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Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg

Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg

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Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg

Bewertungen:
4/5 (1 Bewertung)
Länge:
708 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
May 31, 2016
ISBN:
9783703009204
Format:
Buch

Beschreibung

KINDER AUS ÖSTERREICH - ARBEITER IN DEUTSCHLAND

Wanderung, Leben, Arbeit der "Tiroler Hütekinder" anhand genauer Quellenstudien und mündlicher Berichte noch lebender Zeitzeugen

Im 19. Jahrhundert wanderten alljährlich Hunderte von Kindern aus Tirol und Vorarlberg zur Arbeit bei oberschwäbischen Bauern - im Märzschnee hin, im Herbst in ihre Heimatorte zurück. Auf dem Kindermarkt in Ravensburg und Friedrichshafen boten sich die kleinen Saisonarbeiter im Frühjahr den Bauern zum Kauf an.

Erst 1914 ging die jahrhundertelange Kinderwanderung, die für die Tiroler und Vorarlberger Bevölkerung lebenswichtig gewesen war und dem schwäbischen Raum willkommene Arbeitskräfte beschert hatte, zu Ende. Otto Uhlig hat aus vielen österreichischen und deutschen Archiven Dokumente dieser "Schwabenwanderung" zusammengetragen und das Schicksal der Kinder zeitlich und räumlich umfassend dargestellt, mit zum Teil überraschenden und wenig bekannten Erkenntnissen und Alltäglichkeiten, zum Beispiel den Verkauf von Kindern auf dem Markt.

- Erzählt von den letzten lebenden Beteiligten - Schwabenkinder auf dem Kindermarkt
- Erforscht aus zahlreichen Archiven - Zeitungen - Zeitschriften - Büchern
- Umstritten in den Parlamenten von Deutschland - Österreich - Württemberg - Tirol - Vorarlberg
- Verknüpft mit alter und neuer deutscher und österreichischer Wirtschafts- Sozial- und Kulturgeschichte
Freigegeben:
May 31, 2016
ISBN:
9783703009204
Format:
Buch

Über den Autor


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Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg - Otto Uhlig

Ortsverzeichnis

VORWORT

Die letzten lebenden Zeugen eines gesellschaftlichen Vorganges, der im ganzen vergangenen Jahrhundert erhebliche Bedeutung hatte, sind im „biblischen Alter, und nicht mehr lange kann man sich der persönlichen Erzählung ihrer Erinnerungen erfreuen: die wenigen „Schwabenkinder, die jetzt noch in Tirol und Vorarlberg leben. In ihrem Bewußtsein sind die Erlebnisse noch mit Klarheit aufbewahrt, während das soziale Phänomen, an dem sie teilhatten, allgemein fast vergessen ist, obwohl es einst in einem weiten Raum österreichisch-deutscher Landschaft lebenswichtig war.

Ein alljährlicher Zug von mehreren hundert Kindern ging bis zu Anfang unseres Jahrhunderts, bis 1914, von Tirol her über den Arlberg und von Vorarlberg bis 1930 in die reichsdeutsche Bodenseelandschaft. Nicht der Anfang, aber das Ende ist gewiß, es wurde bestimmt durch die Zäsur, die der erste Weltkrieg mancher alten Gewohnheit setzte und die hier zu einem gänzlichen Ende wurde. Ohne Zweifel gehörte es mehr als ein Jahrhundert lang zum Lebensbild der Tiroler und auch der Vorarlberger Bevölkerung, daß eine große Schar von Kindern den langen Weg zurücklegte – Ende März in das „Ausland" am Nordufer des Bodensees, Ende Oktober zurück in die Heimat.

Zweiseitig und von entgegengesetzter Charakteristik war die Bedeutung dieser Wanderung: ein Entspannungsventil für die Armut im österreichischen Alpengebiet und ein Arbeitskraftventil für die schwäbische Landwirtschaft am Bodensee.

Es gehört zur Eigenart dieses Komplexes – und ist nicht etwa nur ein Mangel der Erforschung und der Darstellung –, daß man seinen Anfang nicht datieren kann. Da es sich nicht um eine offizielle Veranstaltung handelte, sondern um eine autonome Handlung einzelner Individuen (woraus sich aber eine verbreitete Sitte entwickelte), erscheinen die Zeugnisse darüber nicht in systematischer Einordung, etwa in Berichten „zuständiger Stellen" (die es gar nicht gibt), sondern nur in verstreuten Äußerungen verschiedener Institutionen, die aus verschiedenen Gründen und mit verschiedenen Anlässen Einzelheiten des Gesamtvorganges berichten und bewerten.

