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Martin Buber: Eine erste Begegnung

Martin Buber: Eine erste Begegnung

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Martin Buber: Eine erste Begegnung

Länge:
138 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 17, 2016
ISBN:
9783879964307
Format:
Buch

Beschreibung

Eine Begegnung mit Martin Buber (1878-1965): sein Lebensweg, sein Vermächtnis.

Informativ und inspirierend zugleich ist diese Hinführung zu Martin Buber, einer der herausragenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Judentums. Sie gibt Einblicke in sein bewegtes Leben und zeichnet die wichtigen Stationen nach - von Wien und Galizien über Deutschland nach Jerusalem. Was der Religionsphilosoph und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zu sagen hat, ist bis heute aktuell, in vieler Hinsicht zukunftsweisend, ein Zeugnis dafür, was "wirkliches Leben" ist: Begegnung.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 17, 2016
ISBN:
9783879964307
Format:
Buch

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Zueinander."²

Biografischer Grundriss

Kindheit und Jugend

Martin Buber wurde am 8. Februar 1878 in Wien geboren. Aufgrund der Trennung seiner Eltern kam er als Dreijähriger zu seinen Großeltern nach Lemberg in Galizien, wo er den größten Teil seiner Kindheit und die frühe Jugendzeit verbrachte. Von 1772 bis 1918 gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn, Jahrhunderte zuvor zu Polen, heute liegt sie in der Westukraine. Es war eine traumatische Erfahrung, als dem vierjährigen Martin gewiss wurde, dass seine Mutter nie wieder in die Familie zurückkehren würde. Von dem Moment, als er von einer Spielgefährtin diese bittere Wahrheit beiläufig in einem Satz erfuhr, schreibt er in seinem Buch „Begegnung: „[Dieser Satz] blieb in mir haften, es verhaftete sich von Jahr zu Jahr immer mehr meinem Herzen, aber schon nach etwa zehn Jahren hatte ich begonnen, es als etwas zu spüren, was nicht bloß mich, sondern den Menschen anging. Später einmal habe ich mir das Wort ‚Vergegnung‘ zurechtgemacht, womit etwa das Verfehlen einer wirklichen Begegnung zwischen Menschen bezeichnet war. Selbst als er seine Mutter viele Jahre später traf, erinnerte er sich an dieses Wort: „Als ich nach weiteren zwanzig Jahren meine Mutter wiedersah, die aus der Ferne mich, meine Frau und meine Kinder besuchen gekommen war, konnte ich in ihre noch immer zum Erstaunen schönen Augen nicht blicken, ohne irgendwoher das Wort ‚Vergegnung‘, als ein zu mir gesprochenes Wort, zu vernehmen."³ Buber nimmt an, dass gerade diese schmerzhafte Kindheit und Jugend ihn zu seinem wichtigsten Thema geführt hat: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung. So schreibt er: „Ich vermute, dass alles, was ich im Lauf meines Lebens von der echten Begegnung erfuhr, in jener Stunde … seinen ersten Ursprung hat.

Die Großeltern nahmen sich des jungen Martin an und hinterließen eine starke Prägung. Der Großvater Salomon Buber, der als Bankdirektor, Mitglied der Handelskammer und Getreidehändler tätig war, wirkte gleichzeitig als ein jüdischer Gelehrter. Er war ein Gelehrter des Talmud, einer, der erklärt, wie die Regeln der Thora für den Alltag immer wieder neu ausgelegt werden sollen, und gab Midraschtexte heraus, die nachbiblische Weisheitstexte und Schriftdeutungen beinhalten. Die genauso wie ihr Mann literarisch gebildete Großmutter Adele vermittelte dem jungen Martin die Liebe zur Literatur. Von ihr lernte er nach eigener Aussage „den Brauch des konzentrierten Lesens und „was es bedeutete, etwas wirklich auszusprechen.

