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Macht und Moderne: Chinas großer Reformer Deng Xiaoping. Die Biographie

Macht und Moderne: Chinas großer Reformer Deng Xiaoping. Die Biographie

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Macht und Moderne: Chinas großer Reformer Deng Xiaoping. Die Biographie

Länge:
330 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 14, 2014
ISBN:
9783867895835
Format:
Buch

Beschreibung

Nach dem Tod Mao Zedongs 1976 war China eines der ärmsten Länder der Welt. Mit Deng Xiaopings Aufstieg zur Macht ist das Reich der Mitte innerhalb von nur drei Jahrzehnten zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde aufgestiegen. Heutzutage haben Europa und die USA einen Großteil ihres Wohlstands den Chinesen zu verdanken. Deng war zwar Reformpolitiker, aber deshalb längst noch kein Demokrat. Auf seinen Befehl hin rollten 1989 die Panzer über den Platz des Himmlischen Friedens. Gewaltsam schlug die Armee die Proteste der Bevölkerung nieder und begrub damit die Hoffnung auf einen politischen Frühling. Ein Vierteljahrhundert nach dem Tian'anmen-Massaker setzt sich Felix Lee kritisch mit dem Leben und Wirken Deng Xiaopings auseinander. Was hat den einst glühenden Mao-Anhänger zum Kapitalisten chinesischer Prägung werden lassen? Hatte er eine Vision für China? Warum ließ er eine wirtschaftliche Öffnung zu, versperrte sich aber tiefgreifenden politischen Veränderungen? Und ist Dengs Vermächtnis Fluch oder Segen für das heutige China?
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 14, 2014
ISBN:
9783867895835
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Macht und Moderne - Felix Lee

ANHANG

EINLEITUNG

Wer das heutige China auch nur ansatzweise verstehen will, kommt an dem Namen Deng Xiaoping nicht vorbei. Diese Erkenntnis hat sich bei mir rasch eingestellt, seit ich Anfang 2012 begonnen habe, als Korrespondent für die taz und andere deutschsprachige Zeitungen aus Peking zu berichten.

Der Führungswechsel in der Kommunistischen Partei im Herbst 2012, die Politik des Präsidenten Xi Jinping in den folgenden Monaten – die Machtübergabe lief exakt nach dem Drehbuch, das Deng zu seinen Lebzeiten für solche Fälle vorgegeben hatte. Xi wiederum zeigt sich dem Begründer des chinesischen Wirtschaftswunders in jeder Hinsicht verpflichtet. Wie Deng treibt er auf pragmatische Weise Wirtschaftsreformen voran. Doch ebenso wie Deng sichert er der Kommunistischen Partei mit harter Hand den vollen Zugriff auf die Macht im Lande. Erlaubt ist, was funktioniert – das hat Xi von seinem Vorbild gelernt.

Denn Deng war nicht nur der Befreier Chinas von den Schrecken und dem gegenseitigen Misstrauen der Mao-Zeit. Er war auch der »Schlächter vom Tiananmen-Platz«, in dessen Verantwortung es in den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989 lag, Panzer gegen friedlich demonstrierende Studenten loszuschicken. Zugleich hat Deng seinem Land den Weg zu Wohlstand und internationalem Einfluss gewiesen und sich damit so sehr um die Bekämpfung von Armut verdient gemacht wie keine zweite Figur des 20. Jahrhunderts. Kurz: Deng ist wie China. Vielschichtig, zerrissen, scheinbar widersprüchlich – und doch verblüffend konsistent, sobald es gelingt, seiner inneren Logik zu folgen. Diese innere Logik aufzuspüren ist Ziel dieser Biographie.

