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In Ängsten - und siehe, wir leben: Lebenserinnerungen eines Wolhynienpfarrers 1909-2009
In Ängsten - und siehe, wir leben: Lebenserinnerungen eines Wolhynienpfarrers 1909-2009
In Ängsten - und siehe, wir leben: Lebenserinnerungen eines Wolhynienpfarrers 1909-2009
eBook1.031 Seiten8 Stunden

In Ängsten - und siehe, wir leben: Lebenserinnerungen eines Wolhynienpfarrers 1909-2009

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Über dieses E-Book

Im Streit um den Umgang mit globalen Flüchtlingsbewegungen heben heute viele abwehrend die Hände, sie wollen die Grenzen dichtmachen. Da erinnern sich viele Deutsche ihrer eigenen Flüchtlingsvergangenheit: Rd. 22 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler aus den Ländern des aufgelösten Ostblocks sind von Kriegsende bis heute in Deutschland integriert worden. Als Hauptleidtragende der größten Flüchtlingsbewegung im 20. Jh. kennen sie die gewaltigen Hürden der Integration und sind sie Fremden gegenüber meist milder gestimmt.
Zu solch einer versöhnliche Einstellung wollen auch die packenden Lebenserinnerungen des evangelischen „Wolhynienpfarrers“ Hugo K. Schmidt auf jeder der 376 Seiten Mut machen. Deutsche Siedler waren, bedingt durch ihre Geschichte, stets bereit, mit Fremden zusammenzuleben. Fremdenfeindlichkeit, wie sie die Nazis später dem Volk überstülpen wollten, ist für Deutsche eher untypisch. Von Herzen wünschen deshalb heute viele, dass Abwehrhaltungen durch eine „Kultur des Willkommens“ ersetzt wird.
Hugo Schmidt, Nachfahre von Schwaben, der sich in der kurzen preußischen Herrschaft um 1805 einladen ließen, den Umkreis um die spätere polnische Industriestadt Lodz zu besiedeln, hat sich als junger Pastor der Evang.-Augsburgischen Kirche in Polen zum Dienst in den volkskirchlich geprägten Gemeinden Wolhyniens berufen lassen. Dabei war er wie einer „ersten Liebe“ seiner seelsorgerlichen Aufgabe an diesen kernigen Menschen in dem heute ukrainischen Gebiet verfallen.
Umso verstörendere Migrationserfahrungen erwarteten ihn und eine weitere ¾ Million „Volksdeutscher“ durch den Hitler-Stalin-Pakt: Beginnend im strengen Winter 1939-1940 wurden alle deutschen Volksgruppen vom Baltikum bis Südtirol zur notvollen Umsiedlung „heim ins Reich“ genötigt, als seien sie Schachfiguren, eine erzwungene Völkerwanderung, die Hitlers Utopie vom „Lebensraum im Osten“ im eroberten Polen Gestalt verleihen sollte. Die Zumutungen der Flucht von 1945 klangen hier schon an: verlustreiche Pferdetrecks, ungeheizte Eisenbahnzüge, Versorgungsmängel, verlogene Propaganda...
Dass in solchen Zeiten des lebensverneinenden Chaos gerade auch der christliche Glaube ein besonderer Wert ist, will der Buchtitel mit dem Bibelzitat „In Ängsten – und siehe wir leben“ unterstreichen. Es preist einen Gott, der den Menschen immer wieder neu zur Umkehr und ins Leben ruft und dem Gewissen ein verlässlicher Ratgeber ist. 328 z.T. farbige Bilder und Karten veranschaulichen das Geschehen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum11. Mai 2016
ISBN9783741246609
In Ängsten - und siehe, wir leben: Lebenserinnerungen eines Wolhynienpfarrers 1909-2009
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Autor

Hugo Karl Schmidt

Der Autor Hugo Karl Schmidt, 2009 im begnadeten Alter von fast 100 Jahren verstorben, war der erste Pfarrer aus den östlichen Provinzen des zusammengebrochenen Deutschen Reiches, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den Dienst der Evang.-Luth. Kirche in Bayern übernommen wurde. Er leitete hier die Pfarrstellen von Roth II und Katzwang. Bis zuletzt setzte er sich auch rührend für seine ehemaligen Gemeindeglieder ein, die er als Pfarrer in Wolhynien und als Superintendent (Dekan) in Rypin im Wartheland (Dobriner Land) betreut hatte und die nach ihrer Flucht 1945 nun in alle Winde verstreut waren. Er ist Gründer des Historischen Vereins Wolhynien und zugleich dessen Ehrenvorsitzender. Sein historisch bedeutsames Hauptwerk ist, neben gut 40 weiteren Veröffentlichungen, das Buch „Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Wolhynien“ (1992). Hugo Schmidt stammt aus einer Siedlerfamilie schwäbischer Herkunft und wurde 1909 in der Industriestadt Lodz im damals russisch beherrschten „Kongress-Polen“ geboren. Die Restitution des polnischen Staates und die Diktatur Józef Pisudskis nötigten den Heranwachsenden, in Polnisch sein Abitur zu machen. Er nahm auch den wachsenden Konflikt zwischen dem strikt katholischen polnischen Nationalismus und dem vom Protestantismus geprägten Deutschtum wahr. Das Theologiestudium führte ihn nach Leipzig und zu Beginn des „Dritten Reichs“ erstmals auch nach Erlangen. Zum Mentor für sein Vikariat wählte Hugo Schmidt den Pfarrer der deutschen Gemeinde von Rozyszcze im damals polnischen West-Wolhynien (heute Ukraine). Nach seiner Heirat ließ er sich in dieser volkskirchlich geprägten Landschaft als Pastor der Gemeinde Tuczyn einsetzen. Die Polen verhafteten ihn bei Kriegsbeginn 1939 und sperrten ihn mitsamt vielen anderen deutschen Intellektuellen im berüchtigten polnischen Konzentrationslager Bereza Kartuska (heute Weißrussland) ein, doch kam er mit Auflösung der äußeren Ordnung frei. Hitlers Geheimabkommen mit Stalin nötigte seit dem eiskalten Winter 1939/40 alle „Volksdeutschen“, ihre Heimat zu verlassen. Die Nazis zerstreuten Schmidts Gemeinde im deutschen „Mustergau“ Wartheland, der nach ihrem Wunsch möglichst religionslos sein sollte. Als Pfarrer von Rypin und inzwischen beauftragter Superintendent von Lipno waren für ihn die Konflikte mit dem System vorprogrammiert. Rechtzeitig vor Kriegsende konnte Hugo Schmidt seine weitläufige Familie und auch sich selbst vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen.