Buber wuchs bei den Großeltern behütet auf. Er erlebte den Luxus einer wohlhabenden Familie, besaß ein eigenes Pferd und hatte sogar einen Reitlehrer. Zunächst unterrichtete ihn sein Großvater zu Hause, bevor er mit zehn Jahren die erste öffentliche Schule besuchte.

Ab dem neunten Lebensjahr verbrachte Martin jeden Sommer auf dem Gut des Vaters, und mit vierzehn Jahren zog er in dessen Haus, das dieser mit seiner neuen Frau in Lemberg bezogen hatte. Seinen Vater, der jahrzehntelang mit Düngemitteln arbeitete, beschreibt er als einen „ganz unsentimentalen und ganz unromantischen Menschen, der eine tiefe Beziehung zur Natur hatte. Er zeigte ein großes Herz für die Bedürftigen der Gemeinde Lemberg, zu denen er einen „wahren Kontakt gehalten habe. Martin Buber schreibt: „Mein Vater war ein elementarer Erzähler. Jeweils im Gespräch, wie es ihn eben des Wegs führte, erzählte er von Menschen, die er gekannt hatte. Was er da von ihnen berichtete, war immer die schlichte Begebenheit ohne alles Nebenwerk, nichts weiter als das Dasein menschlicher Kreaturen und was sich zwischen ihnen begibt."

Mit zehn Jahren kam Martin aufs Gymnasium, auf dem in polnischer Sprache unterrichtet wurde. Die verschiedenen Kulturen und Sprachen seines Wohnortes und seiner Familie, die vielen Begegnungen mit den Großeltern und dem Vater prägten das Denken und Handeln des späteren Philosophen. In einer Rückschau auf sein Leben schreibt er: „In Wien geboren, bin ich in der ersten Kindheit in die Hauptstadt der galizischen Provinz gekommen, in der eine eigentümliche Sprachenvielheit mir die Tatsache des Nebeneinanderlebens sehr verschiedener Volkstümer unauslöschlich einprägte. Im großväterlichen wie im väterlichen Haus herrschte die deutsche Rede, aber Straße und Schule waren polnisch, nur das Judenviertel rauschte von derbem und zärtlichem Jiddisch, und in der Synagoge erklang, lebendig wie je, die große Stimme hebräischer Vorzeit. Aber nicht bloß dieser, auch dem deutschen Wort wohnte ein Pathos inne. Das kam daher, dass die Großmutter, Adele Buber, die mich bis ins vierzehnte Jahr erzog, diese Sprache wie einen gefundenen Schatz hütete."⁶ Die vier Sprachen beherrschte der Jugendliche routiniert. Auf dem Gymnasium lernte er noch Altgriechisch und Latein, die französische, englische und italienische Sprache eignete er sich ebenfalls an. Seine Sprachkenntnisse halfen Martin Buber als „Mann des Dialogs" nicht nur bei seinen späteren Übersetzungsarbeiten und zahlreichen Publikationen, sondern auch bei seinen vielfältigen internationalen Kontakten, die er in persönlichen Gesprächen, in seiner Korrespondenz und auf Reisen zeit seines Lebens pflegte.

Die tief religiösen Großeltern prägten den jüdischen Glauben des jungen Martin. Seine Bar-Mizwa, die Feier der religiösen Volljährigkeit, beging der Dreizehnjährige im Februar 1891. Er wählte für seine Rede bei dem Gottesdienst „Die Worte des Glaubens", ein Gedicht von Friedrich Schiller, das sich an einen Satz aus dem Buch des Propheten Hosea anlehnt und in dem Schiller drei Worte hervorhebt: Freiheit, Tugend, Gott.

