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Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken: Judenfeindliche Tiersymbolisierungen und die postfaschistischen Grenzen des Sagbaren

Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken: Judenfeindliche Tiersymbolisierungen und die postfaschistischen Grenzen des Sagbaren

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Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken: Judenfeindliche Tiersymbolisierungen und die postfaschistischen Grenzen des Sagbaren

Länge:
809 Seiten
9 Stunden
Freigegeben:
8. Apr. 2015
ISBN:
9783864966705
Format:
Buch

Beschreibung

Monika Urban untersucht aus diskurstheoretischer Perspektive die Entwicklung, Verwendung und Funktion abwertender Tier-Symbolisierungen und die sich hierbei verschiebenden Räume des Sagbaren. Sie rekonstruiert, wie eine sprachliche Dehumanisierung mit der jeweiligen sozialen Ordnung korrespondiert.

In der Judenfeindschaft haben solche Tiersymbolisierungen eine lange Tradition: Während das klassische Motiv des mittelalterlichen Antijudaismus die Sau ist, die als unrein und dreckig gilt, dominieren im Nationalsozialismus Symbolisierungen der jüdischen Bevölkerung als Ungeziefer und Bakterien, die den ›Volkskörper‹ verzehren und zersetzen. An diese Abwertungen werden Handlungsaufforderungen geknüpft und beispielsweise gefordert, ›Trichinen‹ nicht zu erziehen, sondern zu vernichten.

Nach 1945 fallen die meisten pejorativen Tiersymbolisierungen in der öffentlichen Rede unter ein Tabu. Dennoch bleiben die Grenzen des Sagbaren fortan umkämpft: Vor allem in Wahlkämpfen wird über die Implikationen von Tiersymbolisierungen gestritten, auch wenn schlussendlich ihre Unsagbarkeit bestätigt wird. Erst Franz Münteferings Verwendung der ›Heuschrecke‹ öffnete im Jahr 2005 wieder die Schleusen und so gewinnt schließlich ein Insektensymbol im Rahmen diverser Krisen der Anti-Globalisierungsdebatte einen neuen Stellenwert.
Freigegeben:
8. Apr. 2015
ISBN:
9783864966705
Format:
Buch

Über den Autor

Dr. Monika Urban ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. Mit der vorliegenden Arbeit promovierte sie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.


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Buchvorschau

Von Ratten, Schmeißfliegen und Heuschrecken - Monika Urban

I.1.

1 Zur Erforschung von Dehumanisierung durch pejorative Tiersymbolik

1.1 Forschungsgegenstand, Fragestellung und Thesen

Defining Enemies, Making Victims: The origins of modern genocide, as well as its long-term consequences, are thus deeply rooted in a history of metaphors of evil, or, perhaps, of evil metaphors claiming to be history (Bartov 1998, 809).

Das Verhältnis zwischen Sprache, Praktiken und den jeweiligen soziokulturellen und politischen Kontexten – wie im Prolog aufgeworfen – fokussiert die hier vorliegen Studie, wobei sie sich, und hier weist das Eingangszitat von Omar Bartov den Weg, eben jenen diskursiven Formationen zuwendet, in denen Feinde definiert und Opfer produziert werden. Im Besonderen richtet sich das Interesse auf pejorative Tiersymboliken in judenfeindlichen Diskursfragmenten in der neueren und jüngsten Geschichte im deutschen Sprachraum sowie auf Tabuisierungen dieser Pejorationen in der postfaschistischen demokratischen Kultur wie schließlich die partiellen Aufweichungen der Tabus. Ziel dieser Studie ist es, eine Genealogie der pejorativen Tiersymbolik zu schreiben und innerhalb dieser diskursive Regelstrukturen herauszuarbeiten sowie die Verschiebung der Felder des Sagbaren in den politisch-kulturellen „Gelegenheitsstrukturen" (Rensmann 2005, 211ff.) zu rekonstruieren. Dabei verdingt sich diese Genealogie den Prämissen einer sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse und zielt nicht in eine rein historische, psychologische oder gar linguistische Richtung. Insofern fokussiert die Studie nicht die Wirkung von pejorativer Tiersymbolik auf einzelne Subjekte noch wie eben jene Feinde oder Opfer anders hätten dargestellt werden müssen, damit diesen – wohlgemerkt nachträglich – Gerechtigkeit zukäme. Vielmehr fällt der Blick auf eben jene kontingenten diskursive Formationen, Praktiken und Institutionen, die ein soziokulturell spezifisches Wissen über die Feinde und Opfer bereitstellen und damit regeln was als wahr und was als falsch interpretiert werden kann. Diese Kontingenz von Wissen voraussetzend, muss eine Analyse einer bestimmten Direktive folgen, so Michel Foucault:

Was tat Marx, als er in seiner Analyse des Kapitals auf das Problem des Arbeiterelends gestoßen ist? Er hat die gewöhnliche Erklärung zurückgewiesen, die aus diesem Elend die Wirkung einer natürlichen Knappheit oder eines abgekarteten Diebstahls machte. (…) Marx hat die Analyse der Produktion an die Stelle der Anprangerung des Diebstahls gesetzt (Foucault 2003a, 339).

Auf dieses Forschungsvorhaben gewendet, rückt statt einer Anprangerung der Pejoration oder einer Kritik unethischer Sprache die Geschichte der Wissensbestände über den Anderen sowie – in Verbindung mit diesem – dem Eigenen ins Blickfeld.

Für eine solche Geschichte gilt es sich vorab dem Begriff des Politischen zu nähern. Unter dem Politischen wird im Folgenden keineswegs ein auf Institutionalismus basierendes Politikkonzept verstanden, sondern generell ein „soziales Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist" (Bernauer/Jahn/Kuhn/Walter 2009, 32).⁹ Dieser Begriff des Politischen basiert auf dem Ansatz der Poststrukturalistischen Sozialwissenschaften und Soziologie, die eine Vorstellung von der Gesellschaft als positive und prädiskursive Formation zurückweisen und statt ihrer die Koexistenz heterogener Gesellschaftsbilder und widersprüchlicher Positionen anzeigen (Demirovic 2007, 55ff.; Marchart 2010b, 201; Moebius/Reckwitz 2008; Stäheli 2000). Das Soziale wird hier als diskursiv verfasst entworfen, das sich durch fragile und sich gegenseitig beeinflussende gesellschaftliche Formierungen herausbildet (Nonhoff 2007a, 9f.). Um das Soziale zu erschließen, müssen entsprechend die diskursiven Bilder und Strukturen untersucht werden, durch die sich die soziale Ordnung permanent neu konstituiert (Laclau 2005, 72-75). Damit steht die Kontingenz der sozialen Ordnungsbildung im Zentrum der Analyse, die – entgegen beispielsweise einer marxistischen Theoriebildung – über keine fixen Setzungen verfügt, die die Ordnungsbildung determinieren würde. In Anlehnung an Ernesto Laclau (2007, 120) geht diese Studie daher davon aus, dass sich weder aus den Produktionsverhältnissen noch aus der Gesellschaft die (zukünftigen) Formationen einer sozialen Ordnung herleiten lassen (vgl. auch Derrida 1983, 107f.).

Ohne solche Setzungen¹⁰ bedarf es einer spezifischen Erklärung, wie sich aus widersprüchlichen Positionen innerhalb der Koexistenz heterogener Gesellschaftsbilder einzelne partikulare Interessen zu (vermeintlich) universal gültigen, hegemonialen Bedeutungen erheben können. In Anlehnung an Laclau und Chantal Mouffe (Laclau 2010; Laclau/Mouffe 2012) lässt sich dies hegemoniekritisch herleiten: Durch Diskurse konstituiert sich das politische Feld und darin konstruieren sich einzelne mögliche Subjektpositionen. Die Strukturwerdung der sozialen Ordnung wird dabei als konflikthafter Prozess begriffen, während sich gleichzeitig die (bis dato) hegemonialen Strukturen in die Diskurse einschreiben (Dzudzek/Kunze/Wullweber 2012b, 15ff.). Der Begriff des Politischen nimmt damit jene agonalen Aushandlungsprozesse auf, innerhalb derer sich diskursive Akteure mit ihren normativ formulierten, partikularen Interessen zu positionieren suchen (Nonhoff 2007a, 11f.). Die politische, hegemoniale Ordnung wird so performativ durch diskursive und nicht-diskursive Praktiken¹¹ hervorgebracht (Mergel 2012). Dass diese performative Hervorbringung von Ordnung ohne Fixierungen verläuft, begreift Stephan Moebius (2003, 14f.) als Ermöglichung des Terrains des Politischen. Auf diesem Terrain wird den kulturellen¹² Praktiken entsprechend eine gewisse Eigensinnigkeit zugesprochen. Hierdurch eröffnet sich ein (begrenzt) kreativer Subjektbegriff – der jedoch in einem dialektischen Verhältnis zu einer gesellschaftlichen Strukturbedingtheit steht.

In dieser Studie werden die diskursiven Aushandlungen der sozialen Ordnung im Sinne der Hegemonietheorie von Laclau und Mouffe analysiert, die in Anlehnung an Jacques Derrida die Dekonstruktion für eine sozialwissenschaftliche Analyse nutzbar machen: Ihre Hegemonietheorie versucht zu greifen, wie das Soziale und damit Sinnzusammenhänge produziert und transformiert werden. Dabei orientieren sich die Autor_innen zwar an Antonio Gramsci, entwerfen jedoch keinen neu-gramscianischen Ansatz, sondern lösen die Theorie aus ihrer strukturalistischen und streng marxistischen Prägung.¹³ Als Ansatzpunkt gilt ihnen stattdessen die Kontingenz und Ambiguität der sozialen Ordnung. Diese resultieren nach Mouffe und Laclau aus sozialen Spaltungen und sozialen Antagonismen (Laclau/Mouffe 2012, 238). Antagonistische Akteure ringen in diskursiven Kämpfen um die Durchsetzung ihrer speziellen Sinnzuweisung als allgemeingültig, damit um die Hegemonialisierung ihrer spezifischen Deutung und ihres konkreten partikularen Wissens. Die soziale Ordnung – mit ihrem Wissen und Strukturen – ist daher nur das prekäre (kurzweilige) Produkt politischer Artikulationen und partikularer Sinnzuweisungen, die für einen kurzen Moment in der sozialen Ordnung einen universellen Charakter suggerieren können. Die partikularen Sinnzuweisungen sind dabei nach einer Logik der Äquivalenz und Differenz gestrickt: Neue partikulare Sinnzuweisungen werden aus Äquivalenzketten gebildet und anderen Sinnzuweisungen gegenübergestellt (Diestelhorst 2007, 78f.; Laclau/Mouffe 2012, 175-187).¹⁴ Diese politischen Artikulationen können jedoch keine beliebige Gestalt entwickeln, sondern müssen an die soziale Ordnung und die bisherigen hegemonialen Deutungen anknüpfen – ohne jedoch von einem historischen Apriori vorherbestimmt zu sein. Die Dynamik zwischen diesen politischen Artikulationen und der sozialen Ordnung erklären Laclau und Mouffe folgendermaßen:

Im Unterschied zum Sozialen als dem Feld sedimentierter Formen von Objektivität (wobei die Sedimentierung seine ursprüngliche Instituierung durch Machtverhältnisse verbirgt) ist das Politische das Moment der Reaktivierung, das ‚Wiederentdecken‘ der kontingenten Natur dieser Objektivität. In diesem Sinne werden gesellschaftliche Verhältnisse gerade durch die Unterscheidung zwischen dem Sozialen und dem Politischen gebildet (Laclau/Mouffe 2012, 19f.).

Trotz der Sedimentierungen entstehen entsprechend politische Handlungsspielräume durch eine (bedingte) Offenheit des Feldes des Diskursiven: Durch performative Hervorbringung bestimmter Praktiken und Deutungen vertiefen sich bestimmte Sedimente, andere werden eingeebnet und neue herausgebildet. Das Soziale bleibt damit ewig unfixiert. Als hegemoniale Projekte werden auf diesem Feld der politischen Aushandlungen solche Sinnzuweisungen verstanden, denen es gelingt, partikulares Wissen und ihre Materialisierung als alternativlos und allgemeingültig zu institutionalisieren – also einen universell gültigen Charakter vorzutäuschen (Laclau 2010, 74f.). Nicht jede diskursive Artikulation besitzt im Ringen um die Deutungshoheit eine ideale Voraussetzung, um das jeweilige partikulare Wissen zu hegemonialisieren, denn die Projekte ringen auf den Sedimentierungen des Sozialen miteinander, auf gewachsenen Fundamenten mit einer Materialität aus Institutionen, Professionen, Gesetzen, ökonomischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen etc. (Dzudzek/Kunze/Wullweber, 2012b, 17):¹⁵

Der Repräsentant schreibt ein Interesse also einer komplexen Wirklichkeit ein, die sich von jener unterscheidet, in der das Interesse ursprünglich formuliert wurde, und indem er dies tut, konstruiert und transformiert er dieses Interesse. Aber der Repräsentant transformiert damit auch die Identität des Repräsentierten (Laclau 2010, 142).

Dabei verlieren bei den hegemonialen Sinnzuweisungen die Repräsentationen vermeintlich die Eigenschaft der Kontingenz: „Auf diese Weise tendiert das Instituierte dazu, die Form reiner objektiver Präsenz anzunehmen. Dies ist das Moment der Sedimentierung" (Laclau 1990, 34; zitiert nach Marchart 2010b, 204). Dass sich diese Sedimentierungen nicht zu einem stabilen Gefüge und damit zu einer Schließung der sozialen Ordnung verfestigen, dafür sorgen Antagonismen. Um die Gräben der sozialen Antagonismen zumindest kurzweilig zu überwinden, bedarf es der Herstellung eines (gewissen) Konsenses und damit einer kurzfristigen Hegemonialisierung einer partikularen Sinnzuweisung. Damit gelingt eine immer neue Performanz von Sinn- und Identitätshervorbringungen (Wullweber 2012, 30-43).¹⁶ Für Martin Nonhoff erwirken die Antagonismen daher die Erschütterungen der Ordnung des Sozialen und bedingen die Logik des Politischen (2007, 10). Innerhalb dieser Logik des Politischen und vor der antagonistischen Strukturierung des Sozialen befeuern Widerständigkeiten die Kontingenz (Moebius 2008, 166). Insofern muss sowohl die Vorstellung eines allgemeingültig hegemonialen Wissens verworfen werden wie auch die Idee, dass diskursive Artikulationen seitens der Massenmedien oder potenter diskursiver Akteure im Sinne einer Top-down Perspektive ihre Sinnzuweisungen universalisieren könnten.

Diese theoretischen Setzungen bilden die Grundlage einer Aufzeichnung der Genealogie pejorativer Tiersymbolisierungen: Die vorliegende Studie zielt entsprechend darauf ab, Sinnzuweisungen und Strukturen der sozialen Ordnungsbildung zu rekonstruieren. Dafür werden diskursive Verwebungen aufgeflochten und die Transformationen des kollektiven Motivvorrats rekonstruiert. Die kollektiven Tiersymbolisierungen werden ergo als ein Aspekt des gesellschaftlichen Wissens mit dem Abdruck sozialer Sedimentierungen interpretiert. Damit sind pejorative Diskursfragmente keine abspaltbaren Diskursfragmente, stattdessen bringen auch sie – in einem Netz mit anderen Diskursfragmenten – das Soziale mit hervor, da sie Wissen über den Anderen und das Eigene in Sinnzuweisungen zu fixieren suchen.

Nun mag es auf den ersten Blick verwundern, dass über pejorative Tiersymbolisierungen nicht nur Wissen über den Andere, sondern auch das Eigene bereitgestellt wird.¹⁷ Ausgehend jedoch davon, dass diskursive Pejorationen als Anleitung im Umgang mit dem Anderen zu lesen ist, wobei im Anderen die Zweitrangigkeit und eine Randposition gegenüber dem Eigenen gesetzt ist (Moebius 2003, 9), wird evident, dass sich in den Zuschreibungen an den Anderen auch immer die Figuration des Eigenen realisiert. Differenztheoretisch ausgedrückt setzt die Pejoration eine Grenzziehung zwischen dem, was das Eigene und dem, was das Andere ist, um und bestimmt damit beides: das Andere und das Eigene sowie damit Strukturen einer sozialen Ordnung (Laclau 2010, 67f.). Solche Strukturen einer sozialen Ordnung werden dabei als machtvoll begriffen. Der Machttypus, um den es hier geht, lässt sich als Macht-Wissens-Komplex beschreiben, als ein System von hegemonialen Wissensstrukturen sowie sozialen Sedimenten. Pejorative Tiersymbolisierungen, verwoben mit einer sozialen Ordnung, ließen sich insofern als „normative Fluchtpunkte" (Bröckling/Krasmann/Lemke 2004, 9f.) identifizieren, in denen sich immer auch Rationalitäten finden lassen, die unweigerlich darauf zielen, das rein Sprachliche zu überwinden.

Vor diesen theoretischen Vorannahmen nimmt sich die Studie das Wissen über den Anderen wie über das Eigene vor, wobei der Rekonstruktion der Kontingenzen sowie den Diskontinuitäten eine zentrale Rolle zukommt. Die pejorative Tiersymbolik gilt es als Teil der Ausbildung einer sozialen Ordnung zu interpretieren. Dafür werden

a) fragmentarisch einige dominante Tiersymboliken in der alten und mittleren Geschichte analysiert. Tradierungslinien, Paradigmenwechsel und die Kontingenz des kulturellen Bilderrepertoires werden herausgearbeitet;

b) dafür werden im Folgenden Tiersymbolisierungen in literarischen Werken des 19. und 20. Jahrhundert und in antisemitischen Diskursfragmenten analysiert, wobei ihre Ausprägung in der Sprache des Nationalsozialismus, in der Lingua Tertii Imperii,¹⁸ einen hohen Stellenwert erhält;

c) schließlich die postfaschistische Tiersymbolik in den Fokus genommen, wobei sowohl die partiellen Tabuisierungen nach 1945 (Norris 2005, 20; Rensmann/Schoeps 2008, 11), wie die Aktualisierungen der Grenzen des Sagbaren unter den demokratischen Rahmenbedingungen in der politischen Rede rekonstruiert werden.¹⁹

Als sozialwissenschaftlich ausgerichtete Studie leiten im Folgenden solche Fragen das Vorhaben, die über jene nach der Rekonstruktion der pejorativen Tiersymbolik – seinen Tradierungslinien und Paradigmenwechseln – innerhalb eines kulturellen Bilderrepertoires hinausweisen:

Welche diskursiven Zuschreiben werden in den Diskursfragmenten durch die Tiersymbolisierungen transportiert mit dem Versuch sie am Anderen zu fixieren?

Welche Konstruktionen des Eigenen werden in Abgrenzung zu diesem Anderen präsentiert?

Welche Paradigmenwechsel und Aushandlungen der Grenzen des Sagbaren lassen sich rekonstruieren?

Welche interdiskursiven Dynamiken lassen sich hinsichtlich des Wandels des Bilderbestandes – vor allem in der öffentlichen Rede nach 1945 – rekonstruieren?

Welche Spuren einer kontingenten sozialen Ordnung lassen sich freilegen?

Um nicht in kleinteiligen linguistischen Spezifizierungen einzelner Tiersymbole verloren zu gehen, säumen vier Thesen den Weg, auf dem sich die Studie den Fragen widmen wird:

1. Historische und sozialwissenschaftliche Grundlagentexte der Antisemitismusforschung weisen darauf hin, dass Juden und Jüdinnen in mythischen Bildern als Über- sowie Untermenschen entworfen werden. Die Konstruktionen sind nicht nur innerhalb einer diachronen Perspektive vom Antijudaismus zum Antisemitismus, sondern auch innerhalb des Antisemitismus divergierend und heterogen: Juden und Jüdinnen werden zu Fremden im eigenen Kollektiv, würden dieses zersetzen oder intendierten den Tod der Mitglieder ihrer Umgebungskultur, dabei seien sie kulturell andersartig und/oder ihre Assimilation sei nur eine Tarnung (Haury 2001, 218ff.). Gleichzeitig beherrschten ‚Juden‘ durch ihre Lobbys oder durch Börsenspekulation, wahlweise auch durch das ‚jüdische Finanzkapital‘, die Welt. Zugleich, so wird weiter in eigentlich kontradiktorischer Weise postuliert, verantworten ‚Juden‘ den Bolschewismus sowie den Liberalismus. Die ‚Juden‘ werden entsprechend als das „Anti-Volk" imaginiert, das allen Völkern als andersartig entgegensteht (Rensmann 2005, 74).

Diese Vorstellungen kommen nicht von ungefähr, vielmehr hängt der moderne Antisemitismus mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. ‚Juden‘ kommt im Antisemitismus die Rolle zu mit der politischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Moderne als Ganzes identifiziert zu werden (Rens-mann/Schoeps 2008, 13). Durch Rückgriffe auf antijüdische Stereotype konnte die moderne, abstrakte Seite der modernen Welt und ihrer Ökonomie in dem ‚Juden‘ personalisiert werden. Der Antisemitismus ist insofern als eine autoritäre Rebellion oder antimoderne Reaktionsbildung zu interpretieren (Diner 2002, 188; Rensmann/Schoeps 2008, 14; Rensmann 2005, 73ff.). Dan Diner bezeichnet den Antisemitismus daher als

säkulare Ideologie, die aus einem Nichtverstehen der kapitalistischen Vergesellschaftung den Juden braucht, um den Zusammenhang der Dinge zu erklären. (…) In einer solchen Weltanschauung sind die Juden eine Metapher; eine sehr konkrete insofern, daß, obwohl dieser Antisemitismus mit konkreten Juden nichts zu tun hat, sie zu seinen ersten Opfern gehören (Diner 1987, 68f.).

‚Juden‘ werden zu einer sozialen Konstruktion, die die Ambivalenz der Moderne und damit die Bedrohung des eigenen Kollektivs verkörpern (Frindte/Wammetsberger 2008, 288). Somit offeriert der Antisemitismus als Gesellschaftstheorie auch eine Lösungsmöglichkeit für wirtschaftliche, kulturelle und ökonomische Krisen (Rürup 1975, 91). Beim Antisemitismus handelt es sich also nicht nur um in sich widersprüchliche Zuschreibungen diffuser Ausgrenzungssemantiken, sondern (zumeist) um Versatzstücke in komplexen Weltdeutungssystemen. Diese werden, so hier die These, unter anderem mit Hilfe pejorative Tiersymbole realisiert. In ihren Subscriptiones²⁰ werden durch Zuschreibungen Stereotypen herausgebildet und/oder veranschaulicht, Herabsetzungs- und Ausgrenzungsaspekte verdichtet und Handlungsrationalitäten präsentiert, die der sozialen Konstruktion des Anderen eine Kontur einverleiben.²¹ Mit dieser Bestimmung des Anderen, der die Gemeinschaft zersetzt, wird jedoch nicht nur dieser bestimmt, sondern ebenso die ‚Kulturnation‘ oder die ‚Volksgemeinschaft‘ imaginiert (Haury 2001, 218f.).

2. Diese Differenzsetzung zwischen dem ‚Jüdischen‘ und dem Eigenen basiert also auf einer dichotomen Struktur, die sich in den Tiersymbolisierungen reflektiert: Die Dichotomie, die im Prozess der Symbolisierung bei der target domain, also dem Anderen und Eigenen aufgemacht wird, basiert auf der zentralen Struktur der source domain, nämlich dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch. In Anlehnung an den soziologischen Zweig der Human-Animal-Studies gehe ich davon aus, dass sich die Unterscheidung zwischen den Menschen und den Tieren als distinkte Differenz ausbildet, eine Setzung mit der aus anthropozentrischer Perspektive das Tier zum grundsätzlichen Anderen bestimmt und damit ‚Tier‘ zur Symbolfigur der Unterwerfung wird (Mütherich 2003). Diese soziale Konstruktion eines Anderen, sowohl der Kreatur als auch des dehumanisierten ‚Juden‘, drängt diese auf inferiore Positionen. Ihre Inferiorität ist in Handlungsrationalitäten eingewoben, die aus einem spezifischen Wissen über den Anderen hergeleitet werden, ein Wissen das die Inferiorität begründet. Der inferiore Andere kann dabei nicht nur als niederes Übel, sondern (auch) als Bedrohung des Eigenen präsentiert sein. Die Bedrohung des eigenen Kollektivs durch den Anderen bereitet dabei potentiell den Boden für eine radikale Interventionslogik (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000, 14): Diese Logiken folgen politischen Rationalitäten, wie wir oben gesehen haben. Im Folgenden gilt es entsprechend, die Rationalitäten zu explizieren und zu rekonstruieren, welches Wissen, welche Praktiken und Deutungsmuster sich in diesen einschreiben. Eine Spur, die hier zu diesem Zweck aufgenommen wird, nimmt die Widerstände gegen Rationalitäten in den Blick und reflektiert diese im Hinblick auf ihren Wahrheitseffekt (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000, 23).

3. Weiter gehe ich davon aus, dass die Pejorationen weder aus der Kreatur noch aus dem Sein von Juden und Jüdinnen abgeleitet werden können. Sowohl die Kreatur als auch der ‚Jude‘ werden hier als soziale Phänomene behandelt, die nicht auf einem wahren Kern oder ontischen Grund basieren, auf die die Phänomene zurückzuführen wären (Derrida 1983, 107f.). Für die Forschungsperspektive bedarf es entsprechend einer spezifischen Brille: Wenn sich die sozialen Phänomene einer objektiven Bestimmung entziehen und auf keine Natur zurückgeführt werden können, so müssen sie über kontingente Zuschreibungen herausgebildet und damit selbst als Effekte von machtvollem, hegemonialem Wissen interpretierbar sein. Geht man also einerseits – wie oben expliziert – von einem dialektischen Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen aus, so vermag ein Sinnüberschuss bei der Herausbildung des Anderen als machtvolles Movens verstanden werden (Laclau/Mouffe 2006, 181) und damit eine Rekonstruktion von diesem Verhältnis im Sinne einer differenztheoretischen Analyse von Relevanz sein. Andererseits ermöglicht die Setzung, dass selbst hegemoniales Wissen niemals fixiert ist und soziale Konstruktionen einer permanenten Aushandlung und Reformulierung ausgesetzt sind, obwohl ihnen die Eigenart einer Konsensfiktion anhaftet (Laclau 2010, 120) – eine Explizierung der Kontingenz, über die ein Zugang zur Rekonstruktion von Strukturen der sozialen Ordnung ermöglichen werden kann. Dass sich überhaupt einer sozialen Ordnung genähert werden kann, basiert einerseits darauf, dass die Kreatur als das archetypisch Andere verstanden wird, wie andererseits die Antisemitismusforschung auch über den ‚Juden‘ formuliert, dass dieser in antisemitischen Diskursfragmenten den ‚Völkern‘ als das Andere gegenüber gestellt wird.

4. Ich gehe davon aus, dass sich nach der politischen Zäsur 1945 und damit der Tabuisierung von judenfeindlichen Dehumanisierungen in der öffentlichen Rede eine Reaktualisierung des kulturellen Bildrepertoires vollziehen muss, diese Verdrängung jedoch agonalen Aushandlungen ausgesetzt ist. Innerhalb politischer Aushandlungen sind die Grenzziehungen zwischen dem Sagbaren und dem Tabuisierten zu legitimieren und die Grenzen zu setzen, beziehungsweise zu rejustieren und modellieren. Wenn nun Juden und Jüdinnen nach 1945 in der öffentlichen Rede nicht mehr direkt die Rolle des bedrohlichen Anderen besetzen können, dann müssen, so meine These, Ersatzfiguren das Bedrohliche in der modernen Vergesellschaftung inkorporieren. Es ist anzunehmen, so meine vierte These, dass der ‚Globalisierung‘²² und mit ihr der sozialen Deregulierung und den sich verändernden Produktionsbedingungen diskursiv ein hohes Gewicht beigemessen wird, da Problemlagen und Konflikte erklärungsbedürftig sind und neuer Identitätsentwürfe bedürfen (Knobloch 2007). Während sich also das kulturelle Bildrepertoire durch die Zäsur verschiebt, so nehme ich an, tradieren sich spezifische Ressentiments, auch wenn sie sich im Gewand neuer pejorativer Sinnzuweisungen kleiden.

Die Genealogie der pejorativen Tiersymbolik bewegt sich entlang dieser Thesen und theoretischen Setzungen. Die Studie zielt dabei auf eine Relationierung von Strukturen und Ereignissen im Rahmen einer Differenztheorie (Stäheli 2008, 117f.). Auf welchem Terrain hat sich nun aber eine solche sozialwissenschaftliche Studie zu verorten?

1.2 Forschungsstand und Untersuchungsperspektive

Eine Rekonstruktion des kulturellen Bilderrepertoires und seiner Kontingenz innerhalb diskursiver Strukturen muss sich zu drei Forschungsfeldern positionieren:

1. Das erste Forschungsgebiet basert aus Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen diskursiven Formationen und nicht-diskursiven Praktiken erörtert haben. Im Angesicht von Auschwitz²³ sind umfangreiche Studien zu judenfeindlichen Semantiken und Praktiken der Ausgrenzung entstanden. Dabei fokussieren die Forschungen entweder auf spezifische diskursive Entwicklungen (Rohrbacher 1993 & 1999; Rohrbacher/Schmidt 1991; Graus 1994) oder akteurspezifische Symbolbestände (Albanis 2009; Altmann 1971; Anzulewski 2009; Volkov 1990). Eine weitere Perspektive verfolgt spezifische Semantiken (Cobet 1973; Diner 1987; Hödl 2002; Hortzitz 1988, 1995 & 1999; Mogge 1977), Topoi (Berghoff 1999; Bering 1992; Gender-Killer 2005; Grötziger 2003; Lichtblau 1995) oder die visuellen Präzedenzen von Tiersymbolisierungen (von Braun 1999; Haibl 2009; Klein 2001; Schäfer 2004). Außerdem sind bereits früh richtungweisende Studien über spezifische Ausprägungen der Sprache des Nationalsozialismus entstanden, in denen Tiersymbolisierungen als Teilaspekt berücksichtigt sind (Bein 1965; Berning 1964; Klemperer 1969; Schäfer 1962). Ein anderer Zugang befasst sich vorrangig mit Tiersymboliken und wendet sich unter diesem Vorzeichen ihrer Relevanz in Exklusionssemantiken zu (Dittrich 2005; Copper 1974; Giebel 2003; Gold/Backhaus 1999; Haibl 2009; Klein 2001; Obermann 1981; Sax 2000 & 2007; Shachar 1974). Schließlich ist auf zwei grundlegende Werke hinzuweisen, die ebenfalls eine Genealogie einer pejorativen Tiersymbolik vorlegen: Während Ulrich Enzensberger (2001) die Geschichte des Parasiten unter Exemplifizierung sämtlicher diskursiver und nicht-diskursiver Kontexte entwickelt, nimmt sich Julia Schäfer (2004) die Begriffsgeschichte des „jüdischen Schädlings" vor und arbeitet diskursive Verknüpfungen und Opportunitätsstrukturen heraus. Zudem sind aus der Feder von Jobst Paul diverse Analysen von diskursiven Erscheinungen pejorativer Tiersymbolik geflossen, wie z.B. eine Kollektivsymbolanalyse der Konstruktion des rassifizierten, inferioren Anderen (Paul 2003), die nicht nur wegen ihrer methodischen Nähe, sondern auch durch Pauls präzise Recherche einen großen Einfluss auf diese Studie haben.

2. Weiter werden solche Arbeiten einbezogen, die sich der symbolischen Dimension von Sprache zuwenden. Das kulturelle Bilderrepertoire, in dem grafische wie sprachliche Bilder zusammengefasst sind, wird im Sinne einer sozialen Erscheinung als traditionsreiche Konstruktion reflektiert. Zwei methodische Annäherungen bestimmen dieses Feld: Einerseits wird die Produktion sozialer Wirklichkeit, sei es die Figur des Anderen oder ökonomische Konstruktionen wie beispielsweise ‚der Spekulant‘ und ‚die Finanzmärkte‘ über permanente Zuschreibungen innerhalb einer kulturspezifischen Bildlichkeiten rekonstruiert. Andererseits wird die Symbolik bestimmter Diskursstränge oder -fragmente auf ihre Denotation und Konnotation und damit auf ihre Wirkung und der ihr innewohnenden Deutungsmuster und Handlungsrationalitäten analysiert. So zeigt sich, dass Debatten – wie etwa die Globalisierungsdebatte – kulturtypologischen Grundregeln folgen (Disselkötter/Parr 1994, 58f.), die auf eine historisch gewachsene Bildlichkeit rekurrieren²⁴. Auch in Diskursproduktionen um diskursive Ereignisse, wie Anfang der 1990er-Jahre im Rahmen der Asylrechtsdebatte, können spezifische Symbolbestände rekonstruiert werden (Link 1992 & 1993). Die Analysen vermögen es, sowohl die Wirkmächtigkeit der diskursiven Bilder wie die ex- und impliziten Handlungsappelle nachzuzeichnen: Anfang der 1990er-Jahre wurde beispielsweise über Symboliken von Fluten und Massen eine Bedrohung visualisiert, die durch Handlungsappelle wie „das Boot ist voll" Schließungsappelle transportierten (ebd.). Die Symbolik von (Finanz-)Spekulation, der Finanzmärkte und der abstrakten Ökonomie ist hingegen durch Sprachbilder aus der Kategorie Spiel und Sport geprägt (Schwarz 1998, 48-49). Dirk Verdiccio (2005, 131) expliziert, dass auch animalische Zuschreibungen an die Finanzmärkte und ihre Akteure Gefahr und Monstrosität versinnbildlichen.²⁵ Zugleich kann er zeigen, wie diese Symbolisierungen der abstrakten Strukturen über eine Biologisierung in ein dichotomes Muster des positiv konnotierten Eigenen versus eines schädlichen und parasitären Anderen eingeordnet sind (ebd. 61-63). In solcherlei Rekonstruktionen sind diskursive Verschränkungen von besonderem Interesse: Diverse Analysen wenden sich dem Niederschlag der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Biologie und Medizin in der Herausbildung der judenfeindlichen Ausgrenzungsdiskurse im 19. Jahrhundert zu (Charteris-Black 2004, 137; Jansen 2003, 19; Schäfer 2004; Wellmann 2008, 284).²⁶ Auch kann verfolgt werden, wie (Pseudo-)Wissenschaften das Bild des Anderen – unter anderem durch Rassentheorien – grundsätzlich rekonfigurieren (Bergmann/Erb 1989, 196).²⁷ Ebenso sind die Konstruktionen des Eigenen als organisch gewachsener ‚Volkskörper‘ oder eines vermeintlich rechtmäßigen Anspruches auf ‚Lebensraum‘ auf eine Verwebung verschiedener Diskurse zurückzuführen, wie beispielsweise der der nationalistischen Bewegungen mit biologischen Spezialdiskursen (Bein 1965; Berning 1964, 203; Hortzitz 1999, 24; Jansen 2003, 18ff.).²⁸ Weiter zeigen Analysen, wie diskursive Ereignisse wie Kriege und Krisen eine eklatante Verschiebung von Inklusions- und Exklusionssemantiken und ihrer Bildlichkeit evozieren können (Jäger 2002). Wissensbestände und ihre ikonische Repräsentanz werden bei diesen Arbeiten als Teil machtvoller Praktiken interpretiert, die auch nicht-diskursive, beispielsweise politische Praktiken präfigurieren und Interventionen wie beispielsweise bevölkerungspolitische Maßnahmen mit einer vermeintlichen Natürlichkeit ausstatten und somit legitimieren können (Jäger/Jäger 2007, 39; Jansen 2003, 193; Schwarz 1998, 53).

3. Außerdem baut die Studie auf Arbeit zu einer konkreten Symbolik auf, in concreto: der Heuschreckensymbolik, die sich nicht nur bei politischen Akteuren einer großen Beliebtheit erfreut, sondern auch in der Scientific Community en vogue ist. Hier lässt sich zwischen zwei Perspektiven differenzieren: Einerseits werden die Heuschreckensymbole als Teil eines politischen Diskurses untersucht. Clemens Knobloch interpretiert die ‚Heuschrecke‘²⁹ als Icon in der Sym-bolpolitik der SPD während des nordrhein-westfälischen Wahlkampfs im Jahr 2005. Dort wurde, so Knobloch weiter, mit der ‚Heuschrecke‘ ein Medienereignis provoziert, das eine breite Medienöffentlichkeit evozierte (Knobloch 2007, 17). Diese Symbolik der ‚Heuschrecke‘ wird als Aspekt in einer vordergründigen „Kapitalismuskritik der SPD ausgemacht, in der mit einem Schaukampf gegen „die Macht des Kapitals auf Stimmenfang gegangen wurde (ebd., 18f.). Zentral in dieser „Kapitalismuskritik" ist die Gier und entlang ihrer Verurteilung wurde eine grundlegende Wertediskussion formuliert, die eng mit einer nationalen Überkodierung verwoben ist (ebd., 25). Unter Bezugnahme auf Jürgen Link arbeitet Knobloch die disziplinierende Wirkung einer „Erzählung des machtlosen Staates (ebd., 29) und der re-moralisierenden Wirkung einer politischen Sachzwangslogik heraus (ebd., 44). Auch Holger Oppenhäuser wendet sich der Symbolisierung von Kapitalismus und Globalisierung im Rahmen einer Auseinandersetzung mit der Heuschreckensymbolik zu. Ökonomische Prozesse werden, so zeigt er, seit der Krise des fordistischen Akkumulationsregimes vorrangig über die Symbolkategorie des Glückspiels versinnbildlicht, wodurch im Alltagsverstand das Bild erzeugt wird, dass der Einsatz und die Waren, die sich die Gewinner kaufen können, mit dem Spiel selbst nicht zu tun haben (Oppenhäuser 2007, 44). Oppenhäuser diagnostiziert eine Überfülle an Symboliken in der Verbildlichung des Zirkulationsprozesses, die dem Umstand geschuldet sind, dass ein extrem komplexer Gegenstand verständlich gemacht werden soll. Gleichwohl problematisiert er die Symbolik an der neuralgischen Stelle des zinstragenden Kapitals, da sie nicht nur mit der spezifischen Bildlichkeit, sondern auch mit ihren Deutungsmustern Ähnlichkeiten zu antisemitischen Erklärungsmustern besitzt bzw. besitzen kann (ebd., 45). Dennoch sei nicht die Symbolik per se antisemitisch, stattdessen müssten entsprechende Verknüpfungen im Diskurs ausgeführt sein (Oppenhäuser 2006a, 22). Auch Alexander Ziem kommt im Rahmen einer detaillierten Korpusstudie zu dem Ergebnis, dass durch die spezifische Konzeptualisierung der Heuschreckenmetapher das zerstörerische Potential des Kapitalismus und das kapitalistische Prinzip der Profitmaximierung als eine besondere Spielart des Kapitalismus konzipiert wird (Ziem 2008b, 114). Ziem interpretiert die Heuschreckenmetapher als Vorzeichen einer sozialen Stigmatisierung, deren Vorläufer er in historischen Metaphernverwendungen wie etwa während der sogenannten Hepp-Hepp-Pogrome im frühen 19. Jahrhundert verortet (ebd., 118). Als semantischen Rahmen der aktuellen Metaphernverwendung identifiziert auch er die „Kapitalismusdebatte der SPD, in der – unter bildlicher Analogisierung als Heuschreckenschwarm – das Plagenhafte und Zerstörerische der ökonomischen Prozesse hervorgehoben wird (Ziem 2008a, 395-402).

verwendet, eine Hilfskonstruktion, die den Lesefluss erleichtern soll und die Verwendungen des Singulars und Plurals vereint.

Eine andere Perspektive auf die ‚Heuschrecke/n‘-Symbolik entwickeln Analysen innerhalb der ökonomischen Fachdisziplinen. Mit dem Forschungsschwerpunkt auf der Finanzkommunikation wendet sich Alessandro Schwarz den politischen Tendenzen in der medialen Berichterstattung und ihrer charakteristischen Präsentation der Private-Equity-Branche zu. Durch die Implementierung der Heuschreckensymbolik gewinnt das Themenfeld an Resonanz, und Aspekte werden mit einem kritischen Tenor versehen – etwa Geschäftspraktiken wie Transaktionen, die Finanzierung der Übernahmen durch Schulden, Rekapitalisierungen, Arbeitsplatzabbau und hohe Managergehälter (Schwarz 2008, 88-95). Schwarz zeichnet dabei nach, dass eine solche mediale Präsentation zu einer Professionalisierung der Pressearbeit der Branche führte (ebd., 97).

Das Terrain, auf dem diese Analyse entsteht, ist also keineswegs eine terra incognita, vielmehr hebt der hohe Standard, den diese Analysen aus den Politik-, Wirtschafts-, Geschichts-, Sprach- und Sozialwissenschaften vorlegen, die Messlatte. Zudem bilden diese Studien auch die Grundlage, auf der sich diese Studie erst aufzurichten vermag und sich die Fragestellung erst formulieren lässt. Voraussetzungsvoll ist die Forschung außerdem, da die Hinwendung zur Produktion von Sinn und sozialer Ordnung auch immer an die Frage der Macht und ihrer Strategien gekoppelt ist. Pejorative Tiersymbolik ist unter dieser Voraussetzung kein klar separierbarer und damit sauber sezierbarer Teil eines Ausschließungsdiskurses, sondern in vielseitige Praktiken, Ideen und Deutungsmuster eingeschrieben, wie dies bereits Stuart Hall (2000, 8) formulierte.

1.3 Methodologie und Methode

Für solche Analyse hegemonialer Deutungen von sozialen Konstruktionen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten eine konzeptuelle Reichhaltigkeit an analytischen Vorgehensweisen und semantischen Foci.³⁰ Allein drei große Schulen der Diskursforschung verschreiben sich dieser Perspektive, wobei die Frage nach machtvollen Wissensbeständen den Blick auf Foucault lenkt.³¹ Die Kritische Diskursanalyse (KDA)³² orientiert sich an Foucault und fokussiert die Kopplung von Perzeption, Kognition und kommunikativen Praktiken, die Handlungsoptionen vorstrukturieren.³³ Ihre Grundlage bildet das Theorie- und Methodenkonzept von Siegfried und Margarete Jäger (1999, 2004 & 2007), die sich der kollektiven Wissensordnung und den Bereichen des Sagbaren beziehungsweise dessen Veränderung zuwenden.³⁴ Ihr Ansatz liefert einen idealen Werkzeugkasten, um sprachliche Bilder und die mit ihnen assoziierten argumentativen Figuren und Deutungsmuster zu analysieren. Zudem entstanden in Kooperation mit dem Linguisten Jürgen Link Termini, theoretische Grundlagen und ein methodischer Leitfaden, die neben der klassischen diskursanalytischen Ausrichtungen auf Diskursstränge und -fragmente sowie Dispositive insbesondere eine kollektiv geteilte Symbolik adressieren. Durch diese Aggregation lässt sich durch die KDA die sprachliche und bildliche Dimension des Diskurses ins Zentrum rücken und damit auch die Wissensbestände, die diese herausbilden.³⁵ Zugleich ist die KDA den kontext- und zeitbezogenen Dimensionen verpflichtet: Auf der synchronen Ebene werden die Kopplungen und Amalgamierungen von Diskurssträngen aufgegriffen und ihre Wirkung auf die Diskursinstitutionalisierung und -strukturierung anvisiert. Eine solche Perspektive drängt sich unter Berücksichtigung des Forschungsstands auf, der auf eine enge Verknüpfung von Erkenntnissen der Biologie und der Medizin bei der Herausbildung des kollektiven Bilderrepertoires verweist. Außerdem wird unter Bezugnahme auf Foucault der dia-chronen Dimension von Diskursen große Bedeutung zugeschrieben.³⁶ Die KDA bietet eine Perspektive an, die den Diskurswandel und die diskursiven Gelegenheitsstrukturen fokussiert. Dieser diachronen Perspektive innerhalb eines Datenkorpus bedarf es, so Siegfried Jäger, da in einem permanenten Kampf um Wissen und Wahrsprechen die soziale Wirklichkeit und das Feld des Sagbaren fortwährend modelliert wird (Jäger 2004, 127 & 2009, 75). Die Einbeziehung der diachronen ebenso wie einer synchronen Dimension ermöglicht es, argumentative Strategien, binäre Strukturierungen und diverse Bildlichkeiten und Deutungsmuster im Wimmeln der Diskurse, bei ihrer Entwicklung zu verfolgen sowie die Verschränkungen und Amalgamierungen zu entschlüsseln (Jäger 2004, 132). ³⁷

Außerdem verfügt die KDA über eine spezifische Begrifflichkeit.³⁸ Unter Diskurs wird nicht das gesprochene Wort verstanden, stattdessen ist der Diskurs nach Foucault

eine Reihe von Elementen, die innerhalb eines allgemeinen Machtmechanismus operieren. Darum muss man im Diskurs eine Folge von Ereignissen, zum Beispiel von politischen Ereignissen sehen, die der Macht als Vehikel dienen und über die sie ihre Ausrichtung erfährt (Foucault 2003f, 595).

Insofern vermittelt der Diskurs eine normative, regelgeleitete Vorgabe eines Wissens über die Ordnung der Dinge und damit verbundene Rationalitäten. Mit Wissen ist dabei nicht das individuelle Wissen gemeint, sondern es wird auf eine „überindividuelle symbolische Ordnung" (Bublitz 1999, 13) referiert, die fest an regelförmige gesellschaftliche Praktiken gekoppelt ist. Der Diskurs lässt sich entsprechend als Praktik beschreiben, die Wahrheiten und Wissen produziert, die sich als eine fluktuierende soziale Ordnung zusammenfügt und innerhalb derer Handlungsappelle ausgegeben werden (Link 2006a, 41). Demgemäß tragen Diskurse immer Machteffekte, denn so Foucault weiter:

Die Macht ist weder Quelle noch Ursprung des Diskurses. Die Macht vollzieht sich über den Diskurs, denn der Diskurs ist selbst ein Element in einem strategischen Dispositiv aus Machtbeziehungen (Foucault 2003f, 595).

Eine Analyse intendiert, gerade diese aufzuspüren, indem sie die Strukturen von Symbolik und Genre, Ton, Verfahren, Stil sowie Deutungsmuster und Argumentationsfiguren herausarbeitet (Link 1984, 63). Diese Suche nach den Regeln, der Ordnung, Abläufen, diskursiven Verknüpfungen ersetzt die Suche nach einem ontischen Ursprung und eröffnet den Blick auf Wissensbestände innerhalb soziokultureller und politischer Gemeinschaften (Foucault 2003d, 247f.). Jäger wählte hierfür die Metapher des „Flusses von ‚sozialen Wissensvorräten‘ durch die Zeit" (Jäger 1999, 136). Die jeweiligen kulturellen Sagbarkeits- und Wissensräume sind dabei quasi durch Ufer begrenzt, innerhalb derer sich der Diskurs dahinschlängelt, die er bei Zeiten jedoch zu überschwemmen sucht, um sich möglicherweise ein neues Flussbett zu verschaffen. Auch wenn eine Umlenkung des Flusses nicht so einfach möglich ist, da durch den Diskurs Vorgaben für Kontroll- und Regulierungsprozeduren festgelegt werden, die im Sinne eines Anspruchs auf Machterhalt Geltung beanspruchen. Als besonders wirkungsvoll erweist sich dabei die Begrenzung legitimer Sprechpositionen (Bublitz 1999, 13; Foucault 2003c, 26; Link 2006a, 41).

Dieser Fluss des Wissens transportiert nun aber nicht nur das gesprochene und geschriebene Wort, sondern schlägt sich in Praktiken, Gesetzen, Regelwerken, Artefakten, Gebäuden, Messgeräten, Institutionen wie auch Subjektentwürfen nieder (Keller 2004, 64; Link 2006a, 41f.). Dieses Ensemble wird im Rekurs auf Foucault (auch im Folgenden) als Dispositiv bezeichnet. Hierunter summiert dieser eine heterogene Gesamtheit von Gesagtem und Ungesagtem, wissenschaftlichen Erkenntnissen, moralischen Lehrsätzen ebenso wie administrativen Einrichtungen etc. Das Dispositiv wird dabei als „das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft (Foucault 2003b, 392) ist, verstanden. Zum bildlichen Verständnis wird die Vielfalt als dreierlei Stofflichkeit systematisiert: a) die diskursiven Praktiken, wie schriftliche und mündliche Kommunikation, b) die nicht-diskursiven Praktiken, wie beispielsweise der Wertpapierhandel oder ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, und c) die Institutionalisierung, wie Gesetze, etwa der „Arierparagraph (vgl. Abb. 1). Diese drei Stofflichkeiten stehen in Wechselwirkung zueinander, sie bringen sich gegenseitig hervor und Veränderungen in einer Dimension schlagen sich in den anderen nieder. Diskurspositionen entstehen folglich innerhalb eines Gefüges, durch das sie eine spezifische ideologische, soziokulturelle, weltanschauliche und historische Eigenart entwickelt haben (Jäger/Wichert 1996, 47; Jäger 2004, 164f.). Unabhängig davon, ob diese diskursiven Positionen von Akteuren aus Parteien, Medien, staatlichen Behörden oder von Privatpersonen eingenommen werden, zeugen sie immer von einer spezifischen „ideologischen Orientierung und politischen Sedimentierung" (Jäger 2004, 165).³⁹ Dies liegt nach Foucault daran, dass diskursive Akteure historisch bedingten Einflüssen ausgesetzt sind und damit einem historischen Apriori unterliegen, der in Gestalt eines Systems von Wissen dem Subjekt vorgängig ist. Subjekte stehen damit nie außerhalb des Prozesses, vielmehr konstituiert, verschiebt, verformt und gestaltet der Diskurs sie auch um (Foucault 2005c, 93f.).

Darüber hinaus unterscheidet die KDA zwischen zwei Diskurstypen: dem Interdiskurs und dem Spezialdiskurs. Der Interdiskurs lässt sich als entdifferenzierte Alltagssprachlichkeit fassen, die Mehrdeutigkeiten im Sinne eines „fluktuierenden Gewimmels (Link 1986, 5f.) besitzt. Von diesem ist der Spezialdiskurs abgesetzt, dessen Erkennungsmerkmal eine zunehmende Ausdifferenzierung von Wissen bildet und der durch Fachtermini und hochkomplexe Wissensformen gekennzeichnet ist: Spezialdiskurse sind durch „Eindeutigkeit, spezielle Definition der Begriffe, Dominanz der Denotation und möglichst Beseitigung aller Uneindeutigkeiten und Konnotationen mit dem Idealtyp der mathematischen Formel (Link 2007, 228 & 2001, 81) gekennzeichnet. Ein solcher Spezialdiskurs lässt sich gemäß des oben ausgeführten Forschungsstands beispielsweise in der biologischen oder medizinischen Forschung des 19. Jahrhunderts verorten. Ideen, Strukturvorstellungen und Begriffe aus diesen Spezialdiskursen werden im Interdiskurs übersetzt, d.h. ein spezialisiertes Wissen wird mit dem Wissen einer Alltagskommunikation verbunden und verändert dort das „kulturelle Allgemeinwissen" (Link 2006a, 42). Somit realisiert sich im Interdiskurs eine breite Verknüpfung von Wissen und damit auch eine Vermittlung zwischen den spezialisierten Diskurssträngen, die unumgänglich ist, damit eine öffentliche Kommunikation jenseits der Tendenzen einer Spezialisierung von Wissen möglich wird (Link 2007, 231). Dadurch wird der Interdiskurs zu dem Ort, an dem sich entscheidet, welches Wissen popularisiert wird und hegemoniale Machtwirkung entfaltet.

Nach der KDA vollzieht sich die konkrete Integration des speziellen Wissens an „Kopplungsstellen (Link/Diaz-Bone 2006, 22) über ein Arrangement von „empirisch relativ stabilen, häufig wiederkehrenden Teilstrukturen (Parr 2008, 203). Diese werden aus elementaren literarischen Formen wie Symbolen, Metaphern, Analogien etc. gebildet, die im Sinne einer Übersetzung Unbekanntes in Bekanntes transformieren. Bezeichnet werden diese als „Kollektivsymbole"⁴⁰ (Link 2001, 77), da sie durch ihre kulturelle Verwurzelung mit ihrer Bildlichkeit und ihrer Bedeutung in diesem Kreis unmittelbar anschaulich wirken.⁴¹ Kollektivsymbole transportieren Inhalte wie „anschauliche Modelle, orientierende To-piken (Link 1997, 25). Nach Link bilden diese Kollektivsymbole erstens ein synchrones System „kulturtypologisch prägnante[r] Konstellation[en] von Bildern (Link/Wülfing 1984, 9). Zweitens bedarf es einer relativ stabilen Verbindung zwischen Signifikat und Signifikant, das Verhältnis in einem Kollektivsymbol kann nicht arbiträr sein. Und drittens muss das Kollektivsymbol über stabile Relationen zwischen Pictura und Subscriptiones⁴² verfügen, also über eine relativ fixe Verbindung zwischen einer bildlichen und einer erklärenden, ausführenden Dimension, sozusagen einer Sinnebene (Drews/Gerhard/Link 1985, 256-375; Link 1982, 7). Dieser Sinn kann entweder explizit formuliert (denotiert) oder indirekt hergestellt (konnotiert) sein (Link 2006a, 41; Parr 1998, 69).

Unter den Prämissen der differenztheoretischen Hegemonieanalyse sind diese drei Kernaspekte der Kollektivsymbolik jedoch zu modifizieren (vgl. auch Dollinger/Urban 2012; Dollinger/Rudolph/Schmidt-Semisch/Urban 2012 & 2014a, b & c), ohne dabei den Begriffen der KDA den Rücken zuzuwenden: Kollektivsymbole übersetzen nicht nur Sachverhalte, sie übermitteln und befestigen einen expliziten Sinn, ein konkretes Wissen und drängen im Interdiskurs auf eine bestimmte Perspektive. Insofern bilden Kollektivsymbole einen grundlegenden Beitrag der Symbolisierung der sozialen Wirklichkeit, innerhalb der sich ritualisierte Redeformen und Handlungsweisen herausbilden können (Jäger 2004, 32).⁴³ Dieses Wissen, das über die Kollektivsymbole transportiert wird, wirkt daher wie „Fähren ins Bewusstsein" (Jäger 1993, 195; Jäger/Jäger 2007, 43), durch die sich – auch jenseits einer bewussten Entscheidung der Rezipient_innen – hegemoniale Repräsentationen beispielsweise des Anderen herausbilden. Dass eine solche hegemoniale Präsentation jedoch nie stabil ist, zeigt die Modulation von Deutungsmustern, Themen, Argumentationsmustern, Zuschreibungen und Inhalten, die synchron und diachron in den Zuschreibungen enthalten sind. Neue Perspektiven etablieren sich als hegemoniale Deutungen, ohne dass die Grundsätze der sozialen Ordnung grundlegend verändert werden (Laclau 2010, 129). Eine hegemoniale Artikulation bleibt somit immer eine „kontingente, prekäre und pragmatische Konstruktion (ebd., 132). Abstrahiert man diesen Vorgang, so kann man diese Bewegung der Repräsentation in den Worten Laclaus als „Ergebnis des unbeständigen Kompromisses zwischen Äquivalenz und Differenz (2007, 69) interpretieren. Kollektivsymbolik ist dabei ein essentieller Teil einer Repräsentation, die wie ein „unentscheidbare[s] Spiel(s) ist, das eine Vielzahl sozialer Verhältnisse organisiert, dessen Operation aber nicht in einen rational erfassbaren und letztlich eindeutigen Mechanismus fixiert werden können" (Laclau 2010, 143). Innerhalb dieses Spiels wird jede kurzweilige Fixierung von Sinn zu einem Anschluss eines neuen Sinns und der Aspekte des alten diszloziert (Laclau/Zac 1994, 34). So entstehen neue Äquivalenzketten, also ein moduliertes äquivalenzielles System, das die soziale Konstruktion des Anderen ausbildet. Dieses Äquivalenzverhältnis steht wiederum in Differenz zu anderen Systemen, so Laclau in Anschluss an Saussure (2010, 67).⁴⁴ Anhand des Forschungsstandes ist für die Rekonstruktion der Dehumanisierung des Anderen davon auszugehen, dass die Differenzsetzung zum Eigenen gezogen wird, das sich gegenüber dem Animalischen absetzt. Diese Differenzsetzung verläuft entsprechend im Inneren des Diskursfragments: Obwohl in der Pejoration vordergründig der Andere konstituiert wird, wird ebenso das Eigene formiert, das sich somit nicht im Außerhalb befindet. Auch das Eigene kann damit nicht objektiv, fest oder zweifelsfrei bestimmt werden. Diese partikularen Zuweisungen erscheinen jedoch nicht als solche, sondern beanspruchen einen Universalismus, sie simulieren eine Allgemeingültigkeit: Der Mensch ist gegenüber dem Tier überlegen, wie der Nicht-Jude dem ‚Juden‘ etc. Dieser universelle Anspruch einer Deutung, der im Rahmen einer sozialen Ordnung herausgebildet wird – und der sich vorläufig behaupten kann – wird von Laclau als (Teil einer) Hegemonie bezeichnet (2005, 70).

Da jede diskursive Äußerung an ein historisches Apriori – eine Sedimentierung des Sozialen – gekoppelt ist (vgl. 1.1), besteht zwar die Möglichkeit, sich als diskursiver Akteur zu positionieren, eine partikulare Deutung zu justieren und damit um Teilhabe zu ringen, die permanenten Neuverhandlungen überschreiben allerdings, dass dieses Spiel nicht auf einen ontischen Grund zurückzuführen ist. In concreto heißt dies hier: das soziale Phänomen des Anderen entbehrt einer grundlegenden Begründung. Dies bietet allerdings nach Derrida die Option einer offenen Struktur und damit die nicht endende Möglichkeit, Bedeutung neu zu justieren im Sinne Derridas als semiotischen „différance" (Derrida 2010b, 77-91).⁴⁵ Diese diskursimmanenten Sinnzuweisungen lassen sich rekonstruieren, wodurch sich ein Zugang ermöglicht, die Essentialisierungen zu dekonstruieren (Derrida 1983, 197f.; siehe auch I.1). Dass eine Essentialisierung selbst „dem Spiel entzogen (Derrida 1976, 324) sei, ist vor dem Hintergrund einer solchen Vorstellung von Diskurs zurückzuweisen (Laclau 2005, 69). Daraus folgt für das methodische Vorgehen, dass die Definition des Kollektivsymbol weiter zu fassen ist: Als Konsequenz folgt daher erstens, dass die Vorstellungen von Stabilität und fixen Verbindungen zu verabschieden und durch eine fluide Relationierung zu ersetzen sind. Zweitens soll im Rahmen einer Analyse der pejorativen Tier symbolik die Verbindung zwischen Signifikat und Signifikant als Grundvoraussetzung für die Identifikation von Kollektivsymbolik gelöst werden. In judenfeindlichen Diskursfragmenten wäre das Signifikat eine jüdische Person, die als der ‚Jude‘ signifiziert wird. Nach Laclau ist eine Vorstellung eines Signifikats im sozialen Kontext jedoch zu problematisieren, da Signifizierung nicht mehr als Ausdruck essentieller und auf einen Grund zurückgeführter Charaktereigenschaften interpretiert werden kann (Laclau 2010, 67ff.). Wer oder was als ‚Jude‘ oder ‚jüdisch‘ bestimmbar ist, variiert in synchroner und diachroner Perspektive und muss als interessengeleitete Identifikation verstanden werden (Daxner 2007, 203ff.). Unter dieser Voraussetzung verschwindet das Signifikat aus dem Diskurs. Stattdessen treten Ketten von Äquivalenzen zutage, durch die synchrone und diachrone Prozesse bestimmen, was der ‚Jude‘ ist. Die soziale Konstruktion ‚des Juden‘ wird also als Aneinanderreihung von partikularen Zuschreibungen vorstell- und damit rekonstruierbar. Erst die partikularen Zuschreibungen formieren also das Phänomen, somit handelt es sich um eine Reihung von Signifikanten ohne Signifikat (Laclau 2010, 65). Ein soziales Phänomen wird weiter als ein „amorphes Patchwork (Marchant 2010, 11) vorgestellt. Genau diese äquivalentielle Logik (2010, 103) kann – und soll im Folgenden – durch die Diskursanalyse rekonstruiert werden.

Mit Blick auf den Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass sich im Laufe der Jahrhunderte das „amorphe Patchwork", und damit was und wie ‚jüdisch‘ identifiziert wurde, gewandelt hat. Diese Modulationen vollziehen sich dabei in einem komplexen diskursiven Gefüge (Laclau 2010, 78). Aber nicht nur auf einer diachronen Achse wetteifern verschiedene diskursive Akteure darum, ihre Deutung zu plausibilisieren, auch synchron bestehen verschiedene Deutungen parallel zueinander. Ihr Ringen muss dabei als politische Aushandlung vorgestellt werden, da die (momentane) Fixierung von Wissen eine machtvolle Praxis darstellt, jedoch, so lässt sich im Rekurs auf Laclau schließen, bietet die Unmöglichkeit, den Sinn zu fixieren, die eigentlich Grundlage für Hegemonie (Laclau 2010, 74).

Statt der Begriffe Signifikat und Signifikant verwende ich daher in der folgenden Untersuchung die Begriffe source domain und target domain (Charteris-Black 2005, 2). Diese reflektieren zum einen den Charakter der Bildquelle als Glaubenssysteme, die kommuniziert, konstruiert und erschlossen werden können (ebd., 3). Dabei folge ich gleichwohl der KDA, das den Kollektivsymbolen in Diskursfragmenten eine Rolle als Puzzlestücke zukommt, dass sie Brücken zwischen verschiedenen Sinnbezirken, Aussagen oder Argumentationsmustern schlagen. In manchen Diskursfragmenten befindet sich eine Häufung von Kollektivsymbolen, beispielsweise in den Börsennachrichten. Obwohl die Kollektivsymbole aus verschiedenen Kategorien wie Natur, Medizin oder Technik, entstammen können, vermögen sie es, in Reihung einen Gegenstand zu explizieren, ohne dass ihre unterschiedliche Provenienz zu Widersprüchen oder Verständnisschwierigkeiten führen würde. Vielmehr können solche Ketten neue Logiken erzeugen oder auch Phänomene triangulieren, etwa indem verschiedene Symbole ein und dasselbe Phänomen übersetzen. Die KDA benennt diese Brücken als Katachresen-Mäander (Jäger 1998, 24; Jäger/Jäger 2007, 36; Link 1988, 49; Link 2001, 65).

Wie bereits oben im Rahmen des Forschungsstands angedeutet werden über die Tiersymbolisierungen textimmanente Anrufungen erteilt. Diese handlungsleitenden Appelle sind nicht unbedingt als tatsächliche Rufe durch eine Obrigkeit oder als mahnende Zeigefinger zu verstehen, stattdessen vollziehen sich die im Diskurs formulierten Anrufungen „ganz von alleine (Althusser 1977, 147f.), da die Akteure in Wissensbestände und Wahrheiten hineinwachsen und diese mehr oder weniger anerkennen müssen, um kommunizieren zu können. Zugleich werden in den Subscriptiones der Tiersymbole „Rationalisierungmuster (Kessl 2010, 352) versinnbildlicht. Zwei Aspekte sind an diesem Prozess bemerkenswert: Erstens kann mit Laclau geschlossen werden, dass der Signifikant nicht äquivok, also nicht auf sich selbst beschränkt ist und sich durch Ambivalenzen auszeichnet (Laclau 2010, 65). Für die Interpretation bedeutet dies, dass weder die Denotation noch die Konnotation jemals gänzlich erschlossen werden kann. Zweitens erreichen die Appelle die Rezipient_innen nicht einfach im Sinne einer Sinnzuweisung in Gestalt eines Maßnahmenkatalogs. Solche existieren natürlich auch, aber Laclau zeigt auf eine andere Facette: Demnach verbleiben soziale Phänomene und Begriffe⁴⁶ immer sowohl unterdeterminiert, also bedeutungsarm, wie überdeterminiert, also mit zu viel Bedeutung aufgeladen (ebd., 65ff.).⁴⁷ Dies bedeutet mit Perspektive auf die Unterdeterminierung, dass die Äquivalenzketten sich nie ganz fixieren lassen, sodass weitere diskursive Akteure permanent um die Durchsetzung ihrer Zuweisung ringen, wodurch wiederum niemals der Begriff oder das Phänomen mit einem endgültigen Sinn gefüllt werden kann. Eine Fixierung eines bestimmten Sinns bleibt konstitutiv unerreichbar (ebd., 69f.). Das Überdeterminierte bezieht sich auf die bereits oben angedeutete Differenzsetzung (Laclau 2010, 67f.). Zuweisungsprozesse bestehen also aus Äquivalenzsetzungen und Setzungen von Differenz (Laclau 2005, 69).

Im Fall von judenfeindlichen Tiersymbolisierungen bedeutet dies, dass nicht nur über partikulare Zuschreibungen das soziale Phänomen des ‚Juden‘ gefüllt wird, sondern gleichzeitig auch an dem Entwurf des Eigenen, abgegrenzt vom ‚Juden‘ gearbeitet und damit eine „differentielle Identität" (Laclau 2010, 85) entworfen wird. Mit einem Blick auf Louis Althusser lässt sich also für die Relevanz der Analyse schließen, dass nicht nur jene Anrufungen der Demagog_innen, die zu den Knüppeln rufen, einbezogen werden müssen, wenn die soziale Ordnung innerhalb der Dehumanisierung prozessiert wird, sondern auch solche leisen Varianten (in denen beispielsweise eine ökonomische Ethik, ein Professionsverständnis oder ein Identitätsentwurf skizziert wird) von großer Bedeutung sind.

Wenden wir uns nun einer kulturtypologischen Bildlichkeit zu, von der wir nach unserem Rekurs auf Laclau annehmen müssen, dass sie weder gänzlich erschlossen werden kann noch fixierbar ist. Ziehe man, so Jäger, einen synchronen Schnitt durch die Bildlichkeit einer Kultur, dann ließe sich eine bestimmte Topik erkennen (2004, 133). Diese Topik veranschaulicht Link in einem Schaubild, das er als „Sysykol bezeichnet, als synchrones System der Kollektivsymbolik. Mit dem „Sysykol entwirft Link eine topologische Karte kulturtypologischer Sinnzuweisungen (vgl. Abb. 2): Während eine Aufwärtsbewegung generell für Fortschritt steht, gilt ein Niedergang als negative Entwicklung. Die Mitte wird hingegen in der symbolischen Topografie westlicher Zivilisationen als das Normale betrachtet, das traditionell positiv und als anstrebenswert besetzt ist (Disselnkötter/Parr 1994, 52; Jäger 1993, 185; Parr 1998, 69; Schwarz 1998, 48). ⁴⁸ Um die Mitte herum verlaufen Grenzziehungen, die ein Innen und ein Außen hervorbringen. Diejenigen, die im Außen lokalisiert werden, befinden sich mithin in einem Raum, in dem ihnen zumeist kein Subjektstatus zuerkannt wird (Jäger 1998, 21). Die innere Logik beispielsweise von Bedrohungsszenarien lässt sich symbolisch anhand dieser Topografie veranschaulichen (ebd., 23). Außerdem werden auch solche Grenzziehungen bildlich realisierbar, die den Bereich des Sagbaren abgrenzen: Diskreditierungen von Diskurspositionen können als eine Verschiebung von der Mitte ins Außen dargestellt werden (Parr 1998, 69). In Bezugnahme auf den Forschungsstand kann eine solche Bewegung beispielsweise für die öffentliche Rede vom Sommer 1945 an durch den Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland: konkretisiert werden, mit dem weite Bereiche der Lingua Tertii Imperii, unter anderem auch die pejorative Tiersymbolik, tabuisiert wurden.

Ein Problem der Diskursanalyse ist, dass auf die Rezeption, also die Diskurswirkung, nur deduktiv über die diachrone Diskursentwicklung geschlossen werden kann. Auf den ersten Blick mag dies wohl gegen diesen Ansatz sprechen, da sich gerade die klassischen Untersuchungen pejorativer Tiersymboliken auf den Zusammenhang zwischen sprachlicher Zuweisung und nicht-sprachlicher Abweisung konzentrieren (Bein 1965; Klemperer 1969; Schäfer 1962). Sprache wird aus dieser Perspektive in ihrer (potentiellen) Wirkung fokussiert, in der nicht nur die Handlungsappelle, sondern auch die Dimension der Pejoration in nicht-diskursiven Praktiken reflektiert und die Machtförmigkeit der Diskurse sichtbar gemacht sind. Die Kritische Diskursanalyse folgt sowohl Foucault als auch Judith Butler, die in der materialisierten Wirkung des Diskurses die Produktivität der Macht verorten. Über die Analyse des Diskurses wird insofern das grundlegende „Konstruktionsprinzip der Wirklichkeit (Bublitz 2003a, 19) rekonstruierbar. Diskursive Praktiken gehören ebenso mit zu den diskursiven Formationen wie implizite und explizite „Rationalitätsmuster (Kessl 2010, 352).⁴⁹ Sprache ist also nicht als Darstellung des Wirklichen zu interpretieren, sondern bringt dieses durch das Spektrum der Repräsentation, das auf eine Verkörperung drängt, hervor (Bublitz 2003a, 29). Auch Jäger verbindet geregelte Redeweisen mit einer Machtwirkung, da sie an Handlungen gekoppelt sind (Jäger 2004, 142). Eine Machtwirkung kann, so die KDA, durch die Sichtbarmachung sprachlicher und ikonischer Wirkungsmittel expliziert werden (Link/Wülfing 1984, 8). Sich über die Repräsentation der Diskurswirkung zu nähern, ist nach Jäger im Rahmen einer KDA dennoch möglich, nur müssen die Schlüsse über eine konsistente Analyse und eine differenzierte, synoptische Interpretation hergeleitet sein (2004, 224).

Auf diesen theoretischen Setzungen fußend, erfolgt eine vierphasige Analysemethode, die sich u.a. an den Vorgaben von Siegfried und Margarete Jäger (2007) sowie Link (2006b) orientiert:

Phase 1: Nach der Gesamtkonzeption, in der Fragen, Thesen und Daten strukturiert werden, geht es in die Erhebungsphase, in der ein Überblick und eine Strukturierung sowie Chronologisierung der Diskursstränge und -ereignisse und auch deren Bildlichkeit erfasst werden. Um die Veränderungen der Sinnzuweisungen und die hegemonialen parallelen Zuschreibungen dechiffrieren zu können, muss der Korpus über eine synchrone wie diachrone Dimension verfügen. Im Fall von Tiersymbolisierungen sind diese mit Pictura und Subscriptiones in ihrem diskursiven Kontext zu erfassen und zu interpretieren. Dafür sind der situative, der mediale, der institutionelle und der historische Kontext zu

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