Finden Sie Ihren nächsten buch Favoriten

Werden Sie noch heute Mitglied und lesen Sie 30 Tage kostenlos
Zeitschwelle Null: Ich bin manisch depressiv - und wenn schon!

Zeitschwelle Null: Ich bin manisch depressiv - und wenn schon!

Von Max Ro

Vorschau lesen

Zeitschwelle Null: Ich bin manisch depressiv - und wenn schon!

Von Max Ro

Länge:
762 Seiten
10 Stunden
Freigegeben:
Nov 10, 2015
ISBN:
9783903067349
Format:
Buch

Beschreibung

Nachdem sein Vater erst 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimkommt, findet Max Obhut bei seiner sexbesessenen Mutter Mitzi und seiner angstneurotischen Großmutter Karoline. Max wird zu einem ängstlichen, einsamen, scheuen Typ. Max' Vater Gustl, ein Möchtegern-Macho mit erheblichem Minderwertigkeitskomplex, lässt sich bald nach seiner Heimkehr von Mitzi scheiden, nachdem er schon Ottilie im Visier hat. Jedoch verschafft er Mitzi noch einen Posten als Haushälterin in England - diese nimmt an und lässt Max zurück. Der hat seine liebe Not mit Stiefmutter Ottilie. Als Heranwachsender tritt Max ins Arbeitsleben ein, doch auch das hilft ihm nicht, seine lebensbremsenden Eigenschaften abzulegen. Schließlich landet er als Erwachsener in der Psychiatrie. Ob er aus diesem Tief wieder herauskommt?
Freigegeben:
Nov 10, 2015
ISBN:
9783903067349
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Zeitschwelle Null - Max Ro

NACHWORT

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2015 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-903067-33-2

ISBN e-book: 978-3-903067-34-9

Lektorat: Stefanie Krüger

Umschlagfoto: Max Ro

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Danksagung

In Dankbarkeit

Irene Andres

gewidmet

(1929–2000)

VORWORT

Der Erzählung liegen im Wesentlichen drei Anliegen zugrunde. Das erste ist, die mannigfaltigen Aspekte der (medizinisch verstandenen) Depression aufzuzeigen, unter anderem den manisch-depressiven Typ des erzählenden Protagonisten als auch des Autors ‚Max‘, diese kennenzulernen und zu enttabuisieren.

Als Nächstes will ich aufzeigen, dass nicht EINER von uns sich absolut sicher wähnen kann, irgendwann nicht auch ein – und sei es noch so winziger – Aspirant für die Psychiatrie, den Seelenberater oder wie immer man Helfer dieser Art bezeichnet zu sein. Das IRREN liegt in der menschlichen Psyche, mehr: Es ist ein Bestandteil davon, was das Leben selbst und dessen Sinn ausmacht; das ERFAHREN vom ersten bis zum letzten Atemzug nämlich. So kann es bei keinem anderen als immer nur beim Einzelnen selbst liegen, Erfahrungen zur Veränderung und Umwandlung seiner selbst zu nutzen. Je öfter, leidvoller die Erfahrungen, desto besser für den Betroffenen. Sie verhelfen ihm, wie spät auch immer, zum innerlich freien, glücklicheren Menschen zu werden.

Das dritte und wichtigste Anliegen ist mir, das Bewusstsein des Menschen unserer Epoche zu mobilisieren, indem ich ihn daran erinnere, dass wir uns seit der Jahrtausendwende in einer UMBRUCHZEIT eines Ausmaßes befinden, die selbst jene des 20. Jahrhunderts in den Schatten stellt, und die ausschließlich jeden, ob er will oder nicht, permanent zur Veränderung und Transformation zwingt. Das Wassermannzeitalter ist darauf angelegt, mit der laufend sich erhöhenden Schwingungsfrequenz Veränderungen auf sämtlichen Ebenen unseres Planeten, im Besonderen jener des menschlichen Bewusstseins, herbeizuführen. Die letzte, entscheidende Schlacht, jene auf geistiger Ebene nämlich, die dem Bösen, Schlechten, Unwahren, Unechten, mit einem Wort: allem, was nicht in der ENERGIE DER LIEBE ist, den Boden entzieht, ist schon in Gang. So auch die Polarität von Gut und Böse bestehen bleibt – in unserem kosmischen Bewusstsein ist die Gewissheit eingebettet, dass eigentlich nichts anderes siegen kann als das ALL-EINE, die Liebe!

Max Ro

Immer wieder und wieder steigst du hernieder

in der Erde wechselnden Schoß,

bis du gelernt im Licht zu lesen,

dass Leben und Sterben eines gewesen

und alle Zeiten zeitenlos.

Bis sich die mühsame Kette der Dinge

zum immer ruhenden Ringe in dir sich reiht

– in deinem Willen ist Weltenwille,

Stille ist in dir – Stille – und Ewigkeit.

Manfred Kyber

ABMARSCH

(0. Kapitel)

Abmarsch von wo, von was? Vom Urgrund des EINEN, von der Wiege der göttlichen Einheit natürlich, von wo sonst? Meine unsterbliche Seele braucht wieder einmal Verkörperung, strebt nach emotionaler Herausforderung, Erfahrung, Weiterentwicklung also. Ich gehe somit ein neuerliches Mal ins Fleisch, re-inkarniere erdgebundenen Zählwertes zum … ja, einundzwanzigsten Mal – am ewigen Leben betrachtet ein absolut unerheblicher Wert! Ich will bloß, anknüpfend an meine Bewusstseinsentwicklung, genau dort weitermachen, wo ich im vorangegangenen, zwanzigsten Leben auf dieser einzigartigen Erde, die ich so liebe, aufgehört habe: Und ich nehme mir für dieses einundzwanzigste Leben auf GAIA (Planet Erde) etwas unendlich Lohnendes vor, zu tun.

Klar doch, dass ich mir meine Eltern, wie immer, aus bestimmten Gründen selber auswähle und nicht umgekehrt. Die können noch nicht einmal erahnen, wer sie für seine Interessen warum einspannt!

Klar auch, dass ich mir, wie gewohnt, den Ort meiner Geburt aussuche, – und den zu meinem Vorhaben passenden Welt-Zeitpunkt. Meine Wiedergeburt soll am Ende des bislang entsetzlichsten Erden-Krieges vonstatten gehen, an einem Platz im Herzen Europas, der Prosperität und relativen Frieden verspricht. Hier will ich anhand meiner Erlebnisse mein Bewusstsein und meine Gefühle weiterentwickeln, will Gaias rasant werdendes Drängen in die ‚höhere Schwingungsfrequenz‘ mittragen helfen, will eins der Abermillionen Licht-Pünktchen der ‚Wassermann-Ära‘ sein, die Gaia in ihrem Aufstieg benötigt. Schließlich will ich doch rund um 2012 den ‚Omega-Punkt der Geschichte‘ miterleben, McKennas und Argüelles Nullpunkt der Zeitwelle, an dem alle Menschen auf dem Weg sind, sich auf der Bewusstseinsebene des EINEN zu vereinigen, anders gesagt: an dem alle Menschen sich ohne Wenn und Aber achten und wertschätzen werden wie ihren Planeten selbst. Ich will dabei sein bei diesem – wie Wilber zur Jahrtausendwende es ausgedrückt hat – einen, fernen, göttlichen Ereignis, das seine eigenen Spuren auslöscht.

Dies ist also der Wunsch für mein einundzwanzigstes Erden-Leben, dessen Abläufe von der Geburt bis zu meinem neuerlichen Tod ohnehin schon feststehen. Ich mache mich lediglich auf den Weg, dieses längst Festgeschriebene in der dreidimensionalen Raum-Zeit zu erleben. Die Göttliche Führung ist jeden irdischen Augenblick in und mit mir …

Mein Erzeuger, Gustav Rammel, lustloser Ostmark-Soldat für das ‚Tausendjährige Reich‘, er begibt sich 1944 auf seinen letzten Fronturlaub von Italien nach Wien mit dem Ziel, seine Freundin Maria G. zu heiraten und sie eine knappe Woche lang zu schwängern, was das Zeug hält. Er tut das keineswegs meiner nach Gaia dürstenden Seele zuliebe, sondern einzig Maria G. zuliebe, weil Schwangere, sprich: wertvolle Kanonenfutter-Erzeugerinnen, nicht ins mörderische Joch der reichsdeutschen Kriegsindustrie eingespannt werden.

Mir persönlich ist meiner Eltern Vorwand egal. Ich bin unterwegs. Heil hi… Heil hi… (hust) – will sagen: Heil hier anzukommen in dem Inferno ist zurzeit ein Kunststück!

EIN BOMBENTAG

(1. Kapitel)

Hurra – ich komme – bin im Anmarsch!

Immer dem Licht nach! Verflucht eng, dieser Kanal nach draußen! Aua! Ist doch immer dasselbe Theater beim wiedergeboren werden: Schmerzen und Kälte. Kann denn Geburt nicht endlich bequemer werden, Herrgott noch mal! – Lass dir doch mal was Gescheites einfallen! … Wie meinen? … Na gut – Verzeihung!

Wenigstens die Begrüßungsfanfaren klingen dieses Mal unüberhörbar! …

Das demoralisierende Aufheulen der Luftschutzsirenen erfüllt die Luft über Wien an diesem klaren Märztag 1945.

