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Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge: Tagebuch eines Reisemobils - Hundert Tage auf Tour
Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge: Tagebuch eines Reisemobils - Hundert Tage auf Tour
Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge: Tagebuch eines Reisemobils - Hundert Tage auf Tour
eBook552 Seiten7 Stunden

Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge: Tagebuch eines Reisemobils - Hundert Tage auf Tour

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Über dieses E-Book

Auf allen Vieren… über (fast) alle Berge
- ist keine herkömmliche Reiseliteratur, obwohl viel über die besuchten Orte und Gebäude geschrieben steht,
- ist kein Camping- oder Stellplatzführer, wenn auch einige Geschichten bestimmt bei manchen Lesern Aha-Erlebnisse auslösen könnten,
- ist kein Handbuch für Wohnmobile, dafür sind sie zu verschieden,
- ist kein Sachbuch, dazu ist es zu persönlich,
- ist kein Ratgeber, denn zu oft ist guter Rat sehr teuer,
- ist kein Roman, denn es ist alles wahr und nichts erfunden,
- ist keine hohe Literatur, denn es fehlen überflüssige Fremdwörter,
- ist eine heitere auto-biographische Erzählung über ein Jahr auf Tour aus der Sicht eines Reisemobils.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum21. Dez. 2015
ISBN9783739264820
Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge: Tagebuch eines Reisemobils - Hundert Tage auf Tour
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Autor

Paul-F. Pauly

Paul-F(erdinand) Pauly wurde 1952 in Bad Homburg geboren. Nach der Ausbildung zum Messdiener folgten die Mittlere Reife, eine Industriekaufmannslehre, das Wirtschaftsgymnasium, Studium der Grundschulpädagogik mit Kunst als Hauptfach, sowie der Architektur und Kunstgeschichte. Vielerlei Tätigkeiten im künstlerischen und handwerklichen Umfeld, sowie im Dienstleistungsbereich begleiteten die Ausbildung und schlossen sich an. Danach folgte eine zehnjährige Tätigkeit als Konzertveranstalter und Kulturorganisator an der Schnittstelle von Kultur und Politik im Auftrag bundesweit agierender Institutionen (Friedensbewegung, Die Grünen, Kurdisches Institut, Künstler für den Frieden, SPD). Ab den frühen neunziger Jahren Grundschullehrer in besonderen Frankfurter Stadtteilen. Daneben Sanierung, Neu- und Umbau von Wohnhäusern in Umbrien/Italien, Frankfurt und Bad Homburg. Seit 2014 mit einem Wohnmobil (mit mir) auf Achse, seit diesem Jahr als Pensionär. Bereits erschienen: Mein Irres Tagebuch - Stairway to heaven oder Auf du und du mit der Depression 2013 AUF ALLEN VIEREN ... ÜBER (fast) ALLE BERGE - Tagebuch eines Reisemobils Hundert Tage auf Tour 2015

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    Buchvorschau

    Auf allen Vieren ... über (fast) alle Berge - Paul-F. Pauly

    gelaufen.

    1. Jungfernfahrt: Aachen - Maastricht

    Freitag, 2. Mai 2014:

    Ab etwa 13 Uhr wurde ich beladen mit zusammengeklappten Fahrrädern, Klamotten, Lebensmitteln und Geschirr. Um die Töpfe, Teller, Tassen so zu verstauen, dass sie nicht während der Fahrt klappern, waren einige Versuche nötig. Das Navi wurde programmiert und um Viertel nach fünf verließen wir Drei mit der Zahl 67 auf dem Kilometerzähler den Platz vor dem Doppelhaus im Norden Frankfurts. Wir waren noch keinen Kilometer gefahren, da veranlasste die kleine Chefin einen Halt an einer Bushaltestelle auf der Homburger Landstraße. Sie stieg aus und begoss meine Schnauze - Motorhaube und Stoßstangenwulst - mit Milch aus einem Tetra Pak. Ich hörte sie dem verwundert hinter dem Steuer sitzenden Langen erklären, dass es eine mongolische Tradition sei, auf diese Weise Glück und Erfolg für die bevorstehenden Reisen zu erhalten. Frische Milch wäre zwar besser gewesen, aber die pasteurisierte, dafür aber laktosefreie weiße Flüssigkeit, wird sicherlich auch nicht schaden.

    Danach ging es auf die Autobahn Richtung Nordwesten, A 66, Wiesbadener Kreuz, Richtung Köln, anschließend Richtung Aachen. Am Autobahn-Hinweisschild „Aachen Zentrum" entschlossen sich die Zwei im Führerstand von der schnellen, geraden Straße abzufahren und mich in die Aachener Innenstadt zu dirigieren. Dort gondelten wir etwas abseits des Zentrums durch kleine ruhige Sträßchen mit schönen alten Häusern. Den Rolandplatz mit seiner kreisrunden Bebauung umkurvten wir beispielsweise zweimal, bis wir unter einem großen Baum in der Margaretenstraße, einer Sackgasse, einen perfekten Parkplatz fanden. Es war halb neun. Die Kleine absolvierte einen Jogging-Rundkurs im nahegelegenen Farwickpark, der Lange räumte in meinem Inneren herum und ging dann spazieren. Nachdem sie beide wieder zurück waren, leerten sie gemeinsam eine Flasche Champagner auf unseren ersten gemeinsamen Ausritt, auf unsere Jungfernfahrt. Ich bekam allerdings nichts ab, mit Milch hatte frau mich ja bereits überschüttet.

    Samstag, 3. Mai 2014:

    Die Nacht war schlaftechnisch nicht so erfolgreich, aber das kennt man ja von den ersten Nächten in neuen Betten und Räumen und fremden Plätzen. Wir parkten, wie schon erwähnt, unter einem schönen ausladenden Baum. Dies hatte leider zur Folge, von den im Baum sitzenden Tauben wurde ich fürchterlich zugeschissen. Nahezu das komplette Sonnenpanel war mit Vogelkot bedeckt. Das waren also die recht lauten Knaller in der Nacht gewesen. Um 8:00 Uhr schälte sich meine Besatzung frierend aus dem Bett, stellte die Gasheizung - Anfang Mai - an und konnte ansonsten einen hellen mit blauem Himmel überwölbten Tag begrüßen. Nach dem Frühstück hatten wir den Parkplatz gewechselt und standen mittlerweile in der Mohnheimsallee. Dort versuchte die Kurze auf dem Bett stehend, die Vogelrückstände durch das geöffnete Dachfenster hindurch zu entfernen, was ihr nur leidlich gelang. Danach verschwanden sie mit ihren kleinen Klapprädern in die Aachener Innenstadt.

