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1966: Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte

1966: Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte

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1966: Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte

Länge:
254 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2016
ISBN:
9783701745272
Format:
Buch

Beschreibung

1966 ist das Jahr, in dem die Welt Abschied von gestern nimmt.
Mit der Eröffnung des „Psychedelic Shop" am 3. Januar 1966 in San Francisco beginnt nicht nur popkulturell eine neue Epoche. Ken Kesey und die Merry Pranksters touren durch die Staaten und veranstalten öffentliche LSD-Happenings. Sogar die Beatles sind auf LSD und mittlerweile bekannter als Jesus. Kontroverser auch. Im Londoner UFO Club heben Pink Floyd ab. Captain Kirk, Mr. Spock und Pille ebenfalls. Der Kalte Krieg wird ins Weltall verlegt und die Studenten bewegen sich, nicht zuletzt auf der Straße. Unterdessen wird ein weißer Wal im Rhein gesichtet …
Frank Schäfer erzählt collagenartig von dem Jahr, in dem die lange, steifleinerne Nachkriegszeit ein Pink-Paisley-gemustertes Ende findet.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2016
ISBN:
9783701745272
Format:
Buch

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1966 - Frank Schäfer

gut.

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Deutschland

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England

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USA

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The Beatles: We Can Work It Out (8.1.–21.1.)

Simon &Garfunkel: The Sound Of Silence (22.1.–28.1.)

The Beatles: We Can Work It Out (29.1.–4.2.)

Woolworth für Acid Heads Die Brüder Ron und Jay Thelin kennen die Wäscherei an der Ecke Haight und Ashbury Street gut. Sie sind hier aufgewachsen und ihr Vater leitet das Woolworth-Kaufhaus auf der anderen Straßenseite. Im Jahr zuvor haben sie erstmals einen mit Acid beträufelten Zuckerwürfel vom Szenechemiker Owsley Stanley III gelutscht, seitdem haben sie den Wunsch, allen davon zu erzählen. Und noch mehr als das. Der psychedelischen Revolution zum Sieg zu verhelfen. Denn eins ist ihnen aufgegangen beim Lutschen: Wenn man die Menschen schon nicht mit Vernunftgründen davon überzeugen kann, dass Kriege sinnlos sind, dann hilft nur noch das LSD-Sakrament.

Die Marketender-Mentalität des Vaters steckt ihnen aber ebenfalls in den Genen. Also kratzen Ron und Jay ihre Ersparnisse zusammen und mieten die mittlerweile leer stehende Wäscherei, Haight Street 1535, um dort am 3. Januar 1966 den Psychedelic Shop zu eröffnen. Gewissermaßen das Woolworth für Acid Heads.

Die Wände sind mit Leinentüchern und Kunsthandwerk behängt. Es riecht gut. Und die Produktpalette der Gebrüder Thelin ist recht breit gefächert. Zigarettenpapier, freaky Kleidung, Tücher, Glocken, Glasperlen und Accessoires, Flöten, Poster, Schallplatten, kleine Zangen zum Halten von Joint-Kippen, Fanzines und Bücher über Drogen, Bewusstseinserweiterung, orientalische Weisheitslehren – sie haben alles, was der Hippie zur täglichen Feier des Lebens eben so benötigt. Hier bekommt man auch die Karten für die Happenings im Fillmore Auditorium und im Avalon Ballroom.

Der Psychedelic Shop ist viel mehr als ein Laden – er ist eine Mischung aus Kulturzentrum, Informationszentrale, Beratungsstelle und Kreativspielplatz. Und bald nachdem er geöffnet hat, ändert sich auch das Gesicht der Straße. Die billigen Mieten sprechen sich herum. Das sich prächtig entwickelnde Hippie-Business siedelt sich in der Nachbarschaft an. Der Klamottenladen In Gear etwa, Wild Colors, ein Geschäft, in dem lokale Kunsthandwerker ihre Töpfereien und Makramee-Eulen feilbieten, Xanadu, ein Lederfachgeschäft, die Mnasidika Boutique, der I / Thou Coffee Shop. Love Burgers gibt es auch bald und das »San Francisco Oracle«, die Underground-Zeitung der Stadt. Das Viertel entwickelt eine ganz neue, ganz originäre Infrastruktur. In einem Tempo, das man den kommerzverachtenden Weltverbesserern nicht unbedingt zugetraut hätte.

