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Das Recht auf Stadt: Nautilus Flugschrift

Das Recht auf Stadt: Nautilus Flugschrift

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Das Recht auf Stadt: Nautilus Flugschrift

Länge:
243 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2016
ISBN:
9783960540076
Format:
Buch

Beschreibung

Das unumstrittene Grundlagenwerk für die moderne Stadt - Henri Lefebvres Recht auf Stadt endlich in deutscher Übersetzung
Allerorten wird in den letzten Jahren ein »Recht auf Stadt« eingefordert - von sozialen Protestbewegungen gegen Gentrifizierung weltweit. NGOs und UN-Organisationen postulieren es gleichermaßen. Kritische Stadtforscher wie David Harvey, Peter Marcuse oder Niels Boeing beziehen sich in ihrer radikalen Gesellschaftskritik auf Henri Lefebvre, der das Konzept 1968 entworfen hat - in einer Schrift, die hier nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt.

»Recht auf Stadt« ist mehr als die individuelle Freiheit, auf städtische Ressourcen zugreifen zu können. Es ist das Recht auf ein erneuertes urbanes Leben. Angesichts der sozialen Probleme in den desolaten Hochhaus-Vorstädten und anderer Folgen des rasanten Städtewachstums nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Lefebvre schon in den sechziger Jahren fest, dass der Urbanisierungsprozess einhergeht mit einem Verlust der Stadt als Ort der kreativen Schöpfung, zugunsten einer bloßen industriellen Verwertungslogik. Er postuliert aber keine Abkehr von der Stadt - etwa in die zeitgleich entstehenden amerikanischen Mittelklasse-Vororte -, sondern macht in der Stadt ein enormes Potenzial aus, das zu einer emanzipierten urbanen Gesellschaft führen kann. Das Recht auf Stadt ist ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf Begegnung, Teilhabe, Austausch, das große Fest und einen kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum.

Zum selben Thema sind erschienen:
Niels Boeing
VON WEGEN.
Überlegungen zur freien Stadt der Zukunft

Christoph Twickel
GENTRIFIDINGSBUMS oder EINE STADT FÜR ALLE
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2016
ISBN:
9783960540076
Format:
Buch

Über den Autor


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Das Recht auf Stadt - Henri Lefebvre

Politik

Vorwort

Auf dem Weg vom CAMP-Studio durch die eng vertreppten Gassen des Chuim Village in Bombay¹ entschlüsselt uns Ashok Sukumaran die Spuren an Wänden und Bauten. Unterschiedlichste Migrationsgruppen, Klassen und Anschauungen haben sich in die Stadt eingeschrieben, und der enthusiastische Hochtempovortrag des Künstlers legt Zeitschichten, städtische Kämpfe, Politiken und Aneignungen an den Mauern frei. Mir schwirrt noch etwas der Kopf, weil ich ein paar Stunden vorher aus Hamburg angekommen bin und Schwierigkeiten hatte, den beschriebenen Weg hierher zu finden. Der Taxifahrer kannte die Adresse nicht und navigierte nach auffälligen Landmarken durch die Millionenstadt wie ein Seefahrer des 15. Jahrhunderts durch ein unkartografiertes Südseearchipel, hatte mich an einem Markt ohne lesbares Schild abgesetzt, in einem mir unbekannten unübersichtlichen Viertel – ein Umherschweifparadies. Wenn ich nur wacher wäre und Zeit hätte! Schließlich war es mir gelungen, mich zu Ahmed’s Bakery durchzufragen, von wo es hinauf ins Studio geht, auf dessen Dachterrasse Ashok und Shaina Anand nächtliche Vorführungen piratierter Filme arrangieren.

