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Das Tarot: Phantastische Geschichten

Das Tarot: Phantastische Geschichten

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Das Tarot: Phantastische Geschichten

Länge:
331 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
2. Dez. 2015
ISBN:
9783940036889
Format:
Buch

Beschreibung

"Schicksal sind die Karten, die das Leben uns in die Hand legt. Geschick ist, was wir aus diesen Karten machen."
Unter diesem Motto erreichten eines kalten Wintertages die 22 Karten der großen Arkana 22 Autoren, die sich der Herausforderung gestellt hatten, zu jener einen Karte eine Geschichte zu schreiben. Lesen Sie vom Rad des Schicksals, das sich als Flasche dreht und vom Stern, der den Kindern im Schatten sein Licht schenkt. Treffen Sie den Tod, der in der Zukunft lauert und die Herrscherin, die unter Tage wohnt. Gehen Sie mit in den Turm, der einem jeden seine Prüfung aufzwingt und finden Sonne und Mond, Narr und Hohepriesterin, die Welt und die Gerechtigkeit, den Teufel und die Mäßigkeit und jede andere Karte, in der das Schicksal lauern kann …

Mit Geschichten von Nina Behrmann, Veronika Bicker, Susanne Bonn, Tanya Carpenter, Thilo Corzilius, Ruth M. Fuchs, Katharina Gerlach, Gabriele Gfrerer, Moritz B. Hampel, Peter Hohmann, Sven I. Hüsken, Ann-Kathrin Karschnick, Diana Kinne, Christoph Marzi, Diana Menschig, Oliver Plaschka, Fabienne Siegmund, Carsten Steenbergen, Ulrike Stegemann, Andrea Tillmanns, Annika Weber, Rebecca Wild und einer Einführung von Mara Laue.
Illustrationen von Elke Brandt, Tatjana Kirsten und Chris Schlicht.
Herausgeber:
Freigegeben:
2. Dez. 2015
ISBN:
9783940036889
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Das Tarot - Nina Behrmann

Das Tarot

Fabienne Siegmund (Hrsg.)

© 2013 by Verlag Torsten Low,

Rössle-Ring 22, 86405 Meitingen/Erlingen

Alle Rechte vorbehalten.

Illustrationen:

Elke Brandt, Tatjana Kirsten, Chris Schlicht

Coverillustration: Tatjana Kirsten

Umschlaggestaltung: Chris Schlicht

Lektorat und Korrektorat:

Maria Blömeke

eBook-Produktion:

Cumedio Publishing Services - www.cumedio.de

ISBN (Buch) 978-3-940036-20-9

ISBN (mobi) 978-3-940036-92-6

ISBN (ePub) 978-3-940036-88-9

Inhalt

Vorwort

Fabienne Siegmund

Der Tarot – Ein Instrument zwischen Psychologie, Ideologie und Mythos

Mara Laue

Gespiegelte Sterne

Fabienne Siegmund

Er

Thilo Corzilius

Die Braut des Hirschkönigs

Tanya Carpenter

Unter Tage

Nina Behrmann

Schlangenbiss

Moritz B. Hampel

Rotes Haar und Hagelschlag

Peter Hohmann

Ein Kuss aus Asche

Rebecca Wild

Der Phönix und die Asche

Sven I. Hüsken

Die Weiße Frau

Susanne Bonn

Ich - allein ich

Ruth M. Fuchs

Flaschendrehen

Ann-Kathrin Karschnick

Samen

Annika Sylvia Weber

Eine andere Perspektive

Katharina Gerlach

Ruthie

Oliver Plaschka

Brüderlich geteilt

Veronika Bicker

Nicht am Glanz erkennt man wahre Werte

Diana Menschig

Die Prüfung

Andrea Tillmanns

Schattenkinder

Diana Kinne

Mitternachtsmond

Christoph Marzi

Der Turm der Freiheit

Carsten Steenbergen

Zweite Chance

Gabriele Gfrerer

Die Inspiration

Ulrike Stegemann

Illustratornachweis

Fußnoten

Lesetipps

Vorwort

Anthologien wie diese beginnen immer mit einer vagen Idee, die einem zunächst noch still und leise, dann immer lauter im Kopf herum geistert – und irgendwann wird sie so laut, dass man sie schließlich jemandem erzählen muss.

