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Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids: Ein SPIEGEL E-Book Geschichte

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Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids: Ein SPIEGEL E-Book Geschichte

Bewertungen:
1/5 (1 Bewertung)
Länge:
312 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 13, 2016
ISBN:
9783877631584
Format:
Buch

Beschreibung

Seit dem Wahlsieg des als Hardliner bekannten israelischen Premiers Benjamin Netanyahu scheinen die Chancen einer friedlichen Einigung mit den Palästinensern weiter drastisch gesunken. Ist eine Zwei-Staaten-Lösung noch möglich? Warum ist es überhaupt so schwierig, einen Ausgleich zwischen den beiden Völkern zu erreichen?
Um Israel und den Nahost-Konflikt zu verstehen, muss man zurückblicken. Das E-Book "Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids" bietet eine historische Rückschau und erzählt die einzigartige Geschichte des jüdischen Staates.
Viele Kriege und blutige Konflikte mit den arabischen Nachbarn und besonders den Palästinensern bestimmen die Entwicklung Israels. Dabei stand am Anfang ein großer Traum: die Sehnsucht der bedrängten europäischen Juden, eine eigene "Heimstätte" in Palästina zu gründen, vom zionistischen Vordenker Theodor Herzl 1896 zum politischen Programm formuliert. Vom 19. Jahrhundert schlägt das E-Book den Bogen über die erste Einwanderung, die britische Mandatszeit in Palästina bis zur Staatsgründung, um von dort Kriege, palästinensische Aufstände und den Friedensprozess zu beschreiben, aber auch Konflikte im Inneren der israelischen Gesellschaft.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 13, 2016
ISBN:
9783877631584
Format:
Buch

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Buchvorschau

Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids - SPIEGEL-Verlag

Inhaltsverzeichnis


Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids

Vorwort


Neuanfang im Heiligen Land

Aufstieg nach Jerusalem

Die erste Einwandererwelle

„Wir sind ein Volk"

Theodor Herzl erfand in Europa den jüdischen Staat

Schamloser Pakt

Wie sich Frankreich und Großbritannien den Nahen Osten aufteilten

Hintergrund

Die britische Mandatszeit

„Schau gut hin, vergiss das nicht"

Die Geschichte der Holocaust-Überlebenden Schoschana Rabinovici


Staat im Aufbau

Die einzige Chance

Die Ausrufung Israels im Mai 1948 geschah auf fragwürdiger Rechtsgrundlage

Dokument

Auszüge aus dem Tagebuch von David Ben-Gurion

Zwei Seelen in einem Körper

Warum Ben-Gurion den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern für unlösbar hielt

Kleiner großer König

Als die jordanische Monarchie sich mit Israel versöhnte

Siedler in der Nacht

Wie ein junger Kibbuznik die Anfänge Israels erlebte

Fliegender Teppich

Viele arabische Juden sahen sich vom Gelobten Land bitter enttäuscht

Nahaufnahme

Das Dilemma der Araber mit israelischem Pass


Kriege und Frieden

"Grundfels unserer Existenz

Der Sechstagekrieg 1967 wurde zum Wendepunkt

Die vorsichtige Weltmacht

Das wechselvolle Verhältnis zwischen Russland und Israel

Ortstermin

Ein Nukleartechniker verriet Israels Atomgeheimnis

Der große Schatten

Geheimdienst Mossad: Ein Mythos wird entzaubert

Gelobtes Land

Ex-Uno-Generalsekretär Boutros-Ghali über den Besuch Sadats in Jerusalem

Intifada

PLO-Chef Jassir Arafats Schwenk vom bewaffneten Kampf zum Dialog mit Israel

„Gott ist kein Makler"

Interview: Der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat über die Besatzung

„Die Nacht muss enden"

Reportage aus einem palästinensischen Flüchtlingslager

Verlorene Heimat

Die ungelöste Flüchtlingsfrage


Leben im Ausnahmezustand

Ende der Giganten

Das besondere Verhältnis der USA zu Israel

Ringen ohne Gewinner

Vergebliche Friedenspläne

Mutig und scheu

Ex-Botschafter Avi Primor über den ermordeten Friedensstifter Yitzhak Rabin

„Der Morgen nach der Hochzeitsnacht"

