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Recht auf Ineffizienz: Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitporträt

Recht auf Ineffizienz: Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitporträt

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Recht auf Ineffizienz: Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitporträt

Länge:
133 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 26, 2015
ISBN:
9783739214849
Format:
Buch

Beschreibung

Die Kapitalisierung aller Lebensbereiche beherrscht zunehmend die gesellschaftlichen Handlungsfelder. Ein Verlust an Stetigkeit sowie persönlicher und sozialer Stabilität ist die Folge. Auf diesem Hintergrund entwirft der Autor ein kritisches Zeitportrait der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und analysiert die mittelfristig vorhersehbaren Auswirkungen einer ungesteuerten kapitalistischen Entwicklung für den Einzelnen und die Gemeinschaft. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Rechts auf Ineffizienz ist, so die These des Buches, ein bedeutender Schritt in Richtung auf eine Kreativgesellschaft, in der nicht die ökonomischen, sondern die sinnstiftenden Potenziale des Menschen an Gewicht gewinnen.
Das bereits 2005 geschriebene Buch hat durch die seit 2008 währende Finanz- und Wirtschaftskrise, die an Fahrt zugenommene Globlisierungsdynamik und Medialisierung der Gesellschaft neue, von ihm vorhergesehene Aktualität gewonnen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 26, 2015
ISBN:
9783739214849
Format:
Buch

Über den Autor

Henning Schramm wurde 1944 in Tübingen geboren. Er studierte Soziologie, Volkswirtschaft und Ethnologie in Mainz, Tübingen und Frankfurt/Main. Nach dem Examen war er zunächst Wissenschaftsredakteur. Anschließend arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit einem Lehrauftrag an der Universität Frankfurt/Main und als verantwortlicher Redakteur bei einer vom Lehrstuhl herausgegebenen Zeitschrift. Er gründete in Frankfurt einen Verlag und war viele Jahre in einem privaten Forschungsinstitut tätig. Schramm hat eine Vielzahl von Fachbüchern, Essays und Romanen veröffentlicht und lebt mit seiner Frau als Schriftsteller in Frankfurt/Main.


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Buchvorschau

Recht auf Ineffizienz - Henning Schramm

Inhaltsverzeichnis

Recht auf Ineffizienz

I. DIE KAPITALISIERUNG DER GESELLSCHAFT

II. DIE WELT IN DER WIR LEBEN

III. DIE ÖKONOMISIERUNG DES SOZIALEN

IV. OHNE HAFEN IST KEIN WIND DER RICHTIGE

V. SINN BEKOMMT SINN ERST DURCH DEN MENSCHEN

VI. DER MENSCH IST MEHR ALS ÖKONOMIE

Impressum

Recht auf Ineffizienz

Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitportrait      

von  

Henning Schramm

Der Mensch ist immer mehr

als er über sich weiß

Für Dinah

Henning Schramm, Recht auf Ineffizienz. Orientierung und Lebenssinn im Kapitalismus: Ein Zeitportrait. 

© 2015 Henning Schramm, vorliegende E-Book Ausgabe.

© Erstauflage 2005, Henning Schramm. Printausgabe: Edition Octopus, Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG.

Titelbildes: Aquarell von Henning Schramm      

I. DIE KAPITALISIERUNG DER GESELLSCHAFT

Nur die eigenen Gedanken haben Wahrheit und Leben;

denn nur die eigenen versteht man ganz.  

ARTHUR SCHOPENHAUER

MEGATREND

Die westlichen Gesellschaften sind heute charakterisiert durch einen alles überlagernden Megatrend: Dieser Trend lässt sich charakterisieren als fortschreitende Kapitalisierung aller Lebensbereiche. Sie ist durch den Sieg der kapitalistischen über die sozialistische Praxis und den Aufstieg der kapitalistischen USA zur alleinigen Supermacht und Hegemon Anfang der Neunziger Jahre für alle augenscheinlich geworden. Im Gefolge dieser Praxis breiten sich neoliberale Marktwirtschafts- und Marketingprinzipien nahezu ungebremst aus und umfassen immer größere Teile der Erde. Kapital- und effizienzorientierte Organisationsformen und Denkweisen dominieren zusehends das gesellschaftliche und politische Leben.

 Begleitet wird dieser Trend zum einen von einem immer stärker um sich greifendem Lebensgefühl der Beliebig- und Unstetigkeit. Es manifestiert sich in dem steilen Anstieg des Verlusts von Stabilität und dem damit verbundenen Schwund von Gewissheiten und Orientierungskonstanten. „Change has become a constant". Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist die Veränderung und die Ungewissheit der Zukunft. Aber nicht nur, dass die Instabilität wächst, auch das Tempo der Veränderungen hat an Fahrt zugelegt und umfasst immer mehr Lebensbereiche. Das, was gestern Gültigkeit besaß, ist heute überholt und morgen vielleicht schon wertlos, Abfall der Geschichte. Eine derartige Beschleunigung der Gesellschaft, wie wir sie in den vergangenen vierzig Jahren erlebt haben, hat es in der Geschichte noch nie gegeben.

