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Noch gut davongekommen: Kriegs- und Nachkriegsjahre

Noch gut davongekommen: Kriegs- und Nachkriegsjahre

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Noch gut davongekommen: Kriegs- und Nachkriegsjahre

Länge:
472 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 9, 2016
ISBN:
9783990484135
Format:
Buch

Beschreibung

Gerhard Eberstaller schildert in diesem autobiografischen Werk seine Erinnerungen an die oft aufregenden Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegsjahre inmitten einer teilweise exzentrischen Familie.

Er verbringt unbeschwerte Kindheitstage in Bad Vöslau auf einem alten Weingut. Als Vierjähriger erlebt er die Besetzung Österreichs durch das Deutsche Reich. Mit Kriegsbeginn verändert sich einiges, und ab 1943 häufen sich die Fliegerangriffe. 1945 begibt sich die Familie auf eine abenteuerliche Flucht vor der Roten Armee und entrinnt nur knapp dem Tod.
Später kehren sie in das zerbombte Wien zurück, und der Junge erlebt Kälte und Hunger - doch er entdeckt auch sein Faible für Tanzmusik und gründet eine eigene Jazzband. Es folgt die erste große Liebe, und auch dem Theater und der Literatur gehört nun sein Herz.
Wohin wird ihn sein Lebensweg noch führen, und wohnt dem Neuanfang auch hier ein Zauber inne?
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 9, 2016
ISBN:
9783990484135
Format:
Buch

Über den Autor


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Noch gut davongekommen - Gerhard Eberstaller

Bibliographie

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2016 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99048-412-8

ISBN e-book: 978-3-99048-413-5

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfotos: Jodielee | Dreamstime.com, Gerhard Eberstaller

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Gerhard Eberstaller (10)

www.novumverlag.com

Kapitel I.

Frühe Kindheitstage in Vöslau.

Goldeck, Weingut der Familie Schlumberger, 34 Kilometer südlich von Wien, in Bad Vöslau gelegen, pulsierte teilweise noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts voller Leben. Florierte hier doch der Kellereibetrieb, zumal sich noch zahlreiche Weingärten im familiären Eigentum befanden. Zudem wurde Goldeck von einer weitverzweigten Familie bewohnt, die in verschiedenen Teilen des Hauses logierte. Die weitverzweigte Familie fand sich nahezu täglich um etwa 13 Uhr zum gemeinsamen Mittagessen ein. Kurz zuvor trat die Köchin mit einer großen Glocke vor das Portal der großelterlichen Wohnung und begann, diese Glocke kräftig zu schütteln, so daß das Geläute in allen drei ineinandergehenden Höfen des ebenerdigen, in Schönbrunner Gelb gehaltenen Gebäudes zu hören war.¹)

Bei diesen Mittagessen herrschte fast immer eine leichte Spannung, denn die meisten Mitglieder der Familie waren unruhige Menschen. Zwei Teilnehmer kamen häufig zu spät. Dies trotz des lauten und eindringlichen Geläutes und trotz des Umstandes, wonach der Beginn des Mittagessens, von geringfügigen Zeitverschiedenheiten abgesehen, stets der gleiche war. Die Spätlinge waren Onkel Gusti, der Bruder meiner Großmutter mütterlicherseits, und Tante Ida, seine Frau. Sie kamen nicht etwa zur gleichen Zeit zu spät. Nein, Onkel Gusti kam zuerst und Tante Ida ungefähr 15 Minuten später. Die Großeltern waren darüber jedesmal erbost und gaben ihrem Unmut lautstark Ausdruck. „Ist das denn wirklich notwendig, wo Ihr doch gar nichts zu tun habt", so oder so ähnlich äußerte sich Großmama fast immer und Großpapa reagierte noch viel unfreundlicher. Schon im Vorschulalter hatte ich erfahren, dass die ständige Verspätung seit vielen Jahren zum Lebensstil der beiden gehörte.

Ida, Tochter des Klavierfabrikanten Ebenstein, hatte seinerzeit in die Heirat mit Gusti nur unter der Bedingung eingewilligt, daß dieser keinem Beruf nachgehe und nicht arbeite. Möglich gemacht wurde dies durch ihr ererbtes, sehr beachtliches Vermögen. So hatten Gusti und Ida auch durch etliche Jahre das Palais Rothschild in Wien in der Reisnerstraße gemietet und zahlreiche Bedienstete beschäftigt, von denen einem keine andere Aufgabe übertragen war, als für die Toilette der Hunde zu sorgen – er badete, kämmte und bürstete sie. Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, der allzu großzügige Lebensstandard der beiden und die Spielleidenschaft von Onkel Gusti, der wiederholt nach Monte Carlo gefahren war, hatten das Vermögen allmählich bis auf den Nullpunkt dezimiert. Ende der Dreißiger Jahre waren sie bereits arme Leute, die im wesentlichen von den Großeltern erhalten wurden.

