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Topografie der Erinnerung
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eBook229 Seiten2 Stunden

Topografie der Erinnerung

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Über dieses E-Book

Ein unbestechlicher Wegweiser durch unsere schmerzhaftesten, aber notwendigen Erinnerungen.

Die wichtigsten Reden und Aufsätze des brillanten Essayisten Martin Pollack erstmals in einem Band: Sie widmen sich so unterschiedlichen Themen wie dem Massaker von Rechnitz in den letzten Kriegswochen, den Wiener „Reibpartien", bei denen Juden unter dem Beifall der Bevölkerung die Gehsteige schrubben mussten, dem Mythos Galizien, der polnischen und ukrainischen Nachkriegsgeschichte oder auch der Verstrickung seiner eigenen Familie in den Nationalsozialismus. Immer ist Pollacks Blick scharf und kritisch, immer richtet er sich gegen das bequeme Vergessen. Und immer stellt er die zentrale Frage der Geschichtspolitik: Wie können und müssen wir heute mit dieser Erinnerung umgehen?
SpracheDeutsch
HerausgeberResidenz Verlag
Erscheinungsdatum1. März 2016
ISBN9783701745289
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    Buchvorschau

    Topografie der Erinnerung - Martin Pollack

    Martin

    Pollack

    Topografie

    der

    Erinnerung

    Residenz Verlag

    Martin Pollack

    Topografie der Erinnerung

    Essays

    Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

    Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

    Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

    sind im Internet über http://dnb.dnb.de

    abrufbar.

    www.residenzverlag.at

    © 2016 Residenz Verlag GmbH

    Wien – Salzburg

    Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

    Keine unerlaubte Vervielfältigung!

    Covergestaltung: Bueronardin

    Umschlagbild: Archiv Martin Pollack

    ISBN ePub: 978-3-7017- 4528-9

    ISBN Printausgabe: 978-3-7017-1648 7

    Wir danken für die Unterstützung

    Statt eines Vorworts.

    Über die Macht der Erinnerung

    Die große Geschichte wird leichter begreifbar, wenn wir sie von unten betrachten, aus der Perspektive einzelner Erfahrungen, Erlebnisse und auch Tragödien. Aus diesem Grund sind Erinnerungen für die Beschäftigung mit der Vergangenheit so wichtig, und zwar sowohl die Erinnerungen der Opfer als auch der Täter, aber auch von Zuschauern, ob unbeteiligt oder nicht. Denn alle diese Zeugen vermitteln ganz individuelle Sichtweisen auf bestimmte Ereignisse, beeinflusst und gefärbt von den jeweiligen nationalen Narrativen, in die sie eingebettet sind. Sie erzählen persönliche Geschichten und Beobachtungen, die nicht unbedingt mit der offiziellen Geschichtsschreibung übereinstimmen müssen, manchmal sogar im Widerspruch zu dieser stehen. Wenn wir die verschiedenen Zeugnisse dann wie ein Puzzle zu einem größeren Bild zusammenfügen, versetzt uns das mit einigem Glück in die Lage, uns das oft scheinbar Unerklärliche, Unfassbare, mit dem uns gerade die jüngste Geschichte häufig konfrontiert, zumindest ansatzweise vorstellen zu können. Dürre Zahlen und Daten vermögen das nicht zu leisten.

    Natürlich müssen wir uns immer vor Augen halten, dass Erinnerungen trügerisch sein können. Dazu bedarf es gar keiner bösen Absicht, keines bewussten Bemühens, etwas zu verfälschen oder zu verschweigen. Unser Gedächtnis kann, aus welchen Gründen auch immer, Ereignisse verzerrt wiedergeben, bestimmte Begebenheiten und Begegnungen ausblenden, andere sogar „erfinden", Zeiten durcheinanderbringen. Mit einem Wort: Wir dürfen unserem Gedächtnis nicht immer trauen. Die Psychologie kennt für dieses Phänomen den Begriff der falschen Erinnerung, eine verstörende Erfahrung, die wahrscheinlich jeder von uns schon einmal gemacht hat.