Als Zehnjähriger habe ich Mitte der 1980er Jahre für einige Zeit die Transformation des Landes unter Deng miterlebt. Meine Verwandtschaft war einst Opfer der wahnsinnigen Politikexperimente Maos. Meine Großeltern wurden enteignet, ein Teil der Verwandtschaft wurde aufs Land geschickt, ein Onkel von Rotgardisten gefoltert. Später hat meine Familie erheblich von Dengs Öffnungspolitik profitiert. Mein Vater war als Vertreter eines großen deutschen Automobilkonzerns einer der Ersten, der Geschäftsbeziehungen mit der Volksrepublik knüpfte.

Meinen Verwandten und Bekannten war in den 1980er Jahren der Kontrast zu Dengs Vorgänger noch sehr bewusst: Nur wenige Jahre zuvor hatten sie in Einheitskleidung angestanden auf grauen sozialistischen Straßen, um Waren des täglichen Bedarfs zu erwerben. Sie waren froh, wenn am Abend die Schale Reis auch mit ein wenig Gemüse angereichert war. Später erlebten sie ein fröhliches Konsumwunder, das sich bis heute zu einer verrückten Welt der Mega-Shoppingmalls mit zahllosen Läden von H&M bis Gucci entwickelt hat.

Damals schon war der Name Deng häufig zu hören. Der listige Kommunistenführer hatte zwar selbst offiziell nur untergeordnete Ämter, doch allen war klar, dass er das Sagen hat. Seine Persönlichkeit, sein Blick fürs Wesentliche und seine Organisationsfähigkeit haben dem Riesenreich einen enormen Entwicklungsschub ermöglicht. Zugleich stellte er sich immer wieder als prinzipienlos und opportunistisch heraus – die Kehrseite seiner pragmatischen Haltung dem Leben gegenüber. Auch für die Chinesen ist, je nachdem, wen man fragt, Deng bis heute ein Held oder ein Schurke.

Obwohl im deutschsprachigen Raum bisher nur wenig Literatur über Deng Xiaoping erschienen ist, habe ich nicht bei null angefangen. Im Gegenteil: Ich stehe auf den Schultern großer Vorgänger. Bei der Spurensuche nach dem Leben, dem Charakter und dem Vermächtnis Dengs konnte ich auf umfangreiches und detailliertes Material zurückgreifen, das bereits auf Englisch und Chinesisch erschienen ist. Besonders verpflichtet fühle ich mich dem amerikanischen Historiker Ezra F. Vogel und dem britischen Diplomaten Sir Richard Evans für ihre bahnbrechenden Monographien zu Deng.

Peking, im Januar 2014

Felix Lee

1. Die Katastrophe von Tiananmen

Gegen Mitternacht fuhren auf dem Platz die ersten Schützenpanzer auf. Schüsse waren schon seit vielen Stunden zu hören. Sie hallten zwischen den monumentalen Fassaden der Großen Halle des Volkes und des Nationalmuseums. Um die fünftausend Demonstrantinnen und Demonstranten hielten sich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Tiananmen-Platz auf, dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens. Er war übersät mit Müll, zerfledderten Transparenten. In der schwülheißen Pekinger Sommerhitze hatte sich der beißende Geruch von Fäkalien, Schweiß und Essensresten festgesetzt.

Die meisten der noch verbliebenen Demonstranten hatten die Zelte verlassen, in denen sie sieben Wochen lang gewohnt hatten, in denen sie diskutieren konnten und die ihnen Schutz unter Gleichgesinnten zu bieten schienen. Nun, unter dem donnernden Geräusch der Schüsse zeigte sich, was sie wirklich waren: dünnes Gewebe, das die Soldaten mit einem Machetenhieb zerfetzen konnten. Auf der rechten Hälfte des Platzes stand noch die Freiheitsstatue, die Studenten der Kunsthochschule wenige Tage zuvor errichtet hatten. Auch sie wirkte nicht mehr rebellisch, stolz und majestätisch, sondern erschien plötzlich wieder als das, was sie tatsächlich war: eine eilig aus Pappmaché gebastelte Figur.