    Mein Langer meinte noch bevor er ging, im Rahmen der schriftlichen Aufzeichnungen wolle er auch etwas beitragen. Wir einigten uns, er würde für die Zeiten und Ereignisse zuständig sein, in denen sie ohne mich unterwegs seien, durch die Gegend streiften, radelten und Innenstädte, Landschaften oder anderes aufsuchten. Er würde mir im Anschluss berichten, oder seine Aufzeichnungen zur Verfügung stellen. Diese Regelung würde mir helfen, recht umfassend und detailliert die Erlebnisse, Begebenheiten und Fakten der aktuellen, wie auch der künftigen Reisen aufzuzeichnen.

    Sie erreichten über die Großkölnstraße den Markt mit dem beeindruckenden Rathaus: Seine Geschichte hängt unmittelbar mit der Pfalz Karls des Großen zusammen. Papa Pippin der Kurze (714-68) wanderte zu seiner Zeit noch von Pfalz zu Pfalz um sein großes Reich zu regieren. Sein Sohn Karl der ganz Große wurde sesshaft, wählte dafür Aachen zu seiner Residenz und nach seiner Kaiserkrönung in Rom am 25. Dezember im Jahre 800, ließ er sie zum Machtzentrum seines Reiches ausbauen. Die Anlage bestand im Wesentlichen aus der Marienkirche und der Königshalle, verbunden durch zwei überdachte -damals war das Wetter scheinbar auch schon nicht so dolle - Verbindungsgänge und anderen Wohngebäuden. Die Marienkirche war der erste nachantike Zentralbau, ein von einem Sechzehneck umkränzter achteckiger Kuppelbau, nach italienischem Vorbild und gehörte zu den Highlights der Kirchen nördlich der Alpen. Das heutige Rathaus fußt auf den Grundmauern der karolingischen mehrschiffigen Königshalle, die man sich wie ein Kirchenschiff vorstellen muss.

    Nach dem Verfall und der Verwendung als Steinbruch vereinbarte im 13. Jahrhundert die Bürgervertretung der Stadt mit Kaiser Ludwig dem Bayern einen Neubau, der die Verwaltung der Freien Reichsstadt beherbergen und als Festsaal des Reiches dienen sollte. Es entstand bis zum Jahre 1350 ein dreigeschossiger gotischer Palast, dessen Nordfassade zum Markt hin mit rund sechzig farbig gefassten, teilweise vergoldeten Figuren geschmückt war, der als eines der großartigsten und kühnsten Profangebäude galt und vom späteren Papst Pius II. 1435 als „vornehmsten Palast ganz Deutschlands bezeichnet wurde. Dieser Herr musste es ja schließlich wissen! Die Architektur beeindruckte auch Normalsterbliche und die Gestaltung der später folgenden Rathäuser in Flandern, z.B. Antwerpen, Brügge und Gent. Nach dem Brand von 1656 modernisierte man beim Wiederaufbau und ab 1727 tobte der Barock vollends durchs Gemäuer, bei dem auch die Figuren der Fassade brutal gegen verzierende Stuckelemente „ausgetauscht wurden. Ab 1840 unter dem Architekten-König Friedrich Wilhelm IV. und bedingt durch einen weiteren Brand 1883 wurde das Gebäude nach und nach bis 1901 regotisiert, insbesondere die Marktfassade erhielt wieder Statuen der in Aachen gekrönten Kaiser und Könige und der Krönungs- bzw. Reichssaal im zweiten Obergeschoss wurde in alter Pracht wiederhergestellt. 1943/44 durch Bombardement schwer beschädigt, konnte es erst nur gesichert werden, aber 1950 fand schon die erste Verleihung des Internationalen Karlspreises an verdienstvolle Persönlichkeiten im Hinblick auf die Einheit Europas im provisorisch wiederhergestellten Krönungssaal statt. Erst 1979 war das Rathaus in seiner heutigen Gestalt wieder erstanden.

    Nach dem Besuch des Ratssaals im Erdgeschoss, die anderen Räume waren nicht zugänglich, bogen sie vom Marktplatz um die östliche Giebelseite des Rathauses in die Krämerstraße ein, erreichten wenig später den Katschhof, den ehemaligen Hof der Pfalz Karls des Großen. Danach näherten sie sich ehrfurchtsvoll dem Dom indem sie ihn, die Räder schiebend, umrundeten, Krämerstraße, Münsterplatz, Spitzgässchen bis zum Domhof, wo sich der Haupteingang befindet.

    Für den Zentralbau mit der größten Kuppel seiner Zeit nördlich der Alpen und das Westwerk, meist der Kircheneingang, wurde 796 der Grundstein gelegt. Ein hoher achteckiger auf starken Pfeilern ruhender Mittelraum, mit aus acht Wangen/Flächen bestehendem Gewölbe als Abschluss, wird von einem niedrigeren Gang umgeben. Darüber befindet sich eine etwa doppelt so hohe Empore, der Hochmünster, in dem sich Karl seinen Marmorthron und den Hauptaltar gegenüber aufstellen ließ. Das Kuppelmosaik stellt Christus als triumphierenden Weltenherrscher dar, der laut des Neuen Testamentes nach der Apokalypse dem neuen Jerusalem vorstehen würde.

    Für die Erweiterung des Doms in östlicher Richtung durch eine gotische Chorhalle, zum 600. Todestag Karls im Jahre 1414, hat es den Abriss des rechteckigen Vorgängerchors und einer Bauzeit von knapp sechzig Jahren bedurft. Wegen der großen und kunstvollen Bleiglasfenster wird der Chor auch das Glashaus von Aachen genannt. Die heutige Pfalzkirche ist von mehreren Anbauten und Kapellen aus späterer Zeit umgeben. Innerhalb von insgesamt 600 Jahren (936-1531) wurden im Dom mehr als dreißig Könige gekrönt und jeweils anschließend im Krönungssaal des heutigen Rathauses das Festmahl aufgetischt. Also im Durchschnitt alle zwanzig Jahre, König Kohl aus Oggersheim hat nur sechzehn Jahre (1982-98) regiert und das war schon lang. Hier habe ich die Aufzeichnungen des Langen ohne Abstriche übernommen.

    Nach den mannigfachen Eindrücken der kulturhistorischen Vergangenheit wollten meine Pedaleure noch etwas Modernes in Augenschein nehmen. Nordwestlich des alten Kerns der Stadt, am Templergraben befindet sich das Super C, das Servicezentrum der RWTH. Klingt wie ein Stromkonzern, aber es handelt sich um die in Europa gut beleumundete Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, mit über 40.000 Studenten die größte technische Universität in Deutschland. Auf fünf Etagen sind Verwaltungsebenen untergebracht und darüber spannt sich wie ein großer Schirm über den Vorplatz das auskragende Dachgeschoss mit den Konferenzräumen. Eine multifunktionale - ein immer wieder schönes Wort - Halle befindet sich unter dem Vorplatz und so entstand im Profil gesehen ein großes eckiges „C" als Gebäude.

