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Die Strafjustiz in Mainz und Frankfurt/M. 1796 - 1803: Unter besonderer Berücksichtigung des Verfahrens gegen den Serienstraftäter Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, 1802/03.

Die Strafjustiz in Mainz und Frankfurt/M. 1796 - 1803: Unter besonderer Berücksichtigung des Verfahrens gegen den Serienstraftäter Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, 1802/03.

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Die Strafjustiz in Mainz und Frankfurt/M. 1796 - 1803: Unter besonderer Berücksichtigung des Verfahrens gegen den Serienstraftäter Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, 1802/03.

Länge:
466 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Apr 4, 2016
ISBN:
9783981783117
Format:
Buch

Beschreibung

Am 21.11.1803 endete die kriminelle Karriere des berüchtigten Serien-straftäters Schinderhannes unter der Mainzer Guillotine. Von der Presse war er bald als deutscher Baron, bald als Freiheitskämpfer an der Spitze von 600 Aufständischen oder als Räuberhauptmann mit 1.000 Gefolgs-leuten tituliert. Das eigens zu seiner Verurteilung eingerichtete Tribunal criminel spécial konnte nichts von alledem feststellen: Vor sich hatte es „nur" einen Dieb, Erpresser und Räuber. Selbst die heute so oft genannte Schinderhannes-Bande gab es nicht.
In dem vorliegenden Buch wird zum einen die Strafakte Schinderhannes einer vollständigen Bearbeitung unterzogen − erstmals seit dem Prozeß vor über 200 Jahren.
Zum anderen dient der Fall der Aufarbeitung der Strafjustiz von Mainz und Frankfurt, als der Rhein zur Grenze zwischen dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem revolutionären Frankreich wurde. Beide Städte waren zu dieser Zeit auch die Zentren, um die sich die Aktivitäten des bekannten Straftäters abspielten. Es werden die Strafgerichtsbarkeit in Aufbau und Verfahren detailliert beschrieben und die Praxis der Gerichte durch die Aufarbeitung aller 1.080 Aktenvorgänge beleuchtet. Damit entsteht nicht nur ein bisher unbekanntes Bild von der Kriminalität im Rhein-Main-Gebiet zur Zeit des Schinderhannes, sondern es werden auch die Unterschiede zwischen den Strafrechtssystemen der beiden Städte deutlich. So war in Frankfurt noch das alte deutsche Inquisitionsgericht tätig, währenddessen in Mainz bereits der reformierte Prozeß, Grundlage für unser heutiges deutsches Strafrecht, eingeführt worden war.
Freigegeben:
Apr 4, 2016
ISBN:
9783981783117
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Strafjustiz in Mainz und Frankfurt/M. 1796 - 1803 - Dr. Dr. Mark Scheibe

Vorwort

In der vorliegenden Arbeit wird die regionale Strafjustiz am Rhein an der Wende zum 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung ihrer beiden Zentren Mainz und Frankfurt/Main dargestellt und bewertet. Diese beiden nah beieinanderliegenden Orte bildeten zu dieser Zeit auch die geographische Mitte, um die sich die Aktivitäten des berühmt-berüchtigten Schwerkriminellen Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, drehten, bis er im Alter von 24 Jahren 1803 unter der Mainzer Guillotine starb. Sein Tatprofil und Mythos werden gleichfalls recherchiert. Wie ein roter Faden ziehen sich die hier gewonnen Ergebnisse durch die Untersuchungen der Strafjustiz.

Die Arbeit beginnt mit der Erstellung des Tatprofils und des weit über die tatsächlichen Begebenheiten hinausgehenden Mythos, der mitverantwortlich war für die Einrichtung eines Sonderstrafgerichts in Mainz, in dem zahlreiche Justizrechte der Revolution nicht mehr galten. Im folgenden Kapitel wird dann die Gesellschaft dieser Zeit beleuchtet. Sie dient dem Verständnis der sich anschließenden Darstellung des Aufbaus der Strafjustiz in Mainz und Frankfurt, des dort geltenden formellen und materiellen Strafrechts sowie der Urteilspraxis. Diese Punkte werden zudem einer vergleichenden Bewertung unterzogen.

