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Ccjurah Muraey
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eBook515 Seiten7 Stunden

Ccjurah Muraey

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Über dieses E-Book

'Ccjurah Muraey' ist der Start einer fantasievollen Abenteuerreihe; gespickt mit zahlreichen Steampunk Elementen. Eine ausgefallene Geschichte, die trotz tragischer Schicksale einen gewissen Humor bewahrt und durch zahlreiche Wendungen immer wieder neue Spannung aufbaut. Das ganze spielt in einer komplexen Welt in der Magie kein einfaches Werkzeug, sondern eine eigene, komplexe und vielfältige Wissenschaft ist, die auf unterschiedlichste Art und Weise Anwendungen findet.
SpracheDeutsch
HerausgeberTWENTYSIX
Erscheinungsdatum1. März 2016
ISBN9783740706746
Ccjurah Muraey
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Autor

Ralf Rickert

1991 geboren in Gladbeck und dort aufgewachsen. Seit Kindheit an kreativ tätig und schon von früh an, an den unbeschränkten Möglichkeiten des geschriebenen Wortes interessiert.

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    Buchvorschau

    Ccjurah Muraey - Ralf Rickert

    Inhaltsverzeichnis

    1 Das neue Universum

    2 Das Wunder der Geburt

    3 Das Winterlicht

    4 Kindheit

    5 Kinderschreck

    6 Suche nach Frau Kasstra

    7 Kaseradu

    8 Spionage Sabotage

    9 Uhrwerkkrieger

    10 Die Staatsoper

    11 Kriegsgesang

    12 Der Erste

    13 Des Kanzlers Zorn

    14 Melodie

    15 Kriegswerkzeug

    16 Unruhen im Steinbruch

    17 Große Prüfung

    18 Der Bluthirsch

    19 Königin des Stahls

    20 Schlacht ins Paradies

    21 Die Frau an allen Orten

    22 Sabians' Fabrik

    23 Engelskraft

    24 Sturz von Albrasa

    25 Dunkles Ashradan

    26 Im Karatus Gefaengnis

    27 Goldenes Ashradan

    28 Falscher Name

    29 Der verlorene Schüler

    30 Ein Tag Frieden

    Impressum

    1 Das neue Universum

    Die alte Erde war unter den Händen des Zorns verbrannt. Alles alte Leben, das je existierte, wurde nach dem letzten Tag der zweitausendjährigen Strafe ausgelöscht. Der Ursprung, welcher über Feuer und Wut herrschte, musste sich seinen Körper mit den unsterblichen Seelen der anderen Sechs teilen. Doch ihre Macht ließ den Leib mit der Zeit zerfallen, bis er letztendlich zerbrach. So starb auch das letzte Gefäß für die grenzen losen Mächte, die einst das Universum gegründet hatten.

    Die Flammen einer gewaltigen Explosion, gleich der Energie von hunderten Supernovae, wurde in alle Richtungen des Universums geschleudert. Die Macht der sieben Ursprünge trieb das wütende Feuer bis an den Rand des scheinbar grenzen losen Raums. In Hunderten Farben schossen Gase, Staub und Kristallsplitter aus dem Zentrum der Detonation. Große Wolken und feinen Strahlen trieben in alle Richtungen aus. Mit einem Schlag war die leere Schwärze mit allen nur erdenklichen Farben erfüllt.

    Mit einem Schlag wurde jeder Planet, der im Laufe der Jahr Milliarden entstanden war, jede Galaxie, ob bewohnt oder nicht, durch eine einzige Welle zu Staub zermalmt. Trüber und farbenfroher Nebel glitt umher, wurde von lebendigen Strahlen gleißenden Lichts durchzogen. Es waren die Geister der Sieben Ursprünge, deren grenzenlose Macht nun körperlos durchs All irrte und begannen alles neu zu formen.

    Ewigkeiten trieben sie durch das leblose Farbenspiel, erhellten es mit jedem verstreichenden Jahrtausend der himmlischen Zeitrechnung ein wenig mehr. Die glühend heißen Gas- und Staubwolken wurden zusammen getrieben, formten neue Splitter aus Stein, Metall und Eis. Sie trafen aufeinander, formten größere Asteroiden und Planetoiden.

    In den Zentren heißer, wirbelnder Gaswolken, formten sich junge Planeten und Sonnen. Sie zogen alles in ihrer Nähe an, wuchsen so immer weiter. Jeder Asteroid der in die kreiselnden Feuerkugeln schlug, löste eine Explosion aus und lange, flammende Schlaufen erhoben sich, wie nach Beute suchende Fangarme, ins Nichts.

    Nach und nach entstanden neue Galaxien, doch keine der abertausenden Sonnensysteme war dafür bestimmt neues Leben hervorzubringen. Es gab keine Engel mehr die Energien ernten könnten. Leben war überflüssig geworden. Doch noch flogen die Seelen der sieben Ursprünge, die das gesamte Vermächtnis einer einst prächtigen Zivilisation in sich trugen, unkontrolliert durchs All.

    Außer den ursprünglichen, göttlichen Kräften die alles existente beherrschten, kam eine andere Macht wieder zum Leben. Eine dunkle, künstlich entstandene Macht.

    Aus einem einzelnen, belebten Funken, der vom Herz des einst gefallenen Schreiberlings überlebt hatte, entstand dieser neu. Aus allen Winkeln des Universums fanden die zu Staub zerfallenen Teile den endlos langen Weg zurück. Sie sammelten sich um das sandkorngroße Licht, welches mit letzter Kraft versuchte, nicht vollends zu erlöschen. Und wie die Planeten, sollte auch sein Leib über Jahr Millionen neu entstehen.

