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Freiheit für die Kinder - Freiheit für die Schule

Freiheit für die Kinder - Freiheit für die Schule

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Freiheit für die Kinder - Freiheit für die Schule

Länge:
444 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 19, 2015
ISBN:
9783706558044
Format:
Buch

Beschreibung

PISA hat bewiesen: Unsere Schulen bedürfen einer Reform. Um unsere Schulen im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig und erfolgreich werden zu lassen, braucht es innovative Entwicklungsstrategien.
In einer erfolgreichen Schule müssen sich Schülerinnen und Schüler frei entfalten können, um gefestigte und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten zu werden. Individuelle Begabungen müssen stärker gefördert werden. Dafür ist es notwendig, neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der Pädagogik in die moderne Unterrichtsgestaltung mit einzubeziehen.
"Freiheit für die Kinder - Freiheit für die Schule" gibt praktische Hinweise für einen zeitgemäßen Unterricht mit dem Ziel, eine konstruktive und richtungsweisende Schulentwicklung zu ermöglichen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 19, 2015
ISBN:
9783706558044
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Freiheit für die Kinder - Freiheit für die Schule - Harald Eichelberger

diskutiert.

Daniela M. I. Pichler-Bogner

Freiheit zur Entwicklung in der frühen Kindheit

„Es ist die Qualität des Zusammenspiels zwischen den Erwachsenen, die einen bestimmten Ton setzt und über die Atmosphäre (…) entscheidet."1

Jesper Juul

Die Bedeutung geeigneter Bedingungen für die Entwicklung von Säuglingen und kleinen Kindern bis zum Alter von drei Jahren wird uns seit vielen Jahren von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen nachweislich belegt. Die Auswirkungen der frühkindlichen Erfahrungen für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und nachhaltige Zufriedenheit auf psychischer, physischer, sozialer wie infolgedessen auch ökonomischer Ebene sind offensichtlich. Voraussetzend darf angenommen werden, dass alle Kinder mit einem Entwicklungspotential auf die Welt kommen, aus dem sie schöpfen, das sie unter geeigneten Bedingungen und in ihrem Zeitmass Wachstums fördernd zur Entfaltung bringen können.

Spezifische Entwicklungsschritte entsprechen den sensomotorischen Bedürfnissen, d.h. durch ausreichende Gelegenheiten, in einer entsprechend anregenden Umgebung aus eigener Initiative sensorisch und motorisch tätig werden zu können, entfalten sich die für diese Zeit zum Reifen angelegten Gehirnstrukturen bestmöglich. Durch eigenständige Aktivität ist es dem kindlichen Organismus möglich, sein äußeres und inneres Gleichgewicht zu bewahren, sich Herausforderungen selbständig zu suchen, sich dabei weder zu unter- noch zu überfordern und dadurch Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Die Erkenntnisse der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler – Gründerin und Leiterin des Säuglingsheims Lóczy, dem Pikler-Institut in Budapest – bieten eine Grundlage, um in der Praxis geeignete Möglichkeiten für die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern in den ersten drei Lebensjahren anzubieten. Denn diese Entwicklungsphase unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von derjenigen von Kindern zwischen drei und sechs Jahren.

Autonome Bewegungsentwicklung

Emmi Pikler hat durch jahrzehntelange Beobachtungen feststellen können, dass jedes gesunde Kind die Fähigkeit in sich trägt, seine Bewegungsentwicklung selbständig zu steuern. Das heißt, dass es nicht notwendig ist, ein Kind in Positionen zu bringen, damit es diese erlernt. Im Gegenteil: All diese ‚Hilfen‘ vermitteln dem Kind die Erfahrung, dass etwas nicht überein stimmt mit seinem eigenen Gefühl. Denn jede dieser vom Erwachsenen vorweg genommen Positionen führen beim Kind zu einem physischen und – in weiterer Folge – oft zu einem psychischen Ungleichgewicht. Kinder lernen von selbst sich auf den Bauch drehen, sitzen, stehen oder gehen.

