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In einem aufstiegsorientierten Unternehmen

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In einem aufstiegsorientierten Unternehmen

Länge:
843 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 10, 2015
ISBN:
9783990481714
Format:
Buch

Beschreibung

Karl Georg Saß ist naiver Idealist. Nach seinem mühevollen Einstieg in das Berufsleben, muss er um seinen Arbeitsplatz kämpfen, dabei würde er seine Energie lieber in die Gründung einer Familie stecken. Wie auch sein Vetter Heiko und sein Freund Kai-Uwe ist auch Karl im Alter, das "Rushhour des Lebens" genannt wird. Ihre Einstellungen zu Familie, Beruf und Freizeit prallen auf die konträren Vorstellungen der Elterngeneration sowie denen ihrer Chefs.
Lohnt es sich, Idealismus zu entwickeln, oder sollte man sich doch von den eigenen Wünschen treiben lassen? Vielleicht ist ja die Forderung der Mutter richtig, zuerst auf Brautschau zu gehen und eine Familie zu gründen?
Am Ende seiner turbulenten Odyssee hat Karl Georg Saß für sich die Antworten auf diese Fragen gefunden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 10, 2015
ISBN:
9783990481714
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

In einem aufstiegsorientierten Unternehmen - Cornelius Heß

Ausblick

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2015 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99048-170-7

ISBN e-book: 978-3-99048-171-4

Lektorat: Katja Wetzel

Umschlagfoto: Dingalt | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Teil I.

1. Die Ausgangslage

In jener Zeit, als ich arbeitslos war, da spürte ich, was Mangel ist. Vorher nahm ich vieles für selbstverständlich und dachte nicht darüber nach, was mir fehlt, wenn mir dieses verweigert wird oder jenes ausfällt. – Brauchte ich Geld, so ging ich zum Geldautomaten. Wollte ich verreisen, so ging ins Reisebüro. Brauchte ich ein Auto, ging ich ins Autohaus. Man hieß mich willkommen und bot mir einen Platz und Kaffee an. Man redete mit mir. Man kam ins Geschäft. Ich unterschrieb den jeweiligen Vertrag und legte eventuell meinen Personalausweis vor. Dann hatte ich, was ich haben wollte.

Doch nun war es anders. Ich merkte dies, als ich eines Tages am Geldautomaten stand und anstelle des Geldes, die folgende Mitteilung erhielt: „Verfügungen sind zurzeit nicht möglich. Als ich dann in die Schalterhalle ging und einen Bankmitarbeiter fragte, warum ich kein Geld bekomme, erklärte er mir nach einem kurzen Blick in seinen Rechner, dass ich seit sechs Wochen arbeitslos gemeldet sei. Ich hatte die Bank nicht darüber informiert. Nein, das lief automatisch. Nachdem die regelmäßigen Lohnüberweisungen ausgeblieben waren, hatte man anhand der Kontobewegungen gesehen, dass Unterstützung von der Bundesanstalt für Arbeit bezahlt wurde. Folglich sei ich arbeitslos; folglich böte ich kein durch einen Arbeitsvertrag gesichertes Einkommen und damit entfiel auch meine Kreditwürdigkeit. Die Konsequenz seitens der Bank war, dass sie mir den Dispo strich. Unfair fand ich, dass sie mir keine Mitteilung davon machte. – Ich fand deren Argumentation eigenartig. Wieso waren sie sich so sicher, dass ich tatsächlich arbeitslos war? Mit dieser Frage konfrontierte ich ihn. Hierauf erklärte mir der Mitarbeiter, dass man mir laut AGB das Girokonto nur deshalb eingerichtet habe, weil ich einen Arbeitsvertrag hatte. Dass ich dieses nun behalten dürfe, sei Besitzstandsrecht. Übrigens: Wenn ich die AGB korrekt eingehalten hätte, so hätte ich die Bank von mir aus über den Verlust der Arbeit informieren müssen. Anderenfalls sei die Bank berechtigt, mir das Konto zu entziehen. Insofern lag der Sachverhalt so, dass ich in den Augen der Bank weise beraten sei, nicht allzu laut über die Missachtung des Datenschutzes zu lamentieren. Unter dem Strich bedeutete diese Begegnung für mich, dass der Verlust der Arbeit auch den Verlust meiner Kreditwürdigkeit nach sich zog. Ebenfalls bekam ich auch das Machtgefälle von der Institution auf der einen Seite gegenüber der Einzelperson auf der anderen Seite zu spüren. Die Institution hatte Geld. Sie hatte Macht und sie konnte sich auch diese Indiskretion hinter den Kulissen erlauben. Die Bank hatte die Macht, sich gute Anwälte zu leisten, die sie gegebenenfalls verteidigten. Ich auf der anderen Seite hatte kein Geld und konnte daher auch nicht um mein Recht kämpfen bzw. für das, was ich dafür hielt. Ich empfand mich als machtlos und der Willkür der Bank ausgeliefert. Das alleine empfand ich schon als schwer erträglich. Ich konnte darüber noch hinwegsehen, wenn ich irgendwo noch eine Reserve hätte. Dann würde ich mich damit abfinden und sagen: „Lass die Bank. Das ist zwar kleinlich und meines Erachtens ist hinter der Bankanweisung aus Nürnberg her geschnüffelt worden. Das ist inkorrekt. Aber ich will aus der Arbeitslosigkeit heraus. Da hilft mir ein Gezänk mit diesem Kreditinstitut nicht weiter. Aber wo ich meine Arbeit verloren hatte, kam ich mir sozial wie der Letzte vor, und den Letzten beißen die Hunde. Gerade dann, wenn man Arbeit sucht, braucht man das Geld am nötigsten. Das beginnt mit den Bewerbungsunterlagen. Für sechs Passbilder waren zu jener Zeit noch 9 € fällig. Dann müssen Zeugnisse und Referenzen kopiert werden. Es folgen Klarsichthüllen und schließlich die Bewerbungsmappe. Pro Mappe mitsamt Kopien kam ich auf 3,25 € zzgl. Porto. Standen mir pro Tag aber 15 € an Arbeitslosengeld zur Verfügung, so war das schon mal nicht ganz wenig, denn von meinen Lebenshaltungskosten, wie Miete und Essen, war noch nicht die Rede. – Zu jener Zeit besaß ich anstelle einer Schreibmaschine einen Rechner und einen Drucker. Schon anhand des Schriftbildes konnte man den Unterschied auf dem Dokument sehen. Aber auch die Zeit- und Arbeitsersparnis, die einem der Rechner bescherte, war nicht zu verachten. Bei zehn Bewerbungen, die ich schrieb, benötigte ich zwei Stunden. Ich brauchte nur das Bewerbungsanschreiben abzuwandeln und musste es noch einmal auf etwaige Anrede- und sonstige Fehler im Anschreiben durchsehen. Mit einer herkömmlichen, mechanischen Schreibmaschine hätte ich pro Bewerbung mindestens eine halbe Stunde benötigt. Für meine zehn Bewerbungen wäre nicht nur der Nachmittag, sondern auch noch der Abend dabei draufgegangen. Aber diese Elektronik kostete viel Geld. Es war nicht nur ihr Anschaffungspreis, sondern auch noch ihre Unterhaltskosten. Ich musste gerade wieder eine neue Druckerpatrone kaufen. Zwei Monate vorher streikte der Rechner: Das Netzteil war hin! Abermals zwei Monate zuvor druckte der Drucker nur noch eigenartige Hieroglyphen und ließ sich dabei auch nicht mehr aufhalten. Glücklicherweise war das ein Garantieschaden. Trotzdem musste ich – bis das diagnostiziert war – drei Wochen lang ohne Drucker auskommen. Hätte ich damals, so wie jetzt, jederzeit mit einem Arbeitsangebot reagieren wollen, so hätte sich bei mir Verzweiflung breitgemacht. Ich hätte händeringend nach einem Weg gesucht, sofort etwas ausdrucken zu können. Ich sah mich gezwungen, jederzeit etwas zu Papier bringen zu können. Ich brauchte Geld im Hintergrund für Reparaturen oder Neukäufe. – Trotz aller Bequemlichkeit, die einem der Rechner bietet und dem Druck hinsichtlich der „üblichen Standards, die ich einhalten soll, um als Bewerber erfolgreich zu sein, rechnete ich einmal aus, was mich ein bedrucktes Blatt kostete, das meinen Drucker verließ. Es waren 0,75 €! Somit kostete mich eine Bewerbung 4 €. Zwar erklärte man mir auf dem Arbeitsamt, dass ich meine Bewerbungskosten zurückerstattet bekäme. – Aber ich musste Vorkasse leisten. Auch bot das Arbeitsamt an, unter bestimmten Bedingungen die Fahrkosten, sofern sie innerhalb eines bestimmten Gebietes anfallen und eine gewisse Höhe nicht überschreiten und sich auf bestimmte Verkehrsmittel beschränken, zu übernehmen. Die Belege seien selbstverständlich vorzulegen. Also auch hier: Ich musste Vorkasse leisten. – Für meine letzten drei Bewerbungsgespräche brauchte ich ein eigenes Auto: Vor vier Wochen bekam ich mittags einen Anruf, dass ich in Wolfsburg in der „Autostadt zu einem Einstellungstest kommen könne. Überraschend sei ein Platz frei geworden. Nun war Wolfsburg 60 Kilometer entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur mit zweimaligem Umsteigen möglich gewesen. – Wie ich später recherchierte, hätte ich von Tür zu Tür nicht unter drei Stunden benötigt. Als ich die Einladung zum Einstellungstest annahm, besaß ich keine Fahrpläne, um mir die richtige Verbindung anzuschauen. Das Internet gab mir keine Auskunft über die Möglichkeiten, wie ich von der Bahn zu lokalen Busbetreibern vor Ort wechseln konnte. Ich hätte auf „blauem Dunst" eine Fahrt ins Ungewisse machen müssen. Dabei hatte ich vom Anruf bis zum Testbeginn nur noch zweieinhalb Stunden Zeit gehabt. Mit dem Auto brauchte ich immerhin knapp zwei Stunden.

