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Die Schizophrenie des Lebens: Autobiografische Erzählung
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Die Schizophrenie des Lebens: Autobiografische Erzählung
eBook292 Seiten4 Stunden

Die Schizophrenie des Lebens: Autobiografische Erzählung

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Über dieses E-Book

Laura, von ihrer Familie aus Polen nach Deutschland im­por­tiert, hat einiges vor sich. Lernen, sich in neue Lebens­verhältnisse integrieren, er­wachsen werden, Freunde ­finden, Erfahrungen sammeln und nicht an ihnen zerbrechen. So schnoddrig wie sensibel klingt der Bericht einer Kind­heit und Jugend mit »Migra­tionshintergrund«, aus der sich eine selbstbewusste junge Frau entwickelt. Lauras Schick­sal erfährt jedoch eine Wendung, als sie nach diversen gescheiterten Beziehungen René be­gegnet. 16 Jahre älter, zwei Mal geschieden, drei Kinder - und jede Menge weiterer Pro­bleme. René wird ihre große Liebe, eine Liebe, die sie er­füllt, an der sie wächst, für die sie kämpft, die sie gegen alles verteidigt - bis zu dem Tag, an dem ein Schicksals­schlag alles zunichte macht und Laura eine Realität er­kennt, die sie zuvor nicht sehen und nicht glauben wollte. Doch Laura wäre nicht Laura, wenn sie nicht auch aus dieser Situ­ation ihre eigenen Schlüsse zöge.
SpracheDeutsch
Herausgeberedition fischer
Erscheinungsdatum11. Jan. 2016
ISBN9783864550621
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    Buchvorschau

    Die Schizophrenie des Lebens - Laura Lissek

    Laura Lissek

    Die Schizophrenie

    des Lebens

    Autobiografische Erzählung

    edition fischer

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    © 2016 by edition fischer GmbH

    Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main

    Alle Rechte vorbehalten

    Schriftart: Times New Roman

    Herstellung: ef/bf

    ISBN 978-3-86455-062-1 EPUB

    Vorwort

    Eigentlich sollte dieses Buch »Mein Kampf« heißen, allerdings war dieser Titel schon vergeben und hat einen sehr negativen Beigeschmack. Also widme ich das Buch der wichtigsten Person in meinem Leben: meinem langjährigen Partner René M., der meinem Leben den Feinschliff verpasst hat, mir das Lieben beigebracht hat und der mich immer wieder ermutigt hat, weiterzumachen, egal, wie hoffnungslos die Situation gerade war. Das Buch handelt von dem ständigen Kampf im Leben, von großen und kleinen Schicksalsschlägen und davon, dass nichts so ist wie es aussieht. Alle Handlungen in diesem Buch haben sich tatsächlich so zugetragen, die Namen und Schauplätze sind abgeändert, um die betroffenen Personen zu schützen.

    Mein Kampf, besser gesagt, unser Kampf, begann am 25.04.1978 im westlichen Polen. Das ist nämlich mein Geburtstag. Es war eine lange komplizierte Geburt, bei der sowohl ich als auch meine Mutter fast hops gegangen sind. Die nächsten drei bis vier Jahre meines Lebens kann ich mich an nichts erinnern, außer an die peinlichen Geschichten aus der Kindheit, die Mütter mit Vorliebe allen möglichen Leuten und bei allen Anlässen erzählen müssen. Besonders beliebte Adressaten für diese Geschichten waren Schwiegersohnanwärter. Diese Geschichten kennen alle von euch. Das sind diese Geschichten, die man schon tausendmal gehört hat und jedes Mal am liebsten im Boden versinken würde vor Scham, wo man ganz giftig »Mama!« durch die Zähne zischt, Mama auf den Fuß tritt oder einen leichten Seitenhieb verpasst. Mama hingegen grinst von einem Ohr bis zum anderen und sagt: »Was ist denn, das war doch süß.« Die Lieblingsgeschichte meiner Mutter war die Pinkelgeschichte. Zur Erklärung: ich liebe es zu schlafen, ich liebe es so sehr, dass ich, wenn ich nachts für kleine Mädchen muss, weder das Licht anmache, noch die Augen öffne. Ich könnte ja wach werden, außerdem kenn ich den Weg. Als ich ca. 4 Jahre alt war, sind wir gerade umgezogen, in der ersten Nacht in unserer neuen Wohnung stapfte ich im Schlaf plötzlich ins Wohnzimmer, ließ die Hosen runter und wollte meine Blase neben der Couch entleeren. Ha ha! Diese blöde Eigenschaft, im Blindflug nachts auf Toilette zu gehen, habe ich bis heute noch und bei meinem letzten Umzug hat sie mich eine leichte Gehirnerschütterung und eine blutige Lippe gekostet. Da diese Geschichte schon gefühlt eine Million Menschen von meiner Mutter gehört haben, wissen jetzt bestimmt vier Personen, dass ich dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht habe und wer ich wirklich bin. Aber egal, dann kann ich meiner Mutter vorhalten, was sie angerichtet hat. Dann gibt es noch diese peinlichen Fotos. Es hat schon seinen guten Grund, warum wir uns nicht an die ersten Jahre unseres Lebens erinnern können, aber Gott sei Dank gibt es den Fotoapparat, die Videokamera und unsere Mütter. Zu eurer Beruhigung, ab 30 fängt man an, gegen dieses Zurschaustellen resistent zu werden und man fängt an, selbst drüber zu lachen oder man hat nun selbst Kinder und kann sich rächen und heute gibt es Facebook, Twitter und YouTube. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

