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Daniel staunend begegnen: Ein theologisches Essay über das alttestamentliche Buch des Propheten Daniel

Daniel staunend begegnen: Ein theologisches Essay über das alttestamentliche Buch des Propheten Daniel

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Daniel staunend begegnen: Ein theologisches Essay über das alttestamentliche Buch des Propheten Daniel

Länge:
494 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 1, 2015
ISBN:
9783739263328
Format:
Buch

Beschreibung

Das Essay „Daniel staunend begegnen“ will einen neuen, von den bisherigen Tradi-tionen möglichst losgelösten Zugang zum Verständnis des alttestamentlichen Danielbuches finden. Es will keine weitere Auslegung zum Verständnis, z.B. von Daniel 2 oder 7 oder 8 liefern, sondern voranschreitend neue Gedanken im Text auffinden, die über die bisherigen Identifikationsversuche gewisser Bilder und Zahlen hinausgehen. Entschieden wird deshalb gegen alle Auslegung Position bezogen, die einer begrifflichen Vorfestlegung des biblischen Textes entspringen. Insofern unter-scheidet sich das Essay von anderen Texten über das Buch Daniel.
Es beginnt mit der Frage, ob wir in der Endzeit leben, eine Frage, die sich durch den ganzen Text zieht. Die Erörterungen zeigen, dass nicht nur spezifische politische, historische, militärische, ökonomische oder ökologische Ereignisse den Begriff Endzeit charakterisieren, sondern es auch und vor allem geistliche Entwicklungen sind, die die Endzeit bestimmen. Diese Entwicklungen, die der Prophet Daniel entwirft, zu erkennen und herauszuarbeiten ist das Ziel dieses Essays.
Dem Essay liegt eine Auslegung „werkimmanenten Charakters“ zu Grunde, das heißt, es sollen die inhaltlichen und immanenten Bezüge des Textes aus ihm selbst aufgedeckt und untersucht werden. Daniel soll Daniel auslegen! Die strenge Bindung an die textliche Gestalt ist das oberste Prinzip aller werkimmanenten, interpretativen Annäherung. Intensives Lesen, Textstruktur und sprachliche Gestalt als Schlüssel zum Verständnis des Textes nutzen und vor allem das Fragende Verstehen mittels des hermeneutischen Zirkels sind, neben anderen, die wichtigsten Instrumente der werkimmanenten Interpretation.
Gott hat im Traum des Nebukadnezar in Dn 2 den Verlauf der Weltgeschichte skizziert. Die zwischen Dn 2 und Dn 7 – 12 gestellten vier Kapitel liefern nun Inhalte, die zum Verständnis der Visionen von Dn 7 – 12 elementar sind. Die Auslegung in diesem Essay kann zeigen, dass die Beschreibung der Weltgeschichte des Traumes von Dn 2 mit Hilfe der theologischen Aussagen von Dn 3 – 6 in den danach folgenden Visionen ausgearbeitet und vielfältig erweitert wird.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 1, 2015
ISBN:
9783739263328
Format:
Buch

Über den Autor

Matthias Dorn geb. 1954, studierte Geologie und Philosophie an den Universitäten Hannover, Kiel und Bayreuth. Seit 1979 arbeitet er als Geologe in unterschiedlichen Fachbereichen in einer geowissenschaftlichen Landesbehörde in Hannover. Mehrfach war er in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit im Ausland tätig. Seit 1970 ist er be-kennender Christ und engagiert sich in seiner Gemeinde, u. a. auch im Predigtdienst, sowie als außerplanmäßiger Lehrer an der Theologischen Hochschule in Friedensau. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mehr unter www.matthias-dorn.de. Neben dem Thema Schöpfung und Evolution, zu dem er sich bereits mehrfach öf-fentlich geäußert hat, setzte er sich intensiv mit Methoden der Auslegung biblischer Texte, besonders der prophetischen, auseinander.


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Daniel staunend begegnen - Matthias Dorn