    Es kommt auch vor, dass Erinnerungen gefährlichen Minenfeldern gleichen, durch die wir uns mit Bangen bewegen, vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzend, ständig gewärtig, mit einem Mal auf schreckliche Bilder und Erkenntnisse zu stoßen, die uns aus dem seelischen Gleichgewicht zu werfen drohen. Dann mögen wir uns die Frage stellen, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die Vergangenheit, die wir mit diesen Erinnerungen aufgestört haben, ruhen zu lassen und an diese Dinge gar nicht zu rühren – obwohl wir natürlich wissen, dass Schweigen und Wegschauen, Wegschieben und Verdrängen die Probleme nicht zum Verschwinden bringen.

    Von einer solchen Erfahrung mit schrecklichen Bildern der Vergangenheit möchte ich hier berichten. Dazu ist es nötig, ein wenig auszuholen und ins Jahr 1944 zurückzugehen, in die Zeit des Warschauer Aufstands. Mein Vater war damals als Leiter eines Sonderkommandos einer Einsatzgruppe in Polen stationiert, in einem Schloss namens Radziejowice, etwa vierzig Kilometer südwestlich von Warschau gelegen. Er hatte die Einheit wenige Wochen zuvor in der Nähe von Białystok in Ostpolen übernommen und auf dem Rückzug vor den rasch vorstoßenden Russen bis Warschau geführt. Irgendwo unterwegs nahm das Sonderkommando Bast, wie die Einheit nach ihrem Kommandeur auch genannt wurde – mein leiblicher Vater hieß Dr. Gerhard Bast, er war SS-Sturmbannführer und leitender Beamter der Gestapo –, eine Gruppe älterer Polen als Geiseln, vielleicht, um sich unterwegs gegen Partisanenangriffe zu schützen. Die Geiseln wurden bis Radziejowice mitgeführt. Von hier aus nahmen einzelne Mitglieder des Sonderkommandos an den Kämpfen in Warschau teil, unter ihnen auch mein Vater. Doch das ist eine andere Geschichte. Mitte September 1944 wurde das Sonderkommando 7a von Polen in die Slowakei verlegt, um dort bei der Niederschlagung des slowakischen Aufstandes mitzuwirken. Bevor das Kommando mit Fahrzeugen und Waffen auf die Bahn verladen wurde, wurden die Geiseln im Park des Schlosses Radziejowice erschossen und, wie in solchen Fällen üblich, an Ort und Stelle in vorher ausgehobene Gruben geworfen.

    Mein Vater hätte als Kommandeur der Einheit die polnischen Gefangenen auch freilassen und nach Hause schicken können, aber diese Option zog er offenbar gar nicht erst in Betracht. Geiseln, die man nicht mehr braucht – und was hätte man mit polnischen Geiseln in der Slowakei anfangen können? –, werden erschossen. Von der Ermordung der fünfzehn bis zwanzig Polen (die genaue Zahl ist nicht bekannt) erfuhr ich aus der Zeugenaussage eines Angehörigen des Sonderkommandos vor einem Untersuchungsrichter in Flensburg. In dem Verfahren ging es allerdings um andere Vorgänge, Radziejowice wurde bloß am Rande erwähnt. Ich habe vor über zehn Jahren in einem Buch über meinen Vater über diese Geiselerschießung geschrieben. Damals habe ich auch versucht, mehr über die damaligen Ereignisse herauszufinden. Ich erfuhr, dass in dem Schloss, das sich einst im Besitz der Familie Krasiński befand, jetzt ein Urlaubsheim für Künstler und Schriftsteller untergebracht ist. Also nahm ich Kontakt zum Direktor des Heimes auf, der jedoch von einer Exekution im Schlosshof nichts wusste. Er zog dann seinerseits Erkundigungen ein, suchte in Dokumenten und Chroniken und befragte Zeitzeugen, ohne Erfolg. Am Ende äußerte er sogar Zweifel, ob die in meinem Buch erwähnte Erschießung tatsächlich stattgefunden hatte.

