Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien": Eine Rezeptionsgeschichte
Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien": Eine Rezeptionsgeschichte
Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien": Eine Rezeptionsgeschichte
eBook397 Seiten5 Stunden

Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien": Eine Rezeptionsgeschichte

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Als Peter Handke 1996 "Gerechtigkeit für Serbien" forderte, hallte ein Aufschrei der Empörung durch die deutschsprachigen Feuilletons. Bereits nach wenigen Wochen war "Gerechtigkeit" nicht nur für Serbien, sondern auch für den österreichischen Dichter in weite Ferne gerückt.
Das Buch stellt die damaligen Reaktionen in den Kontext der deutschsprachigen Balkanberichterstattung und zeigt auf, dass Handke mit seinen Bemerkungen so falsch nicht lag. Dass er den Finger in die Wunde gelegt hatte, verdeutlichte die von ihm ausgelöste Kontroverse, die zu einer der größten Literaturdebatten des Jahrzehnts wurde und bis heute anhält.
"Gerechtigkeit für Serbien", am 5./6. und 13./14. Januar 1996 vorab in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, war auch über die Grenzen des deutschen Sprachraumes hinaus der Literaturskandal des Jahres. Der Kärntner Autor Peter Handke hatte in Prolog und Epilog seines Reiseberichts aus der Republika Srpska die Jugoslawien-Berichterstattung deutscher, französischer und US-amerikanischer Printmedien als antiserbisch bezeichnet und u.a. einige Schriftstellerkollegen und Intellektuelle für ihr Engagement zugunsten von Kroaten und bosnischen Muslimen gerügt. Die Kritik an Zeitungen wie FAZ, Le Monde oder Der Spiegel konnte bei diesen aufgrund ihrer traditionalistischen Balkan-Berichterstattung nur auf Ablehnung stoßen. Dennoch fiel auf, dass sich recht bald eine Phalanx von bürgerlichen über liberalen bis hin zu linken Medien gegen Handkes Thesen stellte. Bereits nach wenigen Wochen war "Gerechtigkeit" nicht nur für Serbien, sondern auch für den österreichischen Dichter in immer weitere Ferne gerückt.
SpracheDeutsch
HerausgeberStudienVerlag
Erscheinungsdatum23. März 2016
ISBN9783706558235
Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien": Eine Rezeptionsgeschichte
Vorschau lesen

Ähnlich wie Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien"

Ähnliche E-Books

Rezensionen für Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien"

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Peter Handke und "Gerechtigkeit für Serbien" - Kurt Gritsch

    ...

    1. Vorwort

    Als Peter Handke im Januar 1996 seinen Reisebericht aus Serbien in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte, hallte ein Aufschrei durch den internationalen Blätterwald. Der österreichische Autor wurde als »Serbenfreund« verschrien, als Völkermord-Leugner bezeichnet und zum moralischen Outlaw abgestempelt. Gustav Seibt attestierte Handkes Reisebericht in der FAZ sogar eine »beträchtliche Nähe zu Blut und Boden«.

    Was war passiert?

    Der österreichische Büchnerpreisträger hatte unter der Headline »Gerechtigkeit für Serbien« von einer mehrtägigen »winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina«1 im Spätherbst 1995 berichtet. Darin hielt er seine Beobachtungen in einem ökonomisch wie moralisch mit einem Embargo belegten Land fest. Der Reisebericht als solcher wurde allerdings bereits zu Beginn der Debatte kaum einer literarischen Diskussion für würdig befunden. Was die Gemüter erhitzte, waren Prolog und Epilog der »winterlichen Reise«, in denen Handke die westliche Berichterstattung über den Jugoslawien-Krieg heftig kritisiert, den Vorwurf antiserbischer Ressentiments gegen einzelne Printmedien erhoben und Künstler und Intellektuelle für ihr Engagement zugunsten bosnischer Muslime gescholten hatte.

    Ausgerechnet der »Bewohner des Elfenbeinturms« und ein politischer Skandal? Es sei, meinten Kritiker, dem Österreicher wohl darum gegangen, einen solchen zu inszenieren. Seine mangelnde Empathie für bosnisch-muslimische Opfer im Jugoslawien-Krieg jedenfalls bezeichnete der im Reisebericht kritisierte Peter Schneider als »bedrückend«. Die Angriffe häuften sich, bis Handke auf einer Lesung in Wien einem Journalisten wutschnaubend empfahl, er solle sich doch »die Betroffenheit in den Arsch stecken«. Handke, »Mimose und Trampeltier«, Handke, ein »Arschloch«? So meinte jedenfalls Georg Hoffmann-Ostenhof im österreichischen Magazin profil.