Die zeitgeschichtliche und rechtshistorische Besonderheit dieser Untersuchung liegt zum einen in der Feststellung des Straftatenkatalogs des heute als „edlen Räuber" gemeinhin bekannten Schinderhannes, zum anderen in der Aufarbeitung und dem Vergleich zweier aufeinandertreffender Rechtssysteme seiner Zeit. Links des Rheins, damit auch in Mainz, wurde seit Ende 1797 die neue, aus der Französischen Revolution hervorgegangene Strafjustiz eingerichtet, die als Modell unseres heutigen Strafrechts gilt. Im Rechtsrheinischen, also auch in Frankfurt, arbeitete man weiterhin mit dem alten deutschen Recht. Beide Systeme standen vor der Aufgabe, der durch Krieg und Not stark angestiegenen Kriminalität mit ihren jeweiligen Mitteln zu begegnen. Diese Kriminalität war nicht unwesentlich mit dem Namen Schinderhannes verbunden.

Bei der vorliegenden Abhandlung wurde weitestgehend mit Primärquellen gearbeitet. Dies stellte nicht nur erhöhte Anforderungen an das Auffinden dieser Literatur und an die eigene Mobilität, um in unterschiedlichen Archiven arbeiten zu können. Es forderte auch, sich intensiv mit handschriftlich verfaßten französischsprachigen wie auch mit in Kurrentschrift angelegten deutschen Akten auseinander zu setzen. Eine besondere Aufmerksamkeit kam der Bestimmung damaliger juristischer Begriffe zu.

Dieser Arbeit lag neben der wissenschaftlichen auch eine persönliche Motivation zugrunde: Sie begann mit der nach den Ermittlungsakten verfilmten Lebensgeschichte des Räubers durch die AG Film & Theater der Universität Mainz. Dieser 90minütige Dokumentarfilm wurde mit 200 Laiendarstellern produziert und unter anderem von der Stiftung Kultur für Rheinland-Pfalz finanziert. Die während der Vorbereitungen und der Umsetzung entstandenen Fragen, wie etwa zu den Widersprüchen in den Aussagen Bücklers oder zum Aufbau der Strafgerichtsbarkeit, setzten eine umfangreiche Recherchetätigkeit in Gang. Diese führte letztendlich – lange nach der Fertigstellung des Films – zu der vorliegenden Untersuchung.

Einer der interessantesten Momente war dabei ein kurzer Forschungsaufenthalt an der Universität UNISINOS der Stadt Sao Leopoldo im Bundesstaat Rio Grande do Sul (Brasilien) im Juli 2007. Weitab jeglicher Beeinflussung aus der deutschen Heimat hält sich unter den Nachfahren der damals ärmsten, von Hunger und Plünderungen verfolgten und deshalb ausgewanderten Bevölkerung das wohl ursprünglichste Schinderhannes-Bild.

Mein besonderer Dank gilt dem Initiator und Betreuer der vorliegenden Arbeit, Herrn Prof. Dr. Jan Zopfs, der meine Forschung immer mit großem Interesse und mit offenem Ohr unterstützt hat. Den Herren Prof. Dreher und Rambo möchte ich für Ihre Unterstützung vor Ort in Brasilien meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich danke auch Christian Pohl für die dauernde Mitarbeit bei der Vortragstätigkeit und allen Personen und Institutionen, die Quellenmaterial zum Thema zur Verfügung gestellt haben.

Einen Ausschnitt der vorliegenden Arbeit – die Listen der nachweisbaren Taten und Mittäter des Räubers (Anhang, Abschnitte 3.a und 4) – habe ich vorab 2006 veröffentlicht. Dieser Teil erfuhr hier bereits eine Verbesserung und Erweiterung.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Johannes Bückler, genannt Schinderhannes

1. Lebenslauf und Straftaten

2. Mythos Schinderhannes

II. Gesellschaft

1. Demographische Daten

2. Das Ständesystem

a) Rechtsrheinisches Untersuchungsgebiet

aa) Bürger

bb) Beisassen

cc) Leibeigene

dd) Juden

ee) Fremde

ff) Die „Unehrlichen" als Sondergruppe

b) Linksrheinische, ab Ende 1797 unter französischer Verwaltung stehende Gebiete

c) Das Durchbrechen der Standesschranken durch die Wahl der Kleidung

3. Parallel- und Gegengesellschaften ?

a) Die Hausgemeinschaft

b) Nachbarschaft und durch Beruf oder Freizeitverhalten zusammengeführte Gruppen

c) Juden

d) „Gaunerortschaften"

e) Vaganten

f) Räuberbanden

g) Sinti und Roma („Zigeuner")

4. Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse zu Kapitel II

III. Strafrecht im Untersuchungsgebiet

1. Rechtsrheinische Gebiete

a) Das gesamtdeutsche Strafrecht im Überblick

aa) Strafgerichte

bb) Strafprozeßrecht / Formelle Strafvorschriften

cc) Materielle Strafvorschriften

dd) Die salvatorische Klausel der Constitutio Criminalis Carolina

b) Strafrecht in Frankfurt am Main

aa) Strafgerichte (Aufbau und Zuständigkeiten)

bb) Delikte in der Praxis des Verhöramtes

cc) Strafprozeßrecht / Formelle Strafvorschriften

dd) Prozeßverfahren in der Praxis des Verhöramtes

ee) Materielle Strafvorschriften

– Delikte nach dem Beyerbachschen Regelkatalog

– Strafen nach dem Beyerbachschen Regelkatalog

ff) Urteile und Strafen in der Praxis des Verhöramtes

2. Linksrheinische, ab Ende 1797 unter französischer Verwaltung stehende Gebiete

a) Die Einführung der französischen Staatlichkeit

b) Strafrecht

aa) Strafgerichte (Aufbau und Zuständigkeiten)

Tribunal de police

Tribunal correctionnel

Tribunal criminel

– Sonderstrafgerichte

– Revisions- und oberste Berufungsgerichtsbarkeit in Trier und Paris (Tribunal de cassation und Tribunal d’appel)

bb) Delikte in der Praxis der Strafgerichte

cc) Strafprozeßrecht / Formelle Strafvorschriften

dd) Prozeßverfahren in der Praxis der Strafgerichte

ee) Materielle Strafvorschriften: der Code pénal, der Code des délits et des peines und gesondert ergangene Regelungen

ff) Urteile und Strafen in der Praxis der Mainzer Strafgerichte

3. Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse zu Kapitel III

a) Aufbau und Zuständigkeiten der Strafgerichte

aa) Übersicht

bb) Bewertung

b) Formelle Strafvorschriften und Prozeßverfahren in der Praxis

c) Materielle Strafvorschriften

d) Urteile und Strafen in der Praxis

e) Materielle Strafvorschriften und Strafpraxis im Vergleich

IV. Resumée und Ausblick

V. Quellen- und Literaturverzeichnis

ANHANG

Straftaten, Mittäter und Opfer des Johannes Bückler, genannt Schinderhannes

1. Vorbemerkung

2. Aufarbeitung der Straftaten

3. Beteiligte Personen

a) Täter, Tatverdächtige und Freigesprochene

b) Hehler

4. Die Straftaten Bücklers

5. Liste der Verurteilten

Epilog

Karte

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Die Erstürmung der Pariser Bastille und die Erklärung der Menschenrechte (la Déclaration des droits de l’homme) durch die Nationalversammlung Frankreichs im Jahr 1789 gelten als Eckpunkte der Französischen Revolution. Sie kennzeichnen einerseits die Befreiung des Dritten Standes von der feudalen Willkürherrschaft, andererseits den Beginn einer Justizreform, die ein hohes Maß an Gerechtigkeit und Rechtssicherheit brachte und auch zu einer wesentlichen Grundlage unseres heutigen deutschen Strafrechts wurde.

Leitmotiv der Revolution wurde der von der Geistesströmung der Aufklärung geprägte Begriff der Freiheit. Diese Freiheit mußte aber durch Kriege verteidigt werden, die 1792 bis 1801 auch am Rhein geführt wurden.¹ Hinter den Frontlinien entstand ein Machtvakuum, so daß die staatliche Kontrolle in dieser Region teilweise vollständig zum Erliegen kam. Institutionen, die Strafrechtspflege betreiben konnten, waren vielerorts nicht mehr vorhanden. Während die linksrheinischen Gebiete Ende 1797 unter französische Verwaltung kamen und die staatlichen Organe nach dem Vorbild Frankreichs aufgebaut wurden, waren die rechtsrheinischen Behörden zwischen Lahn und Neckar² auch in den Folgejahren oft nicht mehr arbeitsfähig. Hinzu kam ein starker Anstieg der Agrarpreise, mit dem die Löhne nicht mithalten konnten.³ Verrmutlich mußten deshalb weite Bevölkerungsteile hungern. In den betroffenen Gegenden waren Armut und Kriminalität die Folge. Der Lähmung der Staatlichkeit folgten die Verbote: Selbst die Messestadt Frankfurt am Main, deren Einwohner im allgemeinen sehr wohlwollend gegenüber Bedürftigen waren, ließ in dieser Zeit über 50 Seiten umfassende Regelungen gegen Bettler drucken.⁴ Zu einer wichtigen politischen Frage wurde die um sich greifende Bandenkriminalität. Es ist verständlich, daß die Umstände leicht einen Serienstraftäter und angeblichen „Freiheitshelden wie Johannes Bückler, den Schinderhannes, hervorbrachten. Die „Herrschaft des Räubers zwischen Mosel und Pfalz, Lahn und Neckar ist aber auch ein gutes Beispiel, um den Blick auf die Gesellschaft und die Strafgerichtsbarkeit einer Region zu lenken, wie dies in der folgenden Arbeit geschieht. Schinderhannes’ kriminelle Karriere und sein ihm vorauseilender Ruf entwickelten sich zeitgleich zu der französischen Justiz in ihrem neuen linksrheinischen Herrschaftsgebiet.