Der Starkstrombrause-Trip Seit November 1965 schon kurven Ken Kesey und seine Hippie-Gang Merry Pranksters durch Kalifornien und Oregon, um den »squares« zu zeigen, was ein Haufen durchgeknallter Säureköpfe ist. Neal Cassady alias Dean Moriarty, der hyperaktive Held aus Kerouacs Beat-Bibel »On the Road«, findet sich ein und sofort seine Rolle als nimmermüder, rastloser Lenker von »Furthur« (!), dem umgebauten Schulbus, ihrem fahrenden Hauptquartier und mit allerlei audiovisuellem Freak-Schnickschnack aufgerüsteten Propagandazentrum. Denn die Pranksters haben eine Mission – sie wollen die Gesellschaft mit LSD erleuchten oder doch wenigstens ein bisschen aufmischen. Eine Band gibt es auch: The Warlocks liefern den Soundtrack zum Schlangentanz, in ein paar Wochen heißen sie Grateful Dead.

Acid Tests nennen die Merry Pranksters ihre schrillen öffentlichen Happenings, man kann auch ruhig Orgien dazu sagen, auf die nicht nur die Menschen in der Provinz mit Verstörung, Unverständnis und latenter Gewalttätigkeit reagieren. Selbst Acid-Apologeten wie Timothy Leary, Richard Alpert oder Owsley Stanley III, der als talentierter LSD-Koch für den nie versiegenden Nachschub sorgt, ist das zu viel Aufmerksamkeit. Noch haben die Behörden zwar keine Handhabe, das Gesetz, das LSD verbietet, muss erst noch verabschiedet werden, aber die Strafen für ein paar Gramm Marihuana sind drakonisch. Und man hat die Szene im Visier.

»Die Acid Tests waren einer jener seltenen Verstöße gegen die guten Sitten, einer jener Skandale, die einen neuen Stil oder gar eine neue Weltanschauung begründen. Alle tun aufgeregt gackernd ihre Besorgnis kund, knirschen wutschnaubend mit den Zähnen ob so viel schlechten Geschmacks – Unmoral! Vulgarität! Unverschämtheit! Unreife! Wahnsinn! Grausamkeit! Verantwortungslosigkeit! Rosstäuscherei! – und steigern sich dramatisch geifernd in eine solche Aufregung, dass sie die Geschichte nicht mehr loswerden. Sie wird zur perfekten Obsession«, schwärmt Tom Wolfe in seiner Mammutreportage »The Electric Kool-Aid Acid Test«, für die er Kesey und seine Mannen monatelang begleitet hat. Wolfe ist der kongeniale Biograf der »neuen Bewegung«. Er legt zwar zunächst noch Wert auf eine gewisse Distanz, gibt sich schon auf den ersten Seiten als Ostküsten-Dandy zu erkennen, den man »in der Welt der Heads« wegen seines »blauen Seidenblazers, einer überbreiten Krawatte voller Clowns und eines Paars … schwarzer … glänzender … Halbschuhe« eher milde belächelt, aber er wird immer mehr mit hineingezogen in diesen Irrwitz. Und auch seine Sprache, die zunächst noch um eine gewisse objektive Beschreibungsakkuratesse bemüht ist, geht bald mit auf den Starkstrombrause-Trip, wird ein Teil dieses Dauerdeliriums. Was dieses Buch leistet, ist nicht weniger als eine wohlwollende, aber letztlich ungeklitterte Innenansicht der frühen Hippiekultur mit all ihren Ritualen, Ideologemen und Phrasen, ihren halben Wahrheiten und Lebenslügen, den heute kaum noch fassbaren Freiheiten und vielfältigen Möglichkeiten, sich auszuprobieren.