Aber auch dann, wenn der Vorgang bei einer solchen Gelegenheit als eine Tatsache erwähnt wird, die als existent hingenommen wird, manchmal „seit unvordenklichen Zeiten", ohne nähere Hinweise auf die Ursprünge und ohne Prüfung der Notwendigkeit, finden sich doch oft zur selben Zeit und im selben Raum Berichte, die den Vorgang mit keinem Wort erwähnen, obwohl er zweifellos im Gesichtsfeld des Berichterstatters liegt. Wenn man sich dabei bemüht, möglichst alle sozialen und wirtschaftlichen Fakten darzustellen, läßt man mitunter nicht das geringste anklingen von einer Kinderwanderung zum Viehhüten ins Schwabenland, man geht darüber hinweg, auch wenn diese Wanderung schon ein landläufiger Vorgang und ein öffentliches Problem geworden ist und andere Stellen darüber mit Betonung berichten.

So ergibt sich für manchen Zeitraum und für manches Gebiet ein absolutes Vakuum an Dokumenten, während schon bald darauf oder dicht daneben wieder und in zunehmender Stärke davon gesprochen wird als von einem Übel. Dabei können anderseits auch klare Zahlenangaben nicht unbesehen übernommen werden, da sie oft unvollständig oder fehlgeschätzt sind, zumal sie über lange Zeiten hin keine Zählungen, sondern Meinungen wiedergeben, meist emotional, nicht rational gebildet. Es läßt sich aber schließlich erkennen, daß auch aus den isolierten und sporadischen Nachweisen ein abgerundetes Bild zu gewinnen ist.

Allerdings wäre es sehr erfreulich, wenn noch manches ans Tageslicht käme, was die bisher genannten Dokumente ergänzen oder berichtigen würde. Solche Ergänzungen können an verschiedenen Stellen unerkannt oder unbeachtet ruhen, in amtlichen wie in privaten Händen. Wenn die letzten noch lebenden „Mitwirkenden, die alten Schwabenkinder, uns verlassen, versiegen nicht nur die Quellen der Originalerzählungen, sondern auch die persönlichen Dokumente, die sie hie und da besitzen, kommen in Gefahr, als wertlos erachtetes Altpapier vernichtet zu werden. Auch in den Bergen alter Akten wird kaum wieder jemand nach dem Stichwort „Hirtenkinder suchen, und darum ist es jetzt wohl der rechte Zeitpunkt, zusammenzufassen, was sich bisher finden ließ.

* * *

Diese Darstellung erfaßt räumlich das Hauptgebiet der zeitlichen Kinderwanderung: als Ausgangslandschaften Tirol und Vorarlberg, als Ziellandschaften Oberschwaben mit Betonung des Württembergischen. Es vollzog sich daneben noch ein ähnlicher Vorgang aus der Schweiz, vor allem aus Graubünden und Appenzell. Darüber wird hier nur einiges am Rande bemerkt, um den Umfang der Betrachtung nicht noch mehr zu erweitern.

„Die Geschichte der Bündner Schwabengängerei ist genauer untersucht worden von Linus Bühler (Domat/Ems) im „Bündner Monatsblatt, Heft 5/6, Mai/Juni 1975. Auf diese wertvolle Ergänzung wird hiermit verwiesen. Sie berichtet vor allem über die besondere örtliche Situation des Schweizer Abwanderungsgebietes der „Schwabengänger".

Auch die Vorgänge in der bayerischen Ziellandschaft werden hier nur unvollständig geschildert, weil es in dieser Hinsicht noch an ausreichenden Dokumenten fehlt. Es ist anzunehmen, daß sich auch für dieses Gebiet in nächster Zeit noch mehr Material erschließen läßt.

Material zur Betrachtung der zeitlichen Kinder-Auswanderung in Tirol und Vorarlberg und des Kindermarktes in Oberschwaben findet sich verstreut an zahllosen Stellen. Außer den Darstellungen in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern lagern in verschiedenen Archiven Dokumente darüber. Nur ganz selten finden sie sich unter den Begriffen „Kinderwanderung – „Schwabenkinder – „Kindermarkt", sondern meist als Nebensache zwischen allgemeinen und abseitigen Aktenrubriken.

Bei der mehrjährigen Arbeit in verschiedenen Archiven erhielt ich vielfältige freundliche Unterstützung, für die ich herzlichen Dank sage:

Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Staatsarchiv Ludwigsburg

Staatsarchiv Sigmaringen

Landtagsarchiv Stuttgart

Zentrales Staatsarchiv Potsdam

Tiroler Landesarchiv, Innsbruck

Vorarlberger Landesarchiv, Bregenz

Archiv der Bezirkshauptmannschaft Landeck

Archiv der Stadt Ravensburg.