Während die übrige Familie die Suppe einnahm und Gusti und Ida noch fehlten, hatte ich im Laufe der Zeit so manches aus deren Leben erfahren. So, daß sie einst in der Hofoper eine Loge für jeden zweiten Tag gemietet hatten. Sei es, daß sie sich erst im letzten Moment daran erinnerten, sei es, daß sie keine Lust auf eine bestimmte Aufführung verspürten oder daß Ida mit der Toilette für den Abend nicht fertig wurde – wiederholt hatte häufig ein hastiges Herumtelefonieren knapp vor der Zeit eingesetzt, um die Opernsitze anderen Familienmitgliedern oder Freunden oder Bekannten anzutragen. Oft, so hörte ich auch, war Ida, die noch lange über die Jugendjahre hinaus als sehr schöne Frau galt, stundenlang in ihrem Toilettezimmer gesessen, hatte sich Wimpern ausgezupft und dabei auch manchmal ein wenig vor sich hingeweint. Es hieß, sie sei schwermütig, ein Zustand, der in der Gesellschaft weitgehend akzeptiert und nach deren Ursachen oft nicht weiter gefragt wurde.

Wenn Onkel Gusti als erster zu spät zum Essen kam, erzählte er öfters, daß Ida zwar schon um acht Uhr aufgestanden, aber mit dem Anziehen noch nicht ganz fertig geworden wäre. Wenn dann Tante Ida schließlich erschien, waren die anderen meist schon inmitten des zweiten Ganges.

Bei diesen lebhaften Mittagessen redeten die meisten viel und laut. Ausgenommen die Mutter von Großmama,²) Otschi genannt, die sich zwar bisweilen nachdrücklich zu Wort meldete, aber mit sanfter, wenn auch bestimmter Stimme sprach. Sie war die Tochter des Schauspielers Wilhelm Knaack, der als Charakterkomiker vor allem durch sein gemeinsames Auftreten mit Nestroy auch heute noch nicht ganz vergessen ist. Die langjährige Wirkungsstätte Knaacks, das Carl-Theater³) in Wien, in der Praterstraße, die bis 1862 den Namen Jägerzeile trug, tauchte denn auch immer wieder in schwärmerischen Erzählungen, vor allem von Großmama, auf.

Wilhelm Knaack, in Rostock als Sohn eines Kapitäns und einer irischen Reeders-Tochter geboren, hatte schon als Kind Eltern und Großeltern verloren, seine älteren Brüder waren, wie auch sein Vater, bei einer Seereise ertrunken. Er lebte bei Verwandten und brannte eines Tages mit einer wandernden Schauspielertruppe durch. Nach etlichen Wanderjahren war er an das Friedrich Wilhelm Städtische Theater in Berlin gekommen, wo er von Heinrich Laube, damals Direktor des Wiener Burgtheaters, entdeckt wurde. Laube beabsichtigte, ihn dorthin zu engagieren und empfahl ihm, zur Verfeinerung seiner Charakterkomik und seiner Sprechtechnik vorerst noch an das Deutsche Theater in Prag zu gehen. Nestroy, der Knaack in Prag gesehen hatte, war Laube dann zuvorgekommen und holte ihn an das Carl-Theater, wo er durch 25 Jahre und in einer zweiten Periode nochmals durch sechs Jahre in einer übermäßig großen Anzahl von Komödien, Possen, Schwänken, Singspielen und Operetten brillierte.

Knaack hatte nie gewollt, daß ihn seine Familie auf der Bühne sehe, ja, hatte es ihr sogar verboten. Die Familienmitglieder hielten sich aber nicht daran und gingen mehr oder weniger heimlich ins Carl-Theater. Großmama erzählte durch Jahre hindurch immer wieder von Knaacks Auftritten und schrieb auch in Zeitungen über ihn. Mehrmals berichtete sie von einer Aufführung, in der mein Ururgroßvater einen chinesischen Zauberkünstler darstellte und als solcher auch verschiedene Zauberkunststücke vorführte, zu welchem Zweck er bei einem Illusionisten Unterricht genommen hatte. Ihre Schilderungen waren so lebhaft, daß ich den Ururgroßvater deutlich vor mir sah, mit einem langen Zopf, einem schwarzen Käppchen und einem leuchtendblauroten Kostüm, wie er geheimnisvoll Ringe miteinander verband und wiederum löste, weiße Tücher durch eine Rolle zog, an deren Ende sie dann in den verschiedensten Farben herauskamen oder aus einer kleinen Schatulle, die er immer wieder leer vorzeigte, mehrere Blumensträuße und einige Damenkörbchen hervorholte.⁴)

Besonderen Eindruck hinterließen bei Großmama aber auch die Reden, die der Ururgroßvater scheinbar in lateinischer Sprache hielt. An sich konnte er nur wenige Brocken Latein, da er den Besuch des Gymnasiums vorzeitig abgebrochen hatte, um sich der wandernden Theatertruppe anzuschließen. Er verstand jedoch das Lautmalerische und die Syntax derart täuschend nachzuahmen, daß viele vermeinten, der Deklamation einer Rede von Cicero oder Sallust beizuwohnen. Im langgezogenen Vöslauer Speisezimmer mit seinen dunkelroten Tapeten und seinen dunkelrot gepolsterten Stühlen hing auch ein Porträt Knaacks, der durch ein Monokel – wie es mir schien – etwas belustigt auf die laute Tischgesellschaft herabblickte.