    Die Energie die er sich zu seinen Lebzeiten angeeignet hatte und das Isolieren seines Selbst vom Lebenszyklus der Engel, hatte es ihm ermöglicht eine eigene Quelle der Macht zu werden. Im Vergleich mit den Ursprüngen, nur ein kleiner Funken, wie der, der überlebt hatte, doch im Vergleich mit den Menschen, eine wahre Gottheit. Er war das einzige Wesen, das es je geschafft hatte, sich der Kraft und den Einflüssen der sieben großen Mächte zu entziehen und deren alles zerstörende Energie zu überleben. Ein Staubkorn wie alle anderen, das sich nur darin unterschied, dass es ein eigenes Leben besaß.

    Die weißen, wandernden Lichter hatten es erneut geschafft und das Universum in Bewegung versetzt. Doch ohne ihre Körper, konnten sie kaum gezielt handeln. Sie konnten nichts sehen, nichts beachten. Sie taten nur, was ihre Bestimmung war, das wozu ihre Macht sie antrieb. So konnten sie unmöglich den winzigen Funken entdecken, noch ihn auslöschen.

    Ihr letztes Ziel war nur, sich neue Körper zu formen. Und wie es in ihrer Natur lag, im Zentrum des Universums. Sie umkreisten sich gegenseitig, in weiten Bögen, die sich immer enger zusammen zogen. So fanden sie die genaue Mitte. Den absoluten Nullpunkt. Dort angelangt, begannen die Mächte sich selbst zu verfolgen, wurden auch dabei immer kleiner und dichter. Die eigentlichen Farben, der noch weißen Körper, verstärkten sich. Gold für das Leben, rot für das Feuer, Gelb für die Erde, grün für die Luft, blau für das Wasser, schwarz für den Tod und violett für das Gleichgewicht. Alles was das Leben braucht um zu existieren.

    Die leuchtenden Kugeln bildeten, in großen Abständen zueinander, ein Siebeneck. Soweit voneinander entfernt, dass sie sich gegenseitig kaum sahen. Und auch sie begannen alles um sich herum anzuziehen. Sammelten Gestein und Metalle, formten sich daraus neue Körper, in Form von Planeten. Diese strahlten die immense Energie ihrer Bewohner weit aus und beeinflussten damit den weiten Raum um sich herum. Da sie selbst den Mittelpunkt des endlosen Weltalls bildeten, standen die Ursprünge starr auf einer Achse, die sich langsam drehte. Diese Planeten Konstellation hielt zusammen und kreiste nicht, wie andere Planeten um eine Sonne, ganz im Gegenteil. Es bildete sich eine Sonne, welche sich den Bewegungen der Planeten anpasste. Die Energie der Engel fing an ein Netz aufzubauen. Jeder einzelne von ihnen bekam einen unsichtbaren Kontakt zu den anderen. Dieser Energiefluss fing viele umherfliegende Asteroiden ab. Genau im Mittelpunkt des Siebenecks wuchs ein anderer, junger Planet heran. Dieser eine, vergleichsweise winzige Planet, eher durch Zufall entstanden, würde eines Tages das Geschenk des Lebens erhalten.

    Es folgten einige Monde, die die Planeten der Ursprünge umkreisten und einen der die Erde umrundete. Wie früher schon, sollten eines Tages die Gezeiten die Welt formen. Weitere Monde wurden, von den starken Energieflüssen, immer wieder angezogen und abgestoßen. Wurden ins All geschleudert und fanden irgendwann den Weg zurück. Immer wieder durchquerten sie den Planetenzirkel, streiften die Erde, verloren sich erneut in den Weiten des Universums. Dies waren die Wandermonde, dessen Masse und Gravitationskraft eines Tages das Geschehen auf der Erde immer wieder beeinflussen würde.

    2 Das Wunder der Geburt

    »Telera. Telera! Warte doch mal mein Kind. Hallo!« Rief die volle Stimme der älteren Dame.

    Es war Markttag und der gepflasterte Platz voll mit dutzenden Ständen. Nicht nur Obst und Gemüse, auch teure Gewürze, Stoffe und Metalle wurden verkauft. Handwerksarbeit aus aller Welt. Die Hafenstadt wuchs in den letzten paar Jahren zu einem Drehkreuz für Reisende und Händler aus aller Welt. Manche nahmen sogar große Umwege auf sich, nur um ausgerechnet an diesen Ort zu gelangen.

    Die Stadt ragte hinauf bis auf die hohen Klippen. Die Bucht war durch ihre Lage gut geschützt und dank gut durchdachter Architektur bot der Hafen, selbst für die größten Schiffe genug Platz. Sie brachten, alle paar Monate, mehrere Tonnen kostbare Waren in die Stadt, aber auch hunderte Reisende. Und eine dieser reisenden war Joane Galopi. Die gerade sechzig jährige Frau, mit den grauen und stets perfekt sitzenden Haaren, kannte fast jeder in der großen Stadt Kaleropedis. Sie war die wohl netteste Frau, die je gelebt hat. Sie war gerade mit ihrem Mann von einem Besuch seiner alten Heimat zurückgekommen. Erst seit dem Vortag befanden sie sich wieder in der Stadt. Und jemand den sie unbedingt wiedersehen musste, war Telera. Denn ihr Freund hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, nur wenige Tage bevor Ane und Mann zu einer Urlaubsreise angetreten waren. Sie hatten kaum Zeit sich gemeinsam darüber zu freuen und leider hatte Ane auch die Hochzeit verpasst. Die kräftige Dame drängelte sich zwischen den stehenden Leuten durch.

    »Machen sie doch mal Platz«, schnaubte die ältere Dame, bevor sie Telera begrüßen konnte.

