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Das Ich, Du, die Andern, die Gesellschaft, der Staat, das Volk, ...: Essay zur Theorie der Freiheit im praktischen und im unpraktischen Leben

Das Ich, Du, die Andern, die Gesellschaft, der Staat, das Volk, ...: Essay zur Theorie der Freiheit im praktischen und im unpraktischen Leben

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Das Ich, Du, die Andern, die Gesellschaft, der Staat, das Volk, ...: Essay zur Theorie der Freiheit im praktischen und im unpraktischen Leben

Länge:
307 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 22, 2016
ISBN:
9783990389386
Format:
Buch

Beschreibung

Bin ich ein freier Mensch, wenn ich tun und lassen kann, was ich will? Wie frei ist der Mensch wirklich in dem vielfältigen Beziehungsgeflecht, in das er eingebunden ist - im komplizierten Umgang mit den Nachbarn, Freunden, Familienangehörigen, anderen Leuten allgemein und dem Staat? Sind die Mächtigen freier als unsereiner? Und wer schränkt unsere Freiheit ein, und darf der das überhaupt? Oder ist es vielleicht sogar sinnvoll, die eigene Freiheit und die der anderen einzuschränken?

Fragen über Fragen! Dieses Buch versucht, wenigstens in Ansätzen und aus der eigenen Lebenserfahrung des Normalbürgers heraus Antworten zu finden. Die Freiheit ist eine ständige und sehr ernste Aufgabe, der sich der Mensch in seiner Lebensgestaltung Tag für Tag stellen muss. Und doch gilt auch hier: Selbst ernste Fragen führen gelegentlich zu heiteren Antworten! Aus ebendiesem Grunde hat sich der Autor vorgenommen, dem Leben in seinen vielfältigen Facetten nicht nur Form, sondern auch Farbe zu geben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 22, 2016
ISBN:
9783990389386
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Das Ich, Du, die Andern, die Gesellschaft, der Staat, das Volk, ... - Karl Maria Müller

Ende

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2016 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-937-9

ISBN e-book: 978-3-99038-938-6

Lektorat: Katja Kulin

Umschlagfoto: Rawpixelimages | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildung: Karl Maria Müller (1)

www.novumverlag.com

Vorwort

Das Ich, Du, die Anderen,

die Leute, die Gesellschaft,

der Staat, das Volk, die Masse,

die Nation, der Mensch,

die Menschheit, der Esel des hl. Hieronymus,

ein Eisbär, zwei Löwen, Nina Hagen,

Charles de Gaulle,

der Papst, Gott und die Welt,

die ganze Mischpoche

und dann und wann ein weißer Elefant.

*

Essay

zur Theorie der

Freiheit

des praktischen und

des unpraktischen Lebens

Widmung

Zur Erinnerung

an meinem verstorbenen Hund

Milo Pym.

*

Einleitung

Gibt es einen vernünftigen Grund, dass wir auf der Welt sind? Gegenfrage: Braucht es dazu einen vernünftigen Grund? Braucht es dazu überhaupt einen Grund? Nein, braucht es nicht, es ist einfach schön, auf der Welt zu sein.¹

1 „Schön ist es, auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein" sang 1971 Roy Black zusammen mit der zehnjährigen Schwedin Anita Hegerland. Aber was Bienen zu Stachelschweinen sagen, führt man besser nicht als Nachweis für Irgendetwas an und man sollte es auch nicht in einen Liedtext einarbeiten.

Gehen wir zunächst davon aus, dass es keinen Sinn macht, dass wir auf der Welt sind. Ob ich auf der Welt bin oder nicht, spielt zunächst einmal keine Rolle. Was für eine Rolle sollte das sein? Aber nun sind wir mal da, wir leben hier, sind mit allen möglichen Fähigkeiten ausgestattet, und also ist es das Natürlichste von der Welt, uns Gedanken zu machen, was wir mit unserem Leben anfangen. Denn nur einfach da zu sein und nichts zu tun wird sehr schnell langweilig bis zum Überdruss. Es macht ja auch keinen Sinn.