Wie und was auch immer! – Es ist ‚mein‘ Tag. Meine Mutter Maria, Oma Karoline, die eilends herbeigeholte Hebamme und meine neu angekommene Wenigkeit sind nur wegen meiner Ankunft an den Verbleib in der dumpf-trüben Souterrain-Wohnung in Mariahilf (6. Wiener Gemeindebezirk) gebunden. Die anderen im Haus, auf der Straße, in ganz Wien, rennen um ihr Leben und verkriechen sich wie die Kakerlaken. Wer in Mariahilf nicht im Luftschutzbunker Esterhazy-Park innerhalb der nächsten zehn Minuten Unterschlupf findet, der flüchtet mit den Dokumenten in der Manteltasche zumindest ins nächste LSR-Kellergewölbe und betet einen Bombenvolltreffer weg, um nicht verschüttet zu werden. Das an Haustorwände weiß gemalte LSR verheißt wohl Luftschutzräume. Tatsächlich schützen die eher vor der frischen Luft als vor den Angriffen aus dieser.

Im Frühjahr 1945 ist LSR bereits Kürzel für: Lern Schnell Russisch, als schließlich den Letzten klar ist, dass das Parteigerede vom ‚Endsieg‘ nur mehr dummes Geschwätz zur Selbsttäuschung ist. Der Russe steht bereits bei der Donau, auf der Wiener Reichsbrücke, die zum falschen Zeitpunkt, nämlich erst zweiunddreißig Jahre später, aus Ermüdung einstürzt. Ginge sie jetzt mit den Russen drauf baden, der verantwortliche Brücken-Stadtrat träte nicht zurück, vielmehr kriegte er eins der letzten deutschen Verdienstkreuze …

Die Russen kommen also zu Land, weil moderner Luftkrieg noch so überhaupt nicht das Ihre ist. Die Amis und die Tommys (Angelsachsen) hingegen kommen vorerst mal massiv von oben und reißen dem Nazi, der so überzeugt zu Goebbels ‚totalem Krieg‘ noch Ja geschrien hat, jetzt den Arsch bis zum Kragen auf.

Die FLAK (Fliegerabwehrkanonen) oben am Esterhazy-Bunker bellen heiser, aber nicht sehr wirkungsvoll in den Himmel. Die da oben schaufeln regelrecht Uncle Sams (Amerikas) reichen TNT-Segen (herkömmlicher Sprengstoff) aus ihren Kisten und bereiten wahllos und überall in der Stadt ein Feuerwerk. Selbst das Wiener Wahrzeichen, der Steffl (Stephansdom), brennt. Und wenn der einmal brennt, trifft es bis ins Mark, ist es aus.

Auch bei uns in der Münzwardein-Gasse in Mariahilf knallt es wie zur noch fernen Silvester–Jahrtausendwende, nur verdammt gefährlicher.

Ein vierstöckiges Wohnhaus, gerade lumpige hundert Meter weiter weg, kriegt einen Volltreffer, stürzt mit Ausnahme der Außenfassade bis in die Kellergeschosse ein, brennt aus. Ich schreie mich heiser und mache mir doppelt ins Hemd. Auch wenn ich noch null verstehe: Die Gefahr fühle ich trotzdem, die uns die fremden Jungs in ihren lässigen Bomberjacken von oben aus bescheren.

In Oma Karolines winziger Souterrainwohnung unterhalb der Trottoir-Ebene (Gehsteig) wähnt man sich fast schon im Keller. Die Fenster auf die Gasse sind ja bereits auf einem Niveau, dass jeder Rattler (rattenfressender Pinscher = dt. Hunderasse) sie anpinkeln und eintrüben kann. Licht kommt durch den schmalen Gassenschacht nur spärlich herunter, dennoch fühlt Karoline sich hier noch besser als im LSR-Gewölbe, wo sie sofort die Klaustrophobie befällt. Sie muss, sagt sie, wenigstens ein Stückchen Himmel sehen. Für Karoline gibt es ja seit dem Ersten Weltkrieg keinen angstfreien Seins-Zustand mehr. Was sie in all der Zeit einzig gelernt hat, ist, vor dem Leben gleich viel Angst zu haben wie vor dem Tod. Und dass sie sich in Angst ständig vor aller Welt duckt und sich wie ein Maulwurf verkriecht, erklärt schon ihre Wahl des vierundzwanzig Quadratmeter großen Zimmer-Küche-Souterrain-Lochs, das ihr ein subjektives Geschütztsein vorgaukelt.

Meine Mutter Maria (wie heilig das klingt!) hat mich nun auf der Brust liegen und setzt mir in ihrer verständlichen Scheißangst und Wehrlosigkeit vor den Bombeneinschlägen ihre Nägel am Rücken ein. Ich schreie unablässig und Oma Karoline beugt sich, uns beide umklammernd, trotz oder auch wegen ihrer Angst instinktiv über uns beide, als könne sie uns gleichsam mit ihrem Körper schützen.

Von den Dächern künden die Luftschutzsirenen vorläufige Entwarnung an. Ein paar Stunden des Aufatmens vielleicht, bis die nächste Angriffswelle kommt, und die nächste, und die nächste – so lange, bis der Herr Minister für Luftfahrt überzeugt ist, dass er ‚Meier‘ heißt, und bis der letzte Nazi kapiert, dass ihm weder heute, noch weniger morgen die ganze Welt gehört …

DER SERGEANT

(2. Kapitel)

Das Timing meiner Wiederkehr auf Gaia ist perfekt gewesen. Der Krieg ist aus. Mein Leben beginnt bei null. Das der übrig gebliebenen Österreicher auch – im anderen Sinne!

Die ‚tausend Jahre‘ des Reichs sind wie im Flug vergangen, und das Wundersame dabei: Mit der Kapitulation gibt es in Österreich keinen einzigen Nazi mehr! Einzig eine Handvoll großritterlicher, aufrichtiger NS-ler (Nationalsozialisten) hat es unserem maßlos sich selbst überschätzt habenden Braunauer Führer gleichgetan und sich der fragwürdigen Zukunftsperspektive wegen selbst alle gemacht. Warum auch nicht?

Über Wien ist das Leichentuch gebreitet. Nur wenig regt sich in den Trümmern. Es ist unglaublich still. Die Fassaden der ausgebombten Häuserzeile entlang des Donaukanals grienen wie nebeneinander aufgereihte Totenschädel, und keineswegs nur dort. Straßen, Gassen und Plätze präsentieren sich als Bombentrichter, Schuttberge, meist beides zugleich. Hauptstraßen geben sich an bizarr verbogenen Tramway-Schienen zu erkennen. Der, der jetzt fährt, soweit Fahren überhaupt möglich ist, ist ehestens einer von den alliierten Besatzern. Der Ami, der Tommy, der Russe und der Franzose haben sich die Stadt Wien zu je einem Viertel unter den Nagel gerissen. Die ‚Vier im Jeep‘ spielen jetzt überall MP (Militärpolizei) und stehlen der Wiener Polizei, die vorläufig nicht viel zu bestellen hat, die Show.

Der Wiener macht sich schleunigst auf die Beine, Nahrung und Arbeit irgendwelcher Art zu ergattern. Er kann es sich aussuchen, ob er im Schleich (Schwarzmarkt) am Karlsplatz seinen Familienschmuck gegen ein Kilo Schmalz eintauscht, oder ob er sich an den Hunger gewöhnt. Variante zwei ist die gängigere. Wiens Versorgungssituation ist so katastrophal schlecht, dass selbst die ungeliebten Russen aus Menschenfreundlichkeit und politischer Eindrucksschinderei Getreide aus der Ukraine nach Wien karren. Ein Momentbild von einem russischen Konvoi ochsengezogener Leiterwagen am Ring (Ringstraße), der ungezählte Säcke Getreide geladen hat: Einzelne spindeldürr abgemagerte Wiener zappeln dem Konvoi hinterher, um jedes heruntergerieselte Korn aufzulesen und es gleich in den Mund zu stecken.

Der Ami und der Russe können sich vom ersten Friedenstag an nicht mehr riechen und nennen das den Kalten Krieg. Zu unserm Glück muss alles, was der Russe macht, der Ami noch viel besser machen. Also stellt Uncle Sam aus purer Humanität – was denn sonst! – den Marshallplan auf die Beine – gigantische Hilfslieferungen, die uns Krischpindeln (schwachen Abgemagerten) zum Überleben verhelfen. Was anderes als Fressen und Überleben interessiert zurzeit ja keinen!

Während an einer Ecke die Amis brav Verbrauchsgüter heranschleppen, verschleppen die Sowjets an der anderen Ecke unsere letzten intakten technischen Einrichtungen in ihr sozialistisches Paradies.

1945/46. Auch Oma Karoline, Mama Maria und meine Wenigkeit mit Taufnamen Max haben heftigstes Magenknurren. Während ich schreie wie am Spieß, weil ich kaum mehr was in die Windeln zu machen habe, rennen Karoline und Mitzi (wienerisch für Maria) um ihr und mein Leben.