    Die vorliegende Arbeit rollt die literarische Debatte des Jahres 1996 nochmals auf, analysiert die Argumente und vergleicht die Kritik mit den einschlägigen Fakten. Dazu findet sich neben einem Abriss über die Geschichte Serbiens von 700 n. Chr. bis 1991 auch ein Kapitel über die Berichterstattung im Jugoslawien-Krieg. Wie konnten »die« Serben zu Nazis mutieren? Die Erforschung der Tätigkeit der PR-Agentur Ruder Finn fördert hierbei Erhellendes zutage. Ob und inwiefern die weitgehende und Ideologie übergreifende Ablehnung Handkes und seiner »Gerechtigkeit« den Spielregeln eines gesamtgesellschaftlichen »totalitären Populismus« folgte, wird am Ende erörtert. Abgerundet wird die Forschungsarbeit durch eine Chronik der Ereignisse auf dem Balkan zwischen 1986 und 1999.

    Mein Dank gilt an dieser Stelle den MitarbeiterInnen des Innsbrucker Zeitungsarchivs, durch deren Hilfe mir die Recherche der ausgewählten Printmedien wesentlich erleichtert wurde. Dank gebührt auch dem ehemaligen Leiter des IZA, Dr. Michael Klein, der mir manchen wertvollen Tipp gegeben hat, Prof. Dr. Michael Gehler, der die Arbeit über viele Jahre mit großem Interesse begleitet hat, und insbesondere dem Leiter des Südtiroler Kulturinstituts, Dr. Marjan Cescutti, für sein Interesse und seine Unterstützung.

    Innsbruck, im Frühling 2009

    Der Verfasser

    Anmerkungen

    1Peter Handke, Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina, in: Süddeutsche Zeitung, 5./6. und 13./14. Januar 1996. In der Buchform wurde die Reihenfolge der Titel getauscht, vgl. Peter Handke, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, Frankfurt a.M. 1996.

    2. Einleitung

    Warum konnte ein in den Wochenendbeilagen der Süddeutschen Zeitung vom 5./6. und 13./14. Januar 1996 abgedruckter Reisebericht dermaßen die Gemüter erhitzen? Welches waren die Argumente in der hitzig geführten Debatte? Und welche Kontexte lassen sich daraus erschließen? Diesen und ähnlichen Fragen wird anhand der Rezeptionsanalyse der aufsehenerregendsten Publikation von Peter Handke zu Jugoslawien nachgespürt. Auch wenn sich die Auseinandersetzung des Kärntner Schriftstellers mit Jugoslawien über 20 Jahre hinweg erstreckte, markiert das 1996 veröffentlichte »Gerechtigkeit für Serbien« den Höhepunkt der Rezeption.2

    »Keine Lust auf Fakten«, meinte die FAZ in einer ersten Reaktion auf die in »Gerechtigkeit für Serbien« nicht mit Hintergrundinformationen belegten und ihrer Meinung nach auch nicht belegbaren Kritikpunkte des Kärntner Schriftstellers, und die Stuttgarter Zeitung sprach in Anlehnung an Handkes Formulierung vom »Auslandshochsitz« vom »Balkan, gesehen vom Hochsitz der Poesie«. Daran sollten sich die Gemüter in der Folge immer stärker erhitzen, und so folgte ein Schlag auf den anderen. »Provokationen eines politischen Träumers«, titelte der Schweizer Tages Anzeiger, und Luc Rosenzweig, stellvertretender Chefredakteur der von Handke mit besonderer Vehemenz kritisierten französischen Tageszeitung Le Monde, warf dem Kärntner Schriftsteller »das Fehlen jeder politischen Analyse« vor. Handkes Medienkritik sei zwar nicht ganz falsch, aber in ihrem Wesen stalinistisch. Den umgekehrten Weg ging Willi Winkler in der deutschen tageszeitung, indem er der »winterlichen Reise« attestierte, etwas Schreckliches zu beinhalten, nämlich die Wahrheit. Der damalige tageszeitung-Chefredakteur Thomas Schmid hingegen behauptete, Handke würde durch seinen Text weniger von eingefahrenen Denkmustern befreien, wie dies die Süddeutsche Zeitung verkündet hatte, sondern er selbst benutze Denkmuster einer großen Verschwörungstheorie und kultiviere darüber hinaus nur Klischees und Vorurteile. Hannes Krauss forderte schließlich in der deutschen Wochenzeitung Freitag Gerechtigkeit für Handke.