    Später hat mein Kinderarzt mehrmals versucht, mich von der Erdoberfläche zu wischen. Ich war ca. ein Jahr alt und hatte schwerste Bronchitis, er schickte mich und meine Mutter in einen Kurort, der auf Deutsch übersetzt »Ersticken« heißt. Es war Frühjahr, die ganze Flora um den Kurort stand in voller Blüte und ich war Allergikerin. Toller Schachzug! Als ich dann kurz vorm Krepieren war, versuchte er mit Schröpftherapie, dass war als ob man eine Lungenentzündung mit Knutschflecken therapieren wollte, irgendwelche Wunder zu bewirken. Auch dieser Kampf war nicht einfach, aber wie ihr seht, habe ich auch diesen gewonnen.

    Meine Kindheit würde ich insgesamt als schön bezeichnen, es gab viele in der Familie, die sich gern und viel mit mir beschäftigt haben. Ich habe mich sehr viel und sehr gerne im Freien rumgetrieben und das tue ich bis heute noch. Ich hatte zwar Spielzeug, aber nicht übertrieben viel. Und wenn ich heute daran zurückdenke, ich kann mich daran erinnern, mit meinem Opa einen Eisvogel am Fluss beobachtet zu haben und an die Schlammschlacht mit den Nachbarskindern in einem Bach hinter dem Haus meiner Oma oder daran, wie meine Kusine vom Baum in die Brennnesseln gefallen ist und daran, wie ich mit meiner Großtante Kleider für meine Barbie entworfen und genäht habe. Genauso werde niemals vergessen, wie es sich anfühlt, mit nackten Füssen in einen warmen Kuhfladen zu treten, ich bin nicht mit Absicht reingetreten und es war kein schönes Gefühl! An dieser Stelle muss ich eine Anmerkung zu meiner Person machen: Ich habe einen sehr ausgeprägten Selbstzerstörungstrieb und den Orientierungssinn eines Regenwurms und ich denke gerade nicht an die glitschigen Regenwürmer in der Erde, sondern an die vertrockneten Regenwürmer auf der Straße nach dem Regen. An mein Spielzeug kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern oder zumindest schwer und diese Erinnerungen sind ziemlich emotionslos.

    Wie bereits erwähnt befinden wir uns zurzeit in Polen, genauer gesagt, in Königshütte. Es herrscht der Kommunismus, man kriegt Essensmärkchen zugeteilt und muss sich morgens um halb sechs in einer meterlangen Schlange vorm Bäcker anstellen, um ein Brot oder ein Pfund Butter abzustauben. Dann gibt es halblegale Geschäfte, in denen man westliche Ware bekommt, bei mir waren die Highlights Lakritze und weiße Schokolade. Ab und zu kommt mal ein Paket von Verwandten oder Bekannten aus Deutschland an, da sind dann so Kuriositäten wie Mäusespeck oder Haribo-Goldbären drin. Wow, der Westen …