Matthias Dorn

Daniel staunend begegnen

Ein theologisches Essay über das alttestamentliche Buch des Propheten Daniel

Für

Christian und Patricia zu ihren Taufen

Inhaltsverzeichnis

TABELLENVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

DANKSAGUNGEN

EINE ERSTE BEGEGNUNG MIT DEM DANIELBUCH

ZUR PERSON DANIELS

METHODISCHE GRUNDLEGUNGEN

3.1 Was ist Prophetie?

3.2 Zur Auslegungsmethode

3.2.1 Zur historisch-kritischen Herangehensweise

3.2.2 Werkimmanenz: Daniel muss Daniel auslegen

3.2.3 Weitere Auslegungshilfen

3.2.4 Theologischer Ertrag und historische Zuordnung

3.2.5 Wider die begriffliche Präokkupation bei der Auslegung des Danielbuches

3.3 Die Struktur des Danielbuches als Schlüssel zu seinem Inhalt

3.3.1 Zur Struktur des Danielbuches

3.3.2 Chiasmus

3.3.3 Literarische Struktur des Danielbuches und zeitliche Abfolge der Ereignisse

3.3.4 Eine Klimax im Danielbuch

DANIEL 1: DIE KATASTROPHE

4.1 Der Weg in das zweite Exil nach Babylon

4.2 Ausbildung am babylonischen Hof

4.3 Klugheit, Integrität und Identität Daniels

4.4 Schlussbemerkung

DANIEL 2: DIE SCHAU DER WELTGESCHICHTE

5.1 Handlungsgang

5.2 Der Traum und seine Deutung

5.2.1 Die Statue

5.2.2 Die Menschengestalt der Statue

5.2.3 Nebukadnezar als Weltherrscher und Person: Das goldene Haupt

5.2.4 Identifizierung der Reiche des Standbildes

5.2.5 Regionale oder globale Sicht der Statue?

5.2.6 Der herabfallende Stein

5.3 Konsequenzen dieser Auslegung

5.3.1 Kein heilsgeschichtliches Wirken Gottes innerhalb der Statue

5.3.2 Welt- und Geschichtssicht von Daniel 2

5.3.3 Das Wesen des herabfallenden Steins

5.4 Daniel als Oberster der Weisen Babylons

GOTTES ZUSPRUCH UND WIRKEN ALS DIE BRÜCKE ZUM VERSTÄNDNIS DER SPÄTEREN VISIONEN DANIELS

6.1 Daniel 3: Nebukadnezar baut das Standbild als Reaktion auf seinen Traum

6.1.1 Handlungsgang

6.1.2 Auslegung

6.2 Daniel 4: Gottes Grenzsetzung der selbsternannten Grenzenlosigkeit

6.2.1 Handlungsgang

6.2.2 Auslegung

6.3 Daniel 5: Schmähung des Heiligen als Ausdruck der Mächtigen

6.3.1 Handlungsgang

6.3.2 Auslegung

6.4 Daniel 6: Daniels Rettung aus der Löwengrube als Vorbote von Erlösung und Auferstehung

6.4.1 Handlungsgang

6.4.2 Auslegung

6.5 Schlussfolgerungen und theologische Erträge für die weitere Auslegung

ERSTE ERWEITERUNG DER WELTGESCHICHTLICHEN SCHAU – DANIEL 7: DIE VISION DER VIER TIERE, DES GERICHTES UND DES MENSCHENSOHNES