    Kritik setzte es aber nicht nur vom Feuilleton, sondern auch von Intellektuellen. Der Schriftsteller Peter Schneider, dem Handke einen „mechanischen, feind- und kriegsbildverknallten, mitläuferischen statt mauerspringerischen Schrieb"3 für das Eingreifen der NATO gegen die bosnischen Serben vorgeworfen hatte, meinte im Spiegel, es sei bedrückend, dass Handke den Bosniern ausgerechnet als Interpret ihrer Belagerer entgegentrete, und bescheinigte der seiner Meinung nach »beweisarmen, dafür um so adjektivseligeren Sprache« des Kärntner Autors die Entfaltung eines »beachtlichen Killerinstinktes«. Keine Lust auf Auseinandersetzung hatte schließlich der Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach, er trat im Zuge der Serbien-Debatte kurzerhand aus dem Suhrkampverlag aus. Sein österreichischer Schriftstellerkollege serbischer Herkunft, Milo Dor, fragte am 16. Januar in der Presse, welches Serbien von Handke denn gemeint sei, doch zu einer Einigung darüber sollte es nicht kommen, im Gegenteil. Die Fronten verhärteten sich, und immer mehr Autoren, Künstler, Regisseure oder Philosophen, zum Teil in der »winterlichen Reise« nicht gerade mit Lob überschüttet, bezogen Stellung. Sein Platz, so verkündete Handke schließlich 1999 im Zuge des »Kosovo-Krieges«, sei in Serbien.

    Doch nicht nur in literarischen Kreisen sorgte das Werk für Aufsehen. Als Peter Handke im Zuge der Auseinandersetzung Passagen aus der »winterlichen Reise« im österreichischen Nationalrat vortrug, boykottierte die ÖVP mit Ausnahme ihres Klubobmannes Andreas Khol die Dichterlesung, zu der das Nationalratspräsidium unter Präsident Heinz Fischer (SPÖ) geladen hatte. Der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) ließ später verlautbaren, dass er Handke »nicht unbedingt zu seinem Jugoslawien-Berater« machen würde. Die Lesung im Parlament provozierte in Österreich eine Auseinandersetzung, die hohe Wellen schlug.

    Die causa »Gerechtigkeit für Serbien« hat das deutschsprachige Feuilleton nachhaltig – bis heute – beschäftigt. Insbesondere im Untersuchungszeitraum von Januar bis Dezember 1996 finden sich immer wieder direkt oder indirekt bezugnehmende Stellungnahmen, Kommentare, Leserbriefe u.a., deren größter Teil wiederum aus den Monaten Januar und Februar stammt.

    Eine Bibliographie der ausgewählten Printorgane findet sich im Anhang der Arbeit. Auf die Einarbeitung der literaturwissenschaftlichen Rezeption wurde verzichtet. Allgemein orientiert sich die Recherche am Material des Innsbrucker Zeitungsarchivs (IZA)4, welches insgesamt 43 Zeitungen, davon 27 Tageszeitungen, zwölf Wochenzeitungen und vier Magazine, auswertet. Ziel war es, die wichtigsten überregionalen Tages- und Wochenzeitungen der Schweiz, Deutschlands und Österreichs repräsentativ auszuwerten, um ein möglichst vollständiges Bild der Serbien-Debatte entwerfen zu können. 21 Printmedien, sechs deutsche Tages-, drei Wochenzeitungen und ein Magazin, vier österreichische Tages-, zwei Wochenzeitungen und ein Magazin sowie drei schweizerische Tages- und eine Wochenzeitung bilden die Basis meiner Analyse. Sie wurden durch andere Printmedien punktuell ergänzt, wenn es sich, wie im Falle des Stern mit dem Handke-Interview von Gabriel Grüner oder dem Interview von Milo Dor in der 14-tägig erscheinenden Berner Zeitung Der Bund themenbedingt anbot. Die österreichische Kleine Zeitung wird aus semantischen Gründen einmal erwähnt, während eine Rezension der Stuttgarter Zeitung stellvertretend für die doch recht intensive Beschäftigung der Zeitung mit der Handke-Debatte5 Niederschlag fand, auch wenn diese Zeitung in der Bibliographie nicht aufgelistet und durchgehend analysiert wurde. Die Zeitschrift Theater heute wiederum habe ich ob des Interviews mit dem kroatischen Dramatiker Slobodan Snajder mit einer Ausgabe berücksichtigt. Daneben sollten weitere punktuelle Ergänzungen vorgenommen werden, die sich allerdings abseits der Printmedien im Bereich der Belletristik manifestieren, wie beispielsweise Drago Jancars »Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt oder Gerechtigkeit für Sarajevo« oder Erich Frieds Gedichtband »und Vietnam und«. Da das Material über die causa Handke und Serbien äußerst umfangreich ist, musste im Rahmen der Analyse eine gezielte Auswahl der zu bearbeitenden Printmedien vorgenommen werden. Diese habe ich auf der Basis des Bekanntheitsgrades sowie des Renommees der einzelnen Zeitungen erstellt, wobei die Boulevardpresse ebenso wie regionale oder auflagenschwächere Blätter nicht berücksichtigt werden konnten.