Eine Woche später sollte ich mich in Egeln – Westeregeln bei der Firma A&B vorstellen. Diese Firma hatte ihre Handelszentrale in einem vollkommen neu ausgewiesenen Gewerbegebiet eingerichtet. Sowohl meine Landkarte als auch das Internet halfen mir beim Finden der Adresse nicht weiter. Öffentliche Verkehrsmittel hätten mir dort nicht weitergeholfen, denn die nächste Haltestelle lag am Schützenteich von Westeregeln. Bis zum Gewerbegebiet müsste ich dann noch 2 Kilometer aus dem Dorf herausgehen. Ich fuhr auch hier mit dem eigenen Auto hin, musste mich aber vor Ort orientieren. Ich kam eine Stunde vor dem Gesprächstermin in Westeregeln am Schützenteich an. Ich hoffte, dass dort ein aktueller Plan des Ortes aushing, auf dem ich den Weg zur Zieladresse ablesen könne. Aber ich wurde enttäuscht. Lediglich markierte ein weißes Feld das ausgewiesene Land für das Gewerbegebiet. – Dieser Plan war nicht auf dem neuesten Stand. So aber konnte ich mit meinem Auto alle Wege in dem Gewerbegebiet abfahren, bis ich das Gebäude von A&B gefunden hatte. Wäre ich als Fußgänger hier, dann hätte ich auf dem weitläufigen Areal ganz schön lange zu laufen gehabt. Ich wäre verraten und verkauft gewesen! Ich setzte mich in Bewegung und als ich nahe genug an das Gewerbegebiet herangekommen war, um Einzelheiten zu erkennen, sah ich das Firmenlogo einer Mineralölkette. – Ein Autohof hatte bereits seinen Betrieb aufgenommen. Dort fuhr ich hin und fragte einen der Kassierer, denn diese Leute kennen sich am besten in der lokalen Umgebung aus. So war es auch hier. – In beiden Fällen war ich auf ein eigenes Auto angewiesen.

Das dritte Bewerbungsgespräch fand ebenfalls in einem Industrie- und Gewerbegebiet statt. Es lag direkt neben der Autobahn. Auch hier wäre die Anfahrt mit ÖPNV eine Reise geworden, die mich über die nächste Kreisstadt geführt hätte und nur zu Stoßzeiten möglich wäre. Das hieß, die Fahrpläne waren auf Schichtwechsel ausgerichtet, weil die Busse zu anderen Zeiten leer fahren würden. Wenn ich um 11Uhr zu einem Termin zu erscheinen hatte, so hätte ich den Bus nehmen müssen, der mich dort um 8 Uhr abgesetzt hätte, denn der nächste wäre erst um 12 Uhr angekommen.

Nun ist ein Auto keine billige Anschaffung. Der Kaufpreis ist so hoch, dass man ihn in Raten bezahlen muss. – Das setzt wiederum Kreditwürdigkeit voraus. Über die laufenden Betriebskosten wie Steuer und Versicherung rede ich gar nicht erst. Wer also kein Auto hat, sollte zumindest die Gelegenheit haben, jederzeit eines nutzen zu können. Sonst ist man auf dem Stellenmarkt schlecht dran. Wenn mir die Bank aber ohne jede Diskussion den Dispositionskredit streicht, andererseits das Arbeitsamt von mir bei meinen Bemühungen Vorkasse erwartet, dann sah ich meine Situation in jener Zeit als problematisch an.

Ein Vorurteil ist, dass jeder Arbeitslose seine Situation selber verschuldet habe und darüber hinaus faul sei. Denn sonst würde er ja aus seiner Lage herauskommen. Ich wurde seinerseits wegrationalisiert. Meine Arbeit konnte angeblich durch einen Leiharbeiter viel günstiger gemacht werden. Mich traf die Kündigung auch deshalb hart, weil ich mir eine Wohnungseinrichtung kaufen wollte. Nach meiner Lehre war dies meine erste Arbeitsstelle. Während der Lehre wohnte ich in einer recht merkwürdigen Unterkunft, die ich so rasch wie möglich hinter mir lassen wollte. So war ich darüber froh, mit meinem Abschlusszeugnis auch eine Arbeit gefunden zu haben und hoffte darauf, nun einen Karrierestart auch im Privatleben hinlegen zu können. Die ersten beiden Monate vergingen mit Wohnungssuche und Umzug. Dann musste ich viele Überstunden machen. Da ich in der Probezeit war, hielt ich es für klug, mein Privatleben hintanzustellen. Als aber der fünfte Monat um war, schaute ich mich schon einmal in einigen Einrichtungshäusern nach Möbeln um, die mir gefielen. Alles in allem kam eine Einrichtung im Wert von 8000 € zusammen. Ich musste einen Kredit aufnehmen. Nun war mein Glück an dieser Sache, dass ich den Kreditvertrag noch nicht unterschrieben hatte, als ich die Kündigung bekam. Aber trotzdem war meine Enttäuschung groß. Ich hatte mich gerade so gefreut, und nun musste ich auch weiterhin in meinen provisorischen und zusammengenagelten Kisten leben.

Ich musste dieses Geschäft stornieren und brauchte glücklicherweise auch keine Bearbeitungsgebühr zu bezahlen. Seitdem ich die Schule verlassen hatte, war ich nicht mehr verreist gewesen. Nun, wo ich ausgebildeter Kaufmann war, also einen Berufsabschluss gemacht hatte, war ich aus der Zeit der Lehrjahre heraus und wollte auch den Herren-Status auskosten, denn ich war der Meinung, dass mir dieser nun zustünde. In meinem neuen Job hatte ich mich natürlich, was die Urlaubsvergabe anbelangt, hinten anstellen müssen. Mehr noch: Urlaubswünsche konnte ich erst nach meiner sechsmonatigen Probezeit anmelden, und da war es klar, dass nur noch die vereinzelten Wochen übrig blieben, die niemand haben wollte. Ich hatte mich schon damit abgefunden, im Oktober, nach den Herbstferien, sieben Tage Mallorca zu buchen. Etwas Geistloseres fiel mir nicht ein. Selbst im Dezember drei Tage Goslar (Weihnachtsmarkt besuchen!) wäre nicht drin gewesen, da für das Weihnachtsgeschäft jeder Mitarbeiter benötigt wurde. So aber freute ich mich schon, wenigstens für sieben Tage nach Mallorca zu fliegen und wartete in der Hoffnung, nach Abschluss der Probezeit meinen Urlaubswunsch einreichen zu können. Aber daraus wurde wegen der ausgesprochenen Kündigung nichts. Ich hoffte nun, dass ich dann wenigstens die angesammelten Überstunden abfeiern und für die geplante Reise nutzen könnte, aber auch durch diese Rechnung machte mein Chef einen Strich. Ich sollte bis zum letzten Tag erscheinen. – Dafür sollte ich die Überstunden und den anteiligen Urlaubsanspruch ausgezahlt bekommen. So wurde es auch nichts mit der Urlaubsreise. Dafür erlebte ich nun jede Menge Stress, Zurückweisungen, Absagen und anderweitig frustrierende Situationen, die mir den Wunsch nach einer Urlaubsreise nur noch stärker ins Bewusstsein trieben.

Ich sollte nicht undankbar sein. Vor allem sollte ich über das, was ich bekam, froh sein und damit auch haushalten. Kurze Zeit hatte ich mir überlegt, ob ich mit dem ausgezahlten Geld, das ich über den regulären Lohn hinaus bekäme, eine Last-minute-Tour machen könnte. Da war Tunesien, Kreta oder Zypern drin. Nur: Mein Geld war noch nicht auf dem Konto. Ich wartete täglich auf die Buchung. Doch, als das Geld endlich drauf war, war mein Auto weg. – Es musste zur Reparatur in die Werkstatt. Meine Kupplung hatte sich verabschiedet und ich konnte nicht mehr weiterfahren. Nun aber hatte ich das Auto – wie schon geschildert – am dringendsten nötig. Mit dem Bescheid der Werkstatt kam auch der Preis: 515 €! Damit war das zusätzlich verdiente Geld schon ausgegeben. Ich war am Jammern und Fluchen. Hätte ich nicht so viele Überstunden gemacht, dann hätte ich jetzt ein echtes Problem! Aber wahrscheinlich wäre meine Kupplung auch nicht kaputt gegangen, so grollte ich mit mir.

