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Mit Marx in eine bessere Gesellschaft: Über die Nutzlosigkeit von Geldreformen im kranken Kapitalismus

Mit Marx in eine bessere Gesellschaft: Über die Nutzlosigkeit von Geldreformen im kranken Kapitalismus

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Mit Marx in eine bessere Gesellschaft: Über die Nutzlosigkeit von Geldreformen im kranken Kapitalismus

Länge:
408 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Feb 15, 2016
ISBN:
9783828863736
Format:
Buch

Beschreibung

Wenn in der kapitalistischen Gesellschaft soziale Probleme auftreten, wird dem in der Regel mit monetären Reformvorschlägen entgegengetreten. Aber kann das überhaupt funktionieren? Alfred Müller zeigt an drei Beispielen, dass die Begrenzung auf das Geld und den Staat an den Problemursachen meist vorbeigeht. Die kranke kapitalistische Gesellschaft lässt sich auf Dauer weder durch Geldreformen noch durch die Staatsregulierung heilen, es müssen andere Mittel ergriffen werden. Müller erklärt, warum und wie Transformationsschritte in Richtung einer alternativen, besseren Gesellschaft veranlasst werden müssen. Denn genau hier liegt nach Marx die Hauptaufgabe der Arbeiter- und Protestbewegung - im Gegensatz zur Vermischung von Ideen von Keynes oder Gesell zur Rettung des Kapitalismus.
Freigegeben:
Feb 15, 2016
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9783828863736
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Band 77

Alfred Müller

Mit Marx in eine bessere Gesellschaft

Über die Nutzlosigkeit von Geldreformen im kranken

Kapitalismus

Tectum Verlag

AlfredMüller

Mit Marx in eine bessere Gesellschaft. Über die Nutzlosigkeit von Geldreformen im kranken Kapitalismus

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag:

Reihe: Wirtschaftswissenschaften; Bd. 77

© Tectum Verlag Marburg, 2015

ISBN: 978-3-8288-6373-6

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter

der ISBN 978-3-8288-3668-6 im Tectum Verlag erschienen.)

