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Mit Schwert und Lanze
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eBook270 Seiten3 Stunden

Mit Schwert und Lanze

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Über dieses E-Book

Heldengeschichten aus der Zeit des Hochmittelalters gibt es zur Genüge. Sie berichten von der Tapferkeit, dem Edelmut der Ritter und einer oft ins Sakrale überhöhten Minne. Man denke nur an König Artus und seine Tafelrunde. An Lancelot und seine unglückliche Liebe zu Guinevere, den edlen Gawain und nicht zuletzt an Parzival, den späteren König des Grals. So unterschiedlich diese Helden auch waren, eines hatten sie gemein: Ihr Leben und ihre Taten überstiegen das menschliche Maß.
Die Geschichten dieses Buches erzählen ebenfalls vom Hochmittelalter, in der das Rittertum bekanntlich seine höchste Blüte erlebte.
Schauplatz ist das obere Mittelrheintal, das mit seinen berühmten Burgen heute zum Weltkulturerbe zählt. Fernab von jedem Pathos geht es um Liebe, Mut und Opferbereitschaft, aber auch um Verrat, Niedertracht und Grausamkeit.
Auch wenn in den Erzählungen Reales und Phantastisches ineinander übergehen, lassen sie doch Rückschlüsse auf die Denk- und Lebensweise der Menschen im 11. und 12. Jahrhundert zu.
So ist der Leidensweg eines Pagen, der fern der heimatlichen Burg an der Ausbildung zum Ritter zerbricht, ganz sicher realistisch; wogegen der Kampf der Nixen und Waldgeister um den Erhalt ihres Lebensraumes ins Reich der Sagen und Märchen gehört.
Neben dem anderen Blick, den dieses Buch auf jene Zeit vermittelt, besteht sein Reiz darin, dass Phantasie und Realität in ihm zu einer neuen Wirklichkeit verschmelzen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum10. Feb. 2016
ISBN9783738680805
Mit Schwert und Lanze
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Autor

Herbert Bachem

Herbert Bachem wurde 1942 in Ellen bei Düren geboren, wo er auch aufwuchs. Nach einer Lehre als Verkäufer war er Soldat, Lagerarbeiter, Vertreter, Gastwirt und von 1991 bis 2003 Oberamtsrat im Bundesministerium der Verteidigung. Jetzt ist er Skipper auf seiner Yacht Katharina. Neben verschiedenen Essays erschienen von ihm die Romane „Doch der Kopf blieb dran“ (2005), „VS-Vertraulich“ (2007) und „Lebensernte“ (2009).

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    Buchvorschau

    Mit Schwert und Lanze - Herbert Bachem

    Inhaltsverzeichnis

    Ritter Ron Jeremias von Hattenheim

    Der schwarze Ritter von Burg Maus

    Die Naturgeister von Burg Rheineck

    Graf Katz

    Der geheimnisvolle Ritter

    Die Kastellanin von Winkela

    Der Ritter von Burg Lahneck

    Das Turnier auf Burg Gutenfels

    Die feindlichen Brüder

    Irmel

    Kilian von Burg Hammerstein

    Vincent

    Zu diesem Buch

    Heldengeschichten aus der Zeit des Hochmittelalters gibt es zur Genüge. Sie berichten von der Tapferkeit, dem Edelmut der Ritter und einer oft ins Sakrale überhöhten Minne. Man denke nur an König Artus und seine Tafelrunde. An Lancelot und seine unglückliche Liebe zu Guinevere, den edlen Gawain und nicht zuletzt an Parzival, den späteren König des Grals. So unterschiedlich diese Helden auch waren, eines hatten sie gemein: Ihr Leben und ihre Taten überstiegen das menschliche Maß.

    Die Geschichten dieses Buches erzählen ebenfalls vom Hochmittelalter, in der das Rittertum bekanntlich seine höchste Blüte erlebte.

    Schauplatz ist das obere Mittelrheintal, das mit seinen berühmten Burgen heute zum Weltkulturerbe zählt. Fernab von jedem Pathos geht es um Liebe, Mut und Opferbereitschaft, aber auch um Verrat, Niedertracht und Grausamkeit.

    Auch wenn in den Erzählungen Reales und Phantastisches ineinander übergehen, lassen sie doch Rückschlüsse auf die Denk- und Lebensweise der Menschen im 11. und 12. Jahrhundert zu.

