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Elfenseele 2 - Zwischen den Nebeln

Elfenseele 2 - Zwischen den Nebeln

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Elfenseele 2 - Zwischen den Nebeln

Bewertungen:
4/5 (4 Bewertungen)
Länge:
539 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 1, 2016
ISBN:
9783732005796
Format:
Buch

Beschreibung

Endlich ist es Red gelungen, einen Weg ins Elfenreich zu finden. Sie will ihren Bruder James befreien, der als Baby von Feen entführt wurde. Auf ihrem Weg zum Königshof der Elfen begegnen ihr Gefahren, wie sie sie in ihren schlimmsten Albträumen nicht gesehen hat, doch sie findet auch Verbündete, wo sie sie am wenigsten vermutet.
Aber James' Freiheit hat ihren Preis: Red lässt sich auf einen Handel mit dem König der Elfen ein, der sie das Leben kosten könnte. Gemeinsam mit ihren Freunden Tanya und Fabian macht sie sich in der Menschenwelt auf eine gefährliche Suche. Sie ahnt nicht, dass der König ihr eine Falle gestellt hat, der sie nicht entrinnen kann.

Mit der Elfenseele-Trilogie nimmt Michelle Harrison Leserinnen ab 12 Jahren mit in das mysteriöse Reich der Elfen. Ein packendes Fantasy-Abenteuer, das sich alle Fans von Plötzlich Fee nicht entgehen lassen dürfen!

"Zwischen den Nebeln" ist der zweite Band der Elfenseele-Trilogie. Der Titel des ersten Bandes lautet "Hinter dem Augenblick".
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 1, 2016
ISBN:
9783732005796
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Elfenseele 2 - Zwischen den Nebeln - Michelle Harrison

Titelseite

Für Theresa und Janet

PROLOG

Kurz vor Mitternacht flohen zwei Mädchen durch den Henkerswald und suchten mit dem Mut der Verzweiflung zu entkommen. Mit jedem ihrer gehetzten Schritte durch die beklemmende Finsternis rückte die Geisterstunde näher und damit jener magische Augenblick, in dem sich Menschenwelt und Elfenreich vereinen.

Nur mühsam hielt sich das dunkelhaarige, kleinere der beiden Mädchen noch aufrecht. Sie war Opfer einer raffinierten Intrige und Täuschung geworden und so gut wie verloren. Gelang es ihr nicht, doch noch in allerletzter Sekunde, aus dem Wald herauszukommen, würde sie ins Elfenreich hinübergerissen werden, sobald die zwei Welten miteinander verschmolzen.

Das andere Mädchen war schlaksig und jungenhaft – sie jagte mit großen Sätzen voraus, ihre grünen Augen verschleuderten Blicke, die wie Blitze waren. Aber in keiner Richtung lichtete sich der Wald, nirgends gab es auch nur die kleinste Bresche im Unterholz. Brennender Schmerz pochte in ihren Händen, aus Schnitten in den Handflächen tropfte Blut. Sie hatte sich verletzt, vor wenigen Momenten erst – beim Zerschneiden der Spinnenfäden, mit denen ihre Schicksalsgefährtin gefesselt gewesen war.

Weiter und immer weiter stürmten sie, um Haaresbreite an Bäumen vorbei und über einen Waldboden, der ein schwammiges Nichts aus Laub und Wurzeln war. In der Luft über ihnen flatterten und sausten Elfen umher; sie lauerten dem Augenblick entgegen, in dem das Mädchen ihnen ganz und gar ausgeliefert sein würde. Gesichter regten sich in der knorrigen Rinde der Bäume, an denen sie sich vorbeidrückten. Mäuler taten sich auf und riefen nach ihnen. Die Zeit lief ab und der Waldrand war weit und breit nirgends in Sicht.

Längst atmeten beide Mädchen nur noch abgehackt, aber sie hatten keine Wahl, sie mussten in Bewegung bleiben. Dann kam der Moment doch, in dem das Unvermeidliche nicht mehr länger hinausgezögert werden konnte.

»Halt«, stöhnte das kleinere Mädchen und wurde langsamer.

»Wir dürfen nicht stehen bleiben«, zischte das andere Mädchen. »Beweg dich! Ich hab gesagt: Beweg dich!«

Ihre dunkelhaarige Gefährtin hatten die letzten Kräfte verlassen. Haltlos sackte sie zu Boden, die Augen geschlossen, die Hände fest auf die Ohren gepresst, als wolle sie Geräusche aussperren, die nur sie allein hören konnte.

»Steh auf!«, flehte das größere Mädchen eindringlich. »Tanya, du kannst jetzt nicht aufgeben – hoch mit dir!«

Aber Tanya war schon viel zu weit entfernt; sie wollte nur hier auf dem Waldboden liegen bleiben und sich ausruhen. Es war Mitternacht und der Austausch begann – unaufhaltsam. Keines der beiden Mädchen konnte etwas dagegen unternehmen. Efeuranken erwachten zum Leben, schlängelten und wanden sich um Tanya – jeden Moment konnte sie jetzt in die dunklen Schlupfwinkel des Elfenreichs davongerissen werden. Das andere Mädchen riss ihr Messer heraus, hieb auf die Ranken ein und fetzte sie beiseite. Aber immer noch mehr raschelten heran, es waren zu viele. Nur Sekundenbruchteile blieben noch, bis Tanya endgültig zur Gefangenen des Elfenreichs werden würde. Es sei denn …

Die Lösung war so offensichtlich, dass das größere Mädchen kaum fassen konnte, warum sie ihr erst jetzt in den Sinn kam. Zittrig kramte sie mit ihrer blutigen Hand die kleine silberne Schere aus ihrer Tasche. Längst schon kniete sie an Tanyas Seite; in fliegender Hast drückte sie die Daumenspitze des bewusstlosen Mädchens zusammen und stach zu. Ein dunkelroter Blutstropfen bildete sich. So fest wie möglich presste sie ihren eigenen blutnassen Daumen auf die Wunde, selbst dann noch, als Tanya unter dem scharfen Schmerz erschauderte und aufschreckte.

»Wie habe ich …«, ächzte sie benommen.

Das andere Mädchen unterbrach sie. »Nehmt mich«, wisperte sie und drückte ihre Hand noch energischer auf Tanyas Wunde. Ihrer beider Blut vermischte sich und damit war Tanyas Schicksal endgültig auch das ihre. »Nehmt mich an ihrer Stelle«, wiederholte sie. »Sie hat ein Leben, in das sie zurückkehren kann. Ich nicht … Nehmt mich an ihrer Stelle.«

Die Ranken und Äste und Zweige, die Tanya bereits umschlungen hatten, hielten kurz inne … dann zogen sie sich langsam zurück, gaben sie aus ihrer Umklammerung frei und krochen auf das andere Mädchen zu. Sie spürte die kühle Feuchtigkeit dunkler Blätter auf ihrer Haut. Zweige, die zu Klauen geworden waren, nahmen sie in ihren harten Griff. Sie unterdrückte den Impuls zu fliehen; völlig reglos verharrte sie und gestattete dem Wald, sie zu verschlingen. Die Schere entglitt ihrer Hand und wurde vom Laub verschluckt. Ein Summen füllte ihre Ohren, ein tiefes Bienenschwarmsummen, das sich allmählich veränderte und zu Stimmengetuschel wurde.

