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Eine Klasse - zwei Sprachen | Una classe - due lingue: Zehn Jahre bilingualer Unterricht an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck | Dieci anni di insegnamento bilingue alla scuola primaria "Innere Stadt" di Innsbruck
Eine Klasse - zwei Sprachen | Una classe - due lingue: Zehn Jahre bilingualer Unterricht an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck | Dieci anni di insegnamento bilingue alla scuola primaria "Innere Stadt" di Innsbruck
Eine Klasse - zwei Sprachen | Una classe - due lingue: Zehn Jahre bilingualer Unterricht an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck | Dieci anni di insegnamento bilingue alla scuola primaria "Innere Stadt" di Innsbruck
eBook356 Seiten6 Stunden

Eine Klasse - zwei Sprachen | Una classe - due lingue: Zehn Jahre bilingualer Unterricht an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck | Dieci anni di insegnamento bilingue alla scuola primaria "Innere Stadt" di Innsbruck

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Über dieses E-Book

ZWEI SPRACHEN - ZWEI LEHRERINNEN
Seit dem Schuljahr 2005/06 werden an der Volksschule Innere Stadt vier Klassen als bilinguale Klassen - Deutsch und Italienisch - geführt. In jeder dieser Klassen ist zusätzlich zur Klassenlehrerin eine Lehrerin aus der Provinz Trient eingesetzt.

ZWEISPRACHIGKEIT ALS PÄDAGOGISCHES MODELL
Eine Herausforderung in diesem Projekt: Zu den selteneren Fällen, in denen die Kinder beide Sprachen ihrem Alter entsprechend beherrschen, kommen jene Kinder, die die eine oder andere Sprache nur teilweise in ihren Familien aktuell anwenden. Daher musste nach einem pädagogischen Modell gesucht werden, das den Unterschieden der Kinder Rechnung trägt.

RÜCKBLICK AUF ZEHN JAHRE ERFAHRUNG
Ein solches wurde ausgehend vom Konzept des Immersionsunterrichts, bei dem sowohl Deutsch als auch Italienisch als Arbeitssprache verwendet werden, für die VS Innere Stadt weiterentwickelt. Die Erfahrungen mit diesem im österreichischen Schulsystem einzigartigen Projekt werden in dieser zweisprachigen Dokumentation aufgearbeitet und vorgestellt.

Dall'inizio dell'anno scolastico 2005/06, in quattro classi della scuola elementare "Innere Stadt", ha luogo un progetto pilota di insegnamento bilingue. In ognuna di queste classi un'insegnante di madre lingua italiana, proveniente dalla Provincia di Trento, affianca in classe l'insegnante austriaca.
Una delle sfide in questo progetto consiste nel trovare soluzioni di insegnamento che tengano conto delle diversità della dimensione bilingue. Ai casi più rari di bambini, il cui bilinguismo è equivalente, si affiancano altri, per i quali la lingua maggiormente usata nel contesto familiare diventa dominante.
Un insegnamento della lingua straniera in senso tradizionale non poteva essere preso in considerazione; per questo motivo si è pensato ad un modello didattico che tenesse conto delle differenze presenti e sviluppasse le varie individualità.
SpracheDeutsch
HerausgeberStudienVerlag
Erscheinungsdatum12. Nov. 2015
ISBN9783706557924
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    Buchvorschau

    Eine Klasse - zwei Sprachen | Una classe - due lingue - StudienVerlag

    Eva Nora Hosp / Saverio Carpentieri / Siegfried Winkler (Hg.)

    Eine Klasse – zwei Sprachen

    Una classe – due lingue

    Eva Nora Hosp / Saverio Carpentieri / Siegfried Winkler (Hg.)