7.1 Handlungsgang und Struktur

7.1.1 Handlungsgang

7.1.2 Struktur

7.2 Auslegung der vier Tiere

7.2.1 Tiere statt menschlicher Figur

7.2.2 Historische Zuordnung der vier Tiere

7.2.3 Das erste Tier ist nicht Babylon

7.2.4 Zweites und drittes Tier: Griechenland und Rom

7.2.5 Das vierte Tier: Römische Nachfolgereiche

7.3 Zehn Hörner und das Kleine Horn

7.3.1 Aktivitäten des Kleinen Horns

7.3.2 Das Reden des Kleinen Horns und seine Augen

7.3.3 Die Änderung der Festzeiten

7.3.4 Versuch einer Zuordnung des Kleinen Horns

7.3.5 Die Fristsetzung „eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit"

7.4 Ergänzungen zur Auslegung der vier Tiere in der Vision von Daniel 7

7.4.1 Das Gericht in Daniel 7 und das Erscheinen des Menschensohnes

ZWISCHENBEMERKUNG: KONSISTENZ UND DIVERGENZ DER VISIONEN DANIELS ALS AUSLEGERISCHES POTENZIAL

ZWEITE ERWEITERUNG DER WELTGESCHICHTLICHEN SCHAU – DANIEL 8: DIE VISION VOM WIDDER UND ZIEGENBOCK

8.1 Handlungsgang

8.2 Der Kampf der beiden Tiere

8.2.1 Der griechisch-persische Konflikt

8.2.2 Historische Zuordnung des Horns in Daniel 8 auf Antiochus IV Epiphanes

8.3 Neuansatz einer Auslegung der Vision von Daniel 8

8.3.1 Grundprobleme der Auslegung

8.3.2 „Zeit des Endes" und die 2300 Abende und Morgen

8.3.3 Neue Symboltiere für bereits genannte Weltreiche

8.4 Das Horn in Daniel 8

8.4.1 Ursprung

8.4.2 Vergleich der Hörner in Daniel 7 + 8

8.5 Aktivitäten des Horns in Daniel 8

8.5.1 Fragestellung

8.5.2 Die Trennung von Schöpfer und Schöpfung

8.5.3 Gottesnähe nach der ersten Verfehlung

8.5.4 Parallele von Daniel 8 zur Turmbauerzählung in Genesis 11

8.5.5 Die Himmelsleiter in Jakobs Traum

8.5.6 Einflussnahme auf das Heiligtum?

8.5.7 Zusammenfassung des bisherigen theologischen Ertrages zur Vision in Daniel 8

8.6 Das Horn in der Vision von Daniel 8: Der Evolutionismus

8.6.1 Die Rolle von Nebukadnezars Traum des Baumes als auslegerischer Ansatz für die Vision in Daniel 8

8.6.2 Zum Begriffsvorrat der Vision

8.6.3 Evolutionismus und das Horn in Daniel 8

8.6.4 Die 2300 Abende und Morgen – Versuch einer zeitlichen Identifikation aus der Vision heraus

8.6.5 Das Ende des Evolutionismus und die 2300 Abende und Morgen

DRITTE ERWEITERUNG DER WELTGESCHICHTLICHEN SCHAU – DANIEL 9: EIN GESALBTER WIRD KOMMEN

9.1 Handlungsgang

9.2 Daniel als vorbildlicher Beter

9.2.1 Die literarische Position des Gebetes

9.2.2 Die Gebete in Daniel 2 + 9

9.2.3 Die Gebete in Daniel 6 + 9

9.2.4 Auswirkungen des Gebetes von Daniel 9

9.2.5 Gottes Reaktion auf das Gebet

9.3 Der Messias im Zentrum der Vision in Daniel 9

9.3.1 Die Charakterisierung der siebzig Wochen

9.3.2 Die Einmaligkeit des Gesalbten

9.3.3 König Kyrus

9.3.4 Historische Zuordnung des Gesalbten

9.3.5 Verheißene Errettung und Katastrophe

9.3.6 2300 Abende und Morgen und die siebzig Wochen

9.3.7 Das Ende der letzten Woche

DIE UNGEHEUERLICHKEIT DER GOTTESBEGEGNUNG IN DANIEL 10

10.1 Zur Stellung der Kapitel Daniel 10 - 12

10.2 Handlungsgang

10.3 Auslegung

10.3.1 Daniels aktueller Erkenntnisstand

10.3.2 Die Schau auf den Gesalbten

10.3.3 Die wunderbare Botschaft von Daniels Stärkung – Gott richtet Daniel auf

10.3.4 Engelfürsten der politischen Mächte – Beispiele der Operationalisierung des Bösen

VIERTE ERWEITERUNG DER WELTGESCHICHTLICHEN SCHAU – DANIEL 11: BESCHREIBUNG DES TATSÄCHLICHEN GESCHICHTSPROZESSES UND DESSEN BEENDIGUNG DURCH DEN ENGELFÜRSTEN MICHAEL (DANIEL 12,1-3)

11.1 Handlungsgang

11.1.1 Text und Struktur

11.2 Operationalisierung des Geschichtsprozesses in Form der Politik

11.2.1 Der Versuch der Weltherrscher, den Geschichtsverlauf von Daniel 2 - 11 zu revidieren

11.3 Das Erscheinen des Engelfürsten Michael

11.3.1 Zur Person des Engelfürsten Michael

11.3.2 Eine Bemerkung zur Begegnung mit Christus

11.3.3 Ursachen des Erscheinens des Engelfürsten Michael

11.4 Probleme einer historischen Zuordnung von Daniel 11

11.4.1 Zur Begrifflichkeit der Könige des Nordens und Südens

11.4.2 Zum Problem der zeitlichen Einordnung von Daniel 11

11.4.3 Versuche der historischen Zuordnung von Daniel 11

11.4.4 Weitere historische Zuordnungen von Daniel 11

ABSCHLIEßENDE ERWEITERUNG DER WELTGESCHICHTLICHEN SCHAU – DANIEL 12: DIE ZEITLICHEN ORDNUNGEN

12.1 Handlungsgang

12.2 Auslegung

12.2.1 Versiegelung und Verheißung eines zukünftigen Studiums des Danielbuches

12.3 Daniels Nichtverstehen

12.3.1 Eine Ergänzung zu den zeitlichen Ordnungen nach Daniel 12

12.3.2 Daniels Tod und Auferstehungsverheißung

RÜCKBLICK

LITERATURVERZEICHNIS UND INTERNETQUELLEN

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zeitangaben der Kapitel im Danielbuch

Tabelle 2: Zeitliche Abfolge der Kapitel im Danielbuch

Tabelle 3: Abfolge der historischen Kapitel im Danielbuch

Tabelle 4: Abfolge der prophetischen Kapitel im Danielbuch

Tabelle 5: Mechanismen der Politik in Daniel 11

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Eine mögliche chiastische Struktur des Danielbuches (nach DOUKHAN 1987,6)

Abbildung 2: Karte des Römischen Reiches zur Zeit seiner größten Ausdehnung im Jahre 117 (Quelle: Wikipedia)

Abbildung 3: Löwe ohne Flügel auf den Seitenwänden der Prozessionsstraße Babylons (Pergamonmuseum, Berlin, Foto: M. Dorn)

Abbildung 4: Geflügelter Löwe aus dem Palast des persischen Königs Darius in Susa (Quelle: Wkipedia)

Abbildung 5: Das Reich Alexander des Großen (Quelle: Wikipedia)

Abbildung 6: Frühe Ausbreitung des Islam seit der Zeit Mohammeds (Quelle: Wikipedia)

Abbildung 7: Die vier Diadochenreiche als Nachfolgereiche des Alexanderreiches (Quelle: Wikipedia)

Abbildung 8: Münze mit dem Profil des Antiochus IV Epiphanes. Auf der Rückseite steht in griechischer Sprache: Antiochus, Gottes Bildnis, Bringer des Sieges (Quelle: Wikipedia)

Abbildung 9: Die siebzig Jahrwochen aus Daniel 9; Erklärung der Zahlen im Text

Zur Vermeidung urheberrechtlicher Probleme wurden die Abbildungen zwei und vier bis acht Wikipedia entnommen. Bei verminderter Druckqualität bitte auf die Bilder online zurückgreifen.

Danksagungen

Bei der Erarbeitung und der anschließenden Formulierung dieses Essays wurde ich durch viele Freunde und Kollegen unterstützt.

Eine erste Gesamtschau der Dinge diskutierte ich im Sommer 2006 mit Johannes Naether, Prof. Dr. Rolf Pöhler, Thomas Röstel und Harald Weigt, alle Hannover. Sie haben das Manuskript Korrektur gelesen und viele wertvolle Ergänzungen, Hinweise und Verbesserungsvorschläge gegeben.

In Fragen der hebräischen Sprache bin ich Harald Weigt für seine geduldigen Hilfestellungen sehr dankbar.

Auf meinem Weg durch das Danielbuch hat mich Prof. Dr. Rolf Pöhler als zum Mitdenken bereiter und inspirierender Gesprächspartner begleitet. Seiner von Kompetenz geleiteten Diskussionsbereitschaft bin ich in besonderer Weise verpflichtet.

Seit meinem Aufenthalt in Thailand 1997-1998 darf ich Herrn Dr. Jürgen Lietz meinen Freund nennen. Er hat mit seinem klarsichtigen Denken den Text abschließend Korrektur gelesen.

Die Kantorei der Herrenhäuser Kirche, Hannover, führte im Spätherbst 2006 das Oratorium „Belsazar" von Georg Friedrich Händel auf. Dadurch wurde ich mit diesem wunderbaren Werk überhaupt erst bekannt.