Sie spürte, wie die Ranken, die sie gepackt hielten, ruckweise an ihr zerrten; wie sie hierhin und dorthin gerissen wurde, gerade so, wie eine Katze mit einer Spinne spielte. Die Stimmen wurden deutlicher; neugierige Bemerkungen von Elfen, die den Neuankömmling in ihrer Welt erwarteten. Dann zog sich das Blättergestrüpp so hastig zurück, wie es herangekrochen war, und das Mädchen blieb zusammengekauert auf dem Boden liegen, inmitten einer schemenhaften Menge elfischer Gaffer. Glitzernde Augen starrten auf sie herab; einige blickten nur neugierig, andere wachsamer. Auch Gesichter konnte sie nach und nach erkennen: junge und alte, schöne und abscheuliche. Ein paar Atemzüge lang beobachtete das Mädchen die Wesen, wie sie sie beobachteten – dann handelte sie. Ein wenig taumelnd, aber mit einem wilden Schrei kam sie auf die Füße und rannte auch schon. Der Schrei wirkte Wunder – mehr als die Hälfte der Elfen stob auseinander und huschte zurück in ihre Verstecke, und so entstanden gleich mehrere Breschen in der Masse, die sie gerade noch so undurchdringlich umgeben hatte. Das Mädchen entschied sich für die nächstgelegene und jagte darauf zu.

Ihre Lunge brannte noch immer, sie hatte sich noch nicht erholt von ihrer wilden Flucht mit Tanya. Aber jetzt war Tanya nicht mehr bei ihr; sie war in Sicherheit, auf der anderen Seite, in der Menschenwelt. Das Mädchen hörte ein Huschen und Schwirren hinter sich, Flügel peitschten die Luft. Äste krochen auf sie zu und versuchten, sie zu Fall zu bringen. Mit großen Sätzen wich sie ihnen aus, aber jeder neue Sprung fiel ihr schwerer als der vorhergehende. Eine bleierne Müdigkeit breitete sich in ihr aus.

Dann entdeckte sie die Höhle in dem gewaltigen alten Baum, einen schattigen Abgrund, gerade groß genug, um sie aufzunehmen. Im Näherkommen sah sie grüne Beeren zwischen den üppig wuchernden Blättern und erkannte sie. Nein, in diesem Baum hausten bestimmt keine Elfen! Sie schleuderte ihren Rucksack in die Aushöhlung, kletterte hinterher und zerrte Äste voller Beeren vor die Höhle, um sie zu tarnen. Jeder Muskel ihres Körpers versteifte sich, als das Hasten und Huschen ihr Versteck passierte – und sich entfernte. Alles wurde still. Sie hatte es geschafft. Sie war entkommen.

Erschöpft sank das Mädchen in einen tiefen Schlaf. Als die Sonne Stunden später aufging, erwachte sie nicht. Auch als es wieder Nacht wurde, blieb sie reglos liegen. Ringsumher wuchs und gedieh der Wald und wiegte den altehrwürdigen Baum mit seiner Höhle in blättrigen Armen.

Und das Mädchen in der Höhle schlief und schlief.

1

S

eit ihr kleiner Bruder von Elfen geraubt worden war, hatte Rowan Fox – oder Red, wie sie sich jetzt nannte – an nichts anderes mehr gedacht als daran, wie sie ihn wieder zurückbekommen konnte. Wie ein verzehrendes Feuer loderte das in ihr. Es wurde ihr einziger Lebensinhalt. Weniger als zwei Monate nach dem Tod ihrer Eltern vor achtzehn Monaten war er verschwunden. Red hatte die erstbeste Gelegenheit genutzt und war weggelaufen, um nach ihm zu suchen. In den folgenden Monaten schlug sie sich mehr oder weniger ehrlich durchs Leben und ließ niemals auch nur den geringsten Zweifel daran zu, dass sie ihn finden würde. Jetzt war ihre Entschlossenheit belohnt worden. Sie hatte alle Schwierigkeiten gemeistert und einen Weg gefunden. Den Weg.

Sie war ins Elfenreich gelangt. Endlich.

Der Morgen dämmerte, als sie aus einem Schlaf erwachte, der wie ein schwarzes Nichts gewesen war. Zusammengerollt lag sie im ausgehöhlten Stamm eines uralten Baumes. Fröstelnd streckte sie eine steife, kalte Hand aus und drückte ein Gewirr aus Zweigen und Dornen beiseite, das sie vor dem Wald verbarg. Helligkeit sickerte durch das Unterholz und warf Lichtsprenkel auf ihre Haut. Sie sah die Narben.

Eine dunkle Masse überkrustete ihre Handflächen. Getrocknetes Blut. Dünne Schnittwunden und Kratzer verästelten sich in ihrer Haut. Es waren zu viele, als dass sie alle hätte zählen können, aber unter dem Blut waren sämtliche Verletzungen zu silbrigen Narben verheilt. Ihr Verstand raste, wie im Zeitraffer erinnerte sie sich; sah, wie sie Tanyas magische Fesseln zerschnitt und wegriss und sich dabei die Hände zerfetzte.

Ihr leerer Magen knurrte. Als Zugabe schmerzte auch noch ihre volle Blase.

Red schnitt eine Grimasse, zog sich aus der Höhlung und wankte steifbeinig von dem Baum weg. In ihren Füßen kribbelte es, weil sie zu lange zusammengekauert gelegen hatte. Aufmerksam blickte sie sich um. Sie konnte es nicht mehr länger aushalten; sie ließ die Hose herunter und ging in die Hocke.

Eine unnatürliche Stille herrschte im Wald. Sobald Red fertig war, richtete sie sich auf und holte ihre Habseligkeiten aus der Höhlung. Sie nahm das Messer aus ihrem Rucksack, das sie immer bei sich trug, und steckte es in die Scheide an ihrem Gürtel. Dann trat sie ein paar Schritte zurück und blickte an dem Baum empor. Es war eine alte und robuste Eiche, aber dank der Vögel – oder was auch immer darin lebte – hatten sich im höchsten Wipfel die Samenkörner einer anderen Pflanze in ihrer Rinde festgesetzt und überwucherten sie nun von oben bis unten. Eine Gischt aus roten Beeren wogte vor Reds Augen. Eine Eberesche. Vogelbeeren. Sie wusste, dass Eberesche auf Englisch »Rowan« hieß. Ihr Namensvetter; obwohl sie schon seit Langem nicht mehr mit ihrem richtigen Namen angesprochen worden war. Das war in einem anderen Leben gewesen. Aber seinetwegen hatte sie sich auf ihrer Flucht gerade für diesen Baum entschieden. In den alten Märchen und Sagen hieß es, dass Vogelbeeren Schutz davor boten, verzaubert zu werden; Schutz boten vor der bösartigen Magie von Hexen … und Feen und Elfen.