Gespräch mit dem Schriftsteller Amos Oz über Jerusalem und den tragischen Konflikt

Esthers Erben

Iran und Israel, vermeintliche Erzfeinde, verbindet eine überraschende Geschichte

Stunde der Bewährung

Wie Deutschland und Israel nach dem Holocaust zueinanderfanden

„Auch Israel hat Gelegenheiten verpasst"

Interview: Ex-Präsident Shimon Peres glaubt weiter an eine Zwei-Staaten-Lösung

Nationales Pulverfass

Der Konflikt zwischen Säkularen und Orthodoxen

Vaterland, Mutterland, mein Land?

Die Schriftstellerin Yael Hedaya beschreibt ihr Israel

Zionisten im Cyberspace

Israels Hightech-Wunder im „Silicon Wadi"


Anhang

Buchempfehlungen

Impressum

Israel - Land der Hoffnung, Land des Leids • Einleitung

Vorwort

Während Israel alljährlich seine Staatsgründung am 14. Mai 1948 feiert, gedenken die Palästinenser einen Tag später ihrer Flucht und Vertreibung. Die Geschichte des jüdischen Staates ist untrennbar mit dem Schicksal der Palästinenser verwoben, die bis heute auf ihre nationale Unabhängigkeit warten. Viele Kriege und blutige Konflikte mit den arabischen Nachbarn bestimmen die Entwicklung Israels, die dieses Heft mit Reportagen, Interviews und historischen Hintergrundberichten ausleuchtet. Dabei stand am Anfang ein großer Traum: die Sehnsucht der bedrängten europäischen Juden, eine eigene Heimstätte in Palästina zu gründen. Der Traum ging 1948 in Erfüllung, doch der Konflikt ist noch immer ungelöst. Dabei wären Kompromisse möglich: Jerusalem könnte die Hauptstadt für beide Völker sein, sagt der preisgekrönte Schriftsteller Amos Oz im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteurin Annette Großbongardt. Einen faszinierenden Einblick in das Denken des Staatsgründers David Ben-Gurion liefert der israelische Historiker Tom Segev.

Zu den Holocaust-Überlebenden, die in Israel eine neue Heimat fanden, gehört Schoschana Rabinovici. Redakteurin Anke Dürr hat sie in Tel Aviv besucht und erzählt ihre Geschichte. „In Israel kam sie in ein Land der Helden, es war ein schwieriger Anfang", sagt Dürr.

Israel-Korrespondentin Nicola Abé zeichnet den Weg dreier Generationen einer palästinensischen Familie im Flüchtlingslager. „Ein trostloser Ort, die Enge ist lebensfeindlich, so Abé. Der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat sieht die Verhältnisse in den besetzten Gebieten gar als eine neue „Apartheid. Dennoch glaubt er noch an einen Frieden. Diese Hoffnung hat auch Israels Expräsident Shimon Peres, der mahnt: „Wenn wir ein demokratischer jüdischer Staat bleiben wollen, dann müssen wir auf einen Teil des Landes verzichten." Das Schwanken zwischen Liebe und Verzweiflung über ihr Israel reflektiert die Schriftstellerin Yael Hedaya in einem sehr persönlichen, humorvollen Essay.

Wie Ägypten seinen Frieden mit Israel fand, beschreibt ein prominenter Ägypter: Boutros Boutros-Ghali, einst Uno-Generalsekretär. Er begleitete 1977 Staatschef Anwar al-Sadat bei seinem historischen Besuch in Israel und zum Friedensgipfel 1978 in Camp David. Redakteur Dieter Bednarz hat in Israel iranischstämmige Juden besucht und schildert das einst überraschend gute Verhältnis zwischen beiden Ländern. In welchem Maße Israel auch eine Erfolgsgeschichte ist, sah Redakteurin Annette Bruhns, die dieses Heft konzipiert hat, bei ihren Recherchen zum Gründer-Boom in der israelischen Hightech-Branche. „Das Silicon Wadi ist der kleine Bruder des amerikanischen  Silicon Valley", sagt sie.