    Eine Klasse – zwei Sprachen

    Una classe – due lingue

    Zehn Jahre bilingualer Unterricht an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck

    Dieci anni di insegnamento bilingue alla scuola primaria Innere Stadt di Innsbruck

    StudienVerlag

    Innsbruck

    Wien

    Bozen

    © 2015 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

    E-Mail: order@studienverlag.at

    Internet: www.studienverlag.at

    Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

    Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

    ISBN 978-3-7065-5792-4

    Buchgestaltung nach Entwürfen von hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

    Satz: Studienverlag/Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

    Umschlag: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

    Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.studienverlag.at

    Inhalt

    Lesehinweise

    Indicazioni per la lettura

    Besuch an einer Schule – statt eines Vorwortes

    Visita ad una scuola – invece di una prefazione

    I    Geschichte eines Schulentwicklungsprojekts

    I    Storia di un esperimento scolastico

    1   Entspannte Verhältnisse

    1   I rapporti sono cambiati

    2   Wie alles begann

    2   Come un’idea è diventata scuola quotidiana

    II   Unsere Kundschaft – zweisprachige bzw. mehrsprachige Biografien

    II   La nostra utenza – biografie bilingui o plurilingui

    III Grundlagen – Was uns besonders wichtig ist

    III Le basi e i principi del nostro lavoro

    1   Bilingual in allen Fächern

    1   Con due lingue in tutte le materie

    2   Kopräsenz und CLIL (Content and Language Integrated Learning)

    2   Lezioni in compresenza e CLIL

    (Content and Language Integrated Learning)

    3   Freiarbeit als notwendige Voraussetzung

    3   Lavoro autonomo come premessa fondamentale

    4   „Das habe ich nicht verstanden"

    4   "Non ho capito ...!"

    5   Noten – nein danke!

    5   Voti: no, grazie!

    6   Interkulturalität leben und lernen

    6   Conoscere e vivere la dimensione interculturale

    IV  Aus dem Unterrichtsalltag

    IV  Il lavoro quotidiano in classe

    1   Freiarbeit

    1   Lavoro autonomo

    1. Klasse

    Lavoro autonomo nella prima classe

    2. Klasse

    Lavoro autonomo in seconda

    3. Klasse

    Lavoro autonomo in terza

    4. Klasse

    Fasi di lavoro autonomo in quarta

    2   Kopräsenz Werken

    2   Compresenza nell’ora di lavori manuali

    3   Gesprächsrunden

    3   Conversazioni in cerchio

    4   Zu Besuch in Innsbruck. Austausch der Partnerkinder der vierten Klassen 2014/2015

    4   In visita a Innsbruck. Scambio tra i bambini gemellati delle quarte classi 2014/15

    5   Drei Tage gemeinsam in Candriai

    5   Tre giorni insieme a Candriai

    6   Lehren und Lernen von Kollokationen in einer bilingualen Klasse

    6   Insegnare e imparare collocazioni in una classe bilingue

    V   Ergebnisse – was dabei herausschaut

    V   Risultati

    1   Was sagt die Kundschaft dazu? – Das bilinguale Projekt aus der Sicht unserer Schülerinnen und Schüler

    1   Il progetto Classi bilingui dal punto di vista degli alunni

    Evaluation – nur leere Kilometer?

    Valutazioni – solo tempo perso?

    Warum müssen wir auch noch Italienisch lernen? Argumente für bilinguale Bildung

    Perché dobbiamo imparare anche l’italiano? Motivi per un ’educazione bilingue

    Auch die Haare in der Suppe finden

    … Cercare il pelo nell’uovo

    Was bringt der Austausch mit der Partnerschule in Trento?

    Quali sono i vantaggi dello scambio con la scuola partner di Trento?

    Blitzgeschichten

    Storie flash

    Sprechen Sie Tingitisch?

    Parli tingitico?

    Was Gott sei Dank sicher ist! – Das Leistungsniveau in den bilingualen Klassen in Deutsch und Mathematik

    Quello che però è un dato sicuro: il livello degli scolari delle classi bilingui in tedesco ed in matematica

    Ich bin eine gute Schülerin! – Ich bin ein guter Schüler!

    Io sono un bravo scolaro!