ISSN: 1861-8073

Satz: Sabine Borhau | Tectum Verlag

Coverdesign: Marjan Haidar

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Marx kontra Keynes

1Unterschiedliche Wege zur Ökonomie

2Keynes’ Marx-Bewertung

3Keynes’ Marx-Kenntnisse

4Keynes und Marx zum Kapitalismus

4.1Systembestimmung

4.2Geldwirtschaft

4.3Unternehmerwirtschaft

4.4Profitorientierung

4.5Lohnarbeit

5Keynes und Marx zum Profit

6Keynes und Marx zum Wirtschaftsgleichgewicht

7Modellannahmen bei Keynes und Marx

8Keynes und Marx zur Geld- und Zinstheorie

8.1Keynes’ Geld- und Zinstheorie

8.2Marx’ Geld- und Zinstheorie

9Keynes und Marx zur Arbeitslosigkeit

10Keynes und Marx zur Konjunkturtheorie und - politik

11Keynes und Marx zur Stagnationstheorie

11.1Keynes’ Stagnationstheorie

11.2Marx’ Stagnationstheorie

12Keynes und Marx zur Staatstheorie

12.1Keynes’ Staatstheorie

12.2Marx’ Staatstheorie

13Bedeutung der Psychologie bei Keynes und Marx

14Integration von Keynes und Marx

15Zusammenfassung

Marx kontra Gesell

A.Silvio Gesell

B.Gesells Freiwirtschaftslehre

1Die Natürliche Wirtschaftsordnung

2Geldbestimmung

3Geldfunktionen

4Geldzins

5Arbeiter

6Lohn

7Gewinn

8Volkseinkommen und Einkommensverteilung

9Ökonomische Ausbeutung

10Klassenverhältnis

11Arbeitskampf

12Wesensmerkmale und historische Entwicklung des Kapitalismus

13Funktionsweise der Marktwirtschaft

14Ursachen der zyklischen Wirtschaftskrisen

15Arbeitslosigkeit

16Stagnation

17Überwindung des Kapitalismus

18Staat im Kapitalismus und in der natürlichen Wirtschaftsordnung

C.Gesells Kritik an Marx

D.Marxistische Kritik an Gesell

1Oberflächliche Marx-Kenntnisse

2Kritik an Gesells Laissez-faire-Marktwirtschaft

3Kritik an Gesells ahistorischem Ansatz

4Kritik an Gesells Geld- und Zinstheorie

5Kritik an Gesells Wert- und Preistheorie

6Kritik an Gesells Produktionsmittel- vermietungstheorie

7Kritik an Gesells Ausbeutungstheorie

8Kritik an Gesells Lohntheorie

9Kritik an Gesells Klassentheorie

10Kritik an Gesells Abschaffung des Schmarotzertums

11Kritik an Gesells Arbeitskampftheorie

12Kritik an Gesells Transformationsstrategie

13Kritik an Gesells Kapitalismusbestimmung und –entstehung

14Kritik an Gesells Krisentheorie

15Kritik an Gesells Arbeitslosigkeitserklärung

16Kritik an Gesells Menschen- und Gesellschaftsbild

17Kritik an Gesells Anarchismusvorstellung

18Kritik an Gesells Forderung nach Abschaffung sozialer und medizinischer Sicherungssysteme

19Kritik an Gesells Forderung der Bodenverstaatlichung

20Kritik an Gesells Freihandelsforderung

21Kritik an Gesells ausbleibender Marktvermachtung

E.Folgen der Gesell - Freiwirtschaft für die Gegenwart

F.Integration von Gesell und Marx

Simons Wunderwelt

Schlussbetrachtungen

Literatur

Einleitung

Im Kapitalismus dreht sich alles ums Geld. Wer kein Geld hat, verhungert. Wer wenig Geld hat verarmt, wer viel Geld hat, lebt im Luxus und hat Macht über Waren, Menschen und die Politik. Wenn Geld den Markt überschwemmt, können Finanz- und Immobilienblasen entstehen, und wenn Geld gehortet wird, kann Nachfrage fehlen.

Angesichts der vielfältigenKrisen und sozialen Bedrohungenhäufen sich Vorstellungen, denen zufolge die bestehenden Übel nicht in der kapitalistischen Produktionsweise, sondern in der vorhandenen Geldordnung zu sehen seien. Daher reichten Geldreformen, sodie Meinungen der Geldökonomen, zur Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaftaus, und die Warenproduktion, die Lohnarbeit und die Profitausrichtung der Produktion könnten erhalten bleiben. Die Vorschläge der Geldreformer zur Schaffung einer heilen Welt sind zahlreich. Sie reichen von der Bankenregulierung bis zum Privat- und Staatsgeld, vom Schwund-,Vollgeld und 100-%-Geldbis zur Abschaffung des Bargeldes.

Beim Privatgeld (Free Banking) soll die Krisenfreiheit über mehrere mit einander konkurrierende private Geldarten, beim Staatsgeld über die staatliche Geldherausgabe, beim Schwundgeld (auch Freigeld,Schrumpfgeld oder umlaufgesichertes Geldgenannt) über den Wertverlust der Geldhaltung, beim 100-%-Geld über die volle Mindestreservendeckung und beim Vollgeld über die Aufhebung der Geldschöpfungsmöglichkeit der Geschäftsbanken erfolgen. Die Abschaffung des Bargeldes soll es ermöglichen, gewünschte Negativzinsen leichter durchsetzen zu können.

Bei vielen Menschen fallen diese geldlichen Deutungen auf fruchtbaren Boden, weil sie den eigenen Erfahrungen entsprechen. Selbst einige Marxisten greifen heute auf monetäre Erklärungen der sozialen Missstände und Krisen zurück. Sie werfen wesentliche marxsche Theorien über Bord, sehen das Hauptproblem im Finanzkapital und reduzieren Karl Marx auf einen Finanzanalytiker. Nicht mehr der Realbereich sei die Quelle der Zerstörung, sondern der instabilitätsauslösende Finanzmarkt.

Schon zu Marx’ Zeiten waren die systemstabilisierenden Gedanken der Geldökonomen weit verbreitet. In dem Maße, wie die Wut und der Protest gegen das kapitalistische System wächst, richtet sich die Polemik gegen das Geld als die augenscheinlichste und handgreiflichste Form des Kapitals. Durch allerlei Künsteleien an den Finanzen sollen dann, wie Marx hervorhebt, die Probleme gelöst werden. Solange die Operationen gegen das Geld als solches gerichtet sind, handelt es sich aber nach Marx bloß um einenAngriff auf Folgeerscheinungen, deren eigentliche Ursachen bestehen bleiben. Die eingesetzten Heilmittel müssendaher wirkungslos bleiben.

