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Spur nach Namibia: Zweites Buch mit Sigi Siebert

Spur nach Namibia: Zweites Buch mit Sigi Siebert

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Spur nach Namibia: Zweites Buch mit Sigi Siebert

Länge:
252 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 25, 2016
ISBN:
9783958130449
Format:
Buch

Beschreibung

Eine Zeitungsmeldung berichtet von einem Mord an einem Deutschen in Namibia. Rückblende: Dem Essener Hauptkommissar Siebert lässt der Fall aus dem letzten Jahr keine Ruhe. Fünf Millionen Euro und ihr Besitzer sind bei einer Taxifahrt zum Nordkap spurlos verschwunden. Der Hauptkommissar verdächtigt immer noch den Fahrer des Taxis, den sie damals mangels Beweisen laufen lassen mussten. Während er einen Kriminalroman liest, drängt sich Siebert plötzlich ein möglicher neuer Zusammenhang im alten Fall auf. Er weiß, dass seine Hypothese für die Wiederaufnahme der Ermittlungen zu dürftig ist, zieht aber seine Assistentin Möhrchen und den langjährigen Kollegen Erich ins Vertrauen. Beide helfen ihm bei privaten Nachforschungen. Das ungleiche Trio findet heraus, dass sich der Taxifahrer nach Namibia abgesetzt hat. Siebert verschafft sich Zugang zu dessen Wohnung und entdeckt dort die Spur eines sich perfekt ins Bild einfügenden Komplizen, einem Schauspieler. Von dessen Agenten erhält er den Tipp, dass dieser sich ebenfalls in Namibia aufhält. Siebert wischt alle eigenen Bedenken weg und reist seinen Tatverdächtigen nach. Ein mysteriöses Kreuz in der Wüste kommt ins Spiel …
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 25, 2016
ISBN:
9783958130449
Format:
Buch

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Buchvorschau

Spur nach Namibia - Klaus Heimann

gegeben.

Anfang und Ende

Dies war die erste Zeitungsnotiz zum bitteren Ende des Nordkap-Falls, klein und unscheinbar am linken Rand in unserer Tageszeitung versteckt unter »Nachrichten aus aller Welt«. Bereits eine Woche später rauschte der komplette Blätterwald. Sogar im Ausland wurde darüber berichtet. Die Journalisten überschlugen sich, täglich neue Details des Falls auszubreiten. Dabei kamen Tatsachen und Realität zu kurz. Nach zwei Wochen hatten die Zeitungsleute das Interesse verloren. Andere Ereignisse schoben sich in den Vordergrund. So ticken die von der Presse nun mal.

Womit ich meine Brötchen verdiene? Pardon. Ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Siegfried Siebert, für die meisten kurz Sigi. Ich bin Hauptkommissar bei der Mordkommission in Essen und seit fünfunddreißig Jahren Polizist. So lange bin ich auch mit Charlotte verheiratet. Da wir im Ruhrgebiet Namen gerne mit mehr Schmackes würzen – siehe Sigi –, rufe ich sie Lotte. Die Gute mag »Lotte« eigentlich nicht, sie findet, das klingt naiv. Meine Holde hat den Widerstand gegen meinen Kosenamen aber schon lange aufgegeben. Woran man sich nicht alles gewöhnt während so vieler Ehejahre.

Mit Nachwuchs hat es zuerst nicht geklappt bei uns, so sehr wir uns Kinder gewünscht haben. Acht Jahre später kam endlich Lucy zur Welt. Bei dieser einen Tochter ist es geblieben. Lotte und ich hängen sehr an unserem Kind.

Lucy besaß seit jeher einen ziemlichen Dickkopf. Schon als kleines Mädchen war sie wenig lenkbar und sehr trotzig. Heute studiert sie im dreizehnten Semester irgendeine brotlose Kunst in Berlin. Dass sie ihren Abschluss noch nicht in der Tasche hat, liegt bestimmt nicht an mangelnder Intelligenz, denn unsere Tochter ist eine außergewöhnlich kluge junge Frau. Ich vermute, sie hat einfach Angst vor den Prüfungen und scheut sich deshalb, ihr Studium abzuschließen. Diese Versagensangst und die Notwendigkeit einer hundertprozentigen Sicherheit, das hat sie auf keinen Fall von mir geerbt. Das sind eindeutig Lottes genetische Dreingaben.