Die Taufen meiner beiden Kinder, Anlass zu Lob und Dank Gottes, stifteten eine fortzeugende Motivation, an der Fertigstellung zügig zu arbeiten. Nichts machte mich glücklicher, als wenn dieses Essay ihre geistliche Entwicklung stärken und fördern könnte.

Allerherzlichst aber danke ich meiner Ehefrau Brunhild, die in den letzten Jahren meine ständigen Gedankenexkurse und permanenten theologischen Auslassungen mit liebevoller Geduld begleitet hat. Ihre stete Unterstützung und Ermutigung waren von unschätzbarem Wert. Sie hat auch die mühevolle Kleinarbeit der ersten Korrektur des fertigen Manuskriptes auf sich genommen.

1 Eine erste Begegnung mit dem Danielbuch

Leben wir in der Endzeit?

Schon ein flüchtiger Blick auf lokale, regionale, nationale, ja globale Entwicklungen suggeriert, dass die Welt in vielen Belangen aus den Fugen zu geraten scheint, so als sei ein Kollaps mit nicht mehr zu kontrollierenden Auswirkungen unabwendbar. Sorgenvolle Weltuntergangsstimmung beschleicht zunehmend das Denken der Menschen.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001, der um sich greifende Terrorismus, der offensichtlich nicht zum Frieden befähigte Nahe Osten, die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Grausamkeiten des Islamischen Staates. Und: die Explosion der Rohstoffpreise, die Abhängigkeit ganzer Volkswirtschaften von knapper werdenden Ressourcen, die Umweltzerstörung und eine mögliche, nahende Klimakatastrophe, immer häufiger auftretende Naturkatastrophen. Und: Die Degeneration der Werte, genauer: die Degeneration der Wertevorstellungen, die Auflösung der klassischen Familienstrukturen, die Zunahme der Kriminalität. Und: Der Wandel westlicher Gesellschaften in übernationale Wirtschaftsdiktaturen, die Suspendierung global handelnder Unternehmen aus der Verantwortung nationaler Wirtschaftskontrollen (Globalisierung), die Subordination des Menschen unter das Primat des wirtschaftlichen Handelns und die globale Finanzkrise samt der verfehlten Eurorettungspolitik. Und: Massenhaft soziale Verarmung und Verelendung, HIV und Aids, das sprunghafte Ansteigen der Migranten und Flüchtlinge weltweit. Und: Mediale Gleichschaltung statt kultureller Vielfalt …. Die Aufzählung könnte noch weitergeführt werden.

Dass diese Liste zutreffend und in gleicher Weise beklemmend ist, kann niemand ernstlich bestreiten. Aber sind damit schon die Indikatoren der Endzeit zutreffend beschrieben? Einige Vergleiche können hier helfen, die Relationen zu Recht zu rücken.

Die Umweltzerstörung und die mit ihr einhergehende Klimaveränderung sind mitnichten allein eine Ausprägung modernen wirtschaftlichen Verhaltens seit der Industrialisierung. Die Entwaldung des gesamten Mittelmeerraumes seit der Römerzeit und erneut seit dem Aufstieg der großen mediterranen Handelsstädte ist mindestens eine ebenso große ökologische Katastrophe wie das Waldsterben der letzten Jahrzehnte.

Noch viel detaillierter als es hier möglich ist, hat DIAMOND (2005) dargestellt, dass politisch-ökologisches Fehlverhalten von Gesellschaften eine der wesentlichen Ursachen für ihren Kollaps ist. Singularisiert DIAMOND diese Ursache, so nennt er jedoch acht Kategorien (DIAMOND 2005,18) an Maßnahmen, die sich an der ökologischen Grundlage der Gesellschaften vergreifen: Entwaldung und Lebensraumzerstörung, Probleme mit dem Boden (Erosion, Versalzung, nachlassende Fruchtbarkeit), Probleme mit der Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung, Auswirkung eingeschleppter Tiere und Pflanzen auf einheimische Arten und steigender Pro-Kopf-Effekt der Menschen.

Diese die Menschheitsgeschichte in allen Zeiten und Regionen begleitenden Verhaltensweisen deuten darauf hin, dass auch der ökologische Kollaps – DIAMOND (2005,18-20) spricht vom „Ökozid" – kein erst die Endzeit charakterisierendes Phänomen sein kann, sondern seit jeher Auswirkung politisch-gesellschaftlichen Fehlverhaltens war und ist.

Waren die wütenden Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters nicht ebenso furchtbar wie es die erschreckenden Konsequenzen der HIV-Pandemie sind? Werden die Menschen, die zu jener Zeit im Angesicht des Schreckens dieser Epidemien gelebt haben, nicht mit dem gleichen Recht von der Endzeit, die nun anbrechen werde, gesprochen haben, wie es heute viele im Angesicht von HIV und Aids tun?

Und werden die deutschen Soldaten, die in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges im Blut ihrer Kameraden waten mussten, nicht auch von der Endzeit geredet haben, vielleicht sogar noch mehr als es jetzt eher Unbeteiligte bei den Nachwehen des zweiten Golfkriegs tun? Außerdem war in der ganzen Geschichte der Menschen der Krieg immer grausam, grässlich und furchtbar, zu keiner Zeit hatte er so etwas wie ein menschliches „Gesicht", sieht man vielleicht einmal von den Auswirkungen der Genfer Konvention ab.

Die rapide zunehmende, massenhafte Verarmung, sogar in den Industrienationen, selbst in Deutschland, besonders aber in den Ländern der Dritten Welt, ist kein neues Phänomen. Seit jeher begleitet die Geißel der Armut die Menschen und prägte sich nur manchmal etwas schwächer oder stärker aus als in unserer Zeit. Und auch die Dominanz des wirtschaftlichen Lebens ist in seiner Radikalität nicht neu: Die wenigstens in einigen Staaten existierende sozialstaatliche Rückendeckung ist eine moderne gesellschaftliche Errungenschaft, die nur einem kleinen Teil der Menschen zu Gute kommen kann; und selbst in diesen Staaten waren die Menschen noch bis vor kurzem einem täglichen Kampf um ihr wirtschaftliches Wohlergehen ausgeliefert.

