion, welche in dem preußischen Religionsedikt von 1788 einen Höhepunkt fand, trug bereits einen präventiv-konterrevolutionären Charakter und hat die später zu einem System ausgearbeitete Verschwörungsthese in hohem Maße präformiert. So hat Ernst August von Goechhausen (1740-1824) in seinem 1786 anonym erschienenen Buch Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik unter Hinweis auf die Illuminaten dramatisierend behauptet, daß die Menschheit „mit blinden Augen dem Abgrund zutaumele. Darüber hinaus prognostizierte er: „Revolutionen, die unausbleiblich sind, die ich erwarte und vorhersehe.38

Der Pietist Jung-Stilling warnte 1788 in seinem Lehrbuch der Staats-Polizey-Wissenschaft vor der Freimaurerei, da er herausgefunden habe, daß „die Logen Schulen des Naturalismus, des Deismus, Verschwörungen gegen die heiligste Grundfeste unserer Staatsverfassung, die wahre christliche Religion und wahre Geheimnisse der Bosheit" enthielten.39

Neben Goechhausen symbolisiert der Ingolstädter Exjesuit und Theologieprofessor Benedikt Stattler, welcher 1787 mit der Entlarvungsschrift Das Geheimnis der Bosheit des Stifters des Illuminatenordens hervortrat, den engen Konnex von Gegenaufklärung und Gegenrevolution. Stattler publizierte 1788 einen dreibändigen Anti-Kant, wurde 1790 zum geistlichen und Zensur-Rat in München ernannt und hat endlich 1791 das Pamphlet veröffentlicht: Unsinn der französischen Freyheitsphilosophie im Entwurf ihrer neuen Konstitution zur Warnung und Belehrung deutscher französelnder Philosophen ins helle Licht gerückt.

Als sich der zum Hauptpropagator der Verschwörungsthese gewordene Abbé Barruel 1789 darum bemühte, in seiner Schrift Le patriote véridique die „wahren Ursachen der gegenwärtigen Revolution" zu ergründen, erwähnte er bezeichnenderweise die Freimaurer noch mit keinem einzigen Wort! Auch der Comte de Ferrand, der 1790 die Enthüllungsschrift Les conspirateurs demasqués publizierte, wußte noch nichts von einer freimaurerischen Verschwörung. Vielmehr beschränkte er sich darauf, Männer wie den Herzog von Orléans, Lafayette, Necker und den Abbé Siéyés global als Konspiratoren zu denunzieren.

Erst der im Dienst des Landgrafen von Hessen-Kassel stehende Marquis de Luchet hat dem französischen Publikum 1790 durch eine Broschüre die Existenz des Illuminatenordens bekannt gemacht.40 Da viele deutsche Gebildete mit der Französischen Revolution sympathisiert haben, entstand die Befürchtung, daß es zu einem Zusammenspiel französischer Revolutionäre mit ihren radikalaufklärerisch-illuminatischen deutschen Sympathisanten kommen könne. So hat der preußische Gesandte in Paris am 22. Januar 1790 die Vermutung ausgesprochen, daß die revolutionäre französische Propaganda im Ausland durch die Freimaurer begünstigt werde.41

Ende 1789 ist Alexander Graf Cagliostro, alias Giuseppe Balsamo, von der päpstlichen Inquisition festgenommen worden. Die Verhaftung dieses als Gründer einer „ägyptischen Freimaurerei" hervorgetretenen Abenteurers ist von kirchlichen Kreisen benutzt worden, um Verschwörungstheoreme glaubwürdig zu machen.42 Es wurde behauptet, daß nach den Aussagen Cagliostros französische Freimaurer unter Führung ihres Großmeisters, des Herzogs von Orléans, den Sturm auf die Bastille organisiert und ausgeführt hätten.43 Darüber hinaus unterstellte das Politische Journal wenig später: „Man will wissen, er (Cagliostro) sey das geheime Oberhaupt der Illuminaten-Sekte. Er und diese Sekte haben an vielen Dingen in Frankreich, und anderen, die so in anderen Ländern vorgehen, Schuld".44

Die antifreimaurerische Verschwörungsthese spielte seit 1791 in Deutschland sowohl im diplomatischen Schriftverkehr als auch in der konterrevolutionären Publizistik eine wichtige Rolle. Bei ihrer Propagierung hat sich der Wiener Professor Leopold Alois Hoffmann hervorgetan, dessen publizistisches Organ die Wiener Zeitschrift (1792-1793) gewesen ist.45 Daß Hoffmann – wie übrigens auch der Abbé Barruel – vor 1789 selbst Freimaurer gewesen ist, verweist auf einen oft übersehenen und für die Beurteilung der Freimaurerei und auch der Verschwörungsthese grundlegenden Sachverhalt: Die reguläre Johannis-Freimaurerei des 18. Jahrhunderts sowie auch die meisten Illuminaten – man denke etwa an den bayerischen Illuminaten Montgelas und die Reformer des preußischen Staates, Hardenberg und Stein – waren Politiker, welche eine Reform von oben zu inszenieren suchten.