Mit Argusaugen überwachte ich nun meinen Briefkasten und schlich immer mit einem langen Hals daran vorbei. Post zu bekommen war ein sensibles Thema geworden. Ich konnte sie einerseits dringend haben, sofern es mir etwas brachte. So hoffte ich auf Einladungen, Angebote und den Bewilligungsbescheid. Andererseits konnte ich Sendungen auch gar nicht gebrauchen. Zu solchen Schreiben gehörten Vorladungen, Ablehnungen und Rechnungen. – So bekam ich Post von der GEZ. Dass ich von denen nichts bekomme, war mir klar, aber ich fürchtete, dass sie bei mir noch ’ne fette Mark vermuteten. Ich hatte ordnungsgemäß alles angemeldet. Daher irritierte mich dieser Brief. Gleichzeitig brachte er mich auf eine Idee. Aber zunächst öffnete ich den Umschlag und las. Also doch! Es war eine Mahnung. Wegen meines Umzuges hatten sie meine „Kundennummer und die neue Adresse nicht miteinander zusammengebracht. Sie wollten 150 € von mir haben, gemäß § 13a ihrer Gebührenordnung. Da ich meine „Veränderungsmitteilung per Post zugeschickt hatte, beantwortete ich diese Mahnung mit einem ausführlichen Antwortschreiben. (Als ich das Einschreiben bei der Post aufgab, wurde ich noch von der Mitarbeiterin ausgelacht!) Nun aber kam meine Idee zum Zuge und ich machte aus dieser Sache für mich einen Gewinn. Ich legte mein letztes Schreiben in Kopie mit der neuen Adresse, sowie die Kopie des Rückscheins bei, und gleichzeitig den Formularvordruck, auf dem ich ankreuzte, dass ich nun meinen Fernseher abmelde! Dass ich keinen mehr besaß, entsprach übrigens auch den Tatsachen, denn der Fernseher hatte seit einiger Zeit die Angewohnheit, immer kurz nach dem Einschalten nur noch zu flimmern. Eine Reparatur lohne nicht, denn der Zeilentransformator sei durchgeschmort. Die 250 € für einen neuen Fernseher hatte ich nicht. Also: wenn die GEZ ihrerseits Stress machte, wollte ich das Thema TV ganz förmlich und amtlich zu den Akten legen. – Fortan war ich nur noch mit einem Radio angemeldet und sparte meinen regelmäßigen Geldabfluss.

Unangenehmer aber waren solche Briefumschläge, die von Versicherungen kamen. Haftpflichtversicherung, KFZ-Versicherung und dgl. Eine Haftpflichtversicherung zu haben sah ich ein. Aber seitdem ich meinen defekten Fernseher entsorgt hatte, gab es bei mir nichts Nennenswertes mehr zu holen. Wenn ich mich beeilte, so konnte ich die Hausratversicherung noch zum Ende dieses Quartals kündigen. Ich blätterte in meinem großen Ordner und sah, dass zum gleichen Zeitpunkt noch eine Unfallversicherung zur Debatte stand. Das waren immerhin 27,95 € pro Monat. Deshalb kündigte ich beide Versicherungen und gab das Schreiben bei der entsprechenden Agentur ab, ließ mir aber den Empfang meines Schreibens quittieren. Die Mitarbeiterin wollte mir trotzdem noch ein „super günstiges Komplett-Sorgenfreipaket" verkaufen, das bei einer Laufzeit von zehn Jahren einen supergünstigen Nachlass-Sonderrabatt habe. Ich lehnte ab. Ich musste dabei sogar energisch werden und damit drohen, falls die Mitarbeiterin sich nicht mit meinem Nein! zufriedengebe, alle meine Versicherungsverträge zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu kündigen. Damit gab sie endlich Ruhe.

In jenen Tagen wurde mir also bewusst, was es bedeutete, Ausgaben einsparen zu müssen. Ich war jung und gerade mit meiner Ausbildung zu Ende. Nun aber wollte ich auch im Alltag die Früchte des Karrierebeginns genießen. – Man sehe sich nur mal die Werbung an. Junge Menschen kaufen sich Fahrräder, Autos, Boote und andere Sport- und Lifestyle-Geräte. Junge Paare reisen, richten sich ein oder kaufen sich gleich ein ganzes Haus. Tendenziell, so sah ich beim Studium von Annoncen, Plakaten und Filmen, dass es Paare waren, die umworben wurden. Die Botschaft lag nicht nur im „Du bist nicht glücklich ohne dieses beworbene Produkt, nein, immer öfter hatte ich den Eindruck, alleine unglücklich sein zu sollen: „Alleine bist du nichts. Dies war die Botschaft, die mich erreichte. Also wollte ich mein Glück in der Zweisamkeit suchen. – Während meiner Ausbildung ging es für mich darum, mit meiner Ausbildungsvergütung auszukommen. Das reichte immer sehr knapp. Manchmal musste meine Mutter mir noch aushelfen.

2. Partnerschaftsinserat

Nun aber, wo ich meine Ausbildung erfolgreich beendet hatte, wollte ich mich einem Thema zuwenden, das mir bislang immer Probleme bereitete: Auch ich wollte eine Partnerin an meiner Seite haben. Doch, wie finde ich sie? Das erschien mir als eine Frage, die ich nicht beantworten konnte. In meiner Schulzeit dominierten zwei bis drei ältere Sitzenbleiber den Ton. Sie waren Experten im Frisieren von Mopeds und beeindruckten anschließend die Mitschülerinnen. In der Kneipe oder Disco schienen sie ebenfalls die Herren am Tresen zu sein. Dabei wachten sie geradezu eifersüchtig über die um sie herumstehenden Mädchen, respektive Mitschülerinnen, wenn sie auf einem Schulfest auftraten. Dabei kamen sie mir vor wie die Paschas von der Urhorde. Die Mitschülerinnen ließen sich diese Atmosphäre gefallen. Dieser Ton, der hier angeschlagen wurde, war mir zu ruppig. Ich beschloss, mich nicht um eine Frau zu prügeln. Bis zum Abitur änderte sich hieran nichts und ich kümmerte mich darum, meine Leistungen so gut es mir eben gelingen sollte zu erbringen. Daher legte ich dieses Thema in meiner Schulzeit zu den Akten.

Während meiner Ausbildung erlebte ich ein zweigeteiltes Umfeld. Da waren Kolleginnen im Betrieb und es waren Mitschülerinnen in der Berufsschule. Die Kolleginnen waren schon alle vergeben. Um die eine oder andere fand ich es richtig schade, denn sie waren nicht nur nett und freundlich, sondern ich verstand mich mit ihnen auch recht gut. Vor allem sahen sie auch hübsch und attraktiv aus. – C’est la vie!

Dann waren da meine Mitschülerinnen. Eine von ihnen hatte ein Auge auf mich geworfen und wir verabredeten uns für einen Abend in der Disco. Doch an jenem Abend sah ich mich mit zwei Problemen konfrontiert: Meine Kleidung passte ihr nicht, das war das eine. Mit dem Tanzen sah ich das zweite Problem. Was das Problem mit der Kleidung anbelangte, tappte ich aus Unwissenheit herein. Ich zog mich für diesen Abend nach bestem Wissen und Gewissen situationsadäquat an. Doch meinte sie, dass ich im Styling keinen Geschmack aufweise. Was sie damit meinte, vermochte sie mir nicht zu erklären. Ihren Ton erlebte ich als verletzend. Daher bemühte ich mich, möglichst rasch dieses Thema auch zu beenden. Ich merkte mir jedenfalls, dass in meinem Kleiderschrank nicht das lag, was Madame für modern hielt.

Beim Tanzen begann das Problem damit, dass ich die nötigen Tanzschritte nicht ausreichend beherrschte und mit dem Führen haute es erst recht nicht hin. Das Groteske hierbei war, dass sie nicht einmal verstand, was ich hier als Problem sah. Diesen Abend habe ich in sehr unschöner Erinnerung behalten.

Ich beschloss, das Gesamtproblem in zwei Teile zu zerlegen und das mit dem Outfit ungelöst zu lassen, aber das mit dem Tanzen anzupacken. Also buchte ich einen Tanzkurs. Der verlief allerdings frustrierend. Die Phase der Damenwahl erlebte ich als Stress. Die Kursteilnehmerinnen erschienen in kleinen Grüppchen und unterhielten sich alle miteinander sehr angeregt. Ich sah nirgendwo die Möglichkeit, eine von ihnen zum Tanz aufzufordern, ohne die Gruppe zu stören. Ansonsten kam ich mir wie ein Ochse auf dem Viehmarkt vor. – Kein sehr kommodes Gefühl also. Was am Flirt so schön sein soll, konnte ich nicht nachvollziehen. So habe ich dann das Thema Partnersuche abermals beiseitegeschoben.

Nun aber war die Ausbildung beendet und ich hatte viel Zeit. Also konnte ich mich diesem Problem wieder zuwenden und nach einer Lösung suchen. Dabei erschien mir das ganze Problem als ein Dilemma. Gehe ich in eine Disco, dann sehe ich meine Mängel im Tanzvermögen. – Lerne zuerst tanzen. Dann kann ich eine Frau kennenlernen. Ging ich dann zur Tanzschule, erlebte ich wiederum eine Zurückweisung. – Lerne zuerst deine Freundin kennen und lerne dann tanzen. Diesen quälenden Widerspruch vermochte ich nicht zu lösen. Das brachte mich in einen Zwiespalt: Einerseits wollte ich eine Freundin haben, andererseits hatte ich keine Idee, wie ich dieses Problem der Suche lösen konnte. Da brachte mich Kai-Uwe, mein damaliger, ehemaliger Berufsschulkollege und Freund auf die Idee, es doch mal mit einer Kontaktanzeige in der Zeitung zu versuchen. Zunächst war mir diese Geschichte sehr befremdlich. In einer Zeitung sucht man doch Wohnungen oder bietet Jobs an. Aber etwas derartig Persönliches wie eine Freundschaft –, ich musste da denken: „Freundschaftsgesuche." Das passte irgendwie nicht. Aber Kai-Uwe räumte meinen Zweifel aus: Heutzutage lebe man in einer immer arroganter werdenden Gesellschaft. In Großstädten leben bis zu 50 % aller Einwohner in Single-Haushalten. Einhundert Jahre zuvor lebte die Gesellschaft noch in Großfamilien. Solche soziokulturellen Umbrüche ziehen automatisch kommunikative Neuerungen nach sich. Wenn ich also dem Medium Zeitung als Suchinstrument skeptisch gegenüberstand, so entsprach das noch dem großfamiliären Bewusstsein, das noch von meinen Großeltern über meine Eltern auf mich einwirkte. Tja, da hatte er recht, absolut recht. So war das auch für mich. Ich war nun überzeugt, verfasste einen entsprechenden Text und gab ihn auf.