In der Rückenlage hat das Neugeborene die besten Möglichkeiten, sich und die Umgebung zu entdecken, ohne dabei vorzeitig zu ermüden. Der Kopf lässt sich in der Rückenlage mühelos nach links und rechts drehen, die Bewegungsfreiheit der Beine ist gewährleistet und es lernt seine Hände kennen – ein Prozess, der drei, vier Monate in Anspruch nimmt: Zu erfahren, dass diese Hände zu mir gehören, bedeutet auch, zu wissen, wie ich sie dann einsetzen kann – die Voraussetzung, um Gegenstände ergreifen, berühren, mit ihnen hantieren zu können.

Aus der Rückenlage entwickelt das Kind jede weitere Bewegung – die Beine aufstellen, sich auf die Seite drehen, nach links, nach rechts und von da in die Bauchlage. Viele der wichtigen Übergangspositionen werden auf diese Art und Weise von den Kindern erarbeitet – jeder Positionswechsel wird so lange vorbereitet und geübt, um dann z.B. im seitlichen Ellbogenstütz oder im abgestützten Seitsitz sicher und im Gleichgewicht zu spielen.

Aufgrund all dieser Zwischenpositionen erwirbt das Kleinkind Vertrauen in seine motorischen Fähigkeiten, Sicherheit und Geschmeidigkeit in der Bewegung. Noch bevor es zum freien Sitzen kommt, erfährt es die vielfältigsten Fortbewegungsmöglichkeiten auf dem Bauch und auf dem Rücken. Ein selbständig zum Sitzen gelangter Säugling sitzt sicher, selbstbewusst und ist im Vollbesitz seiner Möglichkeiten, in dieser neuen Position zu spielen, zu erkunden.

Das Ungleichgewicht eines vorzeitig ins Sitzen gebrachten Kindes wird meist durch Abstützen mit Polstern ausgeglichen. Nichtsdestoweniger spürt das Kind in dieser Position seine Unsicherheit. Der Körper fängt an, sich auf ein mögliches Fallen vorzubereiten, d.h. er erzeugt innere Anspannung. Dies ist die Ausgangslage, aus der heraus das Kind die Möglichkeit – oder Unmöglichkeit – hat zu spielen.

Eine weitere Erfahrung, die das Kind in dieser Position macht, ist die der Abhängigkeit: Wenn ihm ein Spielmaterial wegrollt, wird ihm schnell bewusst, dass es ihm nicht möglich ist, dies selbst zu holen. Es weiß nicht, wie es aus dieser sitzenden Position heraus kommen kann, da es ja auch nicht gelernt hat, selbständig dorthin zu gelangen. Diese Erfahrung der Abhängigkeit und Unflexibilität wirkt sich nicht nur auf sein Körpergefühl aus sondern auch auf seine Persönlichkeitsentwicklung.

Bei allen Überlegungen ging es Emmi Pikler nicht um die Bewegungsentwicklung allein. Der Säugling lernt „im Lauf seiner Bewegungsentwicklung nicht nur sich auf den Bauch zu drehen, nicht nur das Rollen, Kriechen, Sitzen, Stehen oder Gehen, sondern er lernt auch das Lernen. Er lernt, sich selbstständig mit etwas zu beschäftigen, an etwas Interesse zu finden, zu probieren, zu experimentieren. Er lernt Schwierigkeiten zu überwinden. Er lernt die Freude und die Zufriedenheit kennen, die der Erfolg – das Resultat seiner geduldigen, selbstständigen Ausdauer – für ihn bedeutet".2

Die freie Bewegungsentwicklung erlaubt es den Kindern in jeder Phase selbständig tätig zu sein, ihre große Neugierde, alles entdecken und erforschen zu wollen, eigenständig befriedigen zu können, unabhängig vom Erwachsenen. Dabei erfahren sie eine innere Zufriedenheit, die sie als kompetente und selbstständige Personen befähigt, neue Herausforderungen zu suchen, in Angriff zu nehmen und zu bewältigen. Die unterschiedlichen Entwicklungsschritte in der Bewegungsentwicklung bieten dazu ausreichende Möglichkeiten: Jede neue Position ist eine Gelegenheit, sich zu erproben und zu lernen, wie sie am zweckmäßigsten zu erreichen ist.

Die dazu notwendigen Strategien entwickeln Kinder im Tun, in ihrem individuellen Zeitmass, das ihnen ermöglicht, selbständig zu entscheiden, wie viel sie an Neuem wagen und wann sie sich wieder in die vertraute Lage zurück bewegen, um bei einem nächsten Versuch von vorne zu probieren. Dabei trainieren sie immer in der für sie passenden Weise und in der ihnen möglichen Dauer – die Balance zwischen Aktivität und Ruhephasen zu bewahren ist ihnen durch die selbständige Aktivität möglich.