 Zum anderen geht mit diesem Trend einher die viel diskutierte Globalisierungsdynamik insbesondere in den Bereichen Informationstechnologie und Ökonomie. Auch diese Dynamik hat sich in den letzten Jahrzehnten so beschleunigt wie noch nie in der Menschheitsgeschichte zuvor.

Instabilitäts- und Globalisierungstendenz überlagern und verstärken sich gegenseitig. Dies hat möglicherweise explosive Auswirkungen auf das soziale und psychische Leben der Menschen nicht nur in den einzelnen Nationalstaaten, sondern auch für die Stabilität der Weltgemeinschaft insgesamt.     

KAUFEN UND VERKAUFEN

Das kapitalistisch-marktwirtschaftliche Prinzip braucht Unstetigkeit und Flexibilität, Optionalität und Globalität als Lebenselixier. Herzstücke dieses Prinzips sind die Dominanz des Privaten gegenüber der Gemeinschaft, das Privateigentum, die Existenz von Märkten und Effizienz. Marketinginteressen, manifestiert in den Kategorien Kauf und Verkauf, überlagern immer mehr die Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Stetigkeit, Achtung und Selbstwert. Effizienzdenken beherrscht zunehmend nicht nur die Erwerbstätigkeit, sondern greift auf alle Lebensbereiche über und degradiert die Menschen auf das Niveau von Maschinen, für die allein der Begriff Effizienz ursprünglich Anwendung fand. Diese originäre Bedeutung von Effizienz, nämlich mit einem Minimum an Arbeit, Zeit, Energie und Kapital ein Maximum an Output zu erzielen, wurde von der Maschinenwelt auf die Arbeits- und soziale Welt übertragen und mutierte zu einem wichtigen Maßstab menschlicher Leistung und Kriterium der Bewertung von menschlicher Aktivität.

Insbesondere in dem 'Mutterland' des Effizienzdenkens, den USA, ist der Begriff Effizienz geradezu zu einem Definitionskriterium der Lebensart und des amerikanischen Traums geworden, meint Jeremy Rifkin. Effizienz wurde zu einem unverzichtbaren Bestandteil des persönlichen Erfolgs und der Verwirklichung des Amerikanischen Traums. Wer am effizientesten und daher am produktivsten ist, wird es am ehesten an die Spitze schaffen … in Amerika wurde Effizienz zu einem allumfassenden Verhaltensmuster und beeinflusst fast jeden Aspekt des Lebens.[i]

Wir Europäer sind auf dem besten Wege den Amerikanern auch hierbei nachzueifern. Was nicht effizient ist und betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien genügt, verdient keine öffentliche Unterstützung und Förderung. Wer nicht effizient ist, wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt, entlassen, abgeschoben oder weggesperrt. Effizienzsteigerung, um welchen Preis auch immer, wird zum Gebot der Stunde. Nur so glaubt man, persönlich wie auch beruflich erfolgreich zu sein oder auch nur mithalten zu können. Auf diesem Hintergrund könnte der eine oder die andere dann schon auf den Gedanken kommen, der in manchen Bereichen ineffizienten Natur etwas nachzuhelfen und sich dem Messer eines Schönheitschirurgen auszuliefern, um so den Erfolg zu erzwingen. Ein Arbeitnehmer, der nicht mehr ganz so wie eine gut geölte Maschine funktioniert, wird zur Belastung. Maschine und gleichermaßen der Mensch sind in diesem Ordnungsrahmen der Effizienz-Norm unterworfen und müssen dem marktwirtschaftlichen Credo von Economy, Effectiveness und Efficiency genügen. Der Mensch ist nicht mehr Nutznießer von Produktivitätsfortschritt, sondern wird zum Mittel von Produktivitätssteigerung. Obwohl sich in Deutschland die Produktivität in den letzten Einhundert Jahren in etwa verzwanzigfacht hat, haben wir immer weniger von diesem Fortschritt und werden zunehmend Gefangener der Beschleunigung.  Wir arbeiten immer schneller und treiben die Produktivität in atemberaubende Höhen, gleichzeitig produzieren wir Angst, dass uns die Arbeit ausgeht oder dass wir unseren Arbeitsplatz verlieren, wenn wir nicht noch effizienter werden. Ein wertvolles und wirtschaftliches Mitglied der Gesellschaft ist bei dieser Denkweise der Mensch nur dann, wenn er in der Lage ist, seinen Wirkungsgrad zu optimieren. Die Frage muss gestellt werden: Welchen Grad einer solcherart gemanagten Gesellschaft haben wir bereits erreicht? Wie stark ist unsere Gesellschaft von diesem Effizienzvirus infiziert?