    Um drei Uhr kamen sie wieder zu mir zurück und stärkten sich erstmal mit Kaffee und Kuchen. Die Fahrräder wurden unter den Betten im Kofferraum verstaut und kurz vor vier Uhr fuhren wir los, hielten bei einem Lidl-Markt, zwecks Auffüllung der Essensvorräte, die beiden sind anspruchsvoller als ich mit meinen zehn bis elf Litern Diesel auf hundert Kilometer. Anschließend ging es über die Landstraße nach Vaals, zur kaum noch sichtbaren ehemaligen Grenze zu den Niederlanden, weiter auf der dortigen Landstraße 278, durch Wittern, Gulpen und Margraten nach Maastricht. Wir durchstreiften die Innenstadt und suchten anschließend in den Straßen der Außenbezirke nach einem Stellplatz für die Nacht, am besten und vorteilhaftesten in der Nähe von Grünflächen, die das Navi kenntlich machte. Nahe einem Golfplatz fanden sie endlich gegen 18 Uhr die Möglichkeit mich auf ebenem Grund und abseits vermeintlicher Geräuschquellen abzustellen.

    Die Fahrräder wurden herausgeholt, auseinandergeklappt und vom Dousbergparcours, dem Zufahrtsweg zu einer großen Tennisanlage, ging es durch Wohngebiete über die Via Regia vermeintlich in die Innenstadt. Leider umkurvten sie, da ohne (Stadt-)Plan auf gut ausgebauten Radwegen neben großen Straßen, die City und näherten sich erst später von Süden her, durch den Stadtpark an der Maas entlang dem alten Zentrum. Der Name Maastricht stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Maasübergang, was auf eine damals existierende römische Brücke schließen lässt. Die Stadt hat 122.000 Einwohner und liegt im äußersten Südosten der Niederlande, wie ein Wurmfortsatz, ein Annex, umgeben von Belgien und Deutschland. Sie ist in erster Linie ein Verwaltungs- und Versorgungszentrum und besitzt eine bei deutschen Studenten beliebte Universität. Traditionelle Keramikindustrien und das größte Zementwerk der Niederlande haben hier ihren Standort. Besonders bekannt und immer wieder in den Nachrichten findet die Stadt Erwähnung durch den „Vertrag von Maastricht. Am 7. Februar 1992 wurde dieser als der Schritt zur Integration Europas in der Nachfolge der Römischen Verträge von 1957 gesehene „Vertrag über die Europäische Union" unterzeichnet, als übergeordneter Verbund mit gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik.

    Sehr viel sahen sie nicht von der Innenstadt, besondere Gebäude kreuzten nicht ihre Wege, sie querten den Fluss und radelten zum Bahnhof und durch den östlich der Maas gelegenen Teil. Gegen neun Uhr waren meine Herrschaften endlich wieder da. Ich hatte diese drei Stunden das erste Mal mutterseelenallein in der Pampa ausharren müssen, die Tennisplätze und der nahe Golfplatz lagen ebenso verlassen da. Meine Leute wirkten müde, leicht unterkühlt, spielten noch am Navi-Gerät herum und verzogen sich gegen elf ins Bett.

    Sonntag, 4. Mai 2014:

    Um die neun Uhr herum wurden meine Herrschaften wach, die Kleine rannte raus, der Große duschte. Das Frühstück wurde gegen zehn serviert und eine halbe Stunde später war Abfahrt über die holländische A 2, die in Belgien zur A 25 wurde. Mitten in Liège/Lüttich stellten sie mich auf dem Place Saint Lambert ab und spazierten über die Rue de ??? und den Place du Marché. Mit einem frischen Baguette an Bord versuchten wir ab halb eins die Autobahn nach Verviers zu erreichen, was sich nicht so einfach gestaltete, da die Innenstadt und die Ausfallstraße am Maasufer durch einen riesigen Markt/Flohmarkt nicht befahrbar waren. In Verviers legten wir eine Stunde später eine Mittagspause ein. Der A 27 folgend, an Malmedy und Sankt Vith vorbei, waren wir bald wieder in Deutschland und wurden sofort von einem humorigen Bundespolizisten angehalten und nach unserer Herkunft befragt.

    Unser nächster kurzer Halt war in Prüm. Wir begnügten uns mit einer kleinen Stadtrundfahrt und meine Herrschaften mit je einer Kugel Eis. Um vier ging es weiter auf der B 410 über Geroldstein, Daun, über die A 48 nach Koblenz, zum Autobahn-Dreieck Dernbach, danach auf der A 3 nach Limburg. Unterhalb des Domhügels stellten sie mich um Viertel nach sechs ab und marschierten zum Limburger Dom hinauf. Kurz vor 19 Uhr waren sie wieder zurück und sagten, der Dom war zwar zu, aber sie hätten den „Tebartz" in seinem teuren Käfig besucht. Ich habe nix verstanden. Es wurde ein Abendessen zubereitet und verzehrt und danach die Heimfahrt fortgesetzt. Um 20:40 Uhr mit 712 gefahrenen Kilometern war unser gemeinsame Jungfernfahrt ohne Zwischenfälle zuende gegangen.

    Montag bis Mittwoch, 12. bis 14. Mai 2014:

    In den drei Tagen werkelte mein Langer recht heftig an mir herum: Im Badeschrank wurde ein zusätzliches Regalbrett angebracht und die wirklich schlampig herausquellende Elektrik verkleidet. Die unansehnliche Verkabelung im unteren Schrank zwischen Heizung und Badekabine folgte. Mein zugeschi.... Dach wurde endgereinigt, es war mittlerweile stark verkrustet und verklebt. Dann schnitt er ein Loch in die Verkleidung meiner rechten Hecktür, um einem Klapprad die Möglichkeit zu geben, sich bis an mein äußeres Blech auszubreiten. Ein Tag später um die Mittagszeit vergrößerte er diese Öffnung, kleidete sie auch so aus, dass jetzt beide Vorderräder etwa zehn Zentimeter in meine Hecktür ragen, wenn die Räder längs in meinem Stauraum stehen. Nebenbei stopfte er den Hohlraum der Tür zwischen Außenblech und Innenverkleidung mit Isolierwolle aus. Zwei Haken und zwei Klemmen hat der Lange noch angebracht und die Badetür rundherum abgedichtet. An mir wurde wirklich viel gewerkelt. Warum wurden solche Sachen, wie Abdichtung der Badetür und ordentliche Kabelverlegung nicht ab Werk eingeplant? Naja, es muss ja heutzutage in der Produktion alles schnell gehen.

