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Die Pflege psychisch kranker Menschen: Psychoedukation - Recovery. Ein Ratgeber für die Praxis

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Die Pflege psychisch kranker Menschen: Psychoedukation - Recovery. Ein Ratgeber für die Praxis

Länge:
406 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Mar 3, 2016
ISBN:
9783842283473
Format:
Buch

Beschreibung

Psychoedukation - Recovery - die Pflege psychisch kranker Menschen: 3 Begriffe, die den Autor in seiner beruflichen Tätigkeit geprägt haben. Joergen Mattenklotz berichtet in seinem Lehrbuch von zentralen Schwerpunkten zu diesen Themen. Ebenso stellt er hier die erste Evaluation des Psychoedukationsprojektes Soest vor. Desweiteren lässt er Betroffene, Profis wie auch Angehörige zu Wort kommen. Das Buch will die multiprofessionelle Zusammenarbeit im psychiatrischen System anregen. Im Feld »Recovery - Edukation« wird diese immer wichtiger, gerade in einem sich verändernden Gesundheitssystem. Im Vorwort heißt es: »Bei der recovery-orientierten Psychoedukation geht es darum, von Menschen zu lernen, die Erfahrung mit psychischen Erkrankungen gemacht haben.« Dieses Praxislehrbuch kann und soll helfen, Ideen in der Betreuung psychisch kranker Menschen zu entwickeln. Es soll einen Beitrag zur weiteren Professionalisierung psychiatrischer Pflege leisten.
Freigegeben:
Mar 3, 2016
ISBN:
9783842283473
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Pflege psychisch kranker Menschen - Joergen Mattenklotz

1. Einführung

1.1 Psychoedukation in der psychiatrischen Pflege

Gesundheit ist heute ein zentrales Thema aktueller Gesundheitspolitik. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und eines immer deutlicher werdenden Struktur- und Wertewandels in der Gesellschaft gewinnt gesundheitliches Wohlbefinden immer größeren Stellenwert. Diese Entwicklung wurde auch von der Politik erkannt: Es kam zu Gesetzgebungen und zu begleitenden politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Als Beispiel lässt sich etwa die Präventionsgesetzgebung im Gesundheitswesen anführen. Das Gesundheitswesen in Deutschland verändert sich: Der Schwerpunkt verlagert sich zunehmend weg von Krankheit und Behandlung, hin zur Betonung von Gesundheit, Gesundheitsförderung und Prävention. Welchen Stellenwert nimmt das Thema Pflege in diesem Zusammenhang ein?

Entwicklung im Bereich der Pflege

Die Pflege ist unter den Berufen im Gesundheitswesen mit Abstand die größte Gruppe und hat in Bezug auf Innovation und Verbesserung ein großes Potential. Die mit dem neuen Krankenpflegegesetz verabschiedete erweiterte Berufsbezeichnung »Gesundheits- und Krankenpfleger/in« ist ein Auftrag an die Pflege, sich mit dem Thema Gesundheit und Pflege neu auseinanderzusetzen. Allerdings steht einer echten, nachhaltigen Verknüpfung von Pflege und Gesundheitsförderung eine traditionelle Vorstellung von Pflege als letzter Instanz in der Versorgungskette entgegen. Deutlich wird dies unter anderem in dem Grundsatz »Prävention/Rehabilitation vor Pflege« im Sozialgesetzbuch XI (SGBXI) oder in der Identifizierung von Prävention als der »vierten Säule im Gesundheitswesen« neben kurativer Medizin, Rehabilitation und Pflege.¹

Der Bereich Gesundheit und Gesundheitsförderung bietet breite und interessante Möglichkeiten zur Professionalisierung von Pflege. Die Frage lautet: Nimmt die Pflege die Gesundheitsförderung als Herausforderung an? Und: Wie lässt sich dies theoretisch und praktisch umsetzen?

Zur Entstehung des Begriffs Gesundheitsförderung

Die Anfänge der Entwicklung des modernen Gesundheitsbegriffs liegen im 19. Jahrhundert bei der Gesundheitsbewegung Public Health. Im angelsächsischen Raum waren hier vor allem die Universitäten Edinburgh, Schottland oder die Harvard University in den USA von Bedeutung.² Marc Lalonde, der kanadische Sozial- und Gesundheitsminister, brachte in den siebziger Jahren den Begriff Gesundheitsförderung auf. Sein Konzept konzentrierte sich auf umwelt- und verhaltensbedingte Faktoren sowie auf den Lebensstil, weniger auf medizinische Faktoren.