Die Auswirkungen dieser frühkindlichen Erfahrungen auf das lebenslange für sich selber sorgen können sind deutlich. Zeit und Raum für selbständiges Entdecken schützen Kinder – sie lernen sich selbst einzuschätzen, setzen sich nicht unnötigen Gefahren aus, da sie nicht von außen zu etwas angeleitet werden, das noch nicht ihren Fähigkeiten entspricht.

Sie erleben in ihrem Tun kaum „Misserfolge, weil sie im Probieren immer wieder Neues entdecken, aber auch wieder „Rückschritte gehen können, wenn sie sich einer neuen Herausforderung noch nicht gewachsen fühlen, da ihr Tun nicht bewertet wird als eines, das nicht äußeren Erwartungen entspricht. Dadurch werden sie geschickt, lernen Fallen, verlieren nicht ihr äußeres und inneres Gleichgewicht und entfalten durch das wachsende Körperbewusstsein Schritt für Schritt ihr Selbstbewusstsein.

Von den Anfängen und der Bedeutung des freien Spiels

Im selbst initiierten freien Spiel kann der Säugling zwischen vorhandenen Möglichkeiten selbständig auswählen und aufgrund der Freiheit, die Zeitspanne und Art der Beschäftigung selbst zu bestimmen, Ausdauer zeigen, Konzentration, Freude und Befriedigung über sein schöpferisches Forschen und Experimentieren erfahren. So wird auch das vorhandene Potential zur Selbstregulation genutzt, bewahrt und gestärkt.

Das erste Zeichen menschlichen Interesses ist die Beschäftigung mit den eigenen Händen. Und das sogar über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten. Das Spiel mit den Händen in den ersten drei bis vier Monaten zeigt uns etwas, das Anna Tardos, Tochter von Emmi Pikler, als „erste Offenbarungen menschlichen Interesses beschrieben hat. Es weist dies darauf hin, dass das Interesse für sich und seine Umgebung im Menschen vorhanden ist, dass es nicht von außen, vom Erwachsenen geweckt werden muss, wenn die Bedingungen für das Kind geeignet sind. Dazu bedarf es einer guten emotionalen Beziehung, einer ruhigen, sicheren Umgebung und entsprechender Materialien, die das Kind interessieren. In dieser Zeit versuchen Säuglinge, ihre eigenen Hände wahrzunehmen und sie im Laufe von Wochen als Teil ihrer selbst zu erkennen, sich mit sich selbst, ihren Händen vertraut zu machen. Dies setzt voraus, dass sie nicht durch „ungeeignete Spielmaterialien davon abgelenkt werden (wie Mobiles, Spiel- oder sog. Lerncenter, die über ihnen schweben, nicht be-griffen und entdeckt werden können). Mit dieser Erkenntnis erfüllen sie die Voraussetzung, sich mit ihren Händen Gegenständen zuzuwenden, sie begreifen zu lernen, in ihrer Beschaffenheit, ihrer Form und Oberfläche zu erforschen und mit ihren Möglichkeiten zu experimentieren.

Die Bedeutung einer selbständigen Bewegungsentwicklung für die Freude am Spiel zeigt sich in der Sicherheit und Geschmeidigkeit der kindlichen Bewegungen, da ein Kind selbst entscheiden kann, in welcher Position es sich seinem Spiel widmen möchte, sicher und dadurch ausdauernd.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (Friedrich Schiller)

Diese Aussage bringt zum Ausdruck, welche Bedeutung das freie Spiel für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat: Kinder leben mit ihren Sinnen, ihrer Bewegung – dies auch der Grund dafür, warum die ersten sieben Lebensjahre sowohl von Maria Montessori wie auch von Jean Piaget als sensomotorische Phase bezeichnet wurden. Das verdeutlicht, dass wir Kindern in dieser Entwicklungsphase geeignete Bedingungen schaffen müssen, um diesen Bedürfnissen entsprechende Möglichkeiten zu bieten.