Neuanfang im Heiligen Land

Aufstieg nach Jerusalem

In der „Ersten Alija" zogen im 19. Jahrhundert Zehntausende Juden aus Osteuropa nach Palästina – sie flohen vor Pogromen und Diskriminierung. Von Jan Puhl

Im Sommer 1882 ankerten vor der Küste Palästinas immer wieder Dampfschiffe aus Europa. Die Behörden des Osmanischen Reichs hatten ihnen die Einfahrt in die Häfen verwehrt. Also gingen die Neuankömmlinge von Bord und schipperten in Rettungsbooten ins Gelobte Land: Juden aus Russland und Rumänien, Intellektuelle mit Nickelbrillen, Musiker, Familien, die ihre wenige Habe über dem Kopf durch die Brandung an den Strand bugsierten.

In den nächsten gut 20 Jahren sollten bis zu 30 000 Neusiedler eintreffen. Sie kamen, um zu bleiben: Sie wollten endlich frei von Diskriminierung, ohne Angst und Pogrome leben können. Diese Einwanderungswelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts nennt die jüdische Geschichtsschreibung die „Erste Alija".

Der Begriff stammt aus der Bibel und meint wörtlich den Aufstieg zum Tempel der Heiligen Stadt Jerusalem. Seit dem Babylonischen Exil bezeichnet er die Heimkehr von Juden ins Gelobte Land. Immer wieder hatte es im Mittelalter und später kleinere und größere Immigrationsschübe gegeben. Häufig war es die religiös-spirituelle Sehnsucht nach dem Land der Bibel, die die Immigranten trieb. Der jüdische Tanach, für Christen das Alte Testament, wimmelt von Textstellen, in denen Juden nach Palästina gerufen werden: „Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört – sein Gott sei mit ihm –, der soll nach Jerusalem in Juda hinaufziehen und das Haus des Herrn, des Gottes Israel aufbauen", heißt es etwa im Buch Esra.

So siedelten Juden immer wieder in Palästina und mischten sich unauffällig unter die muslimische und christliche Bevölkerung. 1882, als die Alija begann, lebten nur etwa 13 000 Juden unter rund 27 000 Christen und 300 000 Muslimen.

Die Olim (so der hebräische Name der Einwanderer) der Ersten Alija wurden jedoch zunehmend von politischen Motiven bewegt: Es waren die ersten Zionisten, die an den Aufbau einer jüdischen Nation in ihrer biblischen Heimat glaubten.

1881 hatte diese Vorgeschichte des modernen Israel mit einer Katastrophe ihren Anfang genommen: Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. durch Revolutionäre fielen vielerorts Russen über ihre jüdischen Nachbarn her.

„Zuerst beginnt eine verhältnismäßig unbedeutende Gruppe, dann wächst sie meist lawinenartig an und verübt den Vernichtungsprozess in einer gewissen Ordnung: Laden nach Laden, Wohnung nach Wohnung, Straße nach Straße – also geht es immer weiter, beschreibt der Zeitgenosse Leo Motzkin die Pogrome: „Stundenlang, ja tagelang dauert die Hetzjagd an, die Luft mit dem wilden Halloh der aktiven Excedenten, dem Jubeln und Johlen der raubenden festlichen Masse, dem Geschrei der Geängstigten und dem Gestöhn der Misshandelten, Verhöhnten, Vergewaltigten erfüllend.

Hunderte Tote, Tausende Verletzte, mehr als 200 Vergewaltigungen und Schäden von über zehn Millionen Rubel – diese Bilanz der Übergriffe war schon schlimm genug. Doch löste die Reaktion der zaristischen Behörden darauf einen tief greifenden Stimmungswandel unter den Juden Europas aus: In Russland waren sie jahrhundertelange Diskriminierung gewöhnt. Die Zaren hatten ihnen Grunderwerb verboten und sie von etlichen Berufen ausgeschlossen und nur in bestimmten Ansiedlungsgrenzen wohnen lassen – junge Juden aber trotzdem zum Militärdienst gezogen.