    2. Zweite Tour: Dresden

    Freitag, 9. Mai 2014:

    Nun ging es wieder los. Ab 15 Uhr waren wir wieder unterwegs. Mit 780 Kilometer auf dem Tacho fuhren wir gen Nordosten auf die A 5. Nach dem Bad Homburger Kreuz war aber schon gleich Stillstand, der erste Stau. Wer fährt freitags um diese Zeit freiwillig auf diesen Teil der bundesdeutschen Autobahnen? Verrückte oder Wohnmobilisten, denen solche Staus nichts anhaben können, sie haben ihr Haus ja immer dabei. Zumindest so die Theorie, man wird in der Zukunft sehen, ob es für meinen Driver so einfach sein wird?

    Leider ist die A 5 das Nadelöhr, wenn man Richtung Norden und/oder Osten will. Die Alternative, es über die A 66 zu probieren, ist nicht minder verlockend, da um diese nämliche Zeit das andere Drittel der Frankfurter „Gastarbeiter" fluchtartig in diese Richtung das Weite sucht. Nach einiger Zeit konnten wir wieder zügigere Fahrt aufnehmen. Erfurt, Weimar, Jena flogen an mir vorbei, ein Tankstopp neben der Autobahn in Laucha für mich musste aber sein. Um das Chemnitzer Autobahnkreuz drehten meine Herrschaften mit mir mehrere Runden, bis wir es endlich schafften ins Chemnitz-Center zu gelangen und dort kaufte die Kurze Blumen. Etwa für mich?

    Dreißig Minuten später ging es flott in den nächsten Stau etwa fünfzig Kilometer vor Dresden. An der nächsten Ausfahrt bogen wir ab und der Lange scheuchte mich über eine äußerst kurvige Landstraße, weil sie meinten so dem Stau entfleuchen zu können. Das war leider ein Trugschluss, denn unterwegs konnte ich hier und da sehen, wie auf dem Asphaltband wieder in nahezu normalem Tempo gefahren wurde.

    Gegen 21:40 Uhr erreichten wir schließlich unser Ziel, Pesterwitz, einen Vorort von Dresden, wo scheinbar Freunde meiner Besitzer wohnen, denn wir wurden freudig erwartet. Dahin wanderten auch die Blumen. Nach der Ankunft in dem Wohngebiet mit neueren Einfamilienhäusern, räumte man für mich den großen Carport neben dem Haus frei und ich wurde unter die massive Holzkonstruktion gefahren. Es war recht eng an der Seite und oben knapp, aber für mich war es etwas Neues unter einem Dach zu stehen. Danach verschwanden die Beiden ins Haus zu den Freunden, aßen zusammen zu Abend und redeten über Gott und die Welt. Erst nach ein Uhr erschienen sie leicht beschwipst und legten sich ohne große Umstände sofort aufs Ohr.

    Samstag, 10. Mai 2014:

    Um 9:15 Uhr klopfte jemand an meine Hecktür und der Lange stand auf, Bad, etc., danach die Kurze mit dem gleichen Prozedere und sie verschwanden wieder im Haus. Nach etwa einer Stunde kamen sie wieder, fuhren mich rückwärts aus der Car-Box und bestiegen mich zu viert, das war ein Gedränge, um sich alles gemeinsam anzusehen und Fotos zu machen. Nach der Verabschiedung von der Freundin folgten wir einem VW-Bus-California in die Dresdner Innenstadt, drehten einige Runden, verfuhren uns auch einmal, kamen an Touristenaufläufen vorbei, bis wir auf einem Lidl-Parkplatz an der Grunaer Straße, knapp außerhalb des Innenstadt-Rings, Halt machten und ich abgestellt wurde. Sie ließen mich allein, stiegen um und fuhren im VW-Mobil davon.

    Ungefähr Viertel nach eins erschienen meine Zwei plötzlich wieder zu Fuß, kurvten mit mir durch die Innenstadt und die Kurze verließ uns in der Schützengasse eine halbe Stunde später, sie wollte in eine Gaststätte um dort Leute von früher zu treffen. Der Lange stellte mich wieder auf den Lidl-Parkplatz und verschwand mit dem Fahrrad. Schauen wir, was er so gemacht hat. Das von seinen Erzählungen Gehörte habe ich hier aufgeschrieben:

    Zuerst fuhr er zum Deutschen Hygienemuseum am Lingnerplatz, dann weiter die Lennéstraße entlang zur Gläsernen Manufaktur. Hier wird der Oberklasse-Phaeton von VW zusammengebaut. Er besuchte soweit es erlaubt und zugänglich war, ohne offizielle Führung das extravagante Gebäude. Mit dem Verkauf von Autos muss viel Geld zu verdienen sein, wenn man eine solche Produktionsstätte weit ab vom Schuss auf die grüne Wiese stellen kann und immer noch genügend Geld für den Zukauf weiterer Auto- und Motorradmarken zur Verfügung hat. Wenn das mit der angestrebten Weltfirma Nummer Eins nur alles gut geht? Von dort bewegte der Lange seinen Drahtesel über den Pirnaischen Platz in die Landhausstraße zum Neumarkt. Die wiedererstandenen und dem Barock nachempfundenen Gebäude ergeben einen netten Eindruck. Nur der Platz ist zu groß, um richtig zu wirken, zumal noch Baulücken und der herrliche Palast der 1989 abgewickelten Kulturrepublik den Gesamteindruck ziemlich zerdeppern. Trotzdem nahm er Platz an einen Tisch im Freien eines, wie sich herausstellte, wenig freundlichen „Italieners", um sich mittäglich mit einer Pizza zu stärken.

    Anschließend kurvte unser Tourist durch den Stallhof, einem der ältesten Turnierplätze der Welt und besah sich die angrenzenden von zwanzig toskanischen Säulen getragenen Arkaden des Langen Ganges. Dessen Fassade ist aus grau-weißem Graffito mit Figuren und Ornamentbänder verziert. Über die ?ö ferstraße zur Frauenkirche führte sein weiterer Weg. In die Frauenkirche durfte er nicht, weil er keine Frau war, respektive weil er nicht beten wollte, nur anschauen. So trollte sich mein Kutscher An der Frauenkirche entlang zur Hochschule für Bildende Künste. In der größten „Zitronenpresse" der Welt, einem Oktogon mit einer Stahl-Glas-Kuppelkonstruktion bot sich ihm eine ziemlich gelungene Wechselwirkung zwischen unverputztem Mauerwerk und einer temporären Präsentation von moderner junger Kunst zu obendrein günstigem Eintrittspreis dar. Der Eingang befindet sich am Georg-Treu-Platz.

