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Quell der Einsamkeit

Quell der Einsamkeit

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Quell der Einsamkeit

Bewertungen:
3/5 (379 Bewertungen)
Länge:
841 Seiten
12 Stunden
Freigegeben:
Nov 26, 2015
ISBN:
9783944576657
Format:
Buch

Beschreibung

»Quell der Einsamkeit« erzählt die Geschichte von Stephen Gordon, einer Frau aus der britischen Oberschicht, die eigentlich ein Sohn hätte werden sollen. Von Kind an hat Stephen das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimmt - dass sie anders ist: Sie trägt gern Männerkleidung, begeistert sich für Fuchsjagd und Fechtkunst und verliebt sich von früher Jugend an in Frauen - zunächst in das Hausmädchen Collins, später in die mondäne Angela Crossby, deren eifersüchtigen Ehemann Stephen durch ihre Bewunderung seiner Rosenzucht zu beschwichtigen sucht. Als Krankenwagenfahrerin im Ersten Weltkrieg lernt Stephen schließlich Mary Llewellyn kennen und lieben. Die beiden Frauen gehen in den zwanziger Jahren nach Paris, schaffen sich zusammen ein Heim und schließen Freundschaften, doch ihr gemeinsames Glück ist massivem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt ...
»Quell der Einsamkeit« ist ein bis heute faszinierender historischer Roman und kann als ein Vorläufer von Leslie Feinbergs »Stone Butch Blues« gelten. Er löste Debatten über Sexualität, Homosexualität und Geschlechterrollen aus, die noch immer andauern.
Freigegeben:
Nov 26, 2015
ISBN:
9783944576657
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Quell der Einsamkeit

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Quell der Einsamkeit - Radclyffe Hall

FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Radclyffe Hall

Quell der Einsamkeit

Roman

Aus dem Englischen von R. Harms

K+S digital

Für uns drei

BUCH I

Erstes Kapitel

1.

Unweit von Upton-on-Severn, genau genommen zwischen Upton-on-Severn und den Malvern Hills, liegt der Landsitz der Gordons of Bramley; wohlversehen mit Nebengebäuden und Umzäunungen, mit Waldungen und Gewässern, versorgt durch einen Bach, der sich gerade an der rechten Stelle gabelt, um zwei große Teiche auf dem Besitztum zu speisen.

Das Haus selbst ist ein roter Ziegelbau im Stil des achtzehnten Jahrhunderts mit entzückenden kreisförmigen Dachfenstern unter dem Giebel. Es atmet Würde und Stolz, ohne sich damit zu brüsten; spricht von Selbstsicherheit, ohne deswegen arrogant zu wirken, Ruhe ohne Trägheit; ein Zug leiser Zurückhaltung macht es denen, die seinen Geist kennen, als Heim doppelt lieb. Und tatsächlich gleicht es gewissen liebenswerten Frauen, die, gealtert, zu einer vergangenen Generation zählen – Frauen, die in ihrer Jugend bei aller Zurückhaltung doch leidenschaftlich waren; schwer zu gewinnen, aber einmal gewonnen, Erfüllung bedeuteten. Sie kommen und gehen dahin; ihre Heimstätten bleiben. Solch eine Heimstatt ist Morton.

Lady Anna Gordon hielt als Braut von knapp zwanzig ihren Einzug ins Herrenhaus Morton. Schön war sie, wie nur eine Irin schön sein kann. Ausgeglichenheit und stolze Ruhe lagen in ihrem Auftreten, sehnsüchtiges Verlangen in ihrem Blick. Ihr Körper war lockendes Versprechen. Sie war das Urbild der vollkommenen Frau, die Gott geschaffen und für gut befunden hat.

Sir Philip hatte Anna Molloy weit weg von hier in County Clare kennengelernt. Sie war damals ein schlankes Geschöpf, unberührt und rein. Gleich einem erschöpften Vogel, der auf sein Nest zuflattert, flüchtete er sich an ihre Brust, wie es ihren Worten nach wirklich einmal ein Vogel getan hatte, der vor den Gefahren eines Sturmes Schutz bei ihr suchte.

Sir Philip war ein Mann von hoher Statur und einnehmendem Äußeren. Doch entsprang sein Charme weniger dem Äußeren als einer gewissen Weitherzigkeit, einer nachsichtigen, duldsamen Haltung, die fast die Bezeichnung großmütig verdiente, und nicht zuletzt der Art seiner tiefliegenden haselnussbraunen Augen, die eine chevalereske Traurigkeit zeigten. Das feste Kinn war leicht gespalten, die Stirn durchgeistigt, sein Haar goldbraun überschimmert. Seine weit geschwungenen Nasenflügel deuteten auf ein heftiges Temperament, aber seine schön geschwungenen, sensitiven und von Leidenschaft zeugenden Lippen wiesen ihn als einen Träumer und einen Liebenden aus.

Als er mit neunundzwanzig heiratete, hatte er sich bereits gehörig die Hörner abgestoßen, doch in ihrem sicheren Instinkt vertraute Anna ihm vollkommen. Ihr Vormund, dem er missfiel, war gegen die Verbindung gewesen; aber schließlich hatte sie ihren Kopf durchgesetzt. Und wie sich dann herausstellte, erwies sich ihre Wahl als glücklich. Denn selten hatten zwei Menschen einander so lieb wie sie. Sie liebten sich mit einer Glut, der die Zeit nichts anhaben konnte. Mit der Reife ihrer Jahre reifte auch ihre Liebe.

Sir Philip hatte nie geahnt, wie sehr es ihn danach verlangte, einen Sohn zu bekommen. Als Anna etwa zehn Jahre nach ihrer Vermählung in anderen Umständen war, hielt er es für die Vollendung seines Glücks, für die Erfüllung aller Wünsche, auf die sie beide gewartet hatten. Als sie es ihm erzählte, fand er keine Worte, um seiner Rührung Ausdruck zu verleihen; er konnte sich nur abwenden und an ihrer Schulter weinen. Es schien ihm keinen Augenblick in den Sinn zu kommen, dass Anna ihm sehr wohl auch eine Tochter schenken könnte. Er sah in ihr nur die Mutter von Söhnen, ihre beschwörenden Bedenken fruchteten nicht das Geringste. Er taufte das ungeborene Kind Stephen, weil er die Kühnheit jenes Heiligen bewunderte. Da er von Haus aus nicht religiös war und eher etwas von einem Gelehrten an sich hatte, sah er die Bibel als Schöne Literatur. Der Heilige Stephan hatte es seiner Phantasie angetan. So kam er denn häufig auf die Zukunft ihres Kindes mit Worten zu sprechen wie »Ich meine, ich werde Stephen nach Harrow schicken«, oder »Es wäre mir lieb, Stephen bildete sich im Ausland aus – das weitet den Horizont.«.

Wenn Anna ihn so sprechen hörte, ließ sie sich immer mehr überzeugen. Seine Sicherheit war dazu angetan, ihre unklaren Ahnungen zu zerstreuen. Sie sah sich bereits mit dem kleinen Stephen spielen, bald im Kinderzimmer, bald im Garten, dann auf der Wiese mit ihrem süßen Duft. ›Er, der liebenswerte junge Mann‹, sagte sie wohl in Gedanken an die gefühlvolle irische Ausdrucksweise ihrer Landsleute. ›Er, in dessen Augen das Sternenlicht funkelt und dessen Herz vom Mut eines Löwen erfüllt ist.‹

Wenn sich das Kind in ihr regte, dachte sie wohl, es stieße deshalb so kräftig, weil es ein tapferes männliches Geschöpfchen war, das sie trüge. Bei solchen Anlässen weitete sich ihr Sinn, und ihre Zuversicht, ein männliches Kind zur Welt zu bringen, wuchs ins Unermessene. Oft lag ihre Handarbeit auf dem Schoß, während ihr Blick in die Ferne auf die Hügelkette gerichtet war, die sich längs des Severn-Tales hinzog. Es verlangte sie danach, von ihrem Lieblingsplatz unter einer alten Zeder die Malvern Hills in ihrer ganzen Schönheit zu erblicken; ihre schwellenden Anhöhen schienen plötzlich eine andere Bedeutung anzunehmen. Sie wirkten auf sie wie schwangere Frauen mit schweren Brüsten, wie große, tapfere, mit Grün umgürtete Mütter herrlicher Söhne. So saß sie all die Sommermonate über da und blickte nach den Bergen. Gewöhnlich saß Sir Philip neben ihr, und gewöhnlich saßen sie Hand in Hand. Voller Dankbarkeit gab sie den Armen reichlich, und Sir Philip ging sogar in die Kirche, was er sonst höchst selten zu tun pflegte, und der Pfarrer erschien zum Dinner, und gegen das Ende hin kam manch ältere Frau herbei, um Anna gute Ratschläge zu erteilen.

Jedoch: ›Der Mensch denkt, Gott lenkt.‹ So kam es, dass Anna zu Weihnachten von einer Tochter entbunden wurde, einer schmalhüftigen, breitschultrigen kleinen Kröte von Tochter, die drei Stunden lang schrie und schrie, ohne aufzuhören, als sei es eine Zumutung, dass sie in die Welt gesetzt wurde.

2.

Anna Gordon stillte ihr Kind. Während es trank, wurde ihr schwer ums Herz; hatte ihr Mann sich doch so sehr einen Sohn gewünscht! Angesichts ihres Kummers verbarg Sir Philip seine Enttäuschung. Er herzte und hätschelte die Kleine und betrachtete ihre Fingerchen.

»Welch eine Hand!«, sagte er dann wohl. »An allen zehn Fingerchen hat sie tatsächlich schon Nägel – richtige rosige kleine Nägel!«

Dann trocknete Anna ihre Tränen und liebkoste das winzige Händchen mit ihren Lippen.

Er bestand hartnäckig darauf, das Kleine Stephen zu nennen, ja, es sogar auf diesen Namen taufen zu lassen. »Jetzt haben wir sie schon so lange Stephen gerufen«, sagte er zu Anna, »dass ich nicht einsehen kann, weshalb wir nicht dabei bleiben sollen.«

In Anna regten sich Zweifel, aber Sir Philip blieb dickköpfig, wie er es zeitweilig sein konnte, wenn er einer Marotte nachhing.