    »Ach komm her mein Kind, lass dich drücken. Ich bin ja so froh, dich endlich wiederzusehen. Mein Mann und ich waren so traurig, als wir nach deinem Antrag so schnell weg waren und keine Zeit für dich hatten. Aber jetzt ist Tante Ane ja wieder da und wir können alles nachholen. Wie war die Hochzeit mein Schatz? Ich will dass du mir alles erzählst.«

    Ane nahm Telera in ihre kräftigen Arme und drückte sie fest an sich. Die junge Dame selbst war ziemlich überrascht gewesen. Sie hatte fast vergessen, dass Ane wieder in der Stadt war und versuchte nun eine ihrer berüchtigten Umarmungen zu überstehen. Tante Ane arbeitete zusammen mit ihrem Mann in einer Pizzastube. Durch das tägliche Teig kneten hatte sie mehr Kraft als manch ein Minenarbeiter, so glaubte man zumindest.

    Als sich die Hände mit den weißen Spitzenhandschuhen von Teleras Rücken lösten, holte sie tief Luft und lächelte ihre liebe alte Freundin an.

    »Ach Tante Ane. Ich hab dich so vermisst. Die Hochzeit war toll. Wir haben drei Tage lang gefeiert und die Trauung in der Kirche war auch sehr schön. Alle unsere Freunde waren da, nur dich haben wir alle vermisst.«

    Ihre Stimme war recht hell und sie sprach auch meistens ziemlich leise. Einer der Gründe wieso Ane sie so mochte. Es war einfach angenehm ihr beim Reden zuzuhören.

    »Das tut mir Leid mein Kindchen. Aber jetzt bin ich wieder hier. Wir hatten eine tolle Reise. Und wir haben euch natürlich auch noch was mitgebracht. Ich hab es allerdings zu Hause, in meiner Reisetasche. Joes Mutter hatte es uns mitgegeben, als sie hörte, dass ihr Heiraten werdet. Es ist wirklich ein reizendes Geschenk. Hast du Zeit? Dann komm mit zu mir, dann kann ich es dir geben.«

    Wer sich wundern sollte, dass die Mutter des alten Mannes noch lebt, und dass in einer Zeit in der viele Menschen früh starben, der sollte Wissen, dass in dieser Zauberhaften Welt die merkwürdigsten Dinge möglich waren. Meist ohne das jemand sagen konnte wieso.

    Während des ganzen Gespräches hielt Ane noch die Hände ihres kleinen Lieblings fest. Sie bekam sich kaum ein vor Freude.

    Telera war eine bildhübsche junge Frau mit hochgesteckten blonden Haaren. Wie alle Frauen trug sie einen langen Rock und ein hoch geschlossenes Oberteil. In den Städten gab man sich anständig und vornehm. Zivilisiert waren die Menschen geworden, hatten das dunkle Mittelalter schon lange hinter sich gelassen. Zumindest was die Technik und die Äußerlichkeiten betraf.

    Sie drückte ihre schlanken Hände in die kräftigen von Ane, beugte sich zu ihr herüber und schaute kurz nach links und rechts.

    »Weißt du, ich wollte da noch eine Sache erledigen. Adam und ich haben nämlich ein kleines Problem. Wir versuchen es schon seit längerem, aber bisher bin ich noch nicht schwanger. Wir machen uns langsam Sorgen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich wollte zu einem der Schamanenstände gehen und fragen, ob mir vielleicht eine der alten Kräuterhexen weiterhelfen kann«, flüsterte sie ganz leise, kicherte dabei leicht verlegen.

    In ihrer Welt war Magie weit verbreitet, auch wenn eher wenige Menschen und Tiere sie wirklich beherrschten. Es gab viele Arten von Zauberern, aber auch Leute die es vermochten, ohne selbst Magie zu beherrschen, magische Artefakte herzustellen. Und es gab eben auch Schamanen. Sie hatten meist ein großes Wissen über die Natur, stellten Salben und Zaubertränke her. Doch gab es genügend, die nur so taten. Sie holten sich Medizin aus fernen Ländern oder mischten einfach irgendwelche Kräuter zusammen, verkauften sie dann als Wundermittel. Daher war der ganze Berufszweig ziemlich in Verruf geraten.

    Im gleichen Flüsterton antwortete Ane ihrer lieben Freundin.

    »Ach, da brauchst du doch nicht zu den ollen Gaunern, hier im Hafen, gehen. Ich hab da noch was zu Hause, was dir bestimmt helfen wird. Ich hab es von einer alten Bekannten. Sie ist eine echte Schamanin und ihr kann man vertrauen. Komm, wir gehen zu mir. Dann kann ich dir auch das Geschenk für euch geben und du kannst Joe begrüßen. Er wird sich auch riesig freuen dich wiederzusehen.«

    Eine freudige Umarmung gab Telera Joane.

    »Meine Liebe Tante Ane. Was wäre die Welt nur ohne dich?«

    So gingen die beiden Frauen zusammen am Hafen entlang, bogen ab in die schmale Gasse, welche Steil den Hang hinauf führte. So steil, dass es dort keinen normalen Weg, sondern nur eine lange Treppe gab. Krumm schlängelte sie sich den Hang hinauf. Die alte Pizzastube stand mit allen andern Häusern dicht an dich. Ein Fenster stand offen, aus dem sich der dickliche Joe lehnte. Die paar grauen Haare, die er noch auf seinem Kopf hatte, wehten leicht im Wind. Ansonsten trug er nur eine Anzughose und ein Unterhemd. Die einst weiße Schürze war seine Arbeitskleidung.

    »Ahh.. Die beide‘ schönste‘ Frauen die ich kenn‘ kommen zusammen in meine Haus. Was für eine Freude«, sprach er mit rauer Stimme und einem deutlichen Akzent.

    Sofort legte sich ein Lächeln auf die Lippen des alten Pizzabäckers und er streckte den Frauen seine Arme entgegen.

    »Hallo Joe. Ich bin so froh dich wieder zu sehen. Schön das ihr wieder hier seid. Jeder hat deine Pizza vermisst. Alle wollte nur wissen wann es wieder die Weltberühmte Pizza von Joe Galopi gibt«, sagte Telera mit freudig heller Stimme und begrüßte den Mann.

    Ane räusperte sich kurz und hob ihre Augenbrauen.