    So ist der Leidensweg eines Pagen, der fern der heimatlichen Burg an der Ausbildung zum Ritter zerbricht, ganz sicher realistisch; wogegen der Kampf der Nixen und Waldgeister um den Erhalt ihres Lebensraumes ins Reich der Sagen und Märchen gehört.

    Neben dem anderen Blick, den dieses Buch auf jene Zeit vermittelt, besteht sein Reiz darin, dass Phantasie und Realität in ihm zu einer neuen Wirklichkeit verschmelzen.

    Widmung

    Für meinen tapferen Urenkel

    Ron Jeremias

    Danksagung

    Ich danke meiner Frau Gudrun, die viel Zeit, Geduld und Mühe aufwendet, erste Entwürfe kritisch zu lesen und zu korrigieren.

    Ihre Anmerkungen tragen wesentlich dazu bei, dass aus Ideen Geschichten werden.

    Ritter Ron Jeremias von Hattenheim

    Kurz nach der Gründung des Klosters Eberbach im Jahr 1136 wurde der Bau der Burg Hattenheim vollendet. Vieles von dem, was damals geschah, liegt im Dunkel der Geschichte. Was man allerdings mit Sicherheit weiß, ist, dass im Jahre des Herrn 1165 ein Knabe geboren wurde, dem man den Namen Rögn­valder¹ Jeremias² gab. Der Prophet Jeremias hatte vor 2500 Jahren beklagt, dass nicht mehr das Recht eine auf Solidarität gründende Gemeinschaft bestimme, sondern dass Täuschung, Betrug und Gewinn die Gesellschaft prägten. Diese Kritik betraf in erster Linie die Eliten seiner Zeit, die Propheten, Priester und Könige – und war so aktuell wie eh und je. Die Hoffnung der rechtschaffenen Eltern war, dass sich ihr Sohn, so wie der Prophet, dem Wahren und Guten verschreiben und ein gottgefälliges Leben führen würde.

    Als der Knabe sieben Jahre alt war, wurde er Page am Hof des Bischofs von Mainz. Dort hatte er einen weisen Lehrer, der genauso viel Wert auf seine geistige Ausbildung legte wie der Waffenmeister auf seine körperliche Ertüchtigung. Dazu lernte er höfische Sitten und alles, was ein künftiger Ritter wissen musste. Seine Zeit als Knappe³ verbrachte er auf der Burg Ehrenfels in Rüdesheim und erhielt dort auch die Schwertleite⁴.

    Zwanzig Jahre waren seit der Geburt von Ron Jeremias vergangen, als an den Fürstenhöfen und bei den Rittern im Reich Unruhe ausbrach. Grund war der Aufruf von Papst Gregor VIII. zum 3. Kreuzzug. Statt Zwist zwischen den Rittern herrschte Aufbruchsstimmung. Der andauernden Tjoste⁵ überdrüssig sahen sie in dem Kreuzzug eine sinnvolle, wenn nicht gar eine hehre Aufgabe. Und nicht nur das. Dieser Feldzug versprach neben Ruhm und Ehre zudem die Möglichkeit, reich zu werden. Auch der junge Ritter Ron Jeremias sah die Chance, sich die Sporen zu verdienen⁶, und wollte sich dem Heer Friedrichs I.⁷ anschließen, den man wegen seines roten Bartes »Barbarossa« nannte. Am 25. März, dem hohen Feiertag Mariä Verkündigung, nahm der junge Recke Abschied von seinen Eltern und machte sich auf den Weg nach Regensburg. Ehe er die gefährliche Reise antrat, wollte er die Gottesmutter noch um ihren Beistand bitten und ritt zum Kloster Eberbach.

    Kurz bevor die heilige Messe begann, traf er in der Kathedrale ein und kniete in der zweiten Bankreihe nieder, von wo aus er einen guten Blick auf Chor und Altar hatte. Nachdem er sich bekreuzigt und ein kurzes Gebet geflüstert hatte, blickte er nach vorn und sah zu seiner Überraschung, dass auf der linken Seite im Chorgestühl der Herr der Burg Ehrenfels mit seiner Familie saß. Neben der Mutter saß die sechzehnjährige Tochter, die er seit ihrer frühen Kindheit kannte. Ob es am Licht, der feierlichen Stimmung oder an ihrem besonders hübschen Kleid lag, wusste er nicht, jedenfalls sah er zum ersten Mal, wie wunderschön die Jungfrau war. Noch benommen von der Faszination ihrer Erscheinung war ihm, als hätte sie ihm zugelächelt. Fortan konnte er seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Selbst als der Priester mit den Messdienern zum Altar schritt, sah er nur sie.