Die Größe der Tischgesellschaft wechselte. Zum Stammstock, zu dem meine Großeltern Schlumberger, die Urgroßmutter, Onkel Gusti und Tante Ida, meine Mutter, deren um ein Jahr ältere Schwester Liesi und bisweilen auch deren Mann Josef, oft auch die um ein paar Jahre jüngere Schwester Lotte und deren Mann Wolfgang zählten, kamen fallweise noch andere Familienmitglieder hinzu. Zu ihnen zählte mein Vater, der damals Hofrat im Unterrichtsministerium war und meist nur zum Wochenende in Vöslau erschien. Ferner die Kinder von Tante Ida und Onkel Gusti, die Tochter Susi und die Söhne Georg und Franzl, sonach also Cousine und Cousins meiner Mutter. Dazu stießen noch wiederholt Gäste, meistens entfernte Verwandte oder Freunde der Familie. So saßen bisweilen 10 bis 15 Personen bei Tisch. Der Großvater, Firmengesellschafter und promovierter Jurist, und mein Vater, gleichfalls promovierter Jurist, diskutierten hauptsächlich über aktuelle politische Geschehnisse, was dann in der Zeit des Dritten Reiches oft unangenehme Formen annahm. Davon später. Jedenfalls nahm der Großvater, von den Familienmitgliedern je nachdem meist Papschi, Otti oder Onkel Otti genannt, eine dominierende Stellung ein, was auch bei der Mittagstafel sehr deutlich zutage trat. So räsonierte er häufig beim Essen, das Fleisch war entweder zu viel oder zu wenig „durch", die Köchin eine blöde Gans und der Fleischhauer ein Haderlump. Oder die Torte, die ihm ansonsten ausgezeichnet schmeckte, hatte nicht die richtige Farbe, ihr Braun war zu hell oder zu dunkel, oder was auch immer. Am kritischsten war er freilich bei der Suppe, die seiner Meinung nach kaum je richtig gewürzt war. Obwohl ansonsten ein Herr mit grandseigneuralen Umgangsformen, schlürfte er diese Suppe mit großer Lautstärke, was von meiner Großmutter, die ansonsten sehr empfindlich auf jede Form schlechter Tischsitten reagierte, mit stoischer Ruhe hingenommen wurde. Mit dichtem schneeweißen Haar und Schnurrbart war Großpapa eine stattliche und elegante Erscheinung und Großmama sah man an, daß sie weit über ihre Jugend hinaus eine sehr hübsche Frau gewesen war.

Zumal im Vorschulalter war ich, oft zur leichten Verzweiflung der Familie, ein extrem langsamer Esser. Um die Speisen länger warm zu halten, hatte ich spezielle Teller, deren Tellerboden mit einem Hohlraum ausgestattet war, in den warmes Wasser eingefüllt wurde. Waren die Suppen allerdings zu heiß, dann wurden sie auf einen anderen Teller umgefüllt, was mitunter einige Male hin und her ging.

Jeder Teilnehmer am Mittagstisch besaß eine eigene Serviette mit Serviettenring, nur Gäste mußten mit einer ringlosen Serviette, die auch nicht gerollt, sondern gefaltet wurde, vorliebnehmen. Der einzige vergoldete Serviettenring war Großpapa zugedacht, auf diesem Ring stand „Liesi. Tante Liesi selbst hatte einen silbernen Serviettenring mit dem eingravierten Namen „Otti, und so unlogisch das war, die Ringe wurden nie getauscht. Bei den übrigen, ebenfalls versilberten Serviettenringen war die Übereinstimmung mit dem Namensträger stets gegeben. So etwa „Mitzi für meine Großmutter, die Marie hieß, „Gustav für Onkel Gusti und „Ida für Tante Ida. Einige mußten mit Serviettenringen ohne Namen vorliebnehmen, sie hatten lediglich Sternchen eingraviert. Der einzige Serviettenring in Holz war der meine und auf ihm stand „Gerhard.

Was gegessen wurde, bestimmten im wesentlichen die Großeltern, wobei meist der Großvater das letzte Wort hatte. Er interessierte sich im besonderen auch, bei wem gekauft wurde und welche Lieferanten ins Haus kamen. Deren gab es etliche. Einer davon, der allerdings nur hin und wieder auftauchte, war der Krebsenmann, so geheißen, weil er Krebse fing und verkaufte. In der Eingangshalle zur großelterlichen Wohnung, kurz „die Halle" genannt, stand dann ein Bottich voll von Blättern. Und zwischen diesen Blättern bewegten sich etliche Krebse. Mit ihren langen Scheren haben sie auf mich immer unheimlich gewirkt, und manchmal schien es mir, als ob sie mich böse ansehen würden. Krebse spielten auch in dem einen oder anderen Kinderbuch eine Rolle, und ich erinnere mich noch gut an eines, das von einem Teddybären handelte, der von zu Hause ausgerissen war. Auf seiner Wanderung war er auch zu einem Fluß gekommen und hatte darin gebadet, wobei ihn ein Krebs kräftig in die Nase und einige andere in die Füße gezwickt hatten.

Der Krebsenmann fing seine Beute in den Teichen „hinter der Bahn", einer Landschaft von pannonischem Charakter, mit Kohlfeldern, einigen Ziehbrunnen und der Anziehungskraft der Weite. Tümpelig und ein wenig düster sind diese auch heute noch existierenden Teiche, voll von wuchernden Blattpflanzen und umgeben von einem dichten Gebüschgürtel. Hier, so erzählte er, ginge er bei Morgengrauen mit langen Stiefeln ins Wasser, um seine Fänge zu tätigen.