    »Was soll denn hier heißen Joes Pizza? Immerhin bin ich diejenige, die jeden Tag den Teig knetet und die Tomatensoße kocht.«

    Sie verschränkte ihre Arme und warf ihrem Gatten einen ernsten Blick zu, doch folgte nur eine Sekunde später ein zartes Lächeln.

    »Ach, meine süße Rose. Du weißt doch, dass ich ohne dich nichts wäre. Meine Pizza schmeckt nur dank dir so einmalig. Du bist meine Muse. Meine Göttin. Die Hälfte meiner Pizzen trägt deinen Namen.«

    »Du alter Charmeur. Das weiß ich doch alles. Und übrigens«, sie hob erneut ihre Augenbraue während Telera und sie hinein gingen, »du solltest dir ein anders Kompliment einfallen lassen. Denn du hast nur zwei Pizzen auf deiner Karte.«

    »Ja und? Solle ich die andere etwa auch noch nach dir benennen? Dann hätte ich doch zwei Mal die Joane auf meiner Karte. Da weiß doch niemand mehr was er bestellt!«

    Aufgeregt gestikulierte der alte Herr mit seinen Händen.

    Die beiden Damen gingen durch die kleine Pizzastube. Direkt neben der Tür stand der Verkaufstresen. Dahinter war in dem schmalen Haus nur Platz für drei Tische, an denen wenige Stühle standen. Sie gingen die schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort befand sich die kleine Küche des alten Ehepaares. Ein Tisch, ähnlich klein wie die unten in der Pizzastube, stand an der Wand unter dem Fenster. Davor an einer anderen Wand stand der Herd. Ein breites, eisernes Gerät das weiß lackiert war. Ein Abzugsrohr leitete den heißen Rauch nach draußen.

    »Setz dich mein Kind, ich gehe eben nach oben und holen dir die Sachen.«

    »Danke Ane.«

    Es war herrlich hier. Es duftete immer nach frisch gebackener Pizza, selbst in der Nacht. Und nach dem lieblichen, frischen Parfüm von Tante Ane.

    Nach wenigen Minuten kam sie schnaubend die alte Treppe wieder herunter. Auch sie setzte sich an den Tisch und legte ein kleines, braunes Päckchen auf die rosa Spitzentischdecke.

    »Hier. Mach es auf. Das wird dir bestimmt gefallen. Ich hab mich so gefreut als es mir gegeben wurde.«

    Telera schaute das kleine Paket an, nahm es vorsichtig in die Hand. Ganz zaghaft löste sie die Kordel und entfaltete das Papier. Darin befand sich eine goldene Brosche, feine Verzierungen, wie Fäden, lagen vielfach verschnörkelt um eine Fassung. In der Mitte ein Bild, das unter einer dünnen, durchsichtigen Scheibe verschlossen war. Woraus genau diese Brosche gemacht wurde hatte man Ane nicht gesagt. Es war ein farbenfrohes, kleines Bild eines Engels, der in den Wolken lag und friedlich hinauf zu den Sternen sah.

    »Sie ist wunderschön«, sagte Telera mit leiser Stimme

    Sie konnte ihren Blick gar nicht von dem Schmuckstück lassen.

    »Es ist ein altes Familienerbstück, das schon einige Jahrzehnte alt ist. Sie soll die Trägerin beschützen und ihr eine lange, gesunde und glückliche Ehe schenken. Außerdem sollen sie einen lange Jung halten«, Ane winkte mit der Hand ab, »das ist natürlich nur ein Aberglaube. Aber ich dachte mir, schaden kann es nicht. Und wenn man schon so eine zauberhafte Brosche geschenkt bekommt, dann sollte man sie auch annehmen. So, jetzt aber zu dem wichtigsten. Ich wollte dir ja noch was anderes geben.«

    Tante Ane stand wieder von dem Tischchen auf und ging zu dem kleinen Schränkchen, das neben dem Herd an der Wand hing. Ein einfaches Gewürzregal. Zwischen einigen getrockneten Kräutern und ein paar Gewürzen in Tontöpfen, lag ein dünner Beutel aus Jute. Dieses brachte sie Telera an den Tisch.

    »Hör mir gut zu. Da drin ist eine Wurzel. Du musst sie mit dem Messer zerdrücken und dann einen Tee daraus kochen. Zerteil sie aber am besten in ein paar Stücke, dann kannst du auch etwas in eine Suppe oder vielleicht den Kaffee tun. Sie riecht frisch zwar stark, doch wenn sie gekocht ist schmeckt man sie kaum noch. Gib deinem Mann die nächsten drei Tage davon was. Und du selbst solltest am besten auch eine Tasse trinken. Und viel Wasser. Fisch solltest du so lange weg lassen. Mir wurde gesagt, dass kann die Wirkung eventuell aufheben. Sag deinem Mann am besten nichts. Die Herren sind immer etwas empfindlich was dieses Thema angeht. Mach den Tee oder Kaffee einfach was stärker und er wird es gar nicht bemerken. Aber am wichtigsten ist, du musst es dann am Morgen des vierten Tages mit ihm tun. Am besten bevor ihr aufgestanden seid und bevor er zur Morgentoilette war. Sonst kann es sein, dass die ganze Wirkung im Klo runter geht. Ich hatte sie mal geholt, weil wir eventuell Kinder wollten. Doch sind wir glücklich, so wie es ist und mittlerweile bin ich eh schon viel zu alt. Also nimm du sie ruhig, schenke mir ein hübsches Mädchen. Ich wollte schon immer gern eine kleine Enkeltochter haben.«

    Glücklich lächelte Tante Ane über den Tisch und drückte Telera die Wurzel in die Hand. Die junge Frau bekam Tränen in den Augen.