Ob Sinn oder nicht: Irgendwann kriegen wir garantiert Hunger und Durst. Dann gehen wir eben zum nächsten Bächlein und trinken, ist doch ganz einfach. Aber zu essen ist nichts da. Und jetzt geht’s los. Wie kriegen wir was zwischen die Kiemen? Na, wenn schon das Wasser einfach so dahergeflossen kommt, wird doch auch noch ein gebratenes Täubchen von irgendwo dahergeflogen kommen. Nein, wird es nicht. Also müssen wir uns was zu essen suchen. Und das ist auch vernünftig, weil wir sonst verhungern. Und es ist vernünftig, dass wir uns ein Haus bauen (der nächste Winter kommt bestimmt), dass wir Korn anbauen (um Brot backen zu können) oder brennen (Prost!), dass wir uns eine Kuh halten (wegen des Steaks und der Milch). Irgendwann stellt sich heraus, dass das alles viel rationeller zu bewerkstelligen ist durch Arbeitsteilung – der eine macht dies, der andere das, jeder, was er am besten kann, und allen geht’s gut. Ein bisschen wie im Paradies. Nein, dort musste man gar nichts tun, da war für alle gesorgt. Aber es war entsetzlich langweilig und sinnlos.

Und eben deswegen haben die ersten Menschen etwas getan, was sie nicht hätten tun sollen, was aber gerade deswegen so spannend war, weil’s verboten war: vom Baum der Erkenntnis zu essen. Nie war der Mensch so frei wie im Paradies, weil er alles tun durfte, was er wollte, bis auf eins, nämlich vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Er musste sich um gar nichts kümmern, nicht ums Wetter, nicht um die Jahreszeiten, nicht um Blitz und Donner, nicht um die Regierung, nicht um die Polizei, nicht um die Gesetze, nicht um Grenzen, nicht um Verantwortlichkeiten. Eigentlich hatten die ersten Menschen doch allen Grund, ständig hurra zu rufen. Aber wenn es keine Regeln und keine Gesetze gibt, gibt es auch keine Freiheit. Und ohne Freiheit macht die ganze Hurra- oder gar Heil-Ruferei keinen Sinn. Auch das hat die Erfahrung (die Geschichte) gelehrt.

Die Freiheit ist vielfältig, aber es gibt sie nur durch Regeln und Gesetze; denn wenn ich alles tun darf, was ich will, ist dies nicht Freiheit, sondern Libertinage und führt zum Chaos. Denn Freiheit ist untrennbar mit Verantwortung verbunden, mit Verantwortung für das eigene Leben, für das der anderen, für Recht und Gesetz, für ein geordnetes Zusammenleben der Menschheit. Und für die Schöpfung insgesamt.

Was das für jeden von uns bedeutet, darum geht es in diesem Buch. Aber Vorsicht: Trotz des umfangreichen Titels dieser Arbeit wird hier keinerlei Vollständigkeit bei der Behandlung des Themas garantiert, sie ist auch nicht angestrebt. Der Grund ist leicht einzusehen: Zu allen Zeiten ist das Thema von Autoren bereits in der einen oder anderen Weise und Form behandelt worden, immer aus der Sicht der Zeit heraus, und so läge die Gefahr nahe, dass man sich in Wiederholungen von längst Gedachtem erginge, angefangen bei Theognis² und Pseudo-Salomo³ bis hin zu Jean Paul Sartre⁴ oder Karl Popper⁵. Ohne Bezug auf solch hervorragende Köpfe kann ein Denken allerdings auch heute nicht auskommen, weil, wer geboren wird, nicht in einen zeit- und geschichtslosen Raum geworfen wird, sondern in das geschichtliche Geflecht des menschlichen Geistes seit dem Anbeginn der Menschheit. Das Wunder der Einsteinschen Formel e = mc² kann nur der würdigen, dem sich das Wunder der Höhlenmalereien von Altamira oder Lascaux je erschlossen hat. Ohne die Erkenntnisse der Urmenschen hinge Einsteins Relativitätstheorie frei im Raum (wie sinnig). Es wäre gar nicht dazu gekommen.