Der Pfarrer fand das ziemlich ungewöhnlich. Um ihn zu beschwichtigen, mussten sie weibliche Vornamen hinzufügen. So wurde das Kind dann in der Dorfkirche auf die Namen Stephen Mary Olivia Gertrude getauft. Sie gedieh, wurde kräftig, und als ihr das Haar wuchs, war es vom gleichen Kastanienbraun wie das Sir Philips. Auch ihr Kinn hatte schon eine winzige Spaltung, zuerst so winzig, dass es wie ein Schatten wirkte. Als eine Weile später die Augen ihre Bläue, wie sie jungen Hunden und anderen jungen Geschöpfen eigen ist, verloren, entdeckte Anna, dass sie sich ins Haselnussbraune veränderten und – wie sie meinte – den Ausdruck des Vaters annahmen. Alles in allem war sie ein wohlgeratenes Kindchen dank ihrer zweifellos guten körperlichen Verfassung. Abgesehen von ihrem ersten energischen Protest bei der Geburt schrie sie sehr wenig.

Ein Kindchen in Morton bedeutete wahres Glück. Das alte Haus schien freundlicher zu werden, wenn das Kind, das rasch wuchs und laufen lernte, die Dielen, die schon so lange Jahre Kinderart kannten, entlang stolperte, krabbelte oder taumelte. Kam Sir Philip von oben bis unten beschmutzt von der Jagd, dann lief er, bevor er noch die Stiefel auszog, ins Kinderzimmer und ließ sich auf alle viere nieder, und Stephen kletterte auf seinen Rücken. Sir Philip stellte sich dann, als sei er ein kraftvolles Pferd; er bockte, bäumte sich auf, schlug heftig aus, so dass Stephen sich in sein Haar krallen oder an seinem Hals festhalten musste und ihn mit ihren frechen kleinen Fäusten bearbeitete. So fand Anna sie gewöhnlich, von dem Radau herbeigelockt, und deutete dann auf den schmutzigen Teppich.

Sie rief: »Genug jetzt, Philip, genug jetzt, Stephen! Es ist Zeit für euren Tee!«, so als ob alle beide ihre Kinder wären. Dann erhob sich Sir Philip, warf Stephen ab und gab ihrer Mutter einen Kuss.

3.

Der erhoffte Sohn schien lange auf sich warten zu lassen. Er war immer noch nicht da, als Stephen schon sieben Jahre alt war. Allerdings hatte Anna auch keiner weiteren Tochter das Leben geschenkt. Auf diese Weise blieb Stephen Hahn im Korbe.

Ob ein Einzelkind beneidenswert genannt werden kann, lässt sich stark bezweifeln. Einzige Kinder sind zur Selbstbeobachtung verurteilt; sie haben niemanden in ihrem Alter, dem sie sich anvertrauen können, außer sich selbst. Man kann kaum behaupten, dass der Geist einer Siebenjährigen von ernsthaften Problemen in Anspruch genommen wird, aber er beginnt schon zu tasten und kann schon kleine Anfälle von Schwermut erleiden, kann sogar bereits darum ringen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen – dem begrenzten Leben seiner Umgebung. Mit sieben Jahren gibt es Liebe und Hass en miniature, die aber trotzdem drohend ihr Haupt erheben, einen aus der Fassung bringen und verwirren. In diesem Alter mag sogar ein dumpfes, unklares Gefühl von Enttäuschung und Verkrampfung da sein, und Stephen wurde sich tatsächlich häufiger solchen Gefühls bewusst, obwohl sie außerstande war, es in Worte zu fassen. Um damit fertig zu werden, ließ sie sich von Zeit zu Zeit zu plötzlichen, heftigen Temperamentsausbrüchen hinreißen, wobei sie über alltägliche Dinge, die sie im Allgemeinen kalt ließen, in Erregung geriet und sich in diese hineinsteigerte. Es erleichterte sie, beim ersten Zeichen von Widerstand, den man ihr entgegensetzte, mit den Füßen aufzustampfen und daraufhin in Tränen auszubrechen. Nach solchen Exzessen fühlte sie sich heiterer und fand es beinahe leicht, gefügig und gehorsam zu sein. Mit ihrem undefinierbaren kindlichen Vorgehen schlug sie gegen das Leben zurück, und das stellte ihr Selbstbewusstsein wieder her.

Anna wandte sich an ihr aufsässiges Kind und sagte dann: »Stephen, Liebling, Mama ist dir nicht wirklich böse; vertrau dich Mama an, sag ihr, was dich so reizt und in Zorn bringt. Sie verspricht dir, sich Mühe zu geben und dich zu verstehen, wenn du es ihr sagst.«

Aber obwohl ihre Stimme sanft klang, blickten ihre Augen kalt, und ihre Hand zögerte, wenn sie Stephen widerwillig streichelte. Und die Hand musste sich überwinden, sie zu liebkosen; aber Stephen merkte das. Sah sie dann hoch und blickte in das ruhige, liebliche Gesicht, dann erfüllte sie starke Zerknirschung, durchzuckte sie ein jähes, tiefgehendes Gefühl eigener Unzulänglichkeit. Sie sehnte sich danach, mit allem, was sie bedrückte, vor der Mutter herauszuplatzen, aber ihre Zunge war wie gelähmt, und sie brachte keine Silbe hervor. Denn beide waren einander gegenüber sonderbar gehemmt; ihre Befangenheit wirkte grotesk, da sie doch Mutter und Kind waren. Anna spürte das immer, auch Stephen, so jung sie noch war, ahnte es. So kam es ganz von selbst, dass die, die am stärksten verbunden sein sollten, einander meistens auswichen.

Stephen, mit ihrem lebendigen Sinn für Schönheit, empfand unklar den Wunsch, Ausdruck für das Gefühl der Verehrung zu finden, das das Gesicht ihrer Mutter in ihr erweckte. Anna jedoch erging es anders. Während ihr Blick ernst auf ihrer Tochter ruhte und sie deren volles kastanienbraunes Haar, die tapferen haselnussbraunen Augen betrachtete, die so sehr denen des Vaters glichen – wie auch das Verhalten und Auftreten des Kindes –, wurde in ihr plötzlich Widerstand gegen sie wach, der hart an Abscheu grenzte.

Nachts fuhr sie oft aus dem Schlaf hoch und schlug sich mit diesen Dingen herum. In einem Anfall von Zerknirschung durchstand sie wahre Qualen, beschuldigte sich der Härte, hielt sich für eine unnatürliche Mutter. Beim Gedanken daran, dass ihr Stephen unverständlich war, vergoss sie manchmal heimliche Tränen.

Sie dachte: Ich sollte auf die Ähnlichkeit stolz sein; stolz, glücklich und froh, sooft ich sie sehe. Kaum hatte sie es gedacht, als die eigentümliche Feindseligkeit erneut von ihr Besitz ergriff und sich zu Angstvorstellungen auswuchs.

Anna glaubte darüber verrückt zu werden. Denn diese Ähnlichkeit mit ihrem Mann – obwohl die arme, unschuldige siebenjährige Stephen, gewissermaßen eine Karikatur Sir Philips, einen fehlerhaften, unzureichenden, entstellten Abklatsch darstellte – berührte sie wie etwas Frevelhaftes. Gleichzeitig war sie sich darüber im Klaren, dass Stephen hübsch war. Aber dann wieder kamen Zeiten, wo das weiche Fleisch des Kindes sie abstieß, wo die Art und Weise, wie Stephen sich bewegte oder dastand, ihr verhasst war, verhasst wie die gewisse Großspurigkeit, die Stephen zu eigen war, wie ein gewisser auffallender Mangel an Grazie in ihren Bewegungen, wie eine gewisse unbewusste Herausforderung, die sie an den Tag legte. Dann dachte sie wohl an die Zeit zurück, da sich dieses selbe Geschöpf an ihre Brust klammerte und sie dazu brachte, es wegen seiner ohnmächtigen Schwachheit zu lieben. Bei diesem Gedanken füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen, entstammte sie doch selbst einem Geschlecht zärtlich-hingebungsvoller Mütter.

Sich schlaflos hin- und herwälzend, betete Anna Gordon stets um Erleuchtung, den rechten Weg zu finden. Sie flehte den Himmel an, ihr Mann möge nie argwöhnen, was sie gegen das Kind hatte. Alles, was sie war, wusste er sonst, alles, was sie je gewesen. Sie hatte auf der Welt kein einziges Geheimnis vor ihm außer dieser einen widernatürlichen und monströsen Ungerechtigkeit, die stärker war als ihr Wille. Und Sir Philip liebte Stephen; er vergötterte sie, fast als errate er instinktiv, dass seine Tochter heimlich um ihr Glück betrogen werde und irgendeine unverdiente Last auf ihren Schultern trage. Er sprach mit seiner Frau nie darüber; doch wenn sie die beiden beobachtete, wurde es ihr von Tag zu Tag mehr zur Gewissheit, dass seine Liebe zu dem Kind ein Element enthielt, das mit Mitleid verwandt war.

Zweites Kapitel

1.

Ungefähr um diese Zeit empfand Stephen zum ersten Mal einen unentrinnbaren Drang zu lieben. Ihren Vater betete sie an; aber das war etwas ganz anderes. Er war ein Teil von ihr, war immer dagewesen; ohne ihn konnte sie sich die Welt einfach nicht vorstellen.

Mit Collins, dem Hausmädchen, verhielt sich die Sache nicht so. Collins war, was man das ›Zweitmädchen‹ von den drei weiblichen Hilfskräften nennt, und durfte hoffen, eines Tages befördert zu werden. Im Übrigen war sie das blühende Leben selbst, mit vollen Lippen und vollen Brüsten – für eine Zwanzigjährige allerdings reichlich üppig. Doch ihre Augen waren ungewöhnlich blau und bestrickend, voll reizender Neugier zudem. Stephen hatte Collins zwei Jahre lang die Treppen fegen sehen und war ganz unbemerkt an ihr vorübergegangen. Aber eines Morgens – Stephen war knapp über sieben – schaute Collins hoch und lächelte sie plötzlich an. Da wusste Stephen im selben Moment, dass sie Collins liebte – eine bestürzende Offenbarung!