Und auch das weltweite Flüchtlingsproblem, das aktuell immer bedrängender wird, ist kein Charakteristikum allein der Gegenwart. In allen Jahrhunderten wurden Menschen entwurzelt, ihrer Heimat und Kultur beraubt, die Vertreibung der Deutschen aus den ihnen angestammten Gebieten in Osteuropa, das ähnliche Schicksal des palästinensischen Volkes, die fried- und ruhelose Geschichte des jüdischen Volkes, die Flucht der Hugenotten aus Frankreich, der gewaltige Exodus in die Neue Welt und die damit zusammenhängende grausame Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner, die Völkerwanderung und natürlich die Umsiedlung ganzer Völker in der Antike gehören zum bitteren Bestand menschlicher Geschichte. Und das Danielbuch weiß auch von einer Vertreibung zu berichten: Ein Teil des jüdischen Volkes wurde nach Babylon geführt.

Selbst das Widererstarken der eher orthodoxen, intoleranten, teilweise sogar militanten Religionen, wie die christlich-nationale Rechte in den Vereinigten Staaten, der fundamentalistische Islam, der nationalistische Hinduismus Indiens, taugt nicht zur Charakterisierung der Endzeit. Schon ein schneller Blick zum Beispiel in die Geschichte Europas erkennt unmittelbar die verheerenden Konflikte, die den religiösen Umbrüchen folgten.

Diese Argumentation lässt sich zu jedem oben genannten Aspekt fortführen und man gelangt zu dem Schluss, dass es zu jeder Zeit Bereiche des menschlichen Lebens gab, die es ohne Abstriche gerechtfertigt hätten, von einer Endzeit zu sprechen. Deswegen sollten wir mit dem Heraufbeschwören endzeitlicher Weltuntergangsszenarien sehr zurückhaltend umgehen.

Leben wir in der Endzeit?

Auch die mehr oder weniger wissenschaftlich durchgearbeiteten und fundierten Annäherungen, unsere Welt oder unsere Gesellschaften zu beschreiben, können diese Frage letztlich nicht eindeutig beantworten, denn es hat zu allen Zeiten starke Umwälzungen der Gesellschaften gegeben, oft revolutionär, gewalttätig, oft in tiefen schnellen Brüchen. Tiefgreifende politische und gesellschaftliche Wandlungen dürften, da sie zu allen Zeiten stattfanden, kaum hilfreich sein, die Endzeit erschöpfend zu beschreiben.

Wenn also die verschiedenen Zustandsbeschreibungen der Welt, der Gesellschaften nicht zur Beantwortung dieser Frage taugen, dann stellt sich die Frage, ob es nicht andere Quellen gibt, die es auszuschöpfen gilt.

Leben wir in der Endzeit?

Theologisch stellt sich der Begriff Endzeit folgendermaßen dar: Mit Kreuzestod und Auferstehung Christi und seiner anschließenden Himmelfahrt ist der von Gott entworfene Erlösungsplan realisiert worden. Die Tür zu einem neuen, friedevollen, ohne das Böse als integralem Bestandteil charakterisierten Reich ist geöffnet. Das heißt, dass die Endzeit mit der Himmelfahrt Christi begonnen hat. Von daher läuft die Uhr der Welt jetzt rückwärts auf das Ende der (End)zeit, also auf die Wiederkunft Christi, zu. So betrachtet leben wir seit jeher in der Endzeit, oder, um im Bild von Dn 2 zu bleiben, der Stein, der die Statue zerstört, fällt schon herab. Endzeit im biblischen Sinne ist also die ganze Zeit vor der Wiederkunft Jesu Christi.

Rein historisch betrachtet verhält es sich anders. Dem Begriff Endzeit ist hier ein Bedeutungsrahmen zu eigen, der leicht missverstanden werden kann. Der Begriff verleitet dazu, die Endzeit nur von ihrem Ende her zu betrachten. Doch diese Denkstruktur, die alles in einem großen Ende, wie immer es auch beschaffen sein mag, münden sieht, verkennt, dass die Endzeit nicht nur vom Ende her zu denken ist, sondern dass ihr vielmehr eine geschichtliche Vergangenheit vorausging, aus der heraus sich die Endzeit in ihrer politisch-historischen Verwirklichung dann erst ergibt. Ist dem Begriff Endzeit wohl ein teleologischer Charakter zu zuerkennen, so ist sie aber auch als prozessualer Fortgang der ihr vorausgehenden historischen Entwicklung zu begreifen. Es ist aus der historischen Sicht nicht möglich und dem Verständnis des Begriffs nicht angemessen, dass die Endzeit spontan mit unbedingten neuen politischen oder historischen Wesensmerkmalen einsetzt, die zur Vorvergangenheit der Endzeit wenig oder gar keine Beziehung haben.

Man wird also gut daran tun, die Endzeit und die ihr vorausgehenden geschichtlichen Abläufe als eine prozessuale historische Einheit zu betrachten. Es ist genau dieses Verständnis von Endzeit, das das Buch des Propheten Daniel im Alten Testament auszeichnet. Es ist, wie Daniel von Gott selbst unterrichtet wird (12, 9)¹, für die „letzte Zeit bestimmt". Was sagt uns Daniel in Bezug auf unsere Frage:

Leben wir in der Endzeit?