    Ich hab zwar damals nicht wirklich verstanden warum und weshalb, ich war damals sieben, aber plötzlich war mein Opa weg und kurze Zeit später mein Papa?! Dann häuften sich die tollen Pakete. Aha, da will ich auch hin! Es war Weihnachten, meine Mama und ich lungerten vor dem Fenster und hielten Ausschau nach Sternschnuppen. Dann sagte ich zu Mama, dass ich zu Papa möchte. Meine Mama antwortete, dass das viel zu weit weg wäre, ich antwortete: »Ist egal, dann fahr ich halt mit dem Fahrrad hin.« Ich hatte ja immerhin vor zwei Monaten Fahrradfahren gelernt. Ja, richtig gehört, ich habe erst mit sieben das Radfahren gelernt. Nach unzähligen gescheiterten Versuchen meiner Eltern in den Jahren zuvor, mir das Fahrradfahren beizubringen, habe ich es mir kurzerhand selbst beigebracht, als meine Mama arbeiten war. Ich war zwar kein fettes Kind und auch nicht unbeweglich, aber sehr tollpatschig. Auch hierfür gibt es eine plausible Erklärung: jedes Mal, wenn es spannend wurde und man herumrennen und herumtoben konnte, kam irgendwo eine Stimme aus dem Hintergrund: »Kind, renn nicht so rum, sonst fällst du hin, tust dir weh oder du machst dir dein Kleid schmutzig!« An dieser Stelle ein großes Lob und einen großen Dank an alle meine Beschützer. Ich denke immer an euch, wenn ich heutzutage auf geradem Asphalt über meine eigenen Füße stolpere oder irgendetwas unbeabsichtigt mit meinem Körper aus meiner »Umlaufbahn« räume. Vielen, vielen Dank noch mal! Ach ja, vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass mein zweiter Tag auf dem Fahrrad mit einem Crash mit einem Auto endete. Ich fuhr bergab auf einer Straße, vor mir plötzlich ein fahrendes Auto. Fahren konnte ich, aber mit dem Bremsen hatte ich mich bis dahin noch nicht so befasst, also fuhr ich ungebremst von hinten auf den fahrenden PKW auf, rutschte übers Dach und die Motorhaube und landete direkt vor der Motorhaube auf der Straße. Aber auch dieses Mal war ich schneller als der Sensenmann und da ich, was Stürze angeht, schon mehr Erfahrung hatte als ein Profi-Stuntman, sprang ich direkt auf, rannte wieder hinters Auto zu meinem Fahrrad und war weg, bevor der arme Mann überhaupt kapiert hat, was passiert war. Bei den Kindern aus der Nachbarschaft, die meinen Stunt mitbekommen hatten und natürlich auch brav weitererzählten, hatte ich die nächsten Wochen VIP-Status.

    Zurück zu Papa, ja, ich habe Papa vermisst und meine Mama hat das gemerkt. Jahre später habe ich erfahren, dass Mama nur wegen mir nach Deutschland geflüchtet ist. Meine Mama ist ein Familienmensch. Sie hatte vier Schwestern und wollte nicht ihre ganze Familie hinter sich lassen, sich ins Ungewisse stürzen und mit Anfang 30 noch mal bei Null anfangen, aber was tut man nicht alles für seinen Nachwuchs.

    Irgendwann war es dann soweit, der Tag X rückte näher, die Wohnung war verkauft, im Wohnzimmer stand eine riesige Kiste, die sich sehr gut als Haus zum Spielen geeignet hätte. Mama sortierte unseren gesamten Haushalt und packte einige unserer Habseligkeiten in die Kiste. Und ich musste die ersten schwerwiegenden Entscheidungen in meinem Leben treffen und mich mit zum ersten Mal bewusst mit Trennungsschmerz beschäftigen. Ich musste tatsächlich selbst entscheiden, welche Spielsachen, Teddies und Puppen mit nach Deutschland kommen durften und welche nicht. Das war aber alles gar nicht so schlimm, weil ich ja nach über einem Jahr bald meinen Papa und meinen Opa wiedersehen würde. Und da, wo die Gummibärchen herkommen, da musste auch alles andere toll sein.