Karoline, angelernte Modistin, hat während der hundselenden Zwischenkriegszeit 1918–38 gerade noch Arbeit in der von ihrer Wohnung nur einen Steinwurf entfernten Damenhutfabrik der Gebrüder Ladstätter in der Hofmühlgasse ergattert. Natürlich hat der Ladstätter um 1945 weder Materialien für geschweige denn Nachfrage auf schicke Damenhüte. Arbeit gibt’s dennoch, zumal auch die Ladstätters überleben wollen. Also wird erst einmal erzeugt, was jetzt jeder braucht: eine warme Schirmkappe mit herabklappbaren Ohrenschützern – der Renner der folgenden Jahre. Begriffe wie Chic und Mode ringen dem Wiener momentan nicht einmal ein müdes Lächeln ab. Herr und Frau ‚Wiener‘ hocken zu Hause beim eiskalten Ofen mit der Ladstätter–Schirmkappe, klappen die Ohrenschützer herunter und gehen so gleich damit schlafen.

Nun gut: Karoline, ja selbst Mitzi kriegen Arbeit beim Ladstätter. Arbeit zu haben und ein paar Groschen zu verdienen ist jetzt vorrangig, auch wenn ich Windelträger das noch nicht kapieren kann. Also muss ich notgedrungen stundenlang alleine in Karolines Souterrainloch liegen. Instinktiv spüre ich das Verlassensein. Und weil es mir klarerweise Angst macht, schreie ich bis zur Erschöpfung. Nur jede Stunde etwa kommen Karoline oder Mama auf einen Sprung herüber, um nach mir zu sehen, mich ein bisserl im Arm zu wiegen und zu beruhigen.

1947. Der Begriff ‚Ami‘ ist noch ein Zauberwort. Wir sprechen ihm artig nach, dass er uns Österreicher nicht besetzt, sondern befreit hat. Dafür schenkt er uns Kaugummi oder ein Stück Schokolade, einem besonders hübschen Wiener Mädel vielleicht gar ein Paar der kostbaren reinseidenen Strümpfe, falls es sich auch noch unter den Rock greifen lässt.

Besetzt oder befreit. Gewissermaßen befreiend für Karoline ist, dass sie auf mündliche Empfehlung hin an einen Ami-Sergeanten herankommt, der ein kleines Problem hat: Es ist ihm nicht gestattet, in seinem dienstlichen Besatzungs-Standort Stiftskaserne (Mariahilferstraße) einen Schäferhund zu halten. Er hat aber einen; einen lieben, echten, deutschen Schäferhund. Einen, der nach der Invasion in der Normandie quasi herrenlos geworden war, sobald die Amis die widerspenstigen Krauts (spöttisch für Deutsche als Krautfresser), soweit noch nicht getürmt, aus ihren Westwall-Bunkern ausgeräuchert hatten.

Kurzes Übereinkommen zwischen dem Ami-Sergeant und Karoline: Der Hund kommt auf unbestimmte Zeit zu ihr in Kost und Pflege in die Vierundzwanzig-Quadratmeter-Souterrain-Wohnung! Kost kann nur heißen, dass der Sergeant das Hundefutter bereitstellt, amerikanische Fleischkonserven natürlich, daneben gibt’s auch ein paar Schilling Pflegegebühr monatlich. Die überglückliche Karoline, devot bis zur Selbstauflösung, kniete vorm Sergeant deswegen am liebsten nieder.

Hurra, ich, Max Rammel, bekomme jetzt einen Hund! Und nicht nur das: ich kriege auch ein bisschen was vom Hundefutter, der Ami-Marschverpflegung, der würzigen amerikanischen Fleischkonserve, weil es doch sonst nichts Gescheites zu essen gibt, schon gar nicht für Kleinkinder. Der Schönheitsfehler der Marschverpflegung: Sie marschiert bei mir hinten genauso schnell wieder raus wie vorne hineingelöffelt. Egal: Laut Karoline muss ich groß und stark werden … Und der arme Hund? Er ist wirklich der ärmste Hund. Er kriegt keinen Bissen von der Ami-Marschverpflegung, sondern den geschmacklosen, leeren Fraß, den sonst wir, Karoline, Mitzi und ich, gekriegt hätten. Mahlzeit!

1948. Im Frühling kriegt der freundliche Ami-Sergeant die Entlassung in sein Heimatregiment nach Colorado. Er kommt mit seinem tarngrünen Jeep in die Münzwardein-Gasse angefahren, um den mittlerweile peinlich abgemagerten Schäferhund aus Karolines ‚Kost und Pflege‘ zu holen und mit in die Staaten zu nehmen. Kein Wunder, dass der Schäfer seinem Herrl vor Freude winselnd an die Brust springt, ihn fast umwirft.

Danksagen und Abschied nehmen ist eine berührende Sache. Also heulen Karoline, Mitzi und ich im Chor. Der Hüne von einem Sergeant ist bewegt und wirkt auf Augenblicke ein bisschen hilflos. Seine Augen bekommen einen feuchten Glanz. Er umfasst uns drei, drückt uns lange, lässt alsdann den Hund im Jeep aufsitzen und knattert im Nebel blauen Benzindunstes davon.

EIN HEIMKEHRER

(3. Kapitel)

1946. Im Schritttempo kriecht die schwarze Dampflok fauchend unters Dach des gerade notdürftig reparierten Südbahnhofes in Wien. In den fünfzehn angekoppelten Gepäck- und Viehwaggons hocken auf dreckigem Stroh am Boden zusammengekauert etwa achthundert Heimkehrer. Sie sind in Süditalien aus einem Ami-Kriegsgefangenenlager entlassen worden. Die breiten Schiebetüren der primitiven Wagen sind bereits aufgezogen. Die Heimkehrer, körperlich und moralisch gebrochen, starren aus hohlen Augen erschöpft heraus; immer wieder heben sie die Arme zu einem müden Winken. Ihre Blicke verraten ein leises Flackern von Ungeduld; angstvolle Hoffnung, die Familie oder wenigsten einen Teil der Familie wiederzusehen, gleichgültig, ob das Dach über dem Kopf noch existiert oder nicht. Suchend huschen ihre Blicke über den Bahnsteig, der gepfropft voll ist von heftig winkenden, erschütterten, erstarrten, verweinten, hysterischen, kreischenden Frauen, die auf die Heimkehrer-Transporte warten, welche fast täglich aus allen Richtungen Europas eintreffen. Etliche der Frauen strecken auf Pappkartons gemalte Namen oder ein Wehrmachtsfoto ihres Gatten, Sohnes oder Angehörigen in die Höhe. Alle Augen suchen sich. Da und dort ein Schrei des wieder Erkannthabens. Wildes Rufen, Armfuchteln. Aufregung und Angst, sich in der Menschenmenge aus den Augen zu verlieren. Schwäche- und Ohnmachtsanfälle unter den Frauen sind in jenen Stunden nichts Ungewöhnliches. Die erregte Spannung der Menge – ein geballtes Energiefeld, das einen unwillkürlich mit reinzieht! Das Gedränge wird bereits lebensgefährlich, noch ehe der Zug ganz angehalten hat. Schließlich ergreifende Szenen unter jenen, die sich wiederhaben. Den anderen, die erneut und wieder und wieder auf einen der kommenden Heimkehrer-Züge warten müssen, stehen Erschütterung, Enttäuschung, Verzweiflung und Angst im Gesicht.

In dem Chaos, dem nicht endenwollenden Gedränge ist selbst das Aussteigen der teils leicht verwundeten, entsetzlich abgemagerten Frontschweine – wie sie sich selber im Soldatenjargon nennen – fast unmöglich. Vielen muss aus den trittbrettlosen Waggons heruntergeholfen werden, unter anderen auch August Rammel.

Gustl (Kurzform für August) hat seine Mitzi (Kurzform für Maria) in dem Meer von Frauen nicht entdeckt. Auch die Mitzi hat den Gustl nicht erspäht und wenn, vielleicht kaum mehr erkannt nach zwei Jahren. Die Ami-Gefangenenlager sind ja auch nicht gerade Erholungsheime zum Ausfuttern gewesen, wenngleich sie nie den fürchterlichen Ruf der russischen bekommen haben.

Gustls Mutter Karoline ist erst gar nicht zum Südbahnhof gekommen. Sie würde in der Erregung, in dem Gedränge, zusammenklappen. Wer außerdem sollte inzwischen Max beaufsichtigen?

Gustl gibt es mittlerweile auf, nach einem bekannten Gesicht zu suchen. Schwankenden Schrittes – immerhin wiegt er nur mehr 48 Kilo! – bahnt er sich langsam einen Weg aus der Menge, um den Heimweg in die Münzwardein-Gasse zu versuchen, wo die ‚tiefparterre‘ Karoline, wo auch Mitzi und er wohnen, wenn auch im vierten Stock des Hauses. Nach der Kapitulation hat er noch einmal Post von ihnen bekommen, an dessen Inhalt er sich nun klammert: „Alle wohlauf … Das Haus unversehrt …!"

Gustl steht vor der notdürftig geflickten Halbruine, die den Südbahnhof verkörpert, und registriert die übrigen massiven Zerstörungen rundum, wenngleich die Trümmerfrauen, haufenweise Wienerinnen, die für eine warme Suppe aus den Schuttbergen die noch brauchbaren Ziegel klopfen (den Mörtel abklopfen) und die Schuttberge per Hand beseitigen, bereits Ungeheures zum aufgerufenen ‚Wiederaufbau‘ leisten.