Collins sagte höflich: »Guten Morgen, Miss Stephen.«

Sie hatte stets »Guten Morgen, Miss Stephen« gesagt, aber bei dieser Gelegenheit klang es lockend, so lockend, dass Stephen Lust bekam, Collins zu berühren. Ziemlich unsicher streckte sie ihre Hand aus, um ihr über den Ärmel zu streichen.

Collins griff nach der Hand und sah scharf darauf. »Lieber Himmel!«, rief sie. »Was für dreckige Fingernägel!« Wobei Stephen aus Scham tief errötete und die Treppe hoch stürzte, um die Sache in Ordnung zu bringen.

»Legen Sie augenblicklich diese Schere fort, Miss Stephen!«, ließ sich die Nurse mit gebieterischer Stimme vernehmen, während ihr Schützling sich eifrig weiter kosmetisch betätigte.

Stephen gab fest zurück: »Ich mach’ mir die Nägel sauber, weil sie Collins nicht gefallen … Sie sagte, sie sind schmutzig!«

»Was für eine Frechheit!«, fauchte die Nurse. »Der werde ich beibringen, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken!«

Nachdem Mrs. Bingham die große Schneiderschere schließlich in Sicherheit gebracht hatte, machte sie sich auf die Suche nach der Übeltäterin. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die auch nur den geringsten Eingriff in die Erhabenheit ihrer Stellung dulden. Sie entdeckte Collins noch auf der oberen Treppenflucht und begann sie unverzüglich abzukanzeln. Die Nurse nannte das, ›sie auf ihren Platz verweisen‹. Sie tat das so gründlich, dass das Zweitmädchen in weniger als fünf Minuten alle ihre Fehler zu hören bekam, die einer Beförderung entgegenstanden.

Stephen war in der offenen Tür des Kinderzimmers stehengeblieben. Sie fühlte ihr Herz gegen die Rippen pochen. Es pochte vor Zorn und aus Mitleid mit Collins, die kein Wort erwiderte. Sie kniete, die Scheuerbürste in der halberhobenen Hand, den Mund leicht geöffnet und die Augen voller Schrecken. Als sie endlich Worte fand, klang ihre Stimme unterwürfig und furchtsam. Sie war von Natur aus ängstlich, und die scharfe Stimme der Nurse war im ganzen Haus sprichwörtlich.

Collins sagte: »Ihrem Kind in die Quere kommen – ich? Oh, ich nicht, Mrs. Bingham, niemals! Da kenn’ ich hoffentlich meine Stellung besser. Miss Stephen selber zeigte mir ihre schmutzigen Nägel. Sie sagte: ›Schau mal her, Collins, sind meine Nägel nicht schrecklich schmutzig?‹ Und ich sagte: ›Da müssen Sie Nanny fragen, Miss Stephen.‹ Sieht das so aus, als wollte ich mich in Ihre Angelegenheiten mischen? So eine bin ich nicht, Mrs. Bingham.«

O Collins – Collins mit den hübschen blauen Augen und dem lustigen, betörenden Lächeln! Stephens eigene Augen weiteten sich vor Staunen, dann trübten sie sich mit plötzlichen Tränen der Desillusion. Denn viel schlimmer als Collins’ geistige Armut war die fürchterliche Ungerechtigkeit ihrer Lügerei, und doch schien gerade diese Ungerechtigkeit sie zu Collins hinzuziehen. Trotz ihrer Verachtung konnte Stephen sie immer noch lieben.

Finster grübelte sie den Rest des Tages über Collins’ Würdelosigkeit. Dennoch verlangte es sie den ganzen Tag über weiter nach Collins. Jedes Mal, wenn sie ihr begegnete, ertappte sie sich bei einem Lächeln, völlig außerstande, mutig ihre Missbilligung durch finstere Miene auszudrücken. Und Collins lächelte sie, wenn die Nurse es nicht sah, genau so an. Sie hielt ihre dicken roten Finger hoch, wies auf ihre Nägel und schnitt hinter dem Rücken der Nurse eine Grimasse. Der Anblick machte Stephen verlegen und unglücklich – nicht so sehr um ihretwillen als Collins wegen. Dieses Gefühl verstärkte sich so sehr, dass es Stephen beim bloßen Gedanken an sie heiß den Rücken hinunterlief.

Als Collins abends den Tee bereitete, gelang es Stephen, sie allein zu erwischen. »Collins«, flüsterte sie, »du hast die Unwahrheit gesagt – ich habe dir nie meine schmutzigen Nägel gezeigt.«

»’türlich nicht«, murmelte Collins. »Irgendwas musste man ja sagen. Sie nehmen’s mir doch nicht übel, Miss Stephen, nicht?«

Und als Stephen sie zweifelnd ansah, beugte sich Collins plötzlich zu ihr hinab und küsste sie.

Sprachlos vor reiner Freude stand Stephen da; alle ihre Skrupel waren wie weggeblasen. In diesem Augenblick wusste sie weiter nichts als ›Schönheit‹ und ›Collins‹, und dies beides war wie eines, und dieses Eine war Stephen und doch nicht Stephen, sondern etwas Größeres, für das der siebenjährige Geist keinen Namen fand.

Die Nurse erschien und brummte: »Nun mal los, Miss Stephen. Stehen Sie nicht da, als seien Sie verdreht! Gehen Sie und waschen Sie sich Gesicht und Hände vor dem Tee – wie oft muss ich Ihnen das noch sagen?«

2.

Von da an hielt Stephen Einzug in eine ganz neue Welt, die sich um die Achse Collins drehte, eine Welt steter aufregender Abenteuer, voller Beschwingtheit, Freude, unsagbarer Traurigkeit, aber im Ganzen eine schöne Welt, in der man herumschwirren konnte wie der Falter um die Kerze …

Auf und ab schwangen die Tage, wie eine Schaukel, die hoch empor über die Wipfel der Bäume aufstieg und dann wieder in die Tiefe zurückstürzte, aber selten nur, wenn überhaupt, in halber Höhe hing. Und mit ihnen schwang sich Stephen. Morgens erwachte sie mit einem Schauer ungewisser Erregung – jener Art Erregung, die von Rechts wegen nur zu Geburtstagen, zum Christfest, zum Besuch einer Pantomime in Malvern gehörte. Sie schlug dann wohl die Augen auf und sprang schnell aus dem Bett, noch zu schläfrig, um sich darauf zu besinnen, warum sie sich so beschwingt fühlte. Aber dann kehrte ihr wohl die Erinnerung zurück, und sie würde wissen: Heute, wirklich, würde sie Collins sehen. Die Vorstellung allein ließ sie in ihrem Sitzbad planschen, vor lauter Hast von ihren Kleidern die Knöpfe abreißen und ihre Fingernägel mit solcher Verve bearbeiten, dass sie allmählich wund wurden.

In ihren Unterrichtsstunden begann sie höchst unaufmerksam zu werden – sie sog an ihrem Federhalter, starrte aus dem Fenster oder, was weit schlimmer war, hörte überhaupt nicht mehr hin, außer auf Collins’ Schritte. Die Nurse schlug sie dafür auf die Hände, stellte sie in die Ecke und gab ihr keine Marmelade mehr. Aber alles umsonst, denn Stephen lächelte bloß, verbarg ihr Geheimnis nur noch fester. Es war es wert, für Collins bestraft zu werden.

Sie wurde zunehmend nervöser. Nichts konnte sie dazu bewegen, auf ihrem Stuhl ruhig zu sitzen, nicht einmal dann, wenn ihr die Nurse etwas vorlas. Früher hatte sie sich gern vorlesen lassen, besonders über Heldentaten. Aber jetzt reizten solche Geschichten ihren Ehrgeiz so sehr, dass sie nur brennend wünschte, sie selbst zu erleben. Sie, Stephen, sehnte sich jetzt danach, ein Wilhelm Tell, ein Nelson zu sein oder gleich der ganze Reiterangriff bei Balaklava. Und das verlockte sie dazu, im Restekorb ihres Kinderfräuleins zu stöbern, Kleidungsstücke zu erjagen, die früher zu Scharaden gedient hatten; es führte zum Schwadronieren und Lärmen, zum Stolzieren und Posieren und zu langen Blicken in den Spiegel.

Die Folgen davon waren heillose Unordnung und ein allgemeines Durcheinander. Das Kinderzimmer sah aus, als wäre es von einem Erdbeben heimgesucht worden. Stühle und Fußboden waren mit Resten und Abfällen bedeckt, die Stephen zwar ausgegraben, aber wieder verworfen hatte. Hatte sie sich dann verkleidet, so schritt sie wohl großartig davon, winkte die Nurse gebieterisch beiseite und stolzierte, wie stets auf der Suche nach Collins, oft bis ins Souterrain.