    Danach ging es um die Ecken des Albertinums (Gemäldegalerie Neue Meister und Skulpturensammlung, 1884-87) in den Brühischen Garten und weiter über die selbige Terrasse, dem Schlossplatz entgegen. Zehn Meter oberhalb des Elbufers verläuft diese fünfhundert Meter lange Flaniermelle, zwischen der Carolabrücke und dem Schlossplatz, auf den Mauern der Festung Dresden. Nachdem der herrschende Kurfürst Friedrich August II. 1739 diesen Teil der stillgelegten Festungsanlagen Heinrich Graf von Brühl geschenkt hatte, - wer verschenkt heute noch solche Anlagen - ließ dieser direkt hinter seinem Palais einen Lustgarten errichten. Auf diesem Prachtbalkon gab sich vor 270 Jahren der europäische Adel ein Stelldichein beim feierfreudigen Grafen. 1814 wars dann vorbei mit der Feierei, die Terrasse wurde öffentlich.

    Zum Schlossplatz hinunter musste er sein Radel tragen, diesen überqueren, um die Augustusstraße etwas näher unter die Lupe zu nehmen. An der Außenwand des Stallhofes/Langer Gang befindet sich ein 102 Meter langes Wandbild, welches 1872-76 ebenfalls als schwarzweißes Graffito von Wilhelm Walther entworfen worden war und den Fürstenzug, die Wettiner Ahnengalerie darstellt. 1901 bereits übertrug man die verblassenden Darstellungen von Paradeuniformen und Prunkgewändern auf 24.600 Meissener Porzellanfliesen. Und so war mal wieder ein Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde fällig, nämlich 94 Personen, davon 35 erlauchte Sachsenhäupter wandeln über das größte Porzellanbild der Welt.

    Von so viel Monumentalität nahezu erschlagen schlich er mit seinem Klapprädchen zum Residenzschloss zurück. Ein Gebäude mit langer Bau- und Umbauzeit: Von 1471 an gestaltete der Baumeister Arnold von Westfalen eine vierflügelige Schlossanlage für die Brüder Kurfürst Ernst und Markgraf Albrecht von Sachsen. Als barockes Gesamtkunstwerk wollte es August der Starke Mitte des 18. Jahrhundert gestaltet sehen. 150 Jahre später (1889-1901) wurden die Außenfassaden im Stil der Neorenaissance umgestaltet und die nach dem Zweiten Weltkrieg übriggebliebene Ruine wurde erst nach 1985 in die letzte äußere Fassung, die von vor 1945, gebracht. Vier Jahre vor dem Mauerfall? Hat das etwa der olle Franz Josef Strauß I. (1915-88) eingefädelt - Gott hab ihn selig und lass ihn weiter Halleluja singen - ahnend dass der ganze Laden Deutsche Demokratische Republik bald sowieso an die Bundesrepublik fallen sollte?

    Durch den Semperbau des Zwingers, dem Gebäude an der Südwestflanke des Theaterplatzes, welches die Gemäldegalerie „Alte Meister" (europäische Kunst des 15.-18. Jahrhunderts) enthält, erreichte unser Kunstfreund das nächste Gebäudeensemble, den Zwinger, der aus sechs durch Galerien miteinander verbundenen Pavillons gebildet wird und einen großen Innenhof mit Springbrunnen und symmetrisch angelegten Rasenflächen umschließt. Der Zwinger ist ein Paradebeispiel für barocke Architektur und das Gebäude, welches alle Welt vor Augen hat, wenn sie an Dresden denkt. Als Teil der Befestigungsanlage einer Stadt oder Burg wurde im Mittelalter ein Zwinger der Stadt-Ringmauer vorgelagert und ermöglichte so eine zweifache Verteidigungslinie. Obwohl militärisch nie genutzt, aber durch die Lage zwischen dem inneren und äußeren Verteidigungswall von Stadt und Residenzschloss zu seinem Namen gekommen, diente er lediglich als Orangerie.

    Von August dem Starken wurde 1709 eigenhändig - ach was, der doch nicht - an seinen Hofbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann delegiert, den Zwinger im Laufe mehrerer Bauphasen bis 1728 zu einem höfischen Festplatz mit allem Prunk auszubauen. Die heutige Gestalt als vierseitige geschlossene Anlage erfolgte 1847-55 nach Plänen von Gottfried Semper durch das oben erwähnte recht wuchtige Sandsteingebäude im Neorenaissance-Look. Die Dresdner Bürger fanden diesen, wegen revolutionärer Umtriebe verdächtigen Architekten so genial, dass beide von ihm nur entworfenen Gebäude noch heute seinen Namen führen: Semperbau und Semperoper.

    Der Lange durchmaß den Zwinger, dieses von Figuren und Ornamenten, Voluten und Fialen überhäufte Ensemble in seiner kurzen Achse, querte den Wassergraben des Zwingerteiches via einer Brücke und stand vor der Seite des Schauspielhauses. Darauf fuhr er die Ostra-Allee entlang, in der Schützengasse schaute er, ob in der „Brennnessel" seine Frau, die Kurze, mit ihren ehemaligen Kommilitoninnen anzutreffen war. Dem war aber nicht so. Also zog er weiter in einem größeren Bogen zur „Tabakmoschee" Yenidze. Im Stadtteil Friedrichstadt ragt dieses Industriedenkmal mit seiner farbig verglasten Kuppel, der ehemaligen „Orientalischen Tabak- und Zigarettenfabrik Yenidze" (1909-12) in die Höhe, benannt nach dem Dorf im damaligen Osmanischen Reich, von wo der königlich-sächsische Hoflieferant Hugo Zeitz seine Orienttabake bezog. Heute ist es ein Bürohaus und in der Kuppel befindet sich ein aussichtsreiches Restaurant.

    Kurz danach erreichte er das Elbufer und fand dort Wohnmobilisten vor. Der Parkplatz war so groß und recht abgeschieden, dass er dachte mich dort für die Nacht zu parkieren. Zurück Richtung Zentrum ging es am expressiven neuen Kongresszentrum, dem Sächsischen Landtag und der Semperoper vorbei, allseits vortrefflich bekannt durch die alkoholhaltige Werbung in Fernsehen und Kino. Als architektonische Einzelstücke wurden diese Gebäude prestigeträchtig und großzügig an der Elbe in die Uferlandschaft drapiert.