Marx kritisierte die Monetärökonomen heftig, weil sie in ihrer Theorie und Praxisdie Erscheinungen der Zirkulationssphäre für alle Übel der Welt verantwortlich machen, die kapitalistische Marktwirtschaft verewigen, alle immanenten Gegensätze vertuschen, nur die instabilen Finanzauswirkungen bekämpfen, die Irrtümer der bürgerlichen Ökonomie verbreiten und das Paradies auf Erden versprechen, ohne dabei den eigentlichen Verursacher der Übel, das kapitalistische System, anzutasten. Für ihn sind die Geldreformer Zirkulationskünstler, die an der Geldschraube drehen, aber die kapitalistische Produktionsweise erhalten wollen.

Ich beschränke mich in der folgenden Analyse und Kritik der Geldreformer stellvertretend aufzwei Geldökonomen: auf John Maynard Keynes und auf Silvio Gesell. Keyneswar und ist ein weltberühmter britischer Wirtschaftswissenschaftler. Seine systemstabilisierenden Vorstellungen und Empfehlungen sind bis heute die vorherrschende Alternative zu den Rezepten der marktgläubigen Neoklassiker.

Silvio Gesells Lehre der „Freiwirtschaft" gewinnt in Form der Konzepte vonSchwundgeld,Regionalgeldund Negativzinsan Popularität. Seine Vorschläge haben viele Anhänger gefunden. In Deutschland und weltweit gibt es bereits eine beachtliche Zahl an Regionalwährungen. Der Negativzins breitet sich mit einer erheblichen Dynamik aus, erhitzt die Gemüter und bringt jede Tischgesellschaft in Schwung.

Keynes und Gesell sind davon überzeugt, dass esKrisen und Arbeitslosigkeit gebe, weil die Marktakteure Geld horteten. Trotz dieser gemeinsamen Ursache gelangen sie zu unterschiedlichenSchlussfolgerungen: Bei Keynes soll der Staat, bei Gesell die Schaffung von Schwundgelddie wirtschaftlichen Missstände beheben.

Aufgrund der Ausbreitung der Vorschläge zur Geldreform ist es wichtig, sich mit den Positionen und Politikempfehlungen der Geldreformer kritisch auseinanderzusetzen und deren analytische Schwächen und Grenzen aufzuzeigen. Nur so lassen sich Irrwege vermeiden und erfolgreiche Therapien zur Problembewältigung entwickeln.

Angesichts der Suche nach alternativen schlüssigen Erklärungs- und Lösungsansätzen für die aktuellen wirtschaftlichen Probleme soll es das Ziel des vorliegenden Buches sein, die Ideen von Keynes und Gesell aus marxscher Sicht neu zu durchleuchten und ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Heute sind Marx’ Ideen wichtiger als je zuvor. Nach Ansicht der Kapitalvertreter und Marx-Kritiker ist Marx längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Seine treffende Analyse der kapitalistischen Funktionszusammenhängeund die Richtigkeit seiner Prognosen belegen jedoch die Aktualität seiner Theorien.

Der erste Teil des Buches bezieht sich auf Keynes, der zweite auf Gesell. Beide Abschnitte sind in sich selbstständig aufgebaut und können getrennt gelesen werden. Da Keynes und Gesell viele gemeinsameAuffassungen haben und die vorliegenden Ausführungen nacheinander erfolgen, bestehenin den Bereichen der Tragfähigkeitsbewertungeinige Wiederholungen. Diese er-leichtern das Verständnis der teilweise fachlich ausgerichteten Analyse.

Danken möchte ich Christa Bauermeister und Karl Wegener, die mir bei der Korrektur der vorliegenden Arbeit geholfen haben.

Marx kontra Keynes

1Unterschiedliche Wege zur Ökonomie

Über Marx (1818 – 1883) und Keynes (1883 – 1946) wurde angesichts ihrer Bedeutung schon viel geschrieben.¹ Trotzdem soll an dieser Stelle der Versuch gemacht werden, einige wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlicher hervorzuheben und für die aktuelle Politik nutzbar zu machen.