    2   Wie viel Sprache (Italienisch – Deutsch) lernen die Kinder in den bilingualen Klassen?

    2   Quanta lingua (italiano – tedesco) imparano i bambini nelle classi bilingui?

    Formen der Überprüfung der Sprachkenntnisse

    Forme di valutazione delle competenze linguistiche

    3   Stimmen der Eltern

    3   Alcune opinioni dei genitori su questo progetto

    VI  Problembereiche – Stolpersteine – Minenfelder

    VI  Ambiti problematici

    1   Ansprüche und Realität

    1   Propositi e realtà

    2   Sackgasse. Das österreichische Schulorganisationsgesetz und seine Tücken

    2   Un vicolo cieco. Le insidie dellordinamento legislativo scolastico austriaco

    3   Leider kein Bildungs-Euro! Schulsysteme sind auf die Mehrsprachigkeit von Kindern nicht vorbereitet

    3   Non c’è una moneta comune nella scuola. I sistemi scolastici non sono preparati al plurilinguismo

    VII Unsere Partnerschule in Trient berichtet

    VII Organizzazione del lavoro nella scuola partner di Cognola. La sezione bilingue italo-austriaca dell’Istituto J. A. Comenius di Cognola, Trento. Racconto di un ’esperienza

    1   Die Anfänge, Beweggründe und Ziele

    1   Origini, motivazioni e obiettivi

    2   Die Methoden im Sprachunterricht

    2   Il modello linguistico

    3   Die Organisation der Grundschule (Schulstufe 1–5)

    3   Organizzazione della scuola primaria

    Der Lehrplan

    Il curricolo

    Die Unterrichtszeit

    Il tempo scuola

    Die Organisation der Schulräume

    L’organizzazione dell’ambiente scolastico

    Die Partnerschaft

    Il gemellaggio

    Die Bewertung des Projektes und der Lernerfolge

    La valutazione del progetto e degli apprendimenti

    4   Aufbau der Sekundarstufe I (Schulstufen 6–7)

    4   Organizzazione della scuola secondaria di primo grado

    5   Das Einbeziehen der Familien

    5   Il coinvolgimento delle famiglie

    Dank

    Ringraziamenti finali

    Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren

    Autrici ed autori

    Impressionen | Impressioni

    Italienischunterricht – Kopräsenzunterricht |

    Lezione di Italiano – Lezione in compresenza

    Während der Freiarbeit | Durante il lavoro autonomo

    Austausch mit den Partnerkindern | Scambio con i bambini della scuola partner

    Lesehinweise

    Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, Sie haben einen Text vor sich, in dem zehn Jahre Erfahrung mit dem Projekt Bilinguale Klassen an der Volksschule Innere Stadt in Innsbruck vorgestellt werden. Mehr als 120 Buben und Mädchen und mehr als ein Dutzend Lehrerinnen waren inzwischen daran beteiligt. Insbesondere die Kinder wollen wir hier aber nicht wie Zirkuspferde vorführen. Es hat diese Kinder – meistens durch ganz bewusste Entscheidung ihrer Eltern, manches Mal auch eher zufällig – in diese bilingualen Klassen „verschlagen".

    Jede Klasse ist für sich eine bunte Mischung aus Kindern mit verschiedenen individuellen Merkmalen, die in immer neuen Konstellationen erscheinen.

    In diesem Buch werden immer wieder Fallbeispiele vorgestellt, in denen wir die Kinder nicht bei ihren richtigen Namen nennen, sondern, wenn dies notwendig ist, erfundene, fiktive verwenden.

    Lange haben wir auch darüber diskutiert, wie wir es in dieser Frage bei den Lehrerinnen halten sollen. Die Anzahl ist mit einem guten Dutzend auch nicht gerade gering. Aber diese wollen wir nicht in der Anonymität versinken lassen. Sie sind – im näheren Umfeld – ohnedies bekannt. Sie werden vielleicht öfter auf dieses Projekt angesprochen und stehen auch für dieses Projekt gerade. Darum werden die Lehrerinnen mit ihren richtigen Familiennamen genannt.