Plötzlich jedoch beschlich sie eisiges Unbehagen. Die Beeren waren hart und grün gewesen, als sie kurz nach Mitternacht in ihr Versteck gekrochen war. Jetzt sahen sie rot und weich aus – sie waren über Nacht gereift. Das und die vernarbten Wunden an ihren Händen beunruhigten sie zutiefst. Es sah ganz danach aus, als sei Zeit vergangen, viel Zeit.

Angestrengt versuchte sie sich daran zu erinnern, was sie über Ebereschen wusste. Rot wurden die Beeren normalerweise erst im Herbst. Aber als sie sich kurz nach Mitternacht in der Höhle verkrochen hatte, war es Juli gewesen, Hochsommer. Etwas stimmte nicht. Sie hatte schon davon gehört, dass im Elfenreich die Uhren anders tickten, aber wenn ihre Vermutung stimmte, dann bedeutete das nichts anderes, als dass inzwischen mehr als zwei Monate vergangen waren.

Red schaute sich erneut im Wald um. Nichts regte sich. Trotzdem wusste sie, dass diese scheinbar so friedliche Abgeschiedenheit ein Trugbild war. Sie war nicht allein. Über kurz oder lang würde sich seine wahre Natur offenbaren; ein Gesicht in einer Baumrinde vielleicht. Gut möglich auch, dass sie plötzlich eine spukhafte Melodie hörte, die sie in ihren Bann schlug und zu tanzen zwang. Sie hatte schon jede Menge gehört von den Gefahren des Elfenreichs.

Jetzt war sie hier und musste auf alles gefasst sein.

Noch eine letzte Sache blieb zu erledigen, bevor sie aufbrach. Sie nutzte die knorrige Eichenrinde wie eine Trittleiter, stemmte sich hoch und streckte sich lang, bis sie einen der Ebereschenäste zu fassen bekam. Er war ein wenig dünner als ihr Handgelenk und ließ sich leicht abbrechen. Sie ruckte ihn frei und warf ihn zu Boden.

Der Ast aus Ebereschenholz war knapp dreißig Zentimeter kürzer, als sie groß war. Sie legte ihn sich in die linke Armbeuge, zog ihr Messer aus der Gürtelscheide und hackte die dünneren Seitentriebe ab, bis sie einen ordentlichen Stab in den Händen hielt. Jetzt, mit diesem zusätzlichen Schutz, war sie bereit.

Sie ging und sah nicht mehr zurück. Im Wald war es still und kühl, dicht über dem Waldboden umwirbelte sie der Dunst des frühen Morgens wie eine Geistererscheinung. Tau tröpfelte von irgendwo hoch droben. Red schnupperte; ihre Kleider rochen nach den feuchten Blättern, auf denen sie in ihrer Höhle geschlafen hatte. Danach und nach Schweiß und Blut. Sie roch fürchterlich und sie wusste es.

Erbarmungslos gegen sich selbst ging sie weiter und folgte der Sonne, die über den Bäumen höher stieg. Die Luft erwärmte sich ein wenig, ein herbstlich kühler Hauch jedoch war allgegenwärtig. Red blieb in Bewegung, den Stock sorgfältig ausbalanciert in der Rechten. Keine Bewegung im Unterholz entging ihren Augen, kein Geräusch ihren Ohren. Aber noch immer deutete nichts darauf hin, dass sie verfolgt wurde. Dann erwachte der Wald und über ihr raschelten die Blätter auf einen Schlag unter unzähligen Bewegungen. Ein paarmal sah sie hoch und erhaschte einen Blick auf große Feen- und Elfenaugen, die auf sie herabspähten. Manche verschwanden, sobald sich ihre Blicke begegneten. Andere, weniger vorsichtige, neugierigere Elfen wagten sich weiter aus ihren Verstecken hervor, um sie genauer zu betrachten, ihre Schwingen und Körperzeichnungen verschmolzen mit dem neuen kraftvollen Gold, Rubinrot und Braun der Baumkronen.

Mit einem Mal hörte sie das herrliche Geräusch fließenden Wassers. Da wurde ihr ganz leicht ums Herz. Zielstrebig hielt sie darauf zu, bis sie auf ein schmales Rinnsal stieß, das den Wald durchschnitt.

Es plätscherte fröhlich dahin, ab und zu schaukelten Blätter an ihr vorbei. Dankbar ging Red am Ufer in die Hocke und legte ihren Stock sorgfältig so vor sich ab, dass er in Reichweite war, falls sie ihn brauchte. Sie zerrte sich den Rucksack vom Rücken, zog den Reißverschluss eines der Fächer auf und nahm ihre Wasserflasche heraus. Sie schüttelte sie. Beinahe leer. Mehr als ein Schluck Flüssigkeit konnte nicht mehr darin sein. Sie schraubte den Verschluss ab und leerte das abgestandene Wasser ins Gras neben sich, dann nahm sie die Flasche und tauchte sie ins Wasser. Eiskalt und herrlich erfrischend gluckerte es über ihre Hand.

Sobald die Flasche gefüllt war, trank sie ein paar große Schlucke, bevor sie sie wieder in ihrem Rucksack verstaute. Danach wandte sie sich erneut dem Wasser zu, wusch sich behutsam das Blut von den Händen und sah ihm hinterher, wie es in dunkelroten Strudeln verschwand. Sie schöpfte sich ein paar Hände voll Wasser in Gesicht und Nacken. Erfrischt wippte sie auf die Fersen und beobachtete ihr Spiegelbild in dem Bächlein. Es wogte und schwankte mit der Bewegung des Wassers, aber im nächsten Moment fuhr sie auch schon wieder aus ihrer Versonnenheit auf. Ihre Haare waren gewachsen. Red beugte sich vor, hob eine Hand und berührte die kurz geschnittenen, wie von Mäusen angenagten Strähnen. Sie selbst hatte sie gefärbt und abgeschnitten, erst vor wenigen Tagen, damit man sie für einen Jungen hielt. Trotzdem waren sie eindeutig nachgewachsen. Am Haaransatz schimmerte auf einem Zentimeter Länge bereits wieder ihre natürliche rotbraune Haarfarbe.