In dieser Untersuchung führe ich keinen vollständigen Vergleich der Theorien von Marx und Keynes durch. Diese Aufgabe ist angesichts des Umfangs der Themen zu komplex. Ich konzentriere mich auf wichtige ökonomische Ansätze, in denen ich die Grundlage für die unterschiedlichen wirtschaftlichen Erklärungen und daraus resultierend für die abweichenden wirtschaftspolitischen Lösungsempfehlungen sehe. Um mögliche Fehlinterpretationen zu vermeiden, verwende ich bei Keynes an vielen Stellen die ursprünglichen englischen Aussagen. Übersetzungen stehen jeweils danach in Klammern.

Marx kamin Trier als Sohn eines Juristen zur Welt. Am 5.3.2018 würde er seinen zweihundersten Geburtstag feiern. Er studierte Jura, Geschichte und Philosophie.² Erst im Alter von 24 Jahren kam erzur Ökonomie.³ Auf die Bedeutung der Wirtschaft stieß er über die Beschäftigung mit den ärmlichen Lebensverhältnissen der Moselbauernund den „Debatten […] über Freihan-del und Schutzzoll"(MEW 13, S. 8).

Bis 1846/47 entwickelte er während seiner Zeit in Paris und in Brüssel und in Zusammenarbeit mit Friedrich Engels wesentliche Grundzüge seiner Ökonomie.⁴ Nach einer Pause in den Revolutionsjahren 1848 bis 1849 baute erin London ab 1850 seine ökonomischen Theorien⁵ weiter aus. Großbritannien war zu seiner Zeit die führende kapitalistische Weltmacht, in Europa am weitesten entwickelt und ein hervorragendes Feld für wirtschaftliche, politische und soziale Studien. Marx vertiefte im Zeitablauf seine wirtschaftlichen Theorieerkenntnisse, veränderteaber nicht, wiespäter Keynes, seine wirtschaftstheoretische Grundausrichtung. Die einmal gewonnenen Erkenntnisse dienten seinen ökonomischen Studien als Leitfaden.⁶ Seine Werttheorie entwickelte er in der Auseinandersetzung mit den Lehren der ökonomischen Klassiker William Petty(1623–1687), David Ricardo (1772–1823) und Adam Smith (1723–1790). Im Laufe seines Lebens baute er sie zur Mehrwert- und kapitalistischen Entwicklungstheorie aus. Marx war nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch tätig. Er rebellierte schon als junger Mensch gegen die undemokratischen und menschenunwürdigen Zustände seiner Zeit und wurde aufgrund seiner demokratischen und obrigkeitskritischen Ansichten und Tätigkeiten als Unruhestifter und Staatsfeind von der Polizei überwacht, verfolgt, verhört, bedroht und mehrmals des Landes verwiesen. Aufgrund staatlicher Unterdrückungsmaßnahmen wurde seine Kandidatur für die Professur in Bonn abgelehnt und die von ihm geleitete regierungskritische „Rheinische Zeitung" verboten;er wurde polizeilich bespitzelt, aus Deutschland, Frankreich und Belgien ausgewiesen, wegen Hochverrat und Aufreizung zur Rebellion angeklagtund mehrmals verhaftet.

Keynes wurde in Marx’ Todesjahr am 5. Juni 1883 im englischen Cambridge geboren. In seiner Kindheit und Jugendzeit erlebte Großbritannien einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser schuf damals in der Bevölkerung eine hohe Systemgläubigkeit. Sein Vater, Professor für Politische Ökonomie⁷, vermittelte seinem Sohnersteökonomische Kenntnisse. Von ihm übernahm der junge Keynes die Kritik am Laissez-faire-Systemund die Einsicht in die erforderliche Staatsregulierung.