    Durch die Innere Altstadt fuhr mein Kutscher zum Lidl-Parkplatz zurück. Kurz nach sieben Uhr nahm er auf dem Fahrersitz Platz, drehte die Musik laut und wir fuhren los, über die Elbe durch die Neustadt und über die Marienbrücke zurück auf die Altstadtseite des Flusses, dort um die Moschee herum zum Ufer, wo auf der großen Fläche, einem manchmal als Festplatz genutzten Gelände die anderen weißen Genossen von mir standen. Nach diesem halbstündigen Ritt durch ein von wenigen Fahrzeugen frequentiertes Dresden, machte mein Alter Pause, schrieb und las. Um halb neun klingelte das Handy, die Kurze wollte abgeholt werden. Daraufhin verließen wir unseren Standplatz und bewegten uns zu der Lokalität in der Innenstadt. Nach einiger Zeit kamen beide und wir fuhren durch die nächtliche Stadt. Am Hauptbahnhof wurde noch bei Rewe eingekauft und im Anschluss, etwa um zehn Uhr stellten wir uns auf den Platz an der Elbe. Im Fernsehen lief noch eine Weile der Eurovision-Song-Contest, geklotzt wurde aber zum Glück nicht bis zum bitteren Ende. Es folgte die Nachtruhe. Leider waren ab halb drei des Nachts ziemliche Barbaren an Land gegangen, um mit ihrer Bumm-Bumm-Techno-Musik halb Dresden aufzumischen, uns ebenfalls damit gewaltig zu stören und den wohlverdienten Schlaf zu rauben. Irgendwann als der Bölkstoff wohl zur Neige gegangen war, verzogen sie sich mit ihren tiefergelegten Vorort-Schlitten und es ward wieder Stille.

    Sonntag, 11. Mai 2014:

    Ab 8:30 Uhr kam langsam Leben in die Bude, joggen, Frühstück, aufräumen. Um halb elf brachen sie mit den lütten Rädern auf, mich hier am Fluss in der Nähe von noch zwei/drei von der Nacht übriggebliebenen Mobilisten zurücklassend. Ich sah sie Richtung Kongresszentrum und Landtag am Ufer entschwinden. Der Chef berichtete später:

    Wir fuhren in die Innenstadt zur Kathedrale Sanctissimae Trinitatis, der barocken katholischen Hofkirche der sächsischen Kurfürsten. Leider konnten wir sie nicht von innen besehen, weil man uns wahrscheinlich als Religionsbanausen abqualifizierte, mangelnde Frömmigkeit dem heiligen Sonntag gegenüber unterstellte und deshalb nicht einließ. Das Gleiche wäre uns bei der Frauenkirche beinahe nochmal wiederfahren. Die wie Felsen in der Brandung an den sieben Eingängen postierten weiblichen Ordner wollten uns nicht einlassen. Da reichte es mir mit dem elitären Getue, meine Frau hinter mir herziehend schritt ich einfach durch die Glastür in das Vestibül und die Treppen zur Empore hinauf. Es fand überhaupt keine evangelisch/lutherische Messe statt, die wir hätten stören können. Die Raumwirkung war enorm, wie in einem Logentheater, sehr kompakt, aber mit allen Insignien des Barock überladen wirkte der Rundbau auf mich zu bunt. 1726-43 von Ludwig Bähr in der Blüte des Barock erbaut, ist die Frauenkirche mit 91 Meter Höhe und dem 26 Meter Außendurchmesser der Sandstein-Kuppel eine der größten steinernen Kuppelbauten außerhalb Italiens und ein prachtvolles Beispiel dafür, dass nicht nur Katholiken tolle Kirchen bauen können. Nach der Feuersbrunst vom 13./14. Februar 1945, ausgelöst durch mehrfaches starkes Bombardement englischsprachiger Flieger der Alliierten, stürzte die Kuppel zur zehnten Stunde des folgenden Tages ein. Der Wiederaufbau zog sich nach langem Anlauf länger hin, von 1994-2005.

    Auch sonntags sind vor solchen Etablissements Wichtigtuer unterwegs. Zwei etwa dreißig- bis vierzigjährige Brüder wollten mit ihrer alten Mutter in die Kirche, das ging aber nicht, weil der eine Anzugträger noch lauthals und gestenreich mit seinem Handy palavern musste. Der Rest der Familie trieb notgedrungen Schmalspurkonversation. Wir verzogen uns auf den Neuen Markt, drehten uns - die Häuserfassaden bestaunend - ein paar Mal im Kreise, um dann Richtung Kulturpalast, Altmarkt weiter zu radeln und auf die Prager Straße einzubiegen, der Einkaufsstraße und Fußgängerzone, die im leichten Bogen direkt zum Hauptbahnhof führt. Keine besonderen Vorkommnisse auf dieser Wegstrecke, allerdings vor dem Bahnhof eine große Baustelle und massenhaft Polizisten, da sogenannte Fußballfans erwartet wurden, wie ich auf Nachfrage erfuhr. Zurück radelten wir durch die Innere Altstadt, an der Neuen Synagoge vorbei, über die Carolabrücke in die nach Norden führende Albertstraße, entlang der Inneren Neustadt zum Albertplatz. Nochmal drehten wir eine Runde über die Flaniermeile Hauptstraße, mit ihren Brunnen, Skulpturen, Bürgerhäusern und den Handwerkerhöfen. Dort bietet man den Touristen in den mit Arkaden versehenen Innenhöfen der Barockhäuser Kunsthandwerk und allerlei Schickimicki-Zeugs an.

    Im erneuten Bogen über den Albertplatz radelten wir in die Äussere Neustadt, die Alaunstraße entlang. Ein angenehmes Viertel um den Alaunpark, vergleichbar mit Frankfurt Bornheim. Nach dem Mittagessen in einer Eckkneipe fuhren wir weiter nördlich durch den Alaunpark zur Garnisonskirche, einer ehemaligen Simultan-/Doppelkirche (1895-1900) aus der Zeit des Historismus, zur gleichzeitigen liturgischen Feier für zweitausend evangelische und vierhundert katholische Soldaten. Sie wird derzeit revitalisiert, was auch immer das bedeuten mag. Der letzte Abstecher führte zum nahe gelegenen Militärhistorischen Museum der Bundeswehr. Durch einen massiven, klassisch gegliederten Altbau, dem Arsenalgebäude schiebt sich ein mächtiger, transparenter, metallener Keil dem ankommenden Besucher entgegen. Der Architekt für dieses 2011 eröffnete Museum mit historischen Militär-Devotionalien ist schnell ausgemacht. Daniel Libeskind, der auch das auf ähnlich zugespitzten Formen basierende Jüdische Museum in Berlin - 1999 eröffnet - entworfen hat. Beide Museen sind jeweils die größten ihres Genres in Europa!

    Danach ging es fix, da es sich merklich verdunkelte, zurück am Bahnhof Dresden Neustadt vorbei, es begann zu regnen, über die Marienbrücke zum Parkplatz am Ufer. Gegen halb drei kehrten sie vom einsetzenden Regen gehetzt und leicht entnervt zu mir zurück und wir machten uns eine halbe Stunde später auf, durch die Innere und Äussere Neustadt, die Radeberger Vorstadt zum Loschwitzer Hang. Dort stehen die klassizistischen Elbschlösser Albrechtsberg, Lingen und Eckberg. Wir überquerten die Loschwitzer Brücke, eher bekannt als Blaues Wunder um in Blasewitz am Käthe-Kollwitz-Ufer entlang wieder Richtung Innenstadt zu fahren und dabei einen besseren Blick auf die drei Schlösser gegenüber werfen zu können. Etwa um vier Uhr waren wir auf der Autobahn gen Westen, auf dem direkten Weg nach Frankfurt. Kurz vor 21 Uhr erreichten wir ohne Zwischenfälle oder Staus unseren Ausgangspunkt und hatten an diesem Wochenende insgesamt 1.001 Kilometer abgespult. Mein Tachostand belief sich nun auf insgesamt 1.781 Kilometer.