Wenn ich auch die Krebse nicht mochte, so tat mir deren Tötung doch leid. Die Köchin nahm sie und warf sie in einen Topf mit siedendheißem Wasser, Salz und Kümmelbeutelchen, wo sie rasch ihre grünliche Farbe verloren und grellrot wurden. Geschmeckt haben sie mir nicht und ich fand es mühsam, sie zu essen, was ich auch fast immer vermied. Das Schneiden und Abheben des Panzers, das Herumfummeln mit dem Krebsenmesser, das Knacken der Scheren, das Saugen und Schlürfen widerte mich an.

Es gab auch sehr erfreuliche Tischerlebnisse, wie die Begebenheit mit dem Zwergei, der im nachhinein etwas Unwirkliches anhaftet.

Schon frühzeitig interessierte ich mich lebhaft für Tiere. Gegenüber der Haupteinfahrt zum Goldeck befand sich ein Haus mit einem großen Geflügelhof. Weiße, schwarze und rötlichbraune Hühner torkelten hier herum oder scharrten im Boden. Hin und wieder beutelte der Hahn die eine oder andere Henne, die das demutsvoll über sich ergehen ließ. Weiters gab es Perlhühner mit ihren kräftigen Schnäbeln und den lichten Flecken auf ihrem dichten schwarzgrauen Gefieder sowie etliche Zwerghühner. Gänse rannten meist angriffslustig von einer Seite auf die andere und in einem kleinen Bassin schwammen einige weiße Enten oder putzten an seinem Rand ihr Gefieder. Ein mächtiger Truthahn, von einigen Truthennen umgeben, war meist Zielscheibe unseres Spottes. Wenn ich mit Spielgefährten vorüberging, spürten wir immer das Verlangen, den „Pockerl zu ärgern und riefen laut „Jujujujuju, worauf sein blauroter Kamm mächtig anschwoll. Schließlich stolzierte sogar ein Pfau herum, der in unserer Gegenwart allerdings nie ein Rad schlug, so sehr wir uns das wünschten.

Als nun einmal beim gemeinsamen Abendessen das Gespräch auf diesen Hühnerhof kam, sagte ich, daß ich doch gar zu gerne wüßte, wie das Ei eines Zwerghuhnes aussehe und schmecke. Da meinte mein Großvater, dies könne ich gleich ausprobieren. Er klatschte in die Hände, die Türe öffnete sich und das Stubenmädchen, das auch servierte, brachte in einem silbernen Eierbecher ein kleines Ei, das zudem noch rot gefärbt war. So hatte sich mein Wunsch auf für mich unerklärliche Weise erfüllt.

Nach dem familiären Mittagessen war der „Schwarze Kaffee bei Ida und Gusti quasi obligat. Zu diesem Zweck begab sich meist die ganze Tischgesellschaft in deren Wohnung in den dritten Hof. Gusti und Ida hielten sich zu dieser Zeit drei Hunde, Pearl, Pinka und Duschi, alle drei waren Cocker-Spaniels. Die graue Pinka war ziemlich schlank, die weiße Pearl viel zu fett und die ebenfalls graue Duschi schon uralt. Alle hatten sie triefende Augen und stanken erbärmlich. Der Gestank hatte sich in das Gemäuer förmlich eingefressen und schlug einem beim Betreten der Wohnung auch in Abwesenheit der Hunde entgegen. Aber Gusti und Ida liebten ihre Hunde heiß und waren offensichtlich gegenüber dieser Ausdünstung völlig immun. Gusti, der von sich behauptete, ganz unmusikalisch zu sein und neben dem Donauwalzer und dem Radetzkymarsch nur ein Musikstück zu erkennen, nämlich die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen, erwähnte wiederholt, daß auch Duschi die Barkarole sofort erkenne und sie besonders liebe. Er selber müsse dann immer wie ein Hund dazu heulen und wolle unbedingt, daß die Barkarole dereinst bei seinem Begräbnis gespielt werde. Wozu es dann nicht kam, aus mir nicht bekannten Gründen.

Im Zimmer, in dem der „Schwarze Kaffee" eingenommen wurde, stank es sehr viel weniger als in den übrigen Räumen – die Hunde hatten hier keinen Zutritt. Zudem rauchten die meisten der Herren Zigarren und einige der Damen Zigaretten. Auch roch der Kaffee sehr intensiv und sehr angenehm, und während sich der Raum immer mehr mit blaugrauen Wolken füllte, wurde lebhaft und laut und oft auch durcheinandergeredet. Wenn auch meist ohne jenen, manchmal beim Mittagessen aufkommenden leicht aggressiven Tonfall. Die Verdauungsphase und die Behaglichkeit der Fauteuils wirkten ganz offensichtlich dämpfend.

Onkel Gusti, lang, dünn und schmalbrüstig – er war in seiner Jugend schwer lungenkrank gewesen – war ein überaus amüsanter Gesellschafter, der immer viel zu erzählen wußte. Aber auch Tante Ida, zart und schwarzhaarig, trug viel zur Konversation bei.