Ihre größte Machtentfaltung gelang 1803 zugleich mit der Aburteilung des Schinderhannes und dessen zahlreicher Mittäter durch eine dafür eingerichtete Sonderstrafgerichtsbarkeit, die zugleich eine Abkehr von etlichen durch die Revolution gewonnenen Justizgrundrechten bedeutete.

Die vorliegende Untersuchung zur Strafjustiz beschränkt sich zeitlich auf die Jahre 1796 bis 1803, inhaltlich im wesentlichen auf den Fall Bückler und die Gerichtsbarkeit im französischen Mainz und dem zu Deutschland gehörenden Frankfurt am Main: Dieser Zeitraum fällt einerseits zusammen mit den ersten verbürgten Taten des Schinderhannes und seiner Hinrichtung. Andererseits stellen diese Jahre zwischen dem zweiten Revolutionskrieg am Rhein 1796⁵ und dem Reichsdeputationshauptschluß 1803⁶ eine Übergangsphase dar: Die linksrheinischen Gebiete kamen aufgrund der Zugeständnisse durch den geheimen Frieden von Campo Formio 1797⁷ und den Frieden von Lunéville 1801⁸ zu Frankreich, und die rechtsrheinischen Herrschaftsgebiete wurden nach dem Willen Frankreichs zerschlagen bzw. geographisch neu geordnet.

Einer der zu dieser Zeit bekanntesten Schriftsteller Deutschlands, der Jakobiner, Jurist und spätere Präsident des Spezialkriminalgerichts gegen Schinderhannes, Georg Friedrich Rebmann, beschrieb die damalige politische Situation in Frankreich und die gesellschaftliche Verunsicherung wie folgt: „Ich glaubte ins Heiligtum der Freiheit zu treten und trat – in ihr Bordell !"

Die Aufarbeitung dieses Themenkomplexes war nur möglich durch die umfassende Sammlung an zeitgenössischen Dokumenten: Der Nachweis der Straftaten des Schinderhannes unter Aufführung der Mittäter, Hehler und Opfer konnte geführt werden nach den gedruckten und handschriftlichen Ermittlungsakten des Mainzer Spezial-Tribunals 1802/03¹⁰, dem „Kompetenz-Urteil"¹¹ vom 07.02. 1803, der Anklageschrift vom 23.09.1803¹² und dem Endurteil vom 20.11.1803¹³ unter Hinzuziehung der Aufzeichnungen von Prozeßteilnehmern, des Herausgebers der Mainzer Zeitung Weitzel¹⁴, des Gerichtspräsidenten Rebmann¹⁵, des Kirner Friedensrichters Becker¹⁶ und des in Köln arbeitenden Öffentlichen Anklägers Keil¹⁷ sowie zeitgenössischer Polizeiakten. Die Darstellung der Justiz war ebenfalls nur durch die gute Quellenlage möglich: Neben den gedruckten Regelwerken konnten für diese Arbeit insgesamt alle 1.079 Strafakten, Amtshilfeersuche, Briefe etc., davon die 725 Akten des Peinlichen Verhöramts in Frankfurt und die 354 Akten der Mainzer Polizei- und Straforgane (vor allem Urteile der Friedensrichter, der Tribunaux correctionnels, criminels und des Tribunal spécial criminel) einer Auswertung unterzogen werden.¹⁸

Die Arbeit endet mit dem Jahr 1803, das gekennzeichnet ist durch eine politische Stabilisierung und die Zerschlagung der Raubkriminalität am Rhein. Zu diesem Zeitpunkt notierte der Öffentliche Ankläger Keil, daß „der Schauplatz, auf dem sie (die Räuber) ihre verderblichen Szenen spielten, leer und gereinigt ist; der Landbewohner hat keinen Grund mehr, sich nach ihnen als den Schreckensmännern zu erkundigen; der Polizei-Beamte hat keine Ursache mehr, wegen ihrer mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinem Posten zu stehen. Sie sind bloß der Gegenstand der Neugierde und des Bedaurens geworden."¹⁹