    Auch wenn die vorliegende Arbeit keinen explizit wertenden Teil enthält, wurde dennoch versucht, sich zu positionieren. Für den Verfasser hat sich dabei immer stärker die Position von Peter Handke als provozierendem Intellektuellen herauskristallisiert, der einer unterrepräsentierten, hoffnungslos unterlegenen Anschauung gegenüber der dominanten, nahezu monopolartigen Meinung über die Berichterstattung im Bosnien-Krieg kraft seines literaturpolitischen Einflusses bzw. seiner Tragweite als international anerkannter Künstler stärker Gehör verschaffen wollte. Dazu setzte er der traditionellen Interpretation der jugoslawischen Sezessionskriege eine andere, revisionistische entgegen. Stand dabei zu Beginn der Diskussion noch die mangelnde oder vorhandene Gerechtigkeit gegenüber Serbien bzw. serbischen Bevölkerungsteilen im ehemaligen Jugoslawien im Vordergrund, so entwickelte die Debatte eine immer stärkere Eigendynamik, bis es am Ende fast nur mehr darum ging, sich für oder gegen Handke zu positionieren, ohne dass sein Werk, der Reisebericht, noch als Diskussionsgrundlage gedient hätte. Inwieweit die Kritik am Werk und in der Folge auch an den Äußerungen des Autors berechtigt war und ist, wird dabei ebenfalls untersucht.

    Der Forschungsansatz ist interdisziplinär, die Arbeit berührt in ihrem Kern Politik, Geschichte, Literatur und Literaturkritik, wobei den Hauptbereichen in Form einzelner Kapitel Rechnung getragen wird. Die Reaktionen auf »Gerechtigkeit« habe ich zum einen in einem narrativen Überblick dargestellt, der sämtliche Beiträge der untersuchten Printmedien, von Rezensionen über redaktionelle Beiträge bis zu Leserbriefen und Agenturmeldungen, enthält. Zum anderen habe ich ausgewählte Rezensionen in einem eigenen Kapitel analysiert. Für den »sommerlichen Nachtrag« habe ich nur mehr ein allgemeines Kapitel eingefügt, das Überblick und Kritik gleichermaßen in sich vereinigt, da sich viele Positionen aus der Diskussion um die »winterliche Reise« wiederholen.

    Der Umgang mit den Quellen entspricht den Standards des IZA und damit der gängigen Zitierweise von Zeitungsartikeln, wobei Verfasser des Beitrags, Namen der Zeitung und das Datum ihres Erscheinens genannt werden. Alle Quellen wurden auch orthographisch originaltreu wiedergegeben. So findet sich in wörtlichen Zitaten mitunter die alte S-Schreibung, während im übrigen Teil der Arbeit die neuen Rechtschreibregeln Anwendung finden. Die doppelte S-Schreibung nach einem Diphtong oder nach langem Vokal in einem Zitat wiederum entspricht den gängigen Rechtschreibregeln der Schweiz.

    Anmerkungen

    2Peter Handkes Beschäftigung mit Jugoslawien umfasst u.a. die Prosawerke »Die Wiederholung« (1986), »Abschied des Träumers vom Neunten Land« (1991), »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« (1996), »Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise« (1996), »Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999« (2000), »Die Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milosevic« (2006), »Die morawische Nacht. Erzählung« (2008) sowie das am Wiener Burgtheater 1999 unter Regie von Claus Peymann uraufgeführte Theaterstück »Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg«.