Und im Wasser zitterte neben ihrem Spiegelbild plötzlich eine zweite Gestalt. Blitzschnell wie eine Katze packte Red den Ebereschenstock und fuhr herum. Nur Zentimeter entfernt stand jemand. Durch die überstürzte Drehbewegung rutschte Red ab und verlor das Gleichgewicht. Rücklings stürzte sie in den Bach und ließ ihren hölzernen Stab los. In den Bäumen über ihr stob ein Vogelschwarm auf, Feen und Elfen huschten davon, ein lautes, warnendes Kreischen erfüllte die Luft.

Als Red prustend wieder aus dem kalten Wasser auftauchte, sah sie den Ebereschenstab davontreiben. Er war längst außer Reichweite.

Eine schwielige Hand streckte sich ihr entgegen, eine dunkle Stimme sagte etwas.

»Komm, Kind …«

Das Gesicht der Frau, der diese Stimme gehörte, lag zum großen Teil im Kapuzenschatten ihres grünen Umhangs verborgen. Zu sehen waren nur lange angegraute Haare, die sich in einer wuchernden Masse bis über die Schultern ergossen. Gegenstände waren in die Strähnen eingeknotet, Lumpenfetzen und kleine Pergamentröllchen. Von dem Gesicht selbst konnte Red nur wenig erkennen. Eine gekrümmte Nase – schmaler Nasenrücken, breite Spitze – war am auffälligsten. Die Nasenlöcher waren groß und rosa gerändert. Ihre Lippen waren sichelschmal und seltsam blutleer und farblos wie ihre ganze Haut, aber wenn sie sprach, leuchtete die Mundhöhle ungewöhnlich intensiv rot. An den Mundwinkeln klebte getrockneter Speichelschorf. Es war unmöglich zu sagen, ob sie Elfe war oder Mensch.

»Komm«, sagte sie erneut, unter Schwierigkeiten, als fühle sich das Wort fremd an in ihrem Mund. Jäh krümmte sie sich vornüber und stieß ein schreckliches, abgehacktes Husten aus.

Red blieb, wo sie war. Keinen Millimeter weit rührte sie sich. Das plötzliche Auftauchen der Frau steckte ihr noch gehörig in den Knochen, ihr Herz hämmerte wie verrückt. Wie hatte sie sich nur so geräuschlos anschleichen können? Wasser perlte in kleinen Rinnsalen über Reds Gesicht, und ihre Hand umschloss den Griff ihres Messers, bereit, es zu ziehen. Sie ließ die Frau nicht aus den Augen, sah, wie sie den Kopf zur Seite neigte, und wusste, dass der Alten ihre Bewegung nicht entgangen war; aber noch steckte das Messer in der Scheide an Reds Gürtel. Red spannte die Muskeln ein wenig mehr an und tat, als sei sie drauf und dran, es herauszureißen. Obwohl sie noch immer nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob ihr von der Frau nun Gefahr drohte oder nicht, spürte sie tief in sich ein gewaltiges Unbehagen. Sie wollte, dass die Frau verschwand, und wenn das nur dadurch zu erreichen war, dass sie ihr Angst einjagte, dann würde sie ihr eben Angst einjagen.

Die Frau wich zurück, so lautlos, wie sie gekommen war. Schon hatte sie die ersten Bäume erreicht. Red verharrte immer noch reglos und starrte ihr hinterher, bis sie außer Sicht war. Sie hatte sich auf eine merkwürdige Art und Weise bewegt; aber was genau so merkwürdig gewesen war, das konnte sie unmöglich sagen. Red bekam Gänsehaut auf den Armen und fröstelte. Ihr war kalt und Hunger hatte sie auch. Sie musste etwas Essbares finden, und das bald.

Sie nahm ihren Rucksack an sich und vergewisserte sich gewohnheitsmäßig mit einer raschen, tastenden Handbewegung, dass ihr Messer da war. Das vertraute Gefühl des kalten Griffs erleichterte sie. Sie warf sich den Rucksack über die Schulter und brach auf. Sie ging zügig und war entschlossen, eine möglichst hohe Marschgeschwindigkeit durchzuhalten, damit ihr wieder warm wurde und die Kleider trockneten. Momentan klebten sie ihr nass am Körper und aus ihren Haaren tropfte es ihr eisig in den Nacken. Sie schauderte und schritt schneller aus – und verwünschte die Tatsache, dass sie sich nicht umziehen konnte. Die Kleider, die sie am Körper trug, waren alles, was sie besaß.

Sie war noch nicht weit gekommen, als sie einen weiteren Elf sah. In der Reglosigkeit des Waldes bemerkte sie die verstohlene Bewegung in den Ästen hoch droben sofort. Ein grauhäutiges Geschöpf von der Größe eines Kleinkindes kauerte in dem Baum über ihr. Es war vierschrötig und massig. Beim Anblick der ledrigen Haut musste sie an Elefantenhaut denken. Links und rechts des birnenförmigen Schädels waren große Fledermausohren lauernd auf sie gerichtet. Das Wesen sah aus wie ein zum Leben erweckter steinerner Wasserspeier. Red hielt kurz inne, bevor sie weiterging. Keine Sekunde ließ sie ihn aus den Augen. Die Kreatur erwiderte ihren Blick mit unnachgiebigem bernsteingelben Starren und kauerte sich ein wenig tiefer auf den Ast. Schartige Klauen hielten ihn umklammert. Mit seinem Auftauchen war alles andere Rascheln und Wispern verstummt. Entweder waren die Elfen in diesem Teil des Waldes sehr schweigsam oder es lebten hier nicht allzu viele.

Noch vorsichtiger als bisher ging sie weiter, ohne langsamer zu werden – die Kreatur im Geäst über sich. Ein umgestürzter Baum lag quer über dem Pfad vor ihr, der dicke Stamm reichte ihr bis zum Knie. Davor wucherten fleischiges Farndickicht und dornige Ranken. Sie musste gut aufpassen, wohin sie trat. Für einen winzigen Moment musste sie ihren Blick von dem Wasserspeierwesen über sich losreißen, weil sie sich ganz darauf konzentrieren musste, über diesen Baumstamm zu steigen. Da passierte alles gleichzeitig. Ein ganz und gar unerwartetes Geräusch wurde über ihr laut; das Klirren und Rasseln von Metall auf Metall. Und der Boden auf der anderen Seite des umgestürzten Baumes gab unter ihrem rechten Fuß nach.

Mit einem Ruck kippte sie vornüber; das linke Bein hinter sich ausgestreckt, den linken Fuß in der Rinde des Baumstamms verhakt, schlug sie wild um sich. Ihr eigenes Gewicht riss sie weiter. Ihr Bein schrammte über die Borke. Sie hörte den Stoff reißen und spürte, wie die Haut ihres Schienbeins zerfetzt wurde. Sie brach durch dünne Äste und Laub und wirbelte kopfüber in Dunkelheit hinab. Der Waldboden verschluckte sie, und das Letzte, was sie noch bewusst wahrnahm, war ein schrilles, gackerndes Gelächter, dann wurde alles schwarz.

