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Matriarchat in Südchina: Eine Forschungsreise zu den Mosuo
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eBook367 Seiten4 Stunden

Matriarchat in Südchina: Eine Forschungsreise zu den Mosuo

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Über dieses E-Book

Das riesige Territorium, das heute "China" heißt, hat eine lange Geschichte der matriarchalen Gesellschaftsform.
Im äußersten Südwesten erstreckt sich die Provinz Yünnan, durchzogen von den parallelen Oberläufen des Salwen, des Mekong und des Jang tse kiang. Diesen Flüssen entlang fand die Südwanderung matriarchaler Bergvölker in der Vergangenheit statt. Sie setzt sich bis in die Gegenwart fort. Heute umfassen diese Völker noch ungefähr 800 Stämme mit zusammen 15 Millionen Menschen, darunter auch die Mosuo. Registriert und als "Nationale Minderheit" von der Zentralregierung in Peking anerkannt sind davon nur wenige.
In jüngster Zeit wird diesen nicht-chinesischen Völkern nach den feindlichen Exzessen der sog. "Kulturrevolution" mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit und staatliche Fürsorge geschenkt. Wie sich ihre Situation heute darstellt, zeigt exemplarisch dieser Bericht einer Forschungsreise zu den Mosuo.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum9. Dez. 1998
ISBN9783170315822
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    Buchvorschau

    Matriarchat in Südchina - Heide Göttner-Abendroth

    Peking

    Danksagung

    Zum Gelingen dieser Forschungsreise der HAGIA-Akademie 1993 nach Südchina zu den Mosuo haben viele beigetragen, ihnen sei ausdrücklich gedankt:

    in erster Linie Iris Bubenik-Bauer, die mit ihrer genauen Kenntnis des alten und heutigen China sowie ihren politischen und persönlichen Kontakten diese Reise in die Wege leitete. Ihre fundierte Erfahrung mit Interviews von Angehörigen fremder Völker, die sie während ethnologischer Forschungsreisen nach China, Tibet und in andere Länder in zwei Jahrzehnten gesammelt hat, ermöglichte den Sprach- und Kulturtransfer, der letztlich das Gelingen der Reise bedeutet hat

    dem „Allchinesischen Frauenverband", insbesondere seiner Vizepräsidentin für Internationale Angelegenheiten und Leiterin der Europa-Abteilung, Frau Zhang Quingfang, und auch Herrn Prof. Huang Huikun, Direktor des Institutes für Nationalitätenforschung, Kun ming. Deren Einsatz verdanken wir die Genehmigung und hervorragende Organisation dieser Reise, sie machten sie für uns überhaupt möglich

    ferner unserer Begleiterin und Dolmetscherin Frau Duan Guohui für ihre Organisation vor Ort sowie allen anderen Mitarbeitenden im chinesischen Begleit-Team

    dem indigenen Mosuo, Herrn La mu Ga tusa, Sozialwissenschaftler, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Shancha" der Yunnan Academy of Social Sciences

    der Reiseteilnehmerin Nahema (E. Kwiatkowski, Künstlerin und Dipl. Psychologin) für ihre einfühlsame Übersetzungshilfe auf der Reise.

    Ferner sei ausdrücklich festgestellt, daß die in dieses Buch aufgenommenen Interviews unter Beteiligung von Iris Bubenik-Bauer sowie allen Reiseteilnehmerinnen entstanden.

    Für die Mithilfe, daß dieses Buch als Dokumentation der Forschungsreise entstehen konnte, sei insbesondere gedankt:

    in erster Linie Margret Reuter, die mich energisch zur Niederschrift drängte und mir dabei technisch half; sie hat ebenfalls sämtliche hier veröffentlichten Interviews von Tonbändern transkribiert.

    wesentlich trug Karin Kastner zum Entstehen des Fototeiles bei, denn sie hat zahllose Bilder von sich und anderen Teilnehmerinnen der Reise gesammelt, gesichtet und systematisch geordnet; der größte Teil der Bilder in diesem Buch stammt von ihr, der kleinere Teil von Rosemarie Ziegler.