Keynes studierte 1902–1905 zwar zunächst Mathematik, wechselte aber drei Jahre später als 22-Jähriger unter dem Einfluss des neoklassischen Ökonomen Alfred Marshall (1842–1924) zur Nationalökonomie. Seine ökonomische Einführungsliteratur bestand im Wesentlichen aus John Stuart Mills „Prinzipien der politischen Ökonomie und Alfred Marshalls „Prinzipien der Volkswirtschaft. Keyneswar als Beamter, Dozent und Regierungsberater in verschiedenen staatlichen Einrichtungen⁸ tätig und dem englischen Könighaus untertänig verpflichtet. 1942 erhielt er für seine treuen Verdienste von König Georg VI. den Titel„Baron Keynes of Tilton. Seitdem gehörte er zum Adel und nahm „einen Sitz im Oberhaus in der Fraktion der Liberalen ein.⁹

Keynes wuchs als Neoklassikerauf. Er schrieb späterals 52-Jähriger, dass er in seinen jungen Jahren als gläubiger Schüler der (neo)klassischen Theorie nicht angezweifelt habe, was ihm gelehrt worden war.¹⁰ Aufgrund seiner Erfahrungen mit der anhaltenden britischen Massenarbeitslosigkeit in den 1920-er Jahren und der Weltwirtschaftskrisevon 1929 begann er sein neoklassisches Weltbild kritisch zu überprüfen.¹¹ Sein Hauptwerk¹² schrieb er nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in den Jahren1933 bis 1936. In diesem Werk befreite er sich von einigenwichtigen neoklassischen Vorstellungen, konnte sich aber in vielen Bereichen nicht von der neoklassischen Theorie trennen. Neoklassisch blieben bei ihm: die Produktions-, Knappheits- und Mikrotheorie, die Firmentheorie, die Kapitaltheorie, die Integration neoklassischer Vollbeschäftigungspostulate und die psychologische Verhaltensbestimmung der Wirtschaftssubjekte. Für Heinz Kurz¹³ ist die gebliebene keynessche Vermischung von neoklassischen und eigenen neuen Ideen ein wesentlicher Grund, warum es Keynes nicht gelang, die Wirtschaftstheorie zu revolutionieren.

Dagegen enthalten dem Postkeynesianer Hyman Minsky¹⁴ zufolge Keynes’ Gedanken durchaus revolutionäre Keime. Diese seien nur durch die neoklassische Syntheseverdeckt worden. Keynes habe zwar versäumt, sich vollständig von den „gewohnten Formen des Denkens und des Ausdrucks" (AT, S.VII) zu lösen und habedie schon zu seiner Zeit entworfene und heute kritisierte Keynes-Standardinterpretation nicht zurückgewiesen, jedoch beinhalten, worauf Minsky hinweist, seine neuen Gedanken einen scharfen Bruch mit seinen früheren Vorstellungen und eine elementare Kritik der neoklassischen Wirtschaftslehre.

Die in den ökonomischen Lehrbüchern vorherrschende Keynes-Standardinterpretation ist eine Integration keynesianischer und neoklassischer Gedanken. Sie wird von den Postkeynesianern¹⁵ abgelehnt und von ihnen als neoklassische Synthese, Hydraulik- oder Bastardkeynesianismus bezeichnet.

Die sowohl von Marx und Keynes kritisierte neoklassische Theorie ist ein Gedankengebäude zur Verteidigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die Grundthese der Neoklassiker lautet: Der Kapitalismus ermöglicht ohne lenkende Eingriffe des Staates für alle Menschen ein Leben in Wohlstand. Mit wirklichkeitsfremden und abgehobenen Annahmen versuchen sie nachzuwei-sen, dass das kapitalistische System stabil und alternativlos sei und mit seinen Harmonie-, Markt- und Innovationskräften die Wohlfahrt der gesamten Bevölkerung steigere. Freie Märkte seien die beste Einrichtung, um das Wirtschaftsleben einer Gesellschaft zu organisieren. Sie seien effizient, könnten Schocks leicht abfedern und führten aufgrund des flexiblen Preismechanismus zum Vollbeschäftigungsgleichgewicht. Die Neoklassikentstand im 19. Jahrhundertund dominiertals Herrschaftstheoriein den kapitalistischen Ländern bis heutedie Ausbildung, Forschung, Politikberatung und Medienberichterstattung. Mit ihrer Kapitalismusverherrlichung und ihrem Marktfundamentalismus richten die Neoklassiker viel Schaden an.

1Einen Überblick über bisherige Vergleiche bietet Fritsch (1968), S. 149, Fn. 110.

2„Mein Fachstudium war das der Jurisprudenz, die ich jedoch nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieb" (MEW 13, S. 7).

