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Alessandro und Assunta: Geschichten von Ameisen

Alessandro und Assunta: Geschichten von Ameisen

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Alessandro und Assunta: Geschichten von Ameisen

Länge:
171 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2016
ISBN:
9783940524515
Format:
Buch

Beschreibung

Vom Leben einfacher Leute erzählt dieser Roman des großen italienischen Literaturwissenschaftlers Alberto Asor Rosa. Dabei sind Assunta und Alessandro nicht irgendwelche Leute, sie sind die Eltern des Autors. Die Mutter ist Hausfrau und sichert der Familie auch unter widrigsten Bedingungen das Überleben. Der Vater ist Eisenbahner, wie schon die Mitglieder der Familie zuvor, Aktivist in der Gewerkschaft und Sozialist. Asor Rosa spannt den Faden seiner Familiengeschichte fast über ein Jahrhundert: eine behutsame und liebevolle Rekonstruktion - und nicht nur Lebensgeschichte eines römischen Paares, sondern auch eine kleine Geschichte Italiens.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 17, 2016
ISBN:
9783940524515
Format:
Buch

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Alessandro und Assunta - Alberto Asor Rosa

1985

JANUAR

Mein Vater Alessandro wird am 8. Juli 1897 geboren. Wird geboren? Mein Vater ist vor mehr als dreißig Jahren gestorben (und hier kann es bei Zeitform und Inhalt des Verbs keinen Zweifel geben: es meint abgetreten, erledigt, vernichtet, jetzt und für immer). Wäre es nicht genauer, man sagte: war geboren worden? Das hängt davon ab. Es hängt vom Blickwinkel ab. Für mich ist mein Vater heute deutlicher präsent als zu der Zeit, da er noch lebte. Tatsache ist, je weiter die Zeit etwas weg rückt, umso näher holt die Erinnerung es heran. Das, was am Anfang der Geschichte liegt – einer jeden Geschichte –, kann ich mir jetzt in allen Einzelheiten vorstellen, ich kann es geradezu mit Händen greifen; der Rest verblasst mehr und mehr und wird immer undeutlicher und weniger greifbar: zu nah, als dass sich ein Sinn ergeben könnte. Wenn Gefühle in der Angelegenheit nicht ausreichen sollten, nehmen wir doch die ersten, elementaren Kenntnisse in Grammatik und Syntax zu Hilfe. Im Herbst 1943 ermahnte uns in der ersten Klasse einer schlichten Mittelschule am Stadtrand von Rom die Lehrerin, Signora Spena: „Zwischen Präsens und Vergangenheitsformen haben die Grammatiker und die klassischen Schriftsteller das historische Präsens gesetzt: als Zeit für das, was einmal war und immer gilt". Frau Spena fuhr fort: „Kinder, prägt euch das gut ein. Das historische Präsens ist die Zeit der Historie, die nicht vergeht: Es dient dazu, die Ereignisse so in Erinnerung zu behalten, als stünden sie uns noch vor Augen. Cäsar benutzt es ständig im Gallischen Krieg". (Na ja, und wie ist es mit Ich kam, sah und siegte? … Rätsel und Widersprüche auch der perfektesten Schöpfung des Intellekts, die es gibt, der scholastischen Logik). Um dich herum brach gerade eine Welt zusammen, in den Straßen rund um die Mittelschule Magherita di Savoia prasselten die Brandsätze nieder, mit denen die Bomber der Alliierten die Ewige Stadt gerade reichlich bedachten (und wenn wir uns in den Schulbänken vorbeugten, auf denen wir brav und ordentlich die Lehrbücher für Algebra und Latein ausgebreitet hatten, konnten wir den bläulichen Lichtschein durch die Fenster erkennen), und düstere Figuren in Schwarz schlichen überall herum, um mit der Pistole in der Hand auf Teufel komm raus die letzten Reste eines scheußlichen, im Verfall begriffenen Regimes zu verteidigen: Und unsere Lehrerin, Signora Spena, (die etwas später ihre Stelle verlieren sollte, wenn auch nur für ein Jahr, wahrscheinlich war sie Faschistin gewesen, aber nur ein bisschen) fuhr zwischen einem ängstlichen Aufschrei und dem nächsten fort, uns einzubläuen: „Wenn die Historie Kraft hat, dann ist sie immer präsent; sie ist hier bei uns, Kinder, wir müssen sie fühlen, als würden wir sie erleben." Tatsächlich war das Imperium kaum zwei Jahre vorher auf wirklich ruinöse Weise in einem weit entfernten Ort mit einem fantastischen Namen, in Amba Alagi nämlich, an seine Grenzen gekommen; aber sein unvergänglicher Schatten lag immer noch auf den Hügeln von Rom.