In der Prinz-Eugen-Straße nimmt der Fahrer eines schrottreifen, holzgasbetriebenen Lastwagens den geschwächten Gustl zu seinem Glück bis zur Pilgram-Brücke am Wien-Fluss mit. Von dort ist es zu Fuß nur mehr ein Katzensprung in die Münzwardein-Gasse.

Gustl klopft an Karolines Tür. Erst einen Spalt öffnend, reißt sie alsdann die Tür auf. Sie als Mutter erkennt ihren Sohn sofort, sie würde ihn immer erkennen, gleichgültig, wie er aussieht. Gustl sieht wahrlich erbarmungswürdig aus. Wortlos aufschluchzend hängt Karoline sich an seinen Hals; ihre Beine versagen kurz.

Der ‚Fremde‘, mein Papa, kommt ins Zimmer, nimmt mich, zitternd vor Anstrengung, aus dem Bett hoch, setzt mich auf seinen Arm, hutscht mich und redet lieb auf mich ein. Er sieht mich zum ersten Mal. Ich ihn natürlich auch. Mir ist der Kerl zu neu und nicht geheuer. Ich spreize mich abwehrend gegen ihn und plärre. Gustl sieht mich immer nur an. Dann zieht er gleichzeitig Karoline an sich und weint sich die ganze ausgestandene Angst, die Strapazen von der Seele, weint aus innerer Bewegung, aus Dankbarkeit, noch einmal davongekommen zu sein. Karoline heult gleich mit ihm. Die dreißig Jahre nie abreißender Angst im Kriegs-, Zwischenkriegs- und Nachkriegselend seit 1914 haben ihre schwachen Nerven erfolgreich kaputtgemacht.

Das Erste, was Karoline hervorbringt, ist: „Die Mitzi – sie is’ am Südbahnhof …!"

„Also doch, murmelt Gustl. Zwei Stunden später etwa kommt die Mitzi zurück. Sie schreit auf, fällt dem geschwächten Gustl um den Hals und schmust ihn ab, dass ihm schwindlig wird. Eines hat sie mit dem Gustl gemeinsam: eine schnelle und hohe sexuelle Erregbarkeit. Schnurrend, aufdringlich schmiegt sie sich bereits an ihn. Er ist fürs Erste einmal fix und fertig und kann es noch gar nicht fassen, dass er wirklich zu Hause unter seinen Lieben ist. Die Mitzi will mit dem Gustl am liebsten gleich hinauf in die Wohnung im vierten Stock verschwinden, weil sie eben erst die Regel gehabt hat. Karoline merkt und weiß alles. Ihr ist Mitzis Sexgier genügend bekannt. Karoline kann plötzlich nicht anders, als ihre Schwiegertochter unsanft zur Seite zu ziehen und sie anzuzischen: „Jetzt lass den Buam wenigstens a Zeit in Ruh, du bringst ihn ja no’ um mit deiner … deiner … – sie stößt es verzweifelt hervor – „blöden Puderei!"

Die Mitzi wird vor Scham knallrot. Sie ist verunsichert, aber auch verärgert über Karolines Einmischen in ihre Angelegenheiten. „Du hast ja recht", gesteht sie Karoline ein, nur, um sie zu beschwichtigen.

Am Abend, sobald sie mit dem Gustl in der Wohnung oben allein ist, reizt sie ihn trotzdem mit ihren Strapsen und den hautfarbenen Seidenstrümpfen unterm Kleid, die sie einem Ami-Besatzer charmant und nicht ohne ‚Gegenleistung‘ abgebettelt hat. Schließlich gelingt es ihr, den Gustl doch noch wild auf sie zu machen, oder was man von dem körperlichen Wrack noch als wild bezeichnen kann. Stöhnend ergießt sich der Heimgekehrte in sie. Danach fällt er förmlich wie ein fauler Apfel von ihr herunter. Es ist doch zu viel für ihn gewesen. Er wird plötzlich kalkweiß im Gesicht; ihm ist zum Kotzen übel, seine Hände zittern. Die Mitzi kriegt es auf einmal mit der Angst zu tun. Sie streichelt ihn, als könne sie ihn hiermit noch kräftigen. Gustl fühlt seinen Körper kaum noch. Er kriegt einen Weinkrampf, er muss die Mitzi von sich wegschieben. Ihm verschwimmt alles vor den Augen. Er fällt in tiefen Erschöpfungsschlaf.

DIE MÄRCHENERZÄHLERIN

(4. Kapitel)

1949. Münzwardein-Gasse. Im vierten Stock, himmelhoch über Karolines Maulwurfsbau, spielt Gustl mit Mitzi und mir auf der Zimmer-Küche-Kabinett-Kleinbühne seinen kurzen, verlogenen Einakter ‚Trautes Familienglück‘. Dank seines kleingeistig kranken Stolzes und Schamgefühls gibt er sich keine Blöße, die sein glanzpoliertes Image ins Wanken bringen könnte. Für Gustl, der sich sein Selbstwertgefühl am liebsten über den Weg der Selbsttäuschung holt, ist daher der Hausklatsch Albtraum Nummer eins. Und Hausklatsch jeden Themas gibt’s genug an der berüchtigten Gang-Bassena, der Gemeinschaftswasserleitung eines Stockwerks. Vorwiegend dort begegnen sich die Klatschweiber beim Abfüllen ihrer weiß emaillierten Kannen aus Blech, vorwiegend dort schwatzen sie bis zu einer Stunde lang ihr kleinliches, schonungsloses, niederträchtiges Blech. Nicht in der Waschküche, nicht am Trockenboden, nein: an der Gang-Bassena ist der absolute Nachrichten-Pool installiert, die schmierige Gerüchtebörse, wo das Widerwärtige, Berechnende und Verhetzende, das Intimste, Sensationelle und Heruntermachende, ja selbst das Wahre nicht ausgelassen wird. Viele Weiber untereinander können, ja wollen gar nichts für sich behalten. So gesehen ist die Bassena für sie – ähnlich der Wasserlöcher oder Dorfbrunnen – das emotionale Scheißhaus in höchster Vollendung.

Gustl weiß, dass seine gar nicht aus Liebe geschlossene Kriegs-Ehe mit Mitzi am Ende ist. Und keine Selbstberuhigungs-Pille passt ihm besser in den Kram, als diese Misere auf den ehemaligen psychopathischen Führer und seinen verlorenen „Scheiß"-Krieg zu schieben: Ja ja, nur die beiden sind es, die seine Zukunftsvisionen so grausam zerstört haben!

Was nun Mitzi an der Bassena-Börse über ihre Beziehungsmisere verbal herauskackt, bleibt nicht nur Klatsch im vierten Stock. Er wandert ebenso schnell stockabwärts bis in Karolines Tiefparterre, wo er schließlich – zu Omas Jammer – in schlimm verstümmelter Ausformung landet.

Gustl kommt abends nur mehr unregelmäßig nach Hause, und wenn er schon nach Hause kommt, gibt es zwischen Mitzi und ihm Stunk. So schallgedämpft können die zwei gar nicht streiten, dass nicht die sensationsgeilen Lauscher und Weitersager ihre Gangtüren leise spaltbreit öffnen, um sich die Zankereien wie Gratis-Befriedigungs-Tropfen in die Ohren zu träufeln. Heiliger Florian, welche Lust ist es doch, aus sicherer Distanz das Dach des Nachbarn brennen zu sehen! Gustl und Mitzi gehen bereits wegen jedem Schmarren in den Clinch. Anstatt eingelenkt wird vielmehr provoziert. Hierin ist Gustl ein As. Die Freundin, die er sich im Polizei-Innendienst angelacht hat und mit der er längst schläft, gibt ihm innerlich Rückenwind. Mit ihr allein glaubt er, seinem verpatzten Leben entfliehen zu können.

Somit ist Mitzi für ihn eine Altlast, die er loswerden will; ein Auslaufmodell, bei dem er bald keinen mehr hochkriegt. Dabei ist Mitzi alles andere im Bett als eine Langweilerin. Gerade sie ist eine, die ständig nach Mann und männlichen Hormonen lechzt, sodass all die welken Weiber im Haus, die Schwänze oft nurmehr aus Abbildungen alter Medizin-Hausbücher kennen, der Mitzi nichts lieber als Nymphomanie unterstellen. Aber ist eine junge, gesunde Frau Nymphomanin, wenn sie der standesamtlich zustehende Schwanzträger nicht mehr fickt und sie mit ihrer berechtigt nassen Spalte einen Ersatzbefriediger ins Auge fasst? Ist es dann eine Schande, dem geilen, ach so glücklich verheirateten, gerade deshalb Abwechslung suchenden Rentner von nebenan oder dem zugegebenermaßen am liebsten alles fickenden Hausmeister Avancen zu machen? Gilt es schon als Betrug, den ein Herz für enttäuschte Damen habenden Briefträger, Gasableser, Rauchfangkehrer, Kesselflicker und den in Naturalien zahlenden Kräutler (Gemüsehändler) den Hintern, den Busen, die lustfeuchte Spalte ein bisserl nur befingern zu lassen?

Ich in meinem zarten, dummen Alter kann natürlich mit Papas und Mamas Dilemma nichts anfangen. Mir ist das alles zu hoch. Mir ist ja nicht einmal entfernt bewusst, dass mein Unterbewusstsein die ganze Schlammschlacht registriert und für mein späteres Leben als ‚Knabbergebäck‘ übelster Sorte abspeichert. Wohl spüre ich massiv die schlechte Energie, die meine Alten da regelmäßig im Raum verbreiten, und verdrücke mich instinktiv gern in die letzte, dunkelste Ecke der Wohnung: in die schmale Nische zwischen Wand und Kleiderkasten, unter die Betten, unter den Tisch mit der ihn umgebenden Sesselbein-Palisade.