    3Handke, Winterliche Reise, S. 132.

    4Das Innsbrucker Zeitungsarchiv (IZA) befindet sich am Institut für Deutsche Philologie der Leopold Franzens Universität Innsbruck.

    5Insgesamt finden sich zur Diskussion um »Gerechtigkeit für Serbien« 15 Einträge, davon allerdings acht Agenturmeldungen und zwei redaktionell gezeichnete Artikel bzw. Leserbriefe. Vier Beiträge wurden namentlich gezeichnet, darunter auch die Rezension von Andreas Braun vom 16. Januar 1996.

    3. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien

    3.1 Erste Reaktionen

    Als die Süddeutsche Zeitung den ersten Teil von Peter Handkes winterlichem Reisebericht am ersten Januar-Wochenende des Jahres 1996 veröffentlichte, kam es zu vielfältigen Reaktionen im deutschsprachigen Feuilleton. Den Auftakt machte dabei am 8. Januar die österreichische Tageszeitung Die Presse.6 »Anblickswürdiges Serbien« titelte die deutsche Wochenzeitung Wochenpost in ihrer Ausgabe vom 11. Januar, in der sich Rudolf Balser in einem längeren Artikel mit einzelnen Aussagen und Thesen Handkes auseinandersetzte.7 Bereits hier, noch vor Erscheinen der zweiten Hälfte des Essays, wird die Fokussierung des Politischen vor dem Literarischen sichtbar.

    Als der zweite Teil von Handkes Reisebericht veröffentlicht war, meldete die DPA – in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Titel »Keine Lust auf Fakten«8 versehen – bereits eine Kontroverse um den Serbien-Bericht, zu welchem sich Schriftstellerkollege Peter Schneider im Spiegel zu Wort gemeldet hatte. Schneider stellte dem Text ein vernichtendes Urteil aus, verteidigte die angegriffenen Journalisten und bezeichnete Handkes Zweifel an gestellten Fotos nichtserbischer Opfer als niederträchtig.9 Auch hier wird wiederum die Verkürzung auf die politische Dimension deutlich – auch wenn Schneider der »winterlichen Reise« einräumt, friedensstiftend zu sein, allerdings nur so lange, bis der Autor Handke sein Projekt durch seine „hasserfüllte, völlig haltlose Rundum-Verdächtigung aller Ankläger der serbischen Raub- und Vernichtungsaktionen"10 wieder selbst zerstörte.

    Das österreichische Magazin profil hingegen sah Handkes selbstformulierten Zweck nach Gerechtigkeit auch ohne neue Fakten erfüllt, da die Reiseeindrücke des Autors kleine Fragen klären würden. Darüber hinaus wartete die Zeitung mit einer interessanten Feststellung auf, die sich auf das Literarische und nicht auf das Politische bezieht. Handkes Sprache, so Christian Seiler, setze „einen Kontrapunkt zur gewohnten Geschwindigkeit der Reporter, die vom Balkan berichten und mit Schlüssen und Schuldzuweisungen schnell zur Hand sind".11 Einen Tag später fragte der serbisch-österreichische Schriftsteller Milo Dor in der Presse,12 welches Serbien Handke eigentlich verteidige. Dor zufolge hätte der Kärntner Dichter das oppositionelle Serbien ausgeklammert, weshalb der Text auch nicht wesentlich zur Aufhellung der Situation beitragen könne. Darüber hinaus sei Handke selbst nicht ausreichend informiert, als dass sein Lokalaugenschein nennenswerte Erkenntnisse bringen könne. In eine ähnliche Kerbe schlug der Chefredakteur der deutschen tageszeitung, Thomas Schmid.13 Abgesehen davon, dass die »winterliche Reise« nur deshalb Diskussionen auslösen werde, weil ihr Verfasser nicht bloß irgendwer sei, glaubte Schmid bei Handke »Denkmuster einer großen Verschwör-ungstheorie« linker Medien wie konkret und junge Welt auszumachen. Andreas Braun schloss sich in der Stuttgarter Zeitung den vernichtenden Urteilen über Handke und seine Reisereportage, „eine wunderschöne im übrigen,14 an. Wäre das Unterfangen eines anderen Blickwinkels ebenso wie Medienkritik an sich vertretbar, so zerstöre es der Autor der »Niemandsbucht« durch seine Art als „Über- und Scharfrichter,15 als Moralist und Demagoge durch seine Einseitigkeit und Parteilichkeit vollends selbst.