2

Achtzehn Monate zuvor …

Die ersten Regentropfen fielen kurz nach dem ersten Donnerschlag. Sie zerplatzten auf der Windschutzscheibe zu winzigen unordentlichen Spritzern und wurden von den Wischblättern mit einem hässlichen Scharren beiseitegefegt. Außerhalb des Wagens war der Januarnachmittag nur noch ein grau-braun-schwarzes Wogen und ergab sich dem Unwetter, das jetzt mit voller Wucht hereinbrach.

Das alles passte perfekt zu der Stimmung im Innern des Wagens. Rowan saß hinten, mit gesenktem Kopf, die langen kastanienfarbenen Haare fielen ihr bis über die Schultern. Durch die Fransen ihres Ponys konnte sie das Gesicht ihres Vaters im Innenspiegel sehen. Obwohl er den Blick auf die Straße gerichtet hielt, wusste sie, dass er in Gedanken woanders war. Sie kannte ihn, sie wusste genau, was seine zusammengekniffenen dunklen Brauen zu bedeuten hatten. Er war wütend. Wütend auf sie. Bisher hatte auf der ganzen Fahrt Stille geherrscht, doch Rowan wusste, dass sie nicht andauern würde. Sie musste nicht lange warten.

»Du hast Hausarrest.« Die Stimme ihres Vaters war beherrscht, trotzdem schwang ein scharfer Unterton darin. Er gab sich Mühe, seine Verärgerung im Zaum zu halten.

Sie nickte kaum merklich. So etwas Ähnliches hatte sie schon erwartet.

»Einen Monat lang«, fügte er hinzu.

Jetzt ruckte Rowans Kopf hoch. »Einen ganzen Monat? Aber … der Schulausflug nächste Woche … Ich habe das ganze Campingzeug doch schon!«

»Das geht alles zurück«, sagte ihre Mutter auf dem Beifahrersitz. »Wir haben die Quittungen noch. Du fährst nicht mit.«

»Aber das ist nicht fair! Es ist doch alles geplant – ihr müsst mich mitfahren lassen!«

»Hier ist nur eines nicht fair, Fräulein, und das ist dein Benehmen«, donnerte ihr Vater. »Wir sind heute deinetwegen fast gestorben vor Angst.«

Rowan strich sich die Haare zurück. »Mir ging’s bestens«, murmelte sie, starrte auf den Hinterkopf ihres Vaters und widerstand dem Zwang, die kahle Stelle anzugaffen, die sich in seinem früher einmal dichten dunklen Haarschopf ausbreitete.

»Bestens? Bestens?«, stieß ihre Mutter heraus. »Alles Mögliche hätte dir passieren können! So etwas kannst du einfach nicht machen – die Schule schwänzen und nach London fahren! Einfach so, aus einer Laune heraus! Was hast du dir nur dabei gedacht?«

»Es war nicht nur eine Laune«, sagte Rowan ganz ruhig. Ich hab’s geplant, dachte sie. Dabei schaute sie hinab auf die kleine Tüte, die sie fest umklammert hielt. Auf der Vorderseite waren die Worte The National Gallery aufgedruckt. Gedankenverloren wechselte sie die Tüte in die andere Hand.

»Du bist zwölf Jahre alt, Rowan«, fuhr ihr Vater fort. »Du hältst dich vielleicht für sehr erwachsen, aber du bist einfach noch nicht alt genug, um allein nach London auszureißen –«

»Mutterseelenallein in der U-Bahn!«, unterbrach ihre Mutter. »Mir wird ganz schlecht, wenn ich nur daran denke!« Sie griff sich an die Schläfe und massierte sie. Wie gut Rowan diese Geste kannte!

»Ich habe doch gesagt, es tut mir leid«, murmelte Rowan. Sie bemerkte, dass ihr Vater sie im Rückspiegel ansah, für einen winzigen Moment nur, dann starrte er wieder auf die Straße.

»›Es tut mir leid‹ – das sind nur Worte. So etwas zu sagen und es auch zu meinen, dazwischen liegt ein himmelweiter Unterschied.«

»Ich mein’s ja ernst.«

Ganz unerwartet drehte sich ihre Mutter um und schaute sie eindringlich an.

»Es tut dir nicht leid, dass du es getan hast. Es tut dir nur leid, dass wir dich dabei erwischt haben.«

Rowan erwiderte nichts darauf. Zum Teil hatte sie ja recht.

»Schon wieder eine Verwarnung!«, flüsterte ihre Mutter. »Drei Schulen in zwei Jahren. Und jetzt hast du auch an dieser hier schon die letzte Verwarnung –«

Ihre Stimme wurde kratzig und brach ab.

Rowan ließ den Kopf wieder hängen. Sie wusste genau, was nun kam.

»Mit deinen Verrücktheiten muss Schluss sein, Rowan«, sagte ihr Vater. »Ich meine es ernst. Ich will nichts mehr davon hören, dass du Dinge siehst, die andere nicht sehen, diese Kreaturen … diese … diese Elfen.« Das letzte Wort spie er hastig heraus, als könne er es nicht einmal ertragen, es im Mund zu spüren. »Oder ganz egal, wie du sie heute wieder nennst. Es reicht. Vielleicht hatten wir zu viel Geduld mit dir. Aber jetzt ist Schluss mit diesen Geschichten und Spinnereien. Ein für alle Mal Schluss.«

»Für dich vielleicht«, wisperte Rowan. Den Blick gesenkt, griff sie langsam in die Papiertüte und zog mehrere Postkarten heraus. Sie hatte sie in der Gallery gekauft. Sie schaute sich die erste an; das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens, das, sein Kinn in die Hände gestützt, gelassen in die Kamera blickte. Im Vordergrund tanzten mehrere winzige Gestalten. Dieses Bild war Teil einer berühmten Serie von fünf Aufnahmen, die im frühen 20. Jahrhundert gemacht worden waren. Auf der Rückseite der Postkarte stand klein gedruckt der Titel: Die Cottingley-Feen. Völlig versunken betrachtete sie der Reihe nach auch die anderen Fotos. Ein in Beigetönen gehaltenes Wasserfarbengemälde von geflügelten Geschöpfen, die über den Londoner Kensington Gardens schwebten; eine Frau mit einer Maske aus grünen Blättern. Jedes Einzelne war wunderschön und faszinierend. Und auf der Rückseite einer jeden Karte, unterhalb des jeweiligen Titels, stand der Name der Ausstellung gedruckt: Feen und Elfen in der bildenden Kunst und der Fotografie.

Behutsam schob sie die Postkarten in die Tüte zurück. Das Papier knitterte und raschelte trotzdem unter ihren Fingern. Auf dem Beifahrersitz bewegte sich der blonde Haarschopf ihrer Mutter; sie hatte das Geräusch gehört und fuhr herum.