    »Oh Ane. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Du bist immer so gut zu mir. Vielen, vielen Dank.«

    »Ach Kindchen. Ich hab‘s dir doch gesagt. Bekomm' ein hübsches Mädchen und ich bin zufrieden«, meinte Joane lachend, »und jetzt geh schnell nach Hause und koch deinem Mann eine schöne Suppe. In ein paar Wochen wirst du wohl merken, ob du Schwanger bist oder nicht.«

    Die beiden Frauen nahmen sich über den Tisch hinweg in die Arme, standen auf und gingen zusammen runter, vor die Haustüre der kleinen Pizzastube.

    »Macht es gut ihr zwei«, sagte Telera, immer noch mit kleinen Tränen in den Augen.

    »Du auch Telera und melde dich bald mal wieder.«

    Aus dem Fenster gelehnt verabschiedete sich auch Joe.

    »Mach‘s gut meine Mädchen. Und kommt bald mal wieder eine Pizza essen.«

    Ein vorwurfsvoller Blick, mit einem Lächeln entschärft warf Joane ihrem Mann zu.

    »Wer ist hier dein Mädchen, du alter Greis?!«

    Telera wohnte mit ihrem Mann in einer kleine Hütte, in der Nähe der Stadtmauer, zwischen zwei großen Häusern. Dort angekommen machte sie sich gleich ans Werk. Doch erst versteckte sie die Brosche in einem Linsentöpfchen. Zum Tragen war sie ihr zu schade, besonders in dem ärmlichen Viertel in dem sie lebten.

    Die Wurzel legte die junge Frau neben ihr Küchenbrett, auf welchem sie viel Gemüse klein schnitt. Ein großer Topf stand auf, für reichlich Suppe, die die Nächsten Tage reichen sollte. Auch etwas Fleisch kam mit rein.

    In einem kleineren Topf kochte sie nebenbei einen Tee. Sie warf reichlich Teeblätter hinein, etwas des teuren Zuckers und noch ein paar Apfelscheiben, um den Geschmack der Wurzel zu überdecken.

    Erst als am Abend die Sonne versank, kam Teleras Mann nach Hause. Er arbeitete in einer der Erzminen, in denen Hauptsächlich Eisen abgebaut wurde. Nur ab und an stieß man in einzelnen Schächten auf andere Metalle.

    Die Haustür ging auf und rein wehte der kühle Abendwind.

    »Hallo Schatz. Ich bin wieder da«, hallte die tiefe und volle Stimme durch den kurzen Hausflur.

    Telera kam aus der Küche, das Essen war gerade fertig geworden.

    »Schön dass du wieder da bist Adam. Ich hab Eintopf gemacht. Und Tee für die nächsten paar Tage. Es gab heute günstig Gemüse, da musste ich einfach was mehr kaufen.«

    Adam zog sich die Jacke und die dreckige Arbeitskleidung aus, hing sie an einen Haken der Garderobe. Sie umarmten sich und gaben sich einen Kuss, nachdem Telera einen Rußfleck im Gesicht hatte. Ihr Mann wischte ihn leise lachend weg.

    »Ich mag deine Eintöpfe. Aber jetzt gehe ich mich erst einmal waschen.«

    »Mach das, Liebling. Ich tisch’ schon mal auf.«

    Wenige Minuten später saßen beiden am Tisch und lächelten sich glücklich an. Sie hatten nicht viel und würden wohl auch niemals reich werden. Doch wollten sie es auch nicht unbedingt. Ihr einziger, wirklicher Wunsch war ein Kind zu bekommen. Und mit Hoffnung im Hinterkopf setzte die junge Frau ihrem schwer arbeitenden Gatten, drei Tage hintereinander, ihren Eintopf vor. Er beschwerte sich nicht, dass der Eintopf nicht unbedingt besser wurde. Er jammerte nicht, dass es immer dasselbe gab. Ganz im Gegenteil. Er freute sich darüber jeden Tag warmes und gutes Essen zu haben, dass seine liebe Frau sich so gut um ihn sorgte. Er war froh Telera geheiratet zu haben und verliebte sich jeden Tag ein Stück mehr in sie.

    Dann kam endlich der Morgen des vierten Tages. Telera war schon wach, noch bevor der Wecker ihres Mannes schellte, und wollte nicht mehr warten. Sie küsste ihn sanft wach, streichelte ihm das Gesicht und lächelte ihn fröhlich an.

    »Guten Morgen mein Schatz«, flüsterte sie.

    »Morgen Liebes.«

    Er gähnte und streckte sich kurz.

    »Was ist denn mit dir los? So früh schon so munter?«

    »Ach weißt du. Ich dachte ich wecke dich mal auf eine angenehmere Art und Weiße.«

    Durch ihre liebliche Art viel es ihr leicht ihren Mann zu bezirzen. So liebten sie sich diesen Morgen, noch bevor sie aus ihrem Bett aufstanden. Und Telera spürte ganz genau, dass es dieses Mal geklappt hatte.

    Auch wenn es kein Zufall war, das sie schwanger wurde, so war es doch ein umso größerer Zufall, dass gerade sie jenes Kind empfing. An diesem Morgen durchdrang einer der Wandermonde den Planetenring, der die Erde umgab und reflektierte den Energiefluss einer der riesigen Planeten. Genau derselbe Mond, wie er schon mehrmals vorbeigezogen war. Doch nur wenige Male, so wie auch an diesem Tag, wanderte er durch das unsichtbare Netz der Ursprünge. Die Energie die er zurückwarf, kehrte in den Planeten des Engels der Wollust und des Gleichgewichts wieder ein. Dort staute sie sich an, bündelte sich und kam mit der hundertfachen Kraft auf die Erde nieder. Schon der normale Energiefluss sorgte dafür, dass manche Menschen mit großen magischen Kräften geboren wurden, doch dieser Überschuss bewirkte ein kleines Wunder. Im Moment in dem Telera ihr Kind empfing, traf der Strahl die Erde und suchte einen Körper den er beseelen konnte.