    Einleitung

    Vorbemerkung zur Methode

    Mit diesem Buch möchte ich meine theoretischen, interkulturell vergleichenden ethnologischen Arbeiten zur Gesellschaftsform des Matriarchats („Das Matriarchat II,1 und „Das Matriarchat II,2, Kohlhammer-Verlag) ergänzen durch eine Monographie, die einer einzigen Ethnie gewidmet ist: den Mosuo in Südchina. Nach längeren vorausgehenden Studien führte ich, zusammen mit Iris Bubenik-Bauer, eine Forschungsreise im März/April 1993 zu den Mosuo durch. Dieses Buch ist eine Dokumentation der Forschungsreise und zugleich eine am praktischen Beispiel gewonnene Darstellung der matriarchalen Strukturen, die heute noch in der Mosuo-Gesellschaft vorhanden sind. Durch besonders günstige Umstände waren diese auf der Reise trotz der Kürze des Aufenthaltes Schritt für Schritt zu erkennen.

    Ich maße mir dabei nicht an, dasselbe in dieser Monographie leisten zu können wie etwa eine Ethnologin, die sich in jahrelanger Feldforschung bei einer Ethnie aufhält und danach ihre Ergebnisse in einer umfassenden Darstellung niederlegt. In der knappen Zeit dieser Forschungsreise war das unmöglich, und es ist auch nicht das Ziel dieser Arbeit. Die Aufgabe, die ich mir mit dieser Reise gestellt habe, ist begrenzter: Es ging darum, die Gültigkeit der Kriterien der matriarchalen Gesellschaftsform, die ich in meinen oben genannten Büchern grundsätzlich entwickelt habe, am konkreten Beispiel einer lebendigen Gesellschaft zu überprüfen. Deshalb war die Begegnung mit den Mosuo – neben den anderen aufregenden Ereignissen – wesentlich ein geistiges Abenteuer. Denn würde sich das, was ich in drei Jahrzehnten theoretischer Forschungsarbeit zur matriarchalen Gesellschaftsform herausgefunden hatte, bestätigen lassen?

    Zu meiner großen Freude gelang dies vollständig. In dem behutsamen Gesprächsprozeß mit den Mosuo konnte ich die Kriterien des Matriarchats, die ich im theoretischen Vegleich mehrerer Ethnien vorher herausgefunden hatte, sämtlich in ihren Selbstzeugnissen wiederfinden (vgl. die Interviews). Umgekehrt war es das Hintergrundwissen über das Matriarchat, das ich mitbrachte, was es ermöglichte, „im Lichte der Theorie" diese typischen Kriterien durch die wohlüberlegte Anordnung der Interviews so schnell und vollständig herauszufinden. Es ließ sich binnen kurzem erkennen, was vorher in diesem Zusammenhang noch nicht so gesehen worden war.

    Nun arbeiten Ethnologen und Ethnologinnen vor Ort stets mit Theorien im Hintergrund, um Erkenntnisse zu gewinnen und zu systematisieren, wobei es keine Rolle spielt, ob dies mehr oder weniger ausdrücklich geschieht.

    Das Problem ist dabei nur, ob die mitgebrachte Theorie zum untersuchten sozialen Zusammenhang paßt. Das wird besonders dann fatal, wenn unbewußte Begriffe und Muster (Vorurteile) oder explizite Theorien (z.B. die psychoanalytische oder die strukturalistische), die an patriarchalen Gesellschaften wie der unsrigen gewonnen wurden, auf matriarchale übertragen werden. Dies geschieht unter der klassisch patriarchalen Prämisse, daß es andere als patriarchale Gesellschaften nicht gibt! Die Folge sind logische Brüche in der Argumentation und interpretative Verzerrungen der empirischen Befunde – Probleme, mit denen ich während meiner über zehnjährigen Studien der ethnologischen Literatur zum Thema konfrontiert war (vgl. die Analyse in „Das Matriarchat I", 1988). Hier, das erlaube ich mir zu sagen, nützen lange Feldforschungen und umfassende Monograhien wenig, wenn der theoretische Rahmen nicht stimmt.