Der Machtanspruch Frankreichs dehnte sich in den folgenden Jahren auch über den Rhein weiter aus: 1806 kam es zur zweiten Zusammenlegung deutscher Rheinanliegerstaaten; es entstand der Rheinbund.²⁰ Erst 1814/15, mit dem Zusammenbruch des napoleonischen Systems infolge der Völkerschlacht bei Leipzig und der Bataille de Waterloo 1815, übernahm Deutschland wieder seine 1797 verlorenen linksrheinischen Gebiete, verzichtete aber auf eine Wiedereinführung der alten Straf- und Zivilgerichtsbarkeit. Dieser Verzicht trug nicht unwesentlich zur Übernahme der Grundsätze des während der Revolution entstandenen französischen Strafrechts in unser heutiges Strafrecht bei. Auch aus diesem Grund ist die hier erfolgte Gegenüberstellung des deutschen und französischen Strafrechts von besonderem wissenschaftlichen Interesse.

In den kommenden Jahrzehnten kam es im übrigen Deutschland zu einer Weichenstellung mit einer grundlegenden Änderung des Rechtswesens und insbesondere des veralteten Inquisitionsprozesses hin zum „reformierten Strafprozeß": In den von Preußen verwalteten linksrheinischen Gebieten erreichte zunächst die von der Regierung eingesetzte Rheinische Immediat-Justiz-Kommission mit der Kabinetts-Ordre des Königs vom 19.11.1818, daß das französische Recht und damit deren Kerninhalte, wie die Beibehaltung der Mündlichkeit und Öffentlichkeit im Straf- und Zivilverfahren, der Staatsanwaltschaft und der Geschworenen-Einrichtung, im wesentlichen beibehalten wurden.²¹ Auch in den übrigen linksrheinischen, ehemals unter französischer Verwaltung stehenden Gebieten, die Bayern und Hessen-Darmstadt zugeschlagen wurden, blieben diese Errungenschaften der französischen Justiz weitestgehend erhalten.²²,²³ Mit dem Strafgesetzbuch des Reiches, das am 01.01.1872 in Kraft trat, sowie dem Gerichtsverfassungsgesetz und der Strafprozeßordnung (beide galten ab dem 01.10.1879) fand das französische Strafrecht der Revolutionszeit Eingang in unser heutiges Recht.²⁴,²⁵

I. Johannes Bückler, genannt Schinderhannes

Der heute so berüchtigte Räuber Schinderhannes ist unzweifelhaft der am besten dokumentierte Straftäter des Untersuchungszeitraums.²⁶ Leider fehlte es bislang an einer Auswertung des vollständigen Quellenmaterials, so daß die tatsächliche Person und ihre Straftaten nur unzureichend aufgearbeitet worden waren.

In den folgenden beiden Abschnitten werden deshalb die Person, die kriminelle Karriere und der Mythos des Straftäters unter Berücksichtigung der heute bekannten zeitgenössischen Dokumente aufgearbeitet.

Es ist erstaunlich, daß die Strafakten trotz der Bekanntheit dieser Person seit ihrem Tod vor über 200 Jahren niemals von juristischer Seite aus begutachtet wurden. Ebenso fehlte es bislang auch an einer kritischen Betrachtung der Quellen, bei der man die zahlreichen, oft widersprüchlichen Angaben miteinander verglichen hätte. Eine entsprechende Untersuchung hat in der vorliegenden Arbeit stattgefunden. Dazu wurden aber nicht nur die bekannten Dokumente miteinbezogen, sondern auch bisher unbekannte historische Schriftbelege verwendet, die erst während dieser Untersuchung gefunden wurden. So konnte das Bild des Johannes Bückler wesentlich erweitert werden.

Bückler hat die Kriminalität des Untersuchungszeitraums keinesfalls dominiert.²⁷ Fest steht jedoch, daß Presse und Politik seinen Namen insoweit in den Vordergrund gerückt haben, daß er bereits zu Lebzeiten von einem Mythos umgeben war, der bis heute Bestand hat. Dieser Mythos deckt sich zu einem großen Teil nicht mit der historischen Person des Räubers. Um diesbezüglich mehr Klarheit zu gewinnen, ist die Aufarbeitung dieses Mythos Gegenstand des zweiten Abschnitts dieses Kapitels. Schinderhannes’ Ruf ist aber auch im Rahmen dieser rechtsgeschichtlichen Untersuchung von Bedeutung, hat er doch offenbar wesentlich zur Errichtung des Sonderstrafgerichtes in Mainz beigetragen, durch dessen Urteil der Verbrecher unter die Guillotine geführt wurde.

