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Noch mehr Krimis für den Urlaub: Acht Krimis

Noch mehr Krimis für den Urlaub: Acht Krimis

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Noch mehr Krimis für den Urlaub: Acht Krimis

Länge:
1,001 Seiten
11 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 11, 2019
ISBN:
9781524273705
Format:
Buch

Beschreibung

Noch mehr Krimis für den Urlaub

Alfred Bekker, Uwe Erichsen & Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 757 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Schade um Maria

Alfred Bekker: Ein Freund des Inspektors

Horst Bieber: Simone und das Geheimnis des Biotits

Alfred Bekker: Eine Kugel für den Kurier

Alfred Bekker: Der Verräter

Alfred Bekker: Toter Killer

Uwe Erichsen: Höhenrausch

Alfred Bekker: Die Waffe

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

HORST BIEBER wurde mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet. UWE ERICHSEN wurde außer mit seinen spannungsgeladenen Thrillern durch die Verfilmung seines Romans "Die Katze" mit Götz George und Gudrun Landrebe in Hauptrollen bekannt. Darüber hinaus verfasste er Drehbücher für TV-Krimi-Serien.

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Herausgeber:
Freigegeben:
May 11, 2019
ISBN:
9781524273705
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Noch mehr Krimis für den Urlaub - Alfred Bekker

Publisher

Noch mehr Krimis für den Urlaub

Alfred Bekker, Uwe Erichsen & Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 757 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Schade um Maria

Alfred Bekker: Ein Freund des Inspektors

Horst Bieber: Simone und das Geheimnis des Biotits

Alfred Bekker: Eine Kugel für den Kurier

Alfred Bekker: Der Verräter

Alfred Bekker: Toter Killer

Uwe Erichsen: Höhenrausch

Alfred Bekker: Die Waffe

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

HORST BIEBER wurde mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet. UWE ERICHSEN wurde außer mit seinen spannungsgeladenen Thrillern durch die Verfilmung seines Romans „Die Katze" mit Götz George und Gudrun Landrebe in Hauptrollen bekannt. Darüber hinaus verfasste er Drehbücher für TV-Krimi-Serien.

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors; Cover Hendrik M. Bekker

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Schade um Maria

Krimi von Uwe Erichsen

Auch in seiner Freizeit geht Jürgen Teske auf Verbrecherjagd. Der junge Polizeibeamte weiß, dass seine Eigenmächtigkeit ihn die Uniform kosten kann, aber er hat keine andere Wahl. Maria, seine Schwester, ist verschwunden, und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, sie zu finden. Ein Mädchen, das einmal an der Nadel hängt, hat in der Hand eines skrupellosen Zuhälters kaum noch eine Chance...

1

»Es ist schön hier« , sagte sie versonnen.

Der dünne Morgennebel über dem Rasen des weiten Parks und die dichten Hecken aus Buchsbaum und Feuerdorn erinnerten sie an zu Hause.

Zu Hause.

Sie spürte einen Stich. Wenn ihre Mutter sie so sähe, oder ihr Bruder. Sie knotete das dünne Batisttuch fester um ihre Hüften, bevor sie sich umwandte.

Sie spürte Peters Blicke auf ihren Brüsten. Er lag auf dem breiten, mit schwarzen Laken bezogenen Bett und sah sie von unten herauf an. Seine breiten Schultern und die behaarte Brust waren für sie der Inbegriff der Männlichkeit gewesen, als sie ihn kennenlernte. Dabei war er anfangs so zärtlich und verständnisvoll gewesen. Ihre Jungfräulichkeit hatte er als Geschenk betrachtet — und genommen.

Seit kurzem sah sie ihn mit anderen Augen an. Sie war blind gewesen in der ersten Zeit. Bald hatte sie erkannt, dass er kein Student gewesen war, wie er behauptet hatte. Sie hatte sich eingeredet, dass es ihr nichts ausmachte. Und sie hatte sich nicht gefragt, wovon er lebte, wovon er den amerikanischen Wagen mit den roten Lederpolstern oder die große Wohnung in Hamburg, hoch über dem Jungfernstieg, mit Blick auf die Binnenalster, bezahlte.

Und gestern hatte er sie mit hierher genommen. Ein Wochenende in einem alten Schloss irgendwo in Schleswig Holstein, sie wusste nicht einmal genau, wo es lag. Irgendwo zwischen Malente und Plön. Zuerst war sie aufgeregt gewesen wie ein Kind, aber am Abend war ihr jäh bewusst geworden, dass sie wie in einem Traum lebte.

Dieses hier war nicht ihre Welt, aber auch Peter Reimers passte hier nicht hinein, genauso wenig wie die Anderen, die sie gestern Abend kennen gelernt hatte. Ihre Sprache war zu gewöhnlich, ihr Bemühen, ihr Benehmen der Umgebung anzupassen, war etwas zu anstrengend ausgefallen.

Peter Reimers und sein Freund Karl, der Schlossbesitzer. Pferde in den Boxen, in den Garagen Porsches und große BMW Limousinen.

Um ein Haar wäre sie beeindruckt gewesen. Sie, das naive Mädchen aus der Heide. Wenn da nicht die Mädchen gewesen wären. Zu viele Mädchen, zu leicht bekleidete Mädchen.

»Warum warst du so unfreundlich zu Karl?«, fragte Peter unvermittelt.

Sie sah ihn befremdet an, aber seine Frage überraschte sie nicht wirklich. Sie hatte genau gespürt, wie dieser Karl sie anstarrte. Ihm gehörte nicht nur das Schloss. Während der Fahrt hier herauf hatte Peter ihr von Karl erzählt. Ihm gehörten mehrere Häuser in Hamburg. Und einige Hotels und Gaststätten auf St. Pauli. Sie hatte es Peters Stimme anmerken können, dass es mehr war als Bewunderung, die er seinem Freund Karl entgegenbrachte. Vielleicht Respekt, hatte sie geglaubt, bis sie ihn gestern Abend vor dem Kamin beobachtet hatte. Es war Unterwürfigkeit. Speichelleckerei. Peter war wie ein Hund, der um die Aufmerksamkeit seines Herrn bettelte.

Karl war ein eitler feister Mann und mindestens fünfzig. Sie hatte genau gesehen, wie er die anderen Mädchen betatscht hatte. Wie ein Viehhändler, der die ihm angebotene Ware prüfte. Den Mädchen schien es nichts ausgemacht zu haben.

Sie bemerkte Peters lauernden Blick. Er wartete immer noch auf ihre Antwort. Ihr lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber sie wusste jetzt, dass sich zwischen ihr und Peter etwas verändert hatte. Bis gestern hatte sie es nicht erkennen wollen. Sein lauernder Blick machte ihr Angst. Deshalb suchte sie eine Antwort, die seiner Frage die Spitze nahm.

»Ich hatte den Eindruck, als ob er versorgt wäre«, sagte sie leichthin.

Peter Reimers lachte. Die Antwort gefiel ihm. Er sprang aus dem Bett und kam auf sie zu. Er trug einen durchsichtigen Nylonslip, der nur sein Glied umhüllte und es wie die unförmige Nase eines Gnoms aus dem krausen Schamhaar hervorstehen ließ.

Sie spannte kurz die Schultern, als er vor ihr stand, aber als er sie berührte, lockerte sie die Muskeln wieder. Sie spürte nichts, als seine Hände über ihre Brüste strichen, an der Seite hinab und über die Hüften nach hinten wanderten und dann ihre Hinterbacken kneteten.

»Hätte es dir was ausgemacht, mit ihm . . .«

Sie beugte den Kopf nach hinten, um ihn besser sehen zu können. Er versuchte erst, ihrem Blick auszuweichen, doch dann sah er sie voll an.

»Hätte es dir etwas ausgemacht?«, wiederholte sie.

Eigenartig, sie hatte keine Angst vor der Antwort. Weil sie sie kannte?

»Unter Freunden stellt man sich nicht so an.« Er lachte etwas zu laut. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper.

»Ich möchte mich anziehen«, sagte sie.

»Es gibt noch lange kein Frühstück«, sagte Peter.

Er presste seinen Mund auf ihre Lippen, während er seinen Slip abstreifte und das dünne Batisttuch von ihrer Hüfte zerrte. Sie spürte sein heißes Glied an ihrem Bauch, und sie hielt den Atem an.

»Was hast du auf einmal?«, fragte er heiser. Mit einer Hand versuchte er, ihre Schenkel auseinander zu zwingen.

»Ich will nicht, ich kann jetzt nicht, ich habe Kopfschmerzen, ich muss mich erst waschen . . .«

Er lachte, als er sie aufhob, sie herum schwang und auf das Bett warf. O Gott, dachte sie, als sie seine Finger in ihrem Gesicht spürte. Er zwang sie, den Mund zu öffnen, zwängte eine rote Pille zwischen ihre Lippen und presste die Faust unter ihren Kiefer.

»Davon verschwinden die Kopfschmerzen, du wirst es sehen!« Er starrte in ihre Augen und wartete, bis sie die Pille schluckte.

Sie schloss die Augen. Sie hatte das Gefühl, dass es ein Fremder war, der sie nahm, und nicht Peter Reimers. Sie hatte ihm vertraut. Bis heute.