Erstaunlich ruhig hatten sich die noch verbliebenen Studenten auf der Treppe des zweiten Denkmals auf dem Platz versammelt: dem Gedenkstein, den Mao einst errichten ließ, um an die Heldentaten kommunistischer Soldaten zu erinnern – die Siege über die Japaner und über die bürgerliche Republik unter den Nationalchinesen. Sie skandierten Parolen, doch die Stimmen der jungen Männer und Frauen wurden übertönt von den scheppernden Lautsprechern mit den Anweisungen der Sicherheitsbehörden: »Heute Abend ist es zu einem schweren konterrevolutionären Putsch gekommen. Banditen verübten wilde Angriffe auf Truppen der Volksbefreiungsarmee, errichteten Barrikaden, verprügelten Soldaten und Offiziere beim Versuch, die Regierung der Volksrepublik China zu stürzen.« Tagelang habe sich die Volksbefreiungsarmee zurückgehalten. Doch jetzt müsse sie entschlossen gegen den Putsch vorgehen. Die Studenten hatten das Signal verstanden: In den nächsten Stunden wird scharf geschossen.¹

Sieben Wochen lang hatten Studenten, Professoren, Arbeiter, ja sogar Staatsbedienstete friedlich auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstriert. Nach mehr als einem Jahrzehnt wirtschaftlicher Reformen und der Öffnung des Landes nach außen hatten sie darauf gesetzt, dass nun auch für China die Zeit gekommen sei für mehr Mitbestimmung, Demokratie und Menschenrechte. Die Künstlerszene boomte, staatskritische Schriften kursierten und Studentinnen, Studenten, Professoren und andere Intellektuelle hatten in den vergangenen Monaten und Jahren an Universitäten eine nie gekannte offene Streitkultur erlebt. Einige von ihnen hatten einige Jahre im Ausland verbracht und das Leben der westlichen Welt kennengelernt. Der liberale Geist, gefördert nicht zuletzt auch durch die Staatsspitze, verstärkte den Eindruck: Kritische Debatten seien geradezu erwünscht.

Doch in der Nacht zum 4. Juni 1989 zerschlugen sich all diese Hoffnungen. Verhandlungen und Vermittlungsversuche zwischen den Studenten und den kommunistischen Betonköpfen in der Führungsspitze waren gescheitert. KP-Chef Zhao Ziyang, der große Sympathien für das Anliegen der Studenten gezeigt hatte, war in der Öffentlichkeit nicht mehr zu sehen und offenbar von seinen Genossen außer Gefecht gesetzt worden. In den Tagen zuvor war er noch zu den Studenten auf dem Tiananmen-Platz gekommen und hatte mit Tränen in den Augen darum gebeten, die Proteste abzubrechen.

Es hatte noch einige Tage gedauert, bis die Führung innerhalb der Armee Einheiten von Soldaten gefunden hatte, die dem Befehl zum Angriff gehorchten und bereit waren, auf die eigene Bevölkerung zu schießen. Die Pekinger Garnison hatte den Befehl zuvor noch rundheraus verweigert.

Am frühen Morgen des 4. Juni aber rückten die Soldaten vor – junge Befehlsempfänger vom Lande. Gegen drei Uhr in der Nacht hatten die Streitkräfte die letzten Vorbereitungen zur Einnahme des Tiananmen-Platzes abgeschlossen. Leuchtkugeln stiegen auf. Einer kleinen Schar von Demonstranten gelang es noch, der Einsatzleitung abzuringen, in der südöstlichen Ecke des Platzes zumindest einen schmalen Korridor zum freiwilligen Abzug der Studenten zu ermöglichen. Darunter befanden sich der spätere Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und der Rocksänger Hou Dejian. Hou war in den Tagen zuvor in den Hungerstreik getreten. Einige Demonstranten verließen so noch den Platz. Doch dann fielen auch schon die ersten Schüsse. Bis zum Morgengrauen waren alle Zelte plattgewalzt, der Platz geräumt. Die Hoffnungen auf eine Demokratisierung der bevölkerungsreichsten Nation der Welt wurden in dieser Nacht zerstört. Den Schießbefehl erteilt hatte Deng Xiaoping, das informelle Staatsoberhaupt der Volksrepublik China.