Wenn Papa und Mama miteinander verbal voll beschäftigt sind, haben sie keinen Sinn dafür, mich auf ihren Schoß zu nehmen, mich zu streicheln, mit mir zu plaudern oder zu spielen. Ich merke, dass ich in der Zeit für sie gar nicht da bin. So kommt es, dass Papa und Mama meine Rückzugsbewegung aus dieser und speziell aus ihrer Welt nicht einmal bemerken. Ich igle, ich spinne mich ein, ich verstecke mich möglichst tief in mir, ohne dennoch den seelischen Halt, die Sicherheit in der Tiefe meines Selbst zu finden – womit denn auch? Ich habe ja von meinen tollen Vorbildern nicht gelernt, zu lieben, am wenigsten mich selbst zu lieben! Meine kindhafte Hilfs- und Bewusstlosigkeit trägt eher dazu bei, ein gestörtes Verhältnis zur Liebe zu entwickeln. Die mir wichtigen und vertrauten Personen sind zwar anwesend, aber sie sind nicht wirklich da – für mich da! Ich spüre ihre Liebe kaum und fühle mich von ihnen – wieder einmal! – im Stich gelassen.

Mein Papa übt sich fleißig in der Selbsttäuschung, er bringe seine Ehemisere mit schallgedämpftem Kriegsgeschrei zu einem unauffälligen Abschluss. Er hat mein Unterbewusstsein nicht einkalkuliert, und das ist ja nicht blöd!

Wenn mich jemand fragte, ob ich meine Eltern liebe, ich würde es sofort bejahen und nicht einmal merken, dass meinem vermeintlichen Lieben bloß Schutzsuche zugrunde liegt. Weshalb sonst sollte ich meine Eltern lieben – ja, weshalb eigentlich sonst noch?

In den Augen meiner Eltern bin ich das angenehme, ‚pflegeleichte‘ Kind, denn ich bin still, zurückgezogen, ängstlich, ohne eine eigene Meinung, angepasst und unfrei. Sie erleben das als etwas Bequemes, Angenehmes und Erfreuliches, nennen das artig und erzählen es jedem, der es wissen will.

Und so erlebe ich die Umwelt aus der Sicht der Froschperspektive: Ich, der Frosch, empfinde alles um mich herum als höher, stärker und wichtiger, als ich selber es je sein könnte. Deshalb fühle ich mich unter den Alten so bedeutungslos wie eine Hausmaus, die zufällig im selben Zinshaus ihren Unterschlupf hat und am Käse mitnascht.

Mit dieser Wertvorstellung gehe ich natürlich nicht vorwärts ins Leben, sondern rückwärts, was mit ‚Rückzug‘ gleichzusetzen ist. Ich mache mich winzig, verschwinde in mich hinein, teile mich kaum mit. Ich will von niemandem was, erwarte von niemandem was und entwickle mich zum scheuen Einzelgänger.

Damit bei Papa, Mama und Oma über mein Verhalten keine Verwunderung, Unruhe oder Sorge aufkommt, sind sie sich einig darüber, mein Verhalten sei halt „genetisch so vorgegeben."

Somit bin ich konditioniert als ohnmächtige Randfigur, als farb- und geruchloser Familien-Mitläufer, dessen unauffälliges Dasein, das bereits ein auffälliges Nichtvorhandensein ist, den Alten gut in den Kram passt. Ich selbst empfinde diesen Zustand als nicht erniedrigend oder schlecht, einfach deshalb, weil ich nie Besseres kennengelernt habe.

Ich bin es gewohnt, über die längere Zeit nur für mich selbst zu sein, ohne einen Kontakt zu der gerade mich beaufsichtigenden Person herzustellen. Es ist, als brauchte ich sie nur noch, dass ich leiblich versorgt sei. Mein Gespür sagt mir zumindest, dass sie das auch wirklich tun will!

Meine Lebewelt ist hauptsächlich im Reich der Fantasie, im Tagtraum, in die die äußere Welt bloß aus der Distanz eindringt. Irgendwo auf dem Fußboden hockend lausche ich dem morgendlichen Hufgeklapper der Molkereiwagenpferde auf dem Buckelpflaster, dem scheppernden Aneinanderschlagen der leeren Kannen. Ich höre die stets gleich ablaufende Motoren-Melodie, das durchdringend quietschende In-die-Kurve-Schleifen des Dreizehner-Wagens (Straßenbahnlinie 13) in die Hofmühlgasse. Mein Herz, meine Gefühle schwingen mit zu den Drehorgelklängen des bettelnden, kriegsinvaliden Werkelmannes (Drehorgelspieler) im Hauseingang des Fanny-Elssler-Hauses. Gelegentlich mag sich ein Grüppchen musizierender Zigeuner in unserem grau verschatteten, von zahllosen Tauben verschissenen Innenhof verirren und ein paar in Zeitung gewickelte, runtergeworfene Groschen über die Hoffenster ernten. Spät vormittags ruft gelegentlich der ‚Pracker‘, ein fliegender Händler mit vierrädrigem Handwagen, seine Ware aus: „Maschanska (Apfelsorte) hob i do – kauft’s ma’ a o (welche ab) – ’s Kilo sechz’g Grosch’n, zwa Kilo an Schüling (Schilling)! Schlussendlich kommt einmal in der Woche einer mit einem ächzend knirschenden Handwagen vorbei und schreit in die Gasse: „Da Hodanmau (Altstoffsammler) is do: oids (altes) Eisn, Fetzn, Köllagraum (Kellerkram)!

Diese Geräusche und ein, zwei ganz armselige Spielsachen ergeben meine Welt, in der eine Blumenwiese der Fantasie blüht.

Natürlich gibt’s da noch das Radio, jenen aus Gröfaz’ (größtem Feldherrn aller Zeiten) Zeiten stammenden Volksempfänger – ein schwarzes Holzkastl mit einer runden, stoffbespannten Lautsprecherausnehmung und zwei Drehknöpfen darunter. Lausche ich den Tönen dieses Kastls, fühle ich daraus Leben, Ansprache, Geborgenheit. Der Kasten spielt, singt mir was vor, er redet zu mir – jedenfalls zehnmal mehr als die Mama, die das Radio bloß anschaltet, wenn es ihr zu still wird an den warmen Abenden bei offenen Fenstern, an denen eine satte Ruhe und lähmende Langeweile auch in der Hofmühlgasse einkehrt, die nur der durchsurrende Dreizehner gelegentlich unterbricht.

Radio also zum Be-leben?!

Nun: Einiges aus dem Radio kann mich auch nerven, am meisten der Langweiler von einem Sprecher, der täglich mit eintöniger Stimme etwas verliest, das sich so anhört: Hier ist Radio Rot-Weiß-Rot. Wir bringen die Vermissten-Meldungen: (Pause) Josef Brunneder, geboren am 12. Januar 1909, Gefreiter im vierten Infanterie-Regiment, zuletzt gesehen im November neunzehnhunderteinundvierzig im Raum Charkow, Sowjetunion. Sachdienliche Angaben erbitten wir an … (Pause). Ferdinand Brunner, … geboren … … zuletzt gesehen … Angaben über den Verbleib …

So geht das endlos und wird nach zwei, drei Namensnennungen schon fad. Noch dazu kriegt die Mama ein ernstes, betroffenes Gesicht, das ich nicht mag, weil ich nicht verstehe, warum. Fehlt nur noch, dass der Papa wieder einmal nicht nach Hause kommt. Dann geht von der Mama eine eigenartige Stimmung aus, die den warmen, ruhigen Abend plötzlich zu einem düsteren, geheimnisvoll bedrückenden macht. Ich kann deutlich fühlen, irgendwas ist faul in der Familie – aber was ist es?

Es ist Abend geworden und ich rutsche im dunklen Zimmer auf Knien unterm Tisch auf dem braun lackierten Bretterboden herum, der an vielen Stellen so rau ist, dass ich mir regelmäßig einen scheußlich stechenden Span einziehe.

Im Radio singt der Franzl Schier ein schmalztriefendes Wienerlied, das die Mitzi in der schwach beleuchteten Küche mitträllert. Sie hat sich ein Lavoir (blecherne Waschschüssel) warmen Wassers auf den Boden gestellt, rafft ihren Kittel hoch, geht in die Hocke, wäscht sich mit der Hand zwischen den Beinen – und dabei singt sie zusammen mit dem Schier Franzl. Der ist bereits bei der dritten Strophe, als Mitzi die Stelle zwischen den Beinen in zunehmend schnellerem Tempo wäscht, wobei ihr Singen auf einmal abbricht und in ein komisches und beängstigendes Schmerz-Lust-Stöhnen übergeht. Jetzt geben sogar ihre Beine nach und sie plumpst mit ihrem breiten Hintern derart aufs Lavoir, dass Wasser herausschwappt und sie sich mit den Händen am Boden abstützen muss. Sie schnauft und wirkt erschöpft.