    Um es noch einmal zu betonen: Es kam mir während des Aufenthalts bei den Mosuo nicht darauf an, die Vollständigkeit einer konkreten Gesellschaft zu erfassen – das ist in der Tat so schnell nicht möglich – sondern darauf, die Vollständigkeit der Kriterien des Matriarchats bei einer lebenden Gesellschaft zu erfassen. Das ist möglich gewesen und hat sich erfüllt, wie dieses dokumentatorische Buch zeigt. Die Umstände waren dafür allerdings besonders günstig: Nicht nur mein Hintergrundwissen über die Gesellschaftsordnung des Matriarchats trug dazu bei, sondern ebenso die von chinesischen Fachethnolog/innen vorbereitete, ausgezeichnete Organisation der Reise, wobei insbesondere der „Allchinesische Frauenverband" zu nennen ist. Wir hatten die Möglichkeit, mit Fachleuten in den Ethnologischen Instituten zu sprechen, und der indigene Mosuo-Ethnologe La mu half uns, vor Ort den Bezug zu den Menschen seiner Heimat zu finden.

    Als dritter Faktor unseres Erfolges ist die wissenschaftliche Ausnahmesituation zu nennen, daß nämlich eine reine Frauengruppe, begleitet von Fachfrauen, die Frauen einer matriarchalen Gesellschaft besuchte und mit ihnen im Gespräch war. In einer solchen Gesellschaft, in der die Frauen zentral sind und obendrein ein klares Bewußtsein davon haben, daß die Menschheit aus Zwei besteht, nämlich Frauen und Männern, was sich in der sozialen Ordnung spiegelt – sehr im Gegensatz zu unserem patriarchalen, gemischt-individuellen Chaos –, fällt dieses Arrangement erheblich ins Gewicht. Reine Männer-Teams von Ethnologen vor uns aus Amerika, Japan und von den Han-Chinesen waren mit diesem Problem der andersartigen Struktur einer matriarchalen Gesellschaft konfrontiert. Das wirkte sich z.B. aus, als sie die Mosuo-Frauen über Frauenangelegenheiten befragen wollten – die Türen verschlossen sich. Uns standen sie hingegen offen, besonders, als die Frauen und auch die Männer der Mosuo bemerkten, daß wir ihre Gesellschaftsordnung nicht abwerten, sondern achten und schätzen. Ihre Gastfreundschaft, Gesprächsbereitschaft und spontane Herzlichkeit waren bemerkenswert und haben es wesentlich ermöglicht, daß wir innerhalb so kurzer Zeit so viel erfahren konnten. Im Fall einer matriarchalen Gesellschaft ist deshalb ein Team von frauenbewußten Forscherinnen eine methodische Grundvoraussetzung, um zu adäquaten Ergebnissen zu kommen. Dies darf kein schöner Zufall bleiben, sondern muß, als Kategorie der Analyse, bei künftigen ethnologischen Forschungen vor Ort entscheidend berücksichtigt werden.

    Mit diesen Vorbemerkungen hoffe ich deutlich gemacht zu haben, was das Anliegen dieses Buches ist und was es nicht ist. Es kann keine langdauernde ethnographische Forschung im gesamten Gebiet ersetzen. Aber es kann Ethnolog/innen bei ihrer weiteren Arbeit zu dieser und anderen matriarchalen Gesellschaften wegen des vollständigen Kriterienkatalogs als heuristische Grundlage dienen. Gleichermaßen wendet es sich durch den Verzicht auf eine akademisch verklausulierte Sprache an ein breites Publikum von Frauen und Männern, die der Entwicklung des Themas „Matriarchat" schon länger oder neuerdings ihre Aufmerksamkeit entgegenbringen.

    Bedingungen der Reise

    Diese Reise der HAGIA-Akademie ereignete sich unter außergewöhnlichen Umständen. Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen, obwohl die Organisation nicht durch uns von Deutschland aus gemacht wurde. Sie war bei den chinesischen Behörden als wissenschaftliche Forschungsreise, der Sozialstruktur des Matriarchats gewidmet, beantragt worden. Und wir erbaten für sie eine Sondergenehmigung, da sie uns in für ausländische Touristen geschlossenes Gebiet führen sollte.