Bei der weiteren Etablierung des Begriffs Gesundheitsförderung kam der WHO eine Schlüsselrolle zu. Sie griff die Bewegung von Public Health und der Gesundheitserziehung auf und entwickelte den Begriff weg von der Krankheitsprävention hin zum Ziel einer allgemeinen Gesundheit und eines umfassenden Wohlbefindens. In diesem Zusammenhang prägte sie den Sammelbegriff »Gesundheitsförderung«, dessen Leitgedanke auf das Programm »Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000« aus dem Jahr 1978 zurückgeht.³

Etwas präziser wurde es 1986 mit der sogenannten Ottawa-Charta, in welcher der Begriff »Gesundheitsförderung« eng mit den Begriffen »Selbstbestimmung« und »Wohlbefinden« verknüpft wurde. Erstmals wurden hier auch »andere Mitarbeiter im Gesundheitswesen« thematisiert, ohne freilich genauer benannt zu werden.

Wesentlich eindeutiger wurde die Zuweisung von Gesundheitsförderung als Aufgabe der Pflege dann in einer weiteren WHO-Erklärung, nämlich in der Münchener Erklärung Anfang der neunziger Jahre. Kocks fasst die dort formulierten Ziele so zusammen, dass »den Pflegenden und Hebammen bei den gesellschaftlichen Bemühungen, die gewichtige Public-Health-Aufgabe unserer Zeit anzugehen und zugleich die Erbringung von hochwertigen, zugänglichen, effizienten und gegenüber den Bedürfnissen der Menschen aufgeschlossenen Gesundheitsdiensten sicherstellen, eine Schlüsselrolle zufällt, die zudem immer wichtiger ist.«

Wie bereits erwähnt, wurde auch in der Bundesrepublik Deutschland damit begonnen, die angesprochenen Schritte umzusetzen. Weiterentwickelt wurde der beschriebene Ansatz vom International Council of Nurses (ICN). Der ICN versteht die Grundsätze von Gesundheitsförderung und Prävention erstmalig als grundlegende Verantwortung von Pflegefachkräften, als ihren Aufgabenbereich. Seine Zielformulierungen sorgten dafür, dass entsprechende Grundlagen schließlich in der Praxis geändert wurden. Die beschriebenen Ziele fanden Eingang unter anderem in neuformulierte Ausbildungsziele in der Kranken- und Altenpflege sowie bei den Hebammen.

In den letzten Jahren wurden auch Modelle zur akademischen Erstausbildung implementiert – etwa an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. Die Fachhochschule Neubrandenburg begann im Wintersemester 2005/2006 mit einem grundständigen dualen Studium zum Berufsabschluss mit gleichzeitiger Bachelor-Qualifikation.

Die Fachhochschulen des Landes Hessen vermitteln schon seit Jahren die Pflegeausbildung in einer erweiterten Form; so kann an der Fachhochschule Frankfurt zusätzlich zum Diplomabschluss auch die Berufszulassung erworben werden. Einen anderen Weg geht die EFH Hannover mit einer Kooperation zu neun Pflegeschulen. Seit dem Sommersemester 2004 können Pflegeschüler/innen in einem fünfjährigen Programm hier den Berufsabschluss und den akademischen Titel »Bachelor of Arts« erwerben.

Die Vielzahl an Vorschlägen und Modellen ist kaum zu überblicken; eine systematische Vernetzung der Projekte scheint dringend nötig. Durch Betonung der Gesundheitsförderung in den ethischen Grundsätzen der Pflege wird die Bedeutung von Gesundheitsförderung für die Pflege in Deutschland auch vom Berufsverband DBfK⁶ betont. Nicht zuletzt die aktuelle Fassung des Krankenpflegegesetzes von 2004 mit ihrer Erweiterung der Berufsbezeichnung zum Gesundheits- und Krankenpfleger/in und ihren erweiterten Ausbildungszielen unterstreicht diese dynamische Entwicklung.