Manchmal machte Collins mit, besonders wenn Stephen als Nelson erschien. »Herrje, sehen Sie vielleicht prächtig aus!«, konnte sie ausrufen. Und dann, zur Köchin gewandt: »Kommen Sie doch mal her, Mrs. Wilson! Sieht Miss Stephen nicht richtig wie ’n Junge aus? Ich glaube, sie ist wirklich ’n Junge – bei diesen Schultern und diesen komischen staksigen Beinen!«

Stephen sagte dann mit Ernst: »Klar bin ich ein Junge. Ich bin der junge Nelson und sage: ›Furcht! Was ist das?‹ Verstehst du, Collins, ich muss ein Junge sein, weil ich mich genau so fühle – wie Jung-Nelson oben auf dem Bild fühl’ ich mich.«

Dann lachte Collins, und Mrs. Wilson lachte gleichfalls. Nachdem Stephen wieder fort war, hielten sie wohl einen Schwatz miteinander, wobei Collins etwa sagen mochte: »Sie ist ein sonderbares Gör. Immerzu verkleidet sie sich und spielt Theater – komisch!«

Aber Mrs. Wilson gab manchmal ihrem Befremden Ausdruck: »Ich bin nicht für so ’n Unsinn, nicht bei einer jungen Dame. Miss Stephen ist so ganz anders als andere junge Damen – sie hat gar nicht die richtig nette Art wie ’n Mädchen. Es ist ein Jammer.«

Es gab aber Zeiten, da Collins mürrisch schien und Stephen sich vergebens als Nelson kostümierte. »Ach, lassen Sie mich in Ruh, Miss, ich muss mich um meine Arbeit kümmern!« Oder: »Gehen Sie und zeigen Sie sich der Nurse – ich weiß ja, dass Sie ein Junge sind. Ich hab’ zu tun. Gehen Sie schon!«

Dann blieb Stephen nichts anderes übrig, als wieder nach oben zu schleichen. Sie kam sich klein und hässlich vor. Tief unglücklich und schrecklich gedemütigt musste sie ihre Kostümierung abstreifen, die sie so liebend gern antat, und ihre verhassten Kleidungsstücke wieder anziehen. Oh, wie sie die weichen Kleider und seidenen Schärpen verabscheute und dünne Korallenketten und durchbrochene Strümpfe! In Hosen fühlten sich ihre Beine frei und wohlig. Sie schwärmte für Taschen, und die waren ihr verboten, zumindest solche, die wirklich brauchbar waren. Verdrossen saß sie im Kinderzimmer herum, weil Collins ihr die kalte Schulter gezeigt hatte; weil sie empfand, wie verkehrt alles war; weil sie sich sehnsüchtig wünschte, jemand Wirkliches zu sein statt immer nur Stephen, die Nelson spielte. So ging sie in einem Anfall von Jähzorn zum Schrank, riss alle ihre Puppen heraus und begann sie zu quälen. Sie hatte stets bloß Verachtung für diese idiotischen Kreaturen übrig gehabt, die dennoch pünktlich an jedem Weihnachten und an jedem Geburtstag auftauchten.

»Ich hasse euch! Ich hasse euch! Ich hasse euch!«, knurrte sie dann und schlug auf ihre unschuldigen Gesichter ein.

Eines Tages schien Collins, als sie sich unfreundlicher denn je gezeigt hatte, von plötzlicher Reue ergriffen. »Is’ nur wegen meinem Knie«, vertraute sie Stephen an. »Nicht wegen Ihnen, nur wegen meinem schlimmen Knie, von der Hausarbeit, Liebes.«

»Ist das gefährlich?«, fragte das Kind und blickte sie erschrocken an.

Getreu den Gewohnheiten ihres Standes erklärte Collins: »Schon möglich … Es kann ’ne grausige Operation werden, aber operieren lassen will ich mich nicht.«

»Was ist eine Operation?«, wollte Stephen wissen.

»Hach, sie werden mich zerschnippeln«, ächzte Collins. »Sie werden mich aufschlitzen müssen, um das Wasser rauszulassen.«

»Was denn für Wasser? O Collins!«

»Das Wasser in meiner Kniescheibe – Sie können’s fühlen, Miss Stephen, wenn Sie draufdrücken.«

Sie waren allein in dem geräumigen Kinderschlafzimmer, wo Collins humpelnd das Bett machte. Es war eine der ganz seltenen und köstlichen Gelegenheiten, bei denen Stephen ungestört mit ihrer Göttin reden konnte, denn die Nurse war ausgegangen, um einen Brief aufzugeben. Collins rollte einen groben Wollstrumpf hinunter und zeigte ihr die kranke Stelle, die fleckig und geschwollen und keineswegs anziehend war, aber Stephens Augen füllten sich mit jähen Tränen der Angst, während sie das Knie mit den Fingern berührte.

»Da!«, rief Collins. »Sehen Sie diese Delle? Das ist das Wasser!« Sie fügte hinzu: »Das tut so weh – es macht mich ganz krank. Und das kommt alles nur vom Bodenaufwischen, Miss Stephen. Ich dürfte diese Fußböden eigentlich gar nicht putzen.«

Stephen sagte ernst: »Ich wünschte, das bekäme ich! Bekäme ich doch dein schlimmes Hausarbeitsknie! Dann könnte ich die Schmerzen für dich leiden. Für dich, Collins, würde ich gern ganz furchtbar leiden, weißt du, wie Jesus für die Sünder gelitten hat. Wenn ich nun tüchtig bete, glaubst du, dass ich’s dann kriege? Oder wenn ich mein Knie an deinem reibe?«

»Gott behüte!«, lachte Collins. »So was ist ja nicht wie die Masern! Nein, Miss, das kommt vom Fußboden.«

An diesem Abend wurde Stephen sehr nachdenklich. Sie versenkte sich in die Biblischen Geschichten für Kinder und studierte das Bild, das Jesus am Kreuz zeigte. Sie spürte, dass sie ihn verstand. Oft hatte sie sich eher den Kopf über ihn zerbrochen, denn sie selbst fürchtete sich vor Schmerzen. Wenn sie sich am Gartenkies das Schienbein aufschürfte, fand sie es nicht immer leicht, die Tränen zurückzuhalten. Und doch hatte sich Jesus entschieden, für die Sünder Schmerzen zu tragen, wo er doch ohne weiteres alle Engel hätte herbeirufen können! O ja, sie hatte sich immer sehr über ihn gewundert, aber jetzt wunderte sie sich nicht mehr.

Wenn ihre Mutter vor dem Einschlafen zu ihr hereinkam, um sie, wie üblich, ihr Gebet aufsagen zu hören, fehlte es Stephens Worten durchaus an Überzeugung. Aber wenn Anna ihr dann den Gutenachtkuss gegeben und das Licht gelöscht hatte, betete Stephen für sich allein in tiefem Ernst und mit solcher Inbrunst, dass sie in Schweiß geriet durch die Orgie des Betens.

»Bitte, Herr Jesus, gib doch mir anstatt Collins ein ›Dienstmädchenknie‹, tu’s, Herr Jesus, bitte. Bitte, Jesus, ich würde so gern alle Schmerzen von Collins auf mich nehmen, wie du es getan hast, und ich brauche auch keine Engel! Ich möchte Collins in meinem Blut, Herr Jesus, ich möchte für Collins ein Heiland sein. Ich liebe sie und möchte Wunden tragen, wie du, bitte, lieber Herr Jesus, bitte! Bitte, gib mir doch ein Knie, das ganz voll Wasser ist, so dass ich Collins’ Operation haben kann. An ihrer Stelle möchte ich sie haben, weil sie Angst davor hat. Ich aber habe kein bisschen Angst!«

Sie wiederholte ihr Flehen, bis sie einschlief und träumte, dass sie auf wunderliche Weise selbst Jesus wurde, Collins vor ihr niederkniete und ihr die Hand küsste. Denn sie, Stephen, hatte es fertiggebracht, sie dadurch zu heilen, dass sie ihr das Knie mit einem Brieföffner herausschnitt und es sich selbst aufpfropfte. Der Traum war eine Mischung von Verzückung und Unbehagen und klang lange in Stephen nach.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit jenem beschwingten Gefühl, wie man es nur im Augenblick felsenfesten Glaubens hat. Aber eine genaue Untersuchung ihrer Knie im Bad ergab, dass sie makellos waren, abgesehen von alten Schrammen und einem braunen Schorf, der von einem kürzlichen Sturz herrührte. Das war freilich eine große Enttäuschung. Sie riss den Schorf ab, und das tat ihr etwas weh, aber bestimmt nicht so weh, sagte sie sich, wie ein ›Dienstmädchenknie‹. Trotzdem entschloss sie sich, das Beten fortzusetzen und sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen.

Über drei Wochen lang schwitzte und betete sie und plagte die arme Collins Tag für Tag mit endlosen Fragen: »Ist dein Knie noch nicht besser?«

»Findest du nicht, dass mein Knie geschwollen ist?«

»Glaubst du an …?«

»Weil ich nämlich dran glaube …«

»Tut’s dir weniger weh, Collins?«

Doch Collins antwortete stets dasselbe: »Danke, Miss Stephen, aber es is’ nicht besser geworden.«

Am Schluss der vierten Woche stellte Stephen abrupt das Beten ein und sprach: »Jesus, du liebst Collins nicht! Aber ich liebe sie und werde schon ein schlimmes Knie kriegen. Du wirst es sehen!« Darüber erschrak sie und fügte demütig hinzu: »Ich wollte sagen, ich möchte gern … Du hast doch nichts dagegen, Herr Jesus, nicht?«

Den Fußboden im Kinderzimmer bedeckte ein Teppich – für Stephens Absichten ein unglücklicher Umstand. Wäre es wie im Salon und im Studierzimmer nur Parkett gewesen, hätte es ihren Zwecken besser entsprochen. Gleichwohl, wenn man lange genug darauf kniete, war es hart, sogar so hart, dass Stephen die Zähne zusammenbeißen musste, wenn sie länger als zwanzig Minuten in dieser Haltung verharrte. Das war viel schlimmer, als sich im Garten die Schienbeine aufzuschürfen, viel schlimmer sogar noch, als sich den Schorf abzureißen! Nelson stand ihr ein wenig zur Seite. Sie dachte: Jetzt bin ich Nelson. Ich bin mitten in der Schlacht von Trafalgar. Ich habe Schüsse ins Knie bekommen. Aber dann fiel ihr ein, dass Nelson von solcher Qual verschont geblieben war. Aber eigentlich hatte es etwas Gutes zu leiden – das schien ihr Collins sicher näherzubringen und weckte in ihr das Gefühl, sie habe nun aufgrund ihrer fleißigen Askese mehr Anrecht auf sie.

Der alte Kinderzimmerteppich hatte zahllose Flecken, und Stephen konnte vorgeben, sie wolle sie entfernen. Stets darauf bedacht, Collins’ Bewegungen genau nachzuahmen, rieb sie hin und her und stöhnte dabei leise. Wenn sie endlich aufstand, musste sie ihr linkes Bein festhalten und – immer noch unter leisem Stöhnen – humpeln. In ihren Strümpfen zeigten sich riesengroße neue Löcher, durch die sie ihre schmerzenden Knie besichtigen konnte. Das brachte ihr scharfe Verweise ein. »Hören Sie auf mit dem Unsinn, Miss Stephen! Einfach skandalös, wie Sie Ihre Strümpfe zerreißen!« Aber Stephen lächelte nur grimmig und fuhr, angespornt von ihrer Liebe, die sie zu offenem Trotz ermutigte, in ihrem törichten Treiben fort. Am achten Tag jedoch wurde Stephen klar, dass sie Collins unbedingt den Beweis ihrer Verehrung zeigen müsse. Ihre Knie waren an diesem Morgen ziemlich verschrammt, und so hinkte sie denn los auf die Suche nach dem ahnungslosen Hausmädchen.