Fangen wir noch mal von vorne an und fügen ein paar hilfreiche Details hinzu. Mein Vater Alessandro wird am 8. Juli 1897 in Ancona geboren. Er stammte aus einer Bologneser Familie und verbrachte seine Kindheit und Jugend teils in Ancona, teils in Bologna. Sein Vater Angelo ist Eisenbahner. Das ist ein besonders wichtiges Detail. Auch Alessandro (in der Familie Sandro genannt) wird Eisenbahner werden. Eisenbahner war (und dabei handelt es sich natürlich um einen Zufall, aber auch die Zufälle, wie wir sehen werden, zählen) auch der Vater seiner Mutter Angela Gottardi, der aus Fara d’Isonzo kam und als Streckenwärter auf den Eisenbahnen der kaiserlich-königlichen Regierung gedient hatte. Für meinen Vater werden die Staatlichen Eisenbahnen, die Ferrovie dello Stato, sehr bald zu einem Kultobjekt und zu Anlass von Stolz (und das sollten sie sehr lange bleiben). Mit jedem Atemzug wiederholte er, er sei im Zug auf der „Strecke Bologna-Ancona zur Welt gekommen. Er gehört von Anfang an zu den Angestellten innerhalb der Institution; aber er hat einen außergewöhnlichen Respekt, wirklich eine Art Verehrung, für das so genannte „fahrende Personal, für die also, die das System tatsächlich in Bewegung bringen, Maschinisten, Lokführer, Hilfsarbeiter, Kontrolleure – und natürlich die Streckenwärter. Auch der Bruder seiner Mutter Angela, Amerigo, ein Kind des Isonzo, ist Maschinist, in Diensten des Eisenbahn-Depots von Ancona. Ich selbst, und ich teilte den Stolz des Vaters ganz und gar, habe es noch geschafft, als Kind den riesenhaften Oberkontrolleur auf seinen Dienstfahrten zu begleiten, und konnte bewundern, wie er in seiner eleganten dunklen, mit zahllosen Tressen besetzen Uniform in ein Abteil eintrat, bei allen Anwesenden den allergrößten Respekt hervorrief und furchtsame Erwartung bei den wenigen, die mit einem Fahrschein minderen Wertes ausgestattet waren oder sogar völlig ohne irgendeine „Reiseberechtigung (was für eine erbärmliche Lage!). Heute zeigen die ebenso armseligen wie heruntergekommenen unteren Angestellten im Eurostar (und das sollen Luxuszüge sein, dabei sind sie nicht minder heruntergekommen) einen durchsichtigen und schamhaften Respekt vor den unberührbaren „Kunden, welcher Art die auch immer sein mögen, und stellen damit unter Beweis, dass sie nicht einen Hauch von Erinnerung an das goldene Zeitalter des fahrenden Personals der italienischen Eisenbahnen bewahrt haben.