„Mama!, rufe ich nur halblaut und ängstlich. Sie hört es nicht. „Mama!, rufe ich ein weiteres Mal. Sie wendet sich erschrocken um. Wahrhaftig: Sie hat mich in ihrem Tun völlig vergessen, sie hat nicht daran gedacht, dass ich sie beobachten könnte. Sie ist puterrot geworden und steht schnell auf. Von ihrer Verlegenheit ablenkend stimmt sie lauten, fröhlichen Gesanges in einen Schmachtfetzen mit ein, den ein gewisser Rudi Schurike gerade durchs Radio säuselt.

Was hat Mama da vorhin getan? Ich verstehe überhaupt nichts.

Da sagt sie plötzlich: „Du, Max! Wenn du dich brav ins Bett legst, erzähl ich dir ein Märchen."

Wie bitte – sie will mir Märchen erzählen? Das ist neu, geradezu verdächtig. Wieso plötzlich die auffallende Zuwendung?

Aber natürlich bin ich zugleich hocherfreut und riesig gespannt auf ihr Märchen! Hoffentlich hat sie mir damit kein Märchen erzählt, dass sie mir ein Märchen erzählen wird.

Wie ein Hund, der ein Stück Wurst gezeigt bekommen hat, bin ich schnurstracks im Bett, ziehe mir den grauen, löchrigen Wehrmachtskotzen (grobe Decke) bis über den Kopf und warte. Mama kommt nicht. Jeder Augenblick erscheint wie eine Ewigkeit. Mama kommt und kommt nicht. Hat sie mich hingehalten? Hat sie mich bereits wieder vergessen? Ich komme mir schon wieder so unwichtig vor! Verletztsein und Traurigkeit beginnen sich in mir zu regen. Da plötzlich merke ich, wie sie zu mir ins Bett schlüpft. Sie hat ein kurzes, kunstseidenes Unterkleid an, das sich glatt anfühlt. Ich spüre ihren warmen Körper hindurch. Die Berührung vermittelt mir Geborgenheit. Die Hände unter der Decke, verharre ich bewegungslos, um nur ja keinen Fehler zu machen.

Wir liegen beide ganz ruhig eine Weile nebeneinander und starren im Finstern zum Plafond (Decke). Sie sagt nichts. Und ich warte ergeben. Ich schäme mich, zu reklamieren. Lieber sage ich nichts und bin traurig.

Sie spürt meine Stimmung und fragt: „Hast d’ was? Was hast d’ denn?"

„Mama … du wollt’st …" Na ja: Mitteilen, reden überhaupt, ist nicht meine Sache. Meine Stimme wird rau, erstickt schon wieder.

„Richtig, ich hab dir ja versprochen …! (Pause) Alsoo … Ich hänge wie ein Verdurstender an ihren Lippen. „Da war einmal … ein Prinz, … und deeer …

Wie kann ich wissen, dass die Mitzi nicht EIN Märchen, ja nicht die kleinste Geschichte im Kopf hat? In ihrer unergiebigen Fantasie muss sie erst die nächsten paar Maschen ihrer Luft-Geschichte zu einem Sinn zusammenstricken, und das braucht natürlich Zeit. Aber just der schleppend langsame Erzähler scheint das Interesse seines Publikums besonders herauszufordern. Angespannt lauschend liege ich da und nehme so nebenbei wahr, dass ich offenbar durchs löchrige Leintuch hindurch mit dem Finger aufgeregt in einem Spalt der zerschleißenden Rosshaarmatratze bohre. Unter Pausen presst Mama weitere Satzfragmente hervor. Sie seufzt dabei immer auffälliger. Das Erzählen dürfte sie ungeheuer hernehmen. Die Geschichte verliert an Würze und ich verliere zusehends das Interesse an den zähflüssigen Abenteuern des Prinzen. Auf einmal bin ich gedanklich mehr bei dem Loch in der Matratze als bei dem faden Prinzen.

„Du, Mama, sage ich, „wieso ist es da feucht in der Matratze, da, wo das Loch ist? „Welches Loch? „Na, das in der Matratze, wo die Haare herauskommen! „Wo?", fragt sie unschuldsvoll und hebt sogar ein wenig die Decke an, damit wir beide drunter schauen können. Sie tut sehr überrascht, und ich bin es daraufhin wirklich! Nicht die Matratze und das Rosshaar sind es, worin ich bohre – es sind die borstigen schwarzen Haare zwischen ihren Beinen. Mama kichert und will mir damit nur zeigen, dass ich mich geirrt habe und dass ich das auch lustig finden darf. Zuerst bin ich erstaunt, dass Mama sich genauso anfühlt wie das Rosshaar! Dann bin ich irritiert und eigenartig unangenehm berührt. Durfte ich dort meine Hand überhaupt haben oder war das was Schlechtes? Ich bin überfordert.

Meine Gedanken springen. „Kommt der Papa nicht nach Hause?, frage ich. „Nein, wahrscheinlich ist er bei der bösen, bösen Freundin!, sagt Mitzi aufwiegelnd. „Aha. Und was ist eine Freundin?, frage ich. Mama bleibt mir die Antwort schuldig. Ein wenig später klopft es dezent an der Wohnungstür. Mitzi geht im Unterkleid aufmachen. Eine längere Weile höre ich Männergemurmel und ein verhaltenes Kichern von Mama. Ich erkenne die Stimme des Hausmeisters, ich irre mich da nicht. Mama kommt zu mir zurück und sagt: „Max, bleib schön brav liegen und schlaf! Ich bin nur kurz bei der Nachbarin und helf’ ihr beim Kuchenbacken. Sie hat sich grad’ ein bisserl Staubzucker bei mir ausgeborgt.

Wieso lügt Mama mich an? Ich versteh sie nicht. Als die Tür dann von außen ins Schloss schnappt, komme ich mir wieder verdammt einsam vor.

BEI KAROLINE

(5. Kapitel)

1950. Meine Mutter gibt auf und hat auf meines Vaters langes, gekonntes Zureden, sein ‚charmantes‘ Drängen, nun doch die Scheidung eingereicht.

Geht es nicht einmal mehr darum, seine schwer nachweisbare eheliche Untreue oder ein Vernachlässigen seiner ehelichen Pflichten als Scheidungsgrund anzugeben – die Ehe, den damaligen Umständen nach unbestreitbar mehr Zweck- als Liebesheirat gewesen, ist seit Kriegsschluss als „vollkommen zerrüttet und am Ende" anzusehen, was selbst für die Scheidungsrichterschaft zu dieser Zeit kein unbekanntes Phänomen ist. Der Hitler und der Krieg hätten alles ruiniert, erklärt man, und da und dort mag das sogar stimmen.

Für solch einvernehmlich sich Trennende ergibt sich nun vielmehr die Frage, wie es nach der Scheidung für den Einzelnen existenziell weitergeht und was mit den Kindern passieren soll.

Mein Vater, dessen Ego-Dickschädel für sich längst alles ausgetüftelt hat, denkt jedenfalls nicht daran, der Mitzi ein Jota Sorgerecht über mich zu überlassen. Max, das steht für ihn fest, bleibt in seiner Obhut, wenngleich er schon weiß, dass er mich notgedrungen die längere Zeit bei Karoline lassen muss. Und die gute Oma, dank ihrer Sorgen, Ängste und Neurosen stets am Rande seelischen und körperlichen Kollabierens wandelnd, ist von meinem Vater bereits präpariert, diesbezüglich ins gleiche Horn zu stoßen.

Meine Mutter Maria, im Gegensatz zur Heiligen Mutter Maria dafür bekannt, die Mütterlichkeit nicht grade erfunden zu haben, zeigt sich jetzt auch nicht als diejenige, die um ihr Kind mit Zähnen und Klauen kämpft, das fühle ich. Zumindest oberflächlich scheine ich darunter nicht einmal zu leiden, Mamas Sparliebe und Sparzuwendung ist ja für mich das ‚Normale‘.

Am ehesten leidet, wie zu bemerken ist, Oma Karoline unter all diesen familiären Aufregungen und schwierigen Umständen. Komplett überfordert damit ist sie zwischen hochgradiger Nervosität und Erschöpfung hin- und hergerissen, und so riecht es in ihrem Tiefparterre auch wieder penetrant nach Baldrian, jenem dunklen Wundersaft, den Oma aufgrund der Ereignisse bereits aus Halbliterflaschen löffelt, um ihre Herzneurose auf die Reihe zu bringen.

Gustl dahingegen mimt da den Kapitän von Stärke, der mit unbeugsamer, stolzer Haltung den vollgelaufenen Kahn stets perfekt auf den Grund manövriert. Im Sternbild des Löwen geboren, gibt es für ihn nichts Undenkbareres, als von seinem Podest herabzusteigen und einmal schwach zu sein, beschissene Gefühle zuzulassen, eigene Fehler und Schwächen, eine unangenehme Wahrheit, eine Niederlage sich einzugestehen; es wäre das Entsetzlichste für sein kümmerliches Selbstwertgefühl.

Schon deshalb muss in seinen Augen der andere stets die Figur des Schwächeren, des Minderen und Blöderen abgeben; da setzt Gustl – unter Aufbieten allen Charmes! – jeden Dreh und Schmäh (Trick und Überredungskunst) ein, um dem anderen seine egozentrischen Standpunkte und Vorhaben aufs Auge zu drücken.