Kaum ein Buch des Alten Testamentes hat mit seinen Erzählungen so weiten Eingang in das allgemeine Wissen gefunden, wie das des Propheten Daniel, sieht man einmal von der Genesis ab, zu dem das Danielbuch ganz besonders intensive Bezüge besitzt. Da sind die atemberaubenden Visionen mit ihren geheimnisvollen Symbolen und Zahlen, die eine fortdauernde, unentrinnbare Faszination ausüben; aber auch die bestürzenden Erzählungen von den drei Männern im Feuerofen, dem Wahnsinn Nebukadnezars, der Hybris des Königs Belsazar und der wunderbaren Rettung Daniels in der Löwengrube sind unvergängliche Bestandteile der Weltliteratur. Darüber hinaus sind sie theologisch fundamentale Passagen hoher Dignität von weitreichender Bedeutung.

Bevor wir uns dem Text zuwenden mit dem Versuch, ihn uns neu zu erschließen, gilt es noch zwei Aspekte besonders zu beleuchten: Einmal ist die Frage zu klären, wer dieser Daniel überhaupt war, und zum zweiten sind einige methodische Vorbemerkungen unabwendbar, um die Grundlage zu entwerfen, auf der aufbauend das Buch ausgelegt werden soll.


¹ Textangaben aus der Heiligen Schrift erfolgen in Klammer. Wenn keine Nennung eines biblischen Buches erfolgt, ist automatisch das Danielbuch (Dn) gemeint. Alle deutschsprachigen Bibelzitate erfolgen nach der Übersetzung D. Martin Luthers in der 1984 revidierten Fassung.

2 Zur Person Daniels

So einmalig, ungewöhnlich und faszinierend wie das prophetische Buch Daniel ist auch sein Verfasser. In Daniel begegnet uns eine überragende Persönlichkeit nicht nur von beeindruckendem Format, sondern auch von persönlicher Integrität und überbordender intellektueller Kompetenz. Was wissen wir über Daniel?

SHEA (2002²,7-10) beschreibt, dass im Jahr 1995 in der Nähe Jerusalems ein Grab gefunden wurde, an dessen Tür der Text „Dies ist das Grab Daniels" stand. Die Schreibweise des Namens Daniel (d’any`l) entspricht dem Schreibstil vor dem Exil, archäologische Faktoren deuten darauf hin, dass die Anlage des Grabes aus frühpersischer Zeit stammt. Neben der Grabinschrift ist eine Szene in den Stein gehauen, die einen Mann in einer Grube mit zwei Löwen zeigt, die jedoch den Mann weder angreifen noch töten. Über dieser Szene ist ein Mann zu sehen, der aus einer Öffnung heraustritt.

Es handelt sich bei der dargestellten Szene offensichtlich um die in Dn 6 beschriebene wunderbare Rettung Daniels in der Löwengrube. Dieser bemerkenswerte archäologische Fund legt es nahe, dass wir durchaus von der Historizität der Person Daniels ausgehen dürfen. Es kann kein abschließender Beweis sein, sollte aber Anlass dazu geben, mit Zweifeln an der Existenz dieser Persönlichkeit eher zurückhaltend zu sein.

Ebenso wie das Volk Israel die Gebeine Josefs aus Ägypten mitgenommen hat (Ex 13,19; Jos 24,32), so hat man wohl auch Daniels sterbliche Überreste nach Jerusalem überführt. Es sollte also nicht erstaunen, dass Daniels Grab in Jerusalem und nicht im Zweistromland liegt.

Wichtiger aber als diese archäologischen Zeugnisse sind die, die die Heilige Schrift selbst über Daniel bereithält.

Der Name Daniel bedeutet: Gott ist mein Richter, und zwar in dem Sinne, dass „Gott mir Recht schafft" (MAIER 2005⁸,76). Das meint, dass Gott derjenige ist, der das letzte, abschließende und mächtigste Wort über diese Welt sprechen wird. Daniels Name ist damit schon Programm.

Dabei ist Daniel nicht nur selbst Prophet, sondern bereits erfüllte Prophetie, denn der hundert Jahre vor ihm lebende Prophet Jesaja weissagt dem König Hiskia (2Kö 20,16-18):

„Da sprach Jesaja zu Hiskia: Höre des HERRN Wort:

17 Siehe, es kommt die Zeit, dass alles nach Babel weggeführt werden wird, was in deinem Hause ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, und es wird nichts übrig gelassen werden, spricht der HERR.

18 Dazu werden von den Söhnen, die von dir kommen, die du zeugen wirst, einige genommen werden, dass sie Kämmerer seien im Palast des Königs von Babel."

Daniel und seine Freunde sind die Erfüllung dieser prophetischen Aussage.

Nach den Texten in Dn 1 ist Daniel königlicher Abstammung (1,3-6), also aus vornehmem und adligem Haus. Dies dürfte mit dazu beigetragen haben, dass er sich in einem Palast eines Weltreiches klug und angemessen zu verhalten und zu bewegen wusste, wovon ja schon Dn 1 zu berichten weiß. Ihm war also royales Flair nicht fremd und fremd war ihm sicher auch nicht die Schattenseite eines solchen Flairs, das mit Intrigen durchtränkt war. Daniel brachte also eine persönliche Disposition mit, die ihn für die späteren Aufgaben bei Hofe qualifizierte.

Als Daniel mit einem Teil des Volkes Israel ins Exil nach Babylon geführt wird, wird er etwa 15 bis 18 Jahre alt gewesen sein. Er lebt siebzig Jahre im Exil (9,2) und wird dann Zeuge des ersten Teils des zweiten Exodus zurück in das verheißene Land. Daniel wird bei seinem Tod etwa 85 bis neunzig Jahre alt gewesen sein. Jerusalem und sein Tempel wurden 586 v. Chr. von den Truppen Nebukadnezars zerstört, sodass sich die Lebenszeit des Daniel, von der in seinem Buch berichtet ist, vom Ende des siebten bis ins sechste vorchristliche Jahrhundert erstreckt.