Ich erhielt auf dieses Inserat drei Zuschriften. Aus diesen resultierten drei Verabredungen. Die erste Verabredung platzte. – Ich erschien zur vereinbarten Zeit am Ort, aber dort war niemand und es kam auch niemand hin. Zwar fühlte ich mich eine gewisse Zeit lang beobachtet, konnte aber niemanden ausfindig machen. Schließlich fühlte ich mich wie bestellt und nicht abgeholt. Für jemanden, der die Initiative ergreift und eine Annonce aufgibt, ein unpassendes Gefühl. Aber die Rolle desjenigen, der auf „Brautschau, wie es meine Mutter schon (spöttisch gemeint) nannte, war mir eben nicht auf den Leib geschrieben. Ich war einfach nicht derjenige, der sich umsah, sondern fühlte mich selber wie auf dem Präsentierteller. Wer auf dem Präsentierteller sitzt, muss mit Angriffen rechnen. Daher die Angst. Als ich dann unverrichteter Dinge abzog, hatte ich nur ein Wort im Kopf: „Fehlalarm. Als ich zu Hause wieder ankam, sah ich, dass auf meinem Anrufbeantworter eine Meldung aufgezeichnet war. Ich hörte das Gerät ab und war sehr erstaunt. Eine mechanische Stimme teilte mit: „01723885798 – Hallo Inserent. – Ich habe es mir anders überlegt. – Sorry."

Also doch! Mein Gefühl trog mich nicht! Ich wurde beobachtet. Aber was war das für eine Stimme? Und wieso diese Zahlen vorweg? Ich musste diese Meldung noch dreimal abspielen, bis ich den Sinn dieser Zahlen begriffen hatte. – Es handelte sich dabei um eine Mobilfunknummer. Dieser Mensch hatte per SMS auf meinen Festnetzanschluss gesendet und dadurch diesen Text auf meinen Anrufbeantworter geschickt. Das jedenfalls war kein Akt großen Mutes. Ich hielt mich zwar für kreativ, aber als ich diesen Weg der Nachrichtenübermittlung in Detektivarbeit Stück für Stück entdeckte, erfüllte mich Enttäuschung und Wut zugleich: Solch einen Einfallsreichtum, sich unerkannt aus einer Situation zu stehlen, hätte ich nie und nimmer aufgebracht. Was wurde hier eigentlich gespielt? Ein Spiel zum Kennenlernen? Oder ein Wettrüsten, bei dem es darum geht, dass der gewinnt, dem es gelingt, als Letzter sein Gesicht zu verlieren? Worum ging es hier denn eigentlich? Nach einigem Meditieren über diese Frage kam ich auf die Antwort: „Ich will eine Frau kennenlernen. Ich will den Weg zu meinem Gegenüber finden."

Anja hieß die Autorin der zweiten Zuschrift. Sie kam aus der gleichen Geburtsstadt wie ich. Das – so dachte ich – könnte uns zueinander bringen. Auch am Telefon klang ihre Stimme angenehm und freundlich. So fasste ich auch rasch Vertrauen zu Anja und in mein Projekt. Wir wollten uns anderentags am Nachmittag vor einer Kneipe treffen, um dann zu sehen, wo es hingehen sollte. – Das Treffen fand auch statt: Wir setzten uns in einen Biergarten. Das war die gute Seite des Erlebnisses. Aber das Treffen war leider von kurzer Dauer. Dort erklärte sie mir, dass sie eigentlich einen Tanzpartner für ADTV-Turniertanz suche, der bereits die „Goldstar-Qualifikation mitbringe. Das musste ein Grad, wie der „Schwarze Dan beim Judo sein und ich fragte sie, was sie denn damit meine. Das sei, so belehrte sie mich, ein Tanzabzeichen, das man jährlich wiederholen könne, also dementsprechend „nur eine Gültigkeit für ein Jahr habe. Aber als Voraussetzung, um die „Goldstar-Prüfung antreten zu können, müsse man die Kurse Bronze, Silber und Gold mit Erfolg abgeschlossen haben. Aber da ich davon offensichtlich keine Ahnung habe … Aber ich wollte das Handtuch noch nicht hinwerfen. Ich war auf der Suche und hörte nun eine Forderung. Ich hatte über den Sport des Gesellschaftstanzes noch nie nachgedacht. Was Anja vorstellte, war eine vollkommen neue Option. Wenn ich eine Partnerin haben wollte, so war es sinnvoll, mit einer gemeinsamen Freizeitaktivität das wir zu dokumentieren. Da war das hier eine gute Idee. Was ich bislang noch nicht konnte, das konnte ich aber lernen. Man denke doch an die vielen Paare, die gemeinsam mit dem Motorrad unterwegs sind, von denen machte häufig ein Teil erst, nachdem sie sich kennenlernten, den Motorrad-Führerschein! Also gut. – Ich würde es lernen wollen. Dazu sei zu bedenken, dass in Anbetracht meiner schmalen Einkommensverhältnisse diese Bereitschaft ein erhebliches Opfer meinerseits darstellte! Aber für Anja waren die Würfel gefallen. Sie blickte mich nur einmal von oben bis unten und wieder nach oben an. Dann sagte sie: „Nee. Irgendwie bist du nicht so ganz mein Typ. Ich suche einen Könner, der Erfahrung hat und mich sicher durch das Leben führt. Ich suche einen Mann, der kultiviert lebt und am besten auch arriviert ist. – Nichts gegen dich, aber du bist mir einfach zu verkrampft. Sei mir nicht böse, aber ich denke, wir passen einfach nicht zueinander."

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Bums! Aua! Das war’s. Keine Chance. Kein Aber. Ich fühlte mich traurig und machtlos. Wenig später, als ich über diese Aussage nachdachte, stieg in mir neben dem Gefühl der Passivität noch das der Scham auf. Sie suchte einen kultivierten Mann. – Okay, ich trat in einem Flanellhemd auf. Aber sollte ich mein letztes, weißes Hemd, das noch das einzig saubere war, anziehen? Dann hätte ich mir noch einen Schlips umbinden müssen. Wäre ich so weit, dann hätte ich meinen Anzug anziehen müssen. Aber mit Hemd und Schlips gehe ich zum Vorstellungsgespräch. Dort geht es formal zur Sache. Da muss ich bestimmte Konventionen einhalten, weil ich in der Welt der Arbeit etwas werden will. Gut. Aber hier ging es darum, auf dem Freizeitsektor in meinem Leben jemanden zu finden, der an meiner Seite geht. Aber ich denke, dass es hier um eine langfristige Beziehung gehen soll. Deswegen wäre ein formaler Anzug zum ersten Treffen das falsche Signal gewesen. Aber diese Einstellung lief dem Klischee der Kultur offensichtlich zuwider. Dafür hatte ich in Form von dieser Aussage die Quittung erhalten. Hinzu kam noch ein ganz praktisches Argument: Wenn ich an diesem Nachmittag tatsächlich mein letztes Hemd geopfert hätte, dann hätte ich keine Garderobe in Reserve gehabt, wenn ich spontan zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen würde. Trotzdem wurmte mich diese Art, wie ich abgefertigt wurde. War das hier ein Bewerbungsgespräch, dann hätte ich die Kleiderordnung missachtet, oder war das hier ein Psychotest? Daher der Vorwurf der zu verkrampften Ausstrahlung. Ich kam damals jedoch nicht auf den Gedanken, dass Anja keinesfalls zu mir gepasst hätte. Ich hätte mich an ihrer Seite nie und nimmer wohlgefühlt.

Da bekanntlich derjenige, der den Schaden hat, ja nicht für den Spott zu sorgen braucht, befürchtete ich, von allen Seiten ein: „Siehst du, selber schuld! Wir haben doch gleich gesagt, dass du mehr auf dein Äußeres achten musst! zu hören. Deshalb verbuchte ich dieses Treffen unter „sonstige Peinlichkeiten und verschwieg Freunden, wie auch Verwandten gegenüber diese Begegnung.

Die dritte Zuschrift kam von einer Susanne, die drei Jahre älter war als ich und zwei Kinder hatte. Als ich den Text ihres Briefes las, gellte mir Anjas Aussage in den Ohren: „Ich suche einen Könner der Erfahrung hat … War das Wort „Könner sexuell gemeint? Diese Frage hätte ich mir in vergleichbaren Situationen niemals gestellt. Sexuell hatte ich mit einer Frau noch nie etwas zu schaffen gehabt. Dafür hatte ich immer gehört: „Ach was, das wird noch." Nun aber drängte sich diese Frage nicht nur auf, sondern erschien mir in einem neuen Licht. Wer kein Könner ist, der ist ein Versager. Könner sind potent. Wer kein Könner ist, ist impotent. Nun sah ich die Sache von zwei Seiten. Einerseits sah ich die Gefahr, dass mich diese Frau stets an der bereits vollbrachten Leistung meines Vorgängers misst. – Wegen meines mangelnden Erfahrungsregisters könnte ich mich dadurch leicht in die Rolle des Hamsters im Laufrad drängen lassen. Andererseits war ich noch jung und unverbraucht. Ich war noch voller Ideen und Pläne. Vielleicht wäre ich dann der neue Besen, der da gut kehrt. Das war der Gedanke, der mich dazu motivierte, mich noch einmal dieser Problematik zuzuwenden. Ich musste mich nun in einem Gespräch mit dieser Frau so günstig wie es geht positionieren und dann so überzeugend wie möglich verkaufen. Das war die Lehre, die ich aus dem Treffen mit Anja zog und sogleich hier umzusetzen gedachte.