    Apropos Lehrerinnen: Warum nicht auch Lehrer? Ganz einfach deshalb, weil es in diesen zehn Jahren keine solchen gab. Bis Ende des Schuljahres 2014/15 unterrichtete keine männliche Lehrperson in unseren bilingualen Klassen.1

    In diesem Punkt unterscheidet sich die Volksschule Innere Stadt nicht von anderen. Das führt auch zu der Frage, wie wir es hier mit der Genderfrage halten. Schulen sind überall Orte, an denen inzwischen bei weitem mehr weibliche als männliche Personen anzutreffen sind. Auf der Seite der Schülerinnen und Schüler ist es jedenfalls die Hälfte, auf der Seite der Unterrichtenden sind es deutlich mehr als die Hälfte, besonders im Volksschulbereich. Man muss daher nicht glühend feministisch orientiert sein, wenn es unbefriedigend erscheint, dass dann in einem Text zur Schule nur von Lehrern und Schülern die Rede ist und nur eine schwammige Fußnote darauf hinweist, dass damit ohnedies auch die Schülerinnen und Lehrerinnen gemeint sind. Es wäre einfach nicht richtig! Wir versuchen daher in diesem Text, immer beide geschlechtsspezifischen Formulierungen anzuführen. Wir glauben auch nicht, dass der Text dadurch schwieriger zu lesen ist. Aber urteilen Sie selbst!

    Sie finden im Mittelteil dieses Buches auch eine Reihe von Fotos aus unserer Schule, aus unserem Unterricht.

    Was bilden diese ab? Unterricht ist ein unglaublich komplexer und dynamischer Vorgang. Vieles geschieht gleichzeitig, 20 oder mehr Personen sind daran laufend beteiligt, eine Unzahl von Interaktionen läuft gleichzeitig ab. Die Sprache als Darstellungsmedium ist nur sehr unzulänglich geeignet, dies abzubilden. In der Sprache (der gesprochenen und noch mehr in der geschriebenen) folgt Wort auf Wort, Satz auf Satz, Gedanke auf Gedanke – die Sprache ist linear, langsam und schwerfällig und nicht sehr gut geeignet, Unterricht zu „be-schreiben. Viel besser ließe sich Unterricht durch Bilder darstellen. In Bildern ist vieles gleichzeitig sichtbar und kann sichtbar gemacht werden. Aber leider können unsere Lehrerinnen nicht parallel unterrichten und dabei sich selbst und die Klasse auf Bildern festhalten! Einen professionellen Fotografen oder eine professionelle Fotografin, der oder die dies ansatzweise versuchen hätte können, hatten wir nicht zur Hand. Wir gestehen auch ein, dass wir versucht haben, einzelne uns wichtig erscheinende Situationen „nachzustellen, also ein paar Fotos außerhalb des Unterrichts zu inszenieren. Es funktionierte nicht, die Bilder wirkten eben „gestellt" und drückten nicht aus, was wir darstellen wollten, weil sie nicht authentisch waren.

    Was Sie also in diesem Buch an Bildmaterial finden, sind mehr oder weniger zufällige Schnappschüsse. Vielleicht können sie ein wenig von der Atmosphäre vermitteln, aber sie bleiben zufällig und austauschbar. Sie sind nicht mit dem Text kongruent, sie bleiben – leider – nur hübsche Illustration und Auflockerung. Üben Sie bitte Nachsicht!

    In diesem Text finden Sie viele wörtliche Aussagen von unseren Schülerinnen und Schülern. Diese Aussagen sind immer kursiv gesetzt und sie sind in keinem Fall verändert – authentischer Kindermund also. Angepasst wurden diese Zitate nur, was die Sprachnorm, Rechtschreibung und Grammatik betrifft.