    RAD-Männer, stationiert in Radziejowice, vermutlich 1940/41

    Kurz bevor ich im April 2015 nach Polen reiste, um dort die Übersetzung eines Buches zu präsentieren, in dem ich ausgerechnet über verborgene Massengräber schreibe, meldete sich der Direktor des Künstlerheimes mit der überraschenden Nachricht, dass ein Zeuge aufgetaucht sei. Ein Augenzeuge, der 1945 bei der Exhumierung der Opfer im Schlosspark von Radziejowice zugegen gewesen war. Ich traf ihn in einem Café in Poznań. Er war in Begleitung des Direktors von Radziejowice gekommen: ein rüstiger Mann, einiges über achtzig, dem man sofort ansieht, dass er einen guten Teil seines Lebens im Freien verbracht hat. Ein ehemals leitender Forstbeamter und passionierter Jäger. Der Mann berichtete so lebhaft und anschaulich von den damaligen Ereignissen, als wären sie erst gestern geschehen. Wenige Monate nach Kriegsende, er war gerade 12 Jahre alt, wurde er von seinem Onkel, einem Priester, aufgefordert, ihn als Ministrant zu einer Exhumierung von Naziopfern zu begleiten. Es handelte sich um Polen, die von einer deutschen Einheit im Schlosspark von Radziejowice erschossen und verscharrt worden waren, um ein unbekanntes Massengrab im Schlosspark, das offenbar die Geiseln barg, die mein Vater liquidieren hatte lassen. Mein Gegenüber konnte sich an Details erinnern, die ich, um die Wahrheit zu sagen, lieber nicht gehört hätte. Die von deutschen Kriegsgefangenen geöffnete Totengrube füllte sich so rasch mit Wasser, dass die Leichen darin schwammen, alle mit dem Gesicht nach unten. Dieses Bild habe ihn noch lange Jahre verfolgt, sagte der Zeuge. Wohin die Toten, die keiner kannte, gebracht wurden, um ordentlich bestattet zu werden, könne er nicht sagen. Er habe nach der Exhumierung nie mehr über die Ereignisse gesprochen, weder mit seinem Onkel, dem Priester, noch mit sonst jemandem, bis zum heutigen Tag.

    Warum er so lange geschwiegen habe, sei ihm selber ein Rätsel, fügte er dann hinzu. Das mache er sich jetzt zum Vorwurf. Er hätte sich schuldig gemacht, weil er diese Vorkommnisse nie erwähnt habe, auch nicht, als er groß geworden war. Dabei wäre es damals vermutlich noch möglich gewesen, herauszufinden, wer die Menschen waren, die in Radziejowice den Tod gefunden hatten. Heute sei es dafür wahrscheinlich zu spät. Trotzdem erzähle er jetzt, nach so vielen Jahren, endlich diese schreckliche Geschichte, denn sein Gewissen sage ihm, dass die Erinnerung an die Ermordeten nicht verloren gehen dürfe. Man müsse in Radziejowice in irgendeiner Form an sie erinnern, vielleicht eine Tafel anbringen. Sonst hätten die Täter noch im Nachhinein ihr Ziel erreicht, das auch darin bestand, den Ermordeten Namen, Geschichte und Identität zu rauben und sie anonym dem totalen Vergessen anheimfallen zu lassen, sie völlig auszumerzen. Keiner möge ihrer gedenken, jede Erinnerung an sie sollte für immer ausgelöscht werden.

    Das dürften wir nicht zulassen. Schließlich hätten die Toten, denen sein Onkel kurz nach dem Krieg in Radziejowice den letzten Segen erteilte, in ihrem Heimatort, den wir nicht kennen, Frauen und Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde zurückgelassen. Die Angehörigen hätten gewiss jahrelang nach ihnen gesucht, mit wachsender Verzweiflung, weil sie nicht glauben mochten, dass ein ihnen nahestehender Mensch spurlos verschwinden könnte, für immer, ohne Nachricht, und sei es nur eine knappe Notiz von seinem gewaltsamen Tod.