Im Fall des Tarots kam dieser Moment am 10.12. 2011 in Speyer – und somit möchte ich der illustren Runde danken, mit der ich zu diesem Zeitpunkt zusammen saß – Diana Kinne, Veronika Bicker, Ann-Kathrin Karschnick, Susanne Bonn, Thilo Corzilius und Sven I. Hüsken – für Zuspruch und Zusage und einen unvergesslichen Tag.

Ebenso danken möchte ich meinen Agentinnen Julia Abrahams und Natalja Schmidt, die zum einen zu jenem wunderbaren Treffen in Speyer einluden und zudem mit einer kleinen Mail halfen, alle Karten zu verteilen.

Nun sollte das Verteilen der Karten nicht einfach willkürlich geschehen – schließlich geht es hier um die großen Arkana des Tarot – und so entschloss ich mich, den Autoren ihre Karten zuzulosen – etwas, das mir sehr viel Freude gemacht hat und mir oft ein Schmunzeln auf die Lippen legte, denn so manches Mal fand ich, dass Karte und Autor sehr gut zusammen passten.

Tanya Carpenter sagte dazu ein halbes Jahr später zu mir: »Na, wenn beim Tarot das Schicksal nicht seine Rolle spielt, wo denn dann?« und ich kann ihr hiermit nur Recht geben.

Und so machten sich im Januar 2012 die 22 Karten unter dem Motto »Schicksal sind die Karten, die uns das Leben gibt, Geschick ist das, was wir aus diesen Karten machen« auf den Weg zu ihren Autoren – im Fall von Oliver Plaschka führte das wohl zum makabersten Moment dieser Anthologie, als er ausgerechnet an einem Freitag, dem 13. den Tod aus seinem Briefkasten fischte.

Ihm gebührt genauso wie all den anderen Autoren, die sich auf das Abenteuer der Karten einließen, mein größter Dank – es war jedes Mal eine riesige Freude, die Geschichten im Postfach zu finden, sie zu lesen und zu sehen, auf welch unterschiedliche Art und Weise ein jeder mit seiner Karte umgegangen ist.

In manchen Geschichten ist es die Karte selbst, die eine Rolle spielt, in anderen nur ihre Bedeutung und in wieder anderen beides zugleich. Mal liegen die Karten offen, mal sind sie verdeckt.

Mara Laue danke ich für das Teilen ihres Wissens um die Karten, Elke Brandt, Tatjana Kirsten und Chris Schlicht für ihre wunderwunderwunderbaren Bilder, die den Geschichten – und damit den Karten – neues Leben einhauchten.

Abermals und immer wieder geht mein Dank auch meinen Verleger Torsten Low. Es ist mir stets Ehre und Vergnügen. Ich freue mich auf weitere Abenteuer zwischen Buchdeckeln.

Ihnen nun viel Spaß beim Aufdecken der Karten.

Fabienne Siegmund

Im Januar 2013

Der Tarot – Ein Instrument zwischen Psychologie, Ideologie und Mythos

»Tarot [ta’ro:; italien.-frz.] das oder der, dem Tarock ähnl. Kartenspiel, das zu spekulativen Deutungen verwendet wird.«

(Meyers großes Taschenlexikon in 26 Bänden;

Band 23, 9. Auflage, Mannheim 2003)

Herkunft

Entgegen dem, was manche tarotbegeisterte und vom Tarot überzeugte Menschen immer noch propagieren, ist seine genaue Herkunft nicht bekannt. Fakt ist, dass Spielkarten als solche erstmals im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt in Europa auftauchten. Der Dominikanermönch Johannes von Rheinfelden lieferte 1377 in einer Schrift »De moribus et disciplina humanae conversationis id est ludus cartularum« (kurz »Ludus cartularum moralisatus«) eine detaillierte Beschreibung der damals gebräuchlichen Spielkarten und Spielregeln. Vermutlich wollte er damit den immer häufiger verhängten Verboten des »Gebetbuch des Teufels« entgegenwirken, wie die Karten schon bald genannt wurden, da das Spiel mit ihnen angeblich den Charakter verdarb und die Menschen zur Sünde verleitete. Für Johannes von Rheinfelden stellten sie jedoch »eine Offenbarung« dar, die seiner Meinung nach »zur Verständigung und als Mittel zur Erklärung der Welt eingesetzt werden könnten«[1]. Möglicherweise legte er damit den/einen Grundstein zu ihrer späteren Nutzung als Orakel.