    Dieses Gebiet, die Heimat der Mosuo um den Lugu-See und Yong ning, liegt auf der Grenze von Yünnan und Szetschuan, nicht weit von Tibet entfernt. Die gesamte Region dort wird von nicht-chinesischen Stämmen bewohnt, zu deren Geschichte es gehört, von mächtigen, erobernden Völkern wie den Mongolen und Tibetern in ihrem bergigen, abgelegenen Rückzugsgebiet bedrängt worden zu sein. Doch insbesondere das han-chinesische patriarchale Reich, das sich in seiner mehrtausendjährigen Geschichte zu riesigen Dimensionen ausgedehnt hat, zwang diese Völker immer wieder zum Ausweichen und zum Widerstand, wenn sie als eigenständige Ethnie und Kultur überleben wollten. Diese Situation ist auch heute nicht zu Ende, wo sie in das gigantische Territorium der „Volksrepublik China eingegliedert sind und wiederum fremden Normen unterworfen werden. Den Gipfel der erzwungenen Anpassung stellte die sogenannte Kulturrevolution (1966–1976) des kommunistischen Regimes nach Mao tse tung dar. Im Kampf gegen alle Traditionen wurde auch den nicht-chinesischen Völkern ihre angestammte Lebensweise verboten. Die damit verbundenen Ausschreitungen waren katastrophal: Zwangsehen, Verbot ihrer Religion, Zerstörung ihrer Heiligtümer – sogar die traditionellen Trachten wurden den Menschen vom Leib gerissen. Dieser politische Vandalismus hat heute einer gemäßigten Haltung Platz gemacht. Die nicht-chinesischen Völker Chinas dürfen heute wieder ihre Kultur pflegen und ihre traditionelle Religion ausüben. In einem Akt staatlicher Wiedergutmachung wird auch ein Teil der Heiligtümer, so weit dies möglich ist, wiederaufgebaut. Der Druck der Anpassung ist dennoch nicht verschwunden, sondern nur milder geworden. Denn propagandistisch müssen sich diese Völker immer wieder anhören, daß sie „rückständig sind und sich im Sinne der heutigen, nach Industrialisierung des ganzen Landes strebenden, kommunistischen Regierung weiterentwickeln sollen. Das führt zu Druck auf die Jugend in den staatlichen Schulen, aber auch zu Druck auf die Umwelt dieser alteingesessenen Völker, die rücksichtslos für diese neue Industrialisierung ausgebeutet wird. Die Wälder werden abgeholzt, was katastrophale Erosion zur Folge hat, und in der Zukunft droht der Bau von Bergwerken und anderen Industrieanlagen. Diese generelle Situation gilt für alle vom chinesischen Staat vereinnahmten nicht-chinesischen Völker, nur in unterschiedlicher Schärfe.

    Daher ist es kein Wunder, wenn ihr Widerstand ständig präsent ist, als passive Verweigerung, als Versuch, sich politisch Gehör zu verschaffen, gelegentlich auch als bewaffneter Aufstand. Das chinesische Militär ist in diesen Gebieten dementsprechend dicht vertreten, kasernenartige Funktionärsunterkünfte, mit vergitterten Fenstern und von Mauern umzogen, sind überall. Als Folge davon: für Ausländer geschlossenes Gebiet! Allerdings wird sich das im Zuge der geplanten touristischen Vermarktung, die Straßen, Flugplätze und Hotels bescheren, bald ändern. Es ist jedoch eine große Frage, ob die neue Öffnung jenen sowieso an den Rand gedrängten Volksgruppen irgend etwas Gutes bringen wird. Ihre traditionelle Kultur wird dabei zu malerischer Folklore herabgewürdigt; außerdem sind nicht sie diejenigen, die von dem neuen Touristenstrom, in erster Linie han-chinesischer Prägung, profitieren werden, sondern das staatliche Tourismus-Management.