Die in den folgenden Abschnitt 1 eingefügten Zusammenfassungen und Grafiken zu den Straftaten Bücklers entstammen den für diese Untersuchung erarbeiteten und im Anhang enthaltenen Listen (siehe ab S.261).

1. Lebenslauf und Straftaten

Johannes Bückler kam offenbar im Herbst 1779 bei Nastätten (Taunus) zur Welt.²⁸ Sein Vater arbeitete als Scharfrichterknecht, Abdecker (Schinder), Feldschütz und zuletzt als Bauer²⁹, womit dessen Familie im ständisch geprägten Deutschland auf der damals sozial niedrigsten Stufe innerhalb der sogenannten unehrlichen, also unsauberen bzw. unlauteren Berufe stand.³⁰

Der junge Bückler verbrachte die ersten vier Lebensjahre in Miehlen bei Nastätten (Taunus), bis die Familie wegen eines Leinwanddiebstahls 1783 fliehen mußte³¹ und bettelnd³² bis nach Ölmütz in Mähren zog, wo sich der Vater als Soldat anwerben ließ.³³ Als der Sohn neun Jahre alt war, desertierte der Vater und zog mit seiner Familie nach Merzweiler in den Hunsrück.³⁴

In dieser Gegend verbrachte Johannes Bückler seine Jugend- und Lehrjahre. Hier lag auch wahrscheinlich der Beginn seiner kriminellen Karriere, die vermutlich kurz vor seinem 16. Geburtstag begann:³⁵ Nachdem er wohl im Sommer 1795 mit einem Kameraden in Veitsrodt von dem dortigen Wirt Koch mit dem Auftrag, Branntwein zu holen, einen Louisd’or erhalten hatte, gaben die beiden Jungen das Geld für Essen und Trinken in Gasthäusern aus. Da „ich gerechte Züchtigung für diesen Fehler fürchtete, wagte ichs nicht nach Haus zurükzukehren. Auf seiner nun folgenden Wanderschaft lernte er zahlreiches „liederliches Gesindel kennen, „das ihnen mit der ihm eigenen Beredsamkeit und munteren Laune erzählte, wie leicht ihm sein Erwerb und sein Fortkommen werde. Ein solches Leben behagte ihnen (…).³⁶ „Ich irrte dann in der Gegend herum, und der gänzliche Mangel an Lebensmittel veranlaßte mich den ersten Raub³⁷ zu begehen (…):³⁸ Gemeinsam mit einem Kumpan stahl er ein Pferd aus einem Stall, das er anschließend verkaufte. Anschließend kehrte Bückler für kurze Zeit in das bürgerliche Leben zurück.³⁹

Nach zwei begonnenen und abgebrochenen Lehrzeiten bei Wasenmeistern (zu deren Aufgaben im Untersuchungszeitraum die Beseitigung von Tierkadavern, die Heilung kranken Viehs und einfache Barbierdienste gehörten) erhielt der 16jährige Bückler zusammen mit einigen Kameraden die Aufgabe, Proviantwagen des französischen Militärs zu bewachen.⁴⁰ Die Burschen verkauften jedoch die Lebensmittel an die Bauern der Umgebung. Das Militär entdeckte ihre Tat, so daß der junge Bückler in die Wälder fliehen mußte. Die kurz darauf begonnene Fortsetzung seiner Lehre wurde durch einen Arrest beendet. Es hatte sich herausgestellt, daß er mehrfach heimlich Viehdiebstähle unternommen hatte.⁴¹ Aus der Zeit zwischen 1796 und Anfang 1799 sind von Bückler alleine 38 Vieh- und Pferdediebstähle (und einige andere Warendiebstähle) bekannt, wobei er in Begleitung erfahrenerer Diebe in Ställe einstieg, ohne Kontakt zu den Hausbewohnern zu haben. Motivation seines Handelns war dabei unter anderem auch „die Aussicht auf ein frohes lustiges Leben, und die geringe Bedeutung von (Vieh-)diebstählen."⁴² In der Folge dieser Diebstähle kam jedoch auch ein räuberischer Einbruch in Gemeinschaft mehrerer Mittäter. Zudem wurde er später als Teilnehmer oder Mittäter an dem Totschlag des Plackenklos sowie an dem Mord des Juden Seligmann überführt, die in diesen Zeitraum fielen.⁴³ Abb.1a (folgende Seite) zeigt hier die deutliche Dominanz der Diebstähle gegenüber den übrigen Delikten, die er von Beginn seiner kriminellen Karriere 1795 bis zu seinem Gefängnisaufenthalt in Simmern 1799 beging.