    Alle Beiträge in diesem Buch geben die persönliche Meinung der Autorinnen und Autoren wieder. Jeder Beitrag ist daher auch persönlich gezeichnet. Das heißt nun nicht, dass wir als Team nicht in sehr vielem übereinstimmen, was hier gesagt wird, aber die eine oder andere Meinungsverschiedenheit gibt es immer wieder.

    Darum haben wir auch nach zehn Jahren in unseren regelmäßigen bilingualen Sitzungen immer noch viel gemeinsam zu bereden.

    Wir wünschen Ihnen bei der Lektüre viel Nachdenklichkeit, auch viele Aha-Erlebnisse und ab und zu vielleicht auch etwas Spaß!

    Eva Nora Hosp / Saverio Carpentieri / Siegfried Winkler

    _______

    1   Seit Anfang des Schuljahres 2015/16 wird zum ersten Mal eine neue erste Klasse von einem jungen Lehrer geführt, worüber wir uns sehr freuen.

    Besuch an einer Schule – statt eines Vorwortes

    Es gibt so etwas wie einen Standard-Eindruck von Schulen quer durch Europa. Dazu gehört die Architektur, aber noch vieles mehr: Akustische und optische Eindrücke, ja sogar Gerüche sind schultypisch.

    Zum Standard gehört die oft beträchtliche Lautstärke am Morgen, wenn sich die Klassen füllen, vor allem dann in den Pausen und wenn um dreizehn Uhr ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Schülerinnen und Schüler den Ort ihrer Bildung verlassen. Die Abschnitte eines Schulalltags werden fast ausnahmslos von Schulglocken markiert, die schrillen, bellen oder harmlos als Gongschläge daherkommen. Zum Standard gehört auch die Stille während der Unterrichtszeit. Kaum zu glauben: Da sind fünfzig oder auch vierhundert Schülerinnen und Schüler in einem Gebäude, durch dessen Gänge man geht – und es ist still. Fast still. Meistens. Nicht selten mucksmäuschenstill. Zum Standard gehören ebenso die geschlossenen Klassentüren, die verhindern, dass Geräusche nach außen dringen. Was sich da abspielt in der Unterrichtszeit, erschließt sich dem Besucher oder der Besucherin einer Schule, der oder die eine Schule durchwandert, überhaupt nicht. Was der Besucher oder die Besucherin wahrnimmt, das ist die Anordnung der einzelnen Klassen nach einem strengen Ordinalsystem: Auf die 1A folgt die 1B, dann die 2A und die 2B und so weiter.

    Zum Standard gehören auch die mit den Werken der Schülerinnen und Schüler gestalteten Wände und Treppenhäuser. Hier wird mehr oder weniger liebevoll, mehr oder weniger abwechslungsreich die Arbeit ausgestellt, die an der Schule geleistet wurde. Aber es ist immer nur ein höchst schmaler Ausschnitt der Arbeit, meist nur aus dem bildnerischen Bereich und von diesem selbstverständlich nur die schönen und guten Produkte – was jemand aus welchen Gründen auch immer dafür hält. Vom Lernen sieht man da wenig.

    Die Volksschule Innere Stadt in Innsbruck ist anders. Ganz anders. Der Besucher oder die Besucherin kommt über die Freitreppe von außen in den ersten Stock. Von Westen fällt durch die Glasfassade viel Licht in die Aula; auf der Ostseite sind vier Klassen untergebracht. Im zweiten Stock dann noch einmal sechs Klassen.

    Wenn ich während der Unterrichtszeit komme, was meistens der Fall ist, bin ich immer wieder – auch nach dem fünfzigsten Besuch – erstaunt, ja verblüfft: Alle Klassentüren stehen offen. Die große Aula ist sozusagen der verlängerte Klassenraum für alle, besser: der vergrößerte Arbeitsplatz für die Schülerinnen und Schüler. Da sitzen zwei oder drei um einen Tisch und beschäftigen sich mit Arbeitsmaterial. Da liegen vier am Teppich und arbeiten, da hockt einer oder eine allein und memoriert etwas – hochkonzentriert. Ein Blick durch die offenen Türen in die Klassenräume: Ja, selbstverständlich arbeiten auch dort Buben und Mädchen, aber nachdem nicht wenige in die Aula ausgewichen sind, scheinen die Klassenräume meist halbleer, obwohl in jeder Klasse auch bis zu 24 Kinder sitzen.