    Während ich den beiden Männern, dem späten Zeugen und dem Direktor von Radziejowice, gegenübersaß, versuchte ich mir vorzustellen, was damals, vor über siebzig Jahren, geschehen war, was meinen Vater und seine Leute angetrieben hatte, diese unschuldigen Menschen zu erschießen, einfach so. Ich versuchte mir auszumalen, wie die Ereignisse abgelaufen waren. Wer hatte die Grube ausgehoben? Wer hatte die Schüsse abgegeben? Der einstige Ministrant wusste noch ein paar Details zu berichten, etwa, dass die Erschießungen – er sprach von mehreren Exekutionen – nach Aussagen von Zeugen, die bei der Exhumierung in Radziejowice zugegen gewesen waren, stets nachts stattgefunden hätten. Beim Lärm heulender Motoren, mit dem die Täter die Schüsse vermutlich übertönen wollten. Und er betonte mehrmals, dass er mit Sicherheit die genaue Stelle bezeichnen könne, wo man damals die Toten aus der Erde geholt hatte. Als Förster habe er gelernt, sich im freien Gelände zu orientieren. Umso erstaunlicher erschien ihm selber, dass er so lange geschwiegen hatte. Diese Tatsache quälte ihn sichtlich.

    Warum habe ich mein Wissen so lang für mich behalten, fragte er ein ums andere Mal, eher sich selbst als uns. Warum habe ich nicht schon viel früher über die Ereignisse gesprochen, die ich 1945 mitansehen musste? Warum hat mein Onkel, der immerhin Priester war, ein gebildeter Mann, ein Mann des Wortes und der Feder, nie darüber geredet oder geschrieben? Der Direktor von Radziejowice wusste zu berichten, dass der Priester über viele Jahre eine genaue Chronik geführt habe, die erhalten geblieben sei. In der fände sich keine Erwähnung der Exhumierung im Schlosspark. Als er das hörte, schüttelte der alte Mann ungläubig den Kopf.

    Alle haben geschwiegen, als hätten sie ein Gelöbnis abgelegt. Der ehemalige Ministrant, der damals zwölf Jahre alt war, sein Onkel, der Priester, und andere Zeugen, die 1945 noch von den Erschießungen zu berichten wussten. Wenn man dem Direktor von Radziejowice Glauben schenken darf – und es gibt keinen Grund, an seinen Aussagen zu zweifeln –, dann haben die Menschen, die davon wussten, nie über das Verbrechen gesprochen. Jedenfalls nicht öffentlich. Obwohl sie selber nicht zu den Tätern gehörten, nicht einmal zu ihren Handlangern, sondern zu den Opfern, die selber jeden Moment damit rechnen mussten, aus einem nichtigen Anlass erschossen zu werden, haben sie ihr Wissen über viele Jahre für sich behalten. Bis der Mann, der mir nun gegenübersaß, siebzig Jahre später das Schweigen brach und zu erzählen begann. Warum ausgerechnet jetzt? Dafür konnte er selber keine Erklärung liefern, aber er schien froh, endlich über die damaligen Erlebnisse sprechen zu können.

    Diese Episode zeigt, wie lange es oft dauert, bis Menschen bereit sind, über traumatische Erfahrungen zu reden. Lange Zeit waren die Erinnerungen verschüttet, wurden vielleicht verdrängt, vergessen, doch plötzlich bahnen sie sich ihren Weg und brechen hervor, manchmal ohne ersichtlichen Grund. Oft scheinen Menschen nur darauf gewartet zu haben, dass ihnen jemand eine Frage stellt, einen Anstoß liefert, dann beginnen sie zu reden, packen Details aus, Namen, Daten, deren Genauigkeit sie oft selber in Erstaunen versetzt. Wieso fällt mir das jetzt auf einmal wieder ein?