Ihr Blick wanderte zu dem hohen Fenster, als Peter sich von ihr wälzte und nach den Zigaretten tastete. Sie sah den Himmel und einen Bussard, der schwerelos unter dem zarten Blau schwebte. Sie fühlte sich schläfrig und aufgedreht zugleich. Sie ahnte, dass es keine Kopfschmerztablette gewesen war, die Peter ihr aufgezwungen hatte.

»Ich möchte nach Hause«, sagte sie undeutlich. »Nach Uhlenbeck.«

»Was will ein Mädchen wie du in der Heide?« Er lachte. Es klang unecht. »Wenn wir nachher nach Hamburg zurückfahren, zeige ich dir etwas.«

Sie reagierte nicht. In ihrem Kopf drehte sich ein Windmühlenflügel. Wie aus weiter Ferne drang Peters Stimme in ihr Bewusstsein.

»Ich habe eine Wohnung . . . für dich . . . Sie wird dir gefallen.«

Eine Wohnung? Für mich? Wofür brauche ich eine Wohnung? Ich wohne doch bei dir . . .

»Aber erst . . . Hörst du mir zu? Ich habe Karl etwas versprochen.«

Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn an. Sein Gesicht zeigte einen angespannten Ausdruck. Die Augen glänzten hinter den halb geschlossenen Lidern.

»Willst du nicht wissen, was ich ihm versprochen habe?«

Sie konnte ihre Zunge nicht bewegen, nur die Lippen zuckten.

»Ich habe ihm versprochen, dass du heute morgen nett zu ihm sein wirst.«

Wieder lachte er. Das Lachen schwoll an wie das Heulen einer Sirene. Es füllte ihren Kopf, ließ ihn anschwellen bis zum Platzen. Sie wollte sich aufrichten, aber mit einem erstickten Schrei sank sie zurück.

Reimers glitt aus dem Bett. Er zog seine Hose und ein Hemd an, schlüpfte barfuß in die hellgrauen Slipper und nahm ein Badehandtuch.

»Ich gehe in die Sauna«, sagte er.

Ihre Augen waren geöffnet, schienen ihn jedoch nicht wahrzunehmen.

Er verließ das Zimmer. Die Tür ließ er geöffnet. Er klopfte an die Tür auf der anderen Seite des Ganges.

Karl öffnete. Er trug einen Morgenmantel aus roter Seide. Reimers grinste unterwürfig und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. Maria lag wie hingegossen auf dem schwarzen Laken. Ihr helles Haar schimmerte wie Goldfäden. Eine Brust ragte in die Höhe.

Karl Zaczek schnalzte mit der Zunge. »Eigentlich ist sie ja viel zu schade für deinen Stall«, meinte er. Er ging hinüber. »Du solltest ihr noch etwas Zeit geben«, mahnte er, als er das Zimmer betrat. Er warf die Tür zu.

Peter Reimers ging pfeifend nach unten. Es ist immer gut, wenn ein Mann wie er einem Mann wie Karl Zaczek einen Gefallen tun kann, dachte er zufrieden.

2

Jochen Teske hatte gerade den Mund voll, als seine Mutter noch einmal mit der Pfanne kam und ihm den Rest Bratkartoffeln aufgeben wollte.

»Danke, Mutter, ich kann nicht mehr!«, sagte er undeutlich. »Wirklich nicht!«

Wenn er vor der Spätschicht zu viel aß, wurde er zu früh müde. Er schluckte und sah auf die Uhr.

»Gropp holt mich gleich ab«, sagte er.

Seine Mutter stellte die Pfanne auf den Herd zurück und setzte sich zu ihm. Er schob die Uniformmütze zur Seite.

»Ich habe dir Mettwurst aufs Brot getan«, sagte sie. »Oder möchtest du lieber etwas anderes?«

»Nein, nein, Mettwurst mag ich gern«, versicherte er. »Mach dir nicht immer so viel Arbeit, Mutter!«

»Ach, Jochen, das tue ich doch gern!«

Sie brauchte jemanden, den sie bemuttern konnte. Unwillkürlich sah er auf das gerahmte Foto seiner Schwester neben der Tür. Darüber hing das Bild seines Vaters, der vor fünf Jahren an Krebs gestorben war  mit 43. Maria ähnelte ihm sehr.

Seine Mutter bemerkte seinen Blick.

»Sie hat gestern angerufen«, berichtete sie.

Jochen sah auf seinen Teller. »So?«, sagte er nur.

»Ich soll dich grüßen. Sie ist mit Herrn Reimers weggefahren. An die Ostsee, glaube ich. Übers Wochenende.«

Jochen nickte. Er glaubte nicht mehr so recht an die Anrufe seiner Schwester, die eigenartigerweise immer dann kamen, wenn er nicht zu Hause war.

Seit eineinhalb Jahren studierte Maria Bibliothekswesen an der Fachhochschule in Hamburg. In den ersten Wochen war sie täglich morgens von Uhlenbeck nach Hamburg gefahren und abends zurückgekehrt. Mit dem Bus kostete sie diese Fahrt über drei Stunden täglich, ein Aufwand, der auf die Dauer nicht tragbar war. Doch dann hatte sie Glück. Sie konnte zu einer Kommilitonin ziehen, die ein großes Zimmer in Harburg hatte. Danach kam sie nur noch an den Wochenenden nach Haus.

Bis sie im Frühjahr Peter Reimers, einen Architekturstudenten, kennenlernte.

Sie erzählte von ihm, brachte ihn aber nicht mit nach Hause. Als ihre Besuche in Uhlenbeck bald immer seltener und kürzer wurden, war Jochen nach Hamburg gefahren, um den Kerl, auf den seine kleine Schwester so abgefahren war, zu beschnuppern.

Er war kaum überrascht gewesen, dass sie nicht mehr bei der Freundin in Hamburg wohnte, sondern bereits zu dem Mann gezogen war.

Jochen hatte sofort eine heftige Abneigung gegen den Stutzer mit der Ringerfigur gefasst.

Für die Mutter war es ein Schock gewesen. Ihre kleine Maria lebte mit einem Mann zusammen! Im ersten Zorn hatte sie der Tochter das elterliche Haus verboten, ihre harte Haltung jedoch bald schon bereut.

Jochen hatte versucht, den Bruch zu kitten, doch da war Maria stur geblieben. Wochenlang hatte sie nichts von sich hören lassen.

Doch im Sommer rief sie eines Tages an, um der Mutter zum Geburtstag zu gratulieren. Mutter war selig.

Maria kam zwar nicht nach Hause, doch sie rief in unregelmäßigen Abständen an. Jochen hatte nochmals versucht, sie in Hamburg zu besuchen, aber in Reimers' Wohnung war niemand gewesen.

Als Maria das nächste Mal anrief und er zu Hause war, hatte er sie hart gefragt, wie es um sie und Reimers stünde und was ihr Studium mache.

Es folgten wortreiche Erklärungen, die alles und nichts bedeuteten. Danach hatte er sie nicht mehr gesprochen, und er hatte zu zweifeln begonnen, dass sie überhaupt noch anrief. Er jedenfalls hatte nicht mehr mit ihr gesprochen.

Er stand auf, als Gropp klingelte, nahm seine Mütze und rückte die Pistolentasche zurecht. Seine Mutter umarmte ihn.

»Sei vorsichtig, mein Junge«, sagte sie leise.

Das sagte sie immer, wenn er zum Dienst ging.

»Sei vorsichtig.«

Jochen Teske mochte die Spätschicht. Er liebte es, den Streifenwagen durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt zu lenken und den Tag verdämmern zu sehen. Der Verkehr versickerte spurlos, die Menschen verschwanden einfach, und der Funk blieb manchmal stundenlang still.

Jochen Teske hing dann seinen Gedanken nach. Gropp störte ihn selten dabei.

Polizeihauptmeister Hermann Gropp, Jochens Streifenführer, war über vierzig und wortkarg wie die Heide braun in der Umgebung. Jochen Teske machte es nichts aus, wenn Gropp schwieg. Ihm genügte es, diesen verlässlichen Mann neben sich zu wissen, der nur aus seiner scheinbaren Lethargie erwachte, wenn sein Funkname gerufen wurde oder er einen Anlass fand, sich über Städter oder neumodische Entwicklungen auszulassen.

Von solchen Entwicklungen blieb selbst das Städtchen Uhlenbeck, Kreis Sennefeld, nicht verschont.

Immer mehr Leute aus Hamburg, denen die Grundstückspreise in der Stadt zu hoch waren und die vor der 70 Kilometer langen Fahrt zu ihren Büros nicht zurückschreckten, bauten am Rand von Uhlenbeck ihre Häuser. Argwöhnisch beobachtete Gropp ihre Söhne und Töchter, die, wenn sie alt genug waren, entweder eigene Fahrzeuge besaßen oder die Autos ihrer Eltern benutzten und sich kaum in Uhlenbeck sehen ließen.