Dieser Dank gilt besonders: Herrn Staatsarchivdirektor Dr. Sauer, Stuttgart; Herrn Oberstaatsarchivrat Dr. Schmierer, Ludwigsburg; Frau Staatsarchivrätin Dr. Kuhn-Rehfus, Sigmaringen; Herrn Staatsarchivrat Dr. Bradler, Stuttgart; Herrn Direktor Hofrat Dr. Widmoser, Innsbruck; Herrn Direktor Univ.-Prof. Dr. Dörrer, Innsbruck; Herrn Oberarchivrat Univ.-Prof. Dr. Steinegger, Innsbruck; Herrn Archivdirektor Dr. Burmeister, Bregenz; Herrn Bezirkshauptmann Hofrat DDr. Lunger, Landeck; Herrn Stadtarchivar Dr. Eitel, Ravensburg.

Die lebenden Zeugen des Schwabenkinderzuges haben viel zur Erhellung der vergangenen Wirklichkeit beigetragen, besonders für die Zeit des Vereins zum Wohle der Schwabenkinder. Der Kontakt zu ihnen wurde mir vor allem eröffnet durch den Bezirkshauptmann von Landeck, Herrn Hofrat DDr. Lunger, und den inzwischen verstorbenen Schulrektor Philipp Neurauter, Ried.

Aus dem unmittelbaren Lebenskreis des langjährigen und letzten Vereins-Obmannes, Pfarrer Gaim, wurde mir berichtet durch seine Wirtschäfterin, die hochbetagte Frau Philomena Grissemann, Ried/Hochasten bei Wenns, durch seinen Neffen, Pater Karl Gaim, Absam, durch seinen Reisebegleiter, den hochbetagt verstorbenen Altbürgermeister von Landeck, Josef Alois Probst, und durch seinen Nachbarn Anton Patscheider, Ried.

Eigene Erlebnisse als Schwabenkinder berichteten mir die Herren: Peter Hainz (und seine Frau), Landeck; Rudolf Schlatter, Otto Plattner, Josef Eiter, Alois Stecher, alle in Ried; Otto Wenzl, Imst; Josef Sturm, Alois Gundolf, beide in Wenns; Adolf Thurnes, Hermann Mangott, beide in Serfaus, Alwin Huber in Alberschwende. Für ihre Berichte, die erst das Bild abrundeten, danke ich allen herzlich.

Zur zweiten Auflage

Das „Buch von den Schwabenkindern" hat viel Interesse gefunden. In Zeitungen und Zeitschriften wurde es anerkennend besprochen. Dabei waren die Äußerungen besonders beachtlich, die von Fachleuten der Volkskunde, der Landeskunde, der Geschichte und der Geographie kamen.

Die im Buche dargestellten Ereignisse und ihre Zusammenhänge haben auch zu Filmen Anlaß gegeben, zuerst in Südtirol, wo das Italienische Fernsehen RAI im Bilde zeigte, was im Buche beschrieben ist. Es ist nicht leicht, nachzubilden, was zwar in der Überlieferung noch lebt, wofür es aber fast keine Dokumente mehr gibt. Im Film haben einige der alten „Schwabenkinder, von denen im Buch berichtet wird, dessen Inhalt erneut bekräftigt. Diese „Mitwirkenden konnten vor dreiviertel Jahrhundert nicht erwarten, einmal, in unserer Gegenwart, vor der Allgemeinheit über ihre Erlebnisse zu berichten.

Das Zweite Deutsche Fernsehen brachte den Film „Die vergessenen Kinder unter Hinweis auf das Buch „Die Schwabenkinder, nach dem er gestaltet war.

Im Österreichischen Rundfunk, über die Studios Innsbruck und Dornbirn, im Süddeutschen Rundfunk, im Südwestfunk, im Saarländischen Rundfunk wurden die „Schwabenkinder und das „Schwabenkinder-Buch mehrfach durch eigene Beiträge und durch Interviews mit dem Verfasser besprochen.

Das Buch ist nun „gewachsen durch die Mitteilungen, die von den Lesern kamen, die unerwartet ihre Jugendjahre „schwarz auf weiß wiederfanden. Das ergab auch eine zeitliche Verlängerung der „Schwabenkinder-Geschichte, da sich bei Arbeiten im Landesarchiv von Vorarlberg herausstellte, daß bis 1926 oder gar 1935 noch Schwabenkinderzüge amtlich organisiert worden sind. Das ist nicht nur eine Fortsetzung der „seit undenklichen Zeiten berichteten Verhältnisse, sondern diese zusätzlichen Jahre bringen neue gesetzliche Bestimmungen, vor allem über die Schulpflicht – die man meist ignorierte. So reicht die Geschichte der Schwabenkinder hinein in die staatsumwälzenden Jahre der damaligen österreichischen und deutschen Neuordnung.