3„Im Jahr 1842/43, als Redakteur der ‚Rheinischen Zeitung‘, kam ich zuerst in die Verlegenheit, über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen. Sie „gaben die ersten Anlässe zu meiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen (MEW 13, S. 7f.); vgl. Hosfeld (2010) u. MEW 1, S. 601.

4Marx: Ich begann die Erforschung der politischen Ökonomie in Paris und setzte sie in Brüssel fort (vgl. MEW 13, S. 8).

5Vgl. MEW 42, S. Vff.

6„Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, [diente] meinen Studien zum Leitfaden" (MEW 13, S. 8).

7Vgl. http://www.biography.com/people/john-maynard-keynes-9364200?page=2 (Zugriff am 30.08.2014).

8Keynes war tätig: als höherer Beamter im Indien-, Schatz- und Finanzministerium, als Dozent an der Universität Cambridge, in der englischen Zentralbank als Zuständiger für die Kriegslastenfinanzierung und Kriegsverhandlungen mit den USA, als Mitarbeiter im Wirtschaftsbeirat des Premierministers, als britischer Delegierter bei den Versailler Vertragsverhandlungen und als Leiter der britischen Delegation auf der Bretton-Woods-Konferenz.

9Vgl. Blomert (2007), S. 124.

10Vgl. Keynes (1936): Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Vorworte zur englischen und deutschen Ausgabe, S. V-IV.

11„Alle früheren Lehren […] waren entweder irrelevant oder regelrecht abträglich gewesen. Wir haben die Wirtschaftsordnung, unter der wir leben, nicht nur nicht verstanden, sondern in solchem Maße verkannt, dass wir Methoden adaptierten, die zu unserem allergrößtem Nachteil wirken" (zitiert nach Nasar 2011, S. 405).

12Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (im Folgenden zitiert als AT).

13Vgl. Kurz (2012), S. 209.

14Vgl. Minsky (2007), S. 13ff.

15Es gibt verschiedene Strömungen des Keynesianismus. Postkeynesianer nehmen für sich in Anspruch, Keynes richtig zu interpretieren. Ihre Gemeinsamkeiten bestehen in der Ablehnung der Neoklassik, der neoklassischen Keynes-Synthese und des Neukeynesianismus. Sie übernehmen vom AT-Keynes die Konzepte der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit, der effektiven Nachfrage, der Geldwirtschaft, der Zukunftsunsicherheit, der Liquiditätspräferenz und die Ersparnisbestimmung durch das Einkommen. Innerhalb des Postkeynesianismus bestehen wieder unterschiedliche Richtungen.

2Keynes’ Marx-Bewertung

Trotz der ihnengemeinsamen Kritik an der Neoklassik war Keynesein Marx-Gegner. Der marxistische Sozialismus sei, so Keynes, „eine unlogische und langweilige Lehre. Er sei gekennzeichnet durch „logische Trugschlüsse und ein „Beispiel der Gedankenarmut, der Unfähigkeit, einen Vorgang zu analysieren."¹⁶

„How can I accept a doctrine, betonte Keynes, which sets up as itsbible, above and beyond criticism, an obsolete economic textbook which I know to be not only scientifically erroneous but without interest or application for the modern world?" (Wie kann ich eine Lehre akzeptieren, dieals ihre Bibel, jenseits jedweder Kritik und darüber hinaus, ein veraltetes ökonomisches Lehrbuchfestlegt, von dem ich weiß, dass es nicht nur wissenschaftliche Irrtümer enthält, sondern dass es für die moderne Welt uninteressant und nicht auf sie anwendbar ist?).

„How can I adopt a creed which, preferring the mud to the fish, exalts the boorish proletariat above the bourgeois and the intelligentsia who, with whatever faults, are the quality in life and surely carry the seeds of all human advancement?"(Wie kann ich ein Glaubensbekenntnis übernehmen, das den Schlamm dem Fisch vorzieht und das rüpelhafte Proletariat über die bürgerliche Intelligenz verherrlicht, die doch, welche Fehler sie auch immer haben, das Leben lebenswert machen und sicherlich den Keim allen menschlichen Fortschritts tragen?).¹⁷

1933 lobte er zwar Marx, weil dieser in seiner Wirtschaftstheorie die Geldwirtschaft einbezogen, die Unterschiede zwischen der Natural- und der Geldwirtschaft sowie zwischen der Waren- und der Kapitalzirkulation verstanden und die Krisenhaftigkeit des Systems erkannt habe.¹⁸ Diese punktuelle wirtschaftstheoretische Anerkennung änderte aber nichts an seiner grundsätzlichen Marx-Ablehnung.