Mit ungleich größerem Argwohn beobachtete Gropp jedoch ein Anwesen, das zwei Kilometer außerhalb von Uhlenbeck an der Bundesstraße lag. Vor gut einem Jahr war der Bauer Wilhelm Strackenbock gestorben. Seine Erben hatten das ganze Land mit dem schönen Fachwerkhof verkauft. Niemand hatte damals mitbekommen, an wen, und Gropp hatte Schlimmes prophezeit  und recht behalten.

Bald darauf hatte ein Sauna-Club seine Pforten in dem großen ehrwürdigen Haus mit dem schönen alten Garten eröffnet. Seitdem konnte man allnächtlich große Wagen mit Kennzeichen aus Hamburg und Winsen, aus Lüneburg und sogar aus Lübeck und Itzehoe sehen.

»Die Puffs der Reichen liegen heutzutage auf dem Land«, war Gropps Kommentar gewesen.

In seinen Augen steckten die Bonzen im Kreistag mit den Betreibern des dubiosen Clubs unter einer Decke.

Überhaupt schien das Übel nicht nur aus der Großstadt zu kommen. Es nistete bereits in der Kreisstadt. Der Besitzer der einzigen Diskothek in Sennefeld hatte kürzlich seine Absicht bekundet, ein ähnliches Unternehmen auch in Uhlenbeck aufzuziehen, sowie er ein geeignetes Lokal fände.

Seitdem sah Gropp noch schlimmere Zeiten auf sein Städtchen zukommen. Misstrauisch beobachtete er jedes Haus, das ein Geschäft oder Lokal von geeigneter Größe beherbergte. Viele gab es davon nicht in Uhlenbeck. Jeder wusste, dass die Hendricks mit dem Gedanken spielten, das Kino aufzugeben, und jeder wusste, dass sich verschiedene Supermarktketten für das große Haus am Markt interessierten. Aber Gropp fürchtete, dass der Disco-Mann aus der Kreisstadt Sennefeld das Rennen machen würde. Dann wäre es endgültig vorbei mit der Ruhe in Uhlenbeck.

Jochen Teske bog am Rathaus ab. Der Marktplatz lag ruhig da. Die Lichter über dem Kino waren bereits erloschen, und auch die Kutscher-Laternen neben dem Eingang zum Marktkrug brannten nicht mehr.

Jochen Teske bemerkte einen hellen Schimmer auf der anderen Seite des Platzes, wo die dichten Kronen der alten Platanen tiefe Schatten warfen. Dort, bei den Bänken rings um den steinernen Brunnen, traf sich die Jugend von Uhlenbeck.

Die meisten besaßen Mofas, mit denen sie durch die engen Straßen knatterten, bevor sie sich am Brunnen einfanden. Manchmal kamen auch die Älteren hinzu, die schon Mokicks oder gar Leichtkrafträder fuhren und damit den 15 und 16jährigen mächtig imponierten.

»Fahren Sie mal rüber«, sagte Gropp plötzlich.

Jochen nahm den Fuß vom Gas. Er bemühte sich um einen beiläufigen Ton, als er sagte: »Ach, lassen wir sie doch!« Aber er wusste, dass er nur Gropps Eigensinn weckte, wenn er versuchte, ihn davon abzubringen, die Mofa-Fahrer zu kontrollieren. Das war sein Beitrag zur Erziehung der Jugend, die seiner Ansicht nach in Schule und Elternhaus zu kurz kam.

Gropps verwittertes Gesicht wurde hart. »Fahren Sie über die Kirchstraße, dann sitzen sie in der Falle!«

»Als ich noch zur Schule ging und mein erstes Mofa bekam, habe ich abends auch dort gestanden«, sagte Jochen Teske.

»Aber Sie haben nicht gehascht!«, stellte Gropp fest.

Jochen blinkte und bog in die Kirchstraße ein. Er gab kurz Gas, um sich vor einer Antwort zu drücken.

Er hatte wohl gehascht.

Marion und Elke Schneider kannten einen Jungen aus der Kreisstadt, der in Hamburg zur Berufsschule ging. Der Junge bemühte sich damals sehr um Marion. Um ihr zu imponieren, brachte er den Schwestern hin und wieder Joints mit. Berliner Tüten.

Jochen hatte an den unförmigen Joints gezogen wie die Anderen. Ihm war schlecht geworden wie den Anderen, und er hatte herum gekichert und gealbert wie die Anderen. Aber er hatte keinen Gefallen daran gefunden, den strohig schmeckenden Rauch einzusaugen, der den Mund trocken machte.

Weil Marion die Gefühle des Jungen mit den Joints nicht erwiderte, hatte der seine Bemühungen um sie bald eingestellt, und der Nachschub war ausgeblieben. Soweit Jochen wusste, hatte keiner von denen, die sich damals, vor sieben oder acht Jahren, unter den Platanen am Marktplatz einfanden, irgendwelche Anstrengungen unternommen, andere Quellen aufzureißen. Die Sache war ganz einfach eingeschlafen.

Marion hatte bald danach einen Bundeswehrsoldaten aus Kassel geheiratet.

Jochen hatte sich einige Zeit erfolglos um Elke bemüht. Er hatte sich bei der Polizei beworben, und während seiner Ausbildung auf der Landespolizeischule hatte er sie aus den Augen verloren.

Jetzt sah er sie hin und wieder, wenn er in die Kreisstadt kam. Sie war mit einem Angestellten des Bauamtes verheiratet. Die beiden hatten schon ein Haus und zwei kleine Kinder, und Elke war mit ihren 24 Jahren dick und behäbig geworden und ähnelte ihrer eigenen Mutter auf verblüffende Weise.

»Irgendwann«, sagte Gropp, während der Streifenwagen durch die dunkle Kirchstraße glitt, »erwischen wir die mal mit Haschisch!«

Jochen zweifelte nicht daran, dass es auch in Uhlenbeck Rauschgift gab. Es war ein offenes Geheimnis, dass man im Schulzentrum in der Kreisstadt Hasch und härtere Drogen bekommen konnte.

In Uhlenbeck selbst war noch kein Fall von Betäubungsmittel- Missbrauch bekanntgeworden. Ein Lehrer an der Hauptschule in Uhlenbeck wollte einmal zwei Mädchen mit Haschischzigaretten beobachtet haben, doch als er sie stellen wollte, waren sie auf die Mädchentoilette geflüchtet, und bevor der Lehrer eine Kollegin hinter ihnen herschicken konnte, hatten sie vermutlich alle Beweise vernichtet.

Jochen blendete die Scheinwerfer auf, als er an der Kirche vorbei war und auf den Platz am Brunnen zuhielt. Das Licht fing sich in den Chromteilen der Motorräder und Mofas, die unter den Bäumen standen.

Jochen blendete erst ab, als er den Passat auf den breiten Gehweg setzte. Er stellte den Motor ab und griff zur Batterielampe, dann stieg er aus.

Gropp stand schon neben dem Wagen. »Na, dann wollen wir mal«, sagte er beinahe gemütlich zu den Gestalten, die sich langsam umwandten und die Polizeibeamten blinzelnd ansahen.

Jochen zählte zwölf Leute, darunter vier Mädchen. Einige kannte er mit Namen, andere vom Ansehen. Die meisten waren zwischen 15 und 17. Nur zwei ältere Burschen, die ihre Vollsichthelme unter den Armen trugen, hatte er noch nie gesehen.

Der eine war untersetzt und dunkelhaarig. Er trug eine schwarze Lederjacke und hohe Motorradstiefel. Sein Alter schätzte Jochen auf 23 oder 24 Jahre.

Der andere war etwas jünger und größer und sehr mager. Er hatte helles, ungepflegtes Haar und ein blasses, eingefallenes Gesicht. Die engen, verwaschenen Jeans lösten sich an den Nähten auf.

Der Blonde streifte Jochen mit einem verstohlenen Blick, dann sah er den Untersetzten an, der seinen Blick nicht erwiderte. Noch einmal sah der Blonde zu Jochen hinüber, dann senkte er die Augen.

Gropp stemmte die Fäuste in die Seiten und musterte die jungen Leute, die schweigend, zurück starrten.

»Na, Leute, alles in Ordnung?«, erkundigte er sich dann jovial.

»Klar, Herr Gropp«, antwortete Sabine Feldmann. Sie war ein nettes Mädchen mit einer hübschen Nase und kecken Augen. Ganz schön frech, dachte Jochen.

»Was soll das hier werden?«, nörgelte Klaus Jansen. »Ein nächtliches Verhör vielleicht? Das sind Polizeistaat-Methoden!«

Jochen Teske machte einen schnellen Schritt auf Klaus zu. »Na, na, sag so was lieber nicht!« warnte er.

Klaus Jansen war als Hitzkopf bekannt. Sein Vater besaß das einzige Eisenwarengeschäft im Ort. Der Laden lief nicht mehr, seit vor ein paar Jahren der große Baumarkt in Sennefeld auf gemacht hatte. Aber der alte Jansen hielt verbissen an seinem kleinen Laden mit dem begrenzten Sortiment fest.

Klaus war jetzt 17 Jahre alt. Jochen wusste, dass der alte Jansen mit dem Jungen längst nicht mehr fertig wurde.

Klaus trieb sich herum, doch immerhin besuchte er noch das Gymnasium.