    Die Menschen auf dem neu geborenen Planeten trugen praktisch von Natur aus winzig kleine Kristallsplitter in sich. Wie die, die bei der Neuschöpfung des Universums freigesetzt wurden. Wie Mineralien überall auf der Welt verteilt und werden von allen Lebensformen aufgenommen. Diese winzigen Splitter waren es erst, die es überhaupt ermöglichten, dass Menschen die fließende Energie für sich nutzen konnten. Und eben diese winzigen Splitter zogen die Energie des Ursprünglichen Engels an. Ein neu entstandenes Leben, so jung ,dass noch keine Seele es erfüllen konnte, war wie ein leeres Gefäß, das die reine Kraft des siebten Ursprungs in sich aufnehmen konnte. Und so bestimmte ein einzelner Mond, der nur wenige Minuten brauchte, bevor er wieder in den Tiefen des Alls verschwand, ein weiteres Mal die Zukunft eines ungeborenen Lebens.

    Wenige Wochen später merkte Telera die typischen Anzeichen einer Schwangerschaft. Sie konnte sich sogar daran erfreuen, als sie eines Morgens über dem Klo hing. Natürlich verbreitete sie die frohe Kunde sofort und natürlich war Tante Ane die Erste, die es erfuhr. Als die gute Mutter die sie war, sprach sie jeden Tag mit ihrem ungeborenen Kind und sang ihm jeden Abend ein Lied. So wie es auch einst ihre eigene Mutter für sie getan hatte.

    »Ha ru no Teri

    Ha ru Do veri

    Ka ne ry..

    Vale taru Do

    Karen maru vo

    Ale rena doru

    Pe.. ri.. Kry..«

    Eine kleine Melodie, welche in zwei Strophen von Liebe und Gerechtigkeit sprach.

    Die nächsten Monate verlief ihr Leben normal weiter. Telera musste sich nur immer wieder etwas schonen, doch konnte es ihnen fast gar nicht besser gehen. Sie waren gesund und die Arbeit ihres Mannes sicher. Es wurden eher noch mehr Minenarbeiter benötigt, als dass sie welche entlassen würden. Doch sollte auch dieses Glück zu Ende gehen.

    Telera saß zu Hause am Küchentisch, zusammen mit Ane. Sie unterhielten sich, planten schon die ersten Schritte nach der Geburt und überlegten sich Namen für das Kind. Mittlerweile waren auch schon sieben Monate vergangen, draußen war es kalt und es wurde früh dunkel.

    Dann geschah plötzlich etwas Unvorhersehbares. In dem Stollen, in dem Adam arbeitete, wurde mit Hilfe einer Schwarzlichtbombe gesprengt und Gestein abgetragen.

    Die Schwarzlichtbombe war ein magisches Artefakt, ein schwerer, etwa Hand großer Metallwürfel. Auf jeder Seite befand sich eine andere Rune. Im Innern verbarg sich eine gläserne Kugel in der eine dicke, schwarze Flüssigkeit schwappte. Das Bergwerk beschäftigte extra Zauberer, die sich auf ihren Gebrauch spezialisiert hatten.

    Die Bombe explodiert jedoch nicht einfach. Wenn sie hoch ging, bildete sie eine große Kugel aus schwarzem Licht, die vom Anwender in den Berg getrieben werden konnte. Sie funktioniert fast wie ein schwarzes Loch, das alles in sich zieht, doch ausschließlich im Bereich der Lichtkugel. Dadurch liefen Sprengungen sehr kontrolliert ab. Das Beseitigte Material wurde durch das zeitgleiche Zünden einer zweiten Bombe außerhalb des Bergwerks nach draußen geschleudert.

    Aber diese Sprengung ging schief. Die Bombe wurde zu tief getrieben und schlug auf eine kleines Vorkommen stark geladener Edelsteine. Die Kraft der Explosion verstärkte sich um das dutzendfache und ein gewaltiges Loch riss in die Erde. Das heftige Beben spürte man bis in die Stadt. Alle Häuser wackelten, Türen schlugen zu, Schränke auf und Fenster vibrierten, zersprangen teilweise. Ein dröhnender Lärm erfüllte die Luft mit einem Zittern.

    In dem Stollen wurde zusätzlich eine unterirdische Wasserader getroffen, große Mengen weichten das Erdreich auf.

    Die Männer versuchten zu entkommen, doch brach das Erdreiche über ihnen ein und begrub drei der langen Stollen gleichzeitig. Hunderte starben in der Mine, kaum einer entkam den Fluten von Schlamm und Geröll. Panik machte sich breit, alle anderen Stollen wurden evakuiert. Sirenen schlugen Alarm. Man versuchte möglichst viele zu retten, doch solang sich der Boden noch bewegte und das Wasser weiter strömte, traute sich niemand herab. Die Magier vor Ort besaßen bei weitem nicht genug Macht, um etwas zu unternehmen. Sie könnten mit Schwarzlichtbomben den Weg frei Räumen, doch würden sie mögliche überlebende damit zerquetschen. Hilflos standen sie da und blickten in den Graben, der sich gebildet hatte. Nur wenige fühlten sich beim Anblick dieser Katastrophe überhaupt in der Lage etwas zu unternehmen. Ein paar der Männer fuhren mit dampfen Transportern der Minenverwaltung in die Stadt und schrien die tragische Botschaft durch die Straßen. Suchten stärkere Magier die ihnen halfen. Die Menschen kamen aus ihren Häusern. Einige Rannten zu der Mine, andere eilten mit durch die Stadt und verbreitete die Nachricht. Schließlich hörten auch Telera und Ane was geschehen war.

    »Die Mine ist eingestürzt! Wir brauchen dringen Hilfe! Es sind noch Männer in den Stollen! Helft uns! Schnell! Kommt alle mit!«

    Während des Bebens hatten die beiden Frauen sich vor Schreck unter dem Tisch versteckt, aber als sie von dem Unglück hörten, rannten sie aus dem Haus. Teleras’ Körper war taub vor Schreck. Sie vergaß alles um sich herum, sie wollte nur sehen ob ihr Mann überlebt hatte. Ane kam ihr kaum hinterher. Die Verwirrung, das Chaos, das sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitete, war auch in ihren Köpfen angekommen.

