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Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik: Beobachtungen, Einschätzungen und Versuch einer Standortbestimmung
Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik: Beobachtungen, Einschätzungen und Versuch einer Standortbestimmung
Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik: Beobachtungen, Einschätzungen und Versuch einer Standortbestimmung
eBook370 Seiten3 Stunden

Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik: Beobachtungen, Einschätzungen und Versuch einer Standortbestimmung

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Über dieses E-Book

Im Juni 2012 fand in Rio de Janeiro die fünfte große Umwelt- und Nachhaltigkeitskonferenz der Vereinten Nationen statt. Der Erdgipfel „Rio+20“ steht symbolisch als Meilenstein für 40 Jahre internationale und nationale Umweltpolitik. Auch wenn die Konferenz nun schon einige Zeit zurückliegt, reflektieren die mit ihr verbundenen Ziele noch immer den „Zeitgeist“ und damit auch die aktuellen Inhalte von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. 40 Jahre Umweltpolitik scheinen ein angemessener Anlass für eine Standortbestimmung zu sein. Die Umweltbewegung hat in dieser Zeitspanne viele notwendige gesellschaftliche Veränderungsprozesse bewirkt. Macht- und Einflussgewinn in den letzten 40 Jahren ihres gesellschaftlichen Wirkens haben mittlerweile jedoch zur Erstarrung ihrer inhaltlichen Positionen und zum Verlust ihrer thematischen Autonomie geführt. Unterlässt sie es weiterhin, so die von den Autoren vertretene These, ihre Position im Hinblick auf den allenthalben stattfindenden gesellschaftlichen Wandel von der untergehenden Industriegesellschaft hin zu einer Zukunftsgesellschaft zu reflektieren, wird sie sich vom einstigen Motor gesellschaftlicher Entwicklung in einen Hemmschuh für diese Entwicklung verwandeln. Die in dieser Schrift skizzierte Standortbestimmung macht die Herkunft und den aktuellen Entwicklungsstatus nationaler und internationaler Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik zum Gegenstand der Betrachtung. Sie bezieht sich im Kern auf die Fragen: Wo stehen nationale und internationale Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik heute, wo liegen ihre wesentlichen Wurzeln, welche Bilanz ihres bisherigen Wirkens lässt sich insgesamt ziehen, welche Leitideen und Leitbilder dominieren das Denken und Tun ihrer Hauptakteure und welche Schlüsse lassen sich aus den Ergebnissen der Standortbestimmung für die weitere Entwicklung der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im Allgemeinen und für die Zukunft der Umweltbewegung im Besonderen ziehen?
Das Buch ist Bestandteil eines umfassenderen Projektes, dessen Ergebnisse unter der Dachüberschrift „Argumente für eine evolutionäre Umwelt- und Nachhaltigkeitsstrategie“ in einer dreibändigen Buchreihe erscheinen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum7. Apr. 2016
ISBN9783741255106
Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik: Beobachtungen, Einschätzungen und Versuch einer Standortbestimmung
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Autor

Arnim Bechmann

Prof. Dr. Arnim Bechmann (1943-2014); Studium der Mathematik, Physik und Volkswirtschaftslehre in Göttingen (Dipl.-Math.) und Berlin (Dr. rer. pol.), Habilitation für Planungstheorie und Planungsmethodik an der TU Hannover. Professor für Landschaftsökonomie am Institut für Landschaftsökonomie der TU Berlin (1979-99), Vorstandssprecher des Freiburger Öko-Instituts (1980-83), Gründer und Direktor des Zukunfts-Zentrums Barsinghausen (1985-2008), Initiator des internetbasierten Wissenssystems „Orientierungsnetzwerk – Paradigmensprung“ (2007-2014), Leitungs- und Beiratsfunktionen in diversen Wissenschaftsinstitutionen, Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen, Beiträge in Rundfunk und Fernsehen. Arbeitsschwerpunkte: Systemanalyse und Systemplanung zum Umwelt- und Ressourcenmanagement, Entwicklung computerbasierter Komplexitätsmanagement-Systeme sowie Konzept, Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten einer Nachmaterialistischen Naturwissenschaft.