Kritisch zu bewerten bleibt, dass das neue Präventionsgesetz von 2005 Pflege noch immer als Gegensatz von Präventation begreift – nicht als Profession und schon gar nicht als Teil der Präventation. Dabei liegt die Bedeutung einer Verbindung von Gesundheitsförderung und Pflege auf der Hand. Verschiedene Autoren reduzieren Pflege längst nicht mehr auf die Bewältigung von Krankheit und Hilfebedürftigkeit, sondern erweitern ihre Aufgaben um die Förderung vorhandener Ressourcen;⁷ einige gehen sogar so weit, Gesundheitsförderung als grundlegende Aufgabe und integralen Bestandteil professioneller Pflege anzusehen.⁸ Betrachtet man den Bericht der Enquete-Kommision NRW zum Thema »Situation und Zukunft der Pflege in NRW«, so wird auch hier deutlich, dass Pflege nur in Verbindung mit Gesundheitsförderung zu einer echten ganzheitlichen Pflege werden kann.⁹

Pflegende als Berufsgruppe, als Aktive in der Praxis, sind gefordert, Information, Beratung und Schulung in Fragen der alltäglichen Versorgung zu übernehmen. Im Alltag ist keine andere Berufsgruppe dafür zuständig und auch keine andere dazu praktisch in der Lage. Eine funktionierende, eine tragende Beziehung zwischen Pflegenden und Gepflegten ist eine wichtige Ressource. Pflegende sind bei den Betroffenen präsent; sie kennen die Menschen und ihre Geschichte, sie können den richtigen Zeitpunkt für ein Gespräch erkennen, und sie sprechen die Sprache von Patienten und Angehörigen. Häufig werden Pflegende angesprochen, wenn Patienten die Ausführungen eines Arztes nicht verstanden haben.¹⁰ Schaut man sich die verschiedenen Modelle in der Pflege an, gerade in der Psychiatrie, so wird deutlich, dass in vielen Modellen die Stärkung der Selbständigkeit der Patienten (»Verselbstständigung«) längst ein Grundanliege ist.

Henderson spricht in diesem Zusammenhang von Funktionen und Handreichungen, »welche der Kranke selbst ohne Unterstützung vornehmen würde, wenn er über die nötige Kraft, den Willen und das Wissen verfügte«.¹¹ Auch Dorothea Orem integriert diese Aspekte in ihre Selbstpflegetheorie.¹²

Der wichtigste Grund für die Übernahme edukativer Aufgaben durch die Pflege liegt jedoch im Thema selbst: Es geht um Fragen der alltäglichen Versorgung von körperlichen, seelischen und sozialen Zusammenhängen. Hier beginnt der Ansatz der Psychoedukation.

1.2 Psychoedukation im Kontext psychiatrischer Pflege

Pflegerische Edukation in der Psychiatrie (Psychoedukation) ist nicht einheitlich definiert. Für den deutschsprachigen Raum trifft für mich die Definition der Arbeitsgruppe »Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen« am besten den Kern. Sie lautet wörtlich: »Unter dem Begriff der Psychoedukation werden systematische didaktisch-psychotherapeutische Maßnahmen zusammengefasst, die dazu geeignet sind, Patienten und ihre Angehörigen über die Krankheit, Behandlung und Lebensgestaltung zu informieren. Ziel ist das Krankheitsverständnis, den selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung, das Funktionieren in sozialen Rollen, die sozialen und materiellen Lebensbedingungen und die persönliche und geistige Erfüllung zu fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung und Steigerung der Lebensqualität zu unterstützen«.¹³

Der Begriff Psychoedukation wirkt wenig einladend. Er stammt ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum und hat sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum eingebürgert – sicher auch mangels überzeugender Alternativen. Im Ursprung bezieht er sich auf die Bedeutung psychotherapeutischer Grundsätze im Zusammenspiel mit Edukation, wobei Edukation (von engl. »education«) hier nicht etwa Erziehung oder Training meint¹⁴, sondern vielmehr Bildung oder Aufklärung.¹⁵ G. Pitschel-Walz formulierte in einem Vortrag zum Verständnis psychoedukativer Gruppenarbeit die Ziele von Psychoedukation folgendermaßen: »Eine moderne (…) Psychotherapie zielt immer darauf ab, die betroffenen Menschen wie die Personen ihrer Bezugsgruppe zu (…) Experten der jeweiligen psychischen Störung, Krankheit oder Behinderung zu machen. Das geht nur, wenn die Mitarbeiter[,] die hier therapeutisch arbeiten wollen, ihr Expertenwissen mit den Betroffenen maximal teilen. Das geht weiter nur, wenn (…) diese Mitarbeiter selbst ausgewiesene Experten in der (…) Behandlung psychischer Störungen, Krankheiten und Behinderungen sind.«¹⁶