    Eines Tages wurde die große Kiste abgeholt, es kamen uns noch ganz viele Freunde und Verwandte besuchen, sie nahmen die ganzen Sachen, die wir jetzt nicht mehr brauchten, mit und brachten Abschiedsgeschenke. Für mich war alles toll und sehr spannend. Kurze Zeit später saßen wir im Zug nach Deutschland. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie lange diese Zugfahrt gedauert hat, angefühlt hat es sich wie eine Woche und es war so langweilig! Damals gab es noch keine Gameboys, Nintendos und auch keine Smartphones. Nein, damals vertrieb man sich die Zeit im Zug mit aus dem Fenster gucken und »Ich sehe was, was du nicht siehst« spielen und dieses Spiel macht sehr wenig Freude, wenn es draußen dunkel ist oder wenn man stundenlang durch den Wald fährt. Die Stimmung im Zugabteil war sehr bedrückend, Mama war ganz still und plötzlich, irgendwo in der ehemaligen DDR, kam eine Frau in Uniform in das Zugabteil. Sie wirkte sehr unfreundlich, sprach natürlich nur deutsch und sah damals in meinen Augen wie ein böser Mensch aus. Die Frau kontrollierte die Tickets und die Papiere von meiner Mutter, mir und dem Mann, der mit uns im Abteil saß, sprach wirres Zeug, stocherte mit einem Draht hinter den Postern der Sitze herum und fing an, unser Gepäck zu durchwühlen. Zum ersten Mal in meinem Leben: Angst. Die Frau verschwand dann auch Gott sei Dank wieder und ich betete, dass nicht noch mal so ein Mensch in den Zug kommt.

    Irgendwann war diese unendliche Zugfahrt vorbei und wir stiegen am Kölner Hauptbahnhof aus. Das ist also Deutschland, dachte ich, groß – aber den Bahnhof fand ich hässlich. Da stand auch schon ein Freund von meinem Papa und meinem Opa, der uns abholen sollte. Mein Papa musste arbeiten und Opa hatte noch kein Auto. Der Freund packte uns in sein Auto, ein tolles Auto. Eigentlich war es ein stinknormaler Renault in silber-metallic. Aber die Autos im Osten sahen halt anders aus, viel eckiger, sie waren unifarben und hatten in der Regel als Sonderausstattung nur ein Lenkrad und einen Schaltknauf. Wir hatten in Polen einen Fiat 500 in Erbsengrün und das fiel damals schon unter Luxus. Mit offenem Mund fuhren wir mit dem Auto in unser neues Zuhause. Es sah alles so groß, hell, modern und ordentlich aus. Die breite Autobahn ohne Schlaglöcher, alles nett bepflanzt die ganzen tollen bunten Werbetafeln, so viele Geschäfte und die Hausfassaden so sauber und ordentlich. Nicht so wie die von der schlesischen Luft verrußten, bröckeligen Hausfassaden aus meiner bisherigen Heimat.

    Gehacktes

    Die nächsten Wochen und Monate waren sehr aufregend für uns, es gab viele Dinge zu erledigen. Behördengänge, unsere Kiste ist angekommen und musste wieder ausgepackt werden, wir mussten eine eigene Wohnung für meine Eltern und mich suchen, der Umzug und vier Wochen nach Mama und mir kam auch meine Oma nach Deutschland. Man musste seine neue Heimat erkunden, es war ja alles neu und alles sah anders aus. Ein lustiges Beispiel: Gehacktes! Opa und ich stehen an der Fleischtheke und wollen einkaufen, es war einer meiner ersten Besuche in einem deutschen Supermarkt. Ich konnte ja kein Wort Deutsch, als ich hierher gekommen bin und konnte mit dem Wort »Gehacktes« nicht viel anfangen. Auch optisch konnte ich dieses Produkt nicht einordnen. Fleischige, spaghettiartige Schnüre?! In Polen gab es das nicht, zumindest sah es dort ganz anders aus. Ich war vorher auch mit Mama in Polen beim Metzger und hatte so etwas dort noch nie gesehen. Neugierig fragte ich meinen Opa, was das denn wäre. Fehler! Großer Fehler! Mein Opa liebt es, Blödsinn zu erzählen und Leute zu verarschen, und antwortete mir, dass das geschälte Regenwürmer sind und dass man das hier in Deutschland sehr viel äße und dass es sehr gesund sei. Schock! Bitte was?! Ich war traumatisiert, stapfte ganz still beim Einkaufen neben meinem Opa her. Ich registrierte weder die Süßwaren- noch die Spielzeugabteilung. Zuhause angekommen erzählte ich meiner Mutter von meinem neugewonnen Wissen. In diesem Moment fing Opa an ganz verschmitzt über mich zu lachen und klärte die Situation auf. Ich war immer noch irritiert. Dann fing Mama an mit Opa zu schimpfen, er solle mich doch nicht so verarschen, es wäre ja auch seine Schuld, dass ich keinen Käse esse. Das stimmte. Opa hat mal gesagt, da war ich noch ganz klein: Käsefüße heißen Käsefüße, weil man, wenn man viel Käse isst, Stinkfüße bekommt und die riechen dann so wie Harzer Rolle oder ähnliches. Opa war der Beste, Opa war ja auch schlau und das führte dann dazu, dass ich bis ich 12 Jahre alt geworden bin, keinen Käse angerührt habe und heute auch noch eine starke Antipathie gegen riechenden Käse habe.