    Und – dies ist der zweite höchst ungewöhnliche Eindruck beim Besuch dieser Schule – es ist immer ruhig, sehr ruhig. Aber nicht still, und schon gar nicht mucksmäuschenstill. Das ist noch etwas, was mich immer wieder überrascht: Die ruhige Arbeit der Kinder, die an den allermeisten anderen Schulen oft nur mit Mühe durch das Dirigat von Lehrerinnen und Lehrern herbeigeführt und auch nicht selten nur mit Mühe aufrechterhalten wird, funktioniert hier wie von alleine. Alle Schülerinnen und Schüler arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben, und die Lehrerinnen sind auf den ersten Blick kaum auszumachen. Buben und Mädchen sprechen miteinander, Lehrerinnen sitzen bei Lerngruppen oder bei Einzelnen und geben Hilfen und Hinweise, aber alle immer so leise, dass man aus einem Meter Entfernung kaum etwas davon versteht. Wenn ich die Volksschule Innere Stadt betrete, sehe ich Lernen. Und das wirkt nicht gekünstelt oder gedrillt, muss nicht unter Kontrolle gehalten werden, schon gar nicht unter Androhung von Sanktionen, sondern ist einfach ganz natürlich da.

    Nein, selbstverständlich funktioniert das nicht von alleine, also „automatisch" – es funktioniert, das ist immer wieder mein Eindruck, weil die Schülerinnen und Schüler hier offenbar gerne lernen, d .h. sich gerne mit den Aufgaben beschäftigen, die sie vor sich haben.

    Ich sehe immer wieder Schülerinnen und Schüler, die – ohne von einer Lehrerin dazu aufgefordert zu sein – sich neue Arbeitsmaterialien holen. Ich sehe die Lehrerinnen meistens auf gleicher Augenhöhe neben den Kindern sitzen und etwas erklären. Ich sehe immer wieder auch Schülerinnen und Schüler, die sich vielleicht gerade etwas erholen, die ihren Gedanken nachhängen. Vielleicht hat ihr Meerschweinchen heute Morgen Junge bekommen, oder die Eltern hatten gestern Abend einen bösen Streit. Auch Kinder haben ihre Sorgen und arbeiten nicht immer in höchster Konzentration. Aber ich habe noch nie eine Lehrerin erlebt, die sie deshalb zurechtwies, anherrschte oder antrieb. Ich habe an dieser Schule noch nie erlebt, dass Buben oder Mädchen sich bewusst der Arbeit ganz entzogen oder diese gar verweigert hätten, dass Kinder durch die Klasse gebrüllt hätten oder dass sie andere bei der Arbeit absichtlich gestört hätten. Nie. Das ist der Hauptgrund, warum ich die Volksschule Innere Stadt in Innsbruck immer wieder gerne besuche und mich jedes Mal freue, wenn ich über die Freitreppe in den ersten Stock hinauf steige – dem Lernen entgegen, sozusagen. Offenbar lernen hier Kinder gerne, freiwillig und auch höchst erfolgreich, wie ich inzwischen weiß.

    Von alleine geht das selbstverständlich nicht. An dieser Schule wird vielmehr ein hervorragendes, auch wissenschaftlich gut begründetes Konzept umgesetzt, das im Abschnitt Grundlagen näher beschrieben wird. Entwickelt und umgesetzt wird dieses pädagogische Konzept von den Lehrerinnen, die an dieser Schule arbeiten. Ich schätze diese Damen ganz außerordentlich, auch weil sie so selbstverständlich gegen den Mainstream arbeiten.