2 Französischer Philosoph (Existenzialismus) und Schriftsteller( 1905–1980)

3 Pseudo-Salomon (Ramschwag), Bischof von Konstanz (Episcopus Constantiensis, 891–920): Glossae ex illustrissimis auctoribus Collectae – eines der frühesten gedruckten lateinischen Glossare des XV. Jahrhunderts. Die Drucktätigkeit des Reichsklosters St. Ulrich und Afra bei Augsburg begann 473.

4 Französischer Philosoph (Existenzialismus) und Schriftsteller (1905–1080)

5 Sir Karl Raimund Popper, österreichisch-britischer Philosoph (1902–1994)

Mit dem Verzicht auf Vollständigkeit entfällt aber auch der systematische Aufbau der Arbeit. Die Zuordnung von Kapiteln bleibt deshalb weitgehend zufällig, nicht zuletzt auch aus dem Grunde, dass der Grundtenor der Arbeit, der sich mit der Utopie der Freiheit menschlichen Handelns befassen soll, immer wieder von anderer Seite und von anderen Ausgangspositionen angegangen wird. Der Verlust kapitelorientierter Systematik wird aber weitgehend wettgemacht durch den Vorteil, dass dieses Buch nicht nur strikter, konsequenter Lektüre zugänglich ist, sondern an jeder beliebigen Seite aufgeschlagen werden kann und dem Verständnis dennoch zugänglich bleibt.

Wir bestehen darauf: Es handelt sich hier nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sondern um das Ergebnis des mutwilligen Nachdenkens und Zusammentragens von Gedanken, wie sie sich bei jedem Menschen, sei es mit oder ohne äußere Anlässe, gelegentlich einstellen kann. Denn das menschliche Gehirn fängt mit der Geburt an zu denken (zu arbeiten) und hört erst mit dem Tode mit dieser Tätigkeit auf (vorausgesetzt, es findet nicht vorher eine Deformation des Denkapparates statt). Das kann man als gegeben hinnehmen und belassen, wie’s ist, oder man lässt die Pedanterie doch nicht ganz außen vor und beginnt irgendwann aufzuschreiben, was sich da in der geistigen Wahrnehmung tut. Ein bisschen Sorglosigkeit und Mutwillen gehört in der Tat dazu. Und ein bisschen bedenklich ist ein solcher Vorsatz obendrein. Sei’s drum!

Der Anfang ohne Hartz IV

Des Schweines Ende ist der Wurst Anfang. (Wilhelm Busch)

6 Wilhelm Busch (1832–1908), Karikaturist und auf seine Art ein deutscher Dichterfürst

Wie auch immer: Eines Tages sind wir in der Welt, haben keine Ahnung, wie wir hierhergekommen sind, wir haben es nicht einmal gewollt, gefragt worden sind wir jedenfalls nicht, stehen da „im Zwischenraume zwischen Welt und Spielzeug – an einer Stelle, die seit Anbeginn gegründet war für einen reinen Vorgang", wie Rainer Maria Rilke es in seiner Vierten Duineser Elegie beschreibt. Und stellen irgendwann fest, dass es mit dem reinen Vorgang nun auch wieder nicht weit her ist. Was machen wir hier eigentlich?

Nach neun Monaten bedingungslosen Asyls im Mutterleib kriegen wir gekündigt und müssen raus ins Leben und das mit weniger als Hartz IV. Wir können nichts, wissen nichts, wir haben nichts, und es ist uns auch nicht gegeben, wie Parsifal im Narrenkleid als reine Toren durchs Leben zu gehen, dafür wird rechtzeitig und vielfach gesorgt. Parsival wurde immerhin Gralskönig. Aber unsereiner? Wir müssen uns ganz banal abrackern hienieden.