Kartenspiele als solche stammen nach bisherigem Stand der Kenntnisse aus China und kamen über Indien und Ägypten nach Europa. Woher der Tarot letztendlich ursprünglich stammt, ist bis heute nicht geklärt, obwohl es inzwischen eine Unmenge Behauptungen gibt, die teilweise auch mit Quellen belegt werden. Wie zuverlässig diese Quellen sind, sei dahingestellt. Die verbreitetste These nennt Ägypten als Ursprungsland. Da die Spielkarten als solche dort bereits bekannt waren, ehe sie nach Europa gelangten, ist das zumindest plausibel. Kartenspiele, die ihrer Beschreibung nach den divinatorischen Tarotdecks heutiger Tage ähneln (!), sind seit dem 15. Jahrhundert belegt.

Der Begriff Tarot entstand jedoch erst sehr viel später. Das Wort selbst ist definitiv französischen Ursprungs und bezeichnete zunächst nur den Namen eines normalen Kartenspiels (wie z. B. Skat, das man auch nicht übersetzen kann). Das gleiche Kartenspiel wurde im Deutschen Tarock genannt, im Italienischen Tarocchi. Deshalb wurden Tarock und Tarot zunächst synonym für dieselbe Art von Kartenspiel gebraucht. War der Tarot zunächst nur ein normales Kartenspiel, erlangte er ab Ende des 18. Jahrhunderts zunehmende Bedeutung als Wahrsageinstrument. Interessanterweise wurde er umso weniger als Spiel genutzt, je mehr er zum Orakel avancierte.

Der Rider-Waite-Tarot, dessen Deutungen den Geschichten dieses Buches vorangestellt sind, wurde im Jahr 1910 von Arthur Edward Waite geschaffen, einem Mitglied des esoterischen »Order of the Golden Dawn«. (Rider war der Verleger, der es publizierte.) Dieses Deck teilt sich wie fast alle modernen Tarotdecks auf in 22 »Große Arkana« (arcanum = Geheimnis) und 56 »Kleine Arkana«. Dieses Buch widmet sich ausschließlich den Großen Arkana. Während die Kleinen Arkana den Grundstock moderner Kartenspiele (mit den Farben Kreuz, Pik, Herz, Karo und Joker) bilden, blieben die Großen Arkana dem Orakel vorbehalten.

Psychologie

Ein Orakel sagt, entgegen weit verbreiteter Fehlannahmen, nicht die Zukunft voraus, sondern offenbart lediglich durch Interpretation seiner Symbole und freier Assoziation den eigenen inneren Gemütszustand bzw. macht dadurch die Dinge bewusst, die im Unterbewusstsein bereits vorhanden sind. Folgendes Orakelgebet verdeutlicht das:

»Ich gebe dir Orakel

aus deiner eigenen Weisheit.

Siehe mich an,

und erkenne dich selbst.

Ich bin das Orakel.

Du bist die Antwort.«[2]

Anders ausgedrückt: Der Anblick eines Kartenbildes löst eine emotionale und daraus folgende gedankliche Verknüpfungen aus, die dem Fragesteller helfen, die Antwort auf seine Frage zu finden bzw. die Erkenntnis zu gewinnen, nach der er sucht. Aus diesem Grund funktionieren auch keine Fragen, die etwas betreffen, auf das der Fragende keinen Einfluss hat oder deren Antwort er nicht wissen kann. So wird die Frage danach, ob jemand einen begehrten Job bekommen wird, nicht beantwortet werden können, da er die Entscheidung der Personalabteilung nicht beeinflussen kann. Die Frage, ob er diesen Job wirklich haben will und ob er glaubt, damit glücklich zu werden, kann dagegen zuverlässig beantwortet werden, da er diese Antwort in seinem Unterbewusstsein bereits kennt.

Einige durchaus seriöse Psychotherapeuten verwenden inzwischen Tarotkarten in ihren Therapiesitzungen, um ihren Patienten zu helfen, Zugang zu ihrem Unterbewusstsein zu finden. Bei denen, die auf Bilder ansprechen, funktioniert das sehr gut, auch wenn diese Art der Nutzung mit herkömmlichen Orakeln nichts oder nur sehr wenig zu tun hat.