    Wir beharrten jedoch darauf, ohne Flugplätze und Hotels und ohne gefahrlos zu nutzende Straße – durch die Gebirge um den Lugu-See führt nur eine halsbrecherisch in die Steilhänge geschnittene Sandpiste, die ebenso halsbrecherisch befahren wurde – in die Heimat der Mosuo zu reisen. Unser Antrag wanderte die Hierarchie der Behörden aufwärts und abwärts und wieder aufwärts, und die Zeit verging, ohne daß wir etwas hörten. Es gibt keinerlei Regel, nach der eine solche Reise genehmigt wird, also war auch keinerlei Prognose möglich. Es geschah dann wie immer: Genau in jenem Augenblick, als wir aufgeben und den an der Reise interessierten Frauen eine Absage schicken wollten, erreichte uns die Erlaubnis, diese Reise durchführen zu dürfen. Die Hand im Spiel hatte dabei eine hohe Funktionärin des „Allchinesischen Frauenverbandes", Frau Zhang Qingfang, die oberste Dame für dessen internationale Angelegenheiten. Sie kennt Iris persönlich und ist ihr offensichtlich sehr gewogen. Sie setzte sich für die Genehmigung dieser Reise ein und organisierte den gesamten Ablauf nach allen unseren Wünschen im voraus.

    So wurde aus dieser Reise das, was uns überhaupt erst ethnologische Forschung vor Ort ermöglichte, nämlich eine Staatsreise. Wir waren nun als reine Frauengruppe offiziell Gäste der „Volksrepublik China und wurden von Funktionärinnen des „Allchinesischen Frauenverbandes hervorragend begleitet, angefangen von der höchsten Spitze seiner Hierarchie in Peking bis in die untersten Verästelungen in den abgelegenen Provinzen. Mit der höchsten Spitze durften wir Bekanntschaft machen, als uns mit einer Einladung am Abend unserer Ankunft die Präsidentin des „Allchinesischen Frauenverbandes beim Dinner persönlich empfing. Ebenso war die Vize-Regierungschefin der Provinz Yünnan anwesend, was eine große Ehre für uns bedeutete, sowie Iris’ besondere Gönnerin, die Präsidentin für internationale Angelegenheiten des Frauenverbandes. Wir wurden köstlich bewirtet – mit „Peking-Ente, was sonst? – und tauschten Freundschaftsreden, Informationen über uns und viel Lächeln aus. Auf der ganzen Reise setzte es sich ähnlich fort, denn in jeder Provinz- und Distrikt-Hauptstadt, durch die wir kamen, empfingen uns die dortigen Provinzfunktionärinnen mit großer Liebenswürdigkeit, langen Höflichkeitsreden und zahlreichen Leckereien. Es waren jeweils Frauen aus den dort lebenden, verschiedenen Volksgruppen, allerdings in Funktionärs-Uniform. Auch das lokale Fernsehen war einmal anwesend, um über das Ereignis unserer ungewohnten Anwesenheit zu berichten. Bis ins letzte Mosuo-Dorf reichte der „Allchinesische Frauenverband", und das war gut so, denn die junge Funktionärin, die am Ort unseres Interesses für uns organisiert hatte und uns stets begleitete, war eine Mosuo-Frau. Auch sie konnte deshalb für uns Türen öffnen.

    Was für unsere han-chinesischen Gastgeber/innen das Ungewohnte an unserer Anwesenheit war, spürten wir bald. Es war nicht nur die Tatsache, daß wir eine reine Frauengruppe waren, sondern auch unser Reiseziel. Besonders den Staatsdamen in Peking war ein dezentes Verwundern darüber anzumerken, daß sich hier zwölf Frauenforscherinnen aus Europa auf eine so weite Reise begeben hatten, um in dem an Kunstschätzen und Kulturzeugnissen überaus reichen China ausschließlich eine der „rückständigsten" Volksgruppen besuchen zu wollen. Keine Große Mauer lockte uns, kein Denkmal der jüngsten, heroischen Geschichte Chinas, keine künstlerische Darbietung auf der Bühne – nein, sondern nur dieses kleines Bergvolk von Bäuerinnen und Pferdehändlern. Es muß ihnen ebenso ergangen sein, wie wir uns wundern würden, wenn eine wissenschaftliche Delegation aus China nach Europa reisen würde, um von der europäischen Kultur nichts erkunden zu wollen außer zum Beispiel eine kleine Gruppe von Älplern in einem abgeschlossenen Hochtal. Denn in welchem Zusammenhang uns die Erforschung des noch lebendigen Matriarchats der Mosuo so wichtig ist, konnten wir den hohen Damen nicht auf einmal erklären.