Jetzt sind wir auf dem Weg zum Essen, es ist eine Spätsommernacht im Jahr 2015, bald wird die Regenzeit einsetzen, der Sommer war außergewöhnlich heiß, und ich kann auch mitten in der Nacht mein schickes Leinenjackett nicht tragen, als die zwischen uns laufende Künstlerin, für die die geistreichen Schnellausführungen meines Freundes nicht in erster Linie gedacht waren, fragt Why do you know so much about the city?, und ich antworte an Ashoks Stelle, Because he went to the International Lefebvre School of Urban Research, was ich lieber nicht hätte sagen sollen, denn die neuerdings erfolgreiche Kollegin hat weder den Witz noch den Inhalt verstanden und fühlt sich durch die Bemerkung veranlasst, einen zehnminütigen Vortrag darüber zu halten, dass sie solche Dinge in der Kairoer Schule, die sie besucht hat, nicht gelernt habe, und über den beklagenswerten Zustand des Schulsystems im Allgemeinen. Shaina und Ashok schweigen, wie ich, höflich. Natürlich wissen die beiden, was mit der internationalen Schule gemeint ist. Schließlich unternehmen sie schon seit 2003 Interventionen in das urbane Gewebe indischer, englischer und palästinensischer Städte, programmieren die Video-Datenbank pad.ma², voller footage aus dem explodierenden indischen Metropolenleben. Außerdem haben sie gerade mit Pleasure: A Block Study³ ein Buch vorgelegt, das aus einer genauen Beobachtung des Alltags der Kinos, Vergnügungspaläste, Cafés, Pubs, Videotheken und Internetcafés heraus einen Londoner Häuserblock in der Edgware Road beschreibt und das zugleich eine Mikrogeschichte der Technik und des Begehrens, der Migration, der arabischen Wunschwelten und der aktuellen Einwanderung in miserable Metropolenverhältnisse erzählt – eine inspirierende Herangehensweise, die urbanen Alltag und Imagination auf eine Weise verknüpft, die Lefebvre im Sinn gehabt haben könnte, als er in den Sechzigerjahren damit begann, über Stadt zu schreiben.

Im Kapitel Recht auf Stadt in diesem Buch fordert und umreißt er eine solche urbane Wissenschaft: »Die Theorie, die legitimerweise Urbanismus genannt werden könnte, die an die Bedeutungen der alten Praxis namens Wohnen (also dem Menschlichen) anknüpfen würde, die diesen Teilwirklichkeiten eine allgemeine Theorie der städtischen Zeiten/Räume hinzufügen würde, die eine neue Praxis anzeigen würde, die sich aus dieser Erarbeitung ableiten ließe, einen solchen Urbanismus gibt es virtuell

Ich kenne eine Menge Leute, es sind mir die liebsten, die an diesem virtuellen Urbanismus arbeiten, die das Urbane, einerseits, aus Versatzstücken herauslesen müssen, weil die Stadt eigentlich nicht mehr existiert, als Wissenschaft also ihren Gegenstand verloren hat, und die andererseits gleichzeitig daran arbeiten, diese herzustellen. Es sind Leute, die eine schmutzige, urbane Praxis betreiben, die Städte durchstreifen und Wände decodieren, die filmen, zeichnen, kartografieren, archivieren, programmieren, Töne aufnehmen, Situationen analysieren – und konstruieren. Die International Lefebvre School of Urban Research existiert, sie ist eine vielköpfige Hydra. Sie beflügelt urbane Auseinandersetzungen, startet Projekte, besetzt Häuser und soziale Zentren, plant Parks von unten, organisiert Wunschproduktionen; sie hält Kongresse ab, macht AnArchitektur⁴, Ausstellungen, schreibt Bücher in Sydney, Delhi, Wien, New York City, Stuttgart; sie gründet neue Studiengänge mit seltsamen Namen an echten Universitäten. Das von Lefebvre beschriebene Recht auf Stadt bildet Plattformen und Netzwerke in Istanbul und Leipzig, Freiburg und Frankfurt, München, wird zu Bewegungen in Hamburg, in Boston, in Durban. Es beginnt, die Städte zu verändern. Und es wächst.

Doch halt! Wie kann das sein? Bis zu dieser Veröffentlichung gab es keine Übersetzung von Recht auf Stadt ins Deutsche. Und doch haben die Ideen aus dem Buch derzeit erstaunlich viel Wirkung, sind Kampfruf und Slogan, beflügeln Diskussionen. Trotz Filterung durch Unvollständigkeit, bisher etwas schräge Übersetzungen, Zitate und verteilte Artikel, entwickeln Lefebvres Gedanken verblüffend viel Kraft.