Auf welche Weise kommt aber das Phänomen zustande, dass man immer die richtigen Karten zieht, die einem die gesuchte Antwort liefern, auch wenn man ihr Bild nicht sehen kann, weil die Karten verdeckt liegen? Lassen wir die Erklärung »Das ist Magie!« einmal beiseite, denn vieles, das uns »magisch« anmutet, ist nichts anderes als Psychologie. Ganz abgesehen davon, dass eine (!) Definition von Magie (im weitesten Sinn) »Kommunikation mit dem Göttlichen/Gott/ den Göttern« lautet.

Die rationale Erklärung heißt Intuition. Unsere Intuition sagt uns, welche Karte uns die Antwort liefert. Dieselbe Intuition zeigt uns auch, wo in einem Stapel verdeckt liegender Karten sich diese befindet. Andere sprechen von der Wirkung des »göttlichen Selbst«, was jedoch nur eine spirituelle Bezeichnung für die Intuition ist. Selbst wenn die Karte für einen Fragesteller von der Kartenlegerin/dem Kartenleger gezogen und ohne dessen Kenntnis vom Inhalt der Frage interpretiert werden, spielt die Intuition eine gewichtige Rolle.

Die echten Orakeldeuter/-innen – ganz gleich, welches Orakel ihr Metier ist – sind allesamt hervorragende Psychologen, die anhand nonverbaler Signale ihrer Klienten erkennen und erspüren, »wo der Schuh drückt«, wenn sie den Rat des Orakels suchen. Deshalb ist es für diese Profis nicht erforderlich, im Vorfeld zu erfahren, wonach der Ratsuchende fragt. Ihre Intuition in Verbindung mit ihrer Erfahrung sagt ihnen, welche Karten die richtigen für die gesuchte Antwort sind und welche ihrer möglichen Bedeutungen auf die Person zutreffen. Zusammen mit dem, was sie auf dieser Basis zu den Kartenbildern assoziieren, hat ihre Interpretation eine Trefferquote von ungefähr 80 bis 90 %.

Warum das so funktioniert, hat die Wissenschaft bisher noch nicht herausgefunden. Fakt ist: Es funktioniert. (Und wer »heilt«, hat sowieso recht.)

Kritiker dagegen behaupten, dass die bildhafte Darstellung der Karten so allgemein gehalten sei, dass man in jede nahezu alles hineininterpretieren könne und deshalb jede beliebige Karte als Antwort für jede beliebige Frage herhalten könne, besonders wenn demjenigen, der die Karten deutet, die Frage bekannt ist. Das stimmt jedoch nicht, wie jeder erkennen kann, der sich die Karten einmal anschaut und seinen Assoziationen dabei freien Lauf lässt.

Das zweite Geheimnis des Tarots ist, dass seine Bilder (ganz besonders die Großen Arkana) Archetypen darstellen, die jeder Mensch weltweit versteht. Mit einem Magier/Zauberer assoziieren wir alle jemanden, der »zaubern« kann, also okkultes Wissen besitzt, und zwar völlig unabhängig davon, zu welcher Kultur wir gehören. Ein Magier hat in Europa dieselbe Bedeutung (Varietékünstler ausgenommen), wie bei afrikanischen, asiatischen, uramerikanischen, indischen, australischen und arktischen Kulturen, auch wenn er dort jeweils einen andere Bezeichnung hat (z. B. Schamane, Boko, Mahutsukai, Gladrakarl, Drabarni usw.). Eine Herrscherfigur symbolisiert für jeden Menschen weltliche Macht, ein Hohepriester spirituelle Autorität, und die Liebenden sind rund um die Welt der Inbegriff der Liebe. Sogar der Teufel steht weltweit für einen, der es nicht gut mit den Menschen meint. Obwohl es Kulturen und Religionen gibt, in denen eine Figur des personifizierten Bösen nicht existiert, haben sie alle eine Gestalt oder eine Gruppe von Gestalten, die sie mit einer dem Teufel vergleichbaren negativen Macht assoziieren.

Deshalb funktioniert der Tarot zumindest in unserem Kulturkreis bei fast jedem Menschen. Vorausgesetzt, dass die Darstellungen auf den Karten den ursprünglich für den Tarot verwendeten Archetypen entsprechen. Denen gemäß symbolisieren die 22 Großen Arkana zusammengenommen in herkömmlichen Tarotdecks die Entwicklung eines Menschen – physisch und psychisch – vom Kind zum Erwachsenen bis hin zum Tod und der Existenz danach.