Gropp wandte sich an Klaus. »Wir beide unterhalten uns gleich ausführlicher«, versprach er. »Du kannst schon mal deine Papiere herausholen und deinen Feuerstuhl ans Licht fahren.« Gropp grinste, als er die Anderen ansprach. »Jeder, der mit einem Motorfahrzeug hier ist und heute noch zu fahren gedenkt, kommt jetzt mit seinen Papieren zu mir.«

Dem Untersetzten gehörte ein Motorrad mit Hamburger Kennzeichen, das am Straßenrand aufgebockt stand. Gropp prüfte die Fahrerlaubnis und die Zulassung, dann konnte der junge Mann gehen.

Der Blonde folgte ihm und quetschte sich hinter ihm auf die Sitzbank. Die beiden setzten ihre Helme auf, und Augenblicke später röhrte die Maschine davon.

Jochen Teske ging um den Brunnen herum. Er leuchtete unter die Bänke und in die Büsche hinter den Bäumen und kehrte dann zu Gropp zurück, der von den jungen Leuten umringt wurde.

»Ihr könnt verschwinden«, sagte Gropp. »Bis auf Herrn Jansen!«

Die Jungen und Mädchen blieben.

»Lass dich nicht anmachen, Klaus!«, sagte ein Mädchen, das Jochen nur vom Sehen her kannte.

Bedächtig prüfte Gropp die Papiere des Jungen, bevor er sich dessen Mokick zu wandte. Er ließ sich die Beleuchtung und die Fahrtrichtungsanzeiger vorführen, kontrollierte das Bremslicht und die Versicherungsplakette. Sehr genau betrachtete er den Ansaugstutzen und das hintere Ritzel.

»Die Maschine ist nicht frisiert!« , sagte Klaus Jansen.

Gropp richtete sich auf.

»Sie haben die Reifen vergessen!«, rief das vorlaute Mädchen.

Gropp gab Klaus die Papiere zurück. »Macht keinen Lärm mehr, versteht ihr?«, brummte er. Er stapfte zum Streifenwagen zurück.

Die Anderen verliefen sich rasch. Jochen ging neben Klaus Jansen her, der sein Mokick zur Straße schob.

»Warum macht der Gropp eigentlich immer Jagd auf uns Zweiradfahrer?«, erkundigte er sich bitter. »Traut er sich an die anderen Typen nicht ran?«

»Welche Typen?«, fragte Jochen Teske.

Klaus Jansen hob die Schultern.

»Wer waren die Typen?«, fragte Jochen dann.

Klaus sah ihn an. »Welche Typen?«

»Komm mir nicht auf die Tour«, sagte Jochen.

»Das sind eben Typen. Den mit dem Motorrad habe ich noch nie gesehen.«

»Und den Anderen?«

»Der ist aus Sennefeld, glaube ich. Aber ich weiß es nicht genau. Ich habe ihn ein paarmal in der Eisdiele am Bahnhof gesehen.« Klaus blieb stehen und löste seinen Helm vom Gepäckträger.

Jochen schnupperte. »Deine Haare riechen nach Hasch«, sagte er ruhig.

Klaus richtete sich auf. Schnell stülpte er den Helm über seinen Kopf.

»Wo habt ihr das Zeug her?«

»Keine Ahnung, wovon Sie reden«, brummte Klaus.

Jochen stellte seinen Fuß vor das Hinterrad des Mokicks. Mit der rechten Hand hielt er den Lenkradschlüssel fest.

»Wenn ich das Gebüsch durchsuche und 'nen Stengel von 'nem Joint finde, dann seht ihr alle ganz alt aus. — Hauch mich mal an!«

»Muss ich das?«

»Nein. Aber bei Verdacht auf Betäubungsmittel-Missbrauch kann ich dich mitnehmen und dich auf deine Fahrtüchtigkeit hin untersuchen lassen. Und dich dann der Kripo überstellen. Also, wie ist es jetzt?«

Klaus Jansen atmete mit weit geöffnetem Mund aus. Jochen schnupperte.

»Ich habe nur einen Zug genommen«, sagte Klaus mürrisch. »Ich habe ihn nicht mal eingeatmet.«

»Du hast nur so gezogen, um kein Spielverderber zu sein? Na schön, wer hat das Zeug mitgebracht?«

»Der aus Sennefeld.«

»Was habt ihr dafür bezahlt?«

»Nichts.«

»Nichts? Hältst du mich für bescheuert?«

»Ehrlich . . .«

»Was wollte der von euch?«

»Der kam nicht richtig zur Sache. Ich glaube, dieser Hamburger Johnny wollte was, aber er war nicht zufrieden.«

»Die suchen vielleicht Dealer?«

»Kann sein.«

»Wie heißt der aus Sennefeld?«

»Der Johnny sagte Harry zu ihm.«

Jochen Teske sah den Jungen lange an. Die anderen waren inzwischen abgezogen. Gropp wartete im Streifenwagen. Klaus Jansen trat den Starter seiner Maschine durch. Der Motor knatterte laut.

»Also Harry, und in Sennefeld treibt er sich in der Eisdiele am Bahnhof rum«, stellte Jochen fest.

»Ich hab' ihn auch schon mal in der Schule gesehen«, sagte Klaus. »Am Gymnasium?«

»Nein. Hier an der Hauptschule.«

Klaus schnallte seinen Helmriemen fest, dann gab er Gas. Jochen blickte dem davon knatternden Mokick nach, bis das rote Rücklicht hinter dem Rathaus verschwand.

Gropp sah Jochen über das Dach seines Streifenwagens hinweg an.

»Der Junge hat sich wohl bei Ihnen ausgeweint, wie?«, erkundigte er sich.

Jochen schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nach den beiden Burschen mit dem Motorrad gefragt«, erklärte er. »Er meint, diese Kerle hätten versucht, hier Dealer anzuwerben.«

Gropp schnaubte. »Der macht sich doch nur wichtig!«

»Möglich«, gab Jochen zu.

»Von mir aus schreiben Sie eine Mitteilung an die Kripo«, sagte Gropp.

Jochen verbarg ein Lächeln, indem er sich bückte und die Tüte mit seinen Butterbroten aus dem Wagen angelte.

Die klirrende Lautsprecherstimme unterbrach die nächtliche Stille.

»Heide 42 für Heide 4 kommen!«

Heide 4 war der Funkname der Polizeiwache in Uhlenbeck. Heide 41 und 42 waren die beiden Funkwagen, die in Uhlenbeck stationiert waren.

Und Heide 42 war das Funkzeichen für den Polizeihauptmeister Hermann Gropp und den Polizeimeister Jochen Teske.

Gropp nahm den Hörer aus der Halterung und meldete sich.

»Heide 42.«

»Fahren Sie zum Sauna-Club Heidehof«, sagte die Stimme. »Eine Beschwerde wegen Geräuschbelästigung.«

»Wer ist der Beschwerdeführer?«

»Der Anrufer hat seinen Namen nicht genannt. Eine Denunziation ist nicht auszuschließen. Gehen Sie entsprechend vor.«

»Ganz diskret«, versicherte Gropp. Er klemmte den Hörer wieder fest. »Denen will einer eins auswischen«, sagte er zu Jochen, der schwungvoll wendete und das Gas durchtrat.

»Da muss schon eine Bombe detonieren, wenn sich ein Nachbar durch Geräusche belästigt fühlen soll.«

Gropp kicherte. »Auf diese Weise können wir uns den Laden mal von innen ansehen«, meinte er, ungewohnt gesprächig. »Was meinen Sie — ob die Mädchen da nackt rumlaufen?«

»Oben ohne«, vermutete Jochen Teske. »So sitzen die an der Bar.«

»Waren Sie schon mal in so einem . . .«

»Club?« Jochen schüttelte den Kopf. »Dafür ist mir das Geld zu schade«, sagte er.

Gropp seufzte. »Na, wie die Mädchen heutzutage sind, haben Sie das ja auch nicht nötig.« Er brummelte vor sich hin. »Ich war mit 21 verlobt und mit 24 verheiratet. Festgebunden.« Er seufzte erneut. »Aber Sie, Sie haben einen Schlag weg bei den Mädchen!«

»Quatsch!«, sagte Jochen.

»Wissen Sie, dass man Sie in der Wache den Casanova von Uhlenbeck nennt?«

Jochen begrüßte die Dunkelheit. So war nicht zu erkennen, dass seine Ohren rot anliefen.

»Alles Quatsch«, wiederholte er.

»Beim Sommerfest habe ich Sie mit so einer kleinen Rothaarigen gesehen. Davor war es eine Blonde, und ich glaube . . .«

Gropp verstummte, als das Ortsausgangsschild vorbeiflog und Jochen das Gas durchtrat.

Die Scheinwerfer schnitten einen schmalen Tunnel aus blendendem Licht in die Dunkelheit. Jochen zog den Wagen scharf durch eine Linkskurve. Die Reifen wimmerten.

Gropp klammerte sich an den Haltegriffen fest und kontrollierte den Sitz des Sicherheitsgurts. Jochen hatte an zwei Spezialfahrkursen der Landespolizeischule teilgenommen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellte er sein dort erworbenes Können unter Beweis.