1935 bezeichnete Keynes in einem Brief an George Bernard Shaw „Das Kapitalvon Marx als „dreary, out-of-date, scientifically erroneous(langweilig, überholt, wissenschaftlich falsch).¹⁹ Für ihn waren seine Gefühle über „Das Kapital „the same as my feelings about the Koran (dieselben wie meine Gefühle über den Koran) (CW 28, S. 38). Keynes Ziel war es, mit seiner Neukonzeption der Makrotheorie „the Ricardian foundations of Marxism(die ricardianischen Fundamente des Marxismus) (CW 28, S. 42) unter ihm wegzureißen („to knock away).1936 schrieb er in seinem Hauptwerk, der AT: „Der Zweck des Buches als Ganzes kann als die Aufstellung eines antimarxistischen Sozialismus beschrieben werden,[…] auf theoretischen Grundlagen aufgebaut, die von jenen von Marx grundverschieden sind, indem sie sich auf eine Verwerfung statt auf eine Annahme der klassischen Hypothesen stützen, und auf eine Entfesselung des Wettbewerbs, statt auf seine Abschaffung. Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird"(AT, S. 300).

Als seine Schülerin Joan Robinson ihr Buch „An Essay on Marxian Economics herausbrachte, schrieb ihr Keynes 1942:„I am left with the feeling, which I had before on less evidence, that he [Marx, AM] had a penetrating and original flair but was a very poor thinker indeed.²⁰ (Ich bleibe mit dem Gefühl zurück, das ich schon vorher anhand von weniger Indizien hatte: dass er [Marx, AM]einen durchdringenden und originellen Spürsinn hatte, aber in der Tat ein sehr schwacher Denker war).

Woraus resultierte die grundlegende keynessche Marx-Abneigung? Hierfür gibt es mehrere Gründe²¹ :

–Als Cambridge-Absolvent gehörte Keynes zu den Anhängern der Neoklassik. Für Marx waren die Neoklassiker Apologeten des Kapitals.

–Keynes sah sich als Vertreter des gebildeten Bürgertums²², der Bevölkerungsminderheit. Marx war ein Vertreter der abhängig Beschäftigten, der Bevölkerungsmehrheit.

–Keynes war Befürworter der Eugenik²³, einer Elitenlehre, die die Bevölkerung in wenige Höher- und viele Minderwertige aufteilt. Marx lehnte diese Lehre ab. Er unterschied die Bevölkerung nach Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen.

–Nach Keynes sollte die geistige Elite die politischen Maßstäbe vorgeben, da die Durchschnittsperson unmündig sei, keine klare Meinung über die komplexen Zusammenhänge und keine Urteilsfähigkeit habe.²⁴ Marx setzte sich für die Herrschaft des Volkes ein.

–Keynes Ziel war es, klassenneutral „die Menge des Guten im Universum zu maximieren."²⁵ Marx kämpfte für die Emanzipation der Unterdrückten.

–Keynes war als erfolgreicher Börsenspekulant²⁶ und Staatsbeamtersehr wohlhabend und daher eng mit der herrschenden Wirtschaftsordnung verflochten. Marx dagegen wurde politisch verfolgt, war als Erwerbstätiger zeitlebens armund überlebte nur mit finanzieller Unterstützung, vor allem seines Freundes Engels.

–Keynes übernahm von Marshall, vom Bloomsbury-Kreis²⁷ und aus der Erfahrung der Aufschwungsperiode von 1860 – 1913²⁸ die Vorstellung, dass im Kapitalismus die materiellen Lebensbedürfnisse weitgehend erfüllbar seien. Marx betonte neben der kapitalistischen Reichtumsentwicklungstets die parallel verlaufende Verelendung und Verarmung vieler.

–Keynes warkein Freund der Demokratie.²⁹ Marx dagegen setzte sich für eine umfassende Demokratie³⁰ ein.