Der NARR ist das Kind, das seine Reise ins und durch das Leben beginnt. Der MAGIER verkörpert die sich mit zunehmendem Alter entwickelnde Verbindung von Bewusstsein und Unterbewusstsein. Die HOHEPRIESTERIN steht für die Intuition. Der HERRSCHER und die HERRSCHERIN symbolisieren die Eltern. Der HIEROPHANT (Hohepriester, Papst) ist der Lehrer in der Schule. Mit ihm endet die Kindheit und tritt der junge Mensch in die Phase der Jugend ein.

Die LIEBENDEN sprechen für die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Der WAGEN symbolisiert die Erweiterung des Horizonts. Die GE-RECHTIGKEIT und die KRAFT sind auf dem Weg ins Leben erworbene wichtige Fähigkeiten. Der EREMIT kommt als Mentor oder väterlicher Freund und Ratgeber daher, kann aber auch für das Gewissen stehen. Das RAD DES SCHICKSALS symbolisiert die mannigfaltigen Wendepunkte, die das Leben bereithält. Der GEHÄNGTE steht für die schweren Prüfungen, die einem im Lauf des Lebens auferlegt werden und die es zu meistern gilt. Für den jungen Menschen beinhaltet das auch Abschlussprüfungen in Schule und Beruf. Hier endet die Jugend.

Der TOD ist die Initiation, der »Ritus des Übergangs« von Jugend zu Reife. Der Mensch ist erwachsen geworden, das Kind, der Jugendliche, der er war, ist »tot«. Verantwortung ist jetzt angesagt. Dazu gehört die MÄSSIGUNG, die Selbstbeherrschung. Verstand einsetzen statt wie bisher in jugendlichem Ungestüm gedankenlos drauflos zu stürmen und alle Fünfe gerade sein zu lassen. Der TEUFEL sitzt nicht nur im Detail, sondern ist auch die Versuchung und die Illusion, die mit der Zerstörung und dem Sturz vom TURM vernichtet bzw. geahndet wird. Dem folgt der STERN als Symbol für das innere Gleichgewicht und/oder gewonnene Erkenntnisse. Der MOND zeigt die innere Reise, die psychische Entwicklung im weiteren Verlauf des Lebens an, auf dem Weg zur Erleuchtung, die durch die SONNE dargestellt wird. Zum Schluss folgt am Ende des Lebens das Jüngste GERICHT – die Rückschau auf das gelebte Leben – und das Eingehen ins Jenseits, symbolisiert durch die WELT, wo der Mensch mit sich selbst, der Schöpfung und dem Göttlichen vereint wird.

Unabhängig von der Bedeutung in diesem Zusammenhang, hat jede Karte noch ihre eigene individuelle Aussage, die zu den einzelnen Geschichten erläutert wird.

Ideologische und mythologische Varianten

Mit der in der westlichen Hemisphäre ab ca. Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts immer populärer werdenden Esoterik in allen Varianten, wurde auch der Tarot von manchen Strömungen vereinnahmt und ideologisch umgedeutet. Manche Tarotbegeisterten entwickelten eigene Karten, die mit den herkömmlichen Decks kaum noch etwas gemeinsam haben. Außerdem kamen alle möglichen Varianten auf, die den Tarot mit Mythologien in Verbindung brachten, die ursprünglich nichts mit ihm zu tun hatten, u. a. Kelten, Druiden, nordische, japanische, chinesische Mythen, Drachen, Bäume, Pflanzen und alles mögliche andere.