So ganz unvorbereitet kommen wir übrigens doch nicht auf die Welt. Die Wissenschaft will herausgefunden haben⁷, dass wir bereits vor der Geburt, also in der Zeit im Mutterleib, eine gewisse Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen und Kontakte nach draußen aufnehmen, wenn sie uns denn von draußen angeboten werden: durch Handauflegen auf den Mutterleib zum Beispiel, durch Gespräche oder Musik, die man im Mutterleib mitbekommt. Aber bis wir das in irgendeinen vernünftigen und verstehbaren Zusammenhang stellen können, braucht es seine Zeit. Allerdings weiß ich (außer von Oskar Matzerath in Günter Grass’⁸ „Blechtrommel und von Kurt Tucholskys⁹ Zwillingen im Mutterleib: „Ich geh raus! „Du gehst nicht raus! Streikbrecher!") von niemandem, dass er sich an die Zeit im Mutterleib auch tatsächlich erinnern könnte.

7 Dokumentation ZDF „Wie wir werden, was wir sind" vom 13. März 2014

8 Günther Grass (*1928), deutscher Schriftsteller, Dichter und Nobelpreisträger

9 Kurt Tucholsky (1890–1935), deutscher Journalist und Schriftsteller

Allein die Tatsache, dass wir ab sofort, unmittelbar nach der Geburt, kaum dass wir in frische Tücher gewickelt worden sind, vor der Notwendigkeit stehen, uns in der Familie, in die wir hineingeboren sind, zurechtzufinden, macht uns klar, dass das nicht ganz leicht wird, was da auf uns zukommt. Kinder heute sind da etwas besser dran als Gleichaltrige vor siebzig, achtzig oder gar hundert Jahren, als sich über Kinderwiegen und Kinderwagen immer wieder und ohne jede Vorwarnung riesige Gesichter alter, nach Patschuli stinkender Tanten mit großen schwarzen Hüten beugten und in Entzückensrufe ausbrachen: „Eiteitei, eiteitei, isser nich süüüüß!" Als Neugeborener kann man doch noch gar nicht unterscheiden, ob das ein großer schwarzer Hut ist oder gar ein großer schwarzer Unheilsvogel, der einen, kaum dass man auf der Welt ist, schon wieder holen will, weiß Gott wohin! Damals hat so mancher einen Schock fürs Leben davongetragen. Heute könnte ein Kind einen solchen Schock zugegebenermaßen auch bekommen, wenn beispielsweise Nina Hagens¹⁰ Gesicht plötzlich über dem Kinderwagen erschiene (aber das kommt Gott sei Dank nur selten vor). Lüftlmalerei ist nämlich nicht jedermanns Sache.

10 Nina Hagen (*1955), gilt als „godmother" des deutschen Punks, Sängerin, Schauspielerin und Songschreiberin.

Uns später in die Gesellschaft einzugliedern und uns dort durchzusetzen, den Anforderungen gerecht zu werden, die der Staat an uns stellt, und uns einen Standort in unserem Volk und unserer Nation zu suchen und ihn zu behaupten, macht uns rasch klar, dass wir die Zeit auf Erden nicht mit reinem Zuckerschlecken werden verbringen können. Und dann entsteht im Laufe des Lebens zusätzlich noch ein Geflecht persönlicher Beziehungen, mit dir, mit anderen, mit Freunden und Feinden, mit interessanten Menschen und mit Langweilern. All diese Begegnungen, all diese Gegebenheiten treiben uns die Flausen, das Leben, als wäre jeden Tag Weihnachten, zu vertändelnden, rasch aus. Wenn nicht, sind wir zum Scheitern verurteilt, noch bevor wir überhaupt wissen, wozu wir da sind und was der Grund unseres Scheiterns ist. Da ist man schneller auf der Couch des Psychiaters als im wirklichen Leben.