Die Prämisse von Psychoedukation ist demnach eine doppelte: Professionell in der Psychiatrie Tätige haben, unabhängig von der Berufsgruppe, ein Expertenwissen, über das Betroffene nicht verfügen. Dieses Wissen stellen sie den Betroffenen vorbehaltlos zur Verfügung, und diese erhalten so die Chance, zu Experten ihrer eigenen Erkrankung zu werden. Dabei wird vorausgesetzt, dass Betroffene unabhängig von Psychoedukation bereits über eigenes subjektives Wissen und Erfahrungen im Umgang mit ihrer Erkrankung verfügen, die durch das Expertenwissen der Profis nicht ersetzt werden kann. Vielmehr werden beide Elemente idealerweise in ein gemeinsames Krankheitskonzept integriert, ergänzen einander. Patienten können natürlich nur dann Experten für ihre eigene Erkrankung werden, wenn sie sich mit dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung vertraut machen können und wenn sie zu dieser geistigen Leistung in der Lage sind.

Das skizzierte Ideal impliziert einen hohen fachlichethischen Anspruch, der seitens der Pflege ohne professionelle Fort- und Weiterbildung offenbar nicht zu erfüllen ist. Diese Voraussetzungen werden in der psychiatrischen Versorgungspraxis derzeit leider noch nicht erfüllt.

Subjektorientierung, ein wichtiges Element der Psychoedukation, entbindet psychiatrisch Tätige nicht von Ihren Pflichten als professionelle Experten. Dies schließt den Respekt vor den subjektiven Erfahrungen, Kenntnissen und Deutungen der Betroffenen keineswegs aus. Neben diesen Erfahrungen gibt es das professionelle Wissen. Es ist in Bezug auf viele psychische Störungen in den letzten Jahren stark angewachsen, ja förmlich explodiert, obwohl es immer noch deutliche Lücken aufweist. Betroffene haben ein Recht darauf, an diesem Wissen teilzuhaben. Und: sie sollten darüber entscheiden können, in welchem Umfang sie es tun.¹⁷

Empowerment von Psychiatrie-Erfahrenen schließt auch den freien Zugang zu Informationen ein. Gleiche Augenhöhe bedeutet gleichen Zugang zu Wissen und Fachwissen. Desinformation erzeugt Angst, Verunsicherung und Misstrauen, wie sich am Beispiel des fast hundert Jahre lang tabuisierten und stigmatisierten Schizophrenie-Begriffs zeigt. Psychiatrieerfahrene haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Konzepte und welches Fachwissen Professionelle in ihrer Arbeit anwenden. Auch ist es wichtig, dass psychiatrisch Tätige über begründete Konzepte und belegbares Wissen verfügen, sonst werden sie ihrer professionellen Aufgabe nicht gerecht – naives »Einfühlen« und so etwas wie blindes »Mitschwimmen« genügen nicht.

Pflegerisches Handeln, pflegerische Arbeit ist nicht erst seit der Gesundheitsreform bedeutenden Veränderungen unterworfen. Psychiatrie und psychiatrische Pflege befinden sich in ständiger Bewegung; mit der Psychiatrie-Enquete der siebziger Jahre begann ein tiefgreifender Veränderungsprozess, der bis heute andauert. 1975 übergab die Enquete-Kommission den Abschlussbericht an die damalige Gesundheitsministerin. Ihre Empfehlungen lauteten zusammengefasst folgendermaßen:

• Auf- und Ausbau eines bedarfsgerechten, gemeindenahen Versorgungssystems mit ambulanten und komplementären Diensten,

• Koordination und Zusammenarbeit innerhalb der Versorgungssysteme und Standardversorgungsgebiete,

• Aus- und Aufbau ambulanter Dienste und psychiatrischer Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern,

• Förderung der Aus-, Fort- und Weiterbildung,

• Vorrangige Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher und Alkohol- und Suchtkranker,

• Gleichstellung körperlich und seelisch Kranker in rechtlicher, finanzieller und sozialer Hinsicht. ¹⁸

Im Zuge des nun folgenden Umbruchs verschwanden große psychiatrische Anstalten, wurden Zug um Zug umgebaut. Die Aufgaben der beteiligten Berufsgruppen veränderten sich.