Eine besonders gravierende Wandlung erfuhr er im Zuge des zeitweilig radikalen Feminismus’. Manche Künstlerinnen und Autorinnen einschlägiger Decks und Bücher merzten jeden Mann im Tarot aus und ersetzten ihn durch ein weibliches Pendant. Sogar Wagen, Tod, Turm, Mond und Stern wurden verwandelt in eine Wagenlenkerin, Todin, Turmwächterin, Mondin und Sternenfrau. Ebenso interpretierten sie auch die Bedeutungen der einzelnen Karten um. Bei einigen wurde der Herrscher zum autoritären und in der Erläuterung zur Karte frauenfeindlichen Unterdrücker-Patriarch, der Teufel dagegen zum alten Fruchtbarkeitsgott oder sogar zu einer Naturgöttin oder Befreier/in von der Unterdrückung und Symbol für weibliche Leidenschaft (»Wimin’s Moon Tarot«).[3]

Andere ließen durch den Tarot die alten Mythen der germanischen Götterwelt auferstehen (»Das germanische Götterorakel«) oder unternehmen in »Der Mythen-Tarot« eine »Reise durch die Welt der erotischen Sagen und Mythen«. Und der »Arcus Arcanum Tarot« hält sich zwar an die Archetypen, aber die verwendeten Bilder stammen aus der Feder des Zeichners der alten »Sigurd«-Comics von Hansrudi Wäscher und zeigen Sigurd und andere Figuren aus diesen Comics in die entsprechende Bedeutung der einzelnen Karten eingebunden. Der Fantasie waren und sind keine Grenzen gesetzt. Ganz modern: »Gothic Tarot of Vampires« aus dem Jahr 2003. Jedem das Seine.

Gegen solche Umdeutungen und Verwandlungen ist nichts einzuwenden, denn es gilt grundsätzlich das Prinzip der künstlerischen und dichterischen Freiheit und kann jeder sich seine eigenen Tarotkarten malen, seine eigene Deutungssysteme darum herum entwerfen. Da das Ziel des Tarots die Gewinnung von Erkenntnissen ist, ist es völlig unerheblich, mit welcher Methode oder in diesem Fall mit welchem Kartendeck dieses Ziel erreicht wird, ob mit einer ursprünglich »authentisch reinen Lehre« oder mit einer Fantasie-Ideologie, in der z. B. Druiden und Hexen fröhlich mit Hexagramm, Pentagramm (das kannten die Druiden überhaupt nicht) und Feenmythologie gemixt werden.

Problematisch wird es, wenn die Fantasiedarstellungen nicht mehr den Archetypen entsprechen. Dann verliert der Tarot seine Wirkung dahingehend, dass das verwendete Kartendeck nur noch bei »Eingeweihten« funktioniert, die mit der veränderten Symbolik vertraut sind und sie für sich übernommen haben.

Nehmen wir an, der Mond, der herkömmlich als Intuition und das Verborgene gedeutet wird, würde plötzlich als Symbol für Gefahr und Täuschung umgemünzt (z. B. beim »Tarot of the Witches«). Nehmen wir weiter an, ein Ratsuchender fragt das Orakel nach etwas, dessen Antwort sinngemäß lautet, er solle in sich hineinlauschen und seiner Intuition vertrauen. Aufgrund der allgemeingültigen Archetypen würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Mondkarte ziehen. Gerät er nun an jemanden, der ein Tarotdeck mit umgemünzter Symbolik benutzt, zieht er zwar die Mondkarte, erhält aber vom Orakeldeuter die Antwort, er befände sich in der Gefahr, einer (Selbst-) Täuschung zu unterliegen – was völlig falsch wäre.

Auch aus solchen ursprünglich gut gemeinten Neuschöpfungen und den damit einhergehenden Fehlinterpretationen erwuchs und erwächst der pauschale Vorwurf, »alle« Orakeldeuter wären Scharlatane.

Die Geschichten in diesem Buch, mit denen die Großen Arkana sich Ihnen vorstellen, folgen weitgehend der herkömmlichen Deutung nach den Archetypen. Die Deutung nach A. E. Waite ist jeder Story vorangestellt. Jedes Ding hat seine zwei Seiten, und so haben auch die einzelnen Tarotkarten jeweils eine positive und eine negative Bedeutung. Diese hängt davon ab, ob sie nach dem Ziehen/Auslegen aufrecht oder auf dem Kopf zu liegen kommen. Auf dem Kopf deutet auf die negativen Aspekte hin.

Da aber jede Karte individuell zu ihrem Betrachter, ihrer Betrachterin spricht und jedem eine eigene Geschichte zu erzählen hat, dürfen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gespannt sein, zu welchen Geschichten die Tarotkarten die Autorinnen und Autoren dieses Buches inspiriert haben.

Viel Spaß beim Lesen!