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    Buchvorschau

    Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik - Arnim Bechmann

    1 Einführung

    1.1 Anlass und Fragestellung

    Im Juni 2012 fand in Rio de Janeiro die fünfte große Umwelt- und Nachhaltigkeitskonferenz der Vereinten Nationen statt.

    Der Erdgipfel „Rio+20 knüpft bewusst an die Programmatik und die Aufgabenstellung der im Rückblick oft glorifizierten Rio-Konferenz von 1992 an. Er steht zugleich - und das erscheint uns wesentlich bedeutsamer - symbolisch als Meilenstein für 40 Jahre internationale und nationale Umweltpolitik. Auch wenn die Konferenz nun schon einige Zeit zurückliegt, reflektieren die mit ihr verbundenen Ziele und Aussagen noch immer den „Zeitgeist und damit auch die aktuellen Inhalte von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik.

    40 Jahre Umweltpolitik scheinen uns ein angemessener Anlass für eine Standortbestimmung zu sein, und sei diese - wie die folgende - auch nur sehr fragmentarisch.

    Die Umweltbewegung hat in dieser Zeitspanne insgesamt viele notwendige gesellschaftliche Veränderungsprozesse bewirkt.

    Unterlässt sie es jedoch weiterhin - so die von uns vertretene und im Folgenden näher erläuterte und begründete These - ihre Position im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel von der untergehenden Industriegesellschaft hin zu einer Zukunftsgesellschaft zu reflektieren, deren Konturen sich zunehmend klarer abzeichnen und in der für die Bewältigung der Umwelt- und Ressourcenkrise andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen werden, und vermeidet sie es auch in Zukunft, sich den neuen anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen - vor allem im Hinblick auf den immer deutlicher sichtbar werdenden naturwissenschaftlichen Weltbildwandel - zu stellen, wird sie sich vom einstigen Motor gesellschaftlicher Entwicklung in einen Hemmschuh für diese Entwicklung verwandeln.

    Die hier sehr plakativ und zunächst nur abstrakt formulierte These soll keinesfalls die unbestrittenen Leistungen der Umweltbewegung der Vergangenheit schmälern oder diese gar gänzlich in Abrede stellen. Der sich zunehmend deutlicher abzeichnende, bereits seit mindestens zwei Jahrzehnten stattfindende gesellschaftliche Umbruch fordert jedoch nach unserer Auffassung alle Akteure der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik - im Besonderen jedoch die Vertreter und Vertreterinnen der Umweltbewegung - dazu auf, bestehende, rückblickend betrachtet durchaus erfolgreiche, in vielen Punkten aber auch mittlerweile überholte Konzepte zur Lösung der Umwelt- und Ressourcenkrise zu überdenken und nach neuen, in unserer Gesellschaft heute bereits erkennbaren Lösungsstrategien Ausschau zu halten und diese bei der Entscheidung über zukunftsbestimmende umwelt- und nachhaltigkeitspolitische Handlungsoptionen einzubeziehen. Warum wir diese Forderung vertreten und was sich hinter ihr verbirgt, werden wir im weiteren Verlauf der Schrift darlegen.

    Uns ist dabei durchaus bewusst, dass das von uns geforderte Um- und Neudenken im Hinblick auf eine zukunftsfähige Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik kein einfacher Weg sein wird, weil er die Akteure der Umweltbewegung vor eine in ihrem Kern sehr grundsätzliche Entscheidung stellt, die letztlich auf „Machterhalt versus Entwicklungsfähigkeit" hinausläuft.