    Und dann geschah es wieder: Kaum merklich dreht sie den Kopf und blickte ihn an. Dieses Mal war er sicher: Sie lächelte ihm zu! Gebannt sah er, wie der liebreizende Mund sich zum Singen bewegte. Was hätte er darum gegeben, neben ihr zu sitzen und ihrem süßen Gesang lauschen zu können. Immer und immer wieder schaute sie verstohlen zu ihm herüber, und ihm war so, als wollte sie ihm eine Botschaft senden. Noch nie war ihm eine heilige Messe so kurz vorgekommen wie an diesem Tag. Nach dem ite missa est stand er auf und verließ die Kirche. Auf dem Vorplatz wartete er auf den Burggrafen der Ehrenfels. Das konnte er wagen, ohne Anstoß zu erregen, schließlich handelte es sich um den Waffenmeister, der ihn zum Ritter ausgebildet hatte.

    Der Ritter von Rüdesheim war hocherfreut, als er ihn sah, und geradezu euphorisch, als er hörte, dass Ron Jeremias an dem bevorstehenden Kreuzzug teilnehmen wollte. Zum Abschluss des Gesprächs wünschte er ihm viel Glück und Gottes Segen. Nachdem der Ritter und seine Frau ihm die Hand gereicht hatten, wandte er sich an das Burgfräulein und wollte sich mit der gebotenen ritterlichen Zucht auch von ihr verabschieden. Aber Marlein sprach ihn ungezwungen an, kam auf ihn zu und reichte ihm zum Abschied beide Hände. Dass ihr Vater dies zuließ, war wohl nur mit der langjährigen Bekanntschaft zu Ron Jeremias zu erklären, denn damit überschritt sie bei Weitem die strengen Regeln dessen, was zwischen ihnen gestattet war. Während sie ihm die Hände drückte, spürte er, dass sie etwas Hartes hineingleiten ließ. Ohne sich das Geringste anmerken zu lassen, verbeugte er sich vor der hohen Familie, wandte sich ab und ging zu seinem Pferd.

    Er war noch keine zwei Schritte entfernt, als er seine Hand öffnete und zu seiner unbeschreiblichen Verzückung sah, dass ihm Marlein ein Medaillon mit ihrem Bildnis geschenkt hatte. Etwas Seltsames ging in ihm vor. Bisher hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, welche Risiken die Teilnahme an einem Kreuzzug mit sich brachte. Nun stand ihm die Unwägbarkeit eines jahrelangen Kriegszuges deutlich vor Augen. Aber trotz der vielen Gefahren, die auf ihn lauerten, war er vollkommen sicher, dass er gesund zurückkehren und das Amulett ihm Schutz und Trost sein würde. Er bestieg sein Pferd und machte sich frohen Mutes auf den Weg nach Frankfurt.

    Am zweiten Tag seines Ritts entlang des Mains erreichte er die Freie Reichsstadt Frankfurt. Kaum hatte er das Stadttor passiert, sah er sich von lärmender Geschäftigkeit umgeben. Bettler reckten ihm ihre Hände entgegen, Händler boten Waren feil, Marktfrauen priesen lautstark ihre Erzeugnisse an, Kinder liefen johlend hinter ihm her, und eilige Reiter kreuzten seinen Weg, ohne darauf zu achten, wie nahe sie ihm dabei kamen. Es war ein Gewusel, wie er es nicht kannte. Er fragte einen wohlgekleideten Herrn, wo er Unterkunft finden könne, und noch während er sprach, nahm ein Knabe die Zügel des Pferdes und führte ihn zu einem palastartigen Haus. Dort war eine edle Gesellschaft vor dem Eingang versammelt. Ritter, Knappen und Edelleute drängten sich, um Einlass zu erhalten. Als Ron Jeremias nach dem Grund für das Getümmel fragte, erfuhr er, dass ein Abgesandter Barbarossas aus dem nahen Gelnhausen angereist sei, um über den bevorstehenden Kreuzzug zu informieren. Ausgerechnet an diesem Tage in Frankfurt eingetroffen zu sein, hielt Ron Jeremias für ein Zeichen Gottes.