Mehr als ein Jahrzehnt lang war Deng in den Augen der Welt Chinas großer Hoffnungsträger. Dengs Politik hatte im angenehmen Gegensatz zu der seines Vorgängers Mao Zedong gestanden, der sich als manisch, autokratisch, brutal, machtgierig und unberechenbar erwiesen hatte. Deng dagegen hatte im Allgemeinen rational und im Interesse des Volkes gehandelt. Doch mit der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz entpuppte sich China wieder als autoritärer Willkürstaat wie zu Maos Zeiten. Und Deng zeigte sich als Unterdrücker, der seinem Vorgänger Mao letztlich kaum nachstand. Wie konnte das geschehen? Was hatte Deng bewogen, so brutal zuschlagen zu lassen? Warum hat er selbst seine eigenen Protegés und engsten Verbündeten, die Reformer Hu Yaobang und Zhao Ziyang, fallengelassen und sich ausgerechnet auf die Seite der Betonköpfe und seiner Widersacher geschlagen? Was war in Deng gefahren?

Ohne den Einsatz der Panzer auf dem Tiananmen-Platz wäre Deng sehr wahrscheinlich als Chinas großer Reformer in die Geschichtsbücher eingegangen. Er hatte zuvor den wahrscheinlich größten Beitrag zur Bekämpfung der Armut geleistet, der je einem Politiker in der Menschheitsgeschichte gelungen ist. Nun wird er jedoch als eine sehr zwiespältige Figur gesehen. Dabei hat sich das, war er zuvor in Gang gesetzt hatte, zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte entwickelt. China ist zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Unbestritten ging es der großen Mehrheit der Chinesen unter Deng sehr viel besser als in den Jahrzehnten zuvor.

Auch persönlich sind die Chinesen während der Herrschaft Dengs in den Genuss von Freiheiten gekommen, die zuvor unvorstellbar waren. Die Jugend hörte Rock, trug Jeans und diskutierte gut informiert die politische Weltlage.

Deng selbst hatte einst, eine Selbstaussage seines Vorgängers Mao aufgreifend, über sich gesagt: »(…) ich würde jedenfalls froh und zufrieden sein, wenn nach meinem Tod die kommenden Generationen mich ›mit dreißig Prozent positiv und siebzig Prozent negativ‹ bewerteten.«² Das sagte er 1977 – lange vor der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz. Heute, 25 Jahre nach dem 4. Juni 1989, stellt sich mehr denn je die Frage: Wer war Deng wirklich?

2. DENG – der Revolutionär (1904–1945)

So sehr Deng Xiaoping China zu Wohlstand verholfen hat – in seinem Heimatdorf ist dieser Wohlstand nicht angekommen. Tatsächlich gehören das Dorf Paifang und der gesamte Bezirk Guang’an, rund 160 Kilometer von der 30-Millionen-Metropole Chongqing entfernt, bis heute zu einer der ärmsten Regionen Chinas. Erst um die Jahrtausendwende überschritt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 300 US-Dollar – im ganzen Land lag es da bereits bei über 800 Dollar. Als Deng 1997 verstarb, lebten mehr als 2500 Familien in Guang’an noch immer in Höhlen.

Deng zeigte bis zu seinem Tod nicht das geringste Interesse an seiner Heimat. Im Gegenteil: Alles, was mit seiner Herkunft zusammenhing, schien er zu Lebzeiten zu meiden. Bereits im Alter von 16 Jahren verließ er das Haus seines Vaters – und kehrte nicht ein einziges Mal zurück. Er war nicht beim Begräbnis seines Vaters Deng Wenming dabei. Er interessierte sich nicht einmal dafür, unter welchen Umständen sein Vater genau ums Leben gekommen war. Bis heute ist nicht geklärt, ob Deng Wenming 1940 von Banditen umgebracht wurde oder von Kommunisten, die schon damals Jagd auf Großgrundbesitzer machten.