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    Buchvorschau

    In Ängsten - und siehe, wir leben - Hugo Karl Schmidt

    Soldaten

    Erstes Buch:

    Leben in Łódz

    — Vorfahren, Kindheit, Schulzeit —

    Lebenserinnerungen …

    Es könnte banal und überflüssig erscheinen, Lebenserinnerungen aufzuzeichnen, wenn hier nur das Durchschnittsschicksal einer binnendeutschen Familie angesprochen wäre. Aber es ist das Leben einer deutschstämmigen Sippe im Ausland zu beschreiben, genauer gesagt: in Polen.

    Immer wieder finde ich bei Gesprächen mit Kindern und Enkelkindern Vorstellungen über das Leben der Deutschen in Polen, die man aus der Sicht heutiger Verhältnisse zu rekonstruieren versucht, die aber der erlebten Wirklichkeit nicht entsprechen. Es geht um die stets aktuelle Frage, was Menschen als Gäste, Mitbürger und Fremde zwischen den Kulturen erleben, wie sie ihr Leben aus ihrer Religion und Kultur heraus zu gestalten versuchen, wie sie, ohne explizites eigenes Verschulden, zum politischen Spielball der Mächte werden und wie sie überleben.

    Nicht dass ich behaupten möchte, dass unsere Vorfahren und wir selber in Polen alles richtig gemacht hätten. Aber darum geht es nicht. Vielmehr will ich schildern, aus welcher Sichtweise und Einstellung heraus sie ihr Leben geführt haben und es eigentlich nicht anders führen konnten. Um diese eigene Sichtweise der Dinge in früherer Zeit geht es.

    I. Vorfahren väterlicherseits und der Vater Gottfried Schmidt

    Kantorlehrer mit schwäbischer Herkunft

    Es ist nicht viel, was ich über die Vorfahren der weiter zurückliegenden Vergangenheit weiß. Denn mein Vater hat uns verhältnismäßig wenig davon erzählt. Was er erzählt hat, ist mir zwar einigermaßen in Erinnerung, doch muss ich mir einiges dazu reimen, um Klarheit zu finden. Und ob dieser Reim stimmt, kann ich nicht sicher behaupten.

    Die Vorfahren SCHMIDT sollen aus Schwaben stammen. In Erzählungen des Vaters kam für die Ansiedlung die Ortsbezeichnung NEUSULZFELD bei ŁÓDŹ vor.

    Dorf und Felder im Sechszehn-Eck: Kolonistendorf NEUSULZFELD östlich von ŁÓDŹ, heute eingemeindet

    EXKURS:

    Nowosolna und seine ersten Siedler

    - von Jürgen Taegert

    Dieses N EUSULZFELD -N OWOSOLNA , im Herzen des heutigen Polen gelegen, ist seit 1988 als Stadtteil mit etwa 2.000 Einwohnern nach Ł ÓDŹ eingemeindet und liegt geographisch im Nordosten von ŁÓDŹ, etwa 10 km vom Stadtkern entfernt, auf dem Gebiet der Wzniesienia Łódzkie, einer Naturlandschaft aus eiszeitlich geformtem Hügelland bis 300 m Meereshöhe. Die Landschaft bildet die Wasserscheide zwischen Oder und Weichsel; das Flüsschen Miazga entspringt im Ortsgebiet.

    Das Dorf mitsamt den umgebenden Feldern ist von deutschen Kolonisten in den „preußischen Jahren nach der zweiten polnischen Teilung von 1793 zwischen 1801-1806 gegründet worden. Es ist in der ungewöhnlichen Form eines Oktaeders mit einem allseitigen Durchmesser von 4 km angelegt. Im jährlich dem preußischen König vorzulegenden „Generaltableau vom Fortgang des Kolonistenwesens in Südpreußen erscheint es zunächst an fünfter Stelle in der Liste des „Warschauer Cammer Department unter der Bezeichnung „Kolonie Wiaczyn im Amt Laznow und wird seit Juli 1803: „NEUSULZFELD" genannt.

    Der Grund dieser Namensgebung ist nicht ganz ersichtlich. Die Gemeindechronik von SULZFELD in Baden vermerkt zwar, dass im Jahre 1801 eine Gruppe von Siedlern aus SULZFELD ein Dorf östlich der damals zu Südpreußen gehörenden Stadt ŁÓDŹ gegründet hätte, das Neu-Sulzfeld genannt wurde. Doch sind hier in den ersten Jahren der Besiedlung nur zwei Siedler aus SULZFELD namentlich vermerkt. Die anderen kommen, sofern Ortsnamen mit angegeben sind, aus den schwäbischen Orten BODELSHAUSEN, DURLACH, FEUDENHEIM, HEILBRONN, ISENBURG, MÖTZINGEN, SAUNSHEIM, SCHRAMBERG, u.a.

    Die polnischen „Schwaben" kommen aus Baden und Württemberg: Herkunftsorte der Kolonisten von NEU-SULZFELD-ŁÓDŹ — Im Kreis: Aus FELDSTETTEN kommen die Schmidts

    Nach den Prinzipien des preußischen Siedlungswesens sollten die Siedler einer neu zu gründenden Ortschaft eigentlich möglichst aus derselben Gegend kommen, um von vornherein eine kooperative, gleichgesinnte Gemeinschaft zu bilden. Dies trifft aber in der tatsächlichen Praxis, wie die Karte zeigt, nur bedingt zu: Die Siedler kommen aus fast dem gesamten Großraum des heutigen Baden-Württemberg. Allerdings ist bei der Mehrzahl der Neuankömmlinge kein konkreter Ort benannt, sondern fast 70-mal nur die Länderbezeichnung „Württemberg eingetragen, und bei den ersten drei Siedlern der Ausdruck „Schwaben; hinter den nicht genannten Ortsnamen könnten sich natürlich auch Bürger von SULZFELD verbergen.