Das hat mit ihrer Aktualität zu tun: Die Verhältnisse haben zu Lefebvres Schriften aufgeschlossen. Die Situation in den Städten hat sich zugespitzt, der Verwertungsdruck nimmt zu, die Warenform erfasst das ganze Leben – und vielfältige widerständige Praxen treten dem entgegen. Die urbane Revolution ist eben nicht nur eine Idee, sondern eine reale Entwicklung, und die Beschreibungen Lefebvres sind abstrakt genug und genug nach vorne gedacht, um das Denken all jener zu munitionieren, die auf der Suche nach Wegen aus dem stärker werdenden Druck auf das Alltagsleben der heutigen Städte sind.

Doch zum verblüffenden impact-before-publication gehört noch etwas anderes: Lefebvres Texte über Stadt entstanden keineswegs in der Isolation – im Gegenteil, sie entstanden in einem abenteuerlustigen, radikalen, durch Kunst geprägten Milieu. Lefebvre hatte engen Kontakt mit Künstlern der COBRA-Gruppe, beeinflusste Constant, der Lefebvres Theorie der Momente aufnahm und bereits 1953 in einem Text Für eine Architektur der Situation weiterentwickelte⁵ und später die utopische Stadt New Babylon entwarf, die er zunächst Dériville nannte – Umherschweifstadt. Lefebvres Liebesaffäre mit dem Kreis der Situationist*innen begann etwa zur Zeit seines Bruchs mit der Kommunistischen Partei, als eine Kritik des Stalinismus und neue Möglichkeiten linksradikaler Politik außerhalb von Partei, Gewerkschaft und Arbeiterklasse auftauchten.⁶ Raoul Vaneigem war von Lefebvres Kritik des Alltagslebens und schließlich von Lefebvres Abrechnung mit der Partei, Die Summe und der Rest (1959), so eingenommen, dass er ihm einen Essay über Poesie und Revolution schickte.⁷ In ihrer experimentierfreudigsten Zeit, zwischen 1957 und 1961, interessierten die Situationist*innen sich für die Stadt, für die Konstruktion von Situationen und für Urbanismus, erfanden das Umherschweifen und spielten Ideen-Pingpong mit Lefebvre, mit Künstlermitgliedern wie Asger Jorn, Ralph Rumney, Attila Kotányi oder Constant.

Diese explosiven Partikel schießen durch den Raum, die Malerei der COBRA-Gruppe, die Erinnerung an den Surrealismus, die verspielten Stadtentwürfe, die leidenschaftlich durchsoffenen Nächte in Pariser Kneipen, die Attacken der holländischen Provos, die frühen situationistischen Schriften nicht zufällig erschien 1973 eine erste Flugschrift der Edition Nautilus, als sie noch MAD-Verlag hieß, mit Texten der Situationistischen Internationale, bevor der Verlag in kollektiver Fleißarbeit 1976/77 die gesamten Ausgaben der Zeitschriften der SI in zwei Bänden auf Deutsch publizierte –, all das klingt in Lefebvres Denken über Stadt nach, bildet seinen Hintergrund, war schon Teil der Sub- und Popkulturen, bevor das Buch zu greifen war.

Trotz Lefebvres Interesse an Kunst, Poesie und ausgreifendem, systemsprengendem Denken kommt selbst in den ängstlich um Absicherung bemühten heutigen Wissenschaften keiner mehr an ihm vorbei. Seit 1991 wird Lefebvre zunehmend rezipiert. Damals wurde La production de l’espace ins Englische übersetzt⁸, und die Übersetzung hat einen Paradigmenwechsel eingeleitet: Die Wiederentdeckung des Raums als Kategorie des Denkens.

Auf dem Höhepunkt des Booms der linken Flucht in den Diskurs ist dies eine wichtige Wiederentdeckung, mit immer größer werdender Relevanz für widerständige Gruppen. Relevant, weil der städtische Raum ökonomisch und sozial wichtiger wird, nicht mehr nur Ort der Realisierung von Wert ist, sondern auch der Ort der Produktion von Wert, von Ideen, Innovation, Beziehungen. Dadurch erhöht sich nicht nur der Druck auf die Zentren, dadurch erschließen sich sozialen Bewegungen ebenfalls neue Möglichkeitsräume und Handlungsfelder, die einen noch viel zu wenig verstandenen Bruch anzeigen: Mit schwächelnden, traditionellen Politikformen, die sich um die gewerkschaftliche Organisation am Arbeitsplatz, parlamentarische Repräsentation oder direkte Demokratie à la Volksabstimmung bemühen.