Selbst als Staatsoberhaupt der Volksrepublik vierzig Jahre später hielt es Deng nicht für nötig, seiner Heimat auch nur ein Grußwort zu schicken. Andere berühmte chinesische Spitzenpolitiker und ihre Nachkommen, allen voran Mao Zedong, ließen ihre Heimatdörfer zu wahren Kultstätten herrichten. Ihre Anhänger pilgern bis heute dorthin und huldigen ihnen. Nicht so Deng. Er lehnte jegliche Form von Personenkult ab. Der Eindruck liegt nahe, dass er bewusst mit seiner Heimat nichts mehr zu tun haben wollte.

Dengs Kindheit

Deng wurde wahrscheinlich am 22. August 1904 geboren. Einige Quellen nannten lange Zeit den 12. Juli als Geburtsdatum. Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um den Geburtstag nach dem traditionellen chinesischen Kalender. So genau merkten sich die Menschen den Tag der Geburt damals im ländlichen China ohnehin nicht. Geburtstage spielten keine Rolle und wurden auch nicht gefeiert. Viele Vertreter dieser Generation wissen häufig nicht einmal ihr genaues Geburtsjahr.

Guang’an befindet sich in der Provinz Sichuan, dem sogenannten Roten Becken. Eingeschlossen zwischen dem tibetischen Hochland und dem südchinesischen Bergland ist Sichuan zwar seit Jahrtausenden ein wichtiger Teil Chinas. Doch lange Zeit war die dichtbesiedelte Region mit dem chinesischen Kernland fast ausschließlich durch den Fluss Yangzi verbunden, dem gewaltigen Strom, der China von West nach Ost durchschneidet. Das feuchtheiße Klima und der mineralienreiche Schlamm des Yangzi machen die Region bis heute sehr fruchtbar. Zur Zeit von Dengs Geburt gehörte Sichuan zu einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt mit unzähligen Kanälen, Bauernhöfen, Reisterrassen und Gemüsefeldern. Das Rote Becken war schon seit dem Altertum überbevölkert und galt als arme Region. Viele der Bauern konnten sich nur mit viel Mühe selbst ernähren.

Dengs Vorfahren väterlicherseits sollen ursprünglich Hakka gewesen sein, eine Volksgruppe der Han-Chinesen, die vor allem in der südchinesischen Küstenregion beheimatet war. Hakka pflegen seit langer Zeit ihre ganz eigenen Sitten, sprechen eine eigene Sprache und gelten seit jeher als pragmatisch und tüchtig. In der Qing-Dynastie war es im übrigen China üblich, Mädchen im Kindesalter die Füße zu binden und zu verstümmeln, damit sie als erwachsene Frauen beim Laufen nur Trippelschritte machen. Hakka verlangten diese Form der körperlichen Verstümmelung nicht. Schließlich schränkte das ihre Arbeitsfähigkeit erheblich ein.

Ob der Pragmatismus, den Deng später zeigen sollte, etwas mit seinen Vorfahren zu tun hat, sei einmal dahingestellt. Er selbst betonte stets, dass er die Hakka-Sitten weder kenne noch seine Familie sie zu seinen Lebzeiten je gepflegt hätte. In der Region Guang’an wird sich jedoch bis heute erzählt, dass die Familie Deng ihre eigenen Sitten bewahrte und nicht zuletzt aufgrund ihres Pragmatismus zu Wohlstand gekommen war.³

Deng stammt aus einer der reichsten Familien im Ort. Zu seinen prominentesten Vorfahren gehört Deng Shiming. Er war Ende des 18. Jahrhunderts ein hoher Beamter unter dem mächtigen Kaiser Qianlong. Als Deng noch ein Kind war, gab es in seinem Heimatdorf ein Tor, das der Kaiser seinem Urahn zu Ehren errichtet hatte. Rote Garden zerstörten dieses Tor während der Kulturrevolution. Ihr Motiv war Hass auf Deng. Dazu im späteren Verlauf mehr.

