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Sonyeuse

Sonyeuse

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Sonyeuse

Länge:
78 Seiten
52 Minuten
Freigegeben:
11. Jan. 2016
ISBN:
9783957571878
Format:
Buch

Beschreibung

Jean Lorrains 1891 verfasste, 1903 um einen Prolog erweiterte unheimliche Meisternovelle über eine Kindheit in einer kleinen Provinzstadt entführt den Leser in eine märchenhafte Welt. Nun zum ersten Mal auf Deutsch.
Freigegeben:
11. Jan. 2016
ISBN:
9783957571878
Format:
Buch

Über den Autor

Jean Lorrain (1855-1906) was the pseudonym of Paul Alexandre Martin Duval. He was one of the leading figures of the Decadent Movement and the author of numerous novels, volumes of poetry and short stories. At one point he was probably the highest paid journalist in France. Though mostly remembered today for his famous duel with Marcel Proust, he might be seen as the true chronicler of the fin-de-siècle.


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Buchvorschau

Sonyeuse - Jean Lorrain

Jean Lorrain

Sonyeuse (1903)

Aus dem Französischen von Sylvia Schiewe

MSeB Fiction bei Matthes & Seitz Berlin

Inhaltsverzeichnis

Sonyeuse

Anmerkungen

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Impressum

An Antonio de la Gandara.

Blätter einer weit zurückliegenden Kindheitsgeschichte,

wiedererinnert vor zwei seiner Portraits

In Eifer und Melancholie,

Sein Freund,

Jean Lorrain.

Sonyeuse

Vor gut einem Jahrzehnt am Marsfeld¹, in eben dem Saal, wo der Wahn der Spanierinnen von Dannat sich in den Hüften wiegte und verdrehte, in dämonenhafter und rasender Bewegung den Bürger zur Verzweiflung trieb, der diesem überschäumenden, brutal aufs Blau geworfenen Bild fast Auge in Auge gegenüberstand; an derselben Ausstellungswand, wo Boutet de Monvel die auf Porzellan gebannte Nichtigkeit seiner vaselinierten Dianen und emailäugigen Mondänen offenlegte, jedoch Seite an Seite mit den gewollten Verwegenheiten und gekonnten Lichtspielen eines wahren Malers, Mister Alexander, hingen drei große, gleich hohe Portraits, die mich unter allen durch die achatgebänderte Preziosität ihrer Atmosphäre anzogen.² Noch bevor ich die inmitten ihrer Rahmen stehenden Personen unterschied, hatte mich ein halluzinatorischer Ausdruck von Traum und Wirklichkeit angesichts der drei Gestalten übermannt, die nicht länger durch mehr oder weniger ingeniöse Verfahren auf der Leinwand fixiert waren, sondern lebendig wirkten, ein geheimnisvolles Leben in der kalten Strenge weitläufiger, unmöblierter Zimmer zu führen schienen, in den Salons verlassener Patrizierhäuser, wie gemacht, um Erinnerungen heraufzubeschwören; zwischen den hohen Rahmen, die sich gleich Türen zur Leere eines mir nicht verortbaren hochherrschaftlichen Innenraums hin öffneten, herrschte jene undefinierbare Atmosphäre aus flüssigem Bernstein und milchigem Grau, eine befremdliche Atmosphäre, in der das Fleisch den Glanz von Perlmutt annimmt und die Blautöne irisieren, als stünden sie im Mondlicht, und die ich weltweit nur von drei Malern kannte: Reynolds, Burne-Jones und Whistler.

Sie stellten drei Frauen dar, diese Portraits, und waren mit A. de la Gandara signiert. Drei Frauen, alle drei aufrecht, eine alte Dame in Schwarz, eine junge Frau in Grün, ein Mädchen in Gelb, das Kind in der Mitte. Hinter ihnen verlief dieselbe graue, fein goldgeäderte Holztäfelung und machte sie allesamt zu Bewohnerinnen eines unfassbar doppelbödigen Empire-Salons, oder vielleicht, wer weiß, hatten sie sich in den langen Korridor eines Hauses Usher verirrt. Sie alle waren vom gleichen Geisterleben erfüllt, und ihre Schlagschatten drängten sich dicht hinter ihnen zusammen, beunruhigend genug, um das Zimmer für ein vom Spuk heimgesuchtes zu halten; die junge Frau aber und vor allem das Mädchen ließen mich nicht los.

Oh, die Dame in Grün! In welcher Erzählung Edgar Poes war ich ihm schon einmal begegnet, diesem ausdrucksvollen Köpfchen, das so blass war unter dem seidigen Gold ihrer Haare? Und diesen schönen Augen von durchsichtigem, feuchtem Blau, diesen Wasseraugen, diesen beiden großen Augäpfeln, die umherirrten, als beklagten sie flehentlich einen Abschied auf immer? Wo in Traum oder Leben hatte ich sie schon gesehen, geliebt, leidenschaftlich geliebt, angebetet und beweint, diese feine Blässe und dies zarte Profil und den ganzen Schmerz dieser in ihrer rührenden Anmut von einer uns unbekannten Fassungslosigkeit getroffenen Aristokratie?

Lady Ligeia, Morella, Berenice oder womöglich die so köstliche wie melancholische Dame³, deren Leben, Blick und Lächeln eines Abends dahinschwanden, als ihr Freund diese auf unvergängliches Leinen gebannt hatte, und die starb, indem die Liebesglut ihres Malers sie sich selbst entzog, während sie mit ihm in intimer Zweisamkeit eingeschlossen war? Die Namen morbider, ausschweifender Heldinnen, die noch atemberaubenderen Namen schöner Halluzinierender drängten sich auf meine Lippen, ohne dass einer zu diesem schmerzlich-liebreizenden Gesicht gepasst hätte, anwendbar gewesen wäre auf das Seidenmatt dieses schneeigen Nackens, das tiefe Blau ihrer brennenden Augen, zweier Augen von Tränen und Flammen, wie sie allein der Liebestod einer Seele trägt: die der Mutter oder Geliebten.

Gezwängt in ein Kleid von gräulichem Grün, dessen etwas steife Korsettierung es zeitlos machte, glitt sie mehr als dass sie ging, schritt gleichsam geisterhaft über das Parkett des hohen Zimmers; die gebauschten Ärmel betonten noch die Schlankheit ihres Halses, und man fühlte, wie traumgleich geräuschlos sich die schwere Schleppe ihres Kleides dahinziehen musste. Langsam und weich, wenn auch mit einer vielleicht etwas gespenstischen Steifheit der sehr aufrechten Taille, ging sie, dem Betrachter den Rücken zukehrend, in den hinteren Teil des Zimmers, versank schon fast in der Vagheit der Holztäfelung. Die Erscheinungen fantastischer Erzählungen gehen so, sie gleiten so hinaus. Oh!

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