Schwierigkeiten selbständig lösen lernen

In ihrem Tun suchen sich Kinder ständig neue Herausforderungen und Schwierigkeiten. Diese zu lösen ist eine der am meisten motivierenden und befriedigenden Erfahrungen des menschlichen Lebens überhaupt. Schwierigkeiten bringen uns in unserer Entwicklung weiter, begeistern uns im wahrsten Sinne des Wortes und lassen uns wachsen. Wenn ein Kind genug Erfahrungen im Spiel machen durfte, mit Schwierigkeiten zurecht zu kommen, hat es auch Möglichkeiten, sich mit dem Leben und seinen Anforderungen selbständig und kreativ auseinanderzusetzen.

Probieren dürfen heißt auch immer wiederholen, was schon einmal ausprobiert wurde. Wiederholungen sind ein Teil des menschlichen Lernprozesses. Wie oft dies notwendig ist hängt allein vom Einzelnen ab. Ebenso sind Variationen, Kombinationen, das Sammeln, Reihen bilden und viele andere Tätigkeiten wesentlicher Bestandteil des kindlichen Spiels. Ob sie diese Vorgänge mit Eimern, Körben, Autos, Barbiepuppen, Bausteinen, Kieselsteinen, Stöcken, Kirschen, Murmeln oder Klebebildern tätigen – im Grunde geht es immer um das, was Jean Piaget als die „Entwicklung des menschlichen Denkens" bezeichnet hat: Spiel ist authentischster Ausdruck und wirksamstes Lernmittel des Kindes.

Für das freie Spiel der Kinder ist charakteristisch, dass es sich in einem selbst vollzogenen Wechsel zwischen Aktivitätsund Ruhephasen bewegt. Es ist nicht notwendig, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich jetzt ausruhen sollten, es ist ihr Organismus, der ihnen mitteilt, wann er Ruhe oder auch einfach nur einen Wechsel in der Aktivität braucht: Kinder erholen sich auch, indem sie beispielsweise andere Bewegungsabläufe tätigen und dadurch ihr motorisches Gleichgewicht wiederherstellen. Das können sie nur selbst erspüren, nicht ein Außenstehender.

Dazu gehört auch die Freude am Geschehen lassen und Gelingen. Kinder, die ihren inneren Impulsen folgen können, erfreuen sich an ihren eigenen Leistungen, sie sind nicht vom Lob anderer abhängig. Sie haben weniger Misserfolge, und wenn, werden sie durch diese nicht entmutigt.

„Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz andersartiges Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird."3

Die dabei zu Tage tretende Geschicklichkeit und Vielfalt ihrer Experimente bestätigen uns, mit welch starkem innerem Antrieb Kinder aktiv werden, welche Ausdauer und Disziplin sie besitzen. Eine Eigenschaft, die Kindern gar nicht zugesprochen wird, weil es nicht in Verbindung gesehen wird mit Freude an der Tätigkeit, mit Spaß am Lernen und schon gar nicht mit Spiel. Dies führt mitunter dazu, dass sie, sobald sie in die Schule kommen, Bedingungen vorfinden, die sie ihre Freude am Entdecken, ihre Wissbegier und Lernbereitschaft verlieren lässt. Was zur Folge hat, dass ihnen Faulheit angelastet wird und Disziplin anerzogen werden muss.

Das Fehler-Bewusstsein in unserem Erziehungs- und Schulwesen hat zur Folge, dass Kinder von Anfang an bzw. spätestens in der Schule damit konfrontiert werden, dass es Dinge gibt, die sie „falsch" machen. Kinder, die etwas Neues kennen lernen und sich daran erproben, gehen noch nicht so an die Dinge heran wie es vielleicht im Verständnis des Erwachsenen liegt. Sie probieren aus und finden so heraus, wie etwas funktioniert.

Der Begabungsforscher Heinrich Jacoby hat vom Erarbeiten gesprochen und davon, dass „Erarbeiten bedeutet (...): immer am Falschen erfahren, entdecken, erarbeiten, was weniger falsch ist, und dadurch nicht nur zu erkennen, was richtig ist, sondern vor allem auch, wie das Richtige zustande kommt und warum gerade dieses das Richtige ist!"4

Diese Erfahrung ist jedoch vorwiegend dann möglich, wenn die gestellte Aufgabe zu bewältigen ist bzw. der Initiative des Kindes entspringt. Ist dies nicht gegeben, dann lässt auch sehr bald das Interesse nach. Das Verständnis, mit dem an dieser Aufgabe weiter gearbeitet wird, wird nicht die Qualität haben wie jenes für eine Aufgabe, die sich das Kind selbst gestellt hat und für die es bereit ist, Mühe auf sich zu nehmen, um zu einem Ergebnis zu gelangen.