»Sie werden vorbeifahren«, prophezeite Gropp.

Weit voraus erschien ein Lichtpunkt zwischen den Alleebäumen. Das Licht kam rasch näher. Es teilte sich, nahm scharfe Umrisse an. Jochen schaltete das blaue Dachlicht ein, um den entgegenkommenden Fahrer zur Vorsicht zu veranlassen. Der andere blendete rechtzeitig ab und zischte vorbei.

»Wie hieß der Mann mit dem Motorrad?«, fragte Jochen plötzlich.

»Sie glauben doch nicht, was der junge Jansen da verzapft!«

»Ich weiß es nicht. Wie hieß er?«

»Klein, Hans Jürgen, geboren am 23.4.1961 in Darmstadt. Soll ich Ihnen auch das Kennzeichen nennen?«

»Das habe ich mir selbst gemerkt. Klaus Jansen nannte ihn den Hamburger Johnny.«

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf für andere«, sagte Gropp. »Und nehmen Sie endlich das Gas weg!«

Zwei helle Lampen kennzeichneten die Einfahrt zum ehemaligen Strackenbock-Hof, in dem jetzt der weit über die Grenzen des Kreises Sennefeld bekannte Sauna-Club Heidehof untergebracht war.

Jochen nahm den Fuß vom Gas. Ohne zu bremsen, fegte er zwischen den Torpfosten her.

Der Vorplatz war mit feinem Kies bestreut. Der Streifenwagen stellte sich sofort quer und schlitterte auf die großen Limousinen zu, die in Reih und Glied vor dem ehemaligen Bauernhaus standen. Gropp sagte nichts, er fluchte nicht einmal. Er stemmte nur seine Füße gegen die Bodenplatte und stützte sich mit den Händen am Armaturenbrettpolster ab.

Jochen schaltete herunter und steuerte behutsam gegen, wobei er gleichzeitig etwas Gas gab. Kies spritzte gegen die Radkästen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer huschten über die geparkten Limousinen, ihre Lichtfinger strichen dann an der hohen Hecke entlang, die den Obstgarten gegen die Felder abgrenzte, und stießen ins Leere.

Dort erfassten sie eine Bewegung. Eine Bewegung, die erstarrte, als das gebündelte Licht sie für einen Moment festhielt. Die Scheinwerfer wanderten weiter, bis der Streifenwagen endlich, nur wenige Handbreit vor den geparkten Limousinen, zum Stehen kam.

Gropp stieß den angehaltenen Atem aus.

Jochen legte den Rückwärtsgang ein und ließ den Wagen ein Stück zurückrollen, wobei er das Lenkrad nach links einschlug. Die Scheinwerfer beschrieben einen Bogen.

Niedrige Sträucher und ein dürrer Baum warfen lange, dünne Schatten über wucherndes Heidekraut.

»Wir sind da«, bemerkte Gropp.

»Da hinten war etwas«, sagte Jochen. »Haben Sie nichts gesehen?«

»Ein Gespenst«, vermutete Gropp. »Oder der Sensenmann. Der dachte bestimmt, warte mal auf die beiden Irren in dem Streifenwagen . . .«

Jochen schlug auf den Verschluss des Sicherheitsgurts, dann stieß er die Tür auf seiner Seite auf.

Sie hörten es beide. Der kühle Nachtwind wehte einen Schrei herbei. Hoch und schrill stand er einen Augenblick wie festgefroren in der Luft, ehe er jäh abriss.

»O, verflucht!«, sagte Gropp, der nicht so schnell aus dem Wagen kam. »Laufen Sie schon!«

Jochen nahm die Batterielampe. Er sprang aus dem Wagen und rannte in die Dunkelheit.

Er flitzte an der Hecke entlang, ohne die Handlampe anzuknipsen. Die Lichter am Haus blieben zurück.

Jochens Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Den Durchlass in der Hecke ahnte er, bevor er ihn wahr nahm.

Er sprang hindurch.

Sofort spürte er, dass da etwas war. Er warf sich zur Seite.

Mitten in der Bewegung erwischte ihn ein heftiger Stoß an der rechten Schulter, der ihn in die Hecke schleuderte. Zweige kratzten über seinen Hals, und er verlor die Uniformmütze. Er sah einen Schatten, der an ihm vorbei sprang, und er wollte hinterher, als er Schritte und schnaufende Atemzüge hörte.

Da war noch jemand.

Jochen sprang vor die Lücke in der Hecke.

Er krachte mit einem schweren Körper zusammen. Der Anprall presste dem Anderen die Luft aus den Lungen. Jochen spürte einen Luftzug. Eine Faust, die an seinem Ohr vorbei zischte.

»Polizei!«, sagte er laut.

Heißer Atem strich über sein Gesicht, dann traf ihn eine Faust im Magen. Jochen schlug sofort zurück.

Er spürte den Anprall bis ins Schultergelenk. Obwohl er noch mit den Folgen des Schlags in seinen Magen zu kämpfen hatte, hörte er, wie der schwere Körper vor ihm zu Boden fiel. Er knipste die Lampe an.

Das Licht fiel auf einen massigen Mann, der auf Händen und Knien hockte und benommen den breiten Schädel schüttelte.

Jochen trat einen Schritt zurück. Er wollte nach Gropp rufen, als er aus den Augenwinkeln etwas Helles wahrnahm.

Er fuhr herum. Das Licht der Lampe in seiner Hand folgte der Bewegung.

Es erfasste eine Frau, die mit unsicheren Schritten auf ihn zu schwankte. Blut lief aus ihrer Nase. Mit einer Hand hielt sie eine rotkarierte Decke, die hinter ihr herschleifte.

Die Frau war splitternackt.

Der Mann am Boden hob den Kopf und schob einen Fuß unter seinen schweren Körper. Jochen richtete den Strahl der Lampe auf das fleischige Gesicht mit den kleinen Augen. Er bemerkte den Stiernacken und die breiten Schultern, und er sah die Schwellung am Kinn, wo er den Kerl getroffen hatte.

Ein zweites Mal würde er diesen Koloss wahrscheinlich nicht zu Boden schicken können. Deshalb löste er die Handfessel von seinem Gürtel, und mit einer blitzschnellen Bewegung schlug er dem Mann die Manschetten um die Handgelenke.

»Rühren Sie sich hier nicht weg!«, befahl er barsch.

Er wandte sich erneut der Frau zu. Im Unterbewusstsein hörte er, wie vorn auf dem Parkplatz ein Motor angelassen wurde. Gleich darauf jagte ein Wagen mit aufheulender Maschine davon.

Die Frau war nur noch wenige Schritte von Jochen Teske entfernt. Ihre Augen waren groß und starr auf die Lampe in seiner Hand gerichtet. Die Warzen ihrer großen festen Brüste hatten sich zu kleinen, harten Punkten zusammengezogen. Er bemerkte einige rote Steller an ihren Rippen und Schultern, die vermutlich von genau dosierten Schlägen herrührten. Von Schlägen, die weh tun, aber keine lange sichtbaren Spuren hinterlassen sollten. Den Schlag auf die Nase hatte sie wohl einem Ausrutscher zu verdanken.

Plötzlich wurden ihre Augen leer, und dann gaben ihre Knie nach. Jochen sprang vor und fing sie auf.

Schwer hing sie in seinen Armen. Eine ihrer großen Brüste quetschte sich an seinem Oberarm breit. Ihr Kopf fiel gegen seine Schulter. Er bemerkte den hämischen Blick des Stiernackigen.

»Gehen Sie vor!«, befahl er laut. »Los, gehen Sie schon!«

Der Mann drehte sich um und ging langsam vor.

Jochen versuchte, die Frau fester zu packen. Als er den ersten Schritt machte, trat er auf die Decke, die sie immer noch festhielt. Beinahe wäre er gestürzt. Er verlagerte das Gewicht der Bewusstlosen, zerrte die Decke hoch und legte sie der Bewusstlosen notdürftig über die nackten Schultern. Dann hob er die Frau kurzerhand auf.

Der Stiernackige war bereits hinter der Hecke verschwunden. Jochen folgte ihm rasch und hob die Lampe. Er atmete auf, als der Lichtkegel auf den breiten Rücken des Burschen fiel.

Der Mann stutzte plötzlich und blieb stehen. Dann wandte er sich langsam um.

Jochen sah an ihm vorbei. Und er hatte das jähe Empfinden, sein Inneres erstarre zu Eis, während sein Herz hart zu hämmern begann und das Blut gegen seine Augen drückte.

Vorn, an der Ecke des behäbigen Bauernhauses, unter einer kleinen Lampe deutlich zu erkennen, saß Hermann Gropp am Boden. Seine Beine waren gespreizt. Er hatte den Kopf nach hinten gelegt. Die Augen waren geschlossen, der Mund weit aufgerissen. Die Mütze lag neben seinem Bein. Eine seiner großen Hände presste er auf den Magen. Die andere hing kraftlos zwischen seinen Beinen.

Jochen Teske stieß den angehaltenen Atem aus. Er ließ die Frau zu Boden gleiten, stieg über sie hinweg, schob den Stiernackigen zur Seite und kniete vor seinem Kollegen.