»Lucy Siebert« ist eine gewöhnungsbedürftige Namenskombination, finde ich. Das kommt daher, dass Lotte in jungen Jahren Fan der Fernsehserie »Dallas« gewesen ist, ganz besonders von dem kleinen, blonden, langmähnigen Wonneproppen. Lucy eben. Damals hatte sie beschlossen, ihre erste Tochter so zu nennen. Dagegen war ich machtlos und deshalb heißt unser Kind so wie die Schauspielerin Charlene Tilton in »Dallas«. Zum Glück mag Lucy ihren Vornamen.

Draußen hat der Herbst Einzug gehalten. Jetzt stehen sie uns wieder ins Haus, die melancholischen, trüben Tage vor Beginn der Adventszeit. Letzte Reste von Laub bedecken Wege und Parks. Es regnet oft. Vom Sommer habe ich in diesem Jahr nichts gehabt.

Ich liege auf meiner Gymnastikmatte im Schlafzimmer und mache meine täglichen Übungen. Bein anspannen, Bein heben, halten. Dabei gleichmäßig weiteratmen. Bein ablegen, entspannen. Das geht alles ganz automatisch. Mein Kopf ist frei für meine Gedanken. Die kommen, obwohl er abgeschlossen ist, nicht los vom Nordkap-Fall. Es ist das kniffligste Stück Arbeit, das mir in meiner Karriere untergekommen ist, die größte Herausforderung in meinem Berufsleben als Polizist. Der Nordkap-Fall hat sich im Spätsommer letzten Jahres so in mich hineingefressen, dass er mich verändert hat. Er hat mich zu Handlungsweisen getrieben, die ich früher verteufelt habe.

Was ich vorher für ein Kerl gewesen bin? Vor dem Fall hätte ich gesagt: ein Mann, auf den man sich verlassen kann, der seine Verantwortung ernst nimmt, die Verantwortung der Familie gegenüber, dem Polizeiapparat gegenüber. In gleichem Maße den Verhafteten und Tatverdächtigen gegenüber. Ein Mann, der aufgrund dieser Verantwortung Risiken vermeidet, damit er unversehrt durchs Polizistenleben kommt und seine beiden Frauen nicht die Folgen seines Leichtsinns tragen müssen. So bin ich beispielsweise nie irgendwelchen Verbrechern nachgelaufen, von denen ich wusste, dass sie bewaffnet waren. Ich bin nie mit vorgehaltener Pistole in dunkle Ecken hineingestürmt, wie man das im Fernsehen ständig so theatralisch sieht. Mein Erfolgsrezept bestand immer in meinem kriminalistischen Verstand und Spürsinn, im geschickten Verhören, im Aufdecken von Widersprüchen in den Aussagen unserer Kundschaft, im langen Atem, in der Geduld.

Ich bin Kriminalbeamter geworden, weil ich ein Mensch bin, dem Gerechtigkeit über alles geht. Dazu wollte ich meinen persönlichen kleinen Beitrag leisten. In meinem Wertekatalog steht ganz oben, dass Verbrecher ihrer Strafe zugeführt werden müssen. Die Gesellschaft besitzt ein Recht darauf, dass Vergehen gesühnt werden. Wo kämen wir hin, wenn wir Anarchie duldeten? Das wäre das Ende für unser Staatswesen, für die Demokratie.

Anfang dieses Jahres bin ich von meinen Prinzipien abgerückt – das sehe ich mittlerweile ganz deutlich. Der Nordkap-Fall hat dafür gesorgt, dass ich mir untreu geworden bin. Die erfolglosen Ermittlungen im letzten Jahr hatten mich in zweierlei Hinsicht gekränkt. Erstens hatte der Fall meine Fähigkeiten, ein Verbrechen aufzuklären, überfordert. Und zweitens hatte er mir das Gefühl gegeben, einen Ganoven ziehen lassen zu müssen, denn unser Verdächtiger hatte etwas zu verbergen. Das hatte ich während der ungezählten Stunden, die ich ihn in der Mangel hatte, deutlich gespürt.