    Die Umweltbewegung hat die Anerkennung der von ihr in die Gesellschaft getragenen Anliegen vor allem durch die „Konventionalisierung" (vgl. Kap. 4) ihrer Positionen erreicht. Was genau damit gemeint ist, skizzieren wir im weiteren Verlauf der vorliegenden Schrift. An dieser Stelle seien lediglich thesenartig vorweggenommen, dass

    > die Umweltbewegung durch den gesellschaftlichen Integrationsprozess, den sie in den vergangenen ca. 40 Jahren durchlaufen hat, die programmatische Anschlussfähigkeit ihrer Themen herstellen und gesellschaftlichen Wandel bewirken konnte,

    > dieser Integrationsprozess in bestehende Gesellschaftsstrukturen hinein insgesamt zu einem heute unbestrittenen Einflussgewinn der Umweltbewegung auf politische und gesellschaftlich wirksame Entscheidungsstrukturen und -prozesse geführt hat,

    > dabei jedoch sowohl thematisch als auch „personell vieles auf der Strecke geblieben ist, was oder wer nicht „konventionalisierbar war oder sich nicht konventionalisieren ließ (die „fundamentalistischen Positionen mancher „Ur-Grüner zu Beginn der 80er Jahre können hier als exemplarisches Beispiel dieser Entwicklung dienen),

    > diese „Ausgrenzung" nicht konsensfähiger Themen und Personen rückblickend in der damaligen Situation möglicherweise unvermeidlich, vielleicht sogar sinnvoll und hilfreich gewesen ist, weil das Anliegen der Umweltbewegung umso leichter von der Gesellschaft wahr- und aufgenommen wurde, je mehr ihre Vertreter und Vertreterinnen bereit waren, die gesellschaftlich anerkannten Regeln bei ihrem Tun einzuhalten,

    > Macht- und Einflussgewinn der Umweltbewegung in den letzten 40 Jahren ihres gesellschaftlichen Wirkens mittlerweile jedoch zur Erstarrung ihrer inhaltlichen Positionen und zum Verlust ihrer thematischen Autonomie geführt haben und sich uniformiertes, am gesellschaftlichen Mainstream ausgerichtetes Denken und Handeln mehr und mehr durchgesetzt haben (Letzteres ist allerdings nicht nur typisch für die Umweltbewegung sondern ein aktuell zu beobachtendes Phänomen politischen Handelns insgesamt),

    > durch diese Erstarrung und das Festhalten an überkommenen, d. h. nicht mehr zeitgemäßen Leitbildern und -ideen, relevante gesellschaftliche Entwicklungen von der Umweltbewegung kaum mehr wahrgenommen, geschweige denn anerkannt oder gar im eigenen Handeln berücksichtigt werden.

    Wir werden diesen hier zugegebenermaßen nur sehr knapp und holzschnittartig dargestellten Entwicklungsgang der Umweltbewegung sowie ausgewählte Aspekte der Entwicklung von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im weiteren Verlauf näher erläutern und sie im Rahmen der uns bei der Anfertigung dieser Schrift verfügbaren Möglichkeiten argumentativ unterlegen.

    Die im Folgenden skizzierte Standortbestimmung macht die Herkunft und den aktuellen Entwicklungsstatus nationaler und internationaler Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik zum Gegenstand der Betrachtung. Sie bezieht sich im Kern auf die Fragen:

    > Wo stehen nationale und internationale Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik heute, wo liegen ihre wesentlichen Wurzeln und welche Bilanz ihres nun schon 40jährigen Wirkens lässt sich insgesamt ziehen?

    > Wo steht die „Umweltbewegung" heute, d. h. wo stehen die umweltpolitisch aktiven Institutionen der Zivilgesellschaft innerhalb des Feldes der nationalen und internationalen Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik und welche Leitideen und Leitbilder dominieren das Denken und Tun ihrer Hauptakteure?

    > Welche Schlüsse lassen sich aus den Ergebnissen der Standortbestimmung für die weitere Entwicklung von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im Allgemeinen und für die Zukunft der Umweltbewegung im Besonderen ziehen?