Die zaristische Polizei tat wenig, die jüdischen Bürger zu schützen – da begann ein Stimmungswandel.

Doch als nun die Pogrome ausgebrochen waren, tat die zaristische Polizei wenig, um die Juden zu schützen und die Täter dingfest zu machen. Im weißrussischen Homel ging sie 1903 sogar gegen eine jüdische Bürgerwehr vor – sodass der Mob sozusagen unter Polizeischutz plündern konnte. Hartnäckig hielten sich auch Gerüchte, der zaristische Geheimdienst haben die Pogrome mit provoziert, um Unzufriedenheit im Volk auf einen Sündenbock zu lenken. Die Judengesetze wurden sogar noch verschärft.

Besonders die assimilierten Intellektuellen der Juden fühlten sich verraten. Jahrzehntelang hatten sie versucht, sich Brauchtum und Sprache der Mehrheit anzueignen. Doch führten ihnen die Pogrome und deren Duldung durch die Obrigkeit drastisch vor Augen, dass ihnen die Anpassung keine Sicherheit brachte.

Auch Leon Pinsker, ein Arzt aus Odessa, erlebte diese Enttäuschung. Ursprünglich ein Befürworter der Assimilation, entwickelte er sich zu einem frühen Vordenker des jüdischen Nationalismus: Die Juden seien eine historische, sprachliche, kulturelle und religiöse Einheit, war seine Grundthese. 1882 erschien seine Schrift anonym: „Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden".

„Schließt nur die Augen und versteckt den Kopf wie der Strauß – ein dauernder Friede ist Euch nicht beschieden, mahnte er die Juden. Sie bildeten im „Schoße der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich ein heterogenes Element, welches von keiner Nation gut vertragen werden kann, schrieb er: „Die Welt erblickte in diesem Volke die unheimliche Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt."

Die Feindschaft der anderen Völker sei daher natürlich, die „Judophobie eine über zwei Jahrtausende vererbte „Psychose, die Assimilierung zum Scheitern verurteilt.

Die Juden müssten sich ihrer Würde besinnen, die „über den ganzen Erdboden verteilte Herde der Juden müsse zusammenfinden und sich ein Heim suchen: „Wir brauchen nichts als ein großes Stück Landes für unsere armen Brüder, welches unser Eigentum bleiben soll, aus dem kein fremder Herr uns verdrängen könnte.

Dieses Land sei natürlicherweise Palästina. Wobei sich Pinsker klar war, dass die Gegend durchaus bewohnt war. Die jüdischen Siedler, das sieht sein Konzept der Selbstemanzipation ausdrücklich vor, sollten sich ihre Parzellen kaufen, nicht rauben oder einfach besetzen.

Pinskers Schrift fand vor allem unter den Juden Osteuropas großen Anklang. Etliche Siedlungsgesellschaften bildeten sich, die zum Ziel hatten, Kolonisten in Palästina und Syrien zu unterstützen. Eine davon war Chibbat Zion, die Pinsker zu ihrem Präsidenten wählte.

Begeisterte Chibbat-Zion-Anhänger wurden Pioniere der Ersten Alija. Ihr Ziel war es nicht unbedingt, nach Jerusalem zu gehen, um dort das urbane Leben fortzusetzen, das sie in Odessa, Kiew oder Warschau geführt hatten. Sie wollten eigene bäuerliche Siedlungen gründen. Sie wollten nicht einfach den Wohnort wechseln, sie wollten Land unter den Pflug nehmen, um den Juden eine Heimat zu schaffen. Einige ihrer Gründungen sind heute Kleinstädte: Rishon le Zion, Zichron Jakob und Rosch Pina. In Rishon wird ein Brunnen der Alija-Pioniere aus dem 19. Jahrhundert noch heute den Touristen vorgeführt.

Widerstand gegen die Landnahme kam zunächst nicht einmal so sehr von der eingesessenen Bevölkerung. Zwar legten die osmanischen Behörden den Neusiedlern einige Hürden in den Weg. So durften sie zum Beispiel keine neuen Häuser bauen, mussten zum Teil in Zelten wohnen, bis ihnen die arabischen Nachbarn eine Behausung verkauften.