Genug geübt. Ich setze mich auf. Da durchfährt mich wieder dieser stechende Schmerz im Knie. Das ist mein Andenken an die Lösung des Falls, denn heute, über ein Jahr später, ist er geklärt. Das hat mir keine Lorbeeren eingebracht. Beileibe nicht. Eher das Gegenteil. Und ich muss zugeben, dass mir Kommissar Zufall sehr behilflich war. Am Ende habe ich es geschafft, die seltsamen Ereignisse des Nordkap-Falls zu enträtseln. Auch wenn ich einen verdammt hohen Preis dafür gezahlt habe. Aber der Reihe nach.

Fallstudie

Im letzten Jahr hatten wir den Taxifahrer Rainer Meldorf mehrmals vorgeladen, da wir ihn verdächtigten, in Verbindung mit dem Verschwinden eines von uns gesuchten Betrügers zu stehen. Meldorf hatte vorgegeben, an einem Taxistand in Essen auf Fahrgäste gewartet zu haben. Plötzlich habe ein Mann die Tür aufgerissen und ihn um eine Fahrt zum Nordkap gebeten.

Bei diesem Mann – das hatten wir ermittlungstechnisch unzweifelhaft feststellen können –, handelte es sich um den zur Fahndung ausgeschriebenen Kriminellen, von dem bei uns nur unter Verwendung seines Decknamens »Ludger König« gesprochen wurde. Ein Betrüger, ein Wirtschaftskrimineller, der einen Haufen Geld erschwindelt hatte und schnellstens das Land verlassen musste, weil ihm seine dubiosen Geschäftspartner auf die Schliche gekommen waren.

Meldorf hatte seinen Fahrgast damals anhand eines Fotos identifiziert. Eine Verwicklung in dessen Machenschaften konnten wir ausschließen, denn die beiden hatten sich vor ihrer gemeinsamen Fahrt zum Nordkap definitiv nie getroffen. Den Verdacht, dass die fünf Millionen, die König in einem Aluminiumkoffer mitgeführt hatte, von diesem Taxifahrer unterschlagen worden waren, bin ich seither nicht mehr losgeworden. Ich kann kaum sagen, woran das im Einzelnen liegt. Im Grunde kam Meldorf mir so vor, als wären wir uns ähnlich und hätten am Tresen einer Kneipe gute Freunde werden können. Im Gegenzug werde ich ihm wie ein brummiger Bürokrat erschienen sein, denn dass ich ihn nicht packen konnte, hat mich unglaublich gefuchst, und wenn mich etwas fuchst, merkt man mir das immer an – wenn ich Lotte glauben darf.

Meldorf geriet unter Verdacht, weil er mir einfach zu forsch in unseren Verhören auftrat. Diese Forschheit war mir zu aufgesetzt, ganz so, als ob er uns eine große Selbstsicherheit und Unbekümmertheit suggerieren wollte. Dahinter spürte ich eine Ungereimtheit, etwas, das uns verschwiegen werden sollte. Mich verlassen selten die kriminalistischen Instinkte. Während aller Verhöre des Taxifahrers hatte ich dieses unbestimmte Gefühl im Magen, und bei seinen Aussagen schlug mein Fall-Seismometer regelmäßig aus.

Natürlich lag das auch an der Geschichte, die Meldorf mir und Oberrat Gelbarth über die Fahrt zum Nordkap aufgetischt hat. Der Taxifahrer hatte sie in einem schriftlichen Bericht festgehalten, den er uns auf den Schreibtisch knallte. Dieser Bericht klang von Anfang bis Ende abenteuerlich und lautete in etwa so:

Meldorf ist vorsichtig und verlangt einen Beweis, dass der Fahrgast zahlungsfähig ist. Der Unbekannte öffnet den Koffer, den er bei sich führt. Er enthält fünf Millionen Euro. Der Taxifahrer macht sich mit seinem Fahrgast zur sechstägigen Reise durch vier Länder auf.