    Donnerstag, 15. Mai 2014:

    In der Woche kamen einige Leute vorbei, denen ich vorgestellt wurde. Immer wurden alle meine Vorzüge erwähnt, beschrieben und vorgezeigt, teilweise kam ich mir regelrecht vorgeführt vor. Am Donnerstag war mein Fahrzeugführer mit mir zu Iveco, dem großen Bruder von Fiat, ins Industriegebiet Am Martinszehnten nahe des Bad Homburger Autobahnkreuzes gefahren, weil sich der Seilzug der Türgriffentriegelung meiner seitlichen Schiebetür oft aushängte. Der Betriebsleiter war ziemlich arrogant, grob gestrickt und knallte meine Schiebetür mehrfach äußerst unsanft zu, obwohl ich doch einen elektrischen Schließmechanismus besitze. Naja, Lkw-Fahrer halt, sie erklärten sich für nicht zuständig und schickten uns zur kleinen Schwester - Fiat.

    3. Darmstadt: Mathildenhöhe

    Freitag, 16. Mai 2014:

    Kurz nach 17 Uhr ging es wieder los, mittlerweile mit einem Kilometerstand von 1.802. Vorher war ich eingeräumt und befüllt worden. Über die A 661 und folgend durch Vororte erreichten wir Darmstadt. Um ca. sechs Uhr parkten wir im Olbrichweg an der Mathildenhöhe. Die zwei Fahrräder verschwanden sofort. Um Viertel vor neun waren sie wieder da und sprachen von den affektierten Leuten bei der Vernissage „Dem Licht entgegen, Die Künstlerkolonie - Ausstellung 1914", die sie gerade besucht hatten. Nach dem Abendessen wurde ich nach neun im nahen Villenviertel, der Rosenhöhe, im Seitersweg, mit wilder grüner Wiese zu meiner rechten Seite abgestellt. Beide Radfahrer machten sich auf in die Innenstadt zur Stadtrundfahrt.

    Beeindruckend fanden sie, als sie gegen elf zurückkamen, das am Rande der Fußgängerzone liegende runderneuerte, riesige Staatstheater mit dem vorgelagerten aus weißem Beton gegossenen Eingangsgebäude mit großem Balkon. Davor erstreckt sich die neu gestaltete Georg-Büchner-Anlage über einem Parkhaus. An dem Ende der sehr ansprechenden Platzgestaltung erhebt sich seitlich die klassizistische Ludwigskirche im Stile eines Pantheons. Ansonsten fanden sie, hätte Darmstadt nicht so viel (Ausnahme: Altes Rathaus und Residenzschloss) für das nach besonderer Architektur suchende Auge zu bieten. Etwa um halb zwölf war Bettruhe angesagt.

    Samstag, 17. Mai 2014:

    Ab 9:30 Uhr war Bewegung in der mobilen Bude: Sporten, duschen, frühstücken. Das Duschen in einer solchen Kombüse benötigt eine gewisse Vorlaufzeit für die Erwärmung des Wassers. Es muss nicht mehr im Kessel auf offenem Feuer erhitzt werden. Aber die Gasheizung muss aktiviert werden, um das Wasser im Boiler zu erwärmen. Das dauert einen Augenblick. In dieser Zeit kann man die Toilette zur Seite drehen, um den Raum zum Duschen zu vergrößern, den Duschvorhang an einzelnen Klettbandpunkten so an den Badwänden in Position bringen, dass er sich unter Wassereinfluss nicht wie eine zweite Haut um den Körper legt. Wie mein Alter von meinem Verkäufer gelernt hat, wird unter Campern nur einhändig geduscht, weshalb ich von Haus aus auch keine Duschkopfhalterung an der Wand oder der Decke besitze. Ist das Wasser im Boiler warm, wird mit einer Hand der ausziehbare Schlauch der Waschbeckenarmatur über Kopf geführt, das flüssige Nass auf den Körper gebracht, ihn somit eingeweicht, das Wasser abgestellt, beidhändig eingeseift und danach wieder einhändig abgespült. Alles ohne dabei zu singen, denn Wasser ist knapp, ich habe nur maximal 120 Liter im Tank.

    Gegen halb zwölf verließen sie mich mit ihren Fahrrädern, um zu den Gebäuden des Jugendstils auf der Mathildenhöhe aufzubrechen. Zu Beginn stand die Besichtigung des Hochzeitsturmes mit schönem Rundumblick über Darmstadt an. Allerdings ließen sich kaum besondere Anhaltspunkte im Häusermeer ausmachen. Ganz in der Ferne, da klares Wetter herrschte, war die Skyline von Frankfurt zu erkennen. Der Versuch die Führung „Mathildenhöhe" mitzumachen scheiterte kläglich, die resolute Führerin erklärte nur lapidar, diese Führung sei schon seit einer Woche im Internet als ausverkauft deklariert gewesen. Leider wusste es auch keiner der dort auf dem Hügel Angestellten. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt Marketing GmbH ist wohl eine dieser hochtrabend daherkommenden modernen Organisationsformen neben den Stadtverwaltungen, in denen meist viel Schein um wenig Sein gemacht wird. Die Darreichungsform und technische Ausführung der musikalischen Umrahmung der Reden bei der Vernissage am Vortag und die Organisation der Führungen ließen wirklich zu wünschen übrig.

    So versuchte unser alter Kunstgeschichtler eine private Führung anhand des papierenen Führers Mathildenhöhe zu improvisieren. An den Villen der ehemaligen Mitglieder der Künstlerkolonie entlang, die unterhalb des Ernst-Ludwig-Hauses, dem Ausstellungsgebäude stehen und durch die nähere Umgebung führte ihr Weg. Außerdem besuchten sie eine Ausstellung im Eugen-Bracht-Weg im Hessen Design Verein. Es handelte sich um eine über Jahre reichende Dokumentation der Zerstörung einer Landschaft im Osten Deutschlands durch den Braunkohletagebau. Es schmerzte in den Augen diese aufgerissenen Landschaften so zerstört und rücksichtslos ausgebeutet auf den Fotos zu sehen. Auffällig war bei ihrem Rundkurs am Samstagnachmittag, dass in den Straßen um die Mathildenhöhe, in teilweise sehr repräsentativen Villen, etliche Burschenschaften residieren und sich mit lauter Musik präsentierten.