Collins erstarrte: »Guter Gott, was ist los? Was haben Sie denn da bloß angestellt, Miss?«

Stephen erwiderte nicht ohne verzeihlichen Stolz: »Ich habe ein schlimmes Knie von der Hausarbeit bekommen, grad’ wie du, Collins!« Und als Collins ein törichtes, ja bestürztes Gesicht machte, fuhr sie fort: »Siehst du, ich wollte deine Schmerzen mit dir teilen. Erst hab’ ich lange gebetet, aber Jesus wollte nicht hören, und dann hab’ ich mich auf meine eigene Weise um ein schlimmes Knie bemüht – auf Jesus kann ich nicht länger warten!«

»Pst, pst«, machte Collins völlig konsterniert. »So was dürfen Sie nicht sagen. Das is’ Sünde, Miss Stephen.« Aber wider Willen musste sie lächeln, und plötzlich zog sie das Kind innig ans Herz.

Gleichwohl nahm Collins am Abend all ihren Mut zusammen und sprach mit der Nurse über Stephen. »Ihre Knie waren ganz rot und geschwollen, Mrs. Bingham. Haben Sie schon jemals so ein sonderbares Kind gesehen? Betet sogar für mein krankes Knie. Sie ist ’n komisches Ding! Und nun will sie doch tatsächlich selber eins kriegen! Na, wenn das nicht wahre Liebe is’, dann kenn’ ich mich nicht mehr aus.« Und Collins brach in leises Lachen aus.

Nach dieser Unterredung setzte Mrs. Bingham ihre ganze Macht ein – der selbstauferlegten Folter wurde gewaltsam ein Ende bereitet. Collins wurde beauftragt zu lügen, wenn Stephen mit ihrer Fragerei fortfahren sollte. So log Collins denn tapfer: »Es ist besser, Miss Stephen. Es muss an Ihrem Beten liegen. Jesus hört Sie also doch, wie Sie sehen. Ich bin sicher, Sie haben ihm leid getan, als er Ihre Knie sah – ich weiß doch, wie mir’s war, als ich sie sah.«

»Sagst du mir auch ganz bestimmt die Wahrheit?«, fragte Stephen zweifelnd und konnte noch immer nicht jenen ersten Tag des jungen Liebestraumes vergessen.

»Aber natürlich sag’ ich Ihnen die Wahrheit, Miss Stephen.« Und damit musste sich Stephen zufriedengeben.

3.

Nach der Geschichte mit dem schlimmen Knie wurde Collins liebevoller. Sie konnte gar nicht umhin, ein neues Interesse an Stephen zu zeigen; nun war es für sie und die Köchin ausgemacht: Das Kind war ›sonderbar‹. Stephen sonnte sich jetzt in manch erschlichener Zärtlichkeit, und ihre Liebe zu Collins wuchs täglich mehr.

Der Frühling kam, die Jahreszeit zarter Gefühle. Erstmals in ihren jungen Jahren erlebte Stephen den Frühling bewusst. Auf eine noch unklare, kindliche Weise wurde sie sich seines süßen Duftes gewahr. Das Haus langweilte sie; sie sehnte sich hinaus nach den Wiesen und den Hügeln, die weiß von Schlehdorn waren. Ihr lebhafter junger Körper steckte voller Unruhe, während ihre Seele in einem milden Nebel schwamm – ein Zustand, den sie, so sehr sie es auch Collins gegenüber versuchte, nicht in Worte fassen konnte. All das war ein Teil von Collins und doch auch etwas anderes – es hatte nichts zu tun mit Collins’ breitem Lächeln, nichts mit ihren roten Händen, nichts mit ihren blauen Augen. Und doch! All das war Collins, Stephens Collins – war auch ein Teil dieser langen warmen Tage, ein Teil der Dämmerung, die ins Zimmer drang und leise verschwebte, noch stundenlang, nachdem Stephen zu Bett gebracht worden war; und es war auch ein Teil – doch das wusste Stephen nicht – des erwachenden Bewusstseins ihrer Sinne. Zum ersten Mal rührte sie der Kuckucksruf, und sie lauschte ganz still, den Kopf schräg gegen die Schultern geneigt. Die Lockung, die aus der Ferne von diesem Rufen ausging, sollte sie ihr ganzes Leben hindurch nicht wieder verlassen.

Es gab Zeiten, wo sie sich weit weg von Collins wünschte, und es gab andere, in denen sie sich heftig danach sehnte, ihr nahe zu sein; dann wollte sie die Erwiderung erzwingen, die ihr Lieben forderte, die ihr aber klugerweise nur selten geschenkt wurde.

Sie sagte wohl: »Collins, ich habe dich ganz entsetzlich lieb. Ich habe dich so lieb, dass ich schreien möchte.«

Collins entgegnete dann: »Seien Sie doch nicht albern, Miss Stephen«; was nicht gerade befriedigend war, durchaus nicht befriedigend.

Dann versetzte ihr Stephen in hellem Zorn unvermutet einen Puff. »Du bist ein Biest! Wie ich dich doch hasse, Collins!«

Jetzt hatte sich Stephen angewöhnt, nachts wach zu bleiben und sich Bilder auszumalen, Bilder von allen möglichen glücklichen Situationen in Gemeinschaft mit Collins. Hand in Hand gingen sie im Garten spazieren oder blieben am Hang stehen, um dem Kuckuck zuzuhören; oder sie glitten über ein blaues Meer dahin in einem seltsamen Schiffchen mit einem dreieckigen Segel, wie im Märchen vom Feenland. Manchmal malte Stephen sich aus, dass sie beide ganz allein in einem niedrigen, strohgedeckten Häuschen an einem Mühlbach lebten – sie hatte ein solches Häuschen unweit von Upton gesehen –, und das Wasser floss rasch dahin und murmelte beredt; auf dem Wasser trieben manchmal welke Blätter. Dies Bild war ihr ganz und gar vertraut bis in letzte Einzelheiten; es fehlten nicht einmal die roten chinesischen Porzellanhunde, die an beiden Seiten des hohen Kaminsimses standen, und ebenso wenig die Standuhr mit ihrem lauten Ticken. Collins saß vor dem offenen Feuer und hatte die Schuhe ausgezogen. ›Meine Füße sind so geschwollen und schmerzen‹, äußerte sie. Dann ging Stephen und schnitt reichlich Brot, bestrich es mit Butter – dünn Brot und dick Butter wie zu Hause –, sie setzte den Wasserkessel auf und brühte Tee für Collins, die ihn sehr stark und kochendheiß schätzte, so dass sie ihn aus der Untertasse schlürfen musste. In diesem Phantasiegebilde sprach Collins von Liebe, und Stephen wies sie freundlich, aber bestimmt zurück.

»Na, na, Collins, sei doch nicht albern, du bist ’n sonderbares Ding!« Dabei würde sie sich die ganze Zeit danach sehnen, ihr zu sagen, wie berauschend das sei, unaussprechlich süß wie etwa der Geruch der Geißblattblüte oder der starke Heuduft frischgemähter Wiesen in der prallen Sonne. Vielleicht würde sie es ihr sogar sagen, ganz am Schluss, bevor das letzte Bild verblich und sich verflüchtigte.

4.

Zu dieser Zeit schloss Stephen sich enger an ihren Vater an. Das geschah in gewisser Hinsicht Collins’ wegen. Warum das so war, wusste sie nicht zu sagen; sie empfand nur, es war so. Sir Philip und seine Tochter unternahmen gemeinsame Spaziergänge durch Schwarzdorngestrüpp und jungen grünen Farn auf den Abhängen. Wenn sie Hand in Hand dahinschritten, spürten sie, dass sie sich in ihrer Freundschaft restlos verstanden.

Sir Philip wusste alles über wilde Blumen und Beeren, von jungen Füchsen und Kaninchen und all solchem Volk. Auch viele seltene Vögel gab es auf den Hügeln nahe Malvern, und immer wieder machte er Stephen darauf aufmerksam. Er lehrte sie die einfacheren Gesetze der Natur, die, so einfach sie waren, ihn stets mit Bewunderung erfüllten: das Gesetz vom Emporsteigen der Säfte in Ästen und Zweigen, die Gesetze der Witterung, von denen der Auftrieb der Säfte abhing, das Lebensgesetz der Vögel, die Ordnung, die ihrem Nestbau zugrunde lag, die Verschiedenheiten im Kuckucksruf, der im Juni ein Kucku-kuk wird. Er lehrte aus Liebe zu beidem: zum Gegenstand wie zur Schülerin. Und während er so lehrte, beobachtete er Stephen.

Manchmal, wenn ihr das Herz von dem, was sie bewegte, zum Zerspringen voll war, musste sie ihre Probleme erzählen, in kleinen, stolpernden Sätzen, musste ihm sagen, wie sehr sie sich sehnte, anders zu sein, zum Beispiel so ähnlich wie Nelson.

Sie fragte: »Meinst du nicht, es wäre möglich, dass ich ein Mann werde, Papa? Wenn ich nun sehr daran denke – oder bete?«

Dann lächelte Sir Philip und zog sie ein bisschen damit auf. Er sagte ihr wohl, eines Tages würde sie sich ganz von selbst hübsche Kleider wünschen. Wenn er sie foppte, tat er es stets mit größter Behutsamkeit, damit es ihr nicht wehtat.

Aber zwischendurch ruhte sein Blick nachdenklich auf seiner Tochter, während er sein kräftiges gespaltenes Kinn fest auf die hohle Hand stützte. Er beobachtete sie beim Spiel mit den Hunden im Garten, verfolgte die auffallende Kraft ihrer Bewegungen, sah die Länge ihrer Glieder – sie war groß für ihr Alter – und die Haltung ihres Kopfes auf den ungewöhnlich breiten Schultern. Dann runzelte er wohl die Stirn und verlor sich in Gedanken, oder er rief sie plötzlich an:

»Komm mal her, Stephen!«

Sie kam freudig herbeigelaufen, voller Erwartung, was er ihr zu sagen hatte, doch meistens drückte er sie nur kurz an sich und ließ sie jäh wieder gehen. Dann erhob er sich und begab sich ins Haus in sein Studierzimmer, um hier den Rest des Tages über seinen Büchern zu hocken.