    Erster Schultag

    Ohne jegliche Angst und Hemmungen trat ich meinen ersten Schultag in Deutschland an, drittes Schuljahr, von wegen zweites Schuljahr wiederholen. Nix da! Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Wohlgemerkt, ich konnte immer noch kein Deutsch, außer: Montag, Dienstag, Mittwoch, Gabel, Messer und Brot. Ich kam auch nicht in eine besondere Klasse, in der Kinder mit Migrationshintergrund gebündelt waren – Nein! Ich kam in eine ganz normale Schulklasse. Das einzige, was bei mir anders als bei meinen Klassenkameraden war, war die Tatsache, dass wenn der Rest der Klasse Kunst oder Religion oder andere Fächer zum Chillen hatte, ich mit anderen Kindern, die das gleiche Schicksal teilten wie ich, Förderunterricht hatte. Ich kannte da zwar keinen, aber das war mir auch relativ egal. Man lernte jeden Tag so viel Neues. Zum Beispiel, dass Adam der Bruder von Katharina, nicht zur Schule gekommen ist, weil er Pünktchen-Pünktchen hatte und dass Pünktchen-Pünktchen in Wirklichkeit Masern heißt. Oder ich suchte mit meinem Opa im Wörterbuch was »geil« heißt, weil das ein Junge zu mir gesagt hat, nur leider konnte ich mit der polnischen Übersetzung zu der Zeit auch nichts anfangen. Oder ich rätselte darüber, was mit »Willst du mit mir gehen?« gemeint war – Wohin? Wozu? Hä? Später wurde mir dann klar, dass der »tolle Hecht« vermutlich ausgerechnet von mir seinen ersten Korb – und das vor versammelter Klasse – bekommen hatte, dies wiederum erklärte die Änderung der Rang- bzw. Hackordnung und Änderung des Sozialverhaltens in der der Klasse mir und meinem Verehrer gegenüber. Sorry Michael – war keine Absicht. Ich hoffe nicht, dass du jetzt langfristige Schäden davongetragen hast. Trotzdem, dafür, dass ich zu Beginn null Peilung hatte, worum es im Unterricht überhaupt ging, das fing damit an, dass das »Guten Morgen Frau Steins« oder das mit den Fingern schnippen und »Frau Steins« rufen wie »Frosch eins« klang und im Wörterbuch auch dazu keine passende Übersetzung zu finden war, habe ich mich in der Schule gut durchgeschlagen. Ich bekam meinen ersten Rüffel, als ich in der Pause auf dem Klettergerüst meine Hose zerrissen habe und mich zu Hause umziehen gegangen bin, ohne Bescheid zu sagen. Ich konnte es überhaupt nicht verstehen, warum die Lehrerin sich so aufgeregt hat, ich konnte doch nicht mit halbnacktem Hintern durch die Schule laufen und darauf warten, bis mich die anderen Kinder auslachten.

    Dann machte ich unfreiwillig meine ersten Erfahrungen mit Gewalt und bösen Menschen: Ich ging die Treppe zu unserer Wohnung hoch, da kam mir ein Junge entgegen. Ich war acht, er vierzehn. Ich schwöre, ich habe nichts gemacht, absolut nichts, vielleicht zu ihm hochgeschaut und mehr nicht. Er ging die Treppe runter, ich hoch. Aus dem Nichts kam eine Faust geflogen, mitten in meine Visage. Heulend lief ich nach oben. Opa nahm mich in Empfang, hörte was passiert war, rannte die Treppe runter und kam kurze Zeit später mit dem Jungen am Arm gepackt wieder hoch. Dieser behauptete, ich hätte ihm den Stinkefinger gezeigt, was überhaupt nicht stimmte, weil ich diese Geste bis dahin noch gar nicht kannte. Erst nachdem er sich bei mir entschuldigt hatte, hat Opa seinen Arm losgelassen, der mittlerweile schon blau angelaufen war. Und wieder was Neues dazugelernt: es gibt tatsächlich auch böse Menschen. Ich merkte mir ganz genau das Gesicht dieses Jungen um darauf vorbereitet zu sein, wenn mir noch einmal einer wehtun möchte.