Menschenunwürdige Zustände, humane Mißstände in der Psychiatrie wurden erstmalig klar benannt. So heißt es in der verabschiedeten Fassung von 1975 schnörkellos und offen: »Die psychiatrische Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland ist in einem erbärmlichen Zustand«.

Durch umfangreiche, im Detail begründete Arbeit wurde hier erstmalig Gemeindeintegration gefordert. Auch wurde Versorgungsverpflichtung für alle Einrichtungen und das Recht des Patienten auf Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit als wesentlicher Bestandteil professioneller psychiatrischer Arbeit definiert.¹⁹ Das wirft natürlich die Frage auf: Wie wurde vor 1975 gearbeitet? Eine nicht ganz leichte Frage für eine neuere Generation von Pflegenden, die einen völlig anderen Ansatz hat, aber um Verständnis bemüht ist.

Die gestellten Fragen waren die Basis eines Prozesses, der fünfzehn Jahre andauerte, um endlich in klare Aufgabenverteilungen für die Berufsgruppen der psychiatrischen Pflege zu münden. Dass sich in der Medizin (Pflege ist ein Teil davon) Veränderungen mittelfristig in Jahren vollziehen, wird in diesem Prozess deutlich. Wir befinden uns nach wie vor mitten in einer Entwicklung, die weitere Veränderungen mit sich bringen wird. Die Psychiatrie mit ihren verschiedenen Richtungen spürt dies.

Die Gesundheitsreformen der letzten Jahre, eher Ergebnis ökonomischer als medizinischer Zielsetzungen, haben in der Psychiatrie für Unruhe gesorgt und Nervosität im Gesundheitssystem hervorgebracht. Dies bezieht sich nicht zuletzt auf Aufgaben und Kompetenzen der psychiatrischen Berufsgruppen. Der Bereich »Pflege« befindet sich hier einmal mehr in »guter Gesellschaft«. Als konsequente Folge der Psychiatrie-Enquete, des Modellprogramms Psychiatrie und der Empfehlungen der Expertenkommission entstand die 1990 verabschiedete Psychiatrie-Personal-Verordnung (Psych PV.). 1991 trat sie in Kraft.

In ihr wurden erstmals klare Regelaufgaben für die einzelnen Berufsgruppen formuliert, insbesondere für die Pflege. Auch die notwendige Anzahl von Stellen in den einzelnen Bereichen der Psychiatrie erhielt endlich eine konkrete Berechnungsgrundlage. Schädle-Deininger schreibt: »In der Qualität einer Rechtsnorm wird (…) umfassend ausgeführt, welche Aufgaben psychiatrische Krankenschwestern und Pfleger in welchem Umfang verrichten.«²⁰

Mit der neuen Psychiatrie-Personal-Verordnung (Psych-PV) wurde die Bedeutung von Pflege und die Verantwortung des Pflegepersonals deutlich gestärkt. Natürlich veränderten sich tradierte Haltungen und Gewohnheiten im Gesundheitssystem damit nicht unmittelbar; dennoch: Ein Prozess des Umdenkens begann, der Veränderung, der bis heute andauert.

Unter anderem wird in der Psychiatrie-Personal-Verordnung eindeutig Gruppenarbeit mit den Patienten als Aufgabe professioneller Pflege definiert. Diese Definition ist nicht nur eine Empfehlung, sondern hat den Charakter einer Rechtsnorm, sie ist verpflichtend. Das sollte Diskussionen über Aufgaben, Ziele und Kompetenzen von Pflege eigentlich überflüssig machen – leider sieht die Realität oft anders aus.