Gesprächsthemen waren vorzugsweise die Politik, die Oper und die Verwandtschaft, die eine Reihe von recht sonderbaren Exemplaren aufwies. So erzählte Gusti gerne von seinem Cousin Walter Preyss, der vordem diese Wohnung bewohnt hatte. Eigentlich stimmte das nur bedingt, denn er hatte in einem grünen Holzwagen logiert. Walter Preyss (Walter Preyss Ritter von Steinbühl), Doktor der Medizin, der den Beruf aber nur zeitweise ausübte, fürchtete sich zeitlebens vor einer durch Tapeten hervorgerufenen Arsenvergiftung infolge des Schweinfurter Grün.⁵) Dies war der Grund, daß er in seinem im Garten stehenden Wohnwagen schlief, von dem er eine Art Brücke in seine Wohnung hinüberlassen konnte. In der Wohnung selbst lebte seine dicke Haushälterin Paula, die er später heiratete. Dick war auch sein braunes Pferd, das er zeitweise vor den Wagen spannte, um Ausflüge zu machen. Da saß er dann am Fenster und schoß mit dem Gewehr auf Vögel und Katzen. Manchmal, so erzählte Onkel Gusti, schoß er auch auf seine Socken, die er an einer quer durch den Wagen gespannten Schnur aufgehängt hatte, und schoß so lange, bis diese Socken ganz durchlöchert waren. Walter Preyss ließ sich zu meiner Zeit in Goldeck nicht mehr blicken, er war nach Grillenberg bei Berndorf gezogen, wo er Topinambur⁶) anbaute, eine Heilquelle gegen Rheumatismus entdeckte und gelegentlich eine seltsame Karte schickte.

Von Jagd war in der familiären Konversation gelegentlich auch die Rede, eine große Rolle spielte sie aber nicht. Allerdings wurde ich einmal zu einem „Jagderlebnis genötigt, das mich sehr traurig stimmte und dessen Motivation mir als Kind unverständlich war. „Komm mit mir jetzt, sagte eines Nachmittages der Großvater und holte sein Gewehr aus dem Kasten, „wir schießen die Katze. Ich weiß nicht mehr, ob es sich um eine bestimmte oder um irgendeine Katze handelte. Der Großvater ging mit mir in den Teil des Gartens, in dem sich der „Wagenschupfen befand, ein nach einer Seite hin offenes, langgestrecktes, aus Holz errichtetes Gebäude mit Seitenwänden aus Ziegeln, in dem Pferdewagen und -schlitten abgestellt waren. Etwa 5 bis 6 Meter von der einen Seitenwand entfernt, riß er das Gewehr von der Schulter und feuerte einen ohrenbetäubenden Schuß ab. Ohne daß ich dessen so recht gewahr geworden war, hatte er eine getigerte Katze erschossen. Sie lag auf dem Rücken und hielt ihre Pfoten wie hilfesuchend vor sich hin. „Du, Du", drohte ihr der Großvater noch mit dem Finger und ging dann mit mir wieder zurück. Der Vorfall beunruhigte mich noch lange.