    Das Weitergereichtwerden über die diversen Stufen des „Allchinesischen Frauenverbandes" bis in die hinterste Provinz war für unser Anliegen ein großes Glück. Wir kamen auf diese Weise in den Genuß einer ausgezeichneten Organisation bis ins Kleinste, die es uns überhaupt ermöglichte, in derart kurzer Zeit derart viel zu erfahren. Denn unsere Organisatorinnen in China halfen uns, die Hürden der Sprachen und der Fremdheit zu überwinden – was bei ethnologischen Studien normalerweise sehr viel Zeit kostet. Sprachlich ging die Vermittlung über vier Ecken: vom Deutschen ins Englische, vom Englischen ins Han-Chinesische, vom Han-Chinesischen in die Sprache des jeweiligen Bergvolkes, mit dem wir sprachen, zuerst in Naxi, dann in Mosuo. Dies galt bei den Interviews für jede Frage und jede Antwort, einschließlich der Höflichkeitsformeln und Sitten, die nicht verletzt werden durften. Deswegen ging es bei einem Interview sogar um fünf Ekken: La mu, der Ethnologe, der uns begleitete und vom Han-Chinesischen ins Mosuo übertrug, bat einmal die junge, einheimische Funktionärin, noch nach ihm die Vermittlung zu übernehmen und das Wort an die anwesenden Mosuo-Familienchefinnen zu richten. Denn es gehöre sich nicht für einen jungen Mann, die ehrwürdigen, alten Damen bei frauenspezifischen Themen anzusprechen!

    Unter diesen Umständen – zu denen noch der Zeitdruck wegen eines permanent übervollen Programms kam, ein Pensum nach chinesischem Stil – ist es eigentlich erstaunlich, daß zwischen den Mosuo-Frauen und uns dennoch ein sehr guter Kontakt zustande kam. Trotz aller Hürden der Vermittlung bildete sich oft ein echter Dialog, in dem sich nur das Lachen verzögerte, je nachdem, wo der Sinn des Gesagten gerade ankam. Die Fremdheit schwand rasch dahin. Zwei Frauengruppen aus zwei verschiedenen Kontinenten und zwei verschiedenen Gesellschaftsordnungen sprachen gelegentlich so unmittelbar miteinander, als gäbe es keine überbrückende Vermittlung zwischen ihnen, diese schien vergessen. Das war einzigartig. Denn auch für die Mosuo-Frauen – bombardiert mit inländischen und ausländischen Männer-Ethnologen-Teams, die sie über Persönlichstes ausfragen wollen – war das Ungewohnte an unserer Reisegruppe, daß sie ausschließlich aus Frauen bestand und daß wir sie in ihrer matriarchalen Kultur und Bewußtheit intensiv bestätigten, und zwar gegen die herrschende „Rückständigkeits"-Ideologie. Das überraschte und erfreute sie, es öffnete uns außer den Türen auch ihre Herzen, und wir durften uns ihrer Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit erfreuen. So gebührt unser größter Dank den Mosuo-Frauen selber, und die Mosuo-Männer, mit denen wir ebenfalls sprachen, sind darin eingeschlossen.

    Definition von „Matriarchat"

    Eine kurze Definition dessen, was „Matriarchat" heißt, sei hier gegeben. Sie möge an dieser Stelle genügen. Eine nähere Erhellung dessen, was ein Matriarchat ist – sogar heute noch in der Bedrängnis durch einen übermächtigen, patriarchalen Staat – wird unser Beispiel, dem das Buch gewidmet ist, zeigen.

    Matriarchale Gesellschaften sind solche, die, historisch gesehen, von Frauen bestimmend geschaffen und geprägt worden sind. Frauen haben in allen Bereichen, dem sozialen, dem ökonomischen, dem religiös-rituellen, die zentralen Funktionen inne, ohne daß sie herrschten. Denn die Politik matriarchaler Gesellschaften ist gekennzeichnet von Egalität und perfekter Wechselseitigkeit der Menschen untereinander. Dies bezieht sich ebenso auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie zwischen den Generationen. Wer also unter dem Stichwort „Matriarchat" Frauenherrschaft finden will, wird sie vergeblich suchen.