Auf dem ersten Foto, das ich von ihm habe, taucht er auf wie ein kleiner, tollpatschiger Pinguin (er ist ein Jahr alt, vielleicht anderthalb), in einem langen Kleidchen mit elegantem Spitzenkragen, der vom Hals bis auf die Brust fällt, er hält sich mit beiden Händen an dem Sessel fest, auf dem er platziert wurde und lächelt, neben ihm seine Schwester Gallavidova, die zwei oder drei Jahre älter als er ist. Gallavidova? Und was für ein Monstrum von Name soll das sein? Gallavidova. Anagrafische Zweifel sind nicht möglich: doch, in der Tat, Gallavidova, und noch genauer (das haben wir bisher nicht weiter ausgeführt und in aller Einfalt für selbstverständlich gehalten): Gallavidova Asor-Rosa, in der Familie zum Glück einfach nur Vida genannt. Glanz und Elend abstruser und kaum auszusprechender Namen: Sorrosa? Sora Rosa? Asso Rosa? Asino Rosa* (wie im kindlichen und ausgesprochen nervenden Singsang während aller Grundschulklassen und auch noch manch dämlicher Klasse danach)? Ganz zu schweigen von den sexuellen Zweideutigkeiten, die der flüchtige Nachname möglich machte und einem die Schamröte ins Gesicht trieben: zum Beispiel auf der alphabetischen Namensliste einer beliebigen, gerade erst gebildeten Schulklasse als Asor Rosa aufzutauchen, und Schluss, nichts weiter, und also eigentlich als Rosa Asor, ich wiederhole: eine Rosa Asor, die zwar einen etwas bizarren Nachnamen hat, aber gleichzeitig ganz ohne Zweifel weiblichen Geschlechts ist, um dann mühselig und wieder in Schamröte einer Zuhörerschaft libidogetriebener Klassenkameraden („Teufel auch, bei uns in der Klasse gibt’s ’ne Frau") erklären zu müssen, dass man ein absolut unwilliges Objekt solcher Interessen sei. Es lohnt sich, denke ich, das bescheidene Rätsel zu lösen, bevor es zu spät ist.

Um das Jahr 1821 herum, wir sind in Bologna, zeugt ein gewisser Herr Giuseppe Rosa (die Rätsel der Onomastik: derart übliche Namen könnte es eigentlich zu Tausenden geben), der von Beruf, heißt es, Müller war, ein uneheliches Kind, das er, zum Glück fehlt ihm dazu der Mut, nicht verleugnet und vor dem Kloster aussetzt: Er erkennt es also als eigenes an, aber um ein sichtbares und eindeutiges Zeichen von Zugehörigkeit und Unterschied zu setzen, fügt er mit mit einer starken, wenngleich wahrscheinlich unbewussten Symbolik dem eigenen Nachnamen sein Gegenteil hinzu, Und, los geht’s, Palindrome auf immer: Asor-Rosa. Mithin wäre es legitim anzunehmen, dass die Asor-Rosa (mittlerweile Asor Rosa) zu einer Sippe gehören, die begründet wurde vom Sohn eines leichten Mädchens? So viel mich das auch kosten mag, aber, ja, so ist das, genau so (wenn auch die fernen Abkömmlinge dieser sündigen Vereinigung natürlich völlig unschuldig sind, was auch sonst). Und wie heißt der erste und unanfechtbare Sohn eines leichten Mädchens, der palindromische Erbe des leichtsinnigen, aber gutherzigen Rosa, Giuseppe? Alessandro natürlich. Alessandro, aber mit dem Zusatz Pietro (also, damit wir uns recht verstehen, Alessandro Pietro, was, auch wenn es keinen Beweis dafür gibt, auf andere, noch fernere Vorfahren schließen lässt). Der hier so benannte (um bei der anagrafischen Ausdrucksweise zu bleiben) Alessandro Pietro heiratet eine Gallavidova Guizzardi (womit wir endgültig in Gefahr geraten, Verwandte irgendeiner beliebigen Figur von Gianni Celati* zu werden), und hat mit ihr nicht weniger als sieben Kinder, darunter Angelo, der wiederum seinen beiden Kindern, wie man das vor Zeiten eben richtigerweise machte, die Namen seiner Mutter und seines Vaters gab: also Gallavidova und Alessandro. Klar, oder?

Von diesem einfachen (und komplizierten) Ausgangspunkt aus könnten wir nun unendlich weit in alle Richtungen ausschreiten. Auf lange Zeit bekommen die männlichen Nachkommen der kleinen, etwas bizarren Sippe – und zwar vor allem, wenn auch nicht nur, die Erstgeborenen oder eben die einzigen Jungen – die Namen ihrer Vorfahren, die seit Alessandro Pietro fast alle mit dem Buchstaben A beginnen. Und als dann dank des großen Spiels von Zufall und Schicksal auch die Damen, die sich mit den Asor-Rosa verheiraten, Vornamen haben, die – wie wir zum Teil schon gesehen haben und zum Teil noch sehen werden –, mit demselben Buchstaben beginnen (Angela Gottardi, Assunta Fogliuzzi), explodiert die Orgie dieses Primats von Alphabet und Anagraf in voller Schönheit: Alessandro, Sohn von Angelo und Angela (tatsächlich!), Ehemann von Assunta, Vater von Alberto, und alle, dank der uralten Schwierigkeiten der Frauen als Verheiratete ihren Mädchennamen zu behalten, schlussendlich Asor-Rosa, womit, um das Fass zum Überlaufen zu bringen, man mit A beginnt, aber auch mit A endet (klar, was für ein Palindrom wäre das auch sonst?), also A, A, A, A und dann A und schließlich umgedreht, wieder A… Wie langweilig. Hört sich an wie das monotone Hämmern einer alten, festhängenden Platte oder wie der Springrefrain eines kindischen Lieds …