Das Telefonat verlief auch reibungslos und ich hatte das Gefühl, dass ich zwar nervös war und unter Lampenfieber litt, Susanne aber nervöser war und stärkeres Lampenfieber hatte. Daher redete ich mir Mut zu. Sie mochte zwar mehr Erfahrungen gesammelt haben als ich, doch war für den Grad der Reife weniger die Summe der Erfahrungen ausschlaggebend, sondern die Beherrschung der eigenen Nervosität. Das hielt ich für eine griffige „Formel" und bereitete mich nach dem Telefonat auf die anschließende Verabredung vor. Nun sollte alles perfekt wie ein Raketenstart verlaufen. Ich wollte das Bild eines tadellosen, makellosen und kultivierten Gentleman abgeben. In meinem Lebenslauf keine Erfahrung aufzuweisen, das ist keine Schande, sagte ich mir. Jeder fängt einmal an. Ich zog mich so an, wie ich es eigentlich nicht wollte: Mit Hemd, Schlips und Anzug. Dann kaufte ich drei weiße Nelken. Dabei wählte ich mit Absicht keine roten Rosen aus, weil die ja für Heiratsanträge reserviert waren, und ich wählte bewusst weiße Nelken aus, weil rote Nelken als Symbol der Arbeiterbewegung standen. Es sollte drei sein, weil man ja eine ungerade Zahl verschenkt und fünf fand ich bereits nicht mehr angemessen. – Sieben sogar als protzig. Schließlich war ich ein arbeitsloser Kaufmann. Daher empfand ich die Zahl Drei als standesgemäß. Warf ich mir einen zu gewöhnlichen Auftritt bei Anja als Peinlichkeit vor, so wäre ein „Zurückrudern" nach einem so pompösen Auftritt ebenfalls peinlich: Ich würde als Blender dastehen.

Zur Verabredung kam sie ebenso pünktlich wie ich. Aber sie war weitaus legerer gekleidet, als ich dies vermutet hätte. – Wer so nervös ist, der verschanzt sich hinter einem sehr formalen Outfit. Aber das war ein Vorurteil, wie ich nun erkennen musste. Als ich ihr die Nelken überreichte, lächelte sie und sagte: „Süß." – Aber Mimik und Tonfall waren nicht echt. Irgendwas missfiel mir daran.

Wir setzten uns in ein Café. Auch sie musterte mich von oben bis unten. Klar, dachte ich mir, sie wollte nun sehen, ob ich vielleicht die passende Ausstrahlung habe oder das passende, pädagogische Händchen. – Aber das wäre nicht der richtige Blick für eine Liebesfrage, sondern eine Auswahl für das passende, pädagogische Personal.

Sie war MTA und arbeitete halbtags in einer Gemeinschaftspraxis, wegen der Kinder. Klar, Kinder erfordern Zugeständnisse in der eigenen Karrieregestaltung, aber sie fordern auch, dass man sich krumm macht! Das hatte ihr erster Lebensbegleiter nicht begriffen und Alkohol der Übernahme von Verantwortung vorgezogen. Sie habe ihn dann aus dem Haushalt hinausgeworfen. Der zweite Partner, also der Vater ihres zweiten Kindes, habe das süße Leben den Pflichten eines Familienvaters und Miternährers den Vorzug gegeben. Sprich: Er habe sie wegen einer ungebundenen Abiturientin sitzen gelassen. Nun, wo sie mich sah, fand sie, machte ich auf sie einen jungen, fast zu jungen Eindruck. – Das sagte mir eine Frau, die in einer etwas abgewetzten Lederjacke steckte, deren Blusenkragen von einem Palästinensertuch verdeckt war und die eine ordinäre Jeanshose zu diesem Treffen angezogen hatte.

Ich könnte mir durchaus vorstellen – mittelfristig – in einem Patchwork-Haushalt zu leben. Ehrlich gesagt, das sagte ich aber nicht, wäre mir das ein Opfer, das an die Grenzen meines persönlichen Stolzes ging, denn schließlich waren diese Kinder ja die Hinterlassenschaften anderer Leute. Auf Deutsch gesagt: Von fremden Männern, die ich gar nicht kenne und ich dürfte mich allenfalls in deren Mief zu Mama ins Bett legen! Lust roch in meiner Nase anders und unter Liebe stellte ich mir auch was anderes vor. Ich sagte aber, dass diese Situation für mich eine pädagogische Herausforderung sei. In der Literatur sei es ja bekannt, dass Partner, die in Restfamilien einziehen, massive Akzeptanzprobleme vonseiten der Kinder haben. Hierauf bekam ich von Susanne einen langen Blick zu spüren. Na ja, was ich denn so mache, fragte sie mich. „Ich betreibe Modellbau, und zwar vom Entwurf über den Zuschnitt bis zum Zusammenbau … – „Nee, Spielzeug, also, blockte sie meine Antwort ab. Das meinte sie nicht. Überhaupt seien Hobbys nur Dinge für Leute, die sich das auch leisten könnten. Nein, mit ihrer Frage wollte sie selbstverständlich wissen, was ich beruflich mache. – Ja, ich sei gelernter Einzelhandelskaufmann, antwortete ich, wie im Bewerbungsgespräch. Sie ließ mich abermals nicht ausreden: Dort verdiene man doch nichts. Wie könne ich mich da denn über Wasser halten? Ich spekulierte auf den Aufstieg zum Marktleiter. Das sei ja vor allem auf der betriebsinternen Schiene möglich. – Wieder falsch! Sie unterbrach mich und sagte, dass ich nicht um den heißen Brei herumreden möge. Wo ich denn arbeite. Bei dieser Wendung des Gesprächs, was für mich viel mehr wie eine Prüfung klang, hätte ich sofort aufstehen, bezahlen und das Café verlassen sollen. Aber ich war dafür noch zu unerfahren und gab noch zu, arbeitslos zu sein. Susanne fragte mich, ob ich mir denn vorstellen könne, überhaupt in einer Familie zu leben, in der es darum ginge, mindestens ein behindertes Kind zu versorgen. Ich war überrascht und erstaunt: Ja, warum auch nicht. Gefragt sei dann nicht Pädagogik, sondern Heilpädagogik, konterte ich. Worum ginge es denn bei der Behinderung, wollte ich wissen. Nein, es leide unter dem Down-Syndrom, falls mir diese Diagnose etwas sage. Es war ihr älterer Sohn. Ich könne mir aber wohl kaum vorstellen, wie viel Arbeit, Elan und Aufopferungswille da gefragt sei. Vermutlich sei ich ja aus „behütetem Hause" und mal gerade erst flügge geworden. Nein, in ihrem Haushalt muss der Mann sowohl mit anpacken als auch Geld mit erarbeiten. Ob ich das verstehen könne.

Tja, das war’s dann wohl. Das war die Mutter mit den zwei Kindern. Hier war niemand gefragt, der neue Ideen mit einbringt. Diese Vorstellung war von mir absolut naiv. Hier wurde der Hamster gesucht, der sich volle Kraft voraus im Laufrad verausgabt, um den daran angeschlossenen Stromgenerator anzutreiben. Nun konnte ich ihre Reaktion auf die mitgebrachten Nelken verstehen: blanker Spott. Für solche romantischen Symbole war in ihrem Haushaltsbetrieb kein Platz. Ich hatte mich mit den Blumen genauso zur Zielscheibe ihres Gelächters gemacht, wie ein Idealist, der beim Bewerbungsgespräch ein Statement zu Akkordarbeit abgeben sollte.

Das war die Gesamtausbeute aus meiner Annonce. Von diesem Weg hatte ich die Nase voll. Es reichte nicht, zu Hause ausgezogen zu sein. Auch langte es nicht, einen Berufsabschluss erworben zu haben. Nein! Ich musste Arbeit haben; ich durfte nicht arbeitslos sein! – Okay, wenn das die große Liebe sein soll, dann soll der Teufel damit glücklich werden. Soll der doch da warten und sich auf dem Präsentierteller vergnügen. Der Teufel ist es, der ja hinter die Verstecke schauen und die Leute herausholen kann, die sich dort verschanzen. Soll er sich doch ein Gewerbe daraus machen, in der Freizeit, wie zum Bewerbungsgespräch gekleidet und mit allen Insignien der Reife ausgestattet daher zu stolzieren. Soll er doch den Arbeitsmarkt besiegen, um nach Feierabend den kargen, restlichen Lohn mit einer gestressten Vollzeitmama zu teilen.

Wenn ich nicht gut genug bin, um ihr Gesicht sehen zu dürfen, in ihre Augen zu schauen, wenn ich für sie zu ungehobelt bin und zu ungeschickt, um nur den Funken einer Chance zu haben, ja, wenn ich nicht reich genug bin, um in der Gemeinde der Liebenden Aufnahme zu finden, dann soll der Teufel höchstpersönlich die Liebe auf seinen Wagen laden und damit heimwärts in die Hölle ziehen. Dann kann er sie ja als Grillanzünder für seine Seelen benutzen. Ich kann so etwas nicht gebrauchen.

3. Bewerbungen

So war wieder eine Woche zwischen Hoffen und Bangen vergangen. Hoffnung, dass ich eine Partnerin finde und Bangen, dass sich die Zuschrift, mit der ich mich gerade auseinandersetzte, doch als Enttäuschung erweist. Nach den drei Erfahrungen, die ich mit diesen drei Zuschriften gesammelt hatte, zog ich die Lehre, dass ich mich fortan nur noch um mein Jobproblem kümmere und die Sache mit der Partnerinnen-Suche sausen lasse. Falls ich eine Anstellung in einem Kaufhaus oder Supermarkt habe, dann könnte ich die Sache ja vielleicht wieder aufnehmen.