»Gropp!«, schrie er. »Gropp! Sagen Sie doch was!«

Er schlug leicht gegen Gropps Wangen, dann entsann er sich dessen, was er für solche Situationen eingepaukt bekommen hatte, und er zog eins von Gropps Augenlidern in die Höhe.

Als das Licht die Netzhaut erreichte, zog sich die Pupille zusammen. Gropp wackelte mit dem Kopf, dann riss er auch das andere Auge auf.

»So ein verdammter Mistkerl!«, Er krümmte sich, wobei er das Gesicht verzog. »Ich dachte, Sie wären es, der da kam . . .« Gropp stöhnte erbärmlich. »Der hatte einen Schlag wie ein Pferd . . .«

Jochen sprang auf.

»Teske . . .«

»Ich rufe die Einsatzleitstelle.«

»Warten Sie! Ich komme schon wieder auf die Beine!«

»Davon bin ich überzeugt. Wir haben aber eine Patientin. Und einen Kunden.«

Gropp wandte den Kopf. Er starrte zuerst den Stiernackigen an, der breitbeinig vor ihm stand, die gefesselten Hände vor dem Bauch verschränkt. Dann fiel sein Blick auf das Bündel am Boden, und als er die beiden langen nackten Beine sah, die unter der Decke hervorschauten, wurden seine Augen groß.

»Ich wäre so gern dabei, wenn wir den Laden aufrollen!«, sagte er inbrünstig. »Gehen Sie, Teske. Ich passe solange auf den Zement-Loddel hier auf.«

3

»So, mein Fräulein , mehr kann ich hier nicht für Sie tun«, sagte der Arzt, der mit dem Krankenwagen von Sennefeld herübergekommen war. Vorsichtig drückte er das Pflaster neben der Nase fest.

Die Frau zitterte. Als sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, hatte sie Jochen ihren Namen genannt.

Marion Kreutzer.

Der Arzt wechselte einen Blick mit Jochen Teske.

»Ich kann keine inneren Verletzungen feststellen«, sagte er. »Aber ich kann sie mitnehmen.«

Jochen nickte. Damit wäre sie erst mal von der Straße.

Marion Kreutzer schüttelte den Kopf.

Jochen sah sich nach Gropp um, der mit der Besatzung des zweiten Streifenwagens sprach, die zur Unterstützung zum Sauna-Club Heidehof herausgekommen war. Er winkte Gropp.

»Haben Sie irgendwo ein Zimmer?«, fragte Jochen das Mädchen.

Marion Kreutzer warf einen schnellen Blick zu dem Bauernhaus hinüber und schüttelte dann den Kopf. Die Türen des Hauses waren die ganze Zeit über geschlossen geblieben.

»Sie wollen doch nicht wieder da rein?«, fragte Jochen Teske ungläubig.

Gropp kam heran. »Was gibt es hier?«, fragte er.

»Sie will offenbar wieder da rein!«, sagte Jochen.

»Der Wille des Menschen ist sein Himmelreich. Kommen Sie, Mädchen. Wir gehen mal mit.« Gropp sah den Arzt an. »Sie warten besser, bis wir wieder hier sind«, sagte er.

Gropp und Jochen halfen Marion aus dem Krankenwagen und führten sie zu einer grün gestrichenen Tür, über der eine helle Lampe brannte. Marion trug immer noch die Decke.

Gropp klingelte, und gleich darauf hämmerte er mit der Faust gegen das Holz.

Die Tür sprang nach wenigen Augenblicken auf. Im Rahmen stand ein gutgekleideter schlanker Mann mit einem glatten Gesicht. Ausdruckslos musterte er die beiden Polizisten. Für Marion hatte er keinen Blick übrig.

»Diese junge Dame wohnt hier«, sagte Gropp. »Sie haben wohl nicht zufällig bemerkt, dass sie sich in Schwierigkeiten befindet?«

Der Mann gab die Tür frei. Die Polizisten und das Mädchen betraten einen geräumigen Vorraum, der mit alten stilechten Bauernmöbeln eingerichtet war. Hinter einer langen Blumenbank befand sich so etwas wie ein Empfangstisch, der jetzt jedoch nicht besetzt war. Die Luft war warm und feucht.

»Sind Sie der Geschäftsführer?«, erkundigte sich Gropp.

»Ja. Mein Name ist Linke. Fräulein Kreutzer wurde vorhin von . . . Bekannten abgeholt.«

»Abgeholt?«

»Hier halten sich nur volljährige Personen auf, die tun und lassen können, was ihnen passt.« Jetzt fuhr er zu Marion herum. »Wir legen größten Wert darauf, in keine wie auch immer geartete Verbindung zum Hamburger Milieu gebracht zu werden«, sagte er scharf. »Sie haben uns offenbar getäuscht, Fräulein Kreutzer. Ihr Zimmer steht Ihnen noch bis morgen zur Verfügung.«

Jochen spürte, wie das Mädchen wieder zu zittern begann.

»Sie packt ihre Sachen und geht sofort«, sagte er entschieden. Marion protestierte nicht. »Wo ist Ihr Zimmer? Ich gehe mit.«

Gropp blieb unten, während er Marion über eine enge Holzstiege begleitete. Der ehemalige Heuboden war in hübsche kleine Zimmer unterteilt worden. Während Marion sich in ihrer Kammer anzog und ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte, wartete Jochen draußen auf der Galerie. Er konnte auf die Sauna-Kabinen hinabsehen. Als er hinter sich eine Tür hörte, drehte er sich um.

Ein grauhaariger Mann und ein hübsches blondes Mädchen kamen aus einem Zimmer. Der Mann senkte beim Anblick des Polizisten schnell den Blick und eilte zur Treppe. Das Mädchen trug einen weißen Bademantel. Ihr Haar war lang und klebte feucht an ihrem Kopf. Sie lächelte Jochen zu.

»Wo kann man hier telefonieren?«, fragte er, einer Eingebung folgend.

»Meinen Sie mich?«, fragte das hübsche Mädchen.

»Klar, Sie.«

»Sie können Herrn Linke fragen . . .« .

»Wenn ich ihn nicht fragen will?«

»Unten in der Toilette gibt es einen Münzfernsprecher. Bei Herren. Das trifft sich gut,,nicht wahr?«

»Sehr gut sogar. Wissen Sie, wer die Polizei angerufen hat?«

»Die Polizei? Wer sollte die denn gerufen haben?«

Die Tür von Marions Zimmer öffnete sich. Die Blonde verzog mitfühlend das Gesicht, als sie das Pflaster und die geschwollene Oberlippe bemerkte. Und dann fiel ihr Blick auf den kleinen Koffer in Marions Hand.

»Du ziehst aus?«, fragte sie.

Marion nickte und wandte sich der Treppe zu.

»Sie haben nichts gemerkt?«, fragte Jochen.

»Nein, was soll ich denn gemerkt haben!«

»Tja, was schon«, stellte Jochen fest.

Er folgte Marion nach unten, wo Gropp noch mit Linke zusammen stand. Gropp verabschiedete sich abrupt von dem Manager des Heidehofs und verließ mit Jochen und Marion das Haus.

»Ist wohl nichts mit Laden aufrollen und so?«, stellte Jochen fest.

»Der hat die Kerle reingelassen!«, sagte Gropp wütend. »An dem kommt so nämlich keiner vorbei. Ich habe zwei Fernsehkameras entdeckt!« Gropp wandte sich an Marion. »Sie können Anzeige erstatten. Wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung . . .«

Marion schüttelte den Kopf.

»Gegen Unbekannt! Den Rest erledigen wir!«

Wieder schüttelte Marion den Kopf. Mit kleiner Stimme fragte sie: »Muss ich mit . . .?«

»Zu uns? Nein. Fahren Sie mit dem netten Doktor, der hat sicher ein hübsches Zimmer frei. Und wenn Sie sich zu irgend etwas entschließen, rufen Sie nach den Sheriffs aus der Heide.«

Gropp nahm Jochens Arm und zog ihn zu ihrem Streifenwagen.

Marion stieg in den Krankenwagen. Die Türen schlugen zu. Jochen sah dem davonrollenden Wagen nach, bis Gropp ihn am Arm zum Streifenwagen zog.

»Vergessen Sie das Mädchen«, sagte Gropp. »Der ist nicht zu helfen . . .«

»Warum nehmen wir den Geschäftsführer nicht mit?«, fragte Jochen. »Könnten ihn wenigstens mal durchchecken!«

»So was beeindruckt einen wie den nicht.« Gropp schnaubte. »Der ist so kalt wie 'ne Hundeschnauze. Und seinen Laden hält er so sauber wie das Städtische Schwimmbad. Kommen Sie jetzt endlich. Die Schicht ist bald zu Ende. Ich habe keine Lust, wegen der dämlichen Berichte Überstunden zu machen!«

4

Ralf Eggert wusste nicht, ob er als Ursache für den dumpfen Druck im Brustkorb das lange Sitzen im Streifenwagen verantwortlich machen sollte. Aber zum Teufel, er war doch kein altes Weib, das an Vorahnungen glaubte!

Immerhin war die Nacht bisher ruhig verlaufen, und er hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, wo er den Funkstreifenwagen einige Zeit ungestört abstellen konnte.