    »Telera! Warte doch! Du bist schwanger! Renn doch nicht so!«

    Doch war es nutzlos, die panische Frau hörte ihr einfach nicht zu.

    Der Weg zu den Minen war weit und unterwegs kamen an den beiden zahlreiche Leute vorbei, ritten auf Pferden oder saßen in Kutschen. Die reichen unter ihnen fuhren in ihren Dampfkernwagen.

    Neuerliche Automobile die von einem Speicherstein bewegt wurde. Sie funktionierten ähnlich wie Lokomotiven, hatten starke Schwungarme an den Seiten, die die großen Räder bewegten. Bei manchen sah man die Kessel direkt, bei anderen waren sie unter etwas eleganteren Motorhauben verborgen. Manche hatte ein Dach, anderen auch nicht.

    Eine Kutsche sammelte die beiden Frauen auf, nahm sie mit zu der Unglücksstelle. Ganz Kaleropedis schien auf den Beinen zu sein. So überfüllt hatte man kaum eine Straße gesehen. Überall hörte man Geschrei, das wilde Trampeln der Pferde und das laute Rattern und Zischen der Fahrzeuge.

    Als sie endlich am Bergwerk ankamen, waren schon hunderte Arbeiter und Magier dabei die eingestürzten Stollen frei zu legen. Das strömende Wasser ließ sich nur schwer umleiten. Außerdem war es ziemlich aussichtslos, dass unter den Tonnen von Gestein jemand überlebt hatte. Die Arbeiten nutzen eigentlich nur noch dazu die Mine an sich zu retten.

    Telera stand einfach nur da, weinte. Sie hielt sich an ihren eigenen Armen fest und schluchzte verzweifelt, schaute in den tiefen Krater. Alles bewegte sich, die Erde war einfach ein gesackt. Die junge Frau war vollkommen aufgelöst und zu tiefst erschrocken. Ane nahm sie in den Arm, drückte sie fest an sich und wandte den Blick ihrer Freundin von dem Unglück ab.

    »Ganz ruhig mein Kind. Ich bin hier. Ich bin für dich da«, flüsterte die warme Stimme.

    Sie wusste nicht was sie sonst sagen sollte, sagen konnte, um sie zu beruhigen. Sanft streichelte Ane Telera über den Rücken. Es war einfach ein unfassbares Unglück, ein Chaos wie es nie zuvor über die Stadt eingebrochen war. Und für Telera umso schlimmer, da sie sich alleine unmöglich um ihr Kind kümmern konnte. Sie verzweifelte mit jeder Sekunde mehr, hätte Tante Ane sie nicht gestützt, wäre sie wahrscheinlich zusammengebrochen. Ane überredete einen Edelmann, dass sie in seinem Dampfkernwagen mit zurück konnten.

    Die ältere Dame brachte Telera erst mal mit zu sich, brachte sie ins Bett und ließ sie sich ausruhen. Doch gab es nun ein sehr großes Problem. Joane und Joe hatte nicht genug Platz, als das Telera bei ihnen wirklich wohnen könnte. Und die Miete für das kleine Häuschen konnte die junge Witwe auch nur schwer bezahlen. In dieser Welt als Frau genügen Geld zu verdienen, um zwei Menschen gut durch zu bringen, war sehr schwer und für eine junge Mutter praktisch unmöglich.

    Ein paar Tage später war sie wieder zu Hause und überlegte sich, wie es nur weiter gehen sollte. Da klopfte es plötzlich an der Türe. Telera ging hin und öffnete sie. Man sah ihr an, dass sie geschafft war, nachts schlief sie sehr schlecht und sah mittlerweile auch sehr dürr aus. Die junge Frau bekam kaum was runter.

    Vor der Türe stand ihr Vermieter.

    »Na endlich sind sie mal wieder zu Hause. Ich versuche sie schon seit Tagen zu erreichen. Ich muss dringend mit ihnen reden. Ihr Mann war doch einer von denen, die in der Mine ums Leben gekommen sind oder? Was ist denn nun mit der Miete? So wie sie aussehen, werden sie wohl kaum arbeiten gehen.«

    »E-es tut mir Leid«, antwortete die geschwächte Frau leise und unsicher, »aber bitte machen sie sich keine Sorgen. Die Bergwerksbetreiber haben mir etwas Witwenrente Ausgezahlt. Die nächsten zwei Monate kann ich die Miete noch bezahlen. Wenn ich noch etwas Geld auftreibe vielleicht auch drei. Dann ist mein Kind da. Bitte, bitte werfen sie mich nicht einfach raus. Lassen sie mich wenigstens hier wohnen bis mein Kind zur Welt gekommen ist.«

    »Naja. Ich bin ja kein Unmensch. Ich werde zusehen was sich hier machen lässt. Doch wenn sie nicht mehr zahlen können, muss ich sie vor die Tür setzen.«

    »Ich danke ihnen. Ich werde zu sehen, dass sie ihr Geld immer pünktlich bekommen.«

    Telera fühlte sich hilflos, doch versuchte sie stark zu bleibe, auch wegen ihrem ungeborenem Kind. Noch wollte sie kämpfen.

    Es ging noch etwa zwei Monate gut, doch schaffte die werdende Mutter es nicht selbst Geld zu verdienen. Die Brosche, die sie in den Linsen versteckt hatte, hatte sie zwar nicht vergessen, doch brachte die magere Frau es nicht übers Herz sie zu versetzen. Aber Telera entschloss sich dazu sie zu tragen. Vielleicht würde sie ihr ja wirklich etwas Glück bringen und sie beschützen. Das Schmuckstück half auch, ihr Appetit kehrte zurück. Doch zu Geld kam sie trotzdem nicht. Die Schwangerschaft machte ihr zunehmend zu schaffen und einstellen wollte sie so auch niemand. Besonders jetzt, wo die Wirtschaft der Stadt einen schweren Schlag erlitten hatte. Bald stand der Vermieter wieder vor der Türe, aber das Geld reichte nicht für einen weiteren Monat.