»Die Acid Tests waren der epochemachende Markstein des psychedelischen Stils und praktisch all dessen, was man damit verbindet. Das soll nicht nur heißen, dass die Pranksters die Ersten waren, sondern darüber hinaus auch, dass sich alles Weitere in einer direkten Linie aus den Acid Tests ableiten lässt«, konstatiert er. Nicht zuletzt das große Ding der Stunde, das Mixed-Media-Konzept, sei »schnurgerade aus der bei Acid Tests üblichen Kombination von Licht- und Filmprojektionen, Stroboskopen, Bändern, Schwarzlicht und Rock ’n’ Roll« hervorgegangen. »Sogar Details wie die psychedelische Plakatkunst mit ihren Quasi-Jugendstilkringeln in Schrift und Design, ihren vibrierenden Farben, den Elektropastelltönen, dem spektralen DayGlo-Farbenspiel, das alles kam aus den Acid Tests.«

Ein bisschen vollmundig ist das allemal, es gibt schließlich auch in London und an der Ostküste Künstler, die auf Lysergsäure Kunst produzieren und die eingeübten Formate und Präsentationsformen transzendieren. Aber die Merry Pranksters mit ihrer Entourage sind schon sehr früh. Und ihre Überzeugungsarbeit trägt langsam Früchte. Im Januar des Jahres wird aus dem übersichtlichen Underground-Spaß erstmals ein Massenspektakel – das Trips-Festival.

Schon am 8. Januar 1966 findet im Fillmore, San Francisco, ein bunter LSD-Abend statt, der ein paar hundert Menschen anlockt und den die Polizei nur mit Mühe auflösen kann, weil sie nicht recht weiß, wo sie anfangen soll in diesem Durcheinander. Beinahe kommt es auch zum Eklat, als Pranksters-Vize Ken Babbs nicht weiß wohin mit seiner Virilität und sich den Uni(n)formierten in den Weg stellt.

Stewart Brand, ein Szene-Aktivist und Gründer der Organisation »America needs Indians«, der bald mit dem »Whole Earth Catalog« eine der essenziellen Publikationen zur Selbstverständigung der jungen Counterculture herausgeben wird, und der befreundete Künstler Ramon Sender planen etwas noch Größeres. Eine mehrtägige Messe, die einen Querschnitt der aktuellen Acid-Kultur zeigen soll. »Die Dinge haben sich geändert«, heißt es in ihrer Pressemeldung, »aus Feierlichkeiten in kleinen, sich selbst genügenden Gruppen sind nunmehr große Happenings geworden, bei denen das gesamte Publikum mitwirkt. Das gemeinsame Tanzen aller Anwesenden ist ein Teil der Darbietungen, und alle, die kommen, sind aufgerufen, sich so ekstatisch wie möglich zu kleiden und selbst Instrumente mitzubringen (Anschlüsse für Elektronikinstrumente sind vorhanden).«

Um die Behörden einzulullen, gibt man sich betont abstinent. Eine »psychedelische Erfahrung ohne Drogen« sei das Ziel, eine bloße Simulation des Trips also, allein mit einer opulenten Light-Show, Film- und Overheadprojektoren, Livemusik, absurden Verkleidungen und nicht zuletzt viel Gruppendynamik.

Ken Kesey wird ins Boot geholt. Und schließlich, als allen die Sache über den Kopf zu wachsen droht, auch Bill Graham, der noch der Agitprop-Theatertruppe San Francisco Mime Troupe angehört, aber gerade dabei ist, als Veranstalter zu reüssieren, und sich mit Benefiz-Partys im Fillmore auch bereits einen Namen gemacht hat.

Das dreitägige Freakout-Wochenende, vom 21. bis 23. Januar, findet in der Longshoremen’s Hall, San Francisco, statt. Kurz zuvor wird Kesey zum wiederholten Mal mit Marihuana geschnappt und vor Gericht gestellt, eine dreijährige Haftstrafe droht. Das alles ist zusätzliche Werbung für das Festival. Die Halle platzt dann auch aus allen Nähten, 1700 Besucher fasst sie für gewöhnlich, an jedem der Abende kommt mindestens die doppelte Zahl. Und wenn die Merry Pranksters mit von der Partie sind, wird hier natürlich nicht nur ein Trip simuliert. Owsley hat einmal mehr die Spendierhosen an und versorgt die Gemeinde großzügig, und so schwebt die ganze Bagage bald gut anderthalb Meter über der Erde.