Die Hamburger Innenstadt war auch in der Nacht zugeparkt. Eggert rangierte den Streifenwagen in eine Garageneinfahrt am Johanniswall und schaltete die Scheinwerfer aus.

Sein Kollege, Polizeiobermeister Bruno Wittek, löste den Sicherheitsgurt, reckte die Schultern und klinkte die Beifahrertür auf. Er sah Eggert an.

»Was soll ich dir mitbringen?«, fragte er.

»Nur 'ne Tüte Milch«, antwortete Eggert.

Bruno Wittek hob die Schultern und stieg aus. Eggert sah ihm nach, wie er in die Altstädter Straße einbog. In der Imbissbude gleich hinter der Ecke versorgten sich die Kollegen vom 9. Revier mit Getränken und Essbarem, wenn sie Nachtschicht fuhren.

Polizeihauptmeister Ralf Eggert war 31 Jahre alt. Seit sieben Jahren machte er schon Dienst im 9. Revier, das zum Schutzbereich Innenstadt II gehörte. Manchmal hatte er das Gefühl, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht zwischen Brooktorhafen, Rathausmarkt und St. Georg.

Seit einem Jahr wollte er hier raus. Schluss machen mit dem Schichtdienst, der einen Mann kaputtmachte. Der seine sozialen Bindungen zerstörte  wenn sie überhaupt vorhanden waren.

Vor einem Jahr war ihm Helga davongelaufen. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Erklärung. Damals hatte er den gleichen dumpfen Druck verspürt, lange bevor er in die leere Wohnung kam. Der Verlust schmerzte immer noch. Wie eine Wunde, die nicht heilen wollte.

Bruno Wittek kam auf den Wagen zu. Mit beiden Händen balancierte er die Tüte Milch und die Plastikschale mit den Pommes frites und einem großen Kotelett darauf. Egger stieß die Beifahrertür auf. Wittek ließ sich auf den Sitz fallen. Eggert nahm ihm die Tüte ab.

»Danke«, sagte er. Er riss die Tüte auf und nahm einen langen Schluck.

»Dass du nachts nie was isst«, wunderte sich Wittek mit vollem Mund.

Früher hatte er auch nachts gegessen, irgend etwas Scharfes oder Herzhaftes in sich hineingestopft, um den stumpfen Geschmack im Mund zu bekämpfen, der sich unweigerlich einstellte. Der Körper wehrte sich auf alle mögliche Weise gegen den unnatürlichen Lebensrhythmus. Und er, Eggert, wehrte sich gegen die Mahnungen seines Körpers. Damals war die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen.

Weil Helga auf ihn wartete.

»Meine Versetzung kommt durch«, sagte Eggert überzeugt. Solange er Wechselschicht fuhr, war er unfähig, eine neue Bindung einzugehen. Das wusste er genau. Die Angst, noch einmal einen Menschen verlieren zu können, saß zu tief.

Bruno Wittek schüttelte ungläubig den Kopf. »Das bringst du nicht, Ralf, 'nem älteren Kollegen den Platz wegnehmen. Einem, der schlechter dran ist als du. Oder hast du schon Hämorrhoiden? Oder Sehstörungen?«

»Hör auf«, sagte Eggert unwillig.

Er nahm Bruno den Einwand nicht übel. Bruno Wittek war sein Freund, Bruno kannte ihn wie sonst niemand im Revier, und außerhalb des Reviers hatte er ohnehin keine Freunde. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er wieder davon angefangen hatte. Er wusste selbst, dass er zu jung war für einen Innendienstposten mit regelmäßiger Arbeitszeit von acht bis vier. Er hatte keine physischen Beschwerden, jedenfalls keine, die über das Normale bei einem Polizeibeamten hinausgingen. Und solange er nicht durchdrehte, gab man im Polizeidienst auch nicht viel auf psychische Probleme. Und wer welche hatte, versuchte sie sowieso zu verbergen, solange es ging

»Es gibt auch Jobs mit Tagdienst für Jüngere«, sagte er stur. Himmel, was war nur in ihn gefahren, weil er das Thema immer noch nicht wechselte! »In einer Ermittlungsgruppe zum Beispiel, oder . . .«

Der Funkton und die blecherne Lautsprecherstimme aus dem Dunkel unter dem Armaturenbrett schnitten ihm das Wort ab.

»Norderstraße 10, ruhestörender Lärm. Wer fährt?«

»Das ist für uns«, sagte Eggert und faltete die Milchtüte sorgfältig zu.

Wittek fluchte, als er den Hörer des Funktelefons aus der Halterung nahm und dabei ein paar Fritten auf den Boden fielen.

»Michel 97 fährt«, sagte er.

»Verstanden, 97. Der Anrufer wartet vorm Haus auf Sie.«

Eggert fuhr bereits an. Wittek grinste, als er Senf von seinen Fingern leckte.

»Wer weiß, was das wieder für 'n Lärm ist«, meinte er. Er musste an das Liebespärchen denken, das sie vor einigen Tagen in einem Hausflur überrascht hatten. Die Frau hatte ihre Umgebung völlig vergessen und vor Lust gekreischt, bis ein Hausbewohner die Polizei rief, weil er glaubte, da unten werde eine Frau umgebracht.

Der Mann, der auf den ausrollenden Streifenwagen zulief, trug einen Schlapphut, einen alten Regenmantel und Pantoffeln. Die Polizisten stiegen aus.

»Sie haben angerufen?«, fragte Eggert, während er den Wagen abschloss. Wittek rannte um die Haube herum auf den Hauseingang zu.

»Ja, ich, mein Name ist Töpfer«, sagte der Mann aufgeregt. »Die sind immer noch dran, das gibt Mord und Totschlag, gut, dass Sie so schnell kommen . . .«

Töpfer lief neben Eggert her. Die Lampe über der offenen Haustür brannte, auch das Treppenhaus war erleuchtet.

»Das ist 'ne Nuttenwohnung da oben«, berichtete Töpfer. »Die Telefonnummer steht immer in der Zeitung.«

Wittek wandte sich um. »Steht die Adresse auch dabei?«, wollte er wissen.

»Die Adresse? Nee, wieso?«

»Woher wollen Sie denn wissen, dass das 'ne Nuttenwohnung ist?«, fragte Eggert.

»Das weiß doch jeder hier im Haus! Die Wohnung hat 'n Zuhälter gemietet, der bringt hier immer irgendwelche Weiber unter!«

Eggert betrat das Treppenhaus. Lauschend neigte er den Kopf, aber er konnte nichts hören. Wittek studierte die Namensleiste neben den Klingelknöpfen.

»Studio«, sagte er.

Eggert nickte unwillkürlich. Töpfer hatte also recht, obwohl er kaum daran gezweifelt hatte, dass Töpfers Darstellung den Tatsachen entsprach. Studio oder Atelier stand meistens an den Wohnungen der Mädchen, die per Zeitungsannonce Freier suchten.

»Einen Aufzug gibt es nicht«, sagte Töpfer, der das Abwarten der beiden Polizisten falsch deutete.

»Wir sind fit«, sagte Wittek.

Er schob sich an Eggert vorbei und sprang die Stufen hinauf. Eggert hetzte hinterher. Bruno versuchte stets, der Erste zu sein. Das war sein einziger Fehler, jedenfalls in Eggerts Augen. Bruno war erst 26, und er wollte es noch zu was bringen. Deshalb war er bemüht, in jeder Situation die Nase vom zu haben.

Hinter dem Treppenknick über der zweiten Etage hörten sie es. Eine Frauenstimme. Schrill vor Angst oder Zorn, und die dunklere Stimme des Mannes, wütend und scharf.

Während die Polizisten die restlichen Stufen hinaufsprangen, krachte eine Tür, und dann schrie die Frau erneut. Der Schrei brach unvermittelt ab, als hätte jemand ein Radio ausgeschaltet.

Bruno Wittek erreichte den Stockwerksflur als Erster. Drei Türen mündeten auf den Treppenabsatz. Eine stand offen. Eine ältere Frau in einem weißen Bademantel sah den Polizisten entgegen.

»Nicht zum Aushalten ist das!«, sagte sie empört.

»Gehen Sie bitte hinein«, forderte Eggert sie auf. Als die Frau sich nicht rührte, schob er sie einfach in die Wohnung und schloss die Tür mit einem energischen Ruck.

Bruno klingelte an der mittleren Tür, an der ein großes Messingschild mit der Aufschrift STUDIO befestigt war. Hinter der Füllung aus Riffelglas war es dunkel. Undeutlich hörten die Polizisten einen dumpfen Laut, und dann schrie die Frau wieder.

Nicht mehr so laut und schrill wie zuvor. Es war ein erbärmlicher, verzweifelter Schrei, lang gezogen und unter die Haut gehend.

Wittek schlug mit der Faust gegen die Tür. »Polizei! Machen Sie sofort auf!«

Der Lärm in der Wohnung riss ab. Hinter der Glasfüllung wurde ein Lichtstreifen sichtbar, und eine Männerstimme brüllte so laut, dass die Türscheibe klirrte.