Nach nicht einmal einer Stunde Fahrt legt sich der Unbekannte, der sich später als Ludger König vorstellen sollte, auf der Rückbank des Taxis schlafen.

Als der merkwürdige Fremde bei Erreichen des ersten Zwischenziels in Schweden immer noch im Reich der Träume weilt, bucht Meldorf kurzerhand zwei Einzelzimmer in einem Hotel und geht zum Abendessen in das hoteleigene Restaurant.

Er sitzt nicht lange am Tisch, als sein Fahrgast hereinstolpert und sich zu ihm setzt. Ludger König erzählt dem Taxifahrer während des Abendessens die Geschichte seiner Familie und liefert ihm eine plausible Erklärung für den Geldsegen. Am Nordkap wolle er Abstand zu den nervenzehrenden Ereignissen gewinnen.

Meldorf bleibt skeptisch. Er überprüft die Angaben Ludger Königs an einem Computer im Hotelfoyer. Im Internet findet er keine der Behauptungen seines Fahrgastes bestätigt, im Telefonbuch wird nicht einmal sein Namen geführt. Spätestens ab da weiß der Taxifahrer, dass er einen Betrüger herumkutschiert.

Am nächsten Morgen erscheint der Fahrgast nicht zum Frühstück. Der Taxifahrer findet ihn schlafend im Fond des Wagens. Ratlos begibt er sich mit ihm auf die nächste Etappe der Reise, die bis nach Norwegen führt. Als er müde wird, checkt er wieder in einem Hotel ein. Ludger König schläft währenddessen wie am Vortag weiter auf der Rückbank des Taxis. Meldorf geht zum Abendessen wieder ins Hotel-Restaurant.

Wenig später taucht dort anstelle seines Fahrgastes ein anderer Mann auf. Er erzählt Meldorf eine neue Geschichte über die Gründe zur Nordkap-Fahrt und das Geld.

Als der neue Mann vom Tisch aufsteht, bleibt der Taxifahrer verwirrt zurück. In der folgenden Nacht befällt ihn zum ersten Mal Angst, dass die Tour für ihn persönlich bittere Konsequenzen haben könnte.

So geht es weiter. Tagsüber schläft der Fahrgast vom Vorabend auf der Rückbank des Taxis, abends wird er durch einen anderen abgelöst, der ins Restaurant hineinmarschiert und ein neues Lügenmärchen auftischt.

Meldorf beschreibt die Reise als ein einziges Martyrium. Ihm wird immer deutlicher, dass er von einer Bande Männer getrieben wird, deren Absichten – so viel er auch darüber nachdenkt – verborgen bleiben. Da ihm kein Weg einfällt, diese Kerle abzuschütteln, bleibt er seinem Fahrauftrag treu. Er bereut es in dem Augenblick, als ihm sein letzter Fahrgast kurz vor Erreichen des Nordkaps eine Revolvermündung in den Nacken presst.

Der Taxifahrer wird mit vorgehaltener Pistole genötigt, in den Laderaum eines Fischkutters zu klettern. Dort empfängt ihn ein grauhaariger Mann, der angeblich Mitglied der Russenmafia ist. Das Geld gehört ihm und der Transport per Taxi in den hohen Norden sollte die Scheine dem Zugriff durch die Behörden entziehen. Wer, so argumentiert dieser Mann, kontrolliert schon ein so auffälliges Fahrzeug wie ein Taxi und sucht darin nach Beute. Der Graue klärt Meldorf darüber auf, dass alle seine Fahrgäste mit der Russenmafia in Verbindung stehen und die ganze Inszenierung bloß dem Zweck diente, ihn in Angst zu versetzen und zu einem willigen Werkzeug für den Geldtransport zu machen.

Als man Meldorf im Anschluss an diese Aufklärung gehen lässt, kann der seine wiedererlangte Freiheit kaum begreifen. Nachdem er seinen anfänglichen Schock überwunden hat, beschließt er, die Reise als Tourist fortzusetzen und einen Urlaub anzuhängen. Während dieser Tage fertigt er den Bericht an.