Manchmal, wenn die Tischgesellschaft bei Ida und Gusti den schwarzen Kaffee einnahm, klopfte es an der Türe und der Ferdinand trat ein und fragte nach dem „Herrn Doktor, meinem Großvater. Der Ferdinand war eine Art Hausfaktotum und beherrschte eine ganze Reihe nützlicher Tätigkeiten. Er war Kellermeister, aber er reparierte auch elektrische Leitungen und verstopfte Klosetts, heizte im Winter die Öfen, schaufelte Schnee, hackte Holz und chauffierte die Familie herum. Er grüßte jedes Mal, wenn man ihm im Laufe des Tages begegnete und das geschah oft einige Dutzend Male. Dann strahlte sein rundes Gesicht mit der knolligen Nase, die im Laufe der Zeit immer röter wurde. Ging man durch den Hof, stand der Ferdinand möglicherweise auf einer Leiter, um irgendetwas zu reparieren, und rief dann sogleich „Gudn Tag. Und wenn er fünf Minuten später in der Wohnung erschien, um irgendetwas zu bringen oder zu holen, dann hörten wir ihn schon vor der Tür „Gudn Tag rufen. Er war Jahrzehnte auch der Hausmeister, und der Großvater nannte ihn häufig den „Maiordomus. Jahrzehnte, in denen er sich nicht sonderlich veränderte, er blieb quasi unbestimmten Alters. Begonnen hatte er im Hause – aber das kannte ich nur aus Erzählungen – als Wasserträger für die Klosetts. Das war in den 20er Jahren, als die sogenannten englischen WCs noch nicht in allen Wohnungen des Hauses installiert waren. Ferdinand war übrigens früher auch Mitglied des Kurorchesters von Vöslau gewesen, wo er abwechselnd Geige und Trompete bzw. Flügelhorn gespielt hatte. Oft fragte ich ihn: „Was haben Sie denn da gespielt, Ferdinand?, und er antwortet meist, die Ouvertüre zu „Orpheus in der Unterwelt, wobei er Orphe-us sagte, und „Die Mühle im Schwarzwald⁷), eines jener vielen Charakterstücke, die zum gängigen Repertoire der Kurorchester gehörten. Ferdinand bewohnte mit seiner Frau und seinem Sohn Kurt im mittleren der drei Höfe eine verhältnismäßig große Wohnung, die im Laufe der Zeit noch erweitert wurde, während andere zum Gesinde gehörende Familien auf sehr engem Raum hausten. So der Gärtner Slavik, dem mit seiner Frau und seiner Tochter Frieda nur zwei Räume von insgesamt etwa 20 Quadratmetern zur Verfügung standen. Der eine Raum war die Küche, in der auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. und von ihr führte eine Stufe in den Hof. Der andere Raum war das Schlafzimmer, dessen Fenster in den Garten blickten, der an dieser Stelle mit dichtem Gebüsch bewachsen war, so daß nur wenig Licht hereinströmen konnte. Es roch auch immer etwas muffig in diesen Räumen, dazu mischten sich noch die Gerüche der Küche, waren doch Kohl, Kraut und Einbrennsuppe oft wiederkehrende Speisen. Herr Slavik war angeblich ein Zigeuner⁸) und sein Aussehen sprach auch dafür – ein leicht bräunlicher Teint, schwarze Haare und ein schwarzer Schnurrbart. Seine kleinere Frau hatte schon in jüngeren Jahren ein grantiges Gesicht, und wenn von ihr in der Familie beim Mittagstisch die Rede war, dann fielen meist Ausdrücke wie „gemeines Luder und dergleichen, ohne daß dies in irgendeiner Weise begründet wurde. Die unhübsche Tochter Frieda, in der Zeit knapp vor dem Zweiten Weltkrieg ca. 12 Jahre alt, galt als debil, und unter uns Kindern hieß es, sie sei deppert und schneuze sich in Klopapier Eine Toilette gab es in dieser Wohnung nicht, die Insassen mußten das sogenannte Arbeiterklo benützen, das im mittleren Hof etwa 40 Meter von der Wohnung entfernt gelegen war. Es war ein eigener kleiner Gebäudeteil, in dem sich mehrere hölzerne Kabinen mit sogenannten Plumpsklos befanden, und in dem es penetrant nach Urin stank, der sich in das Gemäuer förmlich eingefressen hatte. Der Boden war mit Ziegeln gepflastert und uneben und der Raum auch während des Tages ziemlich finster.

Neben der „Slavik-Wohnung lag die „Wirth-Wohnung, ihr an Kleinheit und Ausstattung ebenbürtig. Hier hauste der Kutscher Wirth mit seiner Frau Julie und seiner rothaarigen Tochter, ebenfalls mit Namen Julie. So nannte sie aber nur ihre Familie, für uns Kinder war sie die Ullala, wobei ich nicht sagen kann, wie der Name zustande gekommen war. Manchmal wohnten zeitweise auch noch Verwandte dort, so daß das kleine Schlafzimmer bisweilen fünf bis sechs Personen beherbergte, was den Großvater zu der Bemerkung veranlaßte „die paarln sich untereinander und vermehren sich wie die Karnickeln".⁹)

Mit Herrn Wirth am Kutschbock unternahmen die Großeltern und das eine oder andere Familienmitglied fallweise an Sonntagen Ausflüge in einem Zeiserlwagen. Unsere Pferde hießen Feige und Rositta. Ersteres war ein oft recht unruhiger Falbe mit schwarzer Mähne, das zweite fuchsfarben, sehr gutmütig und fast blind. Da ich auf den Geruch von Pferden mit einer Allergie reagierte, die sich in stundenlangem Niesen und einem geschwollenen Kopf äußerte, waren diese Ausflüge für mich immer etwas belastend.

Goldeck ähnelte einer kleinen Stadt, in der alles seinen mehr oder weniger gewohnten Gang ging. Auch außerhalb des Bereiches des Betriebes, von dem man im ersten Hof, wo der Großteil der Familie wohnte, außer dem zeitweisen Klirren von Flaschen aus dem Keller und dem Geräusch ein- und ausfahrender Pferdewagen nicht allzu viel merkte.

Ein- bis zweimal pro Woche erschien vormittags der „Eismann" mit einem von zwei Pferden gezogenen, geschlossenen dunkelgelben Wagen. Wenn er die Türe des Wagens öffnete, sah man die Eisblöcke aufeinandergeschichtet liegen. Dann legte er sich ein Tuch auf die Schultern und trug einige der Eisblöcke zu unserem großen braunen Eiskasten, um sie dort hineinzulegen. Vormittags kam auch meistens Herr Slavik, um nachzufragen, welches Gemüse er bringen solle. Im Gemüsegarten wurden in Beeten Weißkohl und Karfiol, Kopfsalat und Spinat, Gurken und Kohlrabi, Radieschen, weiße und schwarze Rettiche und manch anderes angebaut. Brachte Herr Slavik Erbsen aus dem Garten, dann half ich manchmal der Köchin und dem Stubenmädchen beim Auslesen, und ließ mir dabei Geschichten erzählen. Häufig wurde Erbsensuppe gekocht, in die oft kleine Wurststückchen geschnitten wurden, die ich meist herauspickte, bevor ich die Suppe zu löffeln begann.