    Der Erfolg der ersten Siedler und die fantastischen Konditionen des preußischen Staates scheinen sich damals in der Heimat herumgesprochen zu haben. Denn nach zaghaftem Beginn 1801 mit drei Kolonistenfamilien und zusammen nur neun Personen steigert sich die Zuwanderung im Folgejahr auf 40 Familien. Im Jahr 1805 strömen sogar 45 Familien ein, unter ihnen als 10. die Sippe von JOHANN SCHMIDT mit zusammen neun Personen. Dieser JOHANN SCHMIDT kommt aus dem kleinen Dorf FELDSTETTEN auf der schwäbischen Alb in Württemberg, das heute nach LAICHINGEN knapp 30 km nordwestlich von ULM eingemeindet ist. Die Einwohner lebten damals von Landwirtschaft, Hausweberei und dem Betrieb zahlreicher Gastwirtschaften, die entlang der wichtigen West-Ost-Verbindung über die Alb lagen, welche damals noch mit der Postkutsche bedient wurde.

    Die Siedler brachten seinerzeit auch ihren protestantischen Glauben in der typisch schwäbisch-pietistischen Färbung mit und errichteten in NEU-SULZFELD zunächst einen Betraum und dann eine Kirche. Diese ungewöhnliche Holzkirche aus dem 19. Jh. mit der gemauerten Giebelseite und ihrem Dachreiter ist jüngst in das Freilichtmuseum von ŁÓDŹ transferiert worden und erstrahlt dort in neuem Glanz.

    Der zentrale Platz des Ortes, an dem alle acht Straßen sternenförmig zusammen laufen, gilt heute als die Touristenattraktion des Ortes und als einzigartig im Städtebau Polens und ganz Europas. Auch die umgebenden Fluren sind in dieser auffallenden Form aus acht kreisförmig angeordneten, mit Wegen eingerahmten Segmenten angeordnet, die jeweils nochmals der Länge nach halbiert sind. Das lässt darauf schließen, dass es damals zunächst 16 schwäbische Familien waren, die sich hier angesiedelt haben. Als die bäuerlichen Vorfahren von HUGO SCHMIDT hinzustießen, dürften diese Strukturen schon weitgehend festgelegt gewesen sein; neue Siedler mussten dann in die weitere Umgebung ausweichen.

    Vielleicht hat August Schmidt hier als Kantorlehrer noch unterrichtet: Schule und Bethaus von NOWOSOLNA von 1869

    Für diese damalige Kolonisierungswelle, der sich diese Siedler anschlossen, hatten die Preußen, seit der zweiten polnischen Teilung 1793 Herren dieses Landes „Südpreußen", seit 1800 in großem Stil vor allem im südsüddeutschen Raum systematisch geworben und allen Bewerbern große Vergünstigungen angeboten.

    Heute im Freiluftmuseum in ŁÓDŹ: Evangelische Holzkirche der ersten Siedler aus NEUSULZFELD mit Steinfassade und Dachreiter

    Die Siedler und ihre Söhne waren vom Wehrdienst befreit, sie mussten in den ersten Jahren keine Steuern zahlen und erhielten eine nach Meilen berechnete Wegstreckenunterstützung für die Anreise aller Familienmitglieder sowie finanzielle Zuschüsse zur Rodung des Landes; ihnen wurden ferner kostenlos Geräte zum Wirtschaften sowie Vieh zur Verfügung gestellt und Wohnhaus, Stall und Scheune auf Staatskosten errichtet. Für weitere Investitionen gab es zinsfreie Darlehen. Da die Süddeutschen keine eigene Erfahrung mit den notwendigen Rodungsarbeiten hatten, baten sie die schon länger hier siedelnden Deutschen, ihnen bei der Urbarmachung des Landes zu helfen. Diese Arbeiten konnten sie durch die Staatszuschüsse entlohnen.

    Siedlungsorte der Vorfahren: Im Umkreis von 10-70 km um ŁÓDŹ lebten und arbeiteten die Vorfahren von Hugo Schmidt

    Neben solchen Gruppen von Bauern ließen sich auch manche Handwerker ins Land locken. Nachdem ein großer Teil der Einwanderer aus Schwaben kam, wurde der Ausdruck „Szwaby" in dieser Gegend bald zur Bezeichnung für Deutsche schlechthin.

    HUGO SCHMIDT stellte schon seinerzeit fest, dass die Liste der ersten Siedler dieser schwäbischen Siedlung auch den Namen SCHMIDT aufführt, mit mehreren Kindern, darunter eines mit dem Vornamen AUGUST. Dieser AUGUST SCHMIDT, so mutmaßte er, könnte sein Urgroßvater gewesen sein.

    Diese Vermutung dürfte zutreffend sein. Der Name „SCHMIDT kommt bei den Kolonisten von NEU-SULZFELD nur für eine einzige Familie vor. Es fällt auf, dass dieser scheinbare Allerweltsname in den Siedlungen im gesamten Raum dieses neuen „Südpreußen überhaupt eher selten ist; im Ganzen konnte ich ihn lediglich 34-mal finden. [Ende des Exkurses]

    Die Tradition der männliche Erbfolge des ältesten Sohnes, die verhindern sollte, dass der elterliche Bauernhof und das Bauernland zerrissen und zerstückelt wird, brachte es dann mit sich, dass die nicht erbberechtigten Kinder sich anderweitig als Knechte und Mägde verdingen mussten oder ihr Interesse auf andere Berufe richteten. Das war insbesondere das Handwerk, aber auch der zunehmend bedeutsame pädagogische Bereich. So hat mein Vater berichtet, sein Großvater sei Lehrer gewesen.