    Das gilt nicht nur für Opfer und unbeteiligte Zeugen, sondern manchmal auch für Täter, die aus Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden, geschwiegen haben. Wir kennen solche Fälle zur Genüge, in denen ein Täter unerwartet zu sprechen beginnt, sich manchmal buchstäblich um Kopf und Kragen redet. Das ist dann meist das Verdienst einfühlsamer Interviewer, die es verstehen, auch dem verstocktesten Gesprächspartner wichtige Geschichten zu entlocken. In manchen Fällen wurden Täter später selber zu Opfern. Auch das kann ein Anlass dafür sein, dass sie ihr Schweigen brechen und den Erinnerungen freien Lauf lassen.

    Allerdings geschieht das oft sehr selektiv. Über die eigene Opferrolle reden die Menschen aus verständlichen Gründen lieber als über von ihnen begangene Schandtaten. Über die breiten die Täter, aber auch die Gesellschaft, aus der sie kommen, lieber gnädiges Schweigen. In solchen Fällen erweisen sich Erinnerungen häufig als lückenhaft, da wird viel verdeckt und umgedeutet, geschönt oder schlichtweg geleugnet. So war das nicht, ihr, die ihr nicht dabei wart, habt keine Ahnung, ihr habt kein Recht, über uns zu urteilen oder gar den Stab zu brechen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. In der Familie meines Vaters waren alle, ohne Ausnahme, überzeugte Nationalsozialisten, einige waren schwer belastet. Mein Vater, mein Großvater, mein Onkel, der jüngere Bruder des Vaters. Aber sie betrachteten sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Und darüber wurde viel und gern gesprochen. Sie alle hatten nach 1945 einiges verloren, wie sie nicht müde wurden zu erzählen, Besitztümer und berufliche Positionen. Die Großeltern berichteten von Plünderungen und anderen Übergriffen, von Verhaftungen und Aufenthalten in Gefängnissen und Anhaltelagern, von angeblich unmenschlichen Haftbedingungen und Berufsverboten, die sie und ihresgleichen nach 1945 erdulden mussten. Ungerechterweise, wie sie ständig betonten, denn sie waren sich keiner Schuld bewusst.

    Von Ereignissen wie jenen in Radziejowice war in diesen Kreisen naturgemäß nie die Rede. Die kamen in den Erzählungen, mit denen ich als Kind und Jugendlicher gefüttert wurde, nicht vor. Wir haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen und uns immer anständig verhalten, so wurde mir jahrelang eingehämmert. Es dauerte einige Zeit, bis ich anfing, daran zu zweifeln. Irgendwann habe ich den Kontakt zur Familie abgebrochen und erst Jahre später zu recherchieren begonnen, was mein Vater, mein Großvater, mein Onkel und andere Familienmitglieder in jenen Jahren gemacht haben. Persönliche Erinnerungen aus dieser Zeit habe ich nie zu hören bekommen. Ich habe auch nie danach gefragt. Ich habe nie gefragt, was mein Vater in Polen oder in der Slowakei gemacht hat. Vielleicht wäre es ohnehin zwecklos gewesen, vermutlich wäre ich auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Aber ich hätte immerhin den Versuch machen können. Mein Vater wurde 1947 auf der Flucht ermordet und mein Großvater ist gestorben, als ich noch jung war, aber die Großmutter und der Onkel haben lang genug gelebt, um Auskunft geben zu können. Sie bekannten sich immer zum Nationalsozialismus, bis zu ihrem Tod, aber von Verbrechen, von der Ermordung der Juden, der Vertreibung von Slowenen, von Geiselerschießungen wollten sie nichts wissen. Ich kann heute nicht ausschließen, dass sie irgendwann darüber zu reden begonnen hätten. Vielleicht hätte ich nur die richtigen Fragen stellen müssen. Aber diese Fragen kamen mir nicht über die Lippen, möglicherweise weil ich ab einem bestimmten Alter ahnte, was ich zu hören bekommen würde. Davor hatte ich Angst. Um diesem Dilemma zu entgehen, schlug ich die Tür zu und brach die Gespräche ab.

    An diese versäumte Gelegenheit dachte ich bei der Begegnung mit dem alten Mann, der in Poznań plötzlich

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