Was ich – als logische Konsequenz meines Inserat-Ergebnisses – nicht verstehen konnte, war, wieso man um dieses Thema Liebe ein solches Trara machen kann. Ohne Arbeit habe ich noch keine Chance und bei meinem Alter, aber mit Arbeit kaum eine Chance mehr, dieses Problem zu lösen. Doch, bevor ich mir den Kopf zergrübele und weitere, frustrierende Erlebnisse ansammle, schnappte ich mir an diesem Samstag früh die Zeitung und schlug aufs Neue den Teil mit dem Stellenmarkt auf.

Verlockend war schon einmal, dass auf fünf Seiten rund dreißig Unternehmen inserierten. Doch dann setzten die Enttäuschungen ein: Drei Unternehmen fielen heraus, weil sie Fachingenieure suchten. Zwei Behörden suchten Verwaltungsfachkräfte. Die fielen ebenfalls heraus. Das fand ich besonders schade, denn hier ging es um eine Verbeamtung. Aber sie suchten keine Kaufleute. Das passte eben halt nicht. Sieben Betriebe suchten Pflegekräfte und drei Krankenhäuser sogar Ärzte in leitender Stellung. Wiederum schade. Ich hatte damals mit der kaufmännischen Ausrichtung auf das falsche Pferd gesetzt. Hätte ich mal damals etwas im pflegerischen Sektor gelernt, dann hätte ich jetzt ein Drittel der Stellen zur Auswahl. Es blieben noch fünfzehn Inserate. Fünf Versicherungen suchten freie Außendienstmitarbeiter. In meinen Augen war das keine Alternative. Erstens war diese Tätigkeit nicht sozialversicherungspflichtig (man konnte sie entweder nebenberuflich oder als Selbstständiger ausüben). Zweitens hatte der Vertrieb von Versicherungen nichts mit dem zu tun, was ich gelernt hatte. Ich hatte Kalkulationsschemata, Buchführung und Warenkunde in der Berufsschule gelernt. – Hier aber ging es darum, Leuten so viele Versicherungen und Bausparverträge wie möglich aufzuschwatzen. Deswegen hatte ich mich nicht entschieden, in den Einzelhandel zu gehen. Aber das Arbeitsamt – was ja ihren Kunden, den Arbeitssuchenden helfen sollte – hatte nur ein Interesse daran, diese Kunden irgendwie loszuwerden. Aber nach meinem Verständnis ist das keine solide Arbeit seitens der Arbeitsvermittler. Denn ich war abhängig beschäftigt und suchte eine Tätigkeit in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis. Ich hatte meine Gründe, wieso ich nicht in eine Selbstständigkeit gehen wollte. Aber es war damals die Zeit, in der die Politik den Arbeitslosen den Weg in die Selbstständigkeit schmackhaft machen wollte. Klappte ihr Versuch dann nicht, so waren diese Selbstständigen die Sozialhilfeempfänger von morgen. Von den restlichen zehn Inseraten passten neun nicht, da sie entweder branchenfremd oder zeitlich befristet waren. Am Schluss blieb nur noch eine Annonce übrig, auf die hin ich mich bewarb. Ihr Text lautete:

Sie arbeiten gerne und aufstiegsorientiert?

Wenn Sie flexibel einsetzbar und belastungsfähig sind, eine kaufmännische Ausbildung haben, sowie über Sozialkompetenz verfügen, dann passen Sie in unser Team. – Passt unser Konzept auch zu Ihrer Arbeitsauffassung, dann senden Sie noch heute Ihre aussagekräftige Bewerbung an KNK, …

Eine Annonce sollte man nicht nur so lesen, sondern auch verstehen. Ähnlich, wie beim qualifizierten Arbeitszeugnis gibt es auch hier in einer Stellenannonce Formulierungen, die eine feste Aussagekraft haben und hinter denen sich eine bestimmte Bedeutung versteckt. Ich hatte das kleine Einmaleins dieser Begriffsbedeutungen noch nicht „drauf und so fiel mein Studium dieser Annonce im Nachhinein dürftig und laienhaft aus. Das Missverständnis begann bereits in der ersten Zeile. Gefragt wurde nach der Arbeitsmotivation. Natürlich las ich das Wort „aufstiegsorientiert und verstand darunter, dass es hier um eine Einstellung mit Aufstiegschance ging. Selbstverständlich rechnen sich diese Aufstiegschancen nur bei leistungsgerechter Entlohnung. Aufstieg sei die Übernahme von mehr Verantwortung. – Gegen die Bezahlung von mehr Geld. Doch wer sagt, dass die Übernahme von mehr Verantwortung auch zusätzlich entlohnt wird? Davon stand nämlich nichts in der Annonce. Flexibel und belastbar ist doch wohl jeder. Zumindest, wenn man aufsteigen will. Daher klang diese Anzeige im Aufbau auch flüssig und logisch. Aber ich konnte nicht ahnen, was hinter diesem Satz steckte. Ich dachte in Anbetracht des Wortes „flexibel daran, dass man in der Lage sein können muss, in jeder Abteilung zu arbeiten. Dabei geht es ja nicht nur um die Frage, welche Ware wo steht und wann sie bestellt bzw. geliefert wird. Auch sind warenkundliche Kenntnisse notwendig. Ist die Palette der Artikel in dem Kaufhaus sehr breit, dann kommt schon was zusammen. Aber in den verschiedenen Abteilungen müssen auch verschiedene Tätigkeiten ausgeübt werden. Vielleicht muss irgendwo etwas abgewogen werden, dann benötigt man sogenannte „PLU-Nummern. Die sollte man im Kopf haben. Vielleicht muss irgendwo etwas zugeschnitten werden. Man muss einen Gabelstapler fahren können oder die Kurzbedienung eines elektronischen „MDE"-Gerätes für Bestellungen parat haben. Dass man am besten noch in der Hektik eines Samstages all diese Dinge sofort aus dem Kopf beherrscht, das verstand ich unter Flexibilität.

Belastbar. – Hm. – Nun, wenn Kunden nörgeln, ich alleine an der Kasse bin und gleichzeitig noch ein Lieferant von mir eine Empfangsbestätigung haben will, dann muss man diesen Stress aushalten können und einen kühlen Kopf behalten. Kurz zusammengefasst würde ich diese Fähigkeit mit „belastbar sein" bezeichnen. Diesbezüglich hielt ich mich für einen flexiblen und belastbaren Menschen.

Als gelernter Kaufmann im Einzelhandel besitze ich eine abgeschlossene, kaufmännische Ausbildung. – Was mir in diesem Zusammenhang nicht auffiel, war das, was nicht geschrieben wurde. Ich vermisste nicht den Zusatz, dass der Bewerber auch Berufserfahrung mitbringen möge. Vielleicht – aber diese Idee kommt mir erst im Nachhinein – hat man diese Klausel gar nicht erst in die Annonce gesetzt, weil die Gerüchte, die sich im Einzelhandel verbreiten, erst mit der Ansammlung der Berufserfahrung zur Wirkung kommen können. Die Gerüchte aber würden den Geschäftsgepflogenheiten und dem Betriebsklima in den KNK-Filialen eine denkbar schlechte Presse ausstellen. Daher wären Bewerber mit Berufserfahrung nicht wünschenswert. Sie würden viele lästige Fragen stellen. – Las ich andererseits eine Klausel, wie „Berufserfahrung erwünscht oder „Wir erwarten Erfahrung im kaufmännischen Bereich, hätte ich dem keine weitere Beachtung geschenkt, denn, so dachte ich, durch meine Ausbildung brachte ich doch schon Erfahrung mit. Vielleicht war dies ein Irrtum und somit ein Grund für Ablehnungen.

Mal ehrlich: wer sagt von sich, dass er über keine Sozialkompetenz verfüge? Das wäre ja äußerst dumm. Ein Kaufmann, der erfolgreich sein will, muss in einer kurzen Zeit einen Kunden richtig einschätzen, um ihn gut zu beraten. Ich meine nicht, um ihm viel aufzuschwatzen, sondern, um ihn zufriedenzustellen, denn nur ein zufriedener Kunde kommt wieder und bringt im Laufe des Jahres mehr Geld in die Kasse. Insofern – muss ich es zugeben – konnte ich mit diesem Wort in der Anzeige nichts anfangen. Aber ansonsten fand ich, dass der Text wie für mich zugeschnitten war. Ich fühlte mich angesprochen. Die Firma KNK aber kannte ich nicht. Das musste auch nichts heißen. Neue Firmen schießen allenthalben wie Pilze aus dem Boden. Mit ihnen tauchen neue Logos und Kürzel auf.