    Das ist der große Unterschied der Volksschule Innere Stadt zu den meisten anderen Schulen. Es gibt aber noch ein paar andere Unterschiede: Eine Schulglocke gibt es – wen verwundert das? – nicht. Die Hektik am Morgen und in den Pausen ist bei weitem nicht so groß wie in anderen Schulen, auch der Lärmpegel nicht. Ich habe auch noch nie eine Lehrerin schreien gehört. Auch in den Pausen wird nicht gerempelt, gelärmt, geschubst und geschrien. Wobei es aber schon auch Ausnahmen gibt.

    Dabei ist die Volksschule Innere Stadt eine normale Sprengelschule, die von Schülerinnen und Schülern aller sozialen Schichten, von mehr als 30 verschiedenen Nationalitäten und neun verschiedenen Konfessionen besucht wird. Die Klientel der Schule ist dieselbe wie die einer anderen Volksschule in einer anderen österreichischen Landeshauptstadt.

    Anders ist an der Volksschule Innere Stadt auch die Bezeichnung der Klassen: Da herrscht kein Ordnungsprinzip; hier gibt es unter anderem eine Regenbogen-Klasse, eine Raben-Klasse oder auch eine Pinguini- oder Topolini-Klasse.

    „Schöne" Schülerarbeiten sieht man an dieser Schule kaum. Nicht auf den Gängen, nicht in den Klassen. Dafür wäre auch kaum Platz. Alle Wände sind mit Regalen verbaut, in denen die Arbeitsmaterialien für die Schülerinnen und Schüler übersichtlich geordnet sind. In der Halle ist auch wenig Platz für solche; der Platz reicht gerade, um die Preise und Auszeichnungen auszustellen, die die Schule schon gewonnen hat. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Schulversuch bilinguale Klassen gerade an dieser Schule angesiedelt ist. In diesem pädagogischen Konzept hat er einen guten und sicheren Platz.

    Immer mehr Kinder wachsen heute mit zwei Muttersprachen – besser – mit einer Mutter- und einer Vatersprache auf. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen ermöglichen oder erzwingen eine weitaus höhere Mobilität der Menschen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dabei war Gesamttirol vor dem Jahr 1918 bereits ein bilinguales Land; in den südlichen Landesteilen war die Verwendung des Deutschen und des Italienischen nebeneinander Normalität. Das kehrt heute wieder ein kleines Stück weit zurück. Im Raum Innsbruck leben heute aus den unterschiedlichsten Gründen immer mehr Familien, in denen einer der beiden Elternteile aus dem italienischen Sprachraum und der andere aus dem deutschen stammt. Solche Kinder wachsen also bilingual auf, wobei immer eine der beiden Sprachen die aktuell dominantere als die andere ist. Darauf sind die Schulen in Österreich aber nicht vorbereitet; der Unterricht findet – mit Ausnahme des Fremdsprachenunterrichts – ausschließlich auf Deutsch statt.

    Im Jahr 2005 wurde zwischen der Provinz Trient in Italien und dem Bundesland Tirol ein Staatsvertrag abgeschlossen, der vorsieht, dass in Trient und Innsbruck jeweils eine Grundschule eingerichtet wird, in der der Unterricht bilingual – deutsch und italienisch – erfolgt. In der Volksschule Innere Stadt unterrichten in vier von zwölf Klassen neben den jeweiligen Klassenlehrerinnen jeweils weitere zwei Lehrerinnen aus der Provinz Trient; elf Stunden pro Woche erfolgt der Unterricht in beiden Sprachen – Deutsch und Italienisch.

    Mit diesem Schulversuch wurde in Österreich weitgehend pädagogisches Neuland betreten. Wie ein solcher Unterricht aussieht, welche Herausforderungen damit verbunden sind und welche Erfahrungen man nach zehn Jahren gemacht hat, wird in dieser Publikation vorgestellt.