Sein Plan, Mitzi eine Rutsche in ihre Zukunft zu legen, damit er sie unproblematisch, endgültig und ohne eigenes Schuldeingeständnis loswerde, ist ausgeklügelt und scheint vielversprechend. Der ‚geistlose Trampel‘ muss ja, wie er denkt, nach der Karotte schnappen, die er ihr vor die Nase hängt, damit er seinen Karriereflug beginnen kann. Hat er ja, der Findige, Unschlagbare, seinen sicheren Posten als Kanzleischreiber im Polizeikommissariat Prater erst kürzlich aufgegeben und sich – wie großartig nur! – zum selbstständigen Kaufmann aufgeschwungen. Im Klartext bedeutet das: Er hat eine lächerlich winzige Greißlerei (Gemischtwarenhandel) in der ödesten Randgegend Wiens aufgemacht – mangels Eigenkapital unter beträchtlichen Schulden natürlich!

Jetzt braucht er auch eine Lebenspartnerin mit Fixeinkommen, die ihn und mich erhält, damit er geschäftlich die erste Zeit überhaupt überleben kann. Da passt ihm eine ungelernte und arbeitslose Mitzi, für die er noch sorgen muss, nicht ins Konzept.

„Schau, Mitzi, erklärt er ihr in so gut wie beschlossener Sache, „i verschaff dir an Posten als Haushälterin bei einer gut situierten Familie – in England, fügt er beiläufig hinzu, als wär das gleich ums Eck.

„Weißt, dort geht’s dir dann ohnehin besser als bei uns. Die hab’n ja alles, schließlich ham s ’n Krieg g’wonnen! Ja, und der Max: Der is’ dir drüben eh nur a Klotz am Bein. Den lasst halt da. I und die Karolin kümmern uns scho’ um ihn, und du fangst drüb’n a komplett neu’s Leben an, lernst wieder an kennen und so – na waast (weißt) eh … Mitzi hat mit offenem Mund zugehört. „Aber …, fällt ihr plötzlich dazu ein, „i versteh’ ja ka (kein) Wort Englisch! „Geh Tschapperl (kleine Hilflose), das lernst drüben in null-komma-nix, wannst da’s (wenn du es) brauchst. Aber ka Sorg: Die Familie dort red’t a (auch) Deutsch. Mitzi ist baff. „Die Familie? Hast du di’ gar scho’ um alles erkundigt? „Ja, um alles. Waßt, die da drüb’m wünschen si’ a Wienerin. Scho’ wengan (wegen dem) Koch’n. Und dann ham s’ no’ zwa Kinder, die zu betreu’n san, und an Hund. Also…?, drängt Gustl schon weiter und blickt der Mitzi hypnotisierend in die Augen. „Schreibst denen glei’, dass d’ den Posten annimmst, bevor er weg is’ – i gib dir de Adress’!"

Mama lässt sich überzeugen und schreibt tatsächlich nach England. Ihr Brief wird postwendend beantwortet. Sie kann die Anstellung haben. Sie alle freuen sich, Mitzi in die Familie aufzunehmen. Mitzi bleibt die Spucke weg. Die Dinge entwickeln sich rascher, als sie denken kann. Ihre Gedanken wirbeln durcheinander. Ihre Gefühle wechseln zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Aufbruchsfreude und Trennungsschmerz. Wenn ihr auch mulmig wird bei dem Gedanken, alles Gewohnte, Nahestehende zurückzulassen und in Britannien ein völlig neues Leben zu beginnen, so packt sie letztendlich der Mut der Verzweiflung. Dann spürt sie, wie sie innerlich stark wird, alles Kommende zu bewältigen. Wenigstens Boden spürt sie jetzt unter den Füßen, auch wenn der noch beängstigend fremd ist.

Mag sie sich noch so oft das Hirn darüber zermartern, wie es nach der Scheidung weitergegangen wäre, sie kommt zwangsläufig immer zum selben Schluss: Bliebe sie in Österreich, hätte sie fürs Erste nicht einmal eine Arbeit oder einen Groschen Geld, um damit ihr Leben zu fristen.

Gewiss, ihre grundgütigen Eltern in der miachtelnden (muffig riechenden) Ziegelböhm-Zinskaserne (Werkswohnungen der ehemals zugewanderten böhmischen Ziegelarbeiter) am Wienerberg hätten sie jederzeit wieder aufgenommen. Ja und dann? – Vielleicht wieder zu sechst auf Zimmer-Küche wohnen, sich wie ihre Eltern und die vier Brüder als Schwerarbeiter lebenslang am Werk (Wienerberger Ziegelwerk) schinden beim Lehmstechen und Ziegelbrennen, und das wär’s dann gewesen? Sie hat ja eigentlich immer von dort raus und weg wollen!

Unauffällig trifft Mitzi ihre Reisevorbereitungen. Ich soll ja, darüber sind sich alle einig, von ihrer Abreise erst im letzten Moment erfahren, dann, wenn es unumgänglich wird. Vorläufig sind alle so falsch und verschwiegen mir gegenüber, als wäre nichts im Busch.

Ein, zwei Mal ertappe ich Mama, wie sie unauffällig in ihrem antiquarischen Englisch-Wörterbuch blättert und sich leise, als würden die Spatzen vor Lachen nicht vom Ast fallen, in der englischen Phonetik übt.

Entgegen Gustls Wunsch wissen die Hausparteien aller Stockwerke bereits von Mitzis kühnem Veränderungsplan – aus erster Hand natürlich! – womit auf den Mühlen des Hausklatsches endlich wieder einmal genügend Wasser ist.

Gustl, der Gerne-Schweiger und Hinweg-Täuscher, beißt sich lieber die Lippen ab, als dass er mich einfach auf sein Knie setzt und mir die Vorgänge in einfachen Worten erklärt. Er wird Karoline dazu einteilen, mir zeitgerecht alles zu sagen. Dafür stellt er ihr auch eine Flasche Baldrian auf die Kredenz (Anrichte).

Karoline flattern indessen die Knie. Sie sieht bereits ein Seelen-Desaster in mir heraufziehen, versetzt sie sich geistig schon in meine Lage. Als fühlende Frau und Mutter muss ihr ja das Heulen kommen. Umso mehr ist sie überrascht und erleichtert, als ihre ‚Horrornachricht‘ mir keinen Schock versetzt, keine Träne abquetscht, mir keinen hysterischen Weinkrampf, keine Angst und Trauer beschert. Tatsächlich nehme ich, rein äußerlich gesehen, die Mitteilung so ruhig und gefasst auf, als habe ich ohnehin schon längstens alles geahnt und erwartet. Was für ein Glück, denkt Karoline, indem sie glaubt, das Problem schon losgeworden zu sein. Aber sie irrt sich. Denn ich komme mit der von ihr befürchteten Frage erst jetzt angerückt.

„Du, Oma, warum hat der Papa die Mama denn nicht wollen?"

Karoline ringt mit der Antwort, ehe sie jene geschickte findet, die mehr ausdrückt, als ich mit meinen fünf Jahren schon verstehe. „Ja weißt, deine Mama hat oft die Beine … so weit auseinander gegeben. Das hat den Papa gestört."

Die Beine auseinander geben?! Ist das schon als schwerwiegende Verfehlung anzusehen, dass man sich deswegen trennt? Wenn ich darüber nachdenke, ist mir Mamas so schlecht hingestellte ‚Angewohnheit‘ nie wirklich aufgefallen, weshalb ich die gequälte Oma auch schon weiter löchere.

„Du, Oma, wann hat denn die Mama die Beine so weit auseinander gegeben? Karoline steigen Nervosität und Hitze in den Kopf, aber sie muss das Begonnene zu Ende bringen. „Na, wenn sie … in der Küche steht, beim Abwaschen, beim Kochen. Oder beim Bettenmachen, fällt Karoline noch schnell ein, „überall gibt sie die Beine auseinander – soo!", demonstriert sie, indem sie an ihrem plumpen Untergestell die Beine grätscht. Ich nicke artig ein ‚Aha‘ und frage nicht mehr weiter, weil ich es ohnehin nicht verstehe und weil alles zu Anstrengende mich immer schnell langweilt.

Mama ist reisefertig. Das ohnehin nicht sehr Üppige ihrer Habseligkeiten steht, in einen mittelgroßen Koffer gepackt, bei Karoline, der letzten Station ihres Abschiednehmens. Welchen Klimas meine Eltern voneinander geschieden sind, entzieht sich meiner Kenntnis, nachdem Papa alle ihm peinlichen Szenen, worunter auch alle berührenden fallen, versteckt abhandelt, nach dem Motto: „Nur ka Aufseh’n erreg’n und um Gott’s Will’n nur kane Gefühle zeigen!"

So nehme ich nur daran teil, wie Oma und Mama sich in die Arme fallen und wenigstens ihre Gefühle jetzt unter Rotz und Wasser herausschluchzen. Mitzi stützt Karoline, weil der dabei für Augenblicke die Beine versagen. Danach drückt Mama mich nur wortlos und fest an sich. Als sie sich dann energisch von mir löst, steckt ihr der Knödel im Hals, und sie kann mir nicht in die Augen schauen.

Wir winken ihr noch, bis sie mit ihrem Gepäck hinter der Ecke des Flurs verschwunden ist.

In einer grauslichen Gefühlmischung von Weh, Leere und dumpfer Taubheit schwankt Mitzi, den Westbahnhof zum Ziel, die Hofmühlgasse hinauf zur Dreizehner-Haltestelle.