Geeignete Materialien

Eine entsprechend vorbereitete Umgebung sollte diesem Forscherdrang Rechnung tragen – keine aktiven Gefahren beinhalten und anregende, den Entwicklungsphasen des Kindes entsprechende Materialien bereitstellen. Die dafür angebotenen Krabbelkisten, Kriechtunnel bzw. Labyrinthe und Dreiecksleitern wie auch offene Spielmaterialien ermöglichen es Kindern im Alter von 0-3 Jahren, ihr ursprüngliches Interesse und ihren Drang zu forschen, zu entdecken und zu experimentieren, zu erfüllen. Dadurch kann sich jedes Kind autonom, seinem eigenen Rhythmus entsprechend und ungestört beschäftigen und seine Bewegungsentwicklung individuell vorantreiben.

Bewegungsgeräte müssen den wachsenden Fertigkeiten kleiner Kinder entsprechen, sodass sie keine Über- und keine Unterforderung darstellen. Sie sollen nach Emmi Piklers Erkenntnissen den Kindern ermöglichen, „kleine Gefahren kennen zu lernen, sich daran zu erproben und zu ertüchtigen, aber „große Gefahren verhindern.

Spielmaterialien sollen offene, die Kreativität frei lassende Materialien sein. Didaktisch strukturierte Materialien sind für die Entwicklung des Denkens in diesem Alter ungeeignet, da Säuglinge und Kleinkinder durch das Kennen lernen unstrukturierter, absichtsloser Materialien erst Verständnis für deren Möglichkeiten gewinnen müssen.

Durch regelmäßiges Hantieren mit diesen einfachen Gegenständen entdecken sie deren unterschiedliche Formen, Oberflächen, Materialbeschaffenheit. Im Laufe ihrer Spielentwicklung bringen sie diese Gegenstände zueinander, entdecken, wie einzelne Materialien zueinander passen, erfahren deren Dimensionen, indem sie eins zum anderen fügen, in Beziehung zueinander setzen, aufeinander stellen, stapeln, sammeln, ordnen, Reihen bilden. Für all diese Erkundungen braucht es geeignetes Spielmaterial, in unterschiedlichen Beschaffenheiten und Mengen.

Auf diese Weise erschließen sich für kleine Kinder mit der Zeit bestimmte Regelmäßigkeiten und Ordnungsprinzipien und es wird ihnen möglich, selbständig Strukturen zu erkennen. Auf diesen Verständnisstrukturen aufbauend werden sie im nächsten Entwicklungsalter befriedigenden Nutzen aus dem Gebrauch von strukturierten, didaktischen Materialien ziehen können.

Beziehungsvolle Pflegesituationen und emotionale Sättigung

Während beziehungsvoller Pflegesituationen erfährt der Säugling sich durch sanfte Berührungen und liebevolle, ungeteilte Aufmerksamkeit von Anfang an als Persönlichkeit ernst genommen. Seinem Bedürfnis nach Selbständigkeit und seiner Bereitschaft zur Kooperation wird Rechnung getragen. Diese Art der Zuwendung ermöglicht ihm, sich im Anschluss daran emotional gesättigt eigenständig zu beschäftigen und die Umgebung kennen zu lernen. Die Aufmerksamkeit einer beobachtenden und die Aktivitäten des Säuglings wahrnehmenden Bezugsperson gewährt ihm die Sicherheit, sein eigenes Leben aktiv zu gestalten.

Die Pflegesituationen sollen nicht nur den Erfordernissen der Ernährung, Sauberkeit und Hygiene genügen, sondern vor allem auch das Wohlbefinden der Kinder gewährleisten. Die vorgesehenen Tätigkeiten sollen dem Kind Freude bereiten und jede Möglichkeit zu seiner selbständigen Mitwirkung unterstützen.