»Was hast du da?«

»Nichts«, sagte Rowan abwehrend und versuchte noch, die Tüte in ihrem Rucksack verschwinden zu lassen – aber es war zu spät.

»Hergeben! Sofort!«

Widerstrebend drückte Rowan die Tüte ihrer Mutter in die Hand. Sie hörte, wie die Postkarten erneut herausglitten; einen Sekundenbruchteil lang schien der Motor lauter zu wummern, sonst blieb alles still. Sie waren nach wie vor auf der dicht befahrenen M25 unterwegs. Genau in diesem Moment vernahm Rowan den winzigen Seufzer, und zum ersten Mal seit sie an diesem Mittag in den Wagen gestiegen war, warf sie ihrem Bruder einen Seitenblick zu. Er war noch ein Baby und schlief selig in seinem Kindersitz. Den Daumen hatte er energisch in seinen Mund gestopft, eine klebrige Speichelspur zog sich zu seinem Handgelenk hinab. Er hatte die wunderschönen Haare ihrer Mutter geerbt; goldblonde Ringellöckchen und dichte Wimpern. Dazu die großen blauen Augen. Rowan wurde sich kaum bewusst, dass sie sich durch die eigene widerspenstige rote Haarmähne strich und sie einmal mehr verfluchte. Selbst in ihrem Aussehen war sie anders als die anderen. Sie gehörte einfach nicht dazu.

Kartoniertes Papier zerfetzte. Schlagartig hatte die Wirklichkeit sie wieder.

»Was machst du da?«, rief sie und beugte sich mit einem ungestümen Ruck vor.

Ihre Mutter hatte die Postkarten entzweigerissen und machte Anstalten, sie ein weiteres Mal durchzureißen.

»Nicht!«, schrie Rowan.

»Still!«, zischte ihr Vater. »Du weckst James auf!«

Aber Rowan hatte nur Augen für die Hände ihrer Mutter und wie sie die Fotos verdrehten und sich anspannten, und plötzlich war es ihr völlig egal, ob sie ihren Bruder aufweckte. Sie war so wütend.

»Aufhören!«, schrie sie. »Hör auf damit!«

James wachte mit einem protestierenden Schluchzer auf und weinte los; sein Brüllen übertönte ihre Stimme noch. Chaos brach los im Innern des Wagens. Rowan und ihre Eltern schrien durcheinander. Das Baby kreischte. Rowan ruckte gegen den Sicherheitsgurt, beugte sich zwischen Fahrer- und Beifahrersitz so weit nach vorn wie nur möglich und griff nach den Händen ihrer Mutter. Ihre Mutter herrschte sie an, sie solle sich zurücksetzen. Draußen peitschte der Regen gegen die Windschutzscheibe, wild sausten die Wischblätter hin und her und schafften es doch nicht, für klare Sicht zu sorgen. Ganz plötzlich begriff Rowan die Hoffnungslosigkeit der Situation und gab auf und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. Tränen verschleierten ihre Sicht. Sie blinzelte sie weg. Neben ihr brüllte James weiter und sie streichelte ihm sanft über die Wange. Dort, wo er das teefleckbraune, wie ein Fisch geformte Muttermal hatte.

Als ihre Tränen versiegten, bemerkte sie das Huschen. Vor sich, unten im Fußraum. Sie sah genauer hin und da tat sich eine kleine Öffnung in ihrem Rucksack auf; gleich darauf erschienen zuerst zwei winzige, blasse Pfötchen in dem Spalt und dann ein Kopf, wie von einer Art Nagetier. Das Geschöpf bedachte sie mit einem missbilligenden Blick, krabbelte vollends aus dem Rucksack und sauste an ihrem Bein empor. Und biss sie. Zweimal. Rowan zuckte zusammen. Dem kleinen Gesellen gefiel es überhaupt nicht, dass sie die Feen- und Elfen-Postkarten hatte, das wusste sie. Andererseits war er nicht halb so verärgert, wie ihre Eltern gewesen wären, wenn sie gewusst hätten, dass sie nur einen Teil der Karten bezahlt hatte. Sie war nicht mutig genug gewesen, das Begleitbuch zur Ausstellung zu stehlen, aber die Postkarten waren klein und eine leichte Beute. Genau genommen war das Ganze ein Klacks gewesen – bis auf den Teil, bei dem sie erwischt worden war.

Rowan war aufgestanden, hatte gefrühstückt, sich die Zähne geputzt, geduscht und ihre Schuluniform angezogen. Sie hatte ihr Pausenbrot von der Küchentheke genommen, James’ breiverschmiertes Gesicht belächelt und ihm einen Kuss auf den blonden Kopf gedrückt. Mit einem »Tschüs!« für ihre Mutter war sie aus dem Haus spaziert und die schmale Straße mit den einfachen, aber hübschen Häusern entlanggegangen.

Alles war wie immer, nur dass sie heute am Ende der Straße statt nach links Richtung Schule nach rechts Richtung Bahnhof abgebogen war. Bevor sie ihre Fahrkarte kaufte, hatte sie sich auf der Toilette umgezogen, die Schuluniform in ihren Rucksack gestopft und die Jeans und den Pullover herausgezerrt, die sie bereits gestern Abend beiseitegelegt hatte. Ein schneller Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sie ohne Schuluniform älter aussah als zwölf; vierzehn mindestens.

Kaum eine halbe Stunde brauchte sie bis zur Fenchurch Street, dann noch einmal zwanzig Minuten U-Bahn-Fahrt, und schon war sie im Herzen Londons. Die Fahrt in der U-Bahn allerdings war alles andere als ein Vergnügen. Es herrschte Berufsverkehr und sie war in dem mit Menschen vollgestopften Abteil so lange hin- und hergedrückt worden, bis sich ihre Nase hoffnungslos in der Achselhöhle eines wildfremden Mannes verkeilt hatte. Endlich am Ziel angekommen, hastete sie mit gesenktem Kopf durch die U-Bahn-Station und mied die Blicke aller ringsumher; die der Pendler und des U-Bahn-Personals genauso wie diejenigen der Bettler, die jedem, der an ihnen vorüberging, ihre Hände entgegenreckten.

Erst als Rowan an der frischen Luft war und über den Trafalgar Square schlenderte, begann sie sich besser zu fühlen. Sie wich Tauben aus, ging an den großen steinernen Löwen vorbei und stieg die Stufen zur National Gallery hoch. Drinnen herrschte geschäftiges Treiben, Besucherscharen stauten sich. Inmitten von Touristenhorden und Schulklassen auf Tagesausflügen war es lächerlich einfach, sich unauffällig durch die Kontrollen zu schmuggeln. Sie schnappte sich einen Ausstellungsführer und sonderte sich ab, ignorierte die berühmteren Attraktionen – die Botticellis und die Van Goghs – und ging stattdessen ihrer Wege in die weiter entfernten Räume, in diejenigen, in denen das zu finden war, was sie interessierte. Dort hielten sich weniger Besucher auf und es war stiller.