Existenzialphilosophisch heißt das, wir sind in die Welt geworfen – das ist die Grunderfahrung, die wir mit so bedeutenden Menschen wie den Philosophen Friedrich Nietzsche¹¹, Martin Heidegger¹² und Jean Paul Sartre¹³ teilen dürfen. Da kann man nun liegen bleiben, wo man hingeworfen wurde, aber das ist weder sinnvoll noch kurzweilig, erst durch das Tun wird man Mensch, verwirklicht man sich selbst, denn irgendeinen Grund muss das doch haben, dass wir in der Welt sind, weil ja der Aufwand, mit dem der Mensch in die Welt gebracht wurde, weiß Gott gigantisch ist. Das Malheur: Wer was tut, macht sich die Hände dreckig und macht sich schuldig, auch wenn er es gar nicht will. Irgendwann findet sich der Mensch in der Situation des antiken Dramas, in einer Situation der Ausweglosigkeit (gr. Aporia), aus der man sich, wenn überhaupt, nur selbst befreien kann. Das kann man machen wie Sisyphus, dem die Götter, um ihn zu bestrafen, aufgetragen hatten, einen Fels den Berg hinaufzustemmen, aber kurz unterhalb des Gipfels glitt ihm der Fels stets aus den Händen und stürzte polternd wieder hinab ins Tal. Sisyphus nahm sein Schicksal auf sich und schleppte den Stein immer aufs Neue hinauf. Bei so sinnloser Tätigkeit ohne Hoffnung auf Erfolg kann man freilich verrückt werden, aber Sisyphus war ja kein Dummer: Dem Dilemma entkomme er nur, so überlegte er, wenn er der sinnlosen Tätigkeit durch eigenen Entschluss und eigenes Wollen einen Sinn gebe, indem er die Tätigkeit als solche akzeptiere und das Tun selbst als Sinngebung begreife. Auf diese Weise schlug er den hinterhältigen Göttern sogar ein Schnippchen, und eben das machte ihm auch noch ordentlich Spaß. „Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen, schließt Albert Camus¹⁴ seinen faszinierenden Essay „Der Mythos von Sisyphus. Ein bisschen Selbstbetrug ist sicher dabei. Aber andere Denker sind ja auch zu ähnlichen Überlegungen gekommen: Nietzsche gehörte zu ihnen („to do ist to be) oder Kant („to be ist to do) oder gar Frank Sinatra („do be do be do"). Auf diese Weise gelangt man rasch zum höheren Blödsinn. Aber auch um den kommt man nicht ganz herum, wenn man denn dem Leben einen Sinn zu geben trachtet und die Dinge so lange zu Ende denkt, dass man im Absurden landet. So und nicht anders ist der Surrealismus entstanden. Die Frage nach der Seriosität des Denkens darf immer gestellt werden, aber auch das Hinterfragen der Seriosität führt sogar gelegentlich zu Einsichten und nützlichen Erfahrungen. Man soll ja auch den Spaß am Leben nicht ganz außen vor lassen.

11 Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900), deutscher klassischer Philologe, der posthum als Philosoph zu Weltruhm kam. Er schuf diverse Dichtungen und auch musikalische Kompositionen.

12 Martin Heidegger (*26. September 1889 in Meßkirch; † 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Philosoph.

13 Jean-Paul Sartre (1905–1980) war französischer Romancier, Dramatiker, Philosoph und Publizist. Er gilt als Vordenker und Hauptvertreter des Existentialismus.

14 Albert Camus (1913–1960), französischer Philosoph, Schriftsteller und Nobelpreisträger

Der Mensch und die Menschheit

Die Menschheit ist durch die Endsilbe „-heit" als die Summe, als die Verabsolutierung des Einzelwesens Mensch definiert. Aber welche Schlüsse müsste man nach dieser Feststellung aus Begriffen wie Dummheit oder Weisheit ziehen?

Nein, diese Schlüsse ziehen wir jetzt nicht, wir haben andere Sorgen, weil wir gelesen haben, eine von der NASA in Auftrag gegebene und mitfinanzierte Studie habe ergeben, dass das Modell der Menschheit ausgedient habe. Der Untergang sei unvermeidlich, egal welche Strategien auch ergriffen würden. Der Grund liege in der Natur unserer Gesellschaft. Fünf Faktoren, so stellen der Mathematiker Safa Motesharrei und sein Team fest, seinen dafür verantwortlich; 1. Die Entwicklung des Bevölkerungswachstums. 2. Der Klimawandel. 3. Die Wasserversorgung. 4. Die Entwicklung der Landwirtschaft. 5. Der Energieverbrauch.