    Auf der sozialen Ebene sind Matriarchate Verwandtschaftsgesellschaften, denn sie werden getragen von in weiblicher Linie verwandten Clans („Matrilinearität). Hinzu tritt „Matrilokalität, was besagt, daß alle Töchter, Söhne und Enkel/innen einer Clanmutter im Mutterhause wohnen bleiben. Sämtliche Würden, Titel und professionellen Fähigkeiten werden in weiblicher Linie vererbt. Vaterschaft ist unbekannt, dafür hat der Mutterbruder die Rolle des „sozialen Vaters" inne. Es gibt keine Trennung von Verwandtschaftsgruppen und Institutionen, denn letztere werden ausschließlich über die Verwandtschaftslinien begründet und besetzt. Ohne die Verwandtschaft in weiblicher Linie ist ein Mensch, ob Frau oder Mann, in einer solchen Gesellschaft ein Niemand.

    Nun würden Matrilinearität und Matrilokalität, obwohl sie notwendige Bedingungen sind, allein nicht ausreichen, um ein „Matriarchat" zu konstituieren. Obwohl die Frauen hier bereits eine hervorgehobene Stellung haben, handelt es sich vorerst nur um matrilineare Gesellschaften. Es muß ein weiteres hinzutreten, nämlich die Kontrolle über die wesentlichen Teile der Ökonomie durch die Frauen, dann haben wir volles „Matriarchat. Die Verfügung über die Ökonomie gibt den Frauen erst die matriarchale „Macht im Sinne von großer Stärke in den fundamentalen Angelegenheiten des Lebens. „Macht im Sinne von „Herrschaft ist hier nicht gemeint, da Herrschaft eine andere Struktur aufweist, als Matriarchate sie haben. (Viele Ethnologen werfen den ersten und den zweiten Gesellschaftstyp in einen Topf, aus ideologisch durchsichtigen Gründen, und reden allgemein von „bloß" matrilinearen Gesellschaften. Das ist definitorisch undifferenziert und sachlich nicht richtig.)

    Diese ökonomische Macht kann sehr verschiedene Formen haben: Manchmal verfügen die Frauen über die Clanhäuser und das Clanland bzw. die Produkte des Clanlandes (matriarchale Ackerbaugesellschaft), manchmal verfügen sie über die Herden (matriarchale Viehzuchtgesellschaft), manchmal kontrollieren ausschließlich sie den Markt (matriarchale Stadtgesellschaft). Charakteristisch an allen diesen Formen ist jedoch, daß sie auf der ökonomischen Ebene Ausgleichsgesellschaften sind. Denn die Frauen benutzen ihre starke Stellung nicht zur privaten Bereicherung, sondern sie bewirken durch eine ausgeklügelte Zirkulation der Güter einen fortwährenden ökonomischen Ausgleich zwischen allen Gruppen der Gesellschaft. Es gibt daher keine großen materiellen Unterschiede in diesen Gesellschaften, sondern durch die bewußt gehandgabten Ausgleichsmechanismen einen allgemeinen Wohlstand auf gleichem Niveau.¹

    Politisch sind Matriarchate Konsensgesellschaften, da es keine Personen oder Personengruppen gibt, die alleiniges Entscheidungsrecht und Befehlsgewalt haben. Entscheidungen werden in den Clans nach dem Konsensprinzip, das heißt: der Zustimmung aller, gefunden und von dieser gesellschaftlichen Grundeinheit auf die größeren Einheiten wie Dorf, Stadt oder Stamm übertragen. Das politische Regelgefüge ist dabei außerordentlich komplex, aber es ist durch die Einwilligung aller gerade in schwierigen Situationen wie Widerstand sehr wirksam. Die Konsensgesellschaft hat sich als das langlebigste politische Gefüge in der menschlichen Kulturgeschichte herausgestellt (seit der Altsteinzeit), sie ist weder Urkommunismus noch „Demokratie", sondern etwas Besseres. In einzelnen Fällen existiert sie noch heute.