Bis auf Bill Graham, der sich nur wundern kann. »Bisher hatte ich noch nicht die ganze Gewalt von dieser Acid-Geschichte erlebt«, erinnert er sich später. »An diesem Abend war es dann soweit. Sie hätten den Leuten genausogut Handgranaten anbieten können. Woher wollten sie wissen, was für einen Schaden dieses LSD-Schrapnell anrichten würde, wenn es im Körper explodiert? Es gab Eis mit LSD gespickt. Auch die Kinder konnten sich davon bedienen.«

Und so läuft Graham herum mit seinem Veranstalter-Klemmbrett und versucht, für den geregelten Ablauf des Abends zu sorgen, aber dafür ist es längst zu spät. Kesey, Babbs und die anderen Pranksters lachen sich kaputt über ihn. Der Running Gag des Abends: »Wer ist eigentlich das Arschloch mit dem Klemmbrett?«

»Tatsache ist, dass die Heads, die zu Hunderten hereingeströmt kommen, bis über die Kalebasse zugeknallt sind; Hunderte von LSD-Freaks, die zum ersten Mal völlig ungeniert total verstrahlt in der Öffentlichkeit auftreten«, konstatiert Tom Wolfe. Aber die kiebitzende Exekutive habe einfach weiterhin treudoof dem Motto des Abends geglaubt. »Na, was soll’s, die Kids machen sich eben halt ein LSD-Erlebnis ohne LSD, was ist schon dabei, und so was sieht eben so aus. Ein ausgerasteter bullenmächtiger Malstrom! Das ist doch nett. Filmprojektionen und Scheinwerfer wischen durch den Saal; fünf Projektoren sind am Laufen und weiß Gott wie viele Lichtorgeln; Interferometer; intergalaktische Science-Fiction-Ozeane über sämtliche Wände geklatscht; Lautsprecher spicken die Wände ringsum wie lodernde Armleuchter, Stroboskope explodieren, Schwarzlichtlampen mit DayGlo-Objekten darunter und DayGlo-Farben zum Spielen, Verkehrsampeln an jedem der Eingänge blinken abwechselnd rot und gelb;gleich zwei Bands spielen, Grateful Dead und Big Brother and the Holding Company; und rund um das Ganze tanzt eine Horde durchgedrehter Mädchen mit Hundepfeifen.«

In einem Punkt, mindestens, irrt Tom Wolfe. Vielleicht hat er ja auch von dem Eis gekostet? Grateful Dead werden von Kesey zwar auf die Bühne gebeten, aber die dort ebenfalls herumspringende Meute hat Jerry Garcias Gitarre umgeschmissen. Der Steg ist abgerissen. Bill Graham versucht auch das noch zu regeln, krabbelt auf dem Boden herum, sucht die Einzelteile, um sie wieder zusammenzuschrauben. »Wir haben uns fantastisch amüsiert«, meint Jerry Garcia später, »aber gespielt haben wir nicht.« Dafür jedoch Jefferson Airplane, The Charlatans, The Great Society mit Grace Slick, The Loading Zone. Die lokalen Szenebands eben.

Aber Stars gibt es hier sowieso nicht. Das Publikum selbst ist der Star. Eine eklektische Masse, von allem etwas. Vaudeville-Theater, Grand Guignol, Science-Fiction, Zirkus, Karneval in Rio. Kesey hat sich in einen goldenen Raumfahreranzug geworfen, Neal Cassady, als Gorilla verkleidet, jagt seiner Freundin Ann Murphy hinterher. Einer der Pranksters wickelt sich komplett in schwarzes Isolierband ein, ein anderer kommt mit vollem indianischen Kriegsschmuck, einige sind bald ganz nackt. Von einem Balkon aus springen Gäste auf eine Art Sprungtuch und hüpfen dort herum, das »stroboskopische Trampolin«.

Genau in der Mitte der Halle steht der Kontrollturm der Merry Pranksters, Soundtüftler Ken Babbs hat einen Moog-Synthesizer, Amps und sechzehn Lautsprecher ein Gerüst hochgewuchtet. »Ich war immer der Mr.-Tausend-Hertz, sowas Ähnliches wie ein Conférencier. Ich bin zu dem Mikrofon da oben raufgeklettert und hab irgendwas erzählt, und wir konnten meine Stimme im ganzen Saal herumschicken«, erinnert sich Babbs im Gespräch mit Robert Greenfield. »Kesey hatte sein Ding mehr an der Seite. Von da aus konnte er auch in ein Mikrofon sprechen, hatte aber außerdem noch einen Projektor, mit dem er handschriftliche Kommentare auf die große Leinwand hinter der Band werfen konnte. Er hat da also gesessen und eine Menge Zeug geschrieben, was ihm gerade so einfiel. Und wir haben uns hin und her unterhalten. Dabei haben sich die Sachen dann ziemlich vermischt.«