Bei der Agitation der Wiener Zeitschrift gegen die Freimaurer fällt auf, daß die Verschwörungstheoreme ihrer ursprünglich christlichen Vorzeichen weitgehend entkleidet und zu einem rein politischen Kampfinstrument transformiert wurden. Zu diesem Zwecke wurde zwischen der evidentermaßen harmlosen „blauen Loge und der staatsfeindlichen „roten Hochgrad-Loge unterschieden. Letztere würde sich verschwören „zur Vertilgung aller Könige, zur Herstellung der Gleichheit der Stände und sogar der Gesellschaft der Güter".46 Ganz offenbar wird damit an die Interessen des (Besitz-)Bürgertums appelliert, welches nicht unbedingt auf „Thron und Altar" fixiert war.47

Der Illuminatismus wurde als „leiblicher Bruder des Jakobinismus" denunziert48, wobei die Wiener Zeitschrift kühn behauptete: „Ein Jakobiner ist nicht mehr und nicht weniger als ein praktischer Illuminat nach dem im Baierlande geborenen, und dort und anderwärts großgezogenen Weishaupt-Kniggeschen Illuminaten-Sistem.49 Das Bindeglied zwischen Illuminaten und Französischer Revolution stellte nach ihr die Paris-Reise der Illuminaten Johann Bode und Wilhelm von dem Bussche von 1787 dar, über welche wir inzwischen durch das Auffinden der „Schwedenkiste gut informiert sind. Durch diese – tatsächlich vorhanden gewesenen, jedoch maßlos aufgebauschten – Kontakte seien die französischen Logen „mit dem Illuminatismus imprägniert worden. Pathetisch wurde dann ausgerufen: „Nicht die Franzosen sind die Erfinder dieses großen Entwurfes, die Welt umzukehren; diese Ehre kommt den Deutschen zu. Den Franzosen gebührt die Ehre, daß sie mit der Ausführung den Anfang gemacht ... Aus dem in Deutschland entstandenen, und noch ganz und gar nicht verloschenen, sondern nur verborgen und desto gefährlicher sein Wesen treibenden Illuminatismus, sind diese Comités politiques entstanden, die dem Jakobinerclub sein Dasein gegeben.50

Diese spezifisch deutsche Version der Verschwörungsthese, welche in eine Vielzahl von Flugschriften Eingang gefunden hat, ist von der konspirativ arbeitenden „Gesellschaft patriotischer Gelehrter" propagiert worden, der fast alle namhaften antirevolutionären deutschen Publizisten wie Adolf Christian von Grolmann, Ernst August von Goechhausen, Heinrich Koester und H. O. Reichhard angehört haben und die vom Landgrafen von Hessen-Kassel und vom Markgrafen Karl Friedrich von Baden gesponsert wurde.51 Dank der finanziellen Zuwendungen dieser beiden Fürsten konnte die Eudämonia oder deutsches Volksglück. Ein Journal für Freunde der Wahrheit und des Rechts von 1795 bis 1798 – anonym! – erscheinen. Dieses Blatt suchte der „jakobinisierten Stimmung der öffentlichen Meinung entgegenzutreten und verkündete: Die Stifter des Illuminatenordens seien es gewesen, welche „das Ungeheuer der Französischen Revolution zur Welt gebracht, auferzogen, genährt und stark gemacht haben, daß es eine große Menge von Menschen in seine Klauen fassen und den übrigen fürchterliche werden konnte.52

Die beiden letzten der vier Bände der Barruelschen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus gehen ganz entscheidend auf die Aktivitäten der „Eudämonisten" zurück. Dem im englischen Exil von Edmund Burke protegierten Abbé Barruel ist von den deutschen Eudämonisten eine Kollektion einschlägiger deutscher antiilluminatischer und antirevolutionär-antifreimaurerischer Pamphletliteratur übersandt worden.53

Eine weitere Synthese der Verschwörungsthese hat 1797 der Edinburgher Professor John

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