Wissensdurstig ließ Rowan ihre Blicke an den Wänden entlangschweifen und verschaffte sich einen ersten Eindruck davon, was sich ihr hier an Gemälden und Fotos anbot. Die Mehrzahl der Ausstellungsstücke beachtete sie nicht; besonders die zuckersüßen Kitschbilder voller wunderschöner Geschöpfe nicht, die sich in Blumenblüten kuschelten oder wie Hühner aufgereiht auf großen Fliegenpilzen hockten und gütig in die Welt blickten. Mit einem einzigen Blick tat sie sie als die märchenhaften Wunschdenkenbilder ab, die sie waren. Sie interessierten die anderen. Die düsteren Bilder von maskierten Wesen, die gut getarnt im Unterholz von Wäldern kaum zu erkennen waren; die Bilder von Menschen, die von einer magischen Melodie verhext willenlos tanzten; oder das eines Kindes, das von einer Hand geleitet auf einen Fluss zuging, während die andere Hand ein zweites Kind in das eisige Wasser drückte. Dies waren die Bilder, nach denen Rowan Ausschau hielt. Bilder, die die Wahrheit erzählten, gesehen von denjenigen, die so waren wie sie.

Jenen mit dem Zweiten Gesicht.

Sie riss sich von ihren Gedanken los und kehrte in die Gegenwart zurück. Im Wagen war es jetzt still, nur James wimmerte ab und zu noch leise. Aber sie wusste, was ihr blühte, sobald sie zu Hause ankamen und James außer Hörweite war. Sie steckte in großen Schwierigkeiten. Ihr einziger Trost war, dass sie ihren Plan letzten Endes immerhin durchgezogen hatte, ohne erwischt zu werden. Dieser Teil war erst später gekommen, unmittelbar nachdem sie das Kunstmuseum verlassen und wieder über den Platz spaziert war. Als sich die Hand wie eine Klammer über ihre linke Schulter gelegt und sie, nachdem sie mit einem Ruck herumgefahren war, in ein Gesicht gestarrt hatte, das sie hier ganz zuletzt zu sehen erwartet hätte. Das Gesicht ihres Vaters. Der Ausdruck von Erleichterung darauf war ziemlich schnell einem der Verärgerung gewichen. Er wedelte ihr mit einem Werbeblatt der National Gallery vor der Nase herum, in dem es eine Fülle von Einzelheiten zu der Ausstellung nachzulesen gab – und auf dem in Rowans Handschrift Zugverbindungen notiert waren. Bestürzt begriff sie, dass er es aus ihrem Papierkorb gefischt haben musste. Nach dem Anruf aus der Schule. Nachdem ihm mitgeteilt worden war, dass sie fehlte.

Sie konnte es trotzdem noch immer nicht glauben, dass er sie gefunden hatte.

Das Geschöpf, das nur sie sehen konnte, war zu James hinübergetrippelt, kuschelte sich jetzt in seinem Kindersitz an ihn und schnurrte leise vor sich hin. Wenn man ganz genau hinhörte, konnte man eine Art Schlaflied erkennen. Rowan fragte sich, ob James es hören konnte. Sehen konnte er das Wesen nicht, dessen war sie sich ganz sicher, aber immerhin schien er wieder einzuschlummern. Sie beobachtete das Geschöpf: Jetzt streckte es eine Pfote aus und strich ihrem kleinen Bruder behutsam ein paar goldblonde Haarsträhnen aus dem Gesicht. Seine Barthaare strichen dabei flüchtig über James’ Wange, und für einen Moment sah es so aus, als würde er, kaum merklich, im Schlaf lächeln. Und das war der Moment, in dem sich Rowans Leben für immer veränderte. Der Moment, in dem der Lastwagen die Mittelplanke durchbrach und mit ohrenbetäubendem Kreischen von Metall auf Metall in den Wagen ihrer Eltern krachte.

Rowan würde sich für immer und ewig an diese wenigen Sekunden erinnern, an jede noch so winzige grässliche Kleinigkeit. Das Zerbersten der Scheiben, die Sturzflut aus Glaskrümeln, eisigem Wind und Regen. Das Schrammen und Dröhnen, mit dem der Wagen sich unter dem malmenden Gewicht des Lastwagens verformte. James’ hilfloses Schreien, das mit dem ihren verschmolz, als der Wagen der Länge nach herumgewirbelt wurde wie ein Ahornsamen und irgendwann auf dem Dach zu liegen kam. Zerrissene Postkarten umflatterten ihren Kopf wie zerfetzte Elfenflügel.

Sie würde sich an ihren sehnlichsten Wunsch erinnern: dass ihrem kleinen Bruder bitte, bitte nichts passieren solle bei diesem schrecklichen Unglück … und daran, wie sich die hässliche, namenlose Elfenkreatur plötzlich riesengroß aufblähte und sich über James warf und ihn in einer pelzigen, schützenden Hülle umfing.

Sie würde sich an die aufblitzenden Lichter erinnern und daran, wie die eine Seite des Wagens weggeschnitten wurde; wie sie geschrien hatte, als man sie herauszog und ihren Arm brechen musste, um das tun zu können. Und nie, niemals in ihrem Leben würde Rowan das vergessen, was ihr in diesen Sekunden am meisten Angst machte – die Totenstille im zertrümmerten vorderen Teil des Wagens.

3

A

ls Red mühsam wieder zu sich kam, spürte sie sofort, dass sie Erdkrumen im Mund hatte. Sie spie angeekelt aus, dann presste sie sich die Hände gegen den schmerzenden Kopf. Schon jetzt konnte sie die Beule fühlen, die an ihrer Schläfe entstand. Dünne Lichtstrahlen von oben hellten die dämmrige Umgebung ein wenig auf. Sie schaute sich um; ihr Blick wurde hart.

Sie war in eine Art Loch gestürzt, so viel stand fest. Unter sich ertastete sie ein Durcheinander aus zerfetzten Zweigen, Ästen und Wurzeln; sie fühlten sich an wie zerstückelte Gliedmaßen. Ihr tat alles so weh, als hätte jemand auf sie eingetreten. Sie streckte die Hände aus, berührte ringsum nichts als Mauern aus purer Erde und schluckte trocken. Feuchte Erdklümpchen klebten an ihren Fingerspitzen. Sie spürte Wurzeln, die aus der Schachtwand herausragten, manche winzig, manche dick. Sie stützte sich ab und kam auf die Füße, bereit, sich ihrer wachsenden Angst zu stellen – der Angst davor, von einer der Henkerswaldkatakomben verschluckt worden zu sein, einer der sieben berüchtigten prähistorischen Bodenhöhlen in diesem Teil des Waldes. Ob diese Höllenlöcher mit ihren Tunnellabyrinthen wohl im Elfenreich genauso existierten wie in der Welt der Sterblichen? Sie grübelte darüber nach und vergaß das Ganze erst, als sie die Äste und Zweige sah, mit der die Lochöffnung nur knapp drei Meter über ihr locker abgedeckt worden war.