Eine sonderbare Mischung, dieser Sir Philip – halb Sportsmann, halb Gelehrter. Er besaß eine der schönsten Bibliotheken in ganz England und hatte sich neuerdings angewöhnt, halbe Nächte mit Lesen zu verbringen, was bis dahin nicht seine Gewohnheit gewesen war. Mit sich allein in diesem ernsten, stillen Studierzimmer, schloss er eine Schublade seines riesigen Schreibtisches auf und entnahm ihr einen schmalen, erst kürzlich erworbenen Band. Er versenkte sich immer wieder in ihn, während lautlose Stille um ihn herum herrschte. Der Verfasser war ein Deutscher mit Namen Karl Heinrich Ulrichs. Beim Lesen trat in Sir Philips Augen ein Ausdruck der Verwirrung; er griff zur Feder und versah die freien Seitenränder mit kurzen Notizen. Dazwischen sprang er von seinem Armstuhl hoch und durchmaß den Raum mit raschen Schritten, blieb zwischendurch stehen und starrte auf ein Bild – das Bild von Stephen mit ihrer Mutter, das Millais im Vorjahr gemalt hatte. Er sah die anmutige Schönheit Annas, die so vollkommen, so völlig beruhigend wirkte; und daneben dann Stephen mit diesem undefinierbaren Zug, der sie in den Kleidern, die sie trug, so deplaciert erscheinen ließ, gerade als ob sie kein Recht darauf hätte – und auch kein Recht auf Anna. Nach einer Weile stahl er sich ins Bett, sorgsam darauf bedacht, möglichst leise aufzutreten, um seine Frau nicht zu wecken, die vielleicht fragen könnte: ›Philip, Liebster, es ist ja so spät. Was hast du gelesen?‹ Er verspürte nicht die geringste Lust, ihr darauf zu antworten, ihr die Wahrheit zu sagen, deshalb musste er so leise auftreten.

5.

Als der Frühling seinen Höhepunkt erreicht hatte und es auf den Sommer zuging, wurde Stephen sich bewusst, dass sich mit Collins eine Veränderung vollzog. Die Wandlung war zunächst kaum spürbar, aber Kinder haben einen untrüglichen Instinkt. Der Tag kam, wo Collins sie heftig anfuhr, ohne sich lange um eine Ausrede wegen ihres Knies zu bemühen.

»Laufen Sie mir nicht immer vor den Füßen herum, Miss Stephen. Schleichen Sie mir nicht ständig nach, und starren Sie mich nicht ewig an. Ich hasse es, wenn man mich beobachtet – laufen Sie hinauf ins Kinderzimmer! Junge Damen gehören nicht ins Souterrain.«

Solche Abweisungen passierten nun immer häufiger, wenn Stephen in ihre Nähe kam.

Elendes Rätsel! Stephen versuchte verzweifelt, es zu lösen. Sie tastete sich wie ein kleiner Maulwurf, der ewig im Dunkeln lebt, blind voran. Sie war tief bestürzt; dabei wuchs ihre Liebe durch solch scharfes Beschneiden nur noch stärker. Sie versuchte Collins zu bezirzen, indem sie ihr kugelige Bonbons und Schokoladendrops offerierte. Die Magd nahm sie auch, weil sie sie gern aß. Übrigens war Collins gar nicht zu verurteilen, wie es den Anschein hatte, denn jetzt war sie ihrerseits ein Opfer der Gefühle geworden.

Der neue Diener war groß und von betont gutem Aussehen. Er hatte ein Auge auf Collins geworfen und ihr bedeutet: »Schluss mit dem verdammten Gör, das dir ständig am Rockzipfel hängt. Es bringt uns sonst nur ins Gerede.«

Stephen fühlte sich jetzt zutiefst vereinsamt, hatte sie doch niemanden mehr, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie scheute sogar davor zurück, sich mit ihrem Vater auszusprechen; er könnte sie missverstehen, könnte über sie lächeln, könnte sie foppen. Wenn er sie aufzog – mochte er es auch noch so behutsam tun –, sie wusste, diesmal könnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Sogar Nelson war plötzlich abgemeldet. Was hatte sie davon zu versuchen, Nelson zu sein? Was nützte es denn, sich zu kostümieren, sich selbst etwas vorzumachen? Sie verlor ihren Appetit, wurde blass und matt, bis Anna in größter Sorge den Arzt kommen ließ. Er erschien und verordnete ihr ein Abführmittel; er fand, dass seiner Patientin nichts Ernsthaftes fehle. Stephen schluckte das widerliche Zeug ohne den leisesten Widerspruch herunter, beinahe als tränke sie es gern.

Das Ende kam, wie das oft der Fall ist, unerwartet plötzlich. Es kam, als das Kind sich allein im Garten aufhielt und kläglich grübelte über Collins, die ihr nun schon tagelang ausgewichen war. Stephen schlenderte zu einem alten Geräteschuppen hin – und entdeckte wen? Collins und den jungen Diener. Sie schienen sehr ernsthaft miteinander zu reden und waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie Stephen nicht kommen hörten. Dann aber ereignete sich etwas Katastrophales. Henry packte Collins derb an den Handgelenken, riss sie ebenso rau an sich und küsste sie voll auf den Mund.

Stephen schoss das Blut ins Gesicht, ihr schwindelte. Blinde, unverständliche Wut stieg in ihr hoch; sie wollte losschreien, aber ihre Stimme versagte. Ein unglaubliches Gestotter war alles, was sie zustande brachte. Bereits im nächsten Moment hatte sie einen zerbrochenen Blumentopf ergriffen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen den Diener. Er traf ihn ins Gesicht und schnitt ihm die Wange auf, über die nun langsam das Blut nach unten rann. Er stand wie betäubt da und wischte vorsichtig an der Wunde herum, während Collins Stephen sprachlos anstarrte. Niemand sprach ein Wort; ihr Schuldgefühl war zu groß und – ihre Verblüffung.

Dann drehte sich Stephen auf dem Absatz herum und rannte in wilder Flucht davon. Fort, nur fort von hier, irgendwie, irgendwohin, so weit weg, dass sie die beiden nicht mehr sehen musste! Sie schluchzte im Laufen und bedeckte ihre Augen, zerriss sich die Kleider am Gebüsch, zerfetzte die Strümpfe und verletzte sich die Haut an den Zweigen.

Plötzlich fühlte sich das Kind von starken Armen aufgefangen. Ihr Gesicht schmiegte sich an das ihres Vaters, und Sir Philip trug sie ins Haus zurück und durch den breiten Gang ins Studierzimmer. Er setzte sie sich auf die Knie und fragte nichts. Zunächst kroch sie in sich zusammen wie ein stummes kleines Tier, das sich irgendwie verwundet hat, aber ihr Herz war zu jung, um diese neue Verwirrung der Gefühle bei sich zu behalten. Es fühlte sich zu schwer, zu überlastet. So wallte denn der Kummer vom Grunde ihres Herzens empor und wurde an Sir Philips Schulter gebeichtet.

Er hörte ihr sehr ernsthaft zu, während er ihr übers Haar strich. »Ja – ja«, sagte er weich, und: »Sprich nur weiter, Stephen.« Als sie zu Ende war, blieb er eine Weile stumm, während er fortfuhr, ihr übers Haar zu streichen. Dann ließ er sich vernehmen: »Ich glaube, Stephen, ich verstehe dich. Die Sache kommt dir schlimmer vor als alles andere, was je vorgefallen ist – viel, viel schlimmer. Aber du wirst sie überwinden und schließlich ganz vergessen – versuch mir zu glauben, Stephen. Und jetzt will ich zu dir reden wie zu einem Jungen. Ein Junge muss immer tapfer sein, das weißt du ja. Das soll nicht etwa heißen, du wärst feige. Warum auch, wo ich doch weiß, dass du tapfer bist. Morgen werde ich Collins entlassen, hast du verstanden, Stephen? Ich werde sie fortschicken. Ich werde nicht unfreundlich zu ihr sein, aber morgen wird sie gehen müssen, und ich möchte nicht, dass du sie bis dahin noch einmal siehst. Du wirst sie zuerst vermissen, das ist nur natürlich, aber nach einiger Zeit wirst du feststellen, dass du alles vergessen hast, was mit ihr zu tun hatte; dein Kummer wird dir dann wie nichts vorkommen. Ich sage dir die Wahrheit, mein Herz, ich schwör’s dir. Wenn du mich brauchst, dann vergiss nicht, dass ich immer für dich da bin. Du kannst zu mir in mein Studierzimmer kommen, wann immer du möchtest. Immer, wenn du dich unglücklich fühlst und einen Kameraden brauchst, kannst du mit mir reden.«

Er schwieg, dann schloss er unvermittelt: »Quäle deine Mutter nicht damit, Stephen, komm direkt zu mir.«

Stephen, die noch nach Atem rang, sah ihm gerade ins Gesicht. Sie nickte, und Sir Philip sah im tränenüberströmten Gesicht seiner Tochter seine eigenen traurigen Augen. Nur ihre Lippen lagen fester aufeinander, und der Einschnitt in ihrem Kinn prägte sich stärker aus. Das wirkte wie ein neuer kindlicher Vorsatz, tapfer zu sein.

Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie schweigend, gerade als besiegele er damit einen schmerzlichen Pakt.

6.

Anna fand bei ihrer Rückkehr ihren Mann in der Halle auf sie wartend, da sie zur Zeit der Katastrophe nicht dagewesen war.

»Stephen war ungezogen; sie ist oben im Kinderzimmer. Sie hatte wieder einen Wutanfall.«

Obwohl er offensichtlich darauf gewartet hatte, Anna abzufangen, sprach er in gelassenem Ton. Er teilte ihr mit, dass Collins und der Diener das Haus verlassen hätten. Was Stephen betreffe, habe er bereits eingehend mit ihr gesprochen; am besten, Anna ließe die Dinge ihren Lauf nehmen. Es habe sich nur um kindischen Zorn gehandelt.