Noch immer werde ich dafür dankbar sein, wenn mir weitere Nachrichten über das Leben der Schwabenkinder zugeleitet werden. Auch die geringsten persönlichen Erinnerungen sind für das Gesamtbild wertvoll.

Der Verfasser ist mehrfach um Vorträge über die Schwabenkinder gebeten worden – in Tirol und Vorarlberg zur Erinnerung an die alte Gepflogenheit, in Württemberg zum Hinweis auf eine kulturelle Absonderlichkeit. Überall war das Interesse lebhaft.

In den „Beiträgen zur Landeskunde" des Staatsanzeigers für Baden-Württemberg behandelte der Verfasser die Hütekinder-Einwanderung in ihrer Verflechtung mit der Landesgeschichte von Württemberg.

Die Evangelische Akademie Bad Boll stellte einen Vortrag des Verfassers über „Die Schwabenkinder an den Anfang einer Tagung „Wie sie damals lebten, mit der Schilderung der sozialen Situation im schweizerisch-österreichischen Grenzgebiet Appenzell/Graubünden/Vorarlberg.

Ein Fund von besonderem Wert ist das Post-Tagebuch 1910–1915 des Pfarrers Gaim, in dem er alle Post-Eingänge und Post-Ausgänge dieser Jahre verzeichnete, meist mit einer Inhaltsangabe in Gabelsberger-Stenographie. Damit wurde die Arbeit des Pfarrers Gaim als Obmann des „Vereins zum Wohle der Schwabenkinder" bis ins Einzelne deutlich, außerdem war das Buch der Schlüssel zu Dokumenten verschiedener Art, die vor allem in den Staatsarchiven in Wien aufgefunden und verarbeitet werden konnten. Darauf beruht vieles, was die 2. Auflage zur weiteren Abrundung des Schwabenkinder-Bildes bringt.

Für die Bereitschaft, in den Archiven in Wien die neuen Dokumente einzusehen und bearbeiten zu können, ist Dank zu sagen

dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv

dem Allgemeinen Verwaltungsarchiv

dem Österreichischen Eisenbahn-Archiv.

In den Landesarchiven von Tirol in Innsbruck und von Vorarlberg in Bregenz erhielt ich wieder die freundlichste Unterstützung zur Weiterführung der Arbeiten.

* * *

Die „Schwabenkinder wurden mir zum Erlebnis, nicht nur zur „Arbeit. Daran hatte sehr großen Anteil Frau Marianne Böckelmann, Stuttgart. Die Begleitung auf vielen Reisen, die Mitarbeit in den Archiven, die Gespräche mit den alten Schwabenkindern, die wichtige Hilfe bei den zahlreichen Vorträgen waren ihre Leistung. Sie hat bei dieser Mitarbeit die menschliche Tiefe des Schwabenkinder-Erlebnisses in sich aufgenommen. Übrigens ist sie am Rande der Aufnahme Nr. 53 im Buche zu sehen. Für ihre weitreichende Mitwirkung gebührt ihr mein herzlicher Dank!

Dieses Buch ist dem Andenken meines Vaters Otto Uhlig (1872-1950) gewidmet.

Otto Uhlig

Zur dritten Auflage

15 Jahre sind seit der Veröffentlichung der 2. Auflage dieses Buches verstrichen. Wenn nun eine weitere folgt, so spricht dies dafür, wie aktuell sein Inhalt selbst in unserer so raschlebigen und wegen der Konkurrenz des Fernsehens weniger lesefreudigen Zeit nach wie vor ist. Der Autor, Otto Uhlig, weilt nicht mehr unter uns, so daß es bei einem bloßen Nachdruck bleiben mußte, denn zu einer neuen Bearbeitung und Ergänzung wäre nur er in der Lage gewesen. Umso mehr ist es angebracht, es nicht bei einem knappen Hinweis auf den seit längerem vergriffenen und nun wieder erhältlichen Band bewenden zu lassen, ohne die Gelegenheit zu einer Würdigung der von seinem Verfasser erbrachten Leistung wahrzunehmen.