Der Obhut von Herrn Slavik und seiner Frau unterstanden auch zwei Glashäuser, in denen Topfpflanzen wie Pelargonien und Hortensien gediehen und Schnittblumen, aber auch Gemüsepflanzen wie z. B. Tomaten – wir sagten ausschließlich Paradeiser – gezogen wurden. In beiden Glashäusern gab es auch jeweils ein kleines Wasserbecken, in dem hin und wieder ein Frosch, aufgeschreckt durch die Schritte der Vorbeigehenden, hastige Schwimmtempi vollführte.

Die Lebensmittelkäufe wurden, was das Fleisch betrifft, meist bei Herrn Stahl, was Brot, Teigwaren, Molkereiprodukte, Gewürze anlangt, bei Frau Grabner getätigt, deren Geschäfte vis à vis an zwei Enden einer Straße gelegen waren. „Der Stahl, wie er kurzweg genannt wurde, sah so aus, wie sich viele einen Fleischhauer vorstellen, er war breitschultrig, von mittlerer Statur und hatte ein rotes, aufgedunsenes Gesicht. Zusätzlich zu seinem Fleischerladen besaß er noch eine Gastwirtschaft, die räumlich daran anschloß. Frau Grabner, eine ältere grauhaarige Frau mit Brille und kummervollem Gesicht, bediente stets zusammen mit ihrer ziemlich häßlichen Tochter Olga, die undefinierbaren Alters war und immer säuerlich dreinsah. „Olgerl, bring den Herrschaften die Butter oder „Olgerl, bring den Herrschaften den Käse, so oder so ähnlich wies Frau Grabner ihre Tochter jedesmal an. Das Olgerl hatte eine verkrüppelte rechte Hand, was neben ihrer etwas beschränkten Auffassungsgabe dazu beitrug, daß die Bedienung sehr langsam vor sich ging. In der Familie wurde sie nur als das Olgerl mit dem Krebshanderl bezeichnet. Das Geschäft der Grabners war ein richtiger alter Gemischtwarenladen, in dem es immer ein wenig muffig roch, er war vollgestopft mit Käseglocken und Glasbehältern mit in buntes Papier eingewickelten „Zuckerln, mit blaugrauen Papiersäcken und roten Büchsen mit goldenen Lettern. Draußen vor dem Geschäft waren etliche Metallschilder angebracht, auf denen für verschiedenste Produkte geworben wurde, wie z. B. für die Waschmittel Persil oder Henko, oder für Meinl-Kaffee, mit dem einen Fez tragenden kleinen Mohren.

Herr Stahl kreuzte auch im Goldeck auf, und zwar dann, wenn es ans Sauschlachten ging, das geradezu in einem zeremoniellen Rahmen ablief. Tags zuvor ging ich am Nachmittag mit dem Kindermädchen in den Stall, um mich vom Schwein zu verabschieden. Am folgenden Morgen, so etwa zwischen halb sieben und sieben Uhr, wurde ich dann durch das laute und angstvolle Quieken des Schweines geweckt. Obwohl die Schlachtung im mittleren Hof stattfand, etwa 50 Meter von meinem Schlafzimmer entfernt, dessen Fenster zudem noch in den Garten sahen, war es deutlich zu hören. Meist unmittelbar danach brachte das Kindermädchen das Frühstück ans Bett, Kakao mit Schlagobers in einer hellblauen Tasse und ein paar Buttersemmeln. Sehr bald darauf stand ich, hastig angezogen, im mittleren Hof, wo das geschlachtete Schwein in einem Trog lag und manchmal noch zuckte. „Es sind nur die Nerven, wurde ich einmal von einem der Herumstehenden belehrt, „das Schwein ist längst tot. Herumstehende gab es etliche, vor allem auch Kinder, wie etwa Kurt, der Sohn des Hausmeisters Ferdinand und Ullala, die rothaarige und sommersprossige Tochter des Kutschers Wirth. Alle verfolgten sie sehr aufmerksam die Arbeit des Fleischhauers, die den ganzen Vormittag in Anspruch nahm. Als geradezu aufregend empfanden wir es, wenn das Schwein aufgehängt und ihm der Bauch aufgeschnitten wurde, worauf die Gedärme hervorquollen. Um das Gerüst standen Eimer herum, die die Innereien und das Blut aufnahmen, was uns höchst interessant erschien. Jahre später konnte ich das kindliche Interesse nicht mehr verstehen, der ganze Vorgang erschien mir höchst widerwärtig, und wenn ich auch nur in die Nähe eines Schlachthofes kam oder Blutgeruch wahrnahm, erfaßte mich stets leichte Übelkeit, zudem auch noch ein Gefühl der Bedrückung und des Mitleids. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Abends durch den Garten zu gehen, war immer ein wenig geheimnisvoll. Das Rauschen der Bäume, von denen manche bei Mondlicht große Schatten warfen, wirkte beruhigend, wie auch das gelegentliche Heulen eines Hundes, das man von einem der Nachbarhöfe hörte. Manchmal trug der Wind auch das Pfauchen und Geratter fahrender Züge vom etwa 20 Gehminuten entfernten Bahnhof herüber. Geräusche, die ich oft in den Schlaf mitnahm oder in kurzen Momenten des Halbwachseins in der Nacht registrierte. Es gab aber auch Abende, an denen das Rauschen der Bäume unheimlich wirkte, und das hing auch mit Geschichten zusammen, die auf einmal sehr gegenwärtig sein konnten. Geschichten etwa über einen der Urgroßväter, dessen Gestalt, in schwebendem Zustand in dünne Nebelschleier gehüllt, eine der Tanten vor dem Pavillon gesehen haben wollte. Oder es waren die Erzählungen von den – wie mir versichert wurde – harmlosen Baumschlangen, die hin und wieder von den Bäumen herunterglitten. Eine züngelnde Schlange konnte man fast in jedem Schulkatechismus sehen, wenn Satan das erste Menschenpaar überredete, von den verbotenen Früchten zu essen. Züngelnde Schlangen, die sich um Bäume wanden, waren auch auf den großen bunten Farbtafeln alter Tierbücher abgebildet und fanden sich in so manchem Märchen. Als mir meine Großmutter eines Tages den Inhalt der Zauberflöte erzählte, blieb nichts so einprägsam haften wie die Schlange, die Tamino am Beginn der Oper verfolgt. Ich stellte sie mir immer als von einem Berg in wellenförmigen Bewegungen herunterkommend vor und war beim erstmaligen Besuch dieser Oper ziemlich enttäuscht, da die Inszenierung dieser Szene nicht meiner Vorstellung entsprach. Aber nicht nur meine Großmutter oder Tante Liesi erzählten von den Baumschlangen im Garten, sondern auch mein Freund Kurt. Wahrscheinlich – so vermutete ich später – waren die Schlangen Geschöpfe der Phantasie, und die Erzähler liebten offenbar, den prickelnden Reiz der vorgestellten Begebenheit auszukosten. Zumal im Dämmerlicht vermochte der eine oder andere herabhängende Ast an eine Schlange erinnern, und daran mag sich die Einbildungskraft wohl entzündet haben. Und doch gab, ja gibt es sie, die „Baumschlangen. Vor wenigen Jahren ging ich einmal mit meiner Frau im Wald von Vöslau spazieren, als sie plötzlich aufschrie: „Eine Schlange. Tatsächlich glitt eine etwa eineinhalb Meter lange grünliche Schlange von einem Baum herunter, verfolgt von zwei Vögeln, die wütend auf sie einhackten. Wahrscheinlich hatte die Schlange Eier aus einem Nest gestohlen. Die „Baumschlange" entpuppte sich als eine Äskulapnatter, die bekanntlich ungiftig ist. Und bald entdeckten wir eine Äskulapnatter auch im Garten von Goldeck.