    1.2 Grenzen, Aufbau und Vorgehensweise

    Im Rahmen dieser Schrift war es uns weder möglich, einer Standortbestimmung der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik eine ausführliche Analyse der Ausgangssituation zugrunde zu legen noch eine ausführliche, stark differenzierende Argumentationsfigur aufzubauen. Wir werden uns daher in beiderlei Hinsicht auf das Wesentliche fokussieren und dabei allerdings - dort, wo möglich - auf einschlägige Arbeiten aus dem Zukunfts-Zentrum verweisen, in denen unsere im Folgenden skizzierten Argumente detaillierter ausgeführt sind.

    Der anvisierten Standortbestimmung stellen wir zunächst eine kurze Analyse der Entwicklung von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik voran (vgl. Kap. 3).

    Nur wenn wir das Entwicklungsmuster von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik verstehen, werden wir in der Lage sein, ihre gegenwärtige Situation angemessen zu begreifen und realistische Vorstellungen von ihrer möglichen Zukunft zu entwickeln.

    In Kap. 4 skizzieren und kommentieren wir anhand von sieben, für die Jetzt-Zeit charakteristischen und repräsentativen Beispielen den derzeitigen Stand der von der aktuellen Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik vertretenen Leitbilder und -ideen.

    Die Beispiele stehen zwar in keinem direkten organisatorischen Zusammenhang, repräsentieren aber durchaus zutreffend die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft politisch - und das im weitesten Sinn - über ökologische Zukunftsperspektiven gedacht und was in Bezug auf sie angestrebt wird. Trotz vieler Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen zwischen den Institutionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft hat sich ein relativ weit reichender Konsens über die Zukunftsrelevanz von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik herausgebildet.

    Die vorliegende Schrift schließt mit einigen pragmatischen Vorschlägen für eine Neuorientierung von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik, die den stattfindenden gesellschaftlichen Wandel berücksichtigen, und einem Ausblick auf Richtung und Inhalt der dafür aus unserer Sicht erforderlichen Reform ihrer Leitbilder und -ideen (vgl. Kap. 5).

    2 Von der Umweltpolitik zur Nachhaltigkeitspolitik

    2.1 Einführung

    Vereinfachend, aber dennoch zutreffend kann man davon ausgehen, dass in der Moderne Umweltbelastungen und Umweltzerstörung in erster Linie Folgeprobleme von industrieller Produktion und von Armut sind, wobei Letztere auf globaler Ebene wiederum vor allem ein Folgeproblem der Herausbildung der Industriegesellschaften und der von ihnen ausgehenden Umgestaltung der Welt ist.

    Beim heutigen Stand des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und der mehr oder weniger eindeutigen kapitalistischen Organisation der Wirtschaft der Industriegesellschaften sind Umweltbelastungen und Umweltzerstörung fest an die Entwicklung dieser Gesellschaften gekoppelte Folgeerscheinungen.

    Nach bisheriger Erfahrung nehmen die Umweltbedrohungen mit dem wirtschaftlichen Wachstum der Industriegesellschaften und mit der globalen Ausweitung der Prozesse der nachholenden Industrialisierung zu.

    Bereits im 19. Jahrhundert war offensichtlich, dass die industrielle Produktion und der Industriekapitalismus vielfältige und umfassende Naturzerstörungen auslösen und dass sie dadurch insbesondere auch menschliches Leben beeinträchtigen (vgl. z. B. Bechmann 1984).

    Umweltpolitik, so wie wir sie heute kennen, entstand als eigenständiges Politikfeld jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wichtige Anstöße dafür gingen von den USA, von Schweden und Norwegen sowie von den Vereinten Nationen aus (vgl. Bechmann 1984).