Abb.1a: Verteilung der Straftaten Bücklers im Zeitraum 1795 bis zur Inhaftierung in Simmern, Februar 1799⁴⁴

Dieser Zeitabschnitt bis zu seiner Inhaftierung in Simmern war auch gekennzeichnet durch den Beginn der Einrichtung der französischen Verwaltung in den Frankreich zugesprochenen linksrheinischen Gebieten.⁴⁵ Da Frankreich aber offenbar nicht genug Militär zur Verfügung hatte, um der steigenden Kriminalität durch Vagabunden Herr zu werden, beauftragte man zunächst 300 pfälzische Jäger mit der Räuberjagd.⁴⁶ Die kurze Zeit darauf eingerichtete französische Nationalgendarmerie verzeichnete einen monatlichen Fang von durchschnittlich etwa 130 Vagabunden und gesuchten Straftätern je Departement.⁴⁷ Die steigende Polizeipräsenz führte zu Bücklers Haft in Simmern, die von Februar bis August 1799 dauerte.⁴⁸

Der Aufenthalt im Turm zu Simmern bedeutete einen Wendepunkt in seiner kriminellen Karriere. „Die Behandlung zu Simmern hatte ihn höchst erbittert, und bei ihm den Gedanken erregt, nicht mehr bloß Pferde zu stehlen, sondern größere Unternehmungen zu wagen, wo man ihm, im Fall man ihn auch bekommen, doch nicht ärger strafen könne."⁴⁹ Nach seiner Flucht⁵⁰ „wandte (er) sich vom Pferdediebstahl ab, da die Konkurrenz zu groß wurde und der Gewinn schwand."⁵¹ Bückler ging nun mehrheitlich zu Erpressungen, räuberischen Erpressungen, bewaffneten Raubüberfällen und räuberischen Einbrüchen über, die er zumeist in Gemeinschaft von durchschnittlich fünf, zumeist wechselnden Mittätern verübte. Bis zu seiner endgültigen Inhaftnahme Ende Mai 1802 beging Bückler mindestens 69 Straftaten dieser Art.⁵²

Abb.1b verdeutlicht den Sinneswandel, den Bückler nach seiner Flucht aus Simmern durchlief.

Abb.1b: Verteilung der Straftaten Bücklers im Zeitraum November 1799 bis zu seiner letzten Gefangennahme, Mai 1802⁵³,⁵⁴

Insgesamt sind heute 93 Mittäter des berüchtigten Räubers bekannt. Dessen Mittäter entstammten fast alle – wie er selbst – dem „unehrlichen" Stand⁵⁵ (zu dem Begriff siehe S.61 ff.). Diese Feststellung ist insofern von Interesse, da die in dieser Arbeit untersuchte Kriminalität unter besonderer Berücksichtigung des damaligen Gesellschaftssystems erfolgt (Kapitel II, S.44 ff.). Der starke Zusammenhalt und die Abgrenzung des unehrlichen Standes gegenüber den bürgerlichen Ständen waren sicherlich Gründe, warum die Justiz Bückler trotz seines steigenden Bekanntheitsgrades über eine Dauer von drei Jahren nicht habhaft werden konnte. Viele der Mittäter waren freiwillig oder erzwungenermaßen zu einem vagierenden Leben übergegangen. Einige von ihnen standen als Juden oder Zigeuner (zu dieser Bezeichnung siehe die Erläuterung auf Fn.380) von vornherein außerhalb der Gesellschaft. Abb.2 (folgende Seite) zeigt die Verteilung der Berufe der Mittäter.

Abb.2: Die Berufe der 93 heute bekannten Mittäter des Schinderhannes⁵⁶

Die zahlreichen Raubüberfälle Bücklers nach seiner Flucht aus Simmern ließen die französische Regierung aufmerksam werden. Mit Beschluß des Generalregierungskommissars Jollivet vom 16.Frimaire IX (07.12.1800) wurde die „schleunige Arretierung und Bestrafung der Rädelsführer der Räuberbande verordnet".⁵⁷ Mit dieser Räuberbande meinte Jollivet einen „Namens Pickler, genannt Schinderhannes, und mehrerer anderer Strassenräuber, die ihn für ihren Anführer erkennen (…). Er würde „bewaffnete Banden von Mordbrennern, Mördern und Dieben organisiren, die durch ihre häufigen Frevelthaten die individuelle Sicherheit der Personen und des Eigenthums stören (…).