Ja, aber mit fortschreitender technologischer Entwicklung wird man dem Desaster doch entgegenwirken können! Nein, sagen die Forscher. Man werde zwar die Effizienz der Ressourcen-Nutzung steigern können, aber damit würde gleichzeitig die Nutzung gesteigert und der Verbrauch, womit die Einsparung der Ressourcen an anderer Stelle wieder kompensiert würde.

Damit werde der Zusammenbruch unserer Gesellschaft unvermeidlich, davon wiederum müsse man aber weiter kein Aufhebens machen, das sei ja nicht neu, dass Kulturen und Zivilisationen untergingen. Stimmt ja auch, um einige ist es sogar schade, man denke nur an das Reich der Pharaonen, an das antike Griechenland, an die Kultur der Majas. Dem Dritten Reich aber weint kein Mensch, so er bei Trost ist, eine Träne nach, aber das kann man auch nicht als Beispiel anführen, weil es sich dabei weder um eine Kultur noch um eine Zivilisation, sondern nur um den Abschaum der Menschheit gehandelt hat.

Einen Hoffnungsschimmer lassen die Forscher allerdings zu: Wenn der Mensch es schaffen würde, mit den Ressourcen sparsamer umzugehen, ließe sich der Untergang mit ein wenig Glück hinauszögern. Gewiss aber nicht der Untergang der Menschheit, sondern lediglich der einer Handvoll Menschen, die zu anderen Planeten aufbrechen könnten, wenn denn die Raumfahrt bis dahin so weit gediehen wäre, dass man tatsächlich irgendwo hinter der dritten Galaxie noch ein kleines warmes Plätzchen fände, das der Mensch anschließend verwüsten könnte.

Denn bei aller Kulturbegabung, die sich der Mensch während der Evolution erworben hat, hat er doch gleichzeitig immer auch die Fähigkeit zum selbst verschuldeten Untergang perfektioniert. Es wird der Zeitpunkt kommen, da man über den Menschen nicht mehr nachzudenken braucht, weil es ihn nicht mehr gibt. Das ist dann gleichzeitig auch der Zeitpunkt, da kein Mensch mehr da ist, der über ihn nachdenken könnte.

Für Sokrates galt das noch nicht. Für ihn waren die Beziehungen zu den Menschen die Grundlage seines Nachdenkens. Dabei unterschied er drei Arten, nämlich die Beziehung zum eigenen Ich, die Beziehung zu anderen Menschen und die Beziehung zur Menschheit: Es war dies die Unterscheidung zwischen Philosophie, Erotik und Politik. Immer stand der Mensch im Mittelpunkt. Bei der Philosophie also ist das Ich der Ausgangspunkt aller Überlegungen, zur Erotik immerhin brauche ich mindestens noch eine Person, und was die Politik betrifft, glaubt die ganze Welt, Anspruch auf mich zu haben oder mir sagen zu müssen, was zu tun sei und was insbesondere ich zu tun hätte. Der Politik kann sich in einer völlig durchorganisierten und übervölkerten Welt ohnehin kein Mensch mehr entziehen. Wenn einer im Nahen Osten an der Stellschraube der Weltpolitik dreht, fallen in unserer total vernetzten Welt am Ende in Sidney die Teller aus den Regalen.

Was ist das nur für ein Moloch, die Politik! Offiziell heißt es, die Politik sei die Lehre vom Staat. Thomas Mann zitiert einen nicht weiter benannten Gelehrten, der „mit letzter Genauigkeit behauptet habe: „Politik ist ein praktisches Verhalten einschließlich der aus ihm abgeleiteten Regeln, das sich, sei es von Seiten der Regierung oder bestimmter Volksgruppen oder auch Einzelner, die Aufrechterhaltung oder die Umgestaltung des bestehenden Staates zum Ziele setzt. Thomas Mann machte sich über so viel „Genauigkeit offenbar ein wenig lustig, aber wenn man genau liest, lässt sich mit dieser Definition sogar die Annektierung der Krim durch Russland und seinen Präsidenten Putin nicht nur rechtfertigen, sondern sogar begründen. Und unsereiner steht da und fragt sich: „Was hab’ ich damit zu schaffen? Wir sind nun mal in die Welt geworfen und sind Teil von ihr – ja geben wir’s doch zu: Wir sind Teil des Kosmos. Bescheiden, wie wir sind, machen wir von dieser Tatsache im Allgemeinen weiter kein Aufhebens.