»Verschwindet! Das hier ist privat . . .«

Der Lichtstreifen wurde schmaler, als der Mann die Tür drinnen in der Wohnung wieder zuschlug. Bevor es dunkel wurde, hörten es die beiden Polizisten draußen ganz deutlich.

»Hilfe . . .«

Der Hilferuf erstarb sofort. Ein dumpfer Laut wie von einem Fall drang nach draußen.

Wittek wandte den Kopf, sah Eggert an, seine Lippen formten einen Satz.

Der bringt sie um!

Eggert machte eine gebieterische Kopfbewegung. Wittek, glitt zur Seite. Eggert hob den Fuß und trat genau über dem Schloss gegen das Holz. Das Glas der Füllung fiel aus dem Rahmen. Mit einem berstenden Knall sprang die Tür auf.

Eine der Türen, die in die Diele mündeten, wurde aufgerissen, aber sofort wieder zugestoßen. Im Spalt sah Eggert für einen winzigen Moment ein Gesicht. Das Gesicht eines Mädchens, dessen Anblick sich wie eine Blitzlichtaufnahme in sein Hirn brannte. Das Gesicht war schön, obwohl es vor Angst verzerrt war.

Bruno Wittek hechtete über die Schwelle in die dunkle Diele. Im selben Moment, in dem er sich gegen die Tür warf, in der eben das Gesicht des Mädchens erschienen war, erlosch das Treppenhauslicht.

Witteks Schulter krachte gegen das Holz, und dann knallte es.

Die Tür, dachte Eggert, die Tür. Unter dem Aufprall seines Partners sprang sie auf und flog mit ihm nach innen in ein Zimmer, in dem schwaches rötliches Licht glomm wie von einem Kaminfeuer.

Aber Bruno machte seltsame Bewegungen, er torkelte, und dann knallte es noch einmal.

Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Das waren Schüsse.

Schüsse!

Eggert spürte einen Krampf, ein trockenes Würgen im Hals, aber er überwand seine tierhafte Furcht und warf sich nach vorn, in die Diele hinein.

»Bruno!«, schrie Eggert. Und dann: »Polizei! Hier ist die Polizei!«

Das glimmende Licht, eben noch so etwas wie Orientierung ermöglichend, erlosch jetzt ebenfalls. Eggert prallte gegen einen Körper, und er packte zu.

Er wusste, dass es Bruno Wittek war, der keuchend in seinen Armen hing und immer schwerer wurde. Eggert wollte etwas tun, er musste etwas tun, er war verzweifelt, denn er wusste auch, dass alles schieflief, was nur schieflaufen konnte.

Herrgott, Bruno, warum musst du immer der Erste sein?

Unmittelbar vor ihm wurde eine Tür aufgerissen. Sein Inneres verkrampfte sich. Im Treppenhaus ging das Licht wieder an. Licht fiel durch die offene Wohnungstür in die Diele. Eggerts Halsmuskeln waren zum Zerreißen gespannt. Eggert sah ein Gesicht neben sich.

Dunkle starre Augen, kurzgeschorenes Haar, gespannte blasse Lippen.

Eggert tastete nach der Pistole an seiner Seite. Bruno glitt röchelnd an seinem Körper hinab. Er spürte, wie Brunos Hände sich in seinen Gürtel krallten. Die Pistole, die verdammte Pistole. Endlich bekam er den Griff zu packen.

Die Faust kam aus dem Nichts. Sie krachte gegen sein Kinn und schleuderte seinen Kopf in den Nacken. Der Hinterkopf knallte gegen die Wand. Seine Knie wurden weich. Brunos Gewicht zerrte an seiner Hüfte.

Die Wohnungstür schlug zu, und er fiel auf die Knie. Bruno rutschte über seine Schulter weg und prallte auf den Boden.

Ralf Eggert wartete auf die Ohnmacht. Er hätte sie begrüßt, aber sie kam nicht. Etwas Furchtbares war geschehen. Er wusste es genau.

Er schob Bruno zur Seite, versuchte, sich aufzurichten. Was musste er jetzt tun? Sein Schädel dröhnte. Ein Fuß knickte weg. Er wollte sich irgendwo festhalten, aber es gab nirgendwo Halt. Eine Kommode stürzte um. Seine suchende Hand streifte einen Lichtschalter. Die Deckenlampe flammte auf. Ihr Licht spiegelte sich in Brunos weit geöffneten Augen.

Eggert taumelte. Keuchend lehnte er sich mit dem Rücken gegen eine Wand. Bruno lag auf der Seite. Seine Uniform war voller Blut. Sein Gesicht zuckte, die Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus Brunos Kehle.

O Gott, warum Bruno?

»Bruno!«, schrie Eggert. »Bruno!« Er torkelte zur Wohnungstür. Glassplitter der zerbrochenen Türscheibe knirschten unter seinen Schuhen. »Den Notarzt!«, schrie er durch das Loch in der Tür. Seine Stimme warf ein hohles Echo im hohen Treppenhaus. »Rufen Sie den Notarzt! Schnell!«

Er würde nicht mehr rechtzeitig kommen. Ralf Eggert wusste es.

Er hörte ein ersticktes Wimmern. Seine Nackenhaare sträubten sich. Er tastete nach der Pistole. Mit schweißnasser Hand umklammerte er den Griff, als er sich in das Zimmer schob, aus dem das Wimmern kam. Er schaltete das Licht ein und sprang zur Seite.

Das rötlich schimmernde Licht der verhängten Lampen und die wandhohen Spiegel boten ein verwirrendes Bild. Eggerts Blick glitt über das große Rundbett, und dann duckte er sich unwillkürlich und riss die Pistole heraus, als er die Gestalt hinter dem Bett bemerkte, genau gegenüber. Die Gestalt bückte sich, riss eine Pistole heraus und schob den Kopf vor.

Eggert ließ die Pistole sinken und stieß den angehaltenen Atem aus. Um ein Haar hätte er sein eigenes Spiegelbild nicht erkannt.

Das blonde Mädchen kauerte in einer Ecke. Ihr blaues Kleid war zerfetzt, das blonde Haar klebte strähnig in dem schönen Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, dass die Unterlippe aufgeplatzt war und blutete. Und dort, wo unter dem zerfetzten Kleid die nackte Haut sichtbar war, bemerkte er die Spuren schwerer Schläge.

Sie verbarg ihr Gesicht hinter den erhobenen Händen, als Eggert auf sie zuging. Dann versuchte sie, vor ihm davon zu kriechen, sich tiefer in die Ecke zu pressen.

»Es ist ja alles gut«, sagte er begütigend. Er blieb stehen, steckte die Pistole ein, sah hilflos auf sie hinab. »Sie brauchen keine Angst mehr zu haben . . .«

Schritte polterten durchs Treppenhaus, verharrten in der Diele, dann sah Eggert im Spiegel das Gesicht eines jungen Arztes, der seinen Blick suchte.

»Sind Sie in Ordnung, Mann?«, fragte der Arzt.

»Ja, ja.«

Der Arzt schob ihn aus dem Weg. Vor dem blonden Mädchen ließ er sich auf die Knie nieder.

»Warum kümmern Sie sich nicht um meinen Kollegen?«, fragte Eggert. Seine Stimme klang zu laut.

»Hat sie es gesehen?«, fragte der Arzt, ohne Eggerts Frage zu beantworten. »Sie steht unter Schock.«

Bruno war tot.

Eggert stützte sich irgendwo ab. Er fühlte sich wie betäubt, ausgelaugt. Diese verdammten Vorahnungen!

Seine brennenden Augen wanderten suchend über das Chaos. Er konnte die Tatwaffe nicht entdecken. Er schloss die Augen einen Moment und versuchte, sich das Gesicht des Mannes ins Gedächtnis zurückzurufen, der aus dem Zimmer gestürzt war und ihn niedergeschlagen hatte.

Er öffnete die Augen wieder, weil ihm schwindlig wurde. Neben seiner Hand lag eine Handtasche. Der Bügel stand offen, der Inhalt war zum Teil herausgefallen und lag auf der Kommode verstreut. Rechtzeitig widerstand Eggert dem Impuls, den Kram in die Handtasche zurückzuschieben. Er hatte schon genug angefasst und verschoben in diesem Zimmer.

Sein Blick fiel auf ein Foto, das in einem grünen Lederrähmchen steckte. Es zeigte das kantige Gesicht eines jungen Mannes mit ernsten Augen. Eggert blinzelte. Er nahm das Foto in die Hand, und er musste genau hinsehen, um sicher zu sein, dass er sich nicht irrte.

Der junge Mann trug eine Polizeiuniform!

Der Arzt richtete sich auf und rief nach einer Trage. Ralf Eggert wusste nicht, warum er das Foto einsteckte.

5

Polizeioberkommissar Katterbach, der Dienstgruppenleiter der Polizeiwache Uhlenbeck, verdrehte die Augen, als Jochen Teske und Hermann Gropp den Wachraum betraten. Der Wechsel von der Nacht auf die Mittagsschicht hatte ihnen zwei Freischichten beschert. Beide fühlten sich ausgeruht und noch fern von den Problemen des Dienstalltags.

»Die Helden vom Heidepuff!«, rief Katterbach.

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