Sämtliche Nachkommen Deng Shimings gehörten in der Region zur wohlhabenden Schicht. Deng Xiaopings Vater Deng Wenming etwa war Grundbesitzer und soll zwischendurch sogar reichster Mann im Dorf gewesen sein. Die Familie lebte in einem stattlichen Haus. Deng Wenming ließ von seinen ihm unterstellten Bauern Getreide anbauen, betrieb eine Seidenraupenzucht und handelte in der Region mit Waren. In der Provinzhauptstadt Chengdu besuchte Deng Wenming zumindest für kurze Zeit eine höhere Schule und belegte einige Kurse in chinesischem Recht. Später stand er zwischendurch der lokalen Polizei vor und war Lehrer in der einzigen Schule der Kreisstadt. Aber auch Deng Xiaopings Mutter entstammte einer wohlsituierten Familie. Sie soll zwar Analphabetin gewesen sein, wie die meisten Frauen im ländlichen China zu der Zeit, aber sie galt als tüchtig, anpackend und alltagsschlau.⁴ Wie viele wohlhabende Familien damals legte auch sie großen Wert darauf, dass ihre Kinder im Gegensatz zu ihr eine gute Bildung erhielten.

Deng Xiaopings Vater galt als religiös. Er war sowohl praktizierender Buddhist als auch Daoist und gehörte einer in dieser Zeit einflussreichen Gruppe von Grundbesitzern an, der »Älteren Bruder-Gemeinschaft«. Sie herrschte quasi über die Region.⁵ Zugleich war er jedoch ein leidenschaftlicher Spieler, der einen Großteil des Familienvermögens beim Mahjong verlor. Damit verkörperte er so ziemlich alles, was die Kommunisten als bourgeois ablehnten und später verfolgen würden. Hohe Verluste im Glücksspiel zwangen den Vater später auch zum Verkauf von Teilen seines Grundbesitzes. Auch das dürfte ein Grund dafür gewesen sein, warum sein Sohn es später stets vermied, seine Herkunft allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, und sie lieber verheimlichte. Er selbst sprach in der Öffentlichkeit nie über seine Kindheit.

Dorfbewohner berichten später, dass Deng eine weitgehend glückliche Kindheit verbrachte und in einer großen, fürsorglichen und warmherzigen Familie aufwuchs.⁶ Sie erinnern sich an Deng als einen lebhaften, aufmerksamen Jungen und als einen »Sonnenschein«, der imstande war, hintereinander Hunderte von Purzelbäumen zu schlagen.⁷ Schon als Kind war Deng außergewöhnlich klein. Seine geringe Körpergröße versuchte er durch Mut und Verstand auszugleichen.

Er prahlte daher auch mit seiner Schlauheit. Dorfbewohner erzählen, dass er als junger Schüler aus Büchern zitieren konnte, die er nur dreimal gelesen hatte.⁸ Anders als das konfuzianische Familienideal es vorsieht, soll Deng seine eigenen Ideen stolz verteidigt haben, statt einfach auf die Älteren zu hören.

Deng hatte drei leibliche Geschwister, eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Wahrscheinlich noch bevor er 1920 sein Heimatdorf verließ, erkrankte seine Mutter. Sie starb sechs Jahre später an Tuberkulose. Sein Vater Deng Wenming heiratete dann noch zwei weitere Male. Eine Frau gebar ihm einen vierten Sohn, sie starb aber ebenfalls früh. Deng Wenmings letzte Frau Xia Bogen, nur ein Jahr älter als Deng Xiaoping, brachte eine Tochter in die Ehe und gebar dem Vater drei weitere Töchter. Die meisten seiner Halbgeschwister lernte Deng Xiaoping erst viele Jahrzehnte später kennen.