    Er betrat den kaiserlichen Thronsaal als Letzter. Der prächtige Raum war reich geschmückt mit allerlei mannshohen Statuen, und die sich um das Gesims rankenden Rosen aus Stein hätte die Natur nicht schöner hervorbringen können. Das hohe Gewölbe gab dem Raum etwas Majestätisches und ließ die Macht und Größe des Kaisers erahnen. Sein Abgesandter, ein Markgraf, saß auf einem erhöhten Stuhl, von wo aus er über die vielen Ritter blickte, die den Saal füllten.

    Nachdem Ruhe eingekehrt war, erhob der Graf seine Stimme und gab die Bedingungen des Kaisers bekannt, die jeder Ritter erfüllen musste, der an dem Kreuzzug teilnehmen wollte. Zuerst verkündete er, dass nur der Ritter teilnehmen dürfe, der drei Pferde besaß und in der Lage war, seinen Unterhalt zwei Jahre lang zu bestreiten.⁸ Er müsse über Rüstung und Waffen verfügen und fähig sein, diese im Kampf zu führen, und sich den strengen Verhaltensregeln unterwerfen, die der Kaiser festlegt hatte.

    Ein Raunen ging durch den Raum, als der Graf schwieg. Die ersten Zuhörer, darunter viele Ritter, verließen den Saal. Ihnen war klar geworden, dass nur sehr wohlhabende Lehnsmänner⁹ in der Lage waren, diese gewaltigen materiellen Bedingungen zu erfüllen. Bei Weitem nicht alle Anwesenden verfügten über ein solches Vermögen. Auch Ritter Ron Jeremias dachte daran, sich zurückzuziehen. Zwar hatte er Pferd, Rüstung und Waffen, aber über genügend Geld, um zwei Jahre davon leben zu können, verfügte er nicht. Er dachte an seine Eltern in Hattenheim, die bereits für den Erwerb seines Streitrosses und seiner Rüstung Ländereien verpfändet hatten. Doch er blieb. In seinem Geldbeutel waren zwei Mark¹⁰, die reichten für ein Jahr, dann wollte er weitersehen. Die Frage war nur, ob sich die Kontrolleure des Kaisers damit zufrieden gaben.

    Nachdem nur noch die Ritter anwesend waren, die glaubten, die genannten Bedingungen erfüllen zu können, erläuterte der Graf, über welche Route das Heer ins Heilige Land ziehen würde. Von Regensburg sollte es über die Königreiche Serbien und Bulgarien nach Byzanz¹¹ gehen. Dann weiter durch das Königreich Kleinarmenien¹² und das Fürstentum Antiochia¹³, in dem Kreuzritter regierten, bis zum Königreich Jerusalem.

    Verunsichert verließ Ron Jeremias den Saal. Die Kontrolle über das ausreichende Vermögen der Ritter würde in Regensburg erfolgen. Ohne diese Bestätigung konnte sich niemand dem Feldzug anschließen. Je länger er über seine Situation nachdachte, umso sicherer wurde er, dass man bei ihm keine Ausnahme machen würde. Warum auch? Die Erfahrung aus den vorangegangen Kreuzzügen waren bedrückend. Er erinnerte sich an einen Ritter, der ausgezogen war, Ruhm, Ehre und Reichtum zu erwerben – und sich ins Elend stürzte. Zur Begleichung seiner aufgelaufenen Schulden mussten Burg und Lehen verkauft werden. Niemand wusste, was aus diesem Entwurzelten geworden war. Vielleicht hatte er Glück gehabt und einen Fürst gefunden, der ihn zu irgendeinem Kriegsdienst benötigte. Wenn nicht, blieb dem Unglücklichen nicht viel mehr, als sich aufs Rauben und Morden zu verlegen – und letztlich elend am Galgen zu sterben. So wollte Ron Jeremias nicht enden. Hin und her gerissen fragte er sich, ob er unter den gegebenen Umständen weiter nach Regensburg oder besser zurück nach Hattenheim reiten sollte.

    Während er grübelnd auf der Suche nach einer Unterkunft durch die Straßen von Frankfurt ritt, entschied sich sein Schicksal. Er war vielleicht zehn Minuten geritten, als ihn ein prächtig gekleideter Reiter ansprach. Im ersten Augenblick wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte, aber als er etwas genauer hinschaute, erkannte er in dem freundlich lächelnden Herrn den Hofmarschall¹⁴ des Bischofs von Mainz. Es war acht Jahre her, dass sie sich am Bischofssitz zum letzten Mal begegnet waren. Der junge Recke war erstaunt, dass er ihn nach so vielen Jahren erkannt hatte.