Seiner gewandten Feder, die es verstand, die Ergebnisse seiner Recherchen in einer nicht nur den Fachmann fesselnden Darstellung zu Papier zu bringen, ist es weitgehend zu verdanken, daß sein Werk zu einem Bestseller der Tiroler Wirtschaftsstudien wurde. Aber auch das Thema hat dazu beigetragen. Zeitzeugen, welche die bittere Not einst als Hütekinder in die Fremde getrieben hatte, gibt es heute nur mehr sehr wenige. Aber ihre Erzählungen haben den Lauf der Jahre überdauert. Die Erinnerungen daran sind daher vielerorts wach geblieben, wodurch sich mancher Leser persönlich angesprochen fühlt, weil nicht von einem schon lange zurückliegenden Geschehen die Rede ist, sondern vom Schicksal der unmittelbaren Vorfahren.

Dem Autor ging es vor allem darum, den Verlauf, den Umfang, die Ziele und das soziale Umfeld der Kinderwanderung aus den Realteilungsgebieten Westtirols und Vorarlbergs während der letzten 100 Jahre vor dem ersten Weltkrieg, als sie ihren Höhepunkt erreichte, zu dokumentieren und zu schildern. Eingehende Studien des Schrifttums und der archivalischen Quellen, verbunden mit einer guten Ortskenntnis, bildeten die solide Basis dafür. Die ersten Stimmen, die sich zunächst aus pädagogischen und moralischen Gründen gegen die Kinderwanderung erhoben, kommen somit ebenso zur Sprache wie das sich allmählich durchsetzende und von der öffentlichen Meinung unterstützte soziale und humane Gewissen, das dieser am wirtschaftlichen Profit orientierten Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft ihre schlimmsten Härten nahm.

Otto Uhlig hat daher durch die Rückschau auf eine Zeit, die noch fern vom Wohlstand der Gegenwart war, unser Wissen vom eigenen Land in einem wesentlichen Punkt bereichert. Der Rahmen seiner Ausführungen ist jedoch von den ersten Nachrichten über die „ins Reich" ziehenden Kinder aus Vorarlberg Anfang des 17. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit, als sich die letzten auf den Weg in das Schwabenland machten, so weit gespannt, daß sein Buch darüber hinaus für die allgemeine Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Alpenländer ebenfalls von Bedeutung ist. Zumal das Kapitel über den einst üblichen Einsatz von Kindern auch aus dem Bellunesischen zur Feldarbeit im Trentino und im mittleren Etschtal zwischen Meran und Bozen beweist, daß es sich hierbei um keine singuläre, nur eng begrenzte Erscheinung handelte.

Die vom Verfasser mit einem beträchtlichen Einsatz betriebenen Forschungen könnten daher ein Anstoß sein, sie auf andere Gebiete auszudehnen, um festzustellen, ob die dort ebenfalls bestehenden Unterschiede des Lebensstandards in unmittelbarer Nachbarschaft zu ähnlichen Wanderungsbewegungen geführt haben.

A. Leidlmair

Ein jährliches Ereignis

Der Kindermarkt in Friedrichshafen

„Wie jedes Frühjahr, so kommen auch heuer am 28. März die Tiroler Hütekinder in Friedrichshafen durch den ‚Hütekinderverein‘ zum »Verkauf‘."

(„Der Landarbeiter", 1913, Nr. 5)

Diese Meldung charakterisiert die Erscheinungsform und die öffentliche Betrachtungsweise in der Endzeit des Vorganges, der in langer Überheferung hingenommen wurde als unabänderlich, ohne daß man seinen Ursprung kannte. Das läßt sich daraus erklären, daß es sich nicht um eine originäre und spezifisch organisierte Erscheinung handelte, sondern um eine spezielle Abwandlung eines älteren und umfangreichen Vorganges, nämlich der sehr alten Gewohnheit unter den arbeitsfähigen Alpenbewohnern, außer Landes Nahrung zu suchen.

Zur Arbeit wandern

In den Kirchenbüchern von Grins wird im 17. Jahrhundert berichtet, daß dieser oder jener Jüngling in Ungarn, Steiermark, Polen, Rheinland, wo er als Maurer arbeitete oder sich „haushältlich" niedergelassen habe, gestorben sei1. Das weist darauf hin, daß das nicht selten geschah, daß man aber im übrigen während seiner Abwesenheit kaum Nachricht von ihm erhalten hatte.

Am Ende des 18. Jahrhunderts findet sich zum ersten Male eine eindeutige Nachricht über die zeitliche Auswanderung von Tiroler Kindern in dem Buche von Rohrer „Uiber die Tiroler: „. . . sobald der Bube in einigen Gerichten des Imster Kreises nur laufen kann [ist er gezwungen,] außer seinem Mutterlande Nahrung und Verdienst zu suchen. ... die Anzahl der Knaben, welche alljährlich im Frühling vom 7. Jahre ihres Alters bis zum 17. aus den Pfarreien Delf, Nasereit, Imst, Lermos, Reuti, Vils, Tannheim zum Pferde-, Kühe-, Schafe-, Ziegen-, Schweine- und Gänsehüten nach Schwaben ziehen, zuverlässig auf 700 angeben2. Längs der Straße von Füssen nach Augsburg hätten viele Güterbesitzer einen Tirolerburschen, von denen die meisten sich in Kempten sammelten und ihrem neuen Herren in das Kemptische, Königseck-Rothenfelsische und Isnysche Gebiet folgten.

Vom Landgerichtsbezirk Landeck berichtet Ignaz von Guggenberg 18353, daß ein Drittel der Bevölkerung verhungern müßte, wenn nicht (neben den Erträgnissen von Handel und Verkehr) „die zeitliche Auswanderung" stattfände. 1834 seien 1825 Pässe an zeitweise Auswanderer ausgeteilt worden, die als Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Tagelöhner nach Österreich, den deutschen Bundesstaaten, Holland, größtenteils aber nach der Schweiz und nach Frankreich wanderten, jährlich 1100—1200.

Die emsigsten und geschicktesten brächten jährlich 50—80 fl, ja auch 100 fl in die Heimat zurück. Der jährliche Totalgewinn für das Land sei 27 000—30 000 fl. „Es gibt viele, sehr viele Familien, welche sich nur dadurch erhalten können, daß der Hausvater oder ein paar Söhne sich auf Erwerb ins Ausland begeben, um mit dem erworbenen Barlohn „die auf dem kleinen Anwesen haftenden Passivkapitalien zinsen und Früchte für den Winter kaufen [zu] können.

„Auch Kinder armer Eltern zwischen 8—15 Jahren verlassen im März die Heimat, ziehen nach Schwaben, um als Hirt dort das Vieh zu hüten und kehren im Monat Oktober mit einem Gewinn von 3—4 fl in der Tasche wieder in die Heimat zurück. Solche Schwabenhirtenkinder wandern jährlich zwischen 400 und 500 aus und fördern durch diese Auswanderung das Hauswesen ihrer armen Eltern auf zweifache Weise, indem sie nicht nur 7 Monate lang ihnen von der Schüssel wegfallen, sondern auch noch ein paar Gulden Geld und etwas Kleidung ins Haus schaffen."

Anton von Gasteiger schreibt 1816, die Gemeinde Zirl habe die Gewohnheit, ihre Jünglinge als Maurer lernen zu lassen, so daß allein in Zirl jährlich 50 Maurer auswandern, die im Herbst zurückkommen. In Bayern sei nicht leicht ein Ort zu finden, wo nicht Tiroler arbeiten; man scheine die arbeitslustigen Tiroler im Ausland zu schätzen. Auch mit Lein- und Senf-Samen-Handel gehe man durch das südwestliche Deutschland bis nach Frankreich4.

Vom Paznauntal schreibt Beda Weber 1837: „Um der Armut des Tales zu Hilfe zu kommen, findet zeitweilige Auswanderung der Mannspersonen auf Verdienst, wie im übrigen Oberinntale statt. Die Knaben ziehen als Hirten, die Erwachsenen als Maurer und andere Handwerker nach Baiern und Schwaben, mitunter auch nach Engadein zur Besorgung der Landbaugeschäfte. Fleißige bringen beträchtliche Ersparnisse zurück, Liederliche freilich nichts weiter als verdorbene Sitten"5.

Ähnlich ist sein Bericht von der Malser Heide: „Die Bewohner dieser rauhen Hochebene sind arbeitsam und nüchtern, abgehärtet in Sturm, Wind und Kälte, ringend mit einem undankbaren Boden ... Zu anderweitigem Erwerb genötigt, ziehen viele nach Schwaben, dort teils als Hirten, Knechte und Mägde zu dienen, teils Flachs zur Verarbeitung und zum Verkaufe in die Heimat zurück zubringen."

Die „Ebene von Reutte nennt er „im allgemeinen unfruchtbar. Um das zu ersetzen, was Ackerbau und Viehzucht fürs Leben nicht vollständig gewähren, wandern die überzähligen Einwohner ins benachbarte Schwaben, wohl auch in andere Gegenden, die Männer größtenteils als Maurer, die größeren Knaben als Nothelfer und Handlanger, kleine Knaben und Mädchen als Viehhirten, heimkehrend im Herbst mit erspartem Geld zur Beseitigung der Wintersnot.

Zwiespältig ist Webers Aussage über das Lechtal: „Die Viehzucht entfaltet aus Mangel an guten Alpen keine besondere Blüte. Man muß auf auswärtige Übersommerung des Viehes denken. Als „auswärtigen Erwerb spricht er von der Handelschaft, die in Holzgau, in Steg und Elbigenalp große Vermögen schaffe, aber „wer nicht dem Handelsfache angehört, wandert im Sommer als Maurer und Handwerker ins Schwaben, nach Baiern und nach Vorarlberg. Und wenn er wirtschaftlich ist, bringt er durch dieses Gewerbe alljährlich 60—80 Gulden Verdienst zurück".

Wahrscheinlich gibt es noch andere und auch ältere Dokumente der zeitlichen Auswanderung vom Gebiet um das Oberinntal. So bringt der Zeichner und Graveur Anton Falger in seiner „Chronik vom Lechtal, 1835 und in den folgenden Jahren niedergeschrieben unter Verwendung vieler alter Urkunden und Chroniken, folgende Bemerkung, ohne die Quelle genau zu bezeichnen: „Merkwürdig ist für Lechtal auch das Verzeichnis der im Ausland arbeitenden Maurer im Sommer 1699, im ganzen waren vom Lechtal 644 Personen auf Arbeit im Ausland, und zwar vom Deitl Elmen 91, vom Deitl Haselgehr 93, vom Deitl Elbigenalp 118, vom Deitl Stockach 155, vom Deitl Holzgau 107, vom Deitl Steg 80. Es folgt namentliche Aufzählung für einige Deitl, während er sich für die übrigen die Mühe der Abschrift spart. „Im Jahre 1845 waren von unserem Deitl nur 18 Maurer im Ausland. Wie arm sein wir, als Kinder müssen die Lechtaler schon das Ausland suchen, eigentlich ist das Ausland unser Vaterland, da es nur uns erhält"6.

Sämtliche Berichte sprechen von der allgemeinen zeitlichen Auswanderung als einer gegebenen Tatsache, die stillschweigend oder ausdrücklich zurückgeführt wird auf die wirtschaftlich geringe Ertragsfähigkeit der Landschaft. Gegenüber einer Dauer-Auswanderung gibt der Begriff „zeitlich" prägnant und ohne weitere Umschreibung die Zeitbegrenzung der Auswanderung an, deshalb wird er auch in der folgenden Darstellung beibehalten. Keiner der Berichte versucht, den Anfang dieses Vorganges näher zu datieren, es klingt nicht einmal die Frage danach an.

Die früheste Bekundung dieser Konstellation, die wir kennen, ist sehr alt, sie liegt schon 450 Jahre zurück, geht aber nur von den Verhältnissen der Herrschaft Bregenz aus. Auf dem Generallandtag der österreichischen Erbländer im Frühjahr 1526 in Augsburg haben die Vertreter des von Österreich 1523 „neu erkauften Teils der Herrschaft Bregenz eine Supplik vorgelegt, in der sie vor allem die Gleichstellung mit dem früher (1451) erkauften Teil erstrebten, nämlich durch Aufhebung der Leibeigenschaft. Dabei wird zur Kennzeichnung ihrer Situation auch gesagt: „... Auch das bey unns ein Rauche Landes Ardt ist unnd der Leut vill, die sich an dem Ordt nit Erneren, sondern in ir Jugendt alls Hirtte, auch Hanntwerck zulernen, an die Frembd ziechen unnd darinn ir Leibsnarung suchen und gewinnen mueßen7 (Abb. 1).

Diese Schilderung sagt also schon etwa das, was später, vor allem im vorigen Jahrhundert, über die Auswanderung als strukturbedingtem Ausgleich geäußert wird. Aber doch wird die Wanderung nicht konkret als zeitweilige bezeichnet, der Wortlaut könnte auch für eine endgültige Auswanderung gelten. Ebenso ist nichts von einer Teilnahme der „Kinder gesagt, nur von der „Jugend. Da aber die Handwerkslehre ausdrücklich erwähnt wird, kann der Bericht zunächst nur die im Lehrlingsalter stehenden Jugendlichen meinen, also mit mindestens 14 Lebensjahren.

Wiewohl die Beteiligung einzelner Kinder immerhin möglich ist, spricht doch nichts dafür, daß diese ein wesentliches Charakteristikum der damaligen Wanderung gewesen wäre, wie auch ein Hinweis auf die Periodizität fehlt, erst recht auf einen „Kindermarkt. Wir haben es also zweifellos mit der Darstellung einer Arbeiter-Wanderung als alten Strukturfaktor zu tun, deren spezielle Ausformung zur periodischen Kinder-Arbeits-Wanderung damals noch nicht gegeben war, wie sie sich als zusätzliche Variante später entwickelte. Es ergeben sich durch diese Schilderung der Verhältnisse in einem Teil der Herrschaft Bregenz auch noch keine Hinweise auf die Verhältnisse im übrigen Vorarlberg und in Tirol „hinter dem Arlberg.

Für Vorarlberg und Tirol gibt Staffler 1839 in einer ersten systematischen Statistik als Durchschnittszahlen der jährlichen Auswanderung an8:

Danach — bei einer Bevölkerung von mehr als 800000 — wandere jeder 24. Mensch aus. Darunter seien aus Vorarlberg und Oberinntal auch 1350 und 1300 Kinder, aus dem Bezirk Schlanders 25 Kinder. Bemerkenswert sei, „daß aus Oberinntal und Vorarlberg allein auch Weibspersonen auswandern".

Aus dem Bregenzerwald gingen 1400, aus dem Montafon bei knapp 9000 Einwohnern 2500, aus dem Bezirk Landeck 1600, aus dem Bezirk Reutte 2200, aus dem Zillertal 1000 Personen auf die zeitliche Auswanderung. Es sei begreiflich, „daß zu gewissen Zeiten manche Gegend und manches Dorf beinahe entvölkert aussehen muß".

„Die Geschäfte dieser Auswanderer" seien sehr verschieden; bei weitem die meisten gingen als Maurer und Steinmetzen, andere als Stukkateure, Zimmerleute, Kalk-, Ziegel- und Kohlenbrenner, als Bergknappen, Glaser, Kupferschmied, Kesselflicker, Schornsteinfeger, Holzarbeiter, Pechsammler, Wurzelgräber, Branntweinbrenner, Krautschneider. Einige betrieben Handel mit Wetzsteinen, Sämereien, Leinwand, Handschuhen, Decken, Tüchel, Teppichen.

Nicht wenige Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Krautschneider bezögen jahrelang ihre alten Arbeitsplätze, in denen sie von einem Jahre auf das andere gedungen werden. Das Wanderziel richte sich auf alle benachbarten Länder, aber auch auf Frankreich, Holland, Sachsen, Preußen, Polen, Rußland. In den west- und nördlichen Landesteilen beginne die Auswanderung im März, die Heimkehr sei im Oktober, die Hauptrichtung die nördlichen und westlichen Nachbarländer. „Die italienischen Arbeiter (aus Südtirol), die meist in das „venetianisch-lombardische Königreich, die italienischen Länder, den Kirchenstaat und Corsika gingen, wanderten dagegen erst im Spätherbste „nach vollendeter Einsammlung der Feldfrüchte ab und kehren im Frühjahre zurück, „um dann wieder hinter dem Pfluge auf dem heimatlichen Boden zu schwitzen. Damit erweist sich die Wanderung der in der Stafflerschen Tabelle aufgeführten Südtiroler Arbeiter als winterliche Ergänzung der heimatlichen Sommerarbeit, während sie bei den Oberinntalern und Vorarlbergern gerade in der Sommerzeit erfolgt, eben als Ausgleich einer zu schmalen Nahrungsbasis.

Über den Landgerichtsbezirk Montafon berichtet der Kreishauptmann von Vorarlberg, Daubrava, 1819: „Die Hauptnahrungszweige der Einwohner sind die Viehzucht und die temporären Auswanderungen ins Ausland, aus welcher jährlich ein sehr bedeutender Verdienst nach Haus gebracht wird. Ich bekam wirklich auf allen meinen durchaus zu Fuß gemachten Exkursionen beinahe keine jungen Burschen zu sehen, die noch alle abwesend waren"9.

Das gleiche berichtet 1835 der Nachfolger Daubravas, der Kreishauptmann Ebner, ebenso 1842 in seiner „Statistik der Provinz Vorarlberg und der sechs Landgerichte"10. Ebner hat als Kreishauptmann 1824—1849 seinen Kreis Vorarlberg als wahrer Landesvater verwaltet und nicht nur bürokratisch und statistisch gearbeitet, sondern mit eindringlicher Bemühung um die humanitären Verhältnisse. Sein Zeugnis ist besonders wertvoll, es wird an mehreren Stellen noch gewürdigt werden. Übrigens hat er für Stafflers Beschreibung von Tirol und Vorarlberg gründliche Angaben über seinen Kreis geliefert (Abb. 2).