), was übersetzt so viel heißt wie »der erstgeborene Heilige«. Als Deng Xiaoping mit fünf eingeschult wurde, nannte ihn ein Lehrer Deng Xixian, was »talentierter Hoffnungsträger« bedeutet und darauf hindeutet, dass Dengs Intelligenz und Begabung schon früh aufgefallen sein muss. Den Namen Xiaoping (»kleiner Frieden«) gab er sich erst Jahre später, als er als Kommunist im Untergrund einen Tarnnamen brauchte.

Viel ist über Dengs Kindheit nicht bekannt. Für die damaligen chinesischen Verhältnisse auf dem Land war der Vater progressiven Ideen gegenüber aufgeschlossen und interessiert am Geschehen im Rest der Welt. Als Deng Xiaoping fünf Jahre alt war, schickte ihn sein Vater auf eine Art Vorschule, ein Jahr später kam er auf eine für damalige Verhältnisse moderne Volksschule und dann auf die einzige Mittelschule in Guang’an, die bereits nicht mehr nur dem alten konfuzianischen Lehrplan folgte, sondern den Schülern auch Englisch und Weltkunde beibrachte.

Während Deng noch zur Schule ging, fanden im Land bedeutsame Umwälzungen statt. Nach mehr als 250-jähriger Herrschaft über China wurde im Zuge der sogenannten Xinhai-Revolution das Kaiserhaus der Qing-Dynastie gestürzt. Der ohnehin machtlose Kindkaiser Puyi musste abdanken. Am 1. Januar 1912 rief der Revolutionsführer Sun Yat-Sen die Republik aus. Es folgten politisch turbulente Jahre.

Deng und sein Vater beobachteten das politische Geschehen mit großem Interesse. Selbst auf dem abgeschiedenen Land in Sichuan erfuhren sie von den Protesten rund um die sogenannte 4.-Mai-Bewegung von 1919. Tausende von wütenden Studenten waren in Peking, Shanghai und Guangzhou auf die Straßen gegangen, um gegen den Versailler Vertrag zu demonstrieren. Die Kolonialmächte hatten darin festgelegt, die einst deutschen Niederlassungen auf der ostchinesischen Halbinsel Jiaozhou (Kiaotschou) an die Japaner abzutreten. Die chinesische Regierung, die kaum Einfluss auf die Verhandlungen hatte, hatte den Vertrag mitunterzeichnet. Der Widerstand richtete sich daher auch gegen sie.

Dieser Protest bildete zugleich die erste politische Massenbewegung in China. Ihre Aktivisten setzten sich unter anderem zum Ziel, westliche Werte wie Demokratie, Gleichheit und Freiheit in der neu gegründeten Republik China einzuführen. Bis heute berufen sich Kommunisten und die Nationalchinesen (Kuomintang) auf Taiwan auf diese Bewegung von 1919. Auch Deng beteiligte sich an antijapanischen Boykottaktionen. Und so wie zahlreiche Gründungsmitglieder der Kommunistischen Partei politisierte sich Deng, als er diese Ereignisse mitverfolgte. Es war vorgesehen, dass Deng die Mittelschule bis zu seinem 18. Lebensjahr beenden sollte, um die Aufnahmeprüfung für eine der höheren Schulen in den Metropolen Chengdu oder Chongqing zu bestehen und dann in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Doch als er 14 Jahre alt war, entdeckte sein Vater in der Zeitung eine Anzeige einer Schule in Chongqing, die junge Chinesen auf eine Ausbildung in Frankreich vorbereitete. Zu dieser Zeit waren Universitäten in China gerade erst im Entstehen. Wer wirklich die neue Republik mitgestalten und das perspektivlos erscheinende Leben auf dem Land hinter sich lassen wollte, bemühte sich um einen Studienaufenthalt im Westen. Der junge Deng wollte diese Chance daher unbedingt nutzen. Auch wenn seinem Vater klar gewesen sein muss, dass sein ältester Sohn damit nicht seine Nachfolge antreten würde, unterstützte er ganz offensichtlich das Ansinnen seines Juniors. Er spürte wohl den Freiheitsdrang seines Sohnes und dass sein Sohn zu Höherem berufen war.