    Siegfried Winkler

    I   Geschichte eines

    Schulentwicklungsprojekts

    1   Entspannte

    Verhältnisse

    Das Verhältnis zwischen Italien, dem Italienischen, der Italianita und Tirol kann man gegenwärtig fast als herzlich bezeichnen, auf jeden Fall als unbelastet und offen. Dazu beigetragen hat eine Vielzahl an Umständen, wobei die ökonomischen sicher eine zentrale Rolle spielen.

    Im Advent zur Zeit des Christkindlmarktes quillt Innsbruck geradezu über von italienischen Touristinnen und Touristen. Auf der Maria-Theresien-Straße hört man zu dieser Zeit, vornehmlich am frühen Abend, sicher viel mehr Italienisch als Deutsch. Das führt seit Dezember 2011 sogar dazu, dass italienische Carabinieri in voller fescher Uniform gemeinsam mit der einheimischen Polizei in der Innenstadt Streife gehen. Dabei geht es sicher nicht nur darum, den Damen und Herren aus Turin oder Rom den kürzesten Weg zur nächsten Toilette zu weisen oder auf die letzten offenen Parkmöglichkeiten hinzuweisen. Das brächten – in etwas holprigem Italienisch vielleicht – die einheimischen Ordnungshüterinnen und Ordnungshüter auch zu Wege. Es ist vielmehr eine deutliche und bewusste Demonstration für eine gepflegte Nachbarschaft, mit der der Brenner, auch heutzutage immer noch ein unwirtliches Stück Natur, woran auch ein riesiges Einkaufszentrum nicht viel ändert, als Grenze endgültig aus den Köpfen verschwunden und Geschichte ist. Gott sei Dank!

    Nicht nur zur Adventzeit sind die Italienerinnen und Italiener häufige und gern gesehene Gäste in Tirol; sie knausern beim Essen und Trinken nicht und gehen gerne das eine oder andere Extra einkaufen.

    Umgekehrtes gilt aber auch: Die Tirolerinnen und Tiroler überschwemmen vor allem im Frühsommer den norditalienischen Raum; der Gardasee gilt als das Meer der Innsbruckerinnen und Innsbrucker; die Zahl der Tiroler Zweitwohnungen rund um den Gardasee soll in die Tausende gehen.

    Das Italienische, vor allem in seiner kulinarischen Ausprägung, hat – wie viele andere Regionen Europas auch – längst Tirol erobert: In jedem größeren Ort in Tirol gibt es mindestens zwei Pizzerias, in Innsbruck mindestens zwanzig; in jedem Ort eine Gelateria Mantovani oder einer anderen italienischen Provenienz. Im Gegenzug revanchiert sich Innsbruck mit einer „Speckeria und einer „Pizzerei. Dieses sind sicher etwas kuriose und sprachlich eher zweifelhafte Wortschöpfungen, aber sie weisen auf dieses innige Verhältnis zum Italienischen hin. Seriöser ist da sicher eine Reihe von gut sortierten italienischen Feinkostläden in Innsbruck, die von Italienerinnen und Italienern geführt werden.

    An mehr als der Hälfte aller Tiroler Neuen Mittelschulen wird inzwischen Italienisch als zweite lebende Fremdsprache (nach dem unvermeidbaren Englisch) unterrichtet. Mehr als 300 Tiroler Lehrerinnen und Lehrer haben dafür eine Lehramtsprüfung in Italienisch abgelegt. Italienisch ist auch in den weiterführenden Schulen in Tirol die am zweithäufigsten unterrichtete Sprache.

    An den Innsbrucker Universitäten und Hochschulen ist eine ganze Reihe von italienischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern in führenden Positionen tätig. Bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck, die höchstes Ansehen in ganz Europa genießen, werden jedes Jahr Barockopern in italienischer Sprache aufgeführt; die Leitung dieses Festivals ist inzwischen auch in den Händen italienischer Fachleute von Weltruf, so auch die Leitung des Tiroler Sinfonieorchesters.

    Die Banca di Trento e Bolzano hat an einer prominenten Adresse in Innsbruck eine Filiale. Das

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