Anna eilte die Treppe zu ihrer Tochter hinauf. Sie selbst war nie ein aufsässiges Kind gewesen; Stephens Ausbrüchen stand sie hilflos gegenüber. Sie war auf das Schlimmste gefasst. Aber sie fand Stephen ruhig dasitzend. Das Kinn auf die Hand gestützt, sah sie zum Fenster hinaus. Ihre Augen waren noch geschwollen und ihr Gesicht sehr bleich; sonst war ihr keine Erregung anzumerken. Ja, sie lächelte Anna sogar an; es war allerdings ein verkniffenes, armseliges Lächeln. Anna sprach freundliche Worte, und Stephen hörte sie an; ab und zu nickte sie zustimmend. Doch Anna fühlte sich verlegen, denn es kam ihr vor, als wolle aus irgendeinem Grunde das Kind eigentlich sie beruhigen; jenes Lächeln hatte Stephen als Beschwichtigung gemeint – so merkwürdig unkindlich war es gewesen.

Die Mutter setzte alles daran, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber über ihre Liebe zu Collins wollte Stephen nicht sprechen; in diesem Punkt blieb sie fest und schwieg hartnäckig. Weder entschuldigte noch rechtfertigte sie ihr Vorgehen, einen zerbrochenen Blumentopf gegen den Diener geschleudert zu haben.

Sie versucht mir irgendetwas zu verheimlichen, dachte Anna, die sich mit jeder Minute verlegener fühlte.

Zuletzt ergriff Stephen die Hand ihrer Mutter und begann sie wie zum Trost zu streicheln. Sie sagte: »Mach dir keine Sorgen, weil sich auch Vater sonst sorgt. Ich verspreche dir, dass ich mir in Zukunft Mühe geben werde, nicht mehr jähzornig zu sein. Aber versprich auch du mir, dass du dir keine Sorgen mehr um mich machst.«

Und so absurd ihr das vorkam, hörte Anna sich antworten: »Also gut, Stephen, ich verspreche es dir.«

Drittes Kapitel

1.

Stephen kam nie in das Studierzimmer ihres Vaters, um von ihrem Kummer über Collins zu reden. Eine in ihrem Alter ungewöhnliche Zurückhaltung, verbunden mit einem ganz neuen eigensinnigen Stolz, verschloss ihr den Mund, so dass sie ihren Kampf mit sich allein ausfocht, und Sir Philip ließ sie gewähren. Collins verschwand und mit ihr der Diener. Anstelle von Collins erschien ein neues Stubenmädchen, eine Nichte Mrs. Binghams, die noch furchtsamer als ihre Vorgängerin war und gar nicht sprach. Sie war hässlich und hatte kleine runde schwarze Rosinenaugen – keine neugierigen blauen wie Collins.

Mit zusammengepressten Lippen und zugeschnürtem Hals sah Stephen diesen Eindringling hin- und hergehen und Collins’ Arbeit verrichten. Sie saß da und warf der armen Winefred finstere Blicke zu und entsann kleine Quälereien, ihr die Arbeit zu erschweren – etwa damit, dass sie ihr auf die Kehrichtschaufel trat und ihren Inhalt auskippte oder dass sie Besen, Bürsten und Spültücher versteckte, bis die völlig verstörte Winefred sie schließlich an den unmöglichsten Stellen fand.

»Wie kommen diese Spültücher bloß hierher!«, murmelte sie dann betroffen vor sich hin, wenn sie sie unter einem Kissen im Kinderzimmer

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Rezensionen

Was die anderen über Quell der Einsamkeit denken

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Leser-Rezensionen

  • (5/5)
    I read this and Rubyfruit Jungle the same weekend. I was 14 and I'd bought them sleathily from the "feminist" bookstore on Chapel Street in New Haven. (I wish I could remember the name of that bookstore. The Golden Something.) And Rubyfruit Jungle seemed like the world that was possible but The Well of Loneliness was a world I could only dream about. I guess I'm due to re-read it. I re-read it as an undergraduate and thought clever queer-studies thoughts about it, but I've forgotten all that now and I just remember being a teenager dreaming about changing my name to Stephen and being British.
  • (3/5)
    I don't know what to think of The Well of Loneliness. I read it because it's a lesbian classic, and someone said that it was one of the first novels where horrible things don't have to happen to its lesbian protagonists. I can't actually imagine anything more agonising than what the protagonist, Stephen, does -- voluntarily giving up her lover to a male close friend to give her safety and security, acting as a martyr for her... And Barbara and Jamie: both of them die because of the life they lead, the way they have to live to be together. No, I can't say it's true that terrible things don't happen to the protagonists because of their sexualities.

    On the other hand, their sexualities are presented as a part of them: not a choice, but something irrevocably stamped into them from birth. The last lines are a plea to God to allow 'inverts' their existence. So there is that hope in it.