    Es ist anzunehmen, dass dieser AUGUST SCHMIDT zu den sog. „Kantorlehrern im Dienst der Evangelischen Kirche gehörte, über deren besonderen Werdegang in Polen AUGUST MÜLLER in seinem Aufsatz „Das Lehrerseminar von seiner Gründung bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges im Büchlein „Das deutsche Lehrerseminar in Mittelpolen" schreibt¹:

    Kolo, Kirchort für Majdany: Straßenzug und Kirche in KOLO

    „Bei den der Kirche unterstehenden Kantoraten war die Sache verhältnismäßig einfach. Da holte sich der Pastor einen aufgeweckten jungen Mann heran, überhörte ihn, weihte ihn in seine Verrichtungen ein, stellte ihn der Gemeinde vor und überließ ihn sich selber. Von Zeit zu Zeit besuchte er ihn im Unterricht, ließ ihn die zehn Gebote abfragen, mit den Kindern einen Choral singen, überzeugte sich, wieweit die Kenntnisse der biblischen Geschichte waren, und die Sache hatte damit ihr Bewenden." ²

    Es ist gut vorstellbar, dass AUGUST SCHMIDT als nicht erbberechtigter Nachfahre einer eingewanderten, lutherischen Bauernfamilie bewusst ein solcher Kantorlehrer wurde. Zum Zeitpunkt seiner jungen Jahre um 1840 gab es freilich noch keine Lehrerbildungsanstalt für deutsche evangelische Lehrer. Anders dürfte es bereits bei seinem Sohn JOHANN SCHMIDT, geboren am 10. Juni 1846 in MAJDANY - Kirchengemeinde KOLO – [70 km nordwestlich von Łódź] gewesen sein, der ebenfalls Lehrer wurde. Er könnte schon eine gediegenere Ausbildung an der 1866 in Warschau errichteten Schule mit Lehrerausbildung erworben haben.

    Handels– und Tuchmacherstadt mit hohem deutschen Bevölkerungsanteil: TOMASZOW um 1870; der Ort der Jugend von GOTTFRIED Schmidt. Hier war sein Vater JOHANN SCHMIDT zuletzt Kantor und Lehrer, dieser verstarb hier recht früh.

    Dieser JOHANN SCHMIDT, mein Großvater väterlicherseits, war bei der Geburt meines Vaters GOTTFRIED SCHMIDT (*9. Apr. 1875) Lehrer in dem zur Kirchengemeinde WIELUN gehörenden Dorf WOLNICA GRABOWSKA³.

    Er muss dann in TOMASZOW⁴, einer stark von Deutschen besiedelten Tuchmacherstadt, Lehrer geworden sein. Denn Vaters Erinnerungen seiner Jugend hängen sehr mit dieser Stadt TOMASZOW zusammen. Großvater JOHANN SCHMIDT muss aber in TOMASZOW bereits verhältnismäßig jung gestorben sein. Mit einiger Sicherheit hätte er seinen Sohn GOTTFRIED, meinen Vater, sonst wohl Lehrer werden lassen.

    Durch seinen vorzeitigen Tod musste Johann Schmidts Witwe sich mit ihren Kindern recht und schlecht durchschlagen. Diese, JOHANNA SCHMIDT, geb. GUSE, geboren am 19. September 1853 in WOLNICA GRABOWSKA, also an dem Wirkungsort ihres späteren Ehemannes, muss eine Bauerntochter gewesen sein. Die Eheschließung von JOHANN SCHMIDT mit JOHANNA GUSE fand am 6. Mai 1873 in WIELUN⁵ statt.

    Ziel von Richthofens erstem Stuka-Terrorangriff 1939: Zerstörtes WIELUN mit evang. Kirche, späterer Schicksalsort der Wolhynier

    Aus dieser Ehe sind mir drei Kinder bekannt. Vater GOTTFRIED dürfte der Älteste gewesen sein. Danach kam eine Schwester, die wohl unter dem Namen WEITBRECHT o. ä. verheiratet gewesen ist und später nach Brasilien auswanderte, ihr Vorname könnte LYDIA gewesen sein. Durch den Ersten Weltkrieg war die Verbindung zu ihr abgerissen und ist später nie mehr zustande gekommen.

    „Onkel Adolf"

    Ein weiterer Sohn von J OHANN und J OHANNA S CHMIDT hieß A DOLF . Er hat als Vaters Bruder und unser „Onkel Adolf" in unserer Familie eine fast legendäre Rolle gespielt. Wahrscheinlich spielte der frühzeitige Tod des Vaters J OHANN S CHMIDT dabei eine Rolle, dass Onkel A DOLF nichts Rechtes gelernt hat und es auch zu nichts gebracht hat. Er war zwar sehr intelligent und begabt, doch schon die Schule muss er überreichlich geschwänzt haben. Er hatte einen ausgesprochenen Wandertrieb, den er auch nach seiner Verheiratung nicht aufgab. Sobald im Frühjahr die Sonne milder schien, verschwand er, und er tauchte erst wieder auf, wenn der Winter vor der Tür stand. Wie seine Frau und die Kinder sich in der Zwischenzeit durchgeschlagen hatten, schien ihn nicht weiter zu beunruhigen. Er war froh, über den Winter wieder ein warmes Plätzchen zu finden. Gelegentliche Arbeiten, die ihm mein Vater besorgt hatte, langten kaum, die Familie über Wasser zu halten, zumal er ja bald wieder verschwand.

    Es ist ein Wunder, dass aus den zwei Töchtern von Onkel Adolf tüchtige Hausfrauen und Mütter geworden sind. Zweifellos hat mein Vater Hilfestellung geleistet, damit die Mädels etwas lernten. Apollonia wurde eine kundige Bürokraft und heiratete einen Mechaniker Reinhold Brandt, Marie wurde beruflich ähnlich gelenkt und heiratete den Tischler Arthur Zaft. Beide Ehemänner haben sich als Schwäger gegenseitig zu einer guten Existenz als Möbelvertreter verholfen. Reinhold Brandt ist 1976 an einem Herzinfarkt, Apollonia 1983 an Krebs verstorben.