1.3 Aus der Praxis: Aufgaben psychiatrischer Pflege

Teilnehmer einer Fachweiterbildung für Psychiatrie beschreiben die Aufgaben und Ziele einer professionellen psychiatrischen Pflege spontan wie folgt:

• Achtung vor dem Leben,

• Begleitung, Mitfühlen, Verantwortung, Vertrauen, Hilfestellung zur Lebensgestaltung, Wecken von Ressourcen, Hilfestellung geben, professionelle Begleitung, Unterstützung, Förderung, patientenorientiertes Arbeiten,

• Ansprechpartner für Patienten, Smalltalk,

• Offenheit und Interesse für die Probleme und das Lebensumfeld des Patienten,

• Unterstützung in der Phase der Erkrankung, Förderung von Gesunderhaltung, Unterstützung der Selbstständigkeit des Patienten, Interesse am Menschen, der vor mir steht ohne Voreingenommenheit,

• Authentisch in der Beziehung sein, mit Wärme, Liebe und Empathie,

• Mit Humor den Patienten begleiten, stützen, ermutigen und damit seine Würde waren und schützen,

• Neugier lernen wollen, Antworten finden mit dem, was ich bin, »Positives überwiegt«,

• Interesse an Menschen mit ihren Eigenheiten, Bereitschaft, das eigene Verhalten zu reflektieren,

• Krisen und Krankheit verstehen, erkennen und diese als Entwicklungsgeschehen begreifen,

• Offenheit, Klarheit, Wissen, Empathie, Toleranz, Akzeptanz, Achtsamkeit, Menschlichkeit,

• Beziehung aufbauen, Entwicklung begleiten, Entscheidungen akzeptieren,

• Hilfe zur Selbsthilfe (Empowerment ²¹).

2. Grundlagen und Begriffe

2.1 Psychoedukation

Der Begriff Psychoedukation ist nicht einheitlich definiert; es gibt unterschiedliche Ansätze verschiedener Autoren. Auf dem Weg zu einer Definition führen Bäuml und Pitschel-Walz zunächst folgende zentrale Aspekte an:

• Psychoedukation ist eine systematische, didaktisch-psychotherapeutische Intervention für Patienten und ihre Angehörigen.

• Psychoedukation dient der Information zur Erkrankung und damit verbundener Behandlungsmaßnahmen,

• Psychoedukation dient der Förderung von Krankheitsverständnis und dem selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung,

• Psychoedukation dient der Unterstützung der Krankheitsbewältigung,

• Psychoedukation ist verhaltenstherapeutische Grundorientierung mit gesprächspsychotherapeutischen Elementen,

• Psychoedukation ist Informationsvermittlung,

• Psychoedukation ist eine Kombination mit einer situationsadäquaten emotionalen Entlastung. ²²

Daraus abgeleitet definieren die Autoren den Begriff »Psychoedukation« folgendermaßen: »Unter Psychoedukation werden systematische didaktisch-psychotherapeutische Interventionen zusammengefasst, um die Patienten und ihre Angehörigen über die Hintergründe der Erkrankung und die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen zu informieren, das Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Krankheit zu fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen«.²³

Die Arbeitsgruppe Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen unter der Leitung von Bäuml und Pitschel-Walz erweiterterte die Definition um ein paar Aspekte: »Unter dem Begriff der Psychoedukation werden systematische, didaktisch psychotherapeutische Maßnahmen zusammengefasst, die dazu geeignet sind, Patienten und ihre Angehörigen über die Krankheit, Behandlung und Lebensgestaltung zu informieren. (…) Ziel ist es, das Krankheitsverständnis, den selbstverantwortlichen Umgang mit der Krankheit, das Funktionieren in sozialen Rollen, die sozialen und materiellen Lebensbedingungen und die persönliche und geistige Erfüllung zu fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung und Steigerung der Lebensqualität zu unterstützen.«²⁴

Die Wurzeln der Psychoedukation liegen in der Verhaltenstherapie, wobei aktuelle Konzepte auch gesprächspsychotherapeutische Elemente einbeziehen, in unterschiedlicher Gewichtung.

Ullmann schlägt für Psychoedukation folgende Definition vor: »Im Rahmen einer möglichen Psychotherapie bezeichnet Psychoedukation denjenigen Bestandteil der Behandlung, bei dem die aktive Informationsvermittlung, der Austausch von Informationen unter den Betroffenen und die Behandlung allgemeiner Krankheitsaspekte und Lebensgestaltung im Vordergrund stehen.«²⁵

2.2 Haltung der Pflege zur Psychoedukation

Welche Haltung nimmt die Pflege gegenüber der Psychoedukation ein? Sie zeigt sich vor allem auf drei Ebenen: Die Haltung des Fachpersonals ist ressourcenorientiert, es setzt Methoden ein, um den Klienten dabei zu helfen, ihre Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen, und es schafft eine Atmosphäre, in der Wachstum der Betroffenen möglich wird.