Schließlich weitet sich ganz unvorhersehbar der Kreis, man weiß nicht wie noch warum, wir lassen das ländliche, nebelige und ein bisschen langweile Bologna am Fuße seiner Bergkette hinter uns, und die Angelegenheit nimmt transatlantische Dimensionen an. Einem älteren Bruder von Angelo, mit dem ebenfalls emblematischen Namen Augusto Alessandro, werden zahlreiche Kinder geboren, von denen drei – Magherita, Angiolina und Enrico – zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten auswandern, nicht ohne wenige Tage vor der Abfahrt (um nicht, nehme ich an, weitere Risiken in Sachen Unehelichkeit einzugehen) die jeweiligen Verlobten zu ehelichen und zwar in Quinto al Mare in der Nähe von Genua (von Quarto* waren bekanntermaßen ein paar Jahrzehnte vorher die Mille aufgebrochen: Der numerische Zuwachs bei den geografischen Namen verweist offenbar auf den Unterschied, den es in Italien historisch zwischen Aufstand und Emigration zu beachten gilt), Magherita und Angiolina heiraten eine neben der anderen am 26. Januar 1905 und Enrico am 2. Juni 1913. In den Vereinigten Staaten, wo, praktisch wie das Land ist, der Sinn für onomastische Spielchen der Einwanderer nicht so ausgeprägt ist, löst sich das Palindrom in nichts auf, Rosa geht zum Teufel, Asor ist mehr als genug und scheint auch noch quasi autochthon (aus Enrico Asor-Rosa wird ein Henry Asor, und das bleibt er auch). Aber diese Spuren führen doch ein wenig weit ab, uns dreht sich schon beim Gedanken daran der Kopf, überlassen wir sie also irgendeinem engagierten Forscher jenseits des Atlantiks.

In glücklicher Unwissenheit, was all diese komplizierten Sachen angeht, abgesehen vielleicht schon damals von den fiesen Scherzen seiner Schulkameraden, geht Sandrino – Palindrom in der mittlerweile vierten Generation, ohne dass er davon natürlich auch nur eine Ahnung hat – mit ganz anständigen Ergebnissen in die erste und zweite Klasse der Schule Carlo Faiano in Ancona (1903 und 1904). Ein paar Jahre später, am 27. April 1908, bekommt er sein Abschlusszeugnis. Im selben Jahr wird er für sein besonderes Talent in einem Vorlesewettbewerb ausgezeichnet (weitsichtiger Hinweis auf späteres Glück). Nicht so brillant sind ab 1908 – 09 die Ergebnisse in der Mittelschule und dann in den technischen Schulen von Bologna, wohin die Familie zusammen mit dem Eisenbahnangestellten Angelo zurück zieht.

In einem Zeugnis nach dem ersten Trimester im Istituto-Convitto Ungarelli liest man: „ist fleißig, muss sich aber ernsthafter anstrengen". Die offenbar vielfach wiederholte und also etwas banale Feststellung lässt durchaus eine gewisse Wahrheit durchscheinen. Tatsache ist, dass das Kind, das da zum Jugendlichen wird, sich in den Jahren von 1910 bis ’14 mit Leidenschaft der körperlichen Ertüchtigung widmet, und dabei vor allem dem Schwimmen und dem Fußball, beides damals in einer Phase rasanten Aufschwungs. Am 25. März (1912?) trifft die Mannschaft Bononia F. B. C. auf die des G. Pico della Mirandola, und gegen alle Voraussagen gewinnt sie drei zu eins. Wir sind in der Lage, der historischen Genauigkeit halber – die immer ein Wert ist, egal um welches Thema es geht – sogar die Aufstellung der siegreichen

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