    Am selben Tag bescheinigte Gustav Seibt, damals Leiter des Kulturressorts der FAZ, den Niedergang Handkes, der nun „endgültig die Provinz des weltanschaulichen Schundes erobert"16 habe. In der Zwischenzeit berichtete die österreichische Presse über ihren Pariskorrespondenten Reinhold Smonig erste Reaktionen aus Frankreich.17 Luc Rosenzweig, stellvertretender Chefredakteur der renommierten Tageszeitung Le Monde, im Serbien-Essay scharf kritisiert, bezeichnete Handkes Medienkritik als »nicht ganz falsch«, aber in ihrem Wesen stalinistisch. Die in »Gerechtigkeit« ebenfalls vehement attackierte Zeitung Liberation warf indes dem österreichischen Autor bezüglich seiner Vermutungen der gestellten Bilder von Opfern18 zweifelhaften Geschmack vor. Die nächste ablehnende Stellungnahme aus Frankreich sollte dann am 22. Januar vom Filmregisseur Marcel Ophuls folgen.19 Inzwischen war das deutsche Feuilleton nicht untätig geblieben. Bereits am 17. Januar nahm Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau Stellung gegen Handke, dessen »literarische Verteidigungsrede« er mit einem „intellektuellen Selbstmord, einem moralischen Desaster und einer Vernichtung des poetischen Anspruchs"20 verglich. In der Wochenpost erneuerte inzwischen tageszeitung-Chefredakteur Thomas Schmid seine Vorwürfe.21 In der Schweizer Weltwoche hieb Andreas Isenschmid in eine ähnliche Kerbe. Er verriss »Gerechtigkeit« und warf Handke die gezielte Verbreitung seiner Thesen vor, da er sich die mehrfache Hunderttausender-Auflage der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung zu Eigen gemacht hatte.22 Handkes Behauptung, es gehe nicht um ein »Ich klage an«, sei bloß der rhetorische Trick des »praeteritio«, dass man nämlich etwas dadurch erwähnt, indem man explizit vorgibt, es nicht erwähnen zu wollen.23 »Provokationen eines politischen Träumers«, schrieb der Schweizer Tages Anzeiger, und Christoph Kuhn ergriff als erster so etwas wie leichte Parteinahme für den Serbien-Essay.24 Hannes Krauss forderte schließlich in der deutschen Wochenzeitung Freitag »Gerechtigkeit für Handke«.25

    Die ZEIT wartete am 19. Januar mit einer Doppelrezension auf. Michael Thumann warf Handke dabei vor, er würde „Völkermord verniedlichen",26 indem Massaker auf allen Kriegsseiten gegeneinander aufgerechnet würden.27 Trotzdem gewinnt der Journalist dem Text am Ende Positives ab, wenn er zur Frage der deutschen Position gegenüber Serbien die »winterliche Reise« als zweite Chance zur Diskussion ansieht, deren erste mit dem ersten Einsatz deutscher Soldaten auf dem Balkan seit 1945 im Jahr zuvor vertan worden sei. In der zweiten ZEIT-Reaktion mutmaßte Andreas Kilb, Handke habe in Serbien sein bereits verloren geglaubtes »Neuntes Land« wiedergefunden. Die angebliche Sehnsucht des Dichters nach vorkapitalistischen Verhältnissen, oder präziser ausgedrückt »nach mehr Wirklichkeit«, sollten bald zu den Standardvorwürfen gegen die »winterliche Reise« werden. Kilb gehört in seiner Besprechung zu jenen, die den Serbien-Essay als literarische Wirklichkeit zu verstehen suchen. Dementsprechend positiv bewertet er, dass der „Meinungs-Anarch"28 Handke weder einen Kriegs- noch einen Antikriegsbericht geschrieben habe, sondern schlicht und einfach von Bildern erzähle, die es auch noch gibt – und die für die Zeit nach dem Krieg, so Kilb, unentbehrlich würden.