 Es ist klar, dass es in diesem Kampf aller gegen alle nur Sieger und Besiegte geben kann. Die Schwachen und Ineffizienten werden beiseite gedrängt. Ordnungsprinzipien, die die Natur wie auch die Menschen nur als Ressource betrachten und ausbeuten, können, so die Grundthese, die ich in diesem Buch vertrete, keine Basis für eine sinnvolle persönliche Lebensperspektive und menschenwürdige Gesellschaft sein. Sie schaffen es nicht einmal, wie ich ebenfalls noch zeigen werde, eine funktionierende Wirtschaft auf die Beine zu stellen, die Wohlstand oder materielle und emotionale Sicherheit für alle garantiert. Kernaufgabe einer humanen  Zivilgesellschaft und ihrer Bürger muss es deswegen sein, die Hegemonie solcher effizienzorientierter Handlungsprinzipien zurückzudrängen, zugunsten kreativer und zweckfreier Handlungsräume, die den Menschen und seine sozialen Bindungen und Beziehungen in den Mittelpunkt stellen.  

Es liegt auf der Hand, dass Verhaltensmuster, die sich an diesen Zweck-Mittel-Prinzipien orientieren, nicht die Herausbildung einer Persönlichkeit fördern, die sich selbst Zweck ist und die ihren Wert in sich selbst sieht. Diese Verhaltensmuster produzieren vielmehr ein Bild vom eigenen Selbst, in dem man sich nicht wohl fühlt, in dem man sich in seiner Ganzheit, seinem Wesen nicht wieder zu erkennen vermag. Die zunehmende Dominanz ergebniseffizienten Handelns und Suchens verhindert, die verborgenen, aber deswegen nicht minder wichtigen Dinge, in sich zu entdecken. Sie beschränkt Selbsterkenntnis auf Oberflächenbetrachtungen. Ja, sie erschwert Erkenntnis als solche, indem sie den Blickwinkel allzu sehr einengt und Fachidiotentum fördert: Wer nur Ökonomie versteht, versteht auch die nicht! Werden solche zweckorientierten Einstellungen zur allgemein anerkannten gesellschaftlichen Norm, können sie die Substanz des Selbstwertgefühls der Menschen gefährlich unterhöhlen.

Ein Viertel aller Beschäftigten leidet heute in Deutschland unter dem Burn-out-Syndrom, einem körperlichen und seelischen Zusammenbruch, ausgelöst durch oftmals jahrelange Überforderungen beziehungsweise übersteigerte Leistungserwartungen. Dies spiegelt das grundsätzliche Problemfeld der modernen  effizientorientierten Gesellschaft wider: der extrem hohe Leistungsanspruch insbesondere der kapitalistisch gelenkten Ökonomie einerseits versus der 'unvollkommene' Mensch mit seinem grundsätzlich begrenzten Leistungsvermögen und ineffizienten Regenerationsphasen andererseits. Der Mediziner Klaus Bergdolt bemerkt dazu. Das Recht auf Schwäche, auf eine private Gegenwelt und Erholung steht dem Ideal eines perfektionierten, voll funktionsfähigen, allround begabten Managertyps gegenüber - einem fiktiven Menschenbild, das es gar nicht gibt.[ii]  

Zusätzlich erschweren die Instabilität der sozialen Verhaltens- und Wertemuster, die sich im Kielwasser der fundamentalistischen neoliberalen Marktwirtschaft und der Einflüsse der Globalisierung im säkularisierten Europa ausbreitet, die Orientierung und den Selbstfindungsprozess in unserer Gesellschaft. In Europa führt die Zunahme der in der Gesellschaft tolerierten Verhaltensnormen zu einem enormen Anstieg der Zahl möglicher Optionen und Handlungsalternativen. Diese gestiegene Beliebigkeit und Unverbindlichkeit gesellschaftlicher Ordnungssysteme und der evidente Verlust von Gewissheiten und Konstanz macht es uns Europäer heute so schwierig, sich orientieren, sich selbst einordnen und erkennen zu können. Die raschen und von immer weniger Menschen nachvollziehbaren Veränderungen zerstören gewachsene Regeln, Bindungen und Verbindungen. Aus dieser Perspektive ist es nachvollziehbar, dass viele Menschen Stabilisatoren suchen,

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