Die Neusiedler schafften es kaum, sich von den Feldfrüchten zu ernähren, die sie versuchten anzubauen, nicht selten hungerten sie: „Unter den ungewohnten klimatischen Verhältnissen, von glühender Hitze, Wechselfieber und Augenkrankheiten geplagt, arbeiteten die Pioniere der Kolonisation mit jenem Schwung, zu dem allein ein hohes Ziel zu befähigen mag, schrieb der jüdische Historiker Simon Dubnow in seiner zehnbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes bewundernd: „Sie mussten steinigen, seit Jahrhunderten vom Pflugeisen nicht mehr berührten Boden aufackern, in dem wasserarmen Lande abgrundtiefe Brunnenschächte graben."

Dann kam ihnen aber ein „bekannter Wohltäter" zu Hilfe. Dahinter verbarg sich der Multimillionär Edmond James de Rothschild mit seinem Engagement für die jüdische Sache in Palästina.

1845 in Frankreich geboren, hatte der Bankierssohn später einen Teil des Pariser Bankhauses geerbt, das sein Vater aufgebaut hatte. Doch die Hochfinanz hatte den jungen Edmond nie wirklich interessiert. Er las viel, trug eine legendäre Kunstsammlung zusammen – und war begeistert von der Idee einer Heimstatt der Juden im Gelobten Land.

Schon 1882 kaufte er über Agenten Grundstücke dort auf, die er an Siedler weitergeben wollte. In sieben Jahren kamen so 25 000 Hektar Land zusammen.

Er sponserte Neuankömmlinge, er entsandte Agrarspezialisten, die ihnen den Wein- und Gartenbau beibringen sollten. Nach und nach nahm der Wohltäter Rothschild fast alle neuen Kolonien unter seine Obhut. Er ließ Synagogen, Spitäler, Häuser, Schulen und Kinderheime bauen. Den Siedlern zahlte er je nach Kinderzahl ein festes Gehalt.

Allerdings verhalfen auch die Dollar-Millionen des Barons, 50 sollen es Experten zufolge gewesen sein, dem jüdischen Siedlungswerk zunächst nicht zum Durchbruch. „Das Schlimmste war aber, dass mit dem Schwinden des Anreizes zur Arbeit, der durch das Unabhängigkeitsbewusstsein sowie durch die Freude am Ertrage der eigenen Scholle bedingt war, auch die Arbeitsenergie der Kolonisten in ständigem Sinken begriffen war", schreibt der Historiker Dubnow.

Es kam zu Konflikten mit den Vorarbeitern und Experten Rothschilds. Aufruhr und Ungehorsam ihrer Schutzbefohlenen ließen diese sogar mitunter von der osmanischen Polizei bestrafen. Viele Kolonisten gaben auf, zogen nach Europa zurück oder weiter in die USA.

So gelang es den Siedlern der ersten Einwanderungswelle nicht, wirklich Fuß zu fassen in der neuen Heimat; das gelobte Land erwies sich als heiß, staubig und wenig fruchtbar. „Dennoch war die Erste Alija der Beginn eines nur langsam anlaufenden, aber folgenschweren Prozesses", schreibt der israelische Historiker Shlomo Sand.

Seit Beginn der ersten Pogromwelle hatten 1882 bis 1903 mehr als 2,5 Millionen Juden Osteuropa verlassen, sie waren aber häufig in die USA oder etwa nach Frankreich ausgewandert. Die jüdische Bevölkerung Palästinas war in dieser Zeit nur auf 50 000 gewachsen.

Doch die Erste Alija brachte auch bahnbrechende Erfolge: Einer ihrer prominentesten Teilnehmer, der Schriftsteller und Journalist Eliezer Ben-Jehuda, der 1858 in der Nähe von Wilna geboren worden war, entwickelte das moderne Hebräisch. Er schuf aus der sakralen Sprache der jüdischen Heiligen Schriften eine Alltagssprache für die Juden, die in den nächsten Jahrzehnten noch aus Russland und ganz Europa nach Palästina kommen sollten und dort bisher Aramäisch, Ladino oder Türkisch sprachen. Ben-Jehuda träumte von der „Wiedergeburt Israels auf dem Boden seiner Ahnen", für ihn war die gemeinsame Sprache unerlässlich für eine Nation. Hebräisch ist, neben Arabisch, heute Israels Landes- und Amtssprache.