    Der Vater Gottfried Schmidt: Kaufmann, Soldat und Fabrikverwalter

    Mein Vater G OTTFRIED S CHMIDT ging nach ŁÓDŹ in eine kaufmännische Lehre.

    EXKURS:

    Die Entwicklung der TextilstadtLódź

    - von Jürgen Taegert

    Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Ł ÓDŹ ein unbedeutendes mittelpolnisches Ackerbürgerstädtchen, das im Jahr 1820 nur etwa 800 Einwohnern hatte. Im darauffolgenden Jahrzehnt traf die kongresspolnische Regierung die Entscheidung, zur wirtschaftlichen Hebung des Landes, das nach den napoleonischen Kriegen darniederlag, Textilhandwerker anzusiedeln. Das Gebiet war wegen seines Wasserreichtums besonders geeignet. Die Angeworbenen kamen unter anderem aus Mitteldeutschland, Schlesien und Böhmen. Ł ÓDŹ und weitere, bis dahin ländliche Orte der Umgebung wurden zu „Gewerbe-Städten" (miasta prze-mysłowe) erklärt; ihre Erweiterung entwarf man nach rationalistischen Gesichtspunkten auf dem Reißbrett.

    Kaufmännische Lehre, Bürochef und Fabrikverwalter: Hugos Vater Gottfried Schmidt (1875-1950)

    Für die Textilhandwerker errichtete man zunächst noch auf Wasserkraft angewiesene oder manufakturell betriebene Fabriken. Mit Dampfmaschinen ausgestattete Großindustrie wurde zuerst gegen Ende der 1830er Jahre gegründet; sie verstärkte sich seit den 1860er Jahren und drängte das handwerkliche Textilgewerbe zurück; dessen Überreste existierten gleichwohl bis weit in das 20. Jahrhundert hinein fort.

    Bereits vor Einführung der Maschinenindustrie hatte ŁÓDŹ mit knapp 30.000 Einwohnern mittelstädtisches Ausmaß erreicht. Im Zuge des textilindustriellen Booms kam es dann zu einem rasanten Bevölkerungswachstum, das die Einwohnerzahl zu Beginn der 1880er Jahre über 100.000 ansteigen ließ. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden 300.000 Einwohner gezählt, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits 500.000.

    Von Deutschen 1857 gegründete Textilfabrik: Annonce der Wollwarenfabrik Karl Kretschmer, in der Hugos Vater GOTTFRIED als Verwalter tätig war, in der Jubiläumsschrift der ŁÓDŹer Zeitung 1863-1913. – Dazu Vermerk von H.K.Schmidt:

    „Obiges Bild ist die genaue Wiedergabe der Kretschmerschen Fabrik, in der mein Vater Fabrikverwalter war. Im vorderen Haus rechts befanden sich im Erdgeschoss die Büro- und Lagerräume, im Obergeschoss die Fabrikantenwohnung, die wir, nach Wegzug des Fabrikbesitzers in die Innenstadt, bewohnten. Im Hintergrund der Zeichnung sind rechts zwei Baumreihen zu sehen. Zwischen diesen lag der große Garten, der uns, ebenso wie der riesige Fabrikhof, als Spielplatz zur Verfügung stand. An die letzten Baumreihen grenzte der im Hintergrund ebenfalls sichtbare große und schöne Stadtpark an, der sg. „Pánska-Park".

    Die Stadt wurde im amerikanischen Stil angelegt, also mit einer orthogonalen Rasterstruktur entlang einer Hauptstraße. Ein wichtiger Standortfaktor für die Baumwollindustrie war die Lage der Stadt an vielen Flüssen und umringt von einem großen Waldgebiet. Drei große Fabriken prägen das Bild der Stadt bis heute.

    Im gesamten Zeitraum bis zum Zweiten Weltkrieg blieb der ausgesprochen monostrukturelle Charakter der Łódźer Industrie bestehen, die neben allen Branchen der Textilindustrie seit der Mechanisierung hauptsächlich Fabriken für Baumwollverarbeitung und außerdem vorwiegend Zuliefer- und Instandsetzungsbetriebe umfasste.

    Administrativ kam ŁÓDŹ bis 1914 nicht über den Rang einer Kreisstadt hinaus, denn die russische Verwaltung scheute vor einer politischen Aufwertung der Stadt zurück, die als Unruhezentrum berüchtigt war. Erst die deutschen Besatzer 1914-18 machten sie zum Sitz ihrer Gouvernementverwaltung.[Ende des Exkurses].

    Nach Abschluss der Lehre muss GOTTFRIED SCHMIDT in einem Łódźer Fabrikbüro gearbeitet haben. Die Firma dürfte HANTKE gewesen sein.

    Dann aber wurde GOTTFRIED zum russischen Militär einberufen, ein Los, das unter der russischen Oberherrschaft in Kongresspolen viele Männer ereilte. Damals traf es aber nur jeweils einen Sohn aus einer Familie.

    Der Militärdienst währte in Russland in Friedenszeiten gewaltige fünf Jahre! Nach der Grundausbildung in ROWNO⁸, wurde Vater Regimentsschreiber. Auf eigenen Wunsch wurde er zu einem Regiment nach TURKESTAN versetzt, denn er vertrat den Standpunkt, wenn er schon Soldat sei, dann wolle er von dem weiten Russland recht viel sehen.

    Die weite Entfernung brachte es mit sich, dass er in diesen fünf Jahren keinen Urlaub nahm. Damit müssen aber Vergünstigungen geldlicher Art verbunden gewesen sein. Bei seiner anspruchslosen Lebensweise - er rauchte nicht und lebte weitgehend abstinent - dürfte er sich von seinem bescheidenen Wehrsold doch einiges zurückgelegt haben.

    Nach der Militärzeit wird er wohl noch einige Zeit in seiner früheren Firma gearbeitet haben.