Als nun vollwertiges Gemeindemitglied nahm der Jugendliche rege an den Gottesdiensten in der Synagoge teil und verrichtete entschieden seine jüdischen Gebete. Er entdeckte seine Liebe zur Thora, den fünf Büchern Mose, und fand eine tiefe Beziehung zur jiddischen Sprache, die seinen Stil und sein Denken ein Leben lang prägte. Zudem kam Buber in seiner Lemberger Zeit mit dem Chassidismus in Berührung, einer mystisch geprägten jüdischen Frömmigkeitsbewegung, die für ihn später eine große Rolle spielte sollte. Auch wenn er als Schüler in seiner Jugendzeit keinen „spürbaren Judenhass erlebte, kritisierte er doch die Zwangsteilnahme der jüdischen Schüler am Morgengebet in der katholischen Schule. Er erlebte das tägliche Ritual als einen „sakralen Vorgang, an dem kein Quäntchen meiner Person teilnehmen konnte und wollte, bekennt Buber in einem Rückblick. Zwar sei nie versucht worden, die jüdischen Schüler zum Katholizismus zu bekehren, aber die erzwungene Teilnahme am Gebet hinterließ bei dem Jugendlichen einen negativen Nachgeschmack. So schreibt er: „Und doch wurzelt in den Erfahrungen jener Zeit mein Widerwille gegen alle Mission. Nicht bloß etwa gegen die christliche Judenmission, sondern gegen alles Missionieren unter Menschen, die einen eigenständigen Glauben haben."

Trotz seiner tiefen Verwurzelung in der jüdischen Religion erlebte der Jugendliche eine Glaubenskrise. Etwa 30 Jahre später bekannte er dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig in einem Brief, dass er mit 14 Jahren aufgehört habe, „Tefillin zu legen", das heißt den Gebetsriemen anzubinden, den über 13-jährige männliche Juden beim Morgengebet während der Woche benutzen.⁸ Statt mit seinem Glauben setzte sich Buber intensiv mit philosophischen Fragen auseinander. Zwei Mal, in Gestalt zweier Bücher, habe die Philosophie „unmittelbar in seine Existenz eingegriffen, erklärt er.⁹ Und zwar sei mit 14 Jahren eine „unbegreifliche Nötigung über ihn gekommen, die er folgendermaßen beschreibt: „Ich musste immer wieder versuchen, mir den Rand des Raums oder seine Randlosigkeit, eine Zeit mit Anfang und Ende oder eine Zeit ohne Anfang und Ende vorzustellen, und beides war ebenso unmöglich, ebenso hoffnungslos, und doch schien nur die Wahl zwischen der einen und der anderen Absurdität offen. Buber schreibt, dass er sich durch die „Gefahr des Wahnsinnigwerdens in solcher Nähe bedroht fühlte, dass er ernsthaft den Gedanken an einen Selbstmord gehegt habe. Die Erlösung fand er in Immanuel Kants „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Durch dieses Buch habe er verstanden, dass „Raum und Zeit nur die Formen seien, „in denen meine menschliche Anschauung dessen, was ist, sich notwendig vollzieht. Daher sei es also „für alle meine Begriffe ebenso unmöglich zu sagen, die Welt sei dem Raum und der Zeit nach unendlich, als sie sei endlich. Kants Erklärung beruhigte den Schüler und erlöste ihn von dem Zwang, immer wieder über den Raum und die Zeit nachzudenken, weil er verstand: „Ich durfte denken, dass das Sein selber der raumzeitlichen Endlichkeit und der raumzeitlichen Unendlichkeit gleicherweise entrückt ist, weil es in Raum und Zeit nur erscheint, aber in diese seine Erscheinung nicht selber eingeht. Diese Erkenntnis hatte insofern wesentlichen Einfluss auf Bubers Gottesvorstellung, als er verstand, dass das Ewige und das Unendliche weder im gleichen Sinne ausgesagt werden können noch beziehungslos sind. So schreibt er: „Damals begann ich zu ahnen, dass es das Ewige gibt, das etwas ganz anderes ist als das Unendliche, genau ebenso wie es etwas ganz anderes ist als das Endliche, und dass es doch zwischen mir, dem Menschen, und dem Ewigen eine Verbindung geben kann.¹⁰

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