    »Gott zum Gruß«, sprach ihn der hohe Herr lachend an, »wohin des Weges?«

    »Herr Hofmarschall«, rief Ron Jeremias mit einem fröhlichen Lachen, »welche Freude! Dass Ihr mich nach so langer Zeit noch erkannt habt, empfinde ich als große Ehre!«

    »Um ehrlich zu sein«, sagte der Marschall amüsiert, »habe ich das Wappen und die Farben der Ritter von Hattenheim erkannt. Den Rest zu erraten, war dann nicht mehr schwer. Warst du beim Vertreter des Kaisers?«

    »Ja, das war eine große Enttäuschung für mich, denn die Bedingungen für die Teilnahme an dem Kreuzzug kann ich nicht annähernd erfüllen. Ich denke, morgen in der Frühe reite ich zurück nach Hattenheim. Im Augenblick bin ich auf der Suche nach einem Nachtquartier.«

    »Was hältst du davon, mit mir nach Hoechst zu reiten und dort auf der Zollburg des Bischofs zu übernachten?«

    »Wie könnte ich so ein großherzige Angebot ausschlagen?«, freute sich der junge Ritter, »ich reite gern mit Euch.«

    »Dann wollen wir mal.« Der Hofmarschall gab seinem Pferd leicht die Sporen und trabte an.

    »Darf ich fragen, was Ihr in Frankfurt zu besorgen hattet? Ich nehme an, es ging um den Kreuzzug.« Ron Jeremias hätte sich nicht gewundert, wenn ihn der Hofmarschall wegen seiner Vorwitzigkeit zurechtgewiesen hätte.

    Aber der sagte so gelassen, als spräche er mit jemandem von seinem Rang: »Richtig. Der Bischof wird zehn Ritter mit allem ausrüsten, was der Kaiser verlangt, und nach Jerusalem entsenden.« Geradezu schelmisch blickte er Ron Jeremias an und sagte dann: »Vielleicht entsendet er dich als elften. Was hältst du davon?«

    Ron Jeremias war nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte, und fragte daher zögernd: »Herr Hofmarschall, meint Ihr etwa mich?«

    »Hättest du etwas dagegen?«, fragte der mit einem verschmitzten Lächeln.

    »Weiß Gott nicht.« Ron Jeremias hätte vor Glück aufschreien mögen.

    »Na also, aber jetzt wollen wir uns ein wenig beeilen, sonst sind wir nicht in Hoechst, bevor es dunkel wird.«

    Am Nachtmahl in der Zollburg, die etwas erhöht über dem Mainufer lag, nahmen zwei Ritter teil, die auch nach Regensburg wollten. Dort würden sie sich mit den übrigen Recken des Bischofs treffen und dann als Gruppe mit dem Heer nach Jerusalem ziehen. Den jungen Kämpen¹⁵ Ron Jeremias begrüßten sie ohne Umschweife als einen der ihren und luden ihn ein, mit ihnen auf eine glückliche Heimkehr anzustoßen.

    Am nächsten Morgen wurden die Ritter, unter ihnen Ron Jeremias als elfter Kreuzfahrer des Bischofs, mit allem versorgt, was sie brauchten, und machten sich auf den Weg nach Regensburg. Stolz saß er auf seinem Pferd. Seine Rüstung schimmerte in der Morgensonne wie pures Silber. Auf Waffenrock, Schild und Lanze leuchteten in gelb und blau prächtig die Farben von Hattenheim und gaben von seiner edlen Herkunft Zeugnis. Ein Gefühl von Wonne erfüllte den jungen Mann, der vor seiner ersten großen Herausforderung stand und wusste, dass auf seinem Tun Gottes Segen lag.

    Ein Ortskundiger ritt voran, und nach wenigen Stunden trafen sie auf die große Handelsstraße Via Publica¹⁶, die die Städte Köln, Frankfurt, Nürnberg und Regensburg miteinander verband. Da nun mehr Raum war, trabte Ron Jeremias leicht an, bis er auf Höhe des vordersten Reiters war.

    »Wie lange werden wir bis Regensburg unterwegs sein?«, fragte er den Ritter, der aus Worms kam und bereits am ersten Kreuzzug teilgenommen hatte.