Denn durch die Verknüpfung verräumlichter Kämpfe werden neue Formen außerparlamentarischer Politik möglich. Beeindruckende Beispiele sind die Occupy-Bewegungen der letzten Jahre, vor allem Occupy Gezi, das den Beginn eines ganz grundsätzlichen Bruchs mit der (noch, und nur noch, mit unverhohlener Gewalt) herrschenden Politik in der Türkei ankündigt, und in der die kreativ, prekär und immateriell arbeitenden Stadtbewohner*innen erkannt haben, dass die Stadt als Raum der Produktion von Mehrwert auch ein lebenswichtiger Angriffspunkt ist, den lahmzulegen und mit neuen Praxen und Sprechweisen vielfältig zu besetzen ähnlich zentrale Bedeutung hat wie früher der Generalstreik. Occupy Gezi ging in den 2000er Jahren ein Versuch voraus, die Kämpfe der einzelnen Viertel in Istanbul zu vernetzen – unter dem Slogan Recht auf Stadt. Auch solche gescheiterten Versuche sind wichtige Erfahrungen auf dem Weg – vielleicht ist das Erdbeben Occupy Gezi auch wegen dieser Erfahrungen (mit) in Gang gekommen. Der gleiche Slogan (und Kampfruf) hat dafür an einem anderen Ort, in etwas kleinerem Maßstab, verblüffend gut funktioniert – in Hamburg.

Der dortigen Recht-auf-Stadt-Bewegung ist es ab 2009 gelungen, Allianzen hinzubekommen, die in der Vergangenheit unmöglich erschienen: zwischen musikalischen Subkulturen, Fußballfans, Künstler*innen, Autonomen, Mieter*innen aus Arbeiter- und Bürgervierteln und, neuerdings, Refugees. Bisher temporär und fragil, ist es dennoch keine Kleinigkeit, dass sich Hafenarbeiter in der wie ein Rave organisierten Besetzung-durch-Ausstellung des Hamburger Gängeviertels wiederfinden konnten und dass die jungen Leute Unterstützung durch pensionierte Rollstuhlfahrerinnen aus den Großraumsiedlungen am Stadtrand, durch bürgerliche Damen mit Perlenkette ebenso bekamen wie durch die Tochter türkischer Einwanderer, die ihre Kindheit in den heruntergekommenen Häusern verbracht hatte. Eine ähnliche Bandbreite (im Lefebvre-Speak: Unterschiedlichkeit) kennzeichnet viele der erfolgreicheren Projekte und Bewegungen, mit stark migrantisch geprägter Gewichtung etwa Kotti &Co in Berlin-Kreuzberg. In dem Sinne ist das diesem Band anstelle eines Nachworts angefügte Vorwort von Lefebvre selbst zu Raum und Politik von 1972 essentieller Stoff, der das Recht auf Stadt und das Recht auf Zentralität messerscharf umreißt.

Augsburg. In der bayerischen Fuggerstadt haben ein paar junge Leute, Künstler*innen die meisten, keine Lust mehr, zur Zwischennutzung verwendet zu werden. Zu oft haben sie in den vorangegangenen Jahren erlebt, dass ihre künstlerische Aktivität in den günstig gewährten Wohn- und Arbeitsräumen nur der Aufwertung eines runtergerockten Viertels diente, und dass diese Instrumentalisierung obendrein nach kurzer Zeit mit ihrem Rauswurf beendet wurde. Sie überlegten, ihr künstlerisches Eigeninteresse mit einem langfristigen, sozialen Mehrwert zu verknüpfen. Mitten im Altstadtkern finden sie ein leerstehendes Objekt, ein aufgegebenes Seniorenheim, und schlagen der Besitzerin, der Diakonie, ein kühnes Projekt vor: Sie wollen ein künstlerisch gestaltetes Hotel daraus machen, ein Hotel für Menschen mit und ohne Asyl. Die Eigentümerin macht mit. Die Künstler*innen bauen das Haus um, erzählen der Nachbarschaft von dem Projekt. Wie zu erwarten, gibt es Unmut wegen der Geflüchteten. Doch die Künstler*innen machen weiter, performen, verkleiden sich, renovieren, machen keine Kompromisse, aber mit einladender Haltung, über ein Jahr lang. Und sie kippen die reservierte Stimmung: Die ersten Nachbar*innen bringen alte Möbel und Lampen vorbei, jedes Stück hat eine Geschichte, sie eignen sich das Gebäude an, werden zum Teil des Projekts: Grandhotel Cosmopolis. Das ganze Versprechen der Stadt steckt in diesem Namen. Die Zimmer werden unterschiedlich gestaltet, ausgemalt. Als feuerpolizeiliche Auflagen dem Projekt den Garaus zu machen drohen, packt einen Chirurgen der Ehrgeiz: Er nimmt sich einige Wochen frei, ersinnt ein ungewöhnliches, absolut die gesetzlichen Normen übererfüllendes Stromnetz, legt feinste Kanäle ins Haus und baut alles ein, ohne dass die statische Struktur des Gebäudes auf den Kopf gestellt werden muss.