Nun müsste man glauben, nach all der angespannten Zeit ziehe endlich etwas Ruhe in Karolines Gemütszustand ein. Aber Karoline scheint aufgrund ihrer angestammt nervösen, neurasthenischen Disposition erst ihre innere Ruhe zu finden, wenn es die letzte ist. Sind für sie zuletzt meine ehegescheiterten Eltern Stressfaktor Nummer eins gewesen, so rückt nun der eine Zeit lang nicht im Brennpunkt gestanden habende Opa Heinrich wieder zur Nummer eins auf. An zweiter Stelle rangiere schon ich in Omas Stressliste, sieht sie sich denn nach Mamas Abreise in der Pflicht und Verantwortung einer ‚Ersatzmutter‘ und glaubt, bei jeder Gelegenheit wie eine Glucke ihr erstickendes Federkleid über mich stülpen zu müssen.

Indem ich jeden Morgen nun, wenn Papa sein ‚Unternehmen‘ aufsperren geht, vom hellen vierten Stock ins gruftig dämmrige Tiefparterre ziehe, bin ich all den Absonderlichkeiten, Absurditäten und grotesken Ausformungen karolin’scher Lebenskultur ausgesetzt, die auf meine Entwicklung alles andere als einen günstigen Einfluss ausüben. Als hätte ich nicht schon im Babyalter Bekanntschaft mit Angst gemacht, lebt die doppelweltkriegsgeschädigte, nur Notzeiten erlebt habende Oma mir nun täglich vor, dass man das Leben nur in Angst verbringen kann, ist es ja voller Gefahren, wo man nur hinschaut!

Verwundert es da noch, dass Großmutter wie Großvater immer schön in ihrer tiefparterren Deckung bleiben, hinter stets fest verriegelten Fenstern und Türen, wo nichts eindringen kann, nicht einmal Frischluft?

Verhaftet in dieser Geisteshaltung sind Karoline wie Heinrich sich selbst im Weg, ihr beider Dasein realistisch, entkrampft und lustvoll zu erleben. Kann bei solchen Vorbildern aus mir viel anderes werden?

Lieber Gott – wenn ich nur schon schreiben könnte! Oma hat mir zwar ein paar Blockbuchstaben beigebracht, die ich ganz verwortagelt (missglückt) hinmale. Aber richtige Worte schreiben zu können, das wäre was! Als Erstes schriebe ich eine Liste, wovor vor allem Oma Angst hat. Tatsächlich kämen Seiten zustande im Versuch, Karolines alles Angstmachende lückenlos zu erfassen. Im Groben sind da – alphabetisch gesehen – nur zu nennen: Anarchie, Arbeitslosigkeit, Asthma, Autoverkehr, Blitzschlag, Bomben, Diebsgesindel, Einbruch, eingesperrtsein, Erblindung, Erdbeben, Ersticken an Gräten, Herzschmerzen, Hexenschuss, Hochwasser, Hunger, Inflation, Invalidität, Kreislaufschwäche, Krieg, Obrigkeiten, Ratten, Russen, Schneechaos, Schnupfen, Sonnenhitze, Vergewaltigung, Verstopfung, Überfall, Zahnweh und Zunge verbrennen mit zu heißer Suppe.

Schon Karolines ängstliche Scheu, ihr kleinlautes Auftreten vor ‚Respektspersonen‘, wie sie die Mehrheit der Leute sieht, ist grotesk. Da wird sie plötzlich devot vor dem wichtigtuerischen Hausmeister, erst recht vor dem Briefträger, dem Gaskassier, dem Fahrscheinkontrolleur, dem Schalterbeamten auf der Post, sind ja letztere Amtskappenträger und deshalb für sie Höhere! Wie Karoline es mir vorlebt, werde ich automatisch mitkonditioniert, zu solchen Leuten ganz froschperspektivisch, mit übergebührlichem Respekt also, aufzuschauen, sind die doch eindeutig was Besseres als man selbst!

Zum Glück gelingt es mir, nicht alles zu übernehmen, was Oma da vorlebt. Gegen die meisten ihrer merkwürdigen, von ihr für normal gehaltenen Verhaltensweisen und Gewohnheiten habe ich nämlich eine gesunde Abneigung. Ich finde es richtig ekelig, dass sie sich, egal ob Tages- oder Nachtzeit, immer in voller Montur ins Bett legt: in dem schon wochenlang nicht gewechselten Kleid, dem Unterzeug und Strümpfen, in denen sie kocht, putzt, wäscht, einheizt, Besorgungen macht, auf den Naschmarkt, in die Waschküche, zur Milchfrau (Milchgeschäft) und aufs Klo geht. Zum einen macht sie das aus einem Mangel an Selbstliebe und Körperhygiene, zum andern hat sie sich seit den Weltkriegen angewöhnt, fix und fertig angezogen zu bleiben, auch wenn jetzt kein Fliegeralarm mehr stattfindet. So ist Karoline bereits gewohnt, ihren schlaff-schwammigen, kreidebleichen Körper niemals einem Lichtstrahl oder Lufthauch auszusetzen und in der abgestandenen Wärme ihres schon ‚orientalisch‘ riechenden Kleides, ihrer schlotternd weiten, dicken Barchent-Unterhose, ihren schweißsteifen Strümpfen, im eigenen Dunst zu schmoren. Natürlich ist es ihr in den stickigen, stinkigen Klamotten unmöglich, jemals einen erquicklichen Schlaf zu finden, deshalb wälzt sie sich ja im Seichtschlaf ruhelos hin und her, einmal schwitzend, einmal fröstelnd, einmal die von Grauschleiern befallene Tuchent (Federndecke) nervös wegstrampelnd, das andere Mal dieselbe wieder bis zum Hals hochziehend.

Karolines Ängste, es könne jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren, halten ihren Organismus in ständiger Alarmbereitschaft. Deshalb – sie will ja völlig sicher sein! – tastet sie stets nach dem flachen Päckchen unter ihrem Kopfpolster, jener zum Umschlag gefalteten Seite des Kleinen Blattes (Zeitung), in der sie die I-Karte, ihren Identitätsausweis für Wiens Besatzungszonen, den Straßenbahner-Ausweis, ihren Dauerfahrausweis sowie ihre ganzen Geldersparnisse eingepackt hat. Man kann ja nie wissen – mit den Russen – und den Atombomben…

Sooft Oma und Opa zum allgemeinen Schaudern Schauriges über die Russen erzählen, werde ich selber immer überzeugter, dass Russen etwas Gefährliches sind. Wie befriedigend ist es dann für mich, beim Greißler in der Hofmühlgasse diese schleimig glatten ‚Russen‘ zerstückelt in Gläsern eingesperrt zu sehen, wo sie inmitten beißender Zwiebelringe im Essig schmachten.

Nicht oft genug, nicht dramatisch genug, kann Oma mir auch einschärfen, wie gefährlich das Leben draußen auf der Straße sei. Also sei es besser, immer in ihrer Nähe zu bleiben, in der tiefparterren Versenkung, hinter geschlossenen Fenstern und heruntergelassenen Rollos, hinter mehrfachen Verriegelungen, die nur dazu da sind, dass man sie überprüft, ob sie fest genug eingerastet sind.

Da nun Omas Fenster durchgehend geschlossen bleiben, wenn nicht gerade der Ofen einmal fürchterlich qualmt, atme ich ganzjährig sauerstoffarme, dafür aber stark naphtalin-angereicherte Luft in meinen schmächtigen Brustkorb.

Ich mag ihn, den süßlich-penetranten Geruch jenes weißen Pulvers in Säckchen, das nicht nur für Motten tödlich ist! Ich schnuppere ihm gerne nach, sobald Oma einmal im Monat die klemmenden Schranktüren kraftvoll aufzieht, um ihre mollige, über dem Knie abschließende rosa Unterhose zu wechseln.

Um die Naphtalin-Nebel nicht verflüchtigen zu lassen, schließt sie es schnell wieder, das ‚verklemmte‘ Erb- und Möbelstück, damit die elendigen Biester nicht vielleicht noch Opas einzigen guten Anzug anknabbern. Dabei stehen die Motten gar nicht auf Opas Jahrzehnte alten, schwarzen Kreidestreifanzug, weil für die das eigentliche Schlaraffia unter Omas Bett ungleich interessanter, reichhaltiger und abwechslungsreicher ist. Sechs(!) stabile Großhandels-Henko-Kartons (Waschpulver) nämlich, vollgestopft mit Stoffresten und Schneidereiabfällen aller Art: Flauschiges, Seidiges, Samtiges, Garniges, Plüschiges. Mit einem Wort: ein Berg Fetzen! – Tag und Nacht geöffnete Gratisausspeisungen für die geflügelten Nager, die ihre ertragreichen Gebärstätten im Lurch, in der unberührten Natur musealen Staubgewölks unter den Betten, gefunden haben.

Was die Stoffreste betrifft, so ist Karoline überzeugt, dass jedes einzelne Fleckerl wertvoll ist, weil es, wie sie sagt, „irgendwann einmal bestimmt gebraucht wird", genauso, wie man jedes Seidenpapierl, jedes Stanniolpapierl, jedes Papiersackerl, alte Zeitungen, jedes Glasl (Einsiedeglas

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Zeitschwelle Null denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen