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Fährdienst: Prosa 1983-1995. Werkausgabe Band 3

Fährdienst: Prosa 1983-1995. Werkausgabe Band 3

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Fährdienst: Prosa 1983-1995. Werkausgabe Band 3

Länge:
313 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 3, 2016
ISBN:
9783709937211
Format:
Buch

Beschreibung

Klaus Merz gehört seit vielen Jahren zu den außerordentlichen Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Für seine Lyrik und Prosawerke wie z.B. Jakob schläft wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Der dritte Band der Werkausgabe von Klaus Merz, der seine Prosa aus den Jahren von 1983 bis 1995 versammelt, zeigt den Erzähler Merz als Meister der Balance: Seine Figuren halten sich in einem labilen Gleichgewicht zwischen Verheerungen und Momenten des Glücks. Kern des Bandes bilden jene viel gerühmten Erzählungen, die 1988 unter dem Titel Tremolo, Trümmer erschienen sind. Erstmals in Buchform erscheint Die Schonung. Eine Moritat in sieben Gängen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 3, 2016
ISBN:
9783709937211
Format:
Buch

Über den Autor


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Fährdienst - Klaus Merz

Literaturnachweis

Bootsvermietung

Prosa (1985)

Bootsvermietung

Hinausfahren, sagte die Frau am Steg, könnt ihr in meinen Booten. Die Stunde zum Preis einer Stunde. Aber wie eng ihr die Maschen der Netze knüpft, darüber will ich nicht wachen.

Ein großer Erzähler

Kurz nach dem Krieg küsste mein Onkel der berühmten Negersängerin dreimal die Hand; wer seiner Beschreibung des Galaabends zugunsten der Kriegswaisen teilhaftig werden konnte, vergaß dieses Paris seiner Lebtag nie mehr.

Später kehrte er mit dem Schweißtuch Louis Armstrongs aus derselben Metropole zurück. Pomadisiert und blaurasiert immer, mit seinen in Gold gefassten Zähnen.

Er betrat die Restaurants stets von hinten, kontrollierte zuerst die Sauberkeit der Toiletten und stand dann unverhofft zwischen den erstaunten Küchenmannschaften, wo er sich jeweils an Ort und Stelle entschied, ob er dem Lokal die Ehre erweisen oder es für alle Zeiten meiden wollte.

Schade, dass er in jenem harten Winter, festgehalten durch eine unglückliche Reifenpanne, ausgerechnet dem Koch in Les Enfers so unvorsichtig ins Messer lief.

Nachtmusik

Draußen ist es kalt. Und der Herr auf dem Bildschirm verbreitet wenig Zuversicht in den Häusern. Aber der Vorteil der Blechmusik, die vom Dorfplatz herauftönt, besteht darin, dass man sie auch mit klammen Fingern in Gang setzen kann:

Der revolutionäre Geist und das Unglück hielten mich jung, erklärt die Jubilarin nach dem dritten Marsch, als sie sich am offenen Fenster den verdutzten Musikanten zeigt.

Halt in Remagen

Rheinzeitung. Spiegel der Welt. Echo der Heimat. Der Herr gegenüber trägt grünen Loden. Ohne Jäger kein Wild! Er blättert mit seinen beiden Holzhänden etwas zu laut in der Zeitung. Der Zug fährt wieder an:

Die Brücke von Remagen – vielleicht mit John Wayne.

Schulgesang

Unser Lehrer biss nie in seine Geige:

Hab ein Lied auf den Lippen, dann komme, was mag, sangen wir im Chor als Refrain und trauten diesen älteren Herren immer weniger über den Weg, die stets einen runden Mund machten und so taten, als pfiffen sie – auf die Welt.

Laurin

Die Sonne scheint schräg ins Zwischenparterre. Dreißig Menschen bei Überfällen der Contras wieder ums Leben gekommen, meldet der Nachrichtensprecher.

Wie er das sagt, merkt der Bub auf, erwartet keine Antwort von mir, baut weiter an seinem Land aus Klötzen: einem vorläufigen Exil.

Kinderfrage

Valeria, Kind, das nicht einschlafen kann, wo doch Kinder so lieblich sind, wenn sie schlafen.

Schafgarbe, Honig, nichts hilft, erst nach Stunden endlich die leichte Antwort auf die schwierige Frage des Kinds, ob man Gott mit zwei oder nur mit einem t schreibe.

Shakespeare

Die Instruktoren in den grauen Overalls hatten die allgemeine Lage selber entworfen, ehrenamtlich, ein kriegsmäßiger Einsatz mit Freiwilligen aus dem Quartier.

Auf dem Bild in der Zeitung machten die Leute muntere Gesichter. Einige schwitzten beim Betreten des Schutzraumes, und nur der Handharmonikaspieler hatte sich die Übung etwas lustiger vorgestellt:

To be or not to be, sagte der Instruktor, als sie die Gas-schleusen passierten. Aber niemand im Bunker verlangte nach einer Übersetzung des englischen Zitats.

Diese kleinen Zeichen der Hoffnung

Stimmen über dem großen Platz, Tonprobe für den Film am Abend. Noch ohne Bild, weil es Tag ist. Zwei bekannte Sprechstimmen der mittleren Generation sind zu hören, das Geräusch einer beginnenden Bahnfahrt. Open air.

Vielleicht reist der Held des Abends mit dem Zug von Hamburg nach Heidelberg. Er hat wenig Gepäck und schütteres Haar. Die dunkle Warze in der Mitte seiner Stirn verleiht ihm eine Zielstrebigkeit, die er auf anderen Fahrten längst eingebüßt hat.

Wahrscheinlich ist er ein rauchender Held.

Im Gepäcknetz entdeckt er erst jetzt den Übergangsmantel einer Frau, die jederzeit ins Abteil zurückkehren kann. Dieses Lila hat er noch nie gemocht. Aber er hätte gerne das Gefühl, sich auf dem Bahnsteig wenigstens mit den richtigen Worten verabschiedet zu haben.

Heisere Huptöne. Der Zug rollt auf einen unbewachten Niveauübergang zu, steigert die Geschwindigkeit. In der Ferne Hochkamine, nach dem Rauch zu schließen Westwind. Der Held nimmt sein Gesicht im Zugsfenster ausgiebig wahr und fährt weiter in die Deutsche Dämmerung hinein.

Auf einem Provinzbahnhof bleibt der Vorsteher als kleines Zeichen der Hoffnung mit dem Rücken zu den Geleisen provokativ auf der Personenwaage stehen.

Morgengrauen

In einer Kuh durch die Nacht geflogen, es waren auch Kinder dabei. Aus den Flugzeugen grüßten die Passagiere herüber, und die Fleischwände hielten uns warm.

Aber als wir im Baumgarten landeten, stand wieder der Zwerg an der Ecke des Hauses und betrachtete mit steinernen Augen den nahenden Tag.

Notoperation

Zum Teil lagen sie zu zweit in den Betten, halbbenommene Menschen, nackt und in blauen Kleidern. Das Aufsichtspersonal an den Kopfenden unerschütterlich sanft, Milchglas in den Eingangstüren.

Obwohl ihm der Arzt bei der Eintrittsmusterung deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass dieser Eingriff für nichts gut sein werde, stieg er die Treppen hoch.

Es stand weit und breit kein anderes Gebäude zur Verfügung, und darin wohnten lauter Operierte, gab er später als Rechtfertigung an.

Zoogeschichte

Bitte nicht füttern! Ein Samstagnachmittag ohne besondere Vorkommnisse. In den Wäldern schon Herbst.

Eine Hornisse könnte mich jetzt in den Kopf stechen, sagte mein Freund unvermittelt, und im Grunde weiß ich nicht, was das Lama hier soll, das angestrengte Glück der beiden Kinder auf der Schaukel wird jedenfalls nicht tangiert davon.

Ich sah ihn an, er trug sein Abzeichen der Winterhilfe am Revers. Oder sollte ich jenen um seinen Traum beneiden, der behauptete, seinen Lebensplan auf einer Zwanzig-frankennote vorgezeichnet gesehen zu haben?, entgegnete er und verließ den Park.

Eterna

E. behauptete, die Zeit schreite für ihn merklich langsamer voran als für andere Menschen. Um diese Störung zu beheben, verschrieb ihm der behandelnde Arzt eine Armbanduhr, die er stets im Mund zu tragen hatte. Man erhoffte sich allseits Besserung dadurch.

Vor wenigen Tagen sah ich diesen entfernten Bekannten nach Wochen zum ersten Mal wieder. Das Ende eines Lederarmbandes schaute ihm aus dem Mund.

Guter Rat (1)

Manchmal trete ich vors Haus, wenn es regnet, und bleibe da stehen: Die Nässe dringt in die Haut, auf die Knochen, ins Blut. Gegen Abend rinnt es rosarot aus den aufgeschlitzten Hausschuhen heraus. Um Mitternacht schon fließt reines Regenwasser durchs lecke Adernetz: Empfiehlt sich als Läuterung an besonders trüben Tagen. Tage mit Wasser im Boot.

Schwieriger Sachverhalt

Es ist im Nachhinein immer schwierig zu sagen, wer ursprünglich angefangen hat. Als Geschworener bleibt man daher dazu verurteilt, ihrer vehement vorgetragenen Rechtfertigung vorläufigen Glauben zu schenken:

Danach zu schließen, scheint der Geschädigte tatsächlich ungemein griffige Augen gehabt zu haben, mit denen er die Täterin bis zum Zeitpunkt ihrer Notwehr, wie sie ihre Handlung notorisch zu bezeichnen pflegte, über Jahre hinweg fest im Griff gehabt hat.

Ihr Zugreifen muss demnach, wohl oder übel, als eine Art von aktivem Widerstand gegen eine untätliche Handlung gedeutet werden, gegen rohe Behandlung ohne Hände und Füße sozusagen, gegen sein rohes Auge, das sie so plötzlich in ihrer Hand gehalten und mit dem sie, laut Aussage, gar nicht recht gewusst habe, was anfangen.

Amerika

Von Steckborn aus quer durch die Schweiz ist er 1953 zum ersten Mal gefahren. Und seither jedes Jahr einmal diese Reise. In Brig findet einer wie er immer Platz. 1964 zum Beispiel mit Ischias fünf Tage lang gegen den Simplon gestiert. An der gegenüberliegenden Zimmerwand Schwarzweißfotografien der Ruinen von Gondo, der Goldgräberstadt im Zwischbergental: Er wäre auch dabei gewesen damals, Herrgottsack, aber seither keine schmerzfreie Minute mehr. Die Bemerkung von Leukerbad kann man sich sparen, er ist inzwischen mit allen Wassern gewaschen, muss sich etwas vor Augen führen, um Linderung zu erfahren, großartige Landschaften zum Beispiel oder den Fluss von Menschen in einer Stadt, auch die respektablen Formen der neuen Serviererinnen mit den Namen der Heiligen von Ausserberg und Innertkirchen verschaffen ihm Luft.

Dann aber mit Blick auf den Stockalperpalast noch schnell ein Raclette essen, den Halben Fendant dazu, bevor es endlich abgeht, durch den Simplon hindurch Domodossola zu, nach Locarno hinunter, wie gesagt, ins Hotel Amerika.

Dallas bei Bern

So habe er den Käsmeister und sich selbst seiner Lebtag nie in Verlegenheit geraten sehen wie an jenem zweiundzwanzigsten Hornung, aufs Loch genau ein Vierteljahr nach dem berühmten Attentat von Dallas.

Selbdritt seien sie in den Keller gestiegen: die amerikanische Unternehmerin, der Meister in der weißen Schürze und seine eigene Wenigkeit. Als Exporteur habe er seine Geschäftspartner, wenn sie schon einmal in der Alten Welt aufzutauchen geruhten, immer gerne ins nahe Emmental geführt.

Jedenfalls habe man schon eine geraume Zeit zwischen den gewaltigen Fluchten gestapelter Käselaibe gestanden und die Amerikanerin die Kraft des Meisters beim Wenden der Laibe bewundern lassen, als im hinteren Teil des Lagers unverhofft Schritte und wenig später das markerschütternde Quietschen eines Tieres zu vernehmen gewesen sei.

Edyl, habe die Amerikanerin nur geschrien und sei kurzerhand zwischen die Regale gesackt, während der zweite Käser in seinen währschaften Militärschuhen umständlich vor ihnen erschienen sei, einen zertretenen Rehpinscher in der rechten Hand, den er irrtümlicherweise, wie er immer wieder beteuerte, für jene Ratte gehalten habe, die schon seit Wochen ihr Unwesen im Lager getrieben und der ein Käserlehrling in seiner bekannt pietätlosen Art kurz zuvor erst den Spitznamen Lee Harvey O. angehängt hatte.