    Nach einem halben Jahr stand der nächste Schulwechsel an, meine Eltern hatten eine Wohnung gefunden, die 20 km weiter in einem anderen Ort war. Auch dort habe ich mich tapfer geschlagen, und ich schlug mich durch die Grundschule, ohne sitzen zu bleiben. Ich war zwar keine Musterschülerin mehr – und jetzt aufgepasst: In Polen gab damals es nicht nur Schuluniform, sondern auch eine Auszeichnung für Musterschüler, die man auch offiziell in der Schule tragen musste. Und jetzt stellt euch das mal hier vor, nicht die Uniform, sondern dieses Abzeichen: Musterschüler – das war symbolisch gleichzusetzen mit einem Feuermelder oder, anders ausgedrückt: »Hey, ich bin Streber, schlag mir in die Fresse!« So nah bei einander die Länder und so unterschiedlich die Kulturen. Ich hatte auch schon einige Freunde und mich mit einer von meinen Freundinnen auf Lebenszeit verkracht. Ich weiß zwar nicht mehr, warum ich ihr die Freundschaft gekündigt habe, aber es wird schon seinen guten Grund gehabt haben, wenn man kaum Freunde hat und dann auch noch eine Freundschaft kündigt.

    In der vierten Klasse gab es dann Sexualkunde, was für ein aus Osteuropa kommendes Kind, das sehr konservativ und katholisch erzogen wird, weniger etwas mit Aufklärung zu tun hat, sondern eher mit Schocktherapie. Besonders das Video von einer Geburt, das auf einer Riesenleinwand abgespielt wurde! Bäh! Diese Unterrichtseinheit habe ich bis zu meinem 12. Lebensjahr verdrängt. Die Erleuchtung folgte beim Fernsehabend mit meinen Eltern und Großeltern. Wir guckten gemeinsam Terra X, als sich irgendwelche Vögel in der Savanne besprungen haben, da hatte ich ein Dejà-vue. Plötzlich konnte ich mich noch daran erinnern, ich war ca. vier Jahre alt und habe mit meiner Mama Urlaub bei meiner anderen Oma auf dem Land gemacht, als der Hahn eine Henne angesprungen und angefangen hat, auf ihrem Kopf zu picken: »Mama, was machen die da?« Antwort: »Die hat nicht genug Eier gelegt. Jetzt schimpft der Hahn mit ihr.« Das klang logisch – keine weiteren Fragen und dann acht Jahre später vor dem Fernseher die Erleuchtung. »Mama, du hast mich damals angelogen!« Im Raum nur fragende Gesichter. Ich erinnerte meine Mutter daran, was sie mir vor einigen Jahren für ein Märchen aufgetischt hatte. Das war es dann mit Fernsehgucken. Das ganze Wohnzimmer lag auf dem Boden und hat sich gekrümmt vor Lachen. Ich fand es überhaupt nicht lustig, wenn wann angelogen wurde und hab auch nicht verstanden, warum die jetzt alle lachten. Ein weiteres Merkmal von mir kommt zum Vorschein, ich brauche für manche Dinge etwas länger als der gewöhnliche Homo sapiens und stehe oft auf dem Schlauch, aber ich komme meistens ans Ziel, wenn auch über Umwege.

    Nächster Schulwechsel

    Die 5. Klasse stand an, ich war nun zwei Jahre in Deutschland, mein Zeugnis war oberer Durchschnitt bis gut, ich hatte auch kurioser Weise eine bessere Note in Deutsch als die meisten »Einheimischen« aber die Empfehlung meiner Grundschule war, mich in eine Realschule zu schicken. Nicht mit meinem Vater! MEINE Tochter geht aufs Gymnasium, macht Abi, geht studieren und macht zehn Doktortitel und so weiter. Ja, klar, Papi. Ja, bei den Polen, okay, bei meiner Familie, hat der Mann, also mein Vater, immer das Sagen und er hat immer recht. Die Tradition wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Da ich leider Einzelkind bin, bin ich verpflichtet, diese Tradition fortzuführen, und ich nehme meine Aufgabe sehr, sehr ernst. Da wir in unserer Familie leider auch alle extrem beratungsresistent sind, kam ich dann tatsächlich aufs Gymnasium. Das war auch zunächst kein Problem. Ich war die einzige in der ganzen Klasse, die noch nicht einmal einen deutschen Schäferhund in ihrer Familie nachweisen konnte. Keiner, aber auch gar keiner von anfangs 23 Schülern hatte auch nur den Hauch von Migrationshintergrund. Erschwerend kam noch hinzu, dass es sich um ein ehemaliges

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