Daniel erfährt von Anfang an eine ungewöhnlich hohe Wertschätzung Gottes. Dies drückt sich zunächst darin aus, dass Gott ihm die Anrede „Du von Gott geliebter" (10,11+19) zuteilwerden lässt. Daniels Gottergebenheit und sein leidenschaftliches Eintreten für sein Volk und den Glauben mögen die Ursache dafür sein, dass Gott das Herz dieses Mannes so wertschätzte. Wie MAIER (2005⁸,363) vermerkt, werden neben Daniel mit ähnlichen Worten nur noch Mose in Num 12,7f, Maria, die Mutter Jesu in Lk 1,29f und natürlich Christus selbst in Mt 17 so genannt. Jesaja spricht so vom Gottessohn in Jes 42,1. Daniel wird von Gott selbst in einen kleinen, wahrhaft erlauchten Kreis gestellt.

Der mit Daniel, seinen drei Freunden und der jüdischen Oberschicht später ebenfalls nach Babylon exilierte Prophet Hesekiel erwähnt seinen Zeit- und Leidensgenossen Daniel in besonderem Zusammenhang (Hes 14,14+20):

„Wenn dann diese drei Männer im Lande wären, Noah, Daniel und Hiob, so würden sie durch ihre Gerechtigkeit allein ihr Leben retten, spricht Gott der HERR."

Mit Noah und Hiob werden erneut zwei große und herausragende Persönlichkeiten mit Daniel gemeinsam genannt. Außerdem ist es interessant, dass es Gott im Gerichtsspruch über den König von Tyrus (Hes 28,3) als unstatthaft ansieht, sich „klüger als Daniel" zu halten.

Wir schauen kurz auf das geistliche Umfeld des Volkes Israel und stellen fest, welche Dichte an wirklich geistlicher Größe hier wirkte. Daniel, Hesekiel, der im gelobten Land lebende Jeremia – ein bemerkenswertes Ensemble gesegneter Menschen!

So können wir Luther nur zustimmen, wenn er in seiner Vorrede zum Buch Daniel dessen Verfasser als „von Gott hoch geehrt, an Weisheit und Verstand über alle Menschen begabt" beschreibt.

Wir tun also gut daran, in Daniel eine überragende Persönlichkeit in der Heiligen Schrift zu erkennen. Er ist fortzeugend vorbildlich und von souveräner Überlegenheit. Ohne jeden Zweifel verdient er auch das dem menschlichen Denken entstammende Prädikat „groß". Wir lassen den biblischen Text direkt auf uns wirken (6,4)

„Daniel aber übertraf alle Fürsten und Statthalter, denn es war ein überragender Geist in ihm. Darum dachte der König daran, ihn über das ganze Königreich zu setzen."

Ein größeres Kompliment könnte einem Staatsmann kaum zugedacht werden, einem Staatsmann, der dazu von tiefer Gläubigkeit durchdrungen ist.

Dies alles zusammenfassend verwundert es nicht, dass sich Gott Daniel aussucht, ihn den Verlauf der Weltgeschichte schauen zu lassen, eine Offenbarung von erstrangiger Bedeutung. Gott gewährt ihm auch Rettung und verheißt ihm nach der Gottesschau auf seine Herrlichkeit (10,5f) die Auferstehung! Gott versichert Daniel (12,13):

„Du aber, Daniel, geh hin, bis das Ende kommt, und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!"

Diese krönende Zusage Gottes beschließt dieses beeindruckende Leben.

Von der Kindheit dieses Lebens wissen wir nichts, nur so viel lässt sich sagen, dass er sowohl in seinem Selbstverständnis als Jude als auch im Glauben fest gegründet worden sein muss, denn sonst hätte er nicht schon im Knabenalter von 15 bis 18 Jahren mit solcher Konsequenz darauf geachtet, seine religiöse und kulturelle Identität zu waren. Dabei war er, wie sein späterer Lebensweg zeigt, durchaus zu Kompromissen fähig und hat diese glaubwürdig gelebt.

Sein späterer Werdegang bis zu höchsten politischen Ämtern erinnert zunächst an Mose. Dieser erhielt in Ägypten auf Anordnung der Tochter des Pharao an dessen Palast eine ebenso exquisite Ausbildung wie sie Daniel am Palast des Königs Nebukadnezar II in Babylon zuteilwurde. Beide erhalten hier das Wissen und die Befähigung zum Staatsmann. Es sollte uns aufmerksam machen, dass Gott offensichtlich keine besonderen Probleme für seine – hier sogar an Jahren kleinen – Kinder sieht, sie von qualifizierter weltlicher Seite ausbilden zu lassen. Vermitteln solche Lehrer ein Wissen anders oder besser als Lehrer, deren ständige Bezugnahme auf das Heilige Sachverhalte oder pädagogische Konzepte eher verwässern oder verbiegen? Beide Persönlichkeiten, Mose wie Daniel, gehen gestärkt und qualifiziert aus der Ausbildung heraus: Mose wird zum ersten großen Führer des Volkes Israel, Daniel zum Kanzler gleich mehrerer Könige und Weltreiche, und beide reüssieren in ihren jeweiligen Positionen und Ämtern.