Mara Laue lebt als freie Schriftstellerin und Künstlerin am Niederrhein. Ihre Hauptgenres sind Krimis, Science-Fiction-, Fantasy- und Gruselroman sowie Lyrik. Sie ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern – Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen« und im »Syndikat – Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur«. Weitere Infos unter www.maralaue.de

0 – DER NARR

Er symbolisiert die Unschuld der Kindheit. Er ist unbefangen, neugierig, sorglos, spontan und leicht zu begeistern. Mit Enthusiasmus stürzt er sich ins Abenteuer, übersieht dabei aber oft die Gefahr, die er – Kind, das er ist – noch nicht einschätzen kann. Man sieht ihn als »Hansguckindie-Luft« am Abgrund wandeln und bangt, ob er nicht im nächsten Moment hineinstürzt. Der Narr spricht aus, was er denkt, ohne darüber nachzudenken. Im Mittelalter war der Hofnarr die einzige Person, die den Herrscher straflos kritisieren durfte, indem er die Kritik in einer Narrenposse verkleidet hat. Somit verkörpert der Narr auch die sprichwörtliche »Weisheit des Kindes«: Kindermund tut Wahrheit kund.

Fabienne Siegmund liebte schon von klein auf Geschichten und irgendwann begann sie, selber zur Architektin von Luftschlössern, Traumgebilden und anderen fantastischen Stoffen aus Buchstaben zu werden, die man hier und da in Büchern, Anthologien und Magazinen finden kann.

Gespiegelte Sterne

We have loved the stars too fondly to be fearful of the night.

John Alfred Brashear (1840- 1920)

Solitaire.

Der Name hing wie ein Schatten über dem verlassenen Jahrmarkt und färbte den klaren Nachthimmel noch ein Stück dunkler. Ein silberner Mond lächelte auf ihn hinab, wie er da reglos vor dem gusseisernen Tor stand, eine Hand schon auf der verrosteten Klinke.

Warum drückte er sie nicht hinunter? Warum trat er nicht unter dem Bogen hindurch, der sich wie ein in Schatten getauchter Regenbogen über das Tor spann?

Es würde nichts geschehen. Es geschah doch nie etwas, und doch stets alles auf einmal.

Solitaire.

Die Luft roch noch nach ihr, wie sie manchmal nach Nebel riecht, den man schon nicht mehr sieht. Kein Stern stand am Himmel. Vielleicht hatte sie sie alle vom Himmel gepflückt, vielleicht war ihre Suche von Erfolg gekrönt gewesen, am Ende. Ohne ihn, der ihr blindlings hinterher gestolpert war, ein Blinder, der der Blinden gefolgt war.

Solitaire hatte nichts gesehen. Ihr Blick war stets in den Himmel gerichtet gewesen, und er hatte ihr Ziel nie in Frage gestellt, obwohl er alle Antworten gewusst hatte.

Er hatte sie in ihren Augen gesehen.

Und in seinem Herzen gespürt, als wäre sein Herz der Spiegel ihrer Augen gewesen.

Der Gedanke an den Spiegel ließ ihn schmunzeln.

Er war ein Spiegel, und er sah sich selbst nur in anderen Spiegeln.

Seine Hand drückte die Klinke herunter und er betrat den dunklen Jahrmarkt, wo die Karussells und das Riesenrad nicht mehr als schwarze Konturen vor dunkelblauem Grund waren und die Buden ihm ihre leeren Auslagen wie hungrige Mäuler, die gefüttert werden wollten, entgegenstreckten.

Er würde ihnen nichts geben können. Nichts sonst trug er mehr bei sich, nur jene eine mondsilberglänzende Münze, und die war für etwas anderes bestimmt. Früher, früher hatte er den Regen mit seinen Tränen gefüttert und nicht einmal bemerkt, dass er weinte.

Früher war Solitaire bei ihm gewesen.

Solitaire, die Kreidesterne auf den Asphalt malte, um den Himmel auf die Erde zu holen.

Solitaire, die stets nur dem einen Traum, dem einen Ziel gefolgt war.

Einen Stern zu fangen.

Und er? Er war mit ihr gegangen.

Die Schritte, die er jetzt machte, ging er allein.

Er passierte das alte Kettenkarussell, das Solitaire in den Himmel getragen hatte, damals, Nacht für Nacht, damit sie die Hände nach den Sternen ausstrecken konnte. Zwischen den Ketten

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