Ich schrieb an diesem Vormittag meine Bewerbung, stellte einen Schnellhefter mit meinen Bewerbungsunterlagen zusammen, ging alles noch einmal auf Fehler durch und steckte diesen Hefter in eine Versandtasche. Dann brachte ich sie zur Post und gab sie am Schalter persönlich auf. Als ich dann nach Hause ging, war ich eigentlich guter Stimmung. Bei dieser Anzeige hatte ich das Gefühl, als ob ich das Schlüsselloch gefunden habe, zu dem meine Bewerbungsunterlagen als Schlüssel passen. Nun begann wieder die angespannte Zeit des Wartens. Ich rechnete mir schon durch, wann die Bewerbung bei dem Personalchef auf dem Tisch läge. Wenn ich Glück hätte, dann wäre das schon am Montag der Fall. Anderenfalls erst am Dienstag. Wenn ich davon ausgehe, dass eine offene Stelle rasch vergeben wird, dann rechnete ich damit, dass er entweder sofort die eingehenden Bewerbungen abarbeitet und die Gesprächstermine vergibt. Dann könnte ich ab Dienstag mit dem Anruf rechnen. Spätestens aber wird er am Donnerstagmittag bei mir anrufen. So malte ich es mir aus. Denn die entsprechenden Bewerbungsgespräche wird er sicherlich an den Nachmittagen oder ganztägig am Freitag führen. Ich begann schon wie auf einer Wolke zu schweben. Dieses Angebot regte in mir Hoffnungen, die wieder in mein Bewusstsein kamen und dann zu wachsen begannen. Es ging um einen aufstiegsorientierten Bewerber. Also wird dies ein sicherer Arbeitsplatz sein. Ich bräuchte hier keine Angst zu haben, irgendwie stundenweise abgespeist zu werden. Wenn ich diese Arbeitsstelle bekam, dann würde ich meine Ideen ausleben können. Die Zufriedenheit des Kunden soll im Vordergrund stehen. Ich wollte mir hierbei viel Zeit für die Gespräche mit der Kundschaft nehmen. Nur, wenn ich die Wünsche der Kunden kenne, kann ich die richtigen Artikel suchen. Nur dann kann ich die richtigen Hersteller und Lieferanten recherchieren. Nur dann kann ich ihnen die richtigen Fragen stellen und schließlich kann ich dann das anwenden, was ich in der Berufsschule gelernt hatte: Ich kann Preise kalkulieren. Das nenne ich kaufmännisches Handeln. – Bislang hatte ich nur angelieferte Ware in die Regale weggeräumt und an der Kasse gesessen. Zum Einstand in mein Berufsleben ließ ich mir diese Aufgaben gefallen, aber sie füllten mich nicht aus. Ich war zu diesem Kompromiss nur bereit, weil ich der Ansicht war, dass sich mein damaliger Personalchef anhand meines Leistungsvermögens von meiner Eignung zum Aufstieg überzeuge.

Dieses Mal aber stand es ja schon in der Annonce, dass der Mitarbeiter bestrebt sein soll, auf der Karriereleiter aufzusteigen. Dafür, und das war logisch, musste eine Vollzeitstelle angeboten werden. Vollzeit, darunter verstehe ich 37,5 Stunden in der Woche. Mit fünf Überstunden bin ich bei 42,5 Wochenstunden angekommen. Dazu bin ich bereit. Ich war damals sehr stark an den Forderungen der Gewerkschaft orientiert und hatte daher auch meine Vorstellungen hinsichtlich der Arbeitszeit, aber auch bezüglich der Pausenregelungen sowie Entlohnung entnommen. Vor allem hoffte ich darauf, dass dieses hier für mich eine sichere Arbeitsstelle werden würde. Ich hasste schon all diese Angebote, die mit dem Vermerk „zeitlich befristet gekennzeichnet waren, oder die Angebote, in denen stand, dass es eine Teilzeitbeschäftigung sei. – Für mich waren dies alles effektiv nur Scheinangebote, um die Erfolgsstatistik des Arbeitsamtes aufzubessern. – Welcher Arbeitslose kann sich mit solch einem Angebot zufriedengeben? Damit können doch nur verheiratete Hausfrauen angesprochen sein, die über ihren Ehemann mitversichert sind. Die verdienen sich praktisch nur ihr Taschengeld und das Arbeitsamt kann stolz verkünden, wie viele „Jobs es vermittelt habe. Da stellt sich mir irgendwann einmal die Frage, wie ich das Wort Job im Deutschen zuordne. Das englische Wort „Job bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als „Erwerbstätigkeit, also eine Tätigkeit, die jemand ausübt, um damit Geld zu verdienen. Das kann ein Gelegenheitsjob für Rentner, ein Ferienjob für Schüler oder der Studentenjob sein. Ein „Fulltime-Job" bleibt aber ein Job. – Hier lässt der Kontext zumeist durchblicken, dass dieses Wort die Kritik an einer unterbezahlten Tätigkeit zum Ausdruck bringt. Im Gegensatz zum Job steht die Profession, wie wir sie in ihrer Verkörperung beim Professor sehen. Er weiß es ja, denn er hat sein Fach studiert. Im Englischen kommt dieser Unterschied weitaus häufiger im Sprachgebrauch zum Ausdruck. Professional tools sind die Werkzeuge, die der Handwerker zur fachgerechten Arbeit benutzt. Handwerker, die in ihrem Beruf ausgebildet sind, sind professional workers. Auch im Deutschen begegnen wir hier wieder der professionellen Arbeit. Vor allem, wenn wir den Unterschied zur laienhaften Stümperei hervorheben wollen. Kurz: Der Unterschied zum Job ist die Profession, die gelernte und kommerziell ausgeübte Tätigkeit. Insofern bin ich ein professioneller Kaufmann im Einzelhandel und will diesen Beruf auch ausüben. Ich erwartete vom Arbeitsamt, dass dieses Menschen, die ihren erlernten Beruf zurzeit nicht ausüben können, in eine Vollzeittätigkeit vermitteln. Dass diese sozialversicherungspflichtig sein sollte, verstünde sich von selber, dachte ich. Ich finde es traurig, dass man dies heute dazusagen muss.