Zusammen mit seinem Onkel Deng Shaosheng, der nur wenige Jahre älter war als er, verließ Deng Xiaoping im Frühsommer 1919 sein Heimatdorf. Beide Dengs besuchten zunächst für einige Wochen die Schule im 160 Kilometer entfernten Chongqing. Die Ausbildung in Chongqing umfasste Französisch sowie erste industrielle Fertigkeiten. Gegründet von dem von Frankreich begeisterten Li Yuying, der auch Anhänger des Republikgründers Sun Yat-Sen war, hatte die Initiative sich zum Ziel gesetzt, Chinesen zum Studium und zur Arbeit nach Frankreich zu bringen, um Erfahrungen und Wissen zurück nach China zu tragen.

Die Träger dieser Initiative verfolgten allerdings auch politische Hintergedanken. Li war Gründer der »Gesellschaft für fleißiges Arbeiten und grundlegende Studien«, einer politischen Vereinigung, die zwar an und für sich die noch junge Republik unterstützte, aber auch mit den Lehren des Anarchismus liebäugelte. Deng zeigte sich begeistert und trat dieser Organisation bei. Sie wurde zu seinem ersten politischen Betätigungsfeld.

Der junge Deng war zugleich zum ersten Mal fern der Heimat. Er hatte anscheinend keine Probleme damit – Heimweh war ihm fremd. Als er am 11. September 1921 mit seinem Onkel und weiteren zweihundert Arbeiterstudenten über den Hafen von Shanghai auf einem Schiff in Richtung Marseille aufbrach, hatte er bereits mit seiner Heimat gebrochen. Er verzichtete auf einen Abstecher in sein Heimatdorf. Es sah seinen Vater und seine Mutter nie mehr im Leben wieder. Stattdessen machte er in der damals pulsierenden Hafenmetropole Shanghai seine ersten Erfahrungen mit dem Kolonialismus. Westliche Mächte wie Frankreich, Großbritannien und das Deutsche Reich hatten in Shanghai kleine Kolonien errichtet. In diesen »Konzessionen« erlebte Deng erstmals, wie demütigend viele der Ausländer mit seinen Landsleuten umgingen. Sie trieben ihre chinesischen Angestellten durch die Gassen. Viele Chinesen mussten ihre ausländischen Herren auf Sänften tragen und zum Teil erniedrigende Arbeiten für sie leisten. Rechte hatten die chinesischen Angestellten keine. Deng verbrachte zwar nur wenige Tage in Shanghai. Diese Bilder hinterließen bei ihm aber einen bleibenden Eindruck.

Dengs Jahre in Frankreich

In den ersten Jahren nach der Republikgründung herrschte Chaos in China. Viele Regionen hatten sich von der Zentralregierung abgespalten und praktisch eigene Staaten gegründet. Der allseits geachtete Revolutionär und Republikgründer Sun Yat-Sen schaffte es 1912 nicht, Staatspräsident zu werden. Stattdessen drängte der Militär Yuan Shikai an die Spitze. Yuan war schon unter der Qing-Dynastie General. Er lehnte die junge Republik ab. Sun hatte seiner Ernennung nur deswegen zugestimmt, weil er keine andere Möglichkeit sah, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Griff zu bekommen. Er fürchtete eine komplette Machtübernahme durch das Militär – schwere Zeiten für die noch junge Republik.

Als Yuan sich 1915 zum Kaiser einer konstitutionellen Monarchie ernannte, brach im ganzen Land endgültig der Bürgerkrieg aus. Yuan unterlag zwar und musste abdanken. Doch selbsternannte Warlords, zum großen Teil ehemalige Generäle von Yuan Shikai, ergriffen die Macht und bekriegten sich in den Folgejahren untereinander. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war China de facto kein funktionierender Staat mehr. Sun Yat-Sen zog sich in seine Heimatprovinz Guangdong zurück und bemühte sich

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