Darf ich mir überhaupt anmaßen, die Würdigung einer so tiefgründigen Frage – der tiefstgründigen überhaupt – wie der nach dem Ich und seiner Stellung im Kosmos – um nichts Geringeres handelt es sich hier nämlich, zumindest in Teilen, letzten Endes – in Angriff zu nehmen? Ich erlaube es mir, weil ich nicht beabsichtige, mit dem hehren Instrumentarium von Philosophie und Geisteswissenschaften an die Fragen, die sich dem ganz normalen Menschen in seinem Leben möglicherweise irgendwann, plötzlich und unerwartet, stellen, heranzugehen. Auch die Naturwissenschaften will ich nicht bemühen, nur zitatweise und als Nachweis, dass ich mich nicht leichtfertig und ohne jeden Rückhalt auf den Weg gemacht habe. Ich verlasse mich ganz auf meine Erfahrungen mit mir selbst, mit dem Du, mit den Leuten, der Gesellschaft, dem Staat, dem Volk, der Nation und überhaupt mit allem und jedem. Und ich hoffe, dass meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema nicht allzu irrelevant sind – für mich selbst sind sie es jedenfalls nicht. Und deshalb habe ich mir vorgenommen, von den offensichtlichen Realitäten auszugehen, an ihnen festzuhalten und das Selbstvertrauen durch die helfende Vernunft als dem Licht und der Wärme meines Lebens neu zu beleben.

Ich bin allerdings sicher, da findet sich alsbald einer ein, der die Ansicht vertritt, das alles sei zwar schön und gut, aber letztlich weder ausreichend noch legitim, sich etwas so umfassendem wie dem menschlichen Sein auch nur ansatzweise zu nähern. Der Mann hat recht, und das soll er auch behalten. Aber ich halte es mit Rilke: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Auch im Scheitern liegt ein tiefer Sinn, meint Sisyphus. Und Henry Ford macht uns Mut: „Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern. Mehr noch: Schließlich bauen wir vor allem aus den Trümmern unseres Scheiterns unseren Charakter. Und es gilt auch: „Scheitern ist ein Umweg, keine Sackgasse." Dies meint wenigstens der kluge amerikanische Motivationslehrer Zig Ziglar.¹⁵ Und noch eins obendrauf: Was gelingen soll, muss auch scheitern dürfen. Halten wir uns einfach mal an Goethes Mephisto: „Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstande. Goethe ist gewiss nicht das schlechteste Vorbild, auf das man sich berufen kann: „Wie Sonnenaufgang ward mir ein Vorsatz.¹⁶ Also vorwärts!

15 Zig Ziglar, (1926–2012), starb an Lungenentzündung.

16 In: Johann Wolfgang von Goethe, (1749–1832), Autodidakt: Der west-östliche Diwan.

Zugegeben, ein bisschen Größenwahn ist schon am Werk: Wie kann sich einer daran machen wollen, den Kosmos zu begreifen, wo es doch schon schwer genug ist, sich am Feierabend während der Rushhour in der Frankfurter Innenstadt zurechtzufinden? Dort ist einem möglicherweise ein Navi hilfreich zur Hand. (Aber das ist ja gewissermaßen die Vorstufe von betreutem Wohnen.)

Wenn man es sich denn in einem Anflug von Größenwahn vorgenommen hat, der Frage nachzugehen, wie das ist mit dem Ich, mit dem Du und so weiter – wie fängt man an? Ein Tausendfüßler wurde einmal gefragt, mit welchem Fuß er eigentlich zu laufen beginne. Das arme Tier konnte von Stund’ an keinen Fuß mehr vor den anderen setzen – welchen denn auch. In der Tat: Zu viele Bedenken hemmen nur. Also bekennen wir gleich eingangs: Dieses Buch ist subjektiv bis zum Rande des Erträglichen, es

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