    Er muss gute Referenzen gehabt haben, sodass er dann bei der großen Wollwarenfabrik KARL KRETSCHMER in ŁÓDŹ als „Fabrikverwalter angenommen wurde. Diese deutsche Berufsbezeichnung ist für deutsche Verhältnisse irreführend: Die russischen bzw. polnischen Begriffe „zawjeduischtschij bzw. „zarzadza-jacy fabryki machen deutlicher, dass ihm, wie einem „Manager heute, der ganze äußere Ablauf des Betriebs unterstand, vor allem das Einstellen von Arbeitern, Überwachung der Gebäude und deren Instandhaltung. Auch war er Bürochef.

    Außer der Überwachung der Lohnauszahlung hatte er jedoch mit den rein kaufmännischen Geschäften der Fabrik und mit geldlichen Dingen nichts zu tun. Die Buchhalter waren ihm zwar unterstellt, doch das rein Geschäftliche ging ihn nichts an, das besorgten der Chef, bzw. die Chefs - nach dem Tod des Firmengründers KARL KRETSCHMER übernahmen zwei Brüder die Fabrik - und ein Prokurist.

    Zu welchem Zeitpunkt genau Vater dort bei der Wollwarenfabrik Kretschmer eingetreten ist, weiß ich nicht sicher. Es muss wohl um 1905 gewesen sein. In dieser Zeit hatte die Łódźer Industrie Hochkonjunktur, der russische Absatzmarkt war unersättlich.

    Auch wenn ich nicht weiß, wie viel mein Vater verdient hat, muss sein Gehalt nicht schlecht gewesen sein. Außer zum Unterhalt der Familie reichte es für Sparrücklagen. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte er davon einem Schwager und einer Schwägerin je 1.000 Goldrubel zur Existenzgründung leihen. Daran kann ich mich deshalb so genau erinnern, weil es wegen der Rückzahlung später Streit gegeben hat; die Tilgung der Darlehen war durch den Kriegsverlauf und die Geldentwertung unmöglich geworden.


    ¹ zusammengestellt von Otto Heike, Kammwegverlag Troisdorf/Rhld. 1963, S. 14.

    ² Vergl. dazu auch das Büchlein von Jürgen Taegert „Vom Tropfhäusler zum Köster und Schaul-meister", welches das Geschick der Kantorlehrer aus seinen Vorfahren im an Polen angrenzenden schwedischen und preußischen Pommern schildert.

    3 60 km südwestlich von ŁÓDŹ.

    4 polnisch: TOMASZÓW MAZOWIECKI, 40 km südöstlich von ŁÓDŹ.

    5 WIELUN ist ein Städtchen etwa 115 km südwestlich von ŁÓDŹ, das auch für die weitere Geschichte der Polen und Deutschen bedeutsam wurde. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war dieser Ort zunächst Ziel des ersten Angriffs von Sturzkampfbombern der Deutschen Luftwaffe am 1. Sept. 1939 unter Feldmarschall WOLFRAM v. Richthofen. Die Bomben zerstörten den Stadtkern. Der Grund des Angriffs ist umstritten; möglicherweise diente er ausschließlich zum Testen der Kampfkraft dieser Flugzeuge und ist daher als Kriegsverbrechen zu werten. – Hier in WIELUN wurden 1940 etliche aus Wolhynien umgesiedelte Deutsche neu angesiedelt. JOHANNES SCHMIDT, der ältere Bruder von HUGO SCHMIDT, war ihr Gemeindepfarrer. 1945 mussten sie vor der andringenden Roten Armee ihr neue Wohnstätte verlassen und sich auf ein ungewisses Schicksal gefasst machen. Mehr dazu weiter unten.

    ⁶ Informationen aus: „Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich", herausgegeben von Alena Janatkovà und Hanna Kozmska-Witt, vergl. dazu auch die Tabelle der Bevölkerungsentwicklung weiter unten.

    ⁷ Es gab seinerzeit in ŁÓDŹ eine riesige Anzahl von kleinen und größeren Firmen, weit über 500, zumeist deutsche Gründungen, in denen zusammen über 70.000 Arbeiter beschäftigt waren, überwiegend im Bereich der Tuchmacherindustrie. Die Spuren einer Firma Hantke sind aber heute schwer aufzufinden.

    ⁸ in Wolhynien, dem späteren Einsatzort von Sohn HUGO als Pfarrer.

    II. Vorfahren mütterlicherseits und die Mutter Emilie Seidel

    Großvater Gustav Seidel, Tuchmacher und heilkundiges Universalgenie

    Am 27. Juli 1905 heiratete mein Vater die Tochter E MILIE A LWINE des Tuchmachers Gustav Seidel und seiner Ehefrau Ernestine.

    GUSTAV SEIDEL ist am 7. Mai 1848 in Tomaszów Mazowiecki⁹ geboren. Am 11. Sept. 1876 hatte er die ebenfalls in TOMASZOW geborene ERNESTINE LEHMANN geheiratet. Als „Tuchmacher" wird GUSTAV in seiner Trauurkunde bezeichnet. Das wird er zweifellos zum Zeitpunkt seiner Eheschließung in TOMASZOW gewesen sein, sicher auch noch eine Zeit danach, denn meine Mutter EMILIE ALWINE SEIDEL ist dort am 16. April 1879 geboren, auch alle anderen Geschwister meiner Mutter: ALFRED am 7. Juni 1877 (verstorben 1905 in BERDICZEW/Ukraine), CLARA am 1. Februar 1880 (verstorben am 2. Juli 1956 in LOITSCHÜTZ bei Zeitz bei ihrem Sohn GERHARD), MAX GOTTWALD, geboren am 25. Juni 1886 (verstorben in DRESDEN), WANDA, geboren am 1. Juli 1888 (verstorben in BETZDORF/Kr. Siegen). Über deren Familienverhältnisse noch später.