Dass dies stattfinden kann, setzt eine bewusste Haltung und konkrete Verhaltensweisen voraus: Das Kind wird nicht als Objekt behandelt, sondern immer wie ein Wesen, das fühlt, beobachtet, registriert und versteht oder verstehen wird, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt. Dies geschieht auf sehr behutsame Art und Weise, durch sanfte, respektvolle Berührungen. Außerdem wird jede Tätigkeit, die am Kind ausgeführt wird, vom Erwachsenen im Vorhinein angekündigt und präzise beschrieben. Dadurch wird schon dem Säugling ermöglicht, sich in allen Berührungspunkten mit dem Erwachsenen und dessen Aktivitäten zu orientieren.

Ohne Hast und Eile wird die Teilnahme des Kindes an jedem Geschehen ermöglicht. Durch die sprachliche Vorankündigung der Handlungen und das Beschreiben und Zeigen von Gegenständen (Hemdchen, Windel, Salbe, Bürste ...) hat das Kind die Möglichkeit, sich zum einen auf das Bevorstehende einzustellen, sich zu entspannen oder Unbehagen zu signalisieren und zum anderen seine Bereitschaft zur Kooperation, zum aktiven Mitwirken zu zeigen und den Handlungsverlauf mitzugestalten. Darüber hinaus werden alle übrigen Äußerungen des Kindes kommentiert sowie seinen Interessen und seiner Initiative Raum gegeben.

Der Respekt dem kindlichen Wesen gegenüber äußert sich auch in der Freiheit, die seiner Bewegungsfreude während der Pflege gewährt wird. Durch entsprechende Vorrichtungen für die Pflege – geeignete Wickelkommoden mit hohem Gitter zum Anhalten und Aufrichten, Tischchen, Schemel, Polster – genauso wie durch Aufmerksamkeit, Ruhe und Geschick ist es nicht notwendig, ein Kind gegen seinen Willen in eine Position zu bringen, die ihm unbehaglich ist. Viele Machtkämpfe auf der Wickelkommode können so vermieden werden, wenn Kinder entsprechend ihrem Bewegungsbedürfnis und ihrer Selbstwahrnehmung als schon aufrechte Wesen beispielsweise auch ein Wickeln im Stehen erleben können, wo sie sich als aktive Partner und nicht dem Erwachsenen in der Rückenlage ausgeliefert erleben.

Soziale Kompetenz entwickeln

Die Bereitschaft der Kinder, mit den Erwartungen der Erwachsenen zu kooperieren, ist von Anfang an vorhanden. Kinder handeln nicht aus böser Absicht heraus den Erwartungen zuwider, geschweige denn wollen sie provozieren. Ihr Widerstand ist in den meisten Fällen ein Zeichen dafür, dass sie keine ausreichende Orientierung bekommen haben, meist gar nicht wissen, was von ihnen erwartet wird. Wenn Kinder Misstrauen gegenüber ihrer Bereitschaft zu kooperieren erleben, weckt dies ein starkes Unbehagen hinsichtlich ihrer Selbstwürde. So ist ihr Widerstand gegenüber den Erwartungen der Erwachsenen meist ein Zeichen dafür, dass sie um ihre Würde kämpfen.

Ein kleines Kind, das sich in den Begegnungen mit den erwachsenen Bezugspersonen ernst genommen erlebt, kompetent und aktiv, wird emotionale Sättigung erfahren. Durch feinfühliges Verstehen bekommt es geeignete Antworten auf seine Bedürfnisse und entwickelt Bindungssicherheit. Auf dieser Grundlage ist es Kindern möglich, ihrem Forscherdrang entsprechend eigeninitiativ zu werden und selbständigen Aktivitäten nachzugehen. So können sie ihre Selbstwirksamkeit erfahren, was wesentlich zum Aufbau eines gesunden Selbstkonzepts beiträgt.

In den Pflegehandlungen der Einladung des Erwachsenen zu folgen, das Jäckchen anzuziehen, indem das kleine Kind seinen Arm entgegen streckt, ist ein deutliches Zeichen für Interesse, Vertrauen und Freude an der Begegnung. Auf diese Art und Weise erlebt es sich von Anfang an kompetent und als Person ernst genommen. Dadurch erfährt es sich als einen für den anderen wertvollen Menschen, der mitwirken kann, es erlebt Freude am Miteinander. Und es erfährt in seiner Kooperationsbereitschaft, dass es bereits hier für den anderen einen Beitrag leisten kann: die ersten Erfahrungen von sozialer Kompetenz.