    In der sich neu herausbildenden Umweltpolitik ergriff daher zunächst der Staat die Initiative, wohingegen sich die Wirtschaft dessen umweltpolitischen Aktivitäten widersetzte. In einigen Ländern, so z. B. in den USA oder in der Bundesrepublik Deutschland, mischten sich neu entstehende Bürgergruppierungen und bereits bestehende Naturschutzverbände in die umweltpolitischen Diskussionen ein. Sie erweiterten und radikalisierten die umweltpolitischen Zielvorstellungen, was wiederum zu erheblichen Konflikten mit dem Staat und insbesondere auch mit der Wirtschaft führte. In der Folge kam es - allerdings nur in einigen Staaten - zur Bildung ökologischer Bewegungen und hin und wieder auch zur Gründung „grüner" Parteien.

    Der Umweltschutz als Ganzes wurde innerhalb von ca. zwei Jahrzehnten weltweit zu einem - zumindest im Grundsatz allgemein akzeptierten - gesellschaftlichen Anliegen. Parallel dazu entschärften sich die umweltpolitischen Konflikte zwischen Staat, Wirtschaft und Umweltbewegung - auch dort, wo sie anfangs ein „systemgefährdendes" Ausmaß anzunehmen schienen - schließlich soweit, dass sie im Rahmen der betroffenen Gesellschaftssysteme gehandhabt und routinemäßig ausgetragen werden können.

    Der global wirksame Prozess der Umweltzerstörung konnte durch nationale und internationale Umweltpolitik zwar beeinflusst und verändert, nicht aber wirklich reguliert oder gar gestoppt werden.

    Staatliche Umweltpolitik schuf weltweit nationales - allerdings international durchaus vergleichbares - Umweltrecht sowie die für dessen Umsetzung benötigten Institutionen. Sie bedient sich heute eines vielfältigen Instrumentariums.

    Internationale Umweltpolitik ist vor allem auf Freiwilligkeit angewiesen, d. h. sie wird durch Abkommen und Verträge, transnationale Institutionen oder durch UN-Institutionen sowie durch nationalstaatliche Selbstbindungen implementiert.

    Da Umweltpolitik - ihrer Natur nach - eng mit den technologischen und wirtschaftlichen Kernprozessen der Industriegesellschaft verkoppelt ist, kann sie nicht isoliert betrieben werden. Sie prägt - so oder so - stets auch die gesellschaftliche Entwicklung und ist damit allemal auch eine wichtige Komponente gesellschaftlicher Entwicklungspolitik. Dies gilt sowohl auf nationalstaatlicher als auch auf internationaler Ebene.

    Umweltschutz und Umweltpolitik besitzen offensichtlich einen starken inneren Antrieb, den Umgang mit Natur in Bezug auf die gesamte Entwicklung einer Gesellschaft oder auch hinsichtlich der globalen Entwicklung insgesamt beeinflussen zu wollen. In ihnen scheint die Ausweitung zu Nachhaltigkeitspolitik de facto immanent angelegt zu sein.

    2.2 Eine kurze Bilanz der bisherigen Umweltpolitik

    2.2.1 Vorbemerkung

    Die heutige, global anerkannte Leitidee für Umweltpolitik wurde Anfang der 70er Jahre in den USA, in Deutschland und durch die erste UN-Umweltkonferenz, die 1972 in Stockholm stattfand, in die Welt getragen (vgl. Bechmann 1984, Bechmann u.a. 1981). Anlässlich der UN-Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 wurde sie grundsätzlich von allen Staaten adaptiert.

    Das Konzept einer ökonomisch machbaren Nachhaltigkeit und die Forderung einer angemessenen Grundakzeptanz ökologischer Risiken wurden 1987 durch eine UN-Kommission („Brundtland-Kommission) ins Gespräch gebracht. Nachhaltigkeit ist seither die „regulative Leitidee, an der sich Umweltpolitik orientiert. Sie wird durch die verschiedenen umweltpolitischen Akteure allerdings sehr unterschiedlich interpretiert und konkretisiert.