    Die erste Reaktion, die sich voll und ganz auf die Seite Handkes stellte, kam vom Publizisten Willi Winkler. Mit Vorwürfen an Intellektuelle, allen voran die im Serbien-Bericht angeprangerten französischen Philosophen, und mit einem Seitenhieb auf Peter Schneider kritisiert Winkler, dass viele von ihnen sich allzu schnell auf bestimmte Rollen geeinigt hätten – totalitäres Denken mit Freund-Feind- und Aggressor-Opfer-Stereo-typen, ohne ihre eigene Position immer wieder zu hinterfragen. Demgegenüber stelle die »winterliche Reise« noch Fragen und bitte „einzig und allein um die Gnade des genauen Hinsehens".29 Zur FAZ bemerkte Winkler, diese habe schon während des Golfkrieges von jedem Feuilletonredakteur „eine Unterwerfungsgeste"30 abverlangt. Zudem hätten sich die Kritiker des winterlichen Reiseberichts nur auf einige Reizwörter gestürzt und dabei anderes, wichtigeres übersehen.

    Der Streit um »Gerechtigkeit für Serbien« allerdings entwickelte sich von einer literarischen Debatte immer stärker zur politischen Auseinandersetzung, zur Frage der political correctness. Seine Medienkritik, die Verurteilung eines bestimmten Typus der Kriegsberichterstatter als „Auslandsreporterhorde"31 und Handkes Skepsis bezüglich des Ablaufes einzelner Ereignisse im Jugoslawien-Krieg wie z.B. die Beschießung Dubrovniks erhitzten die Gemüter. Ebenfalls am 19. Januar nahm dazu der langjährige Balkankorrespondent der ARD, Detlef Kleinert, Stellung. »Billig und infam« seien Handkes Vorwürfe, und im Übrigen entstammten sie zumindest teilweise der serbischen Propaganda. Kleinert verwies u.a. darauf, dass die Stadt Dubrovnik im Frühwinter 1991 keineswegs, wie in »Gerechtigkeit« behauptet, von serbischen Truppen „nur – arg genug – episodisch beschossen"32 worden sei.

    „Wir, die Auslandsreporterhorde (jedenfalls die allermeisten der Kollegen und Kolleginnen), wir haben es uns nicht so einfach gemacht, mit wohlfeilen Vorurteilen den komplizierten Konflikt abzufeiern, wir konnten und durften weder poetisch noch nebulös sein. Aber dafür stimmten bei uns – fast immer – die Fakten."33

    Fünf Jahre später sagte Kleinert: „Ich habe doch recht konziliant versucht, die Dinge wieder einigermaßen zurechtzurücken. Wenn ich gewusst hätte, wie Herr Handke reagiert, hätte ich meine Kritik weit schärfer formuliert."34 Am Wochenende meldete sich schließlich auch die Neue Zürcher Zeitung zu Wort. Dort kritisierte Martin Meyer, es werde prekär, „wenn der Dichter – als Dichter – seine Aufgabe korrumpiert, sich aufschwingt, der Welt die Tatsachen, das So-und-nicht-anders festzuschreiben."35

    Ähnlich geteilt und dennoch meist ablehnend standen erste Leserbriefreaktionen der Veröffentlichung der »winterlichen Reise« gegenüber. Rupert Neudeck, als Journalist und Humanitärer in den Balkan-Krieg involviert, entgegnete auf Handkes Vorwurf, dass fast alle Bilder nur von einer Seite des Krieges kamen, dass dieser Umstand u.a. auch mit fehlenden Visa und ähnlichen Schwierigkeiten im Umgang mit serbischen Behörden zusammenhänge.36 Grund dafür sei wiederum die Recherche serbischer Gewalt gegen Kosovo-Albaner. Handkes Medienkritik, so Neudeck, sei im Großen und Ganzen vertretbar, der Essay selbst ein schöner, aber kein politischer Text. Gudrun Steinacker reihte Handke in die Liste jener „meist linken Intellektuellen ein, die ob der Komplexität des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien selber verwirrt wurden.37 Weitere Leserbriefmeinungen bezeichneten u.a. Handkes Medienkritik als unglaubwürdig, da sich der Autor derselben Methoden bediene, die er anderen vorwerfe. Zu billig für die Gerechtigkeit, meinte ein anderer Leserbrief, denn der Reisebericht enthalte sehr wenig Substanz, was darauf zurückzuführen sei, dass der Autor mehr an seinen eigenen Empfindungen interessiert sei denn an empirischen Beobachtungen. Aber es gab auch positive Kritik: „Ein Außenseiter musste kommen, die Proportionen in einer monatelang skandalös verzerrten berufspublizistischen »Berichterstattung« und Kommentierung in 95% der deutschen Medien (und nicht nur dieser!) wiederherzustellen.38