Vorbeugende Anfrage

Bis zu zehn Stunden am Tag unter einem Mikroskop in ein fremdes Gehirn hineinschauen und darin die notwendigen Veränderungen vornehmen, sei ja nicht jedermanns Sache, sagte der Archivar, der dem Professor nach anstrengenden Arbeitstagen ab und zu eine alte Handschrift ans Tageslicht holen musste, damit sich die Kapazität über den reich verzierten Anfangsbuchstaben der Heiligen Schrift ein wenig erholen konnte.

Seit vorgestern aber, fuhr der gewissenhafte Beamte besorgt fort, sei er nicht mehr sicher, ob er dem Professor diese fortgesetzte und im Grunde illegale Freundlichkeit auch weiterhin erweisen dürfe. – Es handle sich immerhin um unersetzbare Handschriften klösterlicher Provenienz. – Andererseits wolle man sich in subalterner Position einer Kapazität vom Range des Gehirnspezialisten natürlich nicht gerne verweigern, weshalb er hiermit an vorgesetzter Stelle vorzusprechen sich erlaube.

Vorgestern, wie gesagt, sei der Professor nämlich wieder im Archiv erschienen, um sich im Anschluss an eine siebenstündige Kopfoperation wie üblich nach der Heiligen Schrift zu erkundigen. Als Antwort auf seinen ehrerbietigen Gruß habe dieser aber seine randlose Professorenbrille auf die Stirn zurückgeschoben, um sich mit seinen blauen Forscheraugen nah an sein erbleichendes Archivarsgesicht heranzuschieben und interessiert zu fragen, ob er, der Archivar, denn nicht erst neulich durch seine Hand operiert worden sei.

Von den Sorgen des Mittelstands

Ein Fragment

1

Um fünf Uhr in der Frühe brachte der Bäckergeselle Arthur im Mehllager einen Wurf junger Mäuse auf. Ihre rosa Farbe rührte ihn für Augenblicke, aber Minuten später lagen die kleinen Biester dennoch verbrüht im Chromstahltrog der Kleinbäckerei. Und da das Brot im Ofen rief, blieben sie weiterhin dort liegen, während vor den offenen Fenstern des Betriebes ein für diese Jahreszeit außerordentlich heftiges Hagelwetter niederging.

2

Marina, Marina, Marina, pfiff Arthur gut gelaunt vor sich hin. Mit seinem Pfeifen gab er wie üblich einer Vorfreude Ausdruck. Dazu führte er die angenetzte Brotbürste so elegant über die frisch gebackenen Stangenbrote, als wäre er ein erfahrener Kirchenmann, der sein Aspergill über den geneigten Köpfen seiner Gläubigen schwingt.

3

Den Weg ins Gebäck, das Arthur für Gustav den Radler regelmäßig bereithielt, fand ein Teil der jungen Mäuse erst gegen acht. Arthur platzierte die toten Tierchen sorgfältig in die Blätterteigspitze hinein, füllte den gezuckerten Trichter mit Vanillecreme auf, während im ersten Stock der Bäckermeister in seinen schweren Holzschuhen unruhig auf- und abging.

4

Um halb neun stand Gustav mit seiner Cynar-Kappe, den weichen Hirschlederhosen am Backstubenfenster und äugte mit seinen Radsportaugen zum Teigaffen hinein.

Wie jeden Samstagmorgen hatte er sich die Waden frisch rasiert und täuschte mit dem Glanz des Massageöls über seine beiden fehlenden Schaufelzähne hinweg, die er am Sustenpass eingebüßt hatte: ein Auffahrtstag mit wenig Glück in den Speichen.

5

Es musste ungefähr gegen acht Uhr vierzig gehen, als Gustav, der es ja immer nur auf sein Cornet abgesehen hatte, in die goldgebackene Patisserie biss. Im Oberlicht spiegelte sich eine rote Sonne, und die vom Unwetter geläuterte Luft vermischte sich mit dem herrlichen Duft einer weiteren Brotladung, die auf Arthurs Geheiß vom Lehrling aus dem Ofen gezogen wurde, während er selbst gelassen am Fenster stand.