Eine weitere Parallele zieht sich nach Ägypten: Zu Josef, dem Kanzler und zweiten Mann im Staat nach Pharao. So wie Josef die Träume seiner Mitgefangenen (Gn 40) und des Pharao deuten kann (Gn 41), so deutet auch Daniel den atemberaubenden Traum des Nebukadnezar (Dn 2). Gott eröffnet beiden, was die damaligen Herrscher träumten und öffnet ihnen so den Weg in die Staatsämter. Beide werden daraufhin Kanzler in den jeweiligen Reichen, beide werden zum großen Segen der jeweiligen Völker. Die Berichte der Genesis (Gn 41) über das kluge planerische Handeln Josefs sprechen ein beredtes Zeugnis, die Wertschätzung der verschiedenen Könige Daniel gegenüber ebenso.²

Dies führt zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Daniel hat als großer Staatsmann vielen Königen gedient, und es ist für einen hochkarätigen Politiker wie Daniel, der als Kanzler eines bedeutenden Imperiums wirkte, kaum vorstellbar, dass er bei aller Entschiedenheit für sein eigenes Volk eine auf Palästina reduzierte oder fokussierte Sicht der Geschichte hatte. Es ist eher so, dass ein solcher Staatsmann auch so dachte, wie er lebte: nicht regional, sondern imperial. Er ist leidenschaftlicher Israelit, er ringt mit Gott für sein Volk, er lebt seinen Glauben authentisch und konsequent. Aber er ist weder engstirnig noch besitzt er einen kleinwinkeligen Horizont. So begegnet uns in Daniel der ebenso Gläubige wie weltlich Kompetente, der sich von Gott führen Lassende wie der das Reich Leitende und Lenkende.

Darüber hinaus erweist sich Daniel als genialer Literat. Das kunstvoll entworfene Buch aus seiner Feder bestätigt es, denn dessen fein gesponnene Struktur und der innere Beziehungsreichtum disponieren das Buch zur umgreifenden, weitangelegten Auslegung. Die zahllosen Auslegungen seit seiner Entstehung und seine Bedeutung für das Selbstverständnis der politischen Entscheidungsträger bis ins 19. Jahrhundert hinein bestätigen das.

Ein Aspekt soll die Skizze dieser Persönlichkeit beschließen: Daniel ist ein Mann des Gebetes. Seine in seinem Buch niedergeschriebenen Gebete sind in ihrer Dichte und inhaltlich-stilistischen Ausformung beispielgebend. Seine konsequente Gebetshaltung provoziert ja auch die Verurteilung zum Tod in der Löwengrube (Dn 6).

In kaum etwas dokumentiert sich der Glaube eines Menschen so sehr wie in seiner Gebetshaltung. Das Gespräch mit Gott offenbart den Charakter unseres Glaubens, wobei Gespräch nicht nur das gesprochene, gesungene oder gedachte Wort meint, sondern die sich im Gebet ausdrückende Haltung Gott gegenüber. Ist das Leben im Glauben ein Leben im Gottesbezug, so ist das Gebet ein besonders mächtiges Bekenntnis eben dieser Lebenshaltung. Die Rolle, die Daniels Gebete in seinem Buch spielen, gilt es noch ausführlich zu erörtern.

Wir tun also gut daran, bei einer Auslegung des Danielbuches die Dimension der Persönlichkeit des Autors in all ihrem Facettenreichtum nicht aus den Augen zu verlieren. So einmalig, ungewöhnlich und faszinierend wie sein Verfasser ist das prophetische Buch Daniel auch.


² Daniel diente (MAIER 20016,90) folgenden Königen: Nebukadnezar, Evilmerodach, Neriglissar, Labasch-Marduk, Nabonid, Kyrus, außerdem den Vizekönigen Belsazar und Darius, dem Meder.

3 Methodische Grundlegungen

Wer biblische Texte auslegen will, muss sagen, wie und unter welchen Voraussetzungen er es tun will. Ohne eine solche methodische Grundlegung wäre ein Essay wie dieses unvollständig.

Dieses Essay erhebt nicht den Anspruch, Exegese im strengen akademischen Sinne zu betreiben. Eine solche Exegese müsste sich ausführlich zur Authentizität des Danielbuches äußern, hebräische und aramäische Sprache diskutieren und ließe methodisch korrekt letztlich nur textliche Bezüge zu, wenn diese stringent nachgewiesen wären. Dies ist nicht das Ziel dieses Essays.

3.1 Was ist Prophetie?

Dass es so etwas wie Prophetie³ überhaupt gibt, liegt an Gottes Entschluss, sich durch berufene Menschen mitzuteilen (Amos 3,7). Prophetie kann mehrere Funktionen innehaben:

Prophetie ist Wegerleuchtung, sie vermittelt ein Wissen, eine Erkenntnis, die ohne sie nicht zu gewinnen wären. Prophetie ist in diesem Sinne Erleuchtung und Orientierung. Nach 2Pe 1,19-21 ist sie „Aufklärung" und Zielsetzung, sie ist Offenbarung Gottes durch Menschen (Apg 26,15-18,22f) und Gabe Gottes für die Menschen (1Ko 12,28;14,1ff).

Prophetie ist gegenwärtige Wahrheit, sie ist nicht nur Vorhersage im Sinne von Voraussagen der Zukunft. Sie öffnet zuerst die Augen für die Blickrichtung Gottes auf die Gegenwart und eröffnet so die Perspektive für die Zukunft. Die Historiker können die Vergangenheit deuten. Um die Gegenwart zu deuten, bedarf es der Propheten. In diesem Sinne ist Prophetie also auch „Hervorsage". Propheten sind Kritiker der Gegenwart, sie sind unbequeme Mahner zur Treue zu Gott und seinem Wort, Verkündiger der guten Zukunft Gottes, darum sind sie Boten der Hoffnung und des Friedens. Dies gilt exemplarisch für das Danielbuch. Sie bringen die Frucht des Geistes hervor (Gal 5,16-26) und wirken somit dem Fundamentalismus

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