Charles Perry bezeichnet das Festival in seiner Hippie-Historie »The Haight-Ashbury« später als »McLuhanite Global Village / electronic art happening«. Für Jerry Garcia ist es aber vor allem ein großes »Veteranentreffen«. »Ich habe wirklich alle Leute wiedergetroffen, die ich jemals irgendwo kennengelernt hatte. Jeden Beatnik, jeden Hippie, die ganzen Typen, die quer durch Kalifornien in den Cafés rumgehangen haben. Alle waren da. Und alle sind schwer auf dem psychedelischen Trip.«

Alle, aber so gut wie keine Schwarzen.

Die urbane weiße Acid-Szene, »die bisher nur auf einer verschwiegenen Zelle-an-Zelle-Ebene existiert hatte«, noch einmal Tom Wolfe, feiert hier ihre erste spektakuläre Zusammenkunft und ist selbst »über die Maßen erstaunt, wie stark ihre eigenen Reihen inzwischen geworden waren – und sie freuten sich irre über den Umstand, dass sie einfach so an die Öffentlichkeit kommen konnten, high wie die Koalas, ohne dass ihnen der Himmel oder das Gesetz auf den Kopf fiel«. Sie gehen gestärkt und voller Selbstvertrauen aus diesem Wochenende hervor. Die Haight-Ashbury-Ära nimmt hier ihren Anfang.

Aber es ist wie immer auch nicht alles bloß Love &Peace an diesen drei Tagen. Die Hells Angels haben sich ebenfalls eingefunden und müssen anderen Motorradrockern beweisen, dass sie die Platzhirsche sind. Verschiedentlich setzt es Dresche, angeblich weil nicht ganz satisfaktionsfähige Clubs Sonny Barger und seine Männer provoziert hätten. Es gehören bekanntlich immer zwei dazu.

Und von Anfang an zeigt sich hier auch, dass sich eine Menge Geld mit der neuen, bald gar nicht mehr so untergründigen Subkultur verdienen lässt. Auch wenn die wahren Hippie-Aktivisten ein schlechtes Gewissen dabei haben. Die Merry Pranksters lassen immer wieder Freunde, Bekannte und schließlich egal wen durch die Hintertür ein, zum großen Ärger des Arschlochs mit dem Klemmbrett. »Mach dir da keine Sorgen drum, Bill. Es ist schon Geld in der Kasse«, will ihm Ken Babbs zugerufen haben. »Er hat mich angeschaut, als ob ich verrückt wäre.«

»Er wollte den Leuten, die an diesem Abend gekommen waren, jeden Cent aus der Tasche ziehen«, erinnert sich auch Ken Kesey. »Und dabei gab es da haufenweise Leute, die irgendwie zum Acid Test gehört haben und deshalb nicht dafür zu zahlen brauchten. Sie haben einfach dazugehört. Er hat sich selbst zuzuschreiben, was aus seinem ›Nein, nein, alle müssen zahlen‹ geworden ist. Seit damals hatte er nämlich seinen Ruf weg. Und damit mußte er sich lange Jahre herumplagen. Bis er sich schließlich dazu entschlossen hat, dieses Kreuz nicht weiter zu schleppen, sondern daran hochzuklettern und von da oben aus zu regieren.«

Bald darauf mietet Bill Graham denn auch das Fillmore Auditorium und steigt dank seines Geschäftssinns, einer geradezu unhippiesken Skrupellosigkeit und Ausgeschlafenheit zum Veranstaltungs-Impresario der San-Francisco-Szene auf.

Explodierende Plastikwelt Lou Reed ist von Haus aus Dichter. In Greenwich Village findet er den Stoff, der seiner an Verlaine und Baudelaire geschulten Schmuddelpoesie Erdung verleiht, und hier lernt er auch, im Zusammenspiel mit seinem Mitbewohner John Cale, dass sich die Suggestionskraft eines Gedichts mit ein paar lauten Gitarrenriffs und einem monotonen Beat im Rücken durchaus steigern lässt, vor allem wenn man dazu auch noch Dias oder Filme zeigt.

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