Tageslicht sickerte durch die Bresche, die sie bei ihrem Sturz gerissen hatte. Nein, das hier war keine Bodenhöhle, begriff sie. Dies hier war schlimmer. Mehr und mehr klärte sich ihr Verstand; sie konnte wieder logisch denken. Erneut strich sie mit den Händen über das Erdreich, und jetzt wusste sie, was ihr beim ersten Mal entgangen war: Diese Wände waren auf keinen Fall natürlichen Ursprungs. Abgesehen von dem Wurzelwerk waren sie zu glatt. Dieses Loch war aus einem ganz bestimmten Grund gegraben worden.

Dieses Loch war eine Fallgrube.

Ruhig ließ sie sich wieder nieder und ignorierte den Adrenalinstoß, der sie durchbrauste. Sie hatte schon schlimmere Situationen gemeistert und dabei gelernt, dass sie sich am allermeisten schadete, wenn sie jetzt in Panik geriet. Rasch überschlug sie die Abmessungen der Falle. Der Durchmesser des Schachts betrug etwa einen Meter fünfzig, seine Tiefe rund drei Meter. Mit ein bisschen praktischem Geschick und dem richtigen Werkzeug musste es ihr gelingen, hier herauszukommen. Sie zog ihr Messer und

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Rezensionen

Was die anderen über Elfenseele 2 - Zwischen den Nebeln denken

4.0
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Leser-Rezensionen

  • (3/5)
    Red's younger brother was kidnapped by fairies when he was a baby and she swore then to get him back. Now trapped in the fairy realm herself, if she is able to complete the quest given her, the heads of the royal court have agreed to not only find and bring back her brother, but also return them to their home. All that is needed is for Red to find the thirteen silver charms from Tanya's bracelet and present it to the court. Unfortunately, the thirteen charms in question are small and scattered across the real world.If the title rings any bells, it may well be due to the fact that you've heard of or read the first book [as I did, last summer], The 13 Treasures. Now, to be honest, one of the reasons I picked it up is the cover. Another is the dust flap. Also, and importantly, because it looked to be a good standalone novel. And it was.Usually, when I later discover that an excellent book [or movie] has an upcoming sequel, I get a touch depressed. Let's be honest-how many of the gratuitous sequels thrust upon the public are actually necessary? How many are the act of lame money grubbers? Then there are the people who create a book, realize they can make it into a series, end the series and then start thinking about revisiting the series. Marketing, marketing, marketing. Argh, argh, argh.Sorry. End rant.My point was actually that, upon learning that there was another installment after 13 Curses, I was not overwhelmed by disgust. I was so unexpectedly delighted by the surprise quality of the first one, that I eagerly purchased this one without the usual hemming and hawing. When I began to read it, however, I also began to wonder...This book starts out quite slowly. Red, who did not really interest me so much in the first book becomes our new lead character as she finally gets a proper shot at finding her brother. She is alone in the forest to start out and it is just plain dull--too slow for a start. As the action picks , so does the ease of engagement with the story. Because of this, a few chapters in, we're up to being almost as awesome as the first book. Almost.Altogether and on the whole, 13 Curses is an interesting read. There is action, adventure, mystery, plot, friendship, enmity, trials, tribulations, fairies, people..lots of fascinating things to keep you going. Also I suppose that I am a substantial fan of Harrison's writing.[Disclaimer: This is actually a terrible review because I waited far too long and worked at 3 in the morning, so my brain might be more than a bit punchy. I think I'll go to sleep now. Much love--Leslie.]
  • (4/5)
    an excellent read. i hope there'll be more books coming!
  • (4/5)
    Michelle Harrison knows a lot about fairy lore. She takes this knowledge and writes a story about an early teenage girl who has the second sight and her toddler brother. Rowan has always seen fairies. They are not beautiful and kind creatures but malicious and stink of earth other smells not so pleasant. She and her brother are suddenly orphaned and sent to a home for orphans. But fairies do lurk in this home and eventually a greedy fairy starts kidnapping babies and replacing them with "changelings." Although Rowan takes precautions, her brother is kidnapped.The next couple of weeks are covered in another book where Rowan changes her name to Red, dyes her hair brown, trades places in the fairy realm with Tanya, another human with the second sight and Red seeks refuge in a tree covered with rowanberries. She falls asleep for a couple of months and wakes up.The story has two fronts - Red in the Fairy Realm, looking for her brother and trying to reach the Court before Halloween, the day that the Seelie Court gives power to the Unseelie Court, and a village outside London where Tanya lives in a mansion with her grandmother and groundskeeper and his son. Eventually, the two stories collide and the resolution of the conflict will involve both worlds as Red, Tanya and Fabian hunt down the 13 charms.The best part was the actual hunting of the charms. Each charm has been cursed and the curses are quite creative. I enjoyed each character immensely. The reading level is easy enough for a latency child who is not easily intimidated by thick books.This book is a sequel as previously mentioned. I had absolutely no problem with understanding this book even though I didn't read the first book. It is a trilogy so another book will be published. This one was very well written, enjoyable and did not leave me hanging. There are some open questions to be addressed in the third book but this story, as a whole, was complete.
  • (5/5)
    The cover on this is similar to The 13 Treasures, although this one is blue, whereas The 13 Treasures copy I had was red.Yeyyy! I thoroughly enjoyed the first in the series, The 13 Treasures, last year. I'm always apprehensive when it comes to reading series books, as in an ideal world every book would be just as good as the first, which is not always the case. The 13 Curses continued the series on the same high level with superb storytelling from Michelle Harrison, and was again another can't-put-it-down read.In this, we hear Red's story, as her past unravels as she continues to search for her brother, who was taken whilst they were in a care home after their parents died. Red's story is fantastic. Not only does it show you another side to her, the book also expands and adds more history to Elveden Manor. I love the idea that The 13 Curses brings, you hardly notice that most of the action doesn't happen until the middle or after, and by then I was totally absorbed in the plot.I enjoyed the way that Red, Fabian and Tanya worked together in this. Most of the faye characters bring added goodies to the plot and history. The plot entwines and intermingles so effortlessly, it was a pleasure to read. New characters are brought in, with Nell, the new housekeeper, being one of them.I managed to keep awake just long enough to read this in one day. The 13 Curses could be read as a standalone book, I don't know why anyone would want to miss The 13 Treasures though! This book is so detailed, even the leading letter in almost every chapter has an illustration with it, which is very cute.All in all, I can't wait for the next in the series, The 13 Secrets, which comes out in February in the UK. This is the first time I've read another book from the same author since beginning my book blog, and I'm glad I did :)