Vieles an dieser Geschichte hat mir nicht gefallen. So erzählte Rainer Meldorf beispielsweise in seinem ausführlichen handschriftlichen Bericht – der dickste Papierstoß zwischen den Aktendeckeln – ausführlich die Geschichten der ersten vier Fahrgäste nach, obwohl die, wie es ihm der mysteriöse Graue am Ende erklärte, nichts mit dem tatsächlichen Geschehen zu tun hatten. Mir und Gelbarth gegenüber hatte er in den Verhören behauptet, dies habe er im Sinne der leichteren Identifizierbarkeit seiner Fahrgäste so gehalten. Er habe möglichst viel über sie schriftlich fixieren wollen, damit eine reelle Chance bestehe, sie aufzugreifen.

Genau das Gegenteil war damals eingetroffen. Keiner aus unserer Verbrecherkartei hatte zu einem der Kandidaten gepasst und nicht ein Detail in den Geschichten führte zu irgendetwas. Außer Ludger König blieben die Männer, die dem Taxifahrer angeblich begegnet waren, Phantome. Und zum guten Schluss blieb sogar sein erster Fahrgast vom Erdboden verschluckt.

Ganz anders verhielt es sich mit den anderen Teilen des Berichts. Die Tatsachen, die Rainer Meldorf darin schilderte, waren von den schwedischen und norwegischen Kollegen sämtlich bestätigt worden. Die Reiseroute stimmte, die angegebenen Übernachtungslokalitäten stimmten und die Zeitangaben für die einzelnen Teilstrecken seiner Nordkap-Fahrt kamen hin. Es gab Zeugen in einer Tankstelle im norwegischen Lillehammer, die sich an Rainer Meldorf erinnerten, sogar eine Videoaufnahme von seinem Taxi, auf der eindeutig ein liegender Mann – hier war es noch Ludger König gewesen – auf der Rückbank des Taxis auszumachen war. Die norwegischen Polizisten hatten einen Matrosen befragt, der ihnen bestätigte, auf der Fähre, die der Taxifahrer Tage später benutzt hatte, einen schlafenden Mann im Fond des Wagens gesehen zu haben. Die Bedienungen in den Hotelrestaurants hatten allesamt Erinnerungen an Männer in Trenchcoat und Hut zu Protokoll gegeben, die zu den Aussagen Meldorfs passten. Einige hatten sich sogar daran erinnert, dass diese Männer längere Zeit monologisierend an seinem Tisch gesessen hatten. Den Inhalt dieser Monologe hatten die Zeugen nicht verstehen können, dies waren die einzigen unbestätigten Stellen im Bericht.

Insofern gab es keinen Zweifel daran, dass sich bis zur Aufklärung im Bauch des Fischkutters alles exakt so abgespielt hatte, wie vom Taxifahrer in einem Stapel College-Blöcke niedergelegt. Das galt ebenso für die von ihm geschilderte Rückreise vom Nordkap nach Hause.

Lediglich das kleine Zwischenstück, also das, was sich angeblich an Bord des Fischkutters abgespielt hatte, war bis heute nicht bewiesen. Zwar waren der letzte Fahrgast und sein Fahrer am Hafen zusammen im Taxi gesehen worden, es gab aber keine Zeugen dafür, dass sie tatsächlich an Bord eines Kutters gegangen waren. Aber genau dort sollte die Übergabe des Geldes passiert sein, was im Umkehrschluss ein Eingeständnis Meldorfs bedeutete, dass sich die fünf Millionen bis dahin zumindest in seiner Reichweite befunden hatten. Der Mafiosi, der den Geldkoffer dem Bericht zufolge entgegengenommen hatte, wurde von keiner Zeugenaussage bestätigt, es war auch kein russisches Schiff zur fraglichen Zeit im Hafenbuch eingetragen worden. Nun gut, es konnte ebenso ein beliebiges norwegisches Schiff gewesen sein oder man hatte schlicht auf die Anmeldung im Hafenamt verzichtet. Von russischer Seite waren leider keine Informationen über den Schiffsverkehr an der norwegisch-russischen Grenze zu erhalten gewesen, sodass es dazu keine belastbaren Informationen gab.