Erstmals wurde Bückler nun als Räuberhauptmann genannt. Anhand der historischen Quellen läßt sich diese Bezeichnung aber nicht aufrechterhalten. Nach der heutigen juristischen Begriffsbestimmung ist eine Bande eine Gruppe von mindestens drei Personen, die sich ausdrücklich oder stillschweigend zur Verübung fortgesetzter, im Einzelnen noch ungewisser Diebes- oder Raubtaten verbunden hat.⁵⁸ Bei den Straftaten, an denen Bückler mitwirkte, ist ein innerer Zusammenschluß der beteiligten Personen, der über die jeweils geplante Tat hinausging, nur in Ausnahmen erkennbar. Hier ist zusätzlich zu differenzieren: Bis zu seiner Inhaftierung in Simmern 1799 war der junge Bückler eine Zeitlang dem erfahreneren Dieb Niklas Nagel, später dem Roten Fink gefolgt.⁵⁹ Zwei Personen stellen jedoch noch keine Bande dar. Auch von einem Räuberhauptmann Bückler kann hier keine Rede sein. Nach seiner Flucht aus Simmern ging er zwar zu Raubüberfällen mit mehreren Personen über, diese wechselten aber meist von Tat zu Tat.⁶⁰ „Auch könne er sie nicht seine Bande nennen, denn der Zufall hätte sie so zusammen geführt, und einer so viel gegolten, wie der andere, so Bückler in einem Verhör.⁶¹ Allerdings verschwieg er, daß er einige Male ihm bekannte Spießgesellen eingeladen hatte, um auf einen Einbruch auszuziehen.⁶² Gelegentlich stand ihm jedoch niemand zur Verfügung, so daß er wahllos Unbekannte zu Überfällen einlud: „Hans (…) schickte (umher), alle Strolchen, Abentheurer und Glüksjäger aus der Nachbarschaft zu sammeln.⁶³ Lediglich 15 der 93 namentlich bekannten Mittäter begingen gemeinsam mit ihm mehr als sechs Straftaten, viele davon verteilt über mehrere Jahre.⁶⁴ In dem Maße, wie sein Name bekannt wurde, wuchs jedoch auch die Akzeptanz der Räuber, ihn als Anführer zu anzuerkennen. Allerdings „galt die Stimmenmehrheit"⁶⁵, so daß oftmals der lauteste unter ihnen, offenbar nicht der wohl meist besonnenere Bückler, die Führerschaft übernahm.

Daß Schinderhannes kein Räuber„hauptmann" war, und wohl nur die Politik, die Presse und das Bildungsbürgertum mit seinem Verlangen nach Romanen ihn zu einem solchen stilisierte (siehe S.31f.) zum Mythos Schinderhannes), wird gestützt durch ein erst vor kurzem entdecktes Schinderhannes-Bild, das die leidgeprüfte (christliche) Landbevölkerung von ihm zeichnete: Sie sah ihn lediglich als Nichtsnutz, Pferdedieb oder unzuverlässigen Menschen, der trotz seines Versprechens, zu helfen, seine Worte bald vergaß. Man verband seinen Namen offenbar gar nicht mit dem eines Räuberhauptmanns !⁶⁶

Die nach Jollivets Verordnung in den linksrheinischen Gebieten vermutlich verstärkt fortgeführte Fahndung nach dem vermeintlichen Räuberhauptmann Bückler führte wohl dazu, daß dieser sich immer öfter rechts des Rheins zwischen Taunus, Wetterau, Maingrund und vorderem Odenwald aufhielt, um unerkannt zu bleiben (zu seinem Auftreten siehe die Karte am Ende dieses Buches). Hier war er zumeist als fahrender Händler unter dem Pseudonym Jakob Ofenloch unterwegs. Als Krämer fand er Unterstützung in seiner geliebten Julia Blasius, die ihn begleitete.

Am 31.Mai 1802 stellte ihn eine kurtriersche Patrouille bei Wolfenhausen (Nähe Limburg).⁶⁷ Von Limburg nach Frankfurt gebracht, leitete das dortige Peinliche Verhöramt ein Strafverfahren gegen ihn ein.⁶⁸ Wegen des politischen Drucks Frankreichs wurde Bückler aber wenige Tage später nach Mainz ausgeliefert.⁶⁹

Durch ein umfangreiches Geständnis Bücklers vor dem eigens für diesen Fall errichteten Tribunal criminel spécial⁷⁰ konnte in den folgenden anderthalb Jahren Ermittlungsarbeit vermutlich ein Großteil seiner Taten in Erfahrung gebracht und mindestens 100 Tatbeteiligte festgenommen werden.⁷¹ Eine Übersicht über sämtliche 130 heute nachweisbaren

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