Bei vielen Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen ist eine negative berufliche Prägung zu beobachten, die sich Klienten gegenüber in einer resignativen Grundhaltung ausdrückt. In gewisser Hinsicht ist diese Haltung nachvollziehbar: Da Fachpersonen viel mit langzeitkranken Menschen oder mit Menschen in akuten Krisen zu tun haben, laufen sie Gefahr, positive Entwicklungen nicht mehr wahrzunehmen. Das liegt nahe, denn psychisch kranke Menschen, denen es gut geht, suchen nicht um professionelle Hilfe nach. Dennoch ist diese Einstellung falsch und gefährlich, und vor allem ist sie unproduktiv, wenn es darum geht, sich der Herausforderung zu stellen, die moderne Psychoedukation bedeutet: »Pflege wird sehr zeitnah die Frage beantworten müssen, ob sie die Verantwortung, die mit der Psychoedukation verbunden ist, übernehmen will.«²⁶

Pflege

Mit Blick auf diese Herausforderung haben Mitarbeiter des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Basel und die Expertengruppe des Projekts Zukunft Medizin Schweiz an der schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften gemeinsam eine Definition für moderne Pflege erarbeitet. Sie ist Hintergrund dieses Buches und soll der psychoedukativen Arbeit insgesamt dienen. Ihre Kernpunkte lauten:

• Professionelle Pflege fördert und erhält Gesundheit, beugt gesundheitlichen Schäden vor und unterstützt Menschen in der Behandlung und im Umgang mit Auswirkungen von Krankheiten und deren Therapien mit dem Ziel, die bestmöglichen Betreuungs- und Behandlungsergebnisse sowie die bestmögliche Lebensqualität in allen Phasen des Lebens bis zum Tod zu erreichen.

• Professionelle Pflege richtet sich an den Menschen in allen Lebensphasen, an Einzelpersonen, Familien, Gruppen und Gemeinden, an Kranke und deren Angehörige sowie an Behinderte und Gesunde.

• Professionelle Pflege umfasst in einem Kontinuum Aufgaben zur Gesundheitserhaltung und -förderung, zur Prävention, in der Geburtsvorbereitung und Geburtshilfe, bei akuten Erkrankungen, während der Rekonvaleszenz und Rehabilitation, in der Langzeitpflege sowie in der palliativen Betreuung.

• Professionelle Pflege beruht auf einer Beziehung zwischen betreuten Menschen und Pflegenden, die geprägt ist durch sorgende Zuwendung, Einfühlsamkeit und Anteilnahme. Die Beziehung erlaubt die Entfaltung von Ressourcen der Beteiligten, Offenheit für die zur Pflege nötigen Nähe und die Festlegung gemeinsamer Ziele.

• Professionelle Pflege erfasst die Ressourcen und den Pflegebedarf der betreuten Menschen, setzt Ziele, plant Pflegeinterventionen, führt diese durch (unter Einsatz der nötigen zwischenmenschlichen und technischen Fähigkeiten) und evaluiert die Ergebnisse.

• Professionelle Pflege basiert auf Evidenz, reflektierter Erfahrung und Präferenzen der Betreuten, bezieht physische, psychische, spirituelle, lebensweltliche und soziokulturelle alters- und geschlechtsbezogene Aspekte ein und berücksichtigt ethische Richtlinien.

• Professionelle Pflege umfasst klinische, pädagogische und wissenschaftliche Aufgaben sowie Führungsaufgaben, die ergänzend von Pflegenden mit einer Grundausbildung und solchen mit unterschiedlichen Weiterbildungen, von Generalisten/Generalistinnen und Spezialisten/Spezialistinnen wahrgenommen werden.

• Professionelle Pflege erfolgt in Zusammenarbeit mit den betreuten Menschen, pflegenden Angehörigen und Mitgliedern von Assistenzberufen im multiprofessionellen Team mit Ärzten und Ärztinnen (verantwortlich für medizinische Diagnostik und Therapie) und Mitgliedern anderer Berufe im Gesundheitswesen. Dabei übernehmen Pflegende Leitungsfunktionen oder arbeiten unter der Leitung anderer. Sie sind jedoch immer für ihre eigenen Entscheidungen, für ihr Handeln und Verhalten verantwortlich.

• Professionelle Pflege wird sowohl in Institutionen des Gesundheitswesens als auch außerhalb, überall, wo Menschen leben,

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