Auch ging ich davon aus, dass jeder, der 35, 37,5 oder 40 Stunden in der Woche arbeitet, nicht nur von seinem Lohn leben kann, sondern, dass er eine Familie davon ernähren kann. Steht er alleine, so soll er sich seine Wünsche, wie Reisen oder andere Hobbys erfüllen können. Doch, wie realistisch ich mit diesem Gedanken lag, das musste ich noch erfahren. Vorerst wähnte ich mich kurz vor dem Erreichen meines Zieles, und wo die Verfügbarkeit von ausreichend Geld für die Erfüllung meiner Wünsche zum Greifen nahe schien, erlaubte ich mir einen kurzen Spaziergang in die Zukunft. Was wollte ich dann nun machen? Als Erstes wollte ich im nächsten Urlaub dorthin fliegen, wo ich hinwollte. Dann wäre ich nicht auf die Last-minute-Reste angewiesen. Wie wäre es denn mit einer von den kanarischen Inseln? Solch eine Reise für zwei Wochen würde doch nicht die Welt kosten. Sicher gäbe es doch etwas für wanderfreudige Touristen, sodass man nicht jeden Tag am Strand herumzuliegen braucht. – Aber auch Kreta oder Zypern interessierten mich. Nur: Ich wollte die Reise vorbereiten und dann im Reisebüro sagen, in welche Ecke der Insel ich möchte, anstatt dass sie mir ansagen, wo es hingeht. Schließlich wanderten meine Gedanken zu meiner missglückten Suchaktion mit dem Suchinserat zurück. In der Sache fühlte ich mich nicht als der Gewinner. Sie hinterließ in mir einen schalen Nachgeschmack. Ich fühlte mich minderwertig. – Ohne Arbeit war ich ein Niemand. Nur dann, wenn ich einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte, dann konnte ich sozusagen unter den Platzhirschen röhren. Je mehr Enden dieser an seinem Geweih hat, umso mächtiger gilt ja wohl sein Rang. Nun ja, je höher meine Arbeit dotiert war, umso mächtiger war ich wohl und umso lauter konnte ich hier mit röhren. Das alleine war schon eine stupide Spielregel. Aber dazu kam noch eine technische Unterlegenheit. Ich wusste nicht, dass es möglich war, mir per SMS vom Handy aus eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter weiter zu übermitteln. Hier verließ ich das Spiel der originären Partnerinnensuche. Ginge ich diesen Pfad so weiter, so würde ich mein Ziel verlieren. Ich würde mich in eine Aufrüstungsspirale verstricken. Meiner Ansicht nach hat das mit Liebe nichts zu tun. Dass ich zu dieser Verabredung hinging und dort vergeblich wartete, das Ergebnis überschattete all die anderen Erinnerungen: Ich schämte mich dafür, so naiv oder dumm gewesen zu sein und mich auf den Präsentierteller begeben zu haben. In mir nörgelte fortan eine Stimme: „Das hättest du doch wissen müssen! Deshalb erzählte ich auch niemandem, nicht einmal Kai-Uwe, der mich dazu inspiriert hatte, von dieser Sache. – Das dritte Treffen hatte mir zu denken gegeben. Zwar redete ich mir auch gut zu, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, auch wenn ich wenig Geld zur Verfügung habe. Wer weiß, wie lange dieser Zustand meiner Arbeitslosigkeit anhält. Aber eines wusste ich mit Sicherheit: Mit jedem Monat, mit jedem Jahr wurde ich älter, und je länger ich die Zeit verstreichen lasse, ohne dass ich mich an den Kommunikationsangeboten beteilige, desto größer werden die Probleme werden, mit einer Frau ins Gespräch zu kommen. Nun war ich schon aus dem Alter der Lehrjahre heraus. Ich hatte ja erwartet, nun mit mehr Freiheiten auf Feten und in Discos erscheinen zu können. Aber nach meiner Tätigkeit befragt, müsste ich schamvoll schweigen. Hier hatte ich mich als Lehrling geirrt. Diese Klemme hatte ich nicht vorausgesehen. Dieses Gefühl, das ich nun hatte, mag der Volksmund „Torschlusspanik nennen. Mit der Annonce versuchte ich, eine Alternative zu meiner Tatenlosigkeit umzusetzen. Doch war die Angst vor der Frage nach meiner Tätigkeit keine Unkerei mehr. Sie war eine reale Befürchtung geworden. Nun war in meinen Gedanken Abhilfe in greifbare Nähe gerückt. Soll die Frau, mit der ich mich dann treffe diese Frage wieder vorlegen, dann antworte ich: „Ja! Ich habe Arbeit. Ich kann mich vor Arbeit gar nicht retten! Ich habe sogar so viel, dass ich für dich nicht genug Zeit habe!" – In mir kam Groll, ja, Wut auf. Als ich in der Krise steckte, traten sie noch nach. Wenn es mir nun gelang, mich in dem – hoffentlich – bevorstehenden Vorstellungsgespräch selber aus ihr herauszuholen, wozu brauchte ich dann noch eine Frau? Welchen Wert hatte diese Kraft einer Beziehung, die mir erst dann offensteht, wenn ich gestärkt aus ihr heraus und dann auf den Platz der Hirsche antrete? Frauen, die dann erst ankommen, sind in meinen Augen Trittbrettfahrerinnen. Solche Beziehungen brauche ich dann nicht mehr! Tja, und die Sache mit dem Geld sah nun auch anders aus. Ich habe endlich ein sicheres Einkommen. Ich habe endlich mal mehr, als nur ein Taschengeld. Ich habe auch mehr, als ich bis zum Monatsende hin verbrauche. – Ich kann was zurücklegen, ohne meinen Gürtel enger schnallen zu müssen. Ich kann mir endlich einmal das Experiment einer Partnerschaft leisten. Ja, und hier lag bislang mein Denkfehler. Ich ließ mich von der Frau vor sich hertreiben. Sie stellte Ansprüche und ich rechnete nach, ob ich sie aus meiner Schatulle bedienen konnte. Nein, das konnte ich nicht. Also war auch die Sache mit der Frau gestorben. Da ich mir eine Wiederholung dieser Diskussion ersparen wollte, hatte ich das Thema Partnersuche generell abgeschrieben. Nun aber kam mir die Idee, dass ich es doch war, der Ansprüche anmelden konnte. Nun hatte ich Geld und konnte bestimmen, was in meinem Boot passiert, in dem wir sitzen. Auch hatte ich den Fehler begangen, mich wegen des Kindes einer Frau verbiegen zu wollen, nur um die Mutter als Partnerin zu gewinnen. Schluss damit! Ich will eine Frau haben, um mit ihr eine Familie zu gründen. Akzeptierte ich aber, dass sie ein Kind mit in unsere Beziehung einbringt, klang das von meiner Seite aus als pädagogischer Idealismus. Ich wollte ja einen guten Stiefvater abgeben. Aber damit wich ich ja von dem Thema ab, das ich mir selber gestellt hatte: Ich wollte mich als Liebhaber, Partner und zukünftiger Ehemann vorstellen, nicht aber als Ersatzpapa. Das war ein ganz anderes Thema. – Übrigens: Hier stieß ich auf ein vollkommen neues Problem! Wer Kinder mitbrachte, hatte sexuelle Erfahrung. – Im Gegensatz zu mir. Diese Frau konnte mich immer mit dem Mann vergleichen, den sie einmal hinausgeworfen hatte. Dieser Unterschied im Erfahrungsniveau sollte mir noch arges Kopfzerbrechen bereiten. Das sollte mich in meinen Gedanken an diesem Wochenende nicht beschäftigen. Hingegen wandte ich mich einer konkreten Frage zu: Wie gehe ich mit der Situation um, wenn ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde? Da gab es zunächst einmal zwei Einstellungen, mit der man an diese Situation herangehen kann. Entweder lasse ich diese Prüfung und versuche alles richtig zu machen, nur um die angebotene Stellung zu bekommen. Oder: Ich nehme diese Situation zum Anlass, selber einen Fragenkatalog vorzutragen. Hinter diesem Fragenkatalog stehen meine Vorstellungen, Wünsche und Anforderungen an den Arbeitsplatz, die ich habe. Werden diese Fragen nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet, so bin ich es, der sagt: „Nein danke! Doch die Theorie wich zu jener Zeit weit von meinem unbewussten Handeln ab. Ich wollte endlich mit auf dem Schiff der Habenden sein, sodass ich danach strebte, alles zu tun, nur um mit an Bord zu sein. So hatte ich schon gedanklich die richtige Einstellung zum Bewerbungsgespräch ausformuliert, hingegen es an der Umsetzung missen lassen. – Ich war bereit, 37,5 Stunden zu arbeiten und wollte dafür 1300 € mit nach Hause nehmen. Natürlich war ich bereit, Überstunden zu machen. In meinem Bewusstsein war es mir fremd, etwas anderes, als eine Auszahlung des Geldes zu erleben. Daher machte ich mir zu dem Themenkomplex „Überstundenregelung keine weiteren Gedanken. Überstunden laufen auf, wenn ein Kollege krank wird. – Urlaube sind kein Grund, denn die Arbeit, die dadurch anfällt, ist dem Personalchef ja schon zu Jahresbeginn bekannt. Gegebenenfalls muss noch jemand eingestellt werden. (Dass dieses „Problem" bewusst durch Überstunden oder Leiharbeiter gelöst wird, das konnte ich mir nicht vorstellen und versetzte mich in meiner Naivität in blankes Erstaunen.)

Als passionierter Nichtraucher war mir die Existenz eines Nichtraucherpausenraums ein Anliegen. Mir war es ekelhaft, in einer verqualmten Raucherbude meine Wurstbrote zu essen. Wie sieht die Schichteneinteilung aus? Ich kannte bislang drei Systeme: Das erste nenne ich das „konservative Modell". Jeder Mitarbeiter hat seine festen Zeiten. Der Abteilungsleiter erscheint um 6 Uhr früh und verlässt um 17 Uhr den Betrieb. Darin sind zwei Stunden Pause eingerechnet. Sein Stellvertreter kommt um 9.30 Uhr und bleibt bis 20 Uhr. Zwar wechseln sie sich auch mal ab, aber das ist eher die Ausnahme. Diese Zeiten sind deshalb fest, weil die Abteilungsleiter dadurch wöchentliche Gesprächstermine z. B. mit Firmenvertretern planen können. – Auszubildende hängen von ihren Stundenplänen ab. Es wäre also Quatsch sie jede zweite Woche früh antreten zu lassen, wenn Berufsschule ist. Der Rest der Belegschaft wird so eingeteilt, dass sie das Kundenaufkommen in den Kernzeiten, sowie die Lieferantentermine andererseits bedienen können. Die Verkäufer sollten nach Möglichkeit wegen der schweren Schlepparbeiten mit den Paletten vormittags anwesend sein und die Ware annehmen. Die Verkäuferinnen, die zumeist auch auf Teilzeit arbeiten, sollten am Vormittag kommen und die Ware in die Regale räumen. Der Nachteil hierbei wäre für mich, dass ich immer früh rausmüsste und niemals ausschlafen könnte. Daher sollte jeder einmal früh und wann anders wieder spät dran sei. Daher gibt es als zweite Lösung das „rollende System. Jeder hat eine Woche Frühdienst, eine Woche Mittelschicht und eine Woche Spätdienst. Mit beiden Systemen kann ich leben. Leider gibt es Personalchefs, die – besonders neu eingestellte Mitarbeiter – in den Dienstplan eintragen, wo gerade einmal Lücken sind. Z. B. Montag früh, am Dienstag für vier Stunden in der Mittagszeit, Mittwoch und Donnerstag früh und am Samstag ganztägig. In der Regel wäre der Freitag frei. Aber eine Woche später kann der ganze Arbeitsplan auch vollkommen anders sein. Das nenne ich das „chaotische System. Hier wäre ich nicht bereit, das mitzumachen. Man muss in solchen Fragen rechtzeitig seine Grenzen aufzeigen. Habe ich einen Vertrag erst einmal unterschrieben, dann ist es schlecht, Protest gegen einige Spielregeln einzulegen. Deshalb sollte ich eben diese Frage in den Fragenkatalog mit aufnehmen.

Was genau gehört in meinen Aufgabenbereich? „Mach’ mal das Lager", als Anweisung, das reicht mir nicht aus. Dann kommt in den nächsten Wochen heraus, dass ich sowohl für die Abfallentsorgung als auch für die Ordnung in den Regalen als auch in den Gängen verantwortlich bin. – Den Lageristen, der die Koordination mit dem Aufbau und Nachbestellung von Aktionsware kennt, bekomme ich aber nie zu sprechen. Ich räume dann alles weg und er bestellt wieder alles neu, sodass die Warenbestände doppelt vorhanden sind. Solcher Fehlkoordination wollte ich von Anfang an vorbeugen.

Eine Frage lag mir besonders am Herzen: Womit handelt KNK? Wahrscheinlich habe ich bislang nicht mit diesen Waren zu tun gehabt, denn ich habe in Lebensmittelmärkten gearbeitet. KNK war mir kein Begriff, aber wenn ich meine Gedanken kreisen ließ und im regionalen Straßenatlas die Adresse nachschlug, an die ich meine Bewerbung hin sandte, so dachte ich eher an einen Großdiscounter, der mit allem Möglichen handelt. „Am breiten Graben" in Neustedt. Dort hatten sie ihre Zentrale. Vermutlich bestand sie aus einer riesigen Halle, die als Zentrallager diente, in der die Bestellungen der einzelnen Filialen kommissioniert und auf die LKWs verladen wurden. Im Anbau dieser Lagerhalle war dann das Büro der Personalmanager, wie die Buchhaltung untergebracht. Also: Was wurde auf die LKWs geladen? Wie kann ich mir die notwendige Warenkunde aneignen? Wenn beispielsweise KNK mit Möbeln handelt, so wollte ich wissen, wann und wo Lehrgänge hierin angeboten

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