    »Wenn es keine unvorhergesehenen Aufenthalte gibt«, antwortete der, »werden wir in sechs Tagen unser Ziel erreichen. Bei einer schnelleren Gangart wären wir in vier oder fünf Tagen an Ort und Stelle. Aber wozu? Bis Neumond sind es noch zehn Tage, und wir dürfen nicht vergessen, was noch vor uns liegt. Wenn wir unsere Pferde jetzt schon zu Schanden reiten, werden wir Jerusalem nie erreichen.«

    Ron Jeremias nickte und ließ sich schweigend auf den Platz zurückfallen, von dem er gekommen war. Regensburg quoll über vor Rittern, Knappen, Händlern, Gauklern und Dieben. Außerhalb der Stadt waren zur Unterbringung der Kreuzritter Zelte aufgebaut. Die Zahl der Ritter übertraf die Zahl der Stadtbewohner, was zu beträchtlichen Problemen auf allen Gebieten führte. Weder die Versorgung von Mensch und Tier, noch die Beseitigung ihrer Hinterlassenschaften konnte sichergestellt werden. Die Folge waren Mangel und bestialischer Gestank und Schmutz, wohin man blickte.

    Die Unterkunft, die man Ron Jeremias und seinen Begleitern aus Mainz zuwies, lag am nördlichen Ende des Zeltlagers, direkt an der Donau.

    »Das ist günstig«, sagte einer seiner Begleiter, als sie von den Pferden stiegen, »hier haben wir Wasser und sogar noch ein wenig Weidefläche für die Pferde.«

    »Von dem bisschen Gras werden die Tiere nicht satt«, stellte Ron Jeremias fest.

    »Natürlich nicht. Aber die, die mitten in der Zeltstadt wohnen, haben gar nichts. Ich weiß nicht, ob du es gesehen hast«, wandte er sich an Ron Jeremias, »auf dem Weg hierher konnte man links von unserem Weg die zentrale Ausgabestelle für Pferdefutter sehen. Dorthin karren die Bauern aus der Region Gras, Heu und wer weiß was sonst noch. Da musst du hin, wenn du etwas brauchst.«

    Ron Jeremias nickte. Er hatte die Futterstelle im Vorbeireiten gesehen.

    In jedem Zelt waren sechs Ritter untergebracht. Die Enge war beklemmend. Aber für die paar Tage würde es gehen. Zuerst aß Ron Jeremias ein wenig von dem Proviant, den er noch hatte. Während er auf dem harten Brot herumkaute, dachte er an seine Eltern. Im Grunde genommen kannte er Vater und Mutter gar nicht. Er war mit sieben Jahren Page geworden und bis zu seinem Ritterschlag nie nach Hattenheim gekommen. Die einzige innere Bindung hatte er zu seinem Erzieher in Mainz gehabt, aber der war schon seit Jahren tot.

    Nachdem das schlimmste Hungergefühl beseitigt war, ging er mit seinem Pferd zur Futterstelle. Auf dem Weg dorthin kam er mit einem Ritter von der Reichsburg Alzey ins Gespräch.

    »Die Regensburger werden glücklich sein, wenn sie uns los sind«, stellte Ron Jeremias fest.

    »Das denke ich auch«, stimmte der Ritter zu, »aber ein paar Tage müssen sie uns schon ertragen. Bevor der Kaiser eintrifft, bewegt sich hier nichts.«

    »Sicher, ich fürchte nur, dass bei so vielen Pferden irgendwann das Futter knapp wird.«

    »Da würde ich mir keine Gedanken machen. In der Umgebung gibt es Bauern genug. Freiwillig werden sie natürlich nichts herausrücken. Aber mit ein paar Peitschenhieben kann man bei denen wahre Wunder bewirken. Wenn man die Halunken hart genug anfasst, halten wir hier noch lange durch.«

    Der Futterplatz kam in Sichtweite, und obwohl es anscheinend noch genügend Gras, Heu und Stroh gab, kam es zwischen den Knappen schon zu Rangeleien um die Verteilung.

    »Wenn die sich jetzt schon die Köpfe einschlagen, frage ich mich, wie das werden soll, wenn wir den Balkan durchqueren«, sagte der ältere Ritter. »Es wird Juli, bis wir durch Serbien ziehen. Um diese Zeit gibt es dort keinen frischen Grashalm mehr. Mal sehen, um was sie sich dann prügeln.«

    Ron Jeremias sprang ohne zu antworten aus dem Sattel. Was hätte er auch sagen sollen? Er kannte Serbien nicht. Er zog sein Pferd am Zügel zu der Futterstelle und sah mit Vergnügen zu, wie sein Hengst sich kräftig bediente.

    Die Zustände

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