    It's sentimental, overwritten, melodramatic. It's stereotypical. But yet I'm glad I read it, and yes, it made me feel -- feel for the lives of those such as Radclyffe Hall and her characters, who couldn't imagine the kind of life I and others lead today. Yes, it's worth a read, and yes, I'm going to keep my copy.
  • (2/5)
    Radclyffe Hall's "The Well of Loneliness" is one of those books that I can appreciate for its history, rather than its literary quality. One of the first books about lesbianism, it was banned and suppressed in both England and America for its frank portrayal of a woman who struggled with her sexuality all of her life. The novel follows the life of a woman named Stephen -- who was given her name by parents who expected a boy. Instead they had a girl who appreciated abilities that were considered masculine in that time-- athleticism, fencing and hunting. She grows into a young woman who struggles with accepting herself when those around her, including an unsympathetic mother, do not. That struggle continues even to the end of the book, which draws to a rather dissatisfying conclusion.As a literary work, this book isn't particularly appealing. Hall has a tendency to go on and on about events that don't really shed light on any of her characters. Many of them are very two-dimensional, particularly Anna, Stephen's mother. While I didn't really enjoy the book (and in fact struggled in finding the will to finish it,) I'm glad I read it because it illustrates so well the pain and heartache that come in a world without acceptance.
  • (4/5)
    i didn't expect to like this as much as i did. stephen is an odd character but interesting. i felt for her. she doesn't understand the world very well. we are all lonely really. i don't think modern lesbians should be offended. perhaps they were offended because there wasn't enough sex to be "true".
  • (3/5)
    One of those seminal (no pun intended) novels which gets harder to read when the original shock value has long worn off. I'm sure Radclyffe Hall's open and emotional account of 'inverts', or lesbians, in Edwardian England and post-war Paris was controversial enough to warrant the furore raised at the time of publication - an obscenity trial which lead to the book being banned in the UK - but now Loneliness is just a weakly written historical account of prejudice and persecution - interesting, important but lacking in inspiration.Don't get me wrong, for the first half of the book, all I could think was 'Yes! I'm going to change my name to Stephen, this woman is telling my story!' - which I suppose is a good thing, 90 years on - but then the purple prose kicked in. Now, I have read every last one of Baroness Orczy's Scarlet Pimpernel novels, which was like Enid Blyton writing for Mills and Boon, but at least her characters were interesting. Stephen - yes, of course giving the female protagonist a male name instantly turns her into a pseudo-man - suffers for her 'unnatural' love, but she is so dreadfully upper class, I couldn't bring myself to care. I was more concerned about her horse. And Mary is a drip. I did like the acid-tongued Brockett, though.I'm sorry, I know I should revere this novel far more than I do, and I'm sure reading this drivel gave a lot of confused and closeted women the strength to be themselves, but the writing is so stodgy. There's a lot going on - gay love affairs, World War One, 'Gay Paree' - but there is also much heavy prose, caricatures and general racism, which I don't normally complain about in nineteenth/early twentieth century texts, but there are a couple of cringe-inducing examples.'For sooner the world came to realise that fine brains very frequently went with inversion, the sooner it would have to withdraw its ban, and the sooner would cease this persecution.'
  • (1/5)
    Awful, dull, self-indulgent. Couldn't finish it.
  • (4/5)
    A fascinating book. When I started it I thought it was going to read as a fictional autobiography - and it sort of did, though it turned out in the end more like a five hundred page long character study. The last fifty or so pages were heartbreaking, and the tragic conclusion was inevitable, and beautiful in a sad sort of way. I started this book for my school English Literature project - as a book to compare with Tipping The Velvet. More than any other LGBT book I've read (though admittedly I'm only on about number twenty) Stephen's internal conflicts and struggles were perfectly transcribed and inspired an enormous amount of sympathy in me. More than I had thought it would do, it enabled me to get past how outdated this book is in its treatment of 'inversion'. As a product of the early twentieth century, Radclyffe Hall is over-apologetic about her characters' sexualities and reduces Brockett (the only gay male character in the book) to a meaningless stereotype that the book could really do without. Despite this, no one could read about Stephen watching Mary leave, or the deaths of Jamie and Barbara, and say that the book presents lesbianism as anything other than a natural and valid way of living a life. Having read it now, rather than just read about it, the obscenity trial and controversy that originally surrounded it seem barbaric. Even when people read it, it was actually condemned for its portrayal of homosexuality when it should have been able to open up people's minds to be more accepting.
  • (5/5)
    Amongst so many negative reviews, I will stand and say that I loved this book. The lesbianism in it is not written overtly enough so as to be offensive. I found it to be very sensitively written and a very thoughtful read.I cared about the characters that I should have and despised those that were to there to be despised. I am very taken with Hall's writing and looking forward to reading more of her work. I am very glad that I read Radclyffe Hall's bio before reading this book. I think it brought me more in tune with her writing.There is some happiness in the story and a great deal of sadness as well. I am certain that I will be reading this one again. I gave it 4 1/2 stars.
  • (5/5)
    Anna and Sir Phillip Gordon looked happily unpon the upcoming birth of their child, hoping against hope to have a boy, even going so far as to only pick out a boy's name. When the child arrives, Anna is dispirited when she gives birth to a girl. Sir Phillip makes the most of it, but still decides to give her the name they'd already chosen: Stephen. And so enters into the world one of the most astonishing creatures of literary fiction. Young Stephen knows that she's different from the other children, but her father, noticing her difference also, allows her to grow up her own way: riding horses like a young man, sometimes dressing like a young boy. From a young age to her lae thirties, we watch as Stephen discovers herself, longing to love and to fit into a society that will not accept her or others like her. She puts her feelings into words, becoming a successful author and does find love, but that love is put to the test when someone who can offer her beloved acceptance steps into the picture. An astonishing book for its time that was banned upon initial publication, openly discussing what was considered taboo with much candor and respect. The characters of Radclyffe Hall's novel deal with the same societal pressures and beliefs which are still prevalent today: same-sex marriage, societal roles of male and female, wanting to fight for one's country during a time of war even when that country doesn't want you because of who you are. A truly remarkbale novel.
  • (5/5)
    I read this book when I was 25 and again when I turned fifty. It remains a classic and is achingly sad, a story of heartbreak and loneliness.
  • (4/5)
    Her heart grew more grateful with every mile, for hers was above all a grateful nature. (250)
  • (5/5)
    Yes, it was trying to get her under, this world with its mighty self-satisfaction, with its smug rules of conduct, all made to be broken by those who strutted and preened themselves on being what they considered normal. They trod on the necks of those thousands of others who, for God knew what reason, were not made as they were ... And the vilest of them could point a finger of scorn at her, and be loudly applauded." (p. 256)Published in 1928, The Well of Loneliness dealt openly with the subject of homosexuality, at a time when it was far from well-understood, and never discussed, by "polite society." It is a searingly painful account of a young woman's coming of age and her search for love and acceptance. Her parents longed for a son, referred to her in utero as "Stephen," and then in fact baptised her as Stephen. She grew up "not like other girls," and with few friends in her community. Only a couple of people understood the situation: her father, who had read some of the research of the day, and a governess who was herself a lesbian. But they maintained their silence; Stephen's father did not even confide in her mother, and no one explained things to Stephen.Stephen began discovering her own sexuality as she approached adulthood, through relationships with a male friend and a married woman. Later, she became part of a circle of "like" friends, and was in a committed relationship with another woman. Yet her life was not a happy one. Her mannish appearance attracted a lot of attention and gossip, she could never be "out" in public, and her relationships would never be formally recognized in the church or in the courts. She became estranged from her mother, who could not accept Stephen as she was. This is not a happy story, but Radclyffe Hall so expertly draws the reader into Stephen's life, love, and anguish, that this book is difficult to put down. What struck me most profoundly in this novel is both how far we've come, and how far we haven't, in societal views toward gays and lesbians. On the one hand, today most people know someone who is gay, and gays themselves can find community. Some are also comfortable being open about their sexuality. None of this was possible in 1928. On the other hand, Radclyffe Hall vociferously argued that homosexuality was innate, not a choice, a subject some people still debate. And, gay and lesbian relationships are still not properly recognized in many states and countries, and in many religious denominations.Because of its controversial subject matter, The Well of Loneliness was banned in Britain for 20 years after its publication. I read it in honor of Banned Books Week, and I'm glad I did.
  • (4/5)
    In short, Judy the Obscure - that is to say, Radclyffe Hall eloquently excruciatingly explicates the sorrows of Stephen Gordon, a gender dysphoric Edwardian woman, with an ultimate spin as inevitable and crushing a downer as what Thomas Hardy did for his sad and unlucky in love stone mason.
  • (4/5)
    This novel moved me very much when I first read it, around the time this edition was published - 1968. I had heard of it for years, but finally was able to buy a copy. The plot has been summarised by many other reviewers and I find myself agreeing with a lot of the criticisms of it now - its negativity, Stephen Gordon as martyr, class snobbery and racism, etc - but I believe it should be appreciated as a work of its time. No, Radclyffe Hall was not a great writer, but she was a successful "middlebrow" novelist who had won a couple of literary awards and earned a respectable place among novelists of the twenties. I don't believe she realised quite what the publication of The Well would cost her - she may have hoped to cause a stir, but I doubt she'd have wanted the book banned. What gives the book its power - power to still affect us today? I find it hard to account for this, or the effect it had on me. The sympathetic portrait of Stephen - who would make an honourable, law-abiding, God-fearing and attractive English gentleman, except that she was born a woman - goes part of the way, so that her awful fate can tug at the heartstrings. The total rejection by her mother, the cowardly refusal to "explain" her to herself by her father and the disgraceful treatment of her by the bored, unhappily married Angela Crossby seem more unfair when contrasted with Stephen's good character. And the surrendering of Mary Llewellyn to Martin Hallam means that Stephen effectively loses a good friend, as well as her lover. In fact, you wonder what on earth will happen to Stephen in the future - will she ever love again? And will she ever write another novel?One of the most interesting characters in The Well is Valerie Seymour, supposedly modelled on American expat, Nathalie Clifford Barney, who held regular literary "salons" in Paris. Valerie is a sane and rational breath of fresh air in the novel, who cannot understand Stephen's decision to sacrifice her own happiness. "You were made for a martyr", she scolds her. But she does allow Stephen to "use" her - pretending they were having an affair - to drive Mary into Martin's arms. I guess if Radclyffe Hall had a major strength, it lay in her portrayal of characters. She seems to invent a character and really go to bat for them. This characterises other works, too - notably The Sixth Beatitude and the short story, "Miss Ogilvy Finds Herself". I haven't read Adam's Breed, but I've no doubt I'd find myself sympathising with its protagonist, too.In all, I can actually see myself re-reading The Well of Loneliness again some day.
  • (3/5)
    Starts slow, but the foundation needed to be set. Once it gets going the story hooks you. Stephen's turmoil is heartbreaking, but I'm not convinced it rings true. The ending is odd, but I still recommend it highly. The description of the Paris social scene is gripping, especially when juxtapsed with periods of religious and romantic passion.
  • (4/5)
    A classic about being a lesbian in the bad old days.
  • (2/5)
    the best thing i can say about 'well' is that it inspired Mary Renault, who read it while on vacation in France with her partner, to write "Middle Mist" (published in the US as "the friendly young ladies") as a retort.
  • (3/5)
    A mostly martyred and sadistic treatment of "inversion" circa 1928 Britain, which alternates between passionate cries for equality and recognition as natural on one hand and on the other abased self-denial and reaffirmation of "the perfect thing" that is heteronormative love, raising children, and a sense of belonging to society. In tone, too, it varies wildly from prosaic to embarrassingly romantic and pagan to brutally intense (the last chapter is, while sort of ridiculous ...more A mostly martyred and sadistic treatment of "inversion" circa 1928 Britain, which alternates between passionate cries for equality and recognition as natural on one hand and on the other abased self-denial and reaffirmation of "the perfect thing" that is heteronormative love, raising children, and a sense of belonging to society. In tone, too, it varies wildly from prosaic to embarrassingly romantic and pagan to brutally intense (the last chapter is, while sort of ridiculous in substance, unusually successful in this).An important landmark for lesbian literature and a fascinatingly grotesque exercise in self-perception, but not a very good novel at all. Following nearly forty years of a life from birth to final tragedy, Stephen Gordon is described sometimes in excruciating, pointless detail; at others, major events breeze past with little consideration. The supporting players are mostly stock figures, and perhaps read more so today than when it was published as all the gay and lesbian stereotypes have played out through decades of cultural output, but none have much to contribute besides a definite articulated viewpoint and position counter to our heroine, and are dropped and brought up again with no elegance. That is the major problem with all aspects of the story: everything is definitely articulated and inelegant, and the epic length makes it so tiresome weeks went by without wanting to take it up (then again, there were days of compulsive, delighted reading, too) -- and Hall relies on a number of recurring favored turns of phrase that grow increasingly stilted and oppressive.Where it isn't bland it is almost relentlessly bleak, but, as far as it goes, for that it makes a useful study in gay life and identity in the early part of the 20th century. One only wishes for more -- or at least more style where it does find its purpose.
  • (1/5)
    The book that wouldn't end. It's one redeeming virtue is that the last page is beautifully written.
  • (3/5)
    Boy, was this book a product of its time. The title is spot-on in describing the mood of this novel. The Well of Loneliness is a thinly veiled account of the author’s own life as a lesbian in the 1920s and earlier, and it was very depressing.Don’t get me wrong; I’ve wanted to read this book for a long time, and I’m very glad to have read it and experienced it. But I struggled through it. It was draining.The main character, a lesbian named Stephen, grows up feeling very different from everyone around her, although she doesn’t have a name for this difference. She begins an affair with a married woman who abandons her, and eventually she falls in love with a woman she met during WWI. The entire book paints lesbians and gay men as social outcasts, sexual deviants, freaks of nature–which is how society viewed them at that time. Stephen is hyperaware of just how extremely heavy the burden of her “deviant sexuality” is. She is rejected by her mother and by others in her life, she struggles to find friends and to create a social life, and eventually she tricks her lover into ending their relationship with the hope that her lover will marry a man and thus be saved from the difficult life of a lesbian.This book was immediately banned in many places when it was published, and it almost ended Radclyffe Hall’s career. I think she is remarkably brave for having written it, and I think it does inspire sympathy and increase understanding of the burden that society placed on gay people back then. (One minor lesbian character committed suicide; another struggled with immense guilt because of religious oppression.)Although I would have loved to see Stephen take joy in her sexual orientation, that is perhaps not realistic for its time. Stephen did the best she could in an extremely oppressive society, even maintaining faith in God despite the way the world treated her.
  • (4/5)
    "Well of Loneliness" was just one of those books I had to have, because it's iconic. Sad, certainly, in points, but also really takes one back to a time where being a lesbian was really an option only for the privileged.
  • (5/5)
    There are lots of reasons not to like 'the first lesbian novel'. The take home message of 'she knew her girlfriend would be better with a Real Man, who could marry her and give her babies, so she lied to make her leave her' is never going to win over all the audience. And it is of its time, with all the implicit racism and classism you'd expect.That out of the way, I adore this book. There is something about it that just sings true to me - what it says about love, and the beauty of the world, and how people cope with being different. A book that manages to capture how terribly cruel and awful the world can be to people, and yet also captures moments of pure joy, and about how the honourable person continues in the world we are in.