    »Sie haben noch eine Woche, doch dann müssen sie hier raus. Ich hab schon neue Interessenten für dieses Haus.«

    Auch wenn der rundliche Herr etwas herzlos wirkte, so sah man seinen Augen Mitgefühl an.

    Nun hatte sie auch ihr Heim verloren. Ihr Körper schmerzte. Das Kind würde bald kommen. Dennoch schien es sich Zeit zu lassen, was Teleras’ Leben nicht gerade erleichterte. Tags über konnte sie bei Ane und Joe etwas schlafen und bekam auch immer wieder was zu essen, aber die meiste Zeit lief sie herum, versuchte irgendwo doch noch Arbeit zu finden. Bis eines Nachts, als sie gerade durch eine dunkle Gasse schlich, ihre Fruchtblase platzte. Ihre Wehen setzten ein. Sie waren extrem stark, Telera hielt sich den Bauch und konnte nicht mehr weiter. Langsam sank sie zu Boden und hyperventilierte. Krampfend hockte sie da. Sie wurde fast ohnmächtig vor Schmerz, zumal die Wehen in rasanten Abständen kamen. Ihr blieb die Luft zum Schreien weg. Und dann geschah es. Ihr Kind kam zur Welt. Doch nicht wie jedes andere Kind. Die Macht die bei seiner Zeugung in es gesät wurde war heran gereift und erfüllte seinen Leib. Es war die Macht des Engels der Wollust und der Harmonie, die es beseelte. Ganz im Sinne des Ursprungs, der dafür sorgte, dass alles Leben im Gleichgewicht blieb, sollte für dieses neue Leben ein anderes zu Ende gehen.

    Der Bauch der werdenden Mutter begann von innen her erst schwach und dann immer heller zu leuchten. Das Kleid an ihrem Leib verbrannte, ihr Bauch riss ein und aus ihr heraus brach ein helles, weißes Licht. Es zerriss ihr den Leib. Mit einem letzten Schrei verstarb die einst so anmutige Frau. Der verbrannte Körper zerfiel zu Asche und verwehte. Zurück blieb ein kleiner, lebendiger Junge, mit dunklem Haar und ebenso dunklen Augen. Was aber am meisten auffiel war, dass er keinen Bauchnabel hatte. Er schrie nicht, hatte keine Angst. Er lag nur da und lachte leise vor sich hin. Es war eisig kalt, doch das Kind schien nicht zu frieren. Schnee lag noch nicht, aber bald sollten die ersten, weißen Flocken fallen. Und bald würde das Winterlicht kommen und das Land in einen kalten, weißen Mantel hüllen.

    3 Das Winterlicht

    In der ganzen Stadt wusste man, dass das Winterlicht bald kommen würde und alle bereiteten sich darauf vor. Im Laufe der Zeit hatte sich daraus ein richtiger Feiertag entwickelt. Um genau zu sein zwei, denn das Winterlicht kam immer zwei Mal im Jahr. Und das auch nicht überall. Es gab nur wenige Städte, die zwischen dem Balar-Gebirge im Südwesten und den hohen ‘Sturmsegeln’ im Nordosten lagen. Die Sturmsegel waren eine hohe Berggruppe dessen Spitzen bis weit über die Wolken ragten und die alle recht gleichmäßig spitz zuliefen, wie dreieckige Segel.

    Schon die ganze Woche waren die Menschen aufgeregt und mit Vorfreude erfüllt. Die ganze Stadt war bunt geschmückt, mit Laternen und Girlanden. Schneeflocken, gebastelt aus allen möglichen Materialien zierten die Häuser von innen und außen.

    Im Hafen sah es besonders festlich aus. Und trotzdem würden an diesem Tag keine Schiffe an- oder ablegen. Alles schien still zu stehen, obwohl die Menschen, gehüllt in warme Kleidung, eifrig umher liefen. Zwischen den Händlern bauten sich immer mehr Stände auf, die frisches Gebäck, warme Weine, Punsch und andere Spirituosen verkauften. Es roch nach exotischen Gewürzen wie Zimt und Anis. Die kühle Luft war immer wieder von warmen, stark riechenden Schwaden durchzogen.

    Das kleine Baby, welches in der Nacht zuvor geboren worden war, bemerkte niemand, wie sollten sie auch. Es lag in einer dunklen Gasse, in der es nichts Besonderes gab. Sie stand voll mit Gerümpel und man kam nur schwer hindurch, wenn man etwas transportieren wollte. Schmücken wollte sie außerdem auch niemand. Dazu kam noch, dass das Kind einfach nicht schrie. Immer wieder lachte es nur leise, war jedoch die meiste Zeit still und schaute mit seinen großen, dunklen Augen auf die Straße, musterte die vorbei eilenden Menschen.

    Am frühen Nachmittag, als die Sonne schon wieder langsam am Himmel hinab wanderte, war es dann endlich so weit. Vom Himmel fielen, ganz langsam, die ersten, zarten Schneeflocken. Elegant segelten sie einsam zu Boden, wie glitzernde Kristalle. Von den Stadttoren aus hörte man Männer rufen. Die Wachen standen auf den hohen Türmen, die das Tor umrahmten und hielten Ausschau. Sie schlugen eine Bronzeglocke und schrien in die Stadt hinein.

    »Sie kommt! Sie kommt! Das Winterlicht ist da!«

    »Öffnet alle Tore, lasst sie herein!«

    »Kommt her Leute! Versammelt euch! Sie ist endlich da!«

    In diesem Jahr kam sie Spät. In anderen Teilen des großen

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