    Kurz nach drei gab es bei geöffneter Schiebetür und mit Blick ins Grüne Kaffee und Kuchen und nach vier brachen wir Richtung Nord-Osten auf. Über Kranichstein erreichten wir die Grube Messel. Ein kurzer Besuch des neu gestalteten Besucherzentrums schloss sich an. Mein Langer hatte wenig Interesse an dem Weltkulturerbe auf Naturbasis. Die Kurze wollte etwas mehr sehen und stieg dem recht bizarr in die Landschaft betonierten Empfangsgebäude aufs begrünte Dach. Die Rückfahrt nach Frankfurt bestand dann nur noch aus einem Katzensprung und nach insgesamt neunzig Kilometern waren wir um 17:20 Uhr in Frankfurt zurück. Es war wohl nur eine kurze Reise, ein Zweitagesausflug, gewesen. Etwas später bekam ich eine kleine, schmale Kaffeemaschine zur Probe in eines meiner Regalfächer hinter dem Fahrersitz gestellt.

    Donnerstag, 22. Mai 2014:

    Die nächsten Tage verbrachte ich damit vor dem Grundstück meiner Herrschaft auf der Straße zu stehen. Am Donnerstag um 9:35 Uhr düsten mein Langer und ich in die Mainzer Landstraße, fast bis ans Ende der Stadt, im Westen Frankfurts, zu Fiat. Eine Stunde später, nach eindeutig längerer Warte- als Arbeitszeit, der Meister hatte einfach die Metallverriegelung der Schiebetür zurechtgebogen, fuhr mein Kutscher leicht konsterniert mit mir über die Autobahn zum Hornbach Baumarkt. Zuhause fanden die erworbenen Schubladenschienen Verwendung für eine herausziehbare Plattform, auf der die neue Kaffeemaschine stehen soll. Jeden Tag kam eine kleine Verbesserung hinzu. Einmal wurde ich auch mit einem langen schwarzen Kabel an das allgemeine Stromnetz angeschlossen, weil der Lange auf die Idee kam, mein Sonnenkollektor auf dem Dach würde, trotz massiver Sonneneinstrahlung, keinen Strom an die Batterien liefern. Endlich hat er es auch bemerkt. Schreiben kann ich zwar, aber leider nicht sprechen, so ist ihm oft nicht zu helfen.

    Sonntag, 25. Mai 2014:

    Mein Großer kam um die Mittagszeit und wurschtelte unter dem Fahrersitz am Elektroblock herum, fing plötzlich an zu schimpfen, dass die Sicherung für den Sonnenkollektor überhaupt nicht vorhanden sei! Das nachdem ich seit fast zwei Tagen mit insgesamt mehr als zwanzig Stunden an der Steckdose „aufgepumpt" worden war. Hätte er mich gefragt, ich hätte..., geht ja leider nicht. Er steckte eine Reserve-Sicherung in die vorgesehene Klemme und ich bemerkte sofort, damit war dieser Stromkreis geschlossen und funktionierte.

    Etwa um halb fünf wurde die Nespresso-Kaffeemaschine auf ihre variable Plattform gestellt und kurz danach ging es los. Leider war es nur ein kurzer Trip, in die Ernst-May-Siedlung nach Frankfurt-Praunheim. Dort stand ich dann vor den alten, ehemals einheitlichen Reihenhäusern des neuen Bauens in Frankfurt aus den zwanziger Jahren. Zwei Stunden später wurde ich mal wieder vorgeführt und von drei mir unbekannten, großgewachsenen Personen besichtigt. Der eine war sogar größer als mein Bett lang ist. Es scheint wirklich Interesse an solchen Fahrzeugen wie ich eins bin zu bestehen. Danach ging es zurück, die Kaffeemaschine wurde nachjustiert, denn sie hatte leichte Fliehkräfte in den Linkskurven entwickelt. Die Klebereste meiner ehemaligen Beschriftung und Verzierung wurden mit Silikon-Entferner unsichtbar gemacht, das fand ich schon länger für nötig. Das war es dann erstmal wieder.

    4. Bayern: Bamberg - Bayreuth

    Mittwoch, 28. Mai 2014:

    Es tat sich etwas am Nachmittag, das Wetter verbesserte sich und ich wurde bepackt und befüllt. Um 16:10 Uhr mit 1.955 bereits gefahrenen Kilometern setzten wir uns in Bewegung, aber nur für zehn Minuten. Der Ratswegkreisel und die stadtauswärts folgende Hanauer Landstraße bildeten eine komplette, sich nur langsam und zäh bewegende Blechschlange. Wir benötigten bis zur Autobahnauffahrt der A 66 in Maintal-Bischofsheim eine Stunde. Scheinbar wie auf Kommando wollte alle Welt die am nächsten Tag, wie jedes Jahr seit etwa 1.981 Jahren, stattfindende Himmelfahrt außerhalb der Bankenmetropole erleben. Meine Vorsitzenden nutzten diese Zeit im Cockpit um Beschreibungen meiner vielerlei Funktionen in den diversen Anleitungen zu studieren und auszuprobieren.

    Über die A 66 bewegten wir uns an Gelnhausen vorbei, verließen die schnelle Straße an der Ausfahrt Bad Orb. Bevor wir den Ort erreichen konnten, ereilte uns der nächste Stau, verursacht durch einen Unfall. Schließlich über spessartliche Landstraßen und nahezu leere Dörfer gelangten wir nach Burgsinn. Dort wurde um halb sieben eingekauft und in Stadt Rieneck, die sicherlich beim Wettbewerb um die kleinste Stadt Deutschlands mitmachen könnte, der Bankomat erleichtert. Als nächster Stopp folgte in Gemünden das Abendessen auf einem etwas unübersichtlichen, weitläufigen Parkplatz neben dem älteren aber wenig ansehnlichen Städtchen. Dies bekundeten meine beiden jedenfalls nach einem Verdauungsspaziergang.

    Um halb neun nahmen wir nochmal die Straße unter die Räder, für eine halbe Stunde, um Karlstadt zu erreichen, wo wir den großen Parkplatz am Mainufer ansteuerten. Leider war dieser stark frequentiert und der kostenfreie Bereich für Wohnmobile schon belegt. Die Einwohner dieses „malerischen Städtchens", so würde es sicherlich in herkömmlichen Reiseführern geschrieben stehen, parkten alle ihre Vierrädrigen dort vor der Stadtmauer, außerhalb der fast autofreien Altstadt. Nach einem erneuten Spaziergang kamen beide etwa um halb zehn zurück und der Lange legte sich schnell in die Koje. Es wurde eine unruhige Nacht, da um uns herum viel

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