–Keynesschätzte das Privateigentum an Produktionsmitteln³¹, Marx forderte seine Aufhebung.³²

–Keynessah nicht im Privateigentum an Produktionsmitteln die Ursache der größten wirtschaftlichen Übel, sondern in Risiken, Unsicherheit und Unwissenheit.³³ Für Marx dagegen war das kapitalistische Privateigentum an Produktionsmitteln die Quelle der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Übel.³⁴

–Keynes sah „keinen Grund anzunehmen, dass das bestehende System die in Gebrauch befindlichen Erzeugungsfaktoren ernstlich fehlbeschäftigt" (AT, S. 320). Nach Marx führen die vielfältigen systembedingten Krisen und die Massenarbeitslosigkeit zur Ineffizienz und zur erheblichen Ressourcenverschwendung.

–Keynes sah die Lösung der wirtschaftlichen Probleme im klugen Nachdenken der Staatsvertreter.³⁵ Marx erkannte im Klassenkampf die Lösung.

–Keynes lehnte im Gegensatz zu Marx Klassenkampf und Gewerkschaften ab³⁶ undsetzte sich für die Verknüpfung von Staatsregulierung und„Ausübung der privaten Initiative sowiedas „freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte (AT, S. 320) ein³⁷, für ein „regime which deliberately aims at controlling and directing economic forces in the interests of social justice and social stability" (eine Ordnung, die absichtlich darauf zielt, wirtschaftliche Kräfte im Interesse von sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Stabilität zu kontrollieren und zu leiten) (CW 9, S. 305).

–Keynes ordnete sich der Liberalen Partei zu.³⁸ Marx unterstützte die Arbeiterparteien.

–Keynes forderte, anders als Marx, den „klug" geleiteten Kapitalismus.³⁹ Der Kapitalismus hat aus seiner Sicht viele Schwächen, jedoch mehr Vor- als Nachteile.⁴⁰ Marx forderte die Überwindung des Kapitalismus.

–Keyneslehnte im Gegensatz zu Marxdie demokratische Wirtschaftsplanung⁴¹ ab undglaubte, innerhalb des Kapitalismus mit Hilfe des Staates die große soziale Ungleichheit⁴² abbauen, die Vollbeschäftigung realisieren und die Unternehmen in „den Dienst des Gemeinwesens" (AT, S. 318) einspannen zu können.⁴³

–Keynes hatte nach Skidelsky⁴⁴ die Vision einer harmonischen kapitalistischen Welt, in der Vollbeschäftigung hergestellt und soziale Ungerechtigkeit und makroökonomische Ungleichgewichte beseitigt werden können. Für Marx war diese Denkweise idealistisch und ahistorisch. Wie alle Gesellschaftssysteme ist, wie Marx darlegte, der Kapitalismus eine historische Erscheinung: mit einem Anfang und einem Ende. Marx zeigte auf, dass der Kapitalismusim Zeitablauf aufgrund seiner inneren Widersprüchevon der Bevölkerungsmehrheit abgeschafft und durch eine bessere Gesellschaftsordnung ersetzt werden kann.

–Keynes hatte gegenüber dem Sozialismus eine feindselige Haltung.⁴⁵ Marx dagegen empfahl den Sozialismusals überlegene Kapitalismusalternative.⁴⁶

Die wesentlichen Ursachen der keynesschen Marx-Kritik sind nach diesen Ausführungen seineelitäre Einkommens- und Interessenslage, sein elitäres Verhalten, sein Staats- und Kapitalismusglaube und seine Demokratie-, Klassenkampf-, Gewerkschafts- und Sozialismusablehnung.

16Keynes (1926b), S. 25.

17Keynes (1926a), S. 99.

18Vgl. Keynes, CW 29, S. 81f.; die Angabe CW 29 benutzte ich für: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Bd. 29.

19Vgl. Keynes, CW 28, S. 42.

20Zitiert nach Moggridge (1992), S. 470.

21Vgl. Skidelsky (2010), S. 201, 210, 237, 232, 234.

22Keynes (1925): „Ich mag beeinflusst sein von dem, was mir als Gerechtigkeit und Vernunft erscheint; aber im Klassenkampf stehe ich auf der Seite des gebildeten Bürgertums" (CW 9, S. 324, übersetzt).

23Das Wort „Eugenik" (von altgriechisch eu = gut und genos = Geschlecht, wohlgeboren) wurde 1883 von dem britischen Anthropologen Francis Galton, einem Vetter von Charles Darwin, geprägt. Keynes war

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