    Von dieser Kritik war auch die Süddeutsche Zeitung nicht ausgenommen, der zum Teil ebenfalls antiserbische Haltung vorgeworfen wurde. Ein interessanter Leserbrief stammte vom Zeithistoriker Ludwig Steindorff aus Münster, dessen Forschungsschwerpunkt der Balkan ist. Abgesehen davon, dass auch Autoren von Reiseberichten selbstgesetzten wie fremdbestimmten Wahrnehmungsfiltern unterlägen, wirft Steindorff Handke vor, in seinem Serbien-Traktat die Ebenen von Gesellschaft und Staat vermischt zu haben. Die serbische Gesellschaft sei weder kollektiv unschuldig noch kollektiv schuldig, eines von beiden zu suggerieren entspräche verweigerter Gerechtigkeit. Steindorff lässt aber keinen Zweifel daran, dass der serbische Staat bzw. seine politische Führung am Zerfall Jugoslawiens in seinen Augen am meisten Schuld trägt.39

    »Seltsame Streitkultur«, schrieb die Journalistin Dunja Melcic und spielte damit auf den Umstand an, dass ihrer Meinung nach die Debatte um den Jugoslawien-Konflikt mangels Unterscheidungskriterien den Charakter einer Polemik angenommen hätte, in der es nur mehr um verschiedene Ansichten und Meinungen ginge.40 Zurück zum Feuilleton: Als »Streit um Handke« fasste die tageszeitung am 22. Januar die bisherigen Reaktionen auf die Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung zusammen.41 Doch die Auseinandersetzung sollte noch für längere Zeit Wellen schlagen. Etwas zögernder als ihre deutschen Kollegen begann nun auch die österreichische Presse auf den Literaturstreit, der immer mehr zu einem Politstreit verkam, zu reagieren. Die gleichnamige konservative Tageszeitung analysierte bei Handke genau jenes Phänomen, das dieser vielen Journalisten vorgeworfen hatte, nämlich die bereits fertigen Vorstellung im Kopf durch eine Reise bloß zu verifizieren, „zum eigenen oder anbefohlenen Vorurteil die Schimmer der augenfälligen Authentizität dazuzuschummeln".42 Im Übrigen, so Hans Haider, liege es nicht an den Dichtern zu urteilen, sondern an den Richtern und schon bald an den Historikern. Zusätzlich wirft Haider dem in Chaville lebenden Autor eine vertane Chance vor, indem dieser seine Stimme für jene demokratische, antikriegerische Opposition in Serbien erheben hätte können, deren Kriegsverweigerer zu Tausenden auch nach Paris geflohen sind. Der serbisch-österreichische Schriftsteller Milo Dor hatte im Zuge der Debatte wiederholt auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Verständnis brachte indes der Schriftsteller und Essayist Michael Scharang für die »winterliche Reise« seines Kollegen auf.43 Das Wesen des Erzählens, so Scharang, sei Gleichheit, was zur Erklärung der Empörung über die in der Serbien-Reise geschilderten Eindrücke beitragen würde. Der Wiener Bildhauer und Kommunist Alfred Hrdlicka meldete sich in einem Brief an die Zeitung Neues Deutschland ebenfalls mit einer Handke-Verteidigung zu Wort.44 Einen Tag zuvor hatte die PDS-nahe Tageszeitung auch eine positive Rezension der »winterlichen Reise« veröffentlicht.45

    Am 27./28. Januar veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine ausführliche Zusammenfassung erster Reaktionen und bescheinigte Peter Handke in einem kurzen Überblick, verhärtete Fronten aufgeweicht und dem Begriff »Gerechtigkeit« seine Vieldeutigkeit zurückgegeben zu haben. Dabei wurden die Reaktionen in- und ausländischer Medien analysiert und teilweise mit einem kurzen Kommentar versehen.46 Als interessant erweist sich dabei die Entgegnung des französischen Philosophen André Glucksmann im italienischen Corriere della Sera bereits einen Tag nach Veröffentlichung des ersten Teiles von Handkes Essay am 6. Januar. Glucksmann bezeichnet den Kärntner Autor in einem Interview als „»monomanen Terroristen«",47 der das Leiden der Bevölkerung im ehemaligen Jugoslawien auf das eigene psychoanalytische Drama reduziere. Obendrein sei der »gequälte Geist« Handke in seiner Position gleichsam versteinert, was erklären könne, warum

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1