Auf die erste Alija folgte ab 1904 eine zweite – später eine dritte, vierte, fünfte und sechste. Theodor Herzl hatte mit seinem Buch „Der Judenstaat" mittlerweile so etwas wie ein Nationalmanifest verfasst.

Die Teilnehmer der zweiten Besiedlungswelle ließen sich schon nicht mehr nur von verträumten Agrarutopien leiten, sondern strebten nach einem eigenen Staat. Sie investierten in Industrie, gründeten Parteien. Manche trieben sozialistische Ideen um. Unter ihnen war auch ein junger Journalist aus Plonsk im heutigen Polen: David Ben-Gurion der spätere Staatsgründer. 

Neuanfang im Heiligen Land

IVRIT

Israels Sprache

„Je mehr das nationale Konzept in mir wuchs, schrieb der junge russische Jude Eliezer Perelman alias Ben-Yehuda, „desto mehr kam mir zu Bewusstsein, was eine gemeinsame Sprache für eine Nation bedeutet! Die Schaffung einer jüdischen Alltagssprache sollte zur Lebensaufgabe werden. Dabei verwandelte Ben-Yehuda das bisher liturgische, für religiöse Studien benutzte Hebräisch in das moderne Ivrit. In Jerusalem gründete er den Vorläufer der Akademie für die Hebräische Sprache und begannn ein Wörterbuch des Hebräischen. Für den modernen Sprachgebrauch prägte er neue Vokabeln, etwa für Fahrrad, Eiscreme, Strom, Puppe oder Marmelade. Sein 1882 geborener Sohn Ittamar durfte nur Hebräisch sprechen Mit seiner Mutter vollendete dieser nach dem Tod des Vaters das 17-bändige Wörterbuch.

Neuanfang im Heiligen Land

1882–1947

Anfang in Palästina

ab 1882 Nach antisemitischen Pogromen in Osteuropa strömen Zehntausende Juden während der Ersten Alija in das unter osmanischer Herrschaft stehende Palästina.

1897 Theodor Herzl organisiert in Basel den ersten Zionistenkongress. Die Versammlung beschließt die Schaffung einer jüdischen „Heimstätte"in Palästina.

1917 Die spätere Mandatsmacht Großbritannien befürwortet in der Balfour-Deklaration die Errichtung einer „nationalen Heimstätte" für Juden in Palästina.

1929 Nach einem Streit um die Klagemauer in Jerusalem und Unruhen zwischen Arabern und Juden werden beim Massaker von Hebron 67 jüdische Zivilisten ermordet. 

1936 Der Mufti von Jerusalem gründet das Arabische Hohe Komitee. Es leitet den „Arabischen Aufstand" ein gegen die britische Besatzung und die jüdische Immigration. 

1937 Die britische Peel-Kommission legt den ersten Teilungsplan für Palästina vor. Der arabische Teil ist darin größer als der jüdische. Die arabische Seite lehnt ihn trotzdem ab. 

ab 1945 Über 70 000 Juden versuchen auf Schiffen der „Clandestine Fleet" illegal einzuwandern. Die Mehrzahl wird von der britischen Marine aufgebracht, darunter 1947 die „Exodus". 

1946 91 Menschen sterben beim Anschlag auf das King-David-Hotel in Jerusalem durch Attentäter der zionistischen Untergrundmiliz „Irgun".

1947 Die Uno beschließt den Teilungsplan für Palästina, der einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsieht. Die Palästinenser protestieren gewaltsam, ein Bürgerkrieg beginnt. 

Arabische Welt

1915 Der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, verspricht Hussein bin Ali, Scherif von Mekka, die Unabhängigkeit der Araber in einem geheimen Briefwechsel.

1916–1918 Hussein bin Ali ruft die Beduinen des Hedschas zur Arabischen Revolte gegen die Osmanen – an der Seite der Entente-Mächte England, Frankreich und Russland.