Ins Hotel rein geht es über eine schicke Lobby, an der Wand ein genialer Claim: Welcome to your Lobby! Das Hotel ist Lefebvre galore: Überall steht die Kunst im Vordergrund, bestimmt Räume und Atmosphären. Und eine neu erfundene Alltagspraxis, die Produktion des Raums, nicht das Helfen oder die vordergründige Politik. Deshalb ist die Lobby ein anregend gestaltetes Café, zum Lesen oder als Treffpunkt für alles Mögliche, für Musiker*innen, für Künstler*innen. Bezahlt wird, was die Gäste für angemessen halten – so können alle da sein. Hin und wieder pesen Kinder der Geflüchteten zwischen den Tischen hindurch, wie bei einem Familienfest. Informelle Gespräche entwickeln sich – die Gäste mit Asyl kennen sich selbstverständlich besser aus als der Neuankömmling, egal welchen Aufenthaltsstatus der hat. Die Gewichte und Expertisen verlagern sich. Nicht ganz so öffentlich ist tagsüber der große Veranstaltungsraum im Keller, der nur durch einen Tresen getrennt ist von einer großen Profiküche. Eine riesige Tafel ist in der Mitte aufgebaut. Alle essen hier gemeinsam, Refugees, Supporter, Musiker*innen, Gastkünstler*innen. Nachts verwandelt sich der Raum, wird einmal die Woche zur Pizzeria, dann zum Auftrittsort für eine Band, oder zum Vortragssaal. In einem Nebenzimmer hat ein Mann aus dem Iran seine erste Installation aufgebaut, einen Teesalon mit selbstgebasteltem, farbig-ornamentiertem Fenster. Einige Stockwerke darüber, unter dem Dach, gibt es Ateliers. In einem kleinen Zimmer übt ein Mann aus Afghanistan an einem windbalgbetriebenen Tasteninstrument, singt uns ein Lied vor. Sind hier alle unterschiedslos Künstler? Ein achtjähriges schwarzes Mädchen ist sein Fan und kuschelt sich in die Polster, wenn er spielt. In einem Seitentrakt leitet ein Israeli sein tägliches interkulturelles (ich hasse so was eigentlich) Begegnungsspiel an, aber der kriegt das hin, dass eine Gruppe etwas scheuer Studierender und die mehrsprachigen Geflüchteten im Handumdrehen miteinander spaßen, spielen und kurz darauf in intensive Gespräche vertieft sind.

Viele haben Lefebvres Schriften wie einen Steinbruch behandelt: Man stemmt sich ein Stück heraus, mit dem man etwas anfangen kann, und beginnt gleich damit weiterzuarbeiten, zerlegt es, macht es passend, baut es ein – oder schleudert dem Gegner einen Brocken entgegen. Es würde den Rahmen dieses Vorwortes sprengen und brauchte ein eigenes Extrabuch, um all die schlauen Projekte und Taktiken vorzustellen, die mit diesen Versatzstücken höchst erfolgreich, oft künstlerisch, und immer außerparlamentarisch operieren, und würde man mich um eine Empfehlung bitten, würde ich antworten: Lasst uns genau so weitermachen!