Die Aufgabe und Rolle des Erwachsenen

Wenn wir Vertrauen in die individuelle Entwicklung eines jeden Kindes haben und ihm seinen eigenen Rhythmus und sein Tempo zugestehen, brauchen wir Kinder und uns selbst nicht von Tabellen oder einheitlichen Normen unter Druck setzen zu lassen. Ein interessiertes und lebendiges, aufgewecktes und aktives Kind zeigt uns, worauf es ankommt: Nicht Quantität sondern Qualität seiner Bewegungen und Aktivitäten sind der Beweis für eine gesunde Entwicklung, die wir nicht durch ständiges Vergleichen mit den Entwicklungsschritten anderer stören sollten.

Die freie Bewegungsentwicklung erlaubt es den Kindern in jeder Phase selbständig tätig zu sein, ihre große Neugierde, alles entdecken und erforschen zu wollen, eigenständig befriedigen zu können, unabhängig vom Erwachsenen.

Der Erwachsene kann seine Rolle als wohlwollender Beobachter verstehen. Er begleitet die Aktivitäten des Kindes aufmerksam, greift nicht ein und dem Tun des Kindes nicht vor, animiert dieses auch nicht zu schnellerem oder eifrigerem Handeln und drängt es nicht, sondern gewährt dem konzentrierten Forschen des Kindes und seinem individuellem Rhythmus Raum und Zeit. Er versucht das Kind und seine Interessen, seine Entwicklungsbedürfnisse kennen zu lernen und zu verstehen. Dementsprechend ist er für die Vorbereitung der Umgebung verantwortlich.

Zur Frage „Wie können wir mit unseren Kindern spielen?" hat sich Emmi Pikler viele Gedanken gemacht. Es ging ihr nicht darum, Eltern das Spiel mit ihren Kindern zu verbieten. Im Gegenteil. Man kann sogar bei den Pflegesituationen zwischen Betreuerinnen und Kindern immer wieder erleben, wie wohlwollend sie auf die schelmischen Spiele der Kinder bei der Pflege eingehen, ohne dabei den Orientierungsrahmen, den roten Faden im Verlauf der Pflegehandlung aus den Augen zu verlieren. Ein Guck-Guck-Spiel mit dem Handtuch – von den Kindern selbst entdeckt und initiiert – hat ebenso Platz wie ein kurzes Nein-Spiel – ein Spiel mit den Regeln und Grenzen des Erwachsenen – beim Windelanziehen wollen oder nicht. Dieses Testen der Toleranz des Erwachsenen trägt wesentlich zur Vertiefung der Beziehung bei, setzt aber auch voraus, dass sich beide gut kennen und grundlegendes Vertrauen in den anderen vorhanden ist.

Emmi Pikler war es beim Spiel zwischen Kindern und Erwachsenen vor allem wichtig, dass die Initiative zum Spiel beim Kind bleibt und vom Kind ausgehen kann. Nur dadurch kann gewährleistet werden, dass das kleine Kind nicht überfordert wird durch erwachsene Impulse oder Ideen und dadurch aufgibt oder zurückschreckt oder seine eigenen Grenzen übersieht.

Die Qualität des freien, selbständigen Spiels setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Wenn diese auch im Miteinander gewährleistet sind, dann steht einer Begegnung im Spiel zwischen Eltern und Kind nichts im Weg. Neugier, Interesse, Achtsamkeit, Geduld, Ausdauer haben dann genauso Platz wie Kreativität, Ernsthaftigkeit, Freude und Lebendigkeit, wenn wir unsere Kinder und ihre Aktionen und Reaktionen ernst nehmen.

Die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen besteht:

•im Vertrauen in das Entwicklungspotential der Säuglinge und Kleinkinder – in deren Fähigkeit, in ihrem individuellen Zeitmass ihre eigenen Aktivitäten zu initiieren, aus den zur Verfügung stehenden Materialien auszuwählen und ausdauernd zu experimentieren und zu forschen,

•im Bereitstellen eines dafür erforderlichen Raums mit anregenden, den Entwicklungsschritten entsprechenden Bewegungselementen und Spielmaterialien und der notwendigen ungestörten

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