Meine Großmutter, aber auch meine Mutter träumte nahezu ständig und hatte auch die Gewohnheit, über ihre Träume zu sprechen. Im großen Pavillon im Garten hing eine Uhr an der Wand, die schon längst nicht mehr funktionierten, der Uhrkasten war staubig und von Spinnweben umgeben. Meine Mutter erzählte nun eines Tages, sie habe von ihrer verstorbenen Urgroßmutter geträumt, die in diesem Uhrkasten säße und deren Zähne laut aufeinandergeschlagen hätten. Derlei war nun auch nicht dazu angetan, in den Abendstunden im Garten in Richtung Pavillon zu gehen, „wo es, wie Kurt und Ullala mehrmals übereinstimmend gesagt hatten, „geistere.

Eines Nachts wurde ich durch ein lautes und angstvolles Gackern aus dem Hühnerstall geweckt, dem einige menschliche Schreie folgten. Bald darauf stürzte die Köchin aufgeregt in die großelterliche Wohnung und schrie: „Herr Dokta, gnä’ Frau, der Marder war do und hat a Menge Hühner okragelt." Tatsächlich lagen fünf oder sechs Hühner mit durchgebissenem Hals im Stall herum, die anderen hatten sich angstvoll in einem Eck zusammengedrängt. Beim familiären Mittagessen am nächsten Tag wurde dann ausführlich über das Ereignis gesprochen.

An das Goldeck schloß sich das Gehöft des Herrn Rubel an, und das war so richtig ein Bauernhof wie aus einem Bilderbuch. Im Stall standen sechs oder sieben Kühe, teils braunweißgescheckt, teils lichtbraun, im Hof rannten Hühner herum und watschelten Enten und in der großen Scheune befanden sich Verschläge voll mit Kaninchen. Die Schweine hatten einen beachtlichen Auslauf mit einem großen Misthaufen, welcher unmittelbar an die Mauer des rückwärtigen Teiles unseres Gartens grenzte. Auf dieser Mauer saßen wir, Kurt, Ullala und ich, nebst anderen Kindern gern und oft und spuckten auf die Schweine hinunter, die davon nicht die mindeste Notiz nahmen, waren sie doch stets mit eifrigem und geräuschvollem Wühlen beschäftigt. Herrn Rubel selbst sahen wir meist mit seinen zwei Ochsen, die vor einen großen Leiterwagen gespannt waren, auf dem er das Heu einbrachte.

Einen Bauernhof als Spielzeug besaßen damals viele Kinder und auch ich hatte so ein Gehöft, zu dem eine Reihe von Tieren – Kühe, Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen und allerlei Geflügel –, aus einer Hartgummimasse gefertigt – gehörten. Dazu gesellte sich ein Bauer, der eine Pfeife rauchte, und eine Bäuerin, die mit weit

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