    Wir bezeichnen den bis heute vorherrschenden Typ einer (reinen) Umweltpolitik als „Umweltpolitik der 1. Generation". Er charakterisiert die Umweltpolitik der Phase ihrer Entstehung und ihrer gesellschaftlichen Etablierung. Er ist in seinem Kern medial (Boden, Wasser, Luft, ...) und sektoral (Energiesektor, chemische Industrie, Verkehr, Naturschutz usw.) strukturiert sowie vor allem auf die ökologische Belastungs-, Risiko- und Folgenbewältigung des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes des 20. Jahrhunderts angelegt (vgl. Bechmann 2003/1).

    Die Strategie der Umweltpolitik der 1. Generation wurde in Deutschland nach 1992 („Erdgipfel" in Rio) - tendenziell aber auch in anderen Staaten und auf internationaler Ebene - durch Nachhaltigkeitspolitik ergänzt bzw. in deren Richtung erweitert.

    2.2.2 Vorgeschichte

    Obwohl Umweltpolitik ein erst in den 60er- und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschaffenes Politikfeld ist, hat es doch gewichtige Vorläufer und Weggefährten (vgl. Radkau 2000). Dies sind

    > der im 19. Jahrhundert aus der Landschafts-Verschönerungsbewegung und dem Heimatschutz hervorgegangene Naturschutz,

    > die aus der als Reaktion auf die im 19. Jahrhundert zutage getretene erste Umweltkrise sich etablierende Hygienebewegung (vgl. Radkau 2000, S. 274ff).

    Sie richtete ihr Augenmerk vor allem auf die Verminderung der Boden- und Gewässerverunreinigung, auf die Reduzierung der Freisetzung von Rauchgasen und auf die Beseitigung bzw. die Minimierung der durch Fäkalien und Abwässer entstehenden Gefahren.

    Der Naturschutz blieb allerdings bis in die 70er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts ein Thema, das die Gesellschaft als Ganzes nur sehr beschränkt beschäftigte und das aus Sicht des herrschenden Fortschrittsoptimismus der Industriekultur mehr belächelt als wirklich ernst genommen wurde.

    Die Anliegen der Hygienebewegung wurden in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrittweise zu staatlichen Aufgaben, die mehr oder weniger gut gelöst wurden.

    Die allgemeine Umweltbelastung durch Emissionen und Abwässer behielt aber dennoch ein hohes, tendenziell sogar steigendes Niveau.

    Die in den 60er- und frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts sehr vitale und kreative Zukunftsforschung zeichnete das Bild einer attraktiven, anstrebenswerten gesellschaftlichen Zukunft. So vermuteten z. B. die „Opinionleader" dieser Zunft (vgl. Kahn, Wiener 1971), dass

    > sich der wissenschaftlich-technische Fortschritt mit großem Tempo weiter entwickeln und die modernen Gesellschaften prägen wird,

    > das Muster der Industriegesellschaft sich weltweit immer weiter ausbreiten und damit zum globalen Entwicklungsmodell werden würde,

    > der globale Demokratisierungsprozess - zumindest auf formaler Ebene - voranschreiten würde,

    > Bevölkerungsentwicklung und Verstädterung zu erwarten sei, ohne dass darin allerdings ein zukunftsbedrohendes Problem gesehen wurde,

    > aufgrund des technischen Fortschritts und der immer „kleiner" werdenden Welt (Vernetzung) der allgemeine Wohlstand wachsen würde,

    > aufgrund der Steigerung des allgemeinen Lebensstandards und des Rückgangs der Arbeitszeit der Stellenwert von Freizeit, Bildung und Erziehung erheblich zunehmen würden.

    > aufgrund der neuen Lebensumstände ein gesellschaftlicher Orientierungs- und Wertewandel zu erwarten sei.