1916 Ein französischer und ein britischer Diplomat verhandeln das geheime Sykes-Picot-Abkommen, das den Nahen Osten zwischen den beiden europäischen Mächten aufteilt. 

1921 Das neue Königreich Irak kürt Faisal I., Sohn des Scherifen von Mekka, zu seinem ersten Herrscher. 1932 entlassen die Briten das Land in die Unabhängigkeit.

1922 Ägypten wird von seiner Schutzmacht Großbritannien weitgehend in die Unabhängigkeit entlassen. 15 Jahre später nimmt der Völkerbund das Land auf.

1923 Mustafa Kemal Pascha („Atatürk") ruft die Türkische Republik aus, das Osmanische Reich geht unter. Atatürk verwandelt das Land in einen modernen, säkularen Staat.

1935 Die von Schah Resa Pahlewi geforderte Bezeichnung „Iran" für Persien wird international anerkannt. Reformen modernisieren das rückständige Land.

1941 Der französische General Georges Catroux verkündet die Unabhängigkeit des Libanon. Zwei Jahre später wird die erste libanesische Regierung gewählt.

1946 Im April wird die Syrische Republik unabhängig; die französische Armee zieht ab. Das Königreich Transjordanien wird im Mai unabhängig von Großbritannien.

Neuanfang im Heiligen Land

„Wir sind ein Volk!"

Der Wiener Journalist Theodor Herzl entwickelte 1896 die Idee eines jüdischen Staates – eine Reaktion auf den Antisemitismus in Europa. Von Hans-Ulrich Stoldt

Der hochgewachsene Mann mit dem stattlichen schwarzen Bart ist bereits vier Tage vor der Konferenz in Basel eingetroffen. Nichts will er dem Zufall überlassen, denn er plant etwas Großes, und es muss gelingen!

Der Tagungsraum, den seine Mitarbeiter ausgesucht haben, passt ihm schon mal nicht: ein einfaches Bierlokal mit Bühne und billiger Dekoration – für einen so wichtigen Kongress! Schnell wird der Vertrag gekündigt und das würdige, elegante Stadtkasino angemietet; das ist ein angemessener Ort für seine Demonstration vor der ganzen Welt.

Monatelang hat Theodor Herzl, 37, auf dieses Ziel hingearbeitet, jedes Detail geplant und allerlei Widerstände überwunden. Doch nun, am 29. August 1897, ist es geschafft. Alles ist bereit für das große Ereignis – den ersten „Zionistenkongress".

Hier in Basel will Herzl Juden aus aller Welt hinter einer, seiner Idee vereinen: der Gründung eines eigenen jüdischen Staates.

Delegierte aus zahlreichen Ländern sind angereist, aus West- und Osteuropa, aus Afrika und von Übersee. Und während draußen die heiße August-Sonne brennt, ziehen sie in den Konferenzraum ein, vornehm gekleidet, mit Frack und weißer Halsbinde, ganz so, wie es Herzl in seiner Einladung erbeten hatte. „Die Feiertagskleider machen die meisten Menschen steif, findet er, und das sei von Vorteil, weil dadurch „sofort ein gemessener Ton entstehe. Denn seriös soll alles sein und auch so wirken – dem Ernst des Anliegens entsprechend.

Als Herzl nun gemessenen Schritts die Bühne betritt, brandet minutenlanger, tosender Beifall auf. „Als ich ihn in seiner vollkommenen Schönheit sah, als ich in seine Augen blickte, die mir ein mystisches Geheimnis zu verbergen schienen, da jauchzte es in meiner Seele auf, notierte später ein polnischer Delegierter verzückt, „das ist ER, der Ersehnte, der Heißgeliebte, der Gesalbte des Herrn, der Messias.

Der Messias? Früher hätte Herzl darüber nur gelacht. Damals, als er sich noch mit seinen Freunden aus der schlagenden Burschenschaft Albia in Wiener Kneipen herumtrieb und sich Tankred nannte statt Theodor. Und später dann als Kaffeehausliterat, Bühnenschriftsteller und Feuilletonist.

Religion hatte im Alltag seiner jüdischen Familie im

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