    Großvater GUSTAV SEIDEL war ein vielseitig begabter Mann. Unter anderem soll er ein Musikinstrument erfunden haben, das eine Art kleines Tasteninstrument gewesen sein soll. Damals kam er sicher nicht auf den Gedanken, es bei einem Patentamt anzumelden. Vielleicht war das im damaligen Kongress-Polen, das ja ganz den russischen Zarengesetzen unterworfen war, auch nicht möglich. Jedenfalls ist es bei diesem einen Instrument geblieben, das irgendwann entweder verschwunden oder von seinem Erfinder selber auseinandergenommen und zur Verbesserung nicht mehr zusammengesetzt worden ist. Letzteres ist wahrscheinlicher.

    Wahrzeichen der Stadt Tomaszow: Die große evangelische Erlöserkirche

    Großvater SEIDEL muss sich als Autodidakt weitergebildet, vielleicht auch irgendwelche kirchliche (Kantoren-?) Kurse mitgemacht haben. Jedenfalls war er nicht nur sehr belesen, sondern hatte sich auch über Kräuterheilpflanzen kundig gemacht, solche Pflanzen selber gesammelt und nebenher eine Art Heilpraxis betrieben.

    Noch heute evangelisch im „Manchester Polens": Die bereits vor dem Ersten Weltkrieg 1909 begonnene und erst 1928 fertiggestellte lutherische Matthäuskirche in ŁÓDŹ gehört heute zur Diözese Warschau der „Evangelisch-Augsburgischen Kirche" in Polen. Bei Reparaturen des Turmknaufs nach einem Sturm im März 2014 wurde eine wertvolle Zeitkapsel entdeckt, die Auskunft gibt, wie die Menschen damals gelebt haben, mit welchen Schwierigkeiten die Protestanten in ŁÓDŹ zu kämpfen hatten, und welche Hindernisse es beim Bau der Kirche gab. Auch war den Historikern neu, dass der neugotische Kirchbau mit seiner leichten Jugendstilattitüde erst lange Zeit nach Ende des Ersten Weltkrieges, nämlich 1929, eingeweiht werden konnte.

    (Aufnahme 1940). Die Kirche ist einer der größten Sakralbauten der Stadt und besitzt die größte Orgel Polens.

    Hauptamtlich war GUSTAV SEIDEL eine Zeit lang als Beerdigungskantor an der Łódźer Johannisgemeinde¹⁰ tätig. Als Kantor ist GUSTAV mit seinen Singschülern den Trauerzügen bei Beerdigungen vorausgegangen und hat den Sarg und die Angehörigen zum Friedhof begleitet und auf dem Friedhof mit diesen Kindern dann Sterbe- und Trostlieder gesungen. Er muss aber auch bei armen Gemeindemitgliedern selber Beerdigungen gehalten haben.

    Dass ihm die Beerdigungs-Agende und deren Gebrauch vertraut waren, habe ich anlässlich einer Aussegnung erlebt. Als unser Cousin OSKAR KRETSCHMER an Tuberkulose verstarb, war Pastor PATZER, der die Beerdigung halten sollte, verhindert und konnte nicht, wie es in ŁÓDŹ üblich war, den Leichenzug mit einer Aussegnungsfeier im Hause abholen; er erschien erst zur eigentlichen Feier auf dem Friedhof. Die Aussegnung im Hause hielt Großvater SEIDEL, und er tat es mit einer Würde und Selbstverständlichkeit, die davon zeugte, dass ihm dieser Dienst vertraut war. Es muss dann zwischen ihm und den Pastoren oder dem Kirchenvorstand der Johannisgemeinde Misshelligkeiten gegeben haben, was dazu führte, dass er diesen Kantorendienst aufgegeben hat.

    Seitdem wird GUSTAV SEIDEL kaum einer geregelten Arbeit nachgegangen sein, zumal die Kinder herangewachsen, selbständig und außer Haus waren. Seine vielseitige Begabung ließ ihn dichten und komponieren. Ich habe von Vetter ALFRED SEIDEL einige Gedichte erhalten, die Gustav Seidel selbst geschrieben, vertont und mit zwei- bis dreistimmiger Begleitung versehen hat¹¹.

    Natürlich sind die Lieder im Stil der Zeit gedichtet und à la Silcher gesetzt, doch muss er sie mit seinen Chorschülern damals auch mehrstimmig gesungen haben¹².

    Dass alle diese Begabungen von GUSTAV SEIDEL gewissermaßen nur ansatzweise zur Geltung kamen und auch nur wenig Anerkennung fanden, hatte einen besonderen Grund. Großvater SEIDEL galt als Alkoholiker, allerdings nicht im Sinne der in Russland so häufigen sog. „Quartalssäufer". Onkel MAX SEIDEL, sein Sohn, sagte mir einmal, er hätte seinen Vater nie total betrunken gesehen. Doch muss bei ihm durch regelmäßiges Trinken mit der Zeit eine gewisse Lähmung seiner Energien eingetreten sein, die ihn, zumal nach Enttäuschungen, die er mit Pastoren erlebte, im bürgerlichen Leben nicht mehr recht Fuß fassen ließ. Ob er sich in den letzten Lebensjahren überhaupt noch einen Lebensunterhalt selbst verdient hat, weiß ich nicht. Die letzte Wohnung in der Sienkewicza-Straße dürfte hauptsächlich von seinem Sohn MAX finanziert worden sein.

    Ich kann mich nicht erinnern, ihn beim Geburtstag seiner Frau, unserer Großmutter, je anwesend gesehen zu haben. Dieser Geburtstag war sonst uns allen wichtig und wurde stets sehr gefeiert; in dem verhältnismäßig kleinen Zimmer saßen wir immer zusammengepfercht beieinander, fanden es aber sehr gemütlich.

    Die letzten Jahre war Großvater im Sommer tagsüber meist auf Kräutersuche oder bei Patienten, die er in deren Häusern aufsuchte. Nur in der kälteren Jahreszeit konnte man ihn auch zu Hause antreffen. GUSTAV SEIDEL starb am 17. Nov. 1922 in ŁÓDŹ.