    Insgesamt wurde von der damaligen Zukunftsforschung eine auf technischen Fortschritt aufbauende, zu Wohlstand führende und allen Menschen bessere Lebensbedingungen bringende Entwicklung erwartet. Dieser generell sehr angenehmen Mission stand eine große Gefahr gegenüber: die auf modernen Massenvernichtungsmitteln und der Ost-West-Konfrontation beruhende Kriegsgefahr.

    War in den 50er- und 60er Jahren die Gestaltung des Alltags in den Industriegesellschaften noch weitgehend durch die Arbeitswelt bestimmt, so vermuteten Kahn und Wiener, dass spätestens zum Ende des 20. Jahrhunderts der Freizeitbereich zu einer eigenen Lebenswelt werden würde.

    Die Zukunftsforschung der 50er- und 60er Jahre hat in vielen Bereichen die Entwicklung der folgenden Jahrzehnte zumindest teilweise recht gut vorausgesehen. Im Nachhinein mag jedoch verwundern, warum damals die Frage, wie die Folgen des technischen Fortschritts ihrerseits den technischen Fortschritt und damit die Entwicklung der Welt insgesamt verändern würden, nicht aufgeworfen wurde.

    In ihrem Computermodell „World-Dynamics" simulierten Dennis Meadows und Mitarbeiter ab Ende der 60er Jahre die Weltentwicklung der jeweils kommenden Jahrzehnte (vgl. Meadows, Meadows 1972). Sie konzentrierten sich dabei auf folgende fünf Hauptindikatoren, die durch eine Vielzahl von Variablen und Gleichungen (ca. 150) beschrieben wurden:

    > Bevölkerung,

    > Nahrungsmittelproduktion (pro Kopf),

    > Industrieproduktion (pro Kopf),

    > Ressourcen (Vorrat und Verbrauch) und

    > Umweltbelastungen.

    Der Gruppe um Meadows kam es darauf an, die Entwicklung dieser Indikatoren und die zwischen ihnen stattfindenden Wechselwirkungen zu untersuchen. Die Ergebnisse derartiger Betrachtungen führten zu einer neuen, sehr viel pessimistischeren Sicht auf die Zukunft, als in den Jahrzehnten zuvor von der Zukunftsforschung prognostiziert wurde. Sie veränderten das Bild, das die damalige Zukunftsforschung von der Zukunft zeichnete, grundlegend. Alvin Toffler sprach sogar von einem „Zukunftsschock" (vgl. Toffler 1970).

    Als Bedrohung für die weitere Entwicklung der industriellen Gesellschaften und der Welt als Ganzes wurden vor allem drei Faktoren gesehen:

    > das schnelle Wachstum der Weltbevölkerung,

    > die zunehmende breitbandige Umweltverschmutzung,

    > der schnelle, unaufhaltsame Ressourcenverbrauch, insbesondere im Energiesektor.

    Diese radikale Neuausrichtung von Zukunftsperspektiven blieb nicht ohne Folgen. Sie löste einen weltweiten gesellschaftlichen Umorientierungs- und Lernprozess aus.

    2.2.3 Entwicklungsphasen

    Die Entwicklung von Umweltpolitik kann als ein gesellschaftlicher Lernprozess interpretiert werden. Umweltpolitik war und ist nicht nur staatliche Aktivität, sondern sie muss als Ergebnis von gesellschaftlichen Interaktionen begriffen werden.

    Die Diskussion über Ziele und Inhalte von Umweltpolitik begann in der Bundesrepublik der späten 60er Jahre. Sie hat sich seither zu einem der zentralen gesellschaftspolitischen Themen entwickelt. Dabei haben in verschiedenen Phasen der Umweltpolitik verschiedene Akteure dominiert. Desgleichen haben sich Themenfelder und Themenschwerpunkte in einer nicht immer sofort verständlichen Form abgelöst oder wiederholt.

    Umweltpolitik als gesellschaftlicher Lern- und Entwicklungsprozess

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