6

Vorzustellen hat man sich jetzt bloß noch die Wut des Bäckermeisters, der im weißen, gesteiften Hut aus dem Privattrakt des Hauses eben in die Backstube trat, als Gustav der Radler einen halben Wurf junger Mäuse aufs Fensterbrett seines Betriebes erbrach: das ausgerechnet an einem Samstag, der vom Mittelstand in seinem permanenten Kampf gegen die Lebensmittelgiganten ohnehin jeweils das Letzte fordert, und nach einer Nacht, die der Meister, seinen Angestellten gegenüber die Gründe verschweigend, einmal mehr schlaflos zugebracht hatte.

Zur Entstehung der Alpen

In der Nacht vom fünften auf den sechsten April stellt W. fest, dass die Theorien über sein Heimatgebirge – durch Auffaltungen entstanden und erst im Laufe des vergangenen Krieges zur militärischen Festung ausgebaut – nicht mehr zu halten sind.

Das Gegenteil hat sich vielmehr als wahr erwiesen, hält der Erwachende fest, dass nämlich das gesamte subterrane Waffenarsenal Helvetiens ursprünglich schon da gewesen sein muss und man erst später, Caspar Wolfs phantastische Gebirgsmalereien kopierend, zu dieser gigantischen und beinahe landesweiten Tarnarbeit angesetzt hat, die zu guter Letzt in so eindrücklichen Staffagen wie Gotthard, Jungfrau, Matterhorn gipfelte. – Was sich ja auch touristisch, wie wir wissen, nachträglich aufs Schönste hat auswerten lassen.

Das Land der Griechen mit der Seele suchen

Alles aufs Haar genau wie auf dem Prospekt. Nur auf einem kleinen Balkon, grüne Wäschedrähte querüber, eine vergitterte Holzkiste mit drei Zwerghühnern darin. Anspruchsloses Ziergeflügel, das sich lediglich im geringeren Wuchs von den größeren Nutzrassen unterscheidet, im übrigen aber über eine erstaunliche Legetätigkeit verfügt:

Von der Akropolis herab zufällig auf einen Film gebannt, doch erst zu Hause beim Durchgehen der Diaserien tatsächlich entdeckt – den eigenen Hühnern zum Verwechseln ähnlich.

Erklärung aus Wien

Auf den Diapositiven der Mitreisenden lauter große Perspektiven: ein Nachmittag in Schönbrunn, perfekt wie auf Touristikplakaten.

Er habe seinen Begleitern gegenüber verschwiegen, dass seine Wahrnehmung eher Sinnbildern gelte – er jedoch stets darauf bedacht sein müsse, des Sinnes hinter den Bildern nicht unverhofft verlustig zu gehen –, weshalb er um diese ganz gewöhnliche Postkarte gebeten habe am Kiosk.

Peintre naïf

Noch mit sechzig Jahren musste der Maler R. seinem Leinwand- und Farblieferanten schwören, dass er die bezogene Ware auf den Centime genau berappen werde. Man bezahlt immer mit dem Leben, aber das wissen die Händler nicht und opfern sich ganz dem Geschäft, soll sich R. jeweils gesagt haben, das sei die ausgleichende Gerechtigkeit.

Besichtigung

Die weißen Läden gegen das späte Licht gestellt. Auch im Vorbeifahren wollen wir die Langsamkeit nicht verletzen:

Ein jung gebliebener König reitet strahlend durch den gepflegten Park. Sein Pferd mit den marmornen Hoden gehorcht ihm aufs Wort.

Dass man uns später vom Fluss aus das Sterbezimmer des Republikaners zeigt, ficht seine Majestät nicht mehr an.

Und im Heck des Showbootes die beiden Liebenden melden vor dem Parlament so oder so ihren geheimen Widerstand an.

Ossobuco

Da alles ja nur so viel Sinn habe, wie er ihm selber zu geben vermöge, sagte der Vierzigjährige am Nebentisch, könne ich mir vorstellen, dass es manchmal nicht leicht sei, so still und gelassen auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Zwar habe er soeben vier Ossibuchi gegessen, gekostet, die Polenta direkt vom offenen Feuer, dann zwei Sorten Eis in Auftrag gegeben, weil das Süße bekanntlich den Magen schließe, dazwischen geraucht, dass für Augenblicke

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