    Von Urgroßvater GOTTLIEB HERRMANN SEIDEL wissen wir, dass er am 23. Okt. 1816 in Von Urgroßvater GOTTLIEB HERRMANN SEIDEL wissen wir, dass er am 23. Okt. 1816 in GRÜNBERG in Schlesien geboren ist und mit MARIE AUGUSTE FECHNER am 30. April 1844 in TOMASZOW die Ehe geschlossen hat. Diese Marie ist zwar am 21. März 1824 in UJAZD geboren - damit ist wohl die zweisprachigen Stadt und Gemeinde Bischofstal, heute UJEST, im Powiat Strzelce Opolskie in der Woiwodschaft Oppeln gemeint; einen Ort gleichen Namens gibt es aber auch bei TOMASZOW - stammt aber auch aus GRÜNBERG in Schlesien, wo ihr Vater HEINRICH JOSEPH AUGUSTIN FECHNER 1790 geboren ist.

    Großmutter Ernestine Seidel – Enkelin einer schlesischen Adeligen?

    Über unsere Großmutter E RNESTINE S EIDEL , geborene L EHMANN , ist nicht so viel überliefert, obwohl sie doch für die Kinder und uns Enkelkinder eine so große Rolle gespielt hat und mit ihrem hohen Alter einige Generationen überdauert hat.

    Nahm für Hugo Schmidt Mutterstelle ein: Die Großmutter ERNESTINE SEIDEL

    Auch sie stammt aus Schlesien. Ihr Vater JOHANN GEORG LEHMANN wurde am 5. Sept. 1810 in BURKERSDORF-Oberlausitz geboren. Er ist insofern interessant, weil in seiner Geburtseintragung lt. Ahnentafel der Vater JOHANN GOTTLOB LEHMANN und die Mutter ANNA ELISABETH, „geborene Leubnerin von Lichtenberg, angegeben sind. Letztere wird wegen dieser Eintragung „von Lichtenberg gern als Adlige angesehen. Ob das zu Recht geschieht, ist nicht sicher. Die Bezeichnung Leubner oder Läubner kann sehr gut nichts anderes als „Hausbesitzer" bedeuten.

    Es könnte also sein, dass Ernestines Großmutter ANNA ELISABETH Hausbesitzerin in Lichtenberg war. Da aber kein Ort Lichtenberg in der Nähe ausgemacht werden konnte, auch kein Familienname angegeben ist, könnte die Bezeichnung „Lichtenberg auch Familienname sein und tatsächlich das „von eine adlige Bezeichnung bedeuten. Dem nachzugehen, habe ich mir noch keine Zeit genommen. So wichtig erscheint mir das auch nicht. Eines ist sicher: Die schlesische Abstammung der mütterlichen Linie ist unbestritten¹³.

    Großmutter ERNESTINE SEIDEL hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt, zunächst für mich unbewusst. Denn da meine Mutter bei meiner Geburt gestorben war, nahm sie mich nach meiner Geburt in ihrem Haus auf. Hier hat wahrscheinlich auch die jüngste Schwester meiner Mutter, Tante WANDA, für mich viel getan, ohne dass ich mich freilich an Einzelheiten erinnern kann. Eine angebliche Äußerung von ihr, dass sie mich in den ersten Jahren erzogen hätte, ist ihr von meinem Vater aber übel genommen worden. Das bestehende gespannte Verhältnis dürfte aber andere Ursachen gehabt haben, und dieser inkriminierte Satz ist sicher nur ein Vorwand.

    Tante WANDA besaß gemeinsam mit ihren Eltern eine größere Wohnung in der Nawrotstraße, Ecke Mikolajewska (später Sienkiewicza) in ŁÓDŹ; dort hat sie auch ein Handarbeitsgeschäft geführt. In einem Zimmer hatte sie eine Ausbildungsstätte zum Erlernen von Handarbeiten eingerichtet. Beides, der Laden und die Lehrstätte, waren gut frequentiert, und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war dies wohl das einzige und sehr angesehene Geschäft für Handarbeiten in ganz ŁÓDŹ. Besonders gefragt waren damals noch vorwiegend mit Hand angefertigte Stores, also leichte, halbtransparente Gardinen.

    Zur Gründung dieses Geschäftes hat mein Vater wohl 1.000 Goldrubel als Darlehen beigesteuert. Doch während des Ersten Weltkrieges verlor das russische Geld seinen Wert, und durch die kriegsbedingte schlechte Geschäftslage war Tante WANDA nicht in der Lage, das Darlehen zurückzuzahlen. Das hat dann zu der erwähnten Spannung geführt, in deren Folge wir Kinder ihr Haus einige Jahre lang nicht betreten durften. Vater hatte aber nichts dagegen, dass uns die Großmutter besuchte, doch darüber später.

    Es ist keine Frage, dass Großmutter SEIDEL in der Folgezeit ein Lebensmittelpunkt für alle Seidel-Kinder und Enkelkinder war. Dass sie an mir als dem halbverwaisten und mutterlosen Enkelkind besonders hing, ist verständlich und tat mir gut. Ähnliches gilt für Tante WANDA.

    Hier muss nun einiges über die Geschwister meiner Mutter angefügt werden. Denn sie alle, mit Ausnahme des Ältesten, haben in meinem Leben eine Rolle gespielt.

    Beginnen wir nochmals bei der jüngsten Schwester, Tante WANDA SEIDEL. Diese hat nach dem Ersten Weltkrieg einen Bruno Bösig geheiratet. Er hatte ein elegantes Auftreten; so veranlasste er auch einen Umzug des Geschäfts in die Karolastraße, er wollte alles viel größer aufziehen. Leider stellte sich heraus, dass bei ihm außer einem Drang zum Angeben nicht viel kaufmännisches Geschick vorhanden war. Hinzu kamen die Schwierigkeiten der Wirtschaftskrise der Zwanzigerjahre. Doch dies war wohl nicht der Grund dafür, dass sich Tante WANDA BÖSIG schließlich scheiden ließ; Grund war eher der Mangel an solider charakterlicher Grundlage für eine Ehe, der von seiner Seite eingebracht wurde.

    Tante WANDA hatte es nun sehr schwer, das Geschäft über Wasser zu halten. Die Großeltern SEIDEL hatten nach Au