Ich weiß nicht, ob die Augsburger*innen Lefebvre bereits gelesen haben. Ich bin mir sicher, sie werden es bald tun. Recht auf Stadt ist voller Hinweise und theoretischer Unterfütterung ihrer Praxis. Das, was im Grandhotel Cosmopolis passiert, könnte man mit Lefebvre als habiter bezeichnen, als Wohnen, das im Gegensatz steht zum habitat, dem Wohngebiet als abgegrenzter Zone. Habiter/Wohnen meint eine aktive, lebendige Totalität (durchaus im Sinne von Heideggers Bauen Wohnen Denken, aber ohne den konservativen Rückbezug auf eine nostalgisierte Vergangenheit). Habitat/Wohngebiet dagegen bezeichnet das stadtplanerische Programm der funktionalen Trennung. Damit ist all das gemeint, was etwa seit 1950 an industrialisierter, kapitalistischer, staatlich gesteuerter Stadtplanung entsteht, von der Eigenheimvorstadt bis zur Trabantenstadt, von der Gated Community bis zur Hafencity – all dieses Geplante und Konstruierte, das nichts von dem kann, was Orte wie das Grandhotel Cosmopolis hinbekommen: Treffpunkte schaffen, Aneignung der Räume, Situationen konstruieren, die Potenziale des Einzelnen multiplizieren, Kunst, die das Leben verändert, sich selbst verändern, die Anwesenheit des Fremden, sich in Festen verausgaben und verschwenden, zusammen kochen, zusammen essen, teilen, In-Ruhe-gelassen-werden-aber-sehen-was-sonst-passiert, Beziehungen neu erfinden, unwahrscheinliche Begegnungen, ungeplante Unterhaltungen, das Recht auf Zentralität für alle, das Recht auf Unterschiedlichkeit.

In den Diskussionen im Vorfeld dieser Publikation hat die Übersetzerin Birgit Althaler darauf hingewiesen, dass habiter/wohnen in der deutschsprachigen Ausgabe von La Révolution Urbaine⁹ falsch und irreführend als Wohnraum übersetzt wurde, habitat dagegen als Lebensraum. Diese Übersetzung trifft nur schlecht die von Lefebvre gemeinte Bedeutung, und verwirrt umso mehr, als »Lebensraum« alltagssprachig heute eher positiv verwendet wird (trotz der sozialdarwinistischen Geschichte des Begriffs in der Nazi-Ideologie). »Wohnraum« dagegen ist viel reduktiver als das Tu-Wort »wohnen«. »Wohnraum« kann man planen und bauen, wohnen – gerade in dem Sinne, wie es das Grandhotel Cosmopolis vorführt, oder wie es Ashok in Bombay beschreibt – ist eine Tätigkeit, ist vita activa.

Hinter dieser Unterscheidung zwischen habiter und habitat steht ein Konflikt¹⁰, der unter einem zu Lefebvres Zeiten neuen, ganz grundsätzlichen Paradigma stattfindet – dem der Urbanen Revolution, die die Industrielle Revolution ablöst. Gleich im geistesdurchblitzten ersten Kapitel, Industrialisierung und Urbanisierung, entwickelt Lefebvre diesen Gedanken.

Recht auf Stadt: Diese Veröffentlichung kommt genau im richtigen Moment. Denn nach Jahren einer künstlichen Verknappung des Wohnraums wird, spätestens mit der Ankunft der Refugees, die schnelle Schaffung von Raum fürs Wohnen notwendig. Viel davon. Besonders für die immer stärker verarmenden Schichten der Bevölkerung. Und mit solchen Neubauten haben die Stadtverwaltungen und Wohnungsunternehmen kaum mehr Erfahrungen – der soziale Wohnungsbau wurde bereits 1984 gesetzlich abgeschafft. Ganze Architekturgenerationen kennen nur noch neoliberale Stadtentwicklung, »Starchitecture« und New-Build-Gentrification.¹¹ Wie aus einer verdrängten Vergangenheit droht nun ein Bedürfnisbefriedigung-von-oben-Urbanismus zurückzukehren: als Notstandsurbanismus. Der ist noch schlimmer als die von Lefebvre kritisierte habitat-Ideologie, denn die Stadtverwaltungen setzen auf den Bau von Massenunterkünften, weichen an den Stadtrand aus, wo wenig Klagen von Eigenheimbesitzern zu erwarten sind. Zudem nutzt der Notstandsurbanismus die

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