    Auf der religiös-rituellen Ebene sind Matriarchate sakrale Gesellschaften, das heißt, sie kennen nicht die spätere Trennung der Bereiche des Profanen und des Heiligen. Das ganze Universum samt allen Lebenskräften darin wird als weiblich betrachtet, als schöpferisch-mütterliches Prinzip, und ist ihnen heilig. Das wird bei zahlreichen Festen in einer rituellen Symbolsprache ausgedrückt. Als Folge davon gilt auch die irdische Natur, die den Menschen umfaßt, als göttlich, und das schließt ihre Ausbeutung und Zerstörung grundsätzlich aus. Mit einem modernen Wort umschrieben sind Matriarchate daher die im eigentlichen Sinne „ökologischen" Gesellschaften, und sie brauchen nicht darüber zu reden, weil sie entsprechend handeln. Diese Einstellung hat erheblich zu ihrer Langlebigkeit in klimatisch oft schwierigen Rückzugsgebieten beigetragen.

    Die Diskussion zum Thema „Matriarchat seit J.J. Bachofen bis heute ist von mir in „Das Matriarchat I. Geschichte seiner Erforschung dargestellt worden. Eine umfassende Definition von „Matriarchat gebe ich in den Bänden „Das Matriarchat II,1. Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien und „Das Matriarchat II,2. Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika".² Diese Definition steht dort nicht abstrakt vorangestellt, sondern wird aus der vergleichenden Untersuchung konkreter, noch lebender Gesellschaften gewonnen. Sie gibt alle notwendigen und hinreichenden Bedingungen an, nach denen die Struktur matriarchaler Gesellschaften erkannt werden kann.

    Allgemeines zum Matriarchat in China

    Das riesige territoriale Gebiet, das heute „China" heißt, hat eine lange Geschichte der matriarchalen Gesellschaftsform, auch wenn die derzeitige offizielle Geschichtsschreibung dies nicht darstellt. Doch bekanntlich ist das nicht nur in China so! In der Jungsteinzeit und Bronzezeit waren weite Gebiete des heutigen China von matriarchalen Siedlungen bedeckt. Tibet, das lange Zeit noch matriarchale Traditionen bewahrte, reichte einst als kultureller Raum von den Grenzen Indiens bis zur chinesischen Mauer, die das Bergland vom Tiefland abgrenzt. Die drei westlichsten Provinzen Chinas umfassen gewaltige Gebirgsketten mit tiefeingeschnittenen Stromtälern, rauhe, unwegsame Gebiete, wie sie auch für Tibet typisch sind. So schließt Kansu im Nordwesten einen Teil des Kuën lun-Gebirges mit dem Oberlauf des Hoang ho ein. Südlich von Kansu liegt in den westlichen Gebirgen um den Oberlauf des Yang tse kiang Szetschuan mit Resten der ältesten Bevölkerungsschicht, den Wa, die mit den matriarchalen Khasi in Assam engstens verwandt sind und einst über ganz Südostasien verbreitet waren. Nochmals südlich von Szetschuan liegt die Provinz Yünnan, welche die parallelen Oberläufe von drei großen südostasiatischen Strömen umfaßt, Salwen, Mekong und Jang tse kiang. Ihnen entlang fand die Südwanderung matriarchaler Bergvölker in der Vergangenheit statt, die sich heute noch fortsetzt.

    Die nicht-chinesischen Völker in allen diesen westlichen Provinzen wiesen bis vor kurzem noch matriarchale Strukturen auf, in Einzelfällen besitzen sie sie noch heute. In der Vergangenheit war diese Situation den patriarchalen Han-Chinesen aus dem Tiefland so auffällig, daß sie diese Gegenden in chinesischen Chroniken „Nü kuo, das „Reich der Frauen, nannten. Es soll noch 750 v.Chr. zwei Königinnenreiche gegeben haben: eins im Westen, dem heutigen Tibet, eins im Osten, dem heutigen chinesischen Bergland, hauptsächlich Yünnan. Genau in diesen Gebieten liegen auch die meisten Fundstätten

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