Rainer Meldorf, stückweise mit den Ergebnissen unserer Ermittlungen konfrontiert, hatte die ungeklärten Tatbestände auf die leichte Schulter genommen. Wenn die diversen Geschichten der ihm begegneten Männer nicht der Wahrheit entsprächen, dann wären sie eben erlogen. Der unauffindbare Ludger König und die anderen verschollenen Zeitgenossen, die ihm über den Weg gelaufen seien, wären nicht sein Problem, sondern das der Polizei. Aus seiner Wahrnehmung heraus habe sich alles genauso zugetragen, wie er es in seinem Bericht geschildert habe. Der schriftlich vorgelegten Geschichte habe er nichts hinzuzufügen.

Ich hätte im Anschluss an Meldorfs Anhörungen oft gerne vor Wut in die Tischkante gebissen, so sehr hat mich seine ganze Haltung zur Weißglut gebracht. Mir reichten seine Erklärungen einfach nicht aus. Statt eines Rechenschaftsberichts – so nannte es Meldorf – konnte es sich bei dem zentimeterdicken Papierstapel ebenso gut um den – zugegeben raffinierten – Verschleierungsversuch eines Verbrechens ganz anderer Art handeln, sozusagen ein Stück Literatur, um der Polizei die Sicht auf das wahre Geschehen zu vernebeln.

Stundenlang habe ich mir das Gehirn zermartert, um Rainer Meldorf des Mordes an Ludger König und des Raubes der fünf Millionen Euro zu überführen. Irgendwas stimmte an der Geschichte nicht, mein kriminalistischer Instinkt läutete Sturm.

Doch es hatte alles keinen Zweck. Ich musste den Fall zähneknirschend aufgeben. Was wir in Händen hatten, war viel zu dürftig, um dem Staatsanwalt einen Haftbefehl aus dem Kreuz zu leiern. Mein Chef, Oberrat Gelbarth, hat einen Versuch in dieser Richtung unternommen, wurde aber gehörig abgewatscht und ausgelacht. Dieser Stachel sitzt bei ihm heute noch ziemlich tief. Der kommt nur dann wieder in Schweiß, wenn er sich seiner Sache hundertprozentig sicher ist. Gelbarth lässt einen Mörder lieber laufen als eine erneute Abfuhr von der Staatsanwaltschaft zu kassieren.

Irgendwann, schwor ich mir damals, irgendwann würde ich diesen Taxifahrer überführen. Ich musste lediglich hinter seine Masche kommen. Darin war ich erstens geübt und zweitens besaß ich die erforderliche ellenlange Geduld. Niemand im Polizeipräsidium Essen besitzt in diesen Dingen einen so langen Atem wie ich.

Zurück auf dem Schreibtisch

Nach den Ermittlungen im Nordkap-Fall letztes Jahr hatte ich die Akte entnervt ins Archiv gebracht. Ich bemühte mich, nicht mehr daran zu denken. Trotzdem schlich sich der Fall immer wieder auf leisen Sohlen in meine Hirnwindungen zurück und der Groll auf Rainer Meldorf blieb bestehen. Erst durch einen Zufall rückten die Ermittlungen in diesem März wieder in mein Blickfeld.

Es herrschte eine vorfrühlingshafte Schönwetterperiode und ein frischer, strahlender Tag kündigte sich an. Es war zu spät geworden gestern Abend. Lotte und ich hatten zu lange vor der Glotze gehockt. Für sie spielte das keine Rolle, denn sie musste erst am Nachmittag in ihren Supermarkt. Dort arbeitete sie halbtags an der Kasse. Als um halb sieben der Wecker schrillte, ein altmodisches, mechanisches Ding mit zwei Glocken auf dem Gehäuse, die in der Lage gewesen wären, einen ganzen Schulhof aus der Pause zu klingeln, blieb meine Angetraute liegen.

Ich entstieg gähnend den Laken und vollzog die typischen Handgriffe eines Werktagmorgens – duschen, Zähne putzen, rasieren, anziehen, Kaffee kochen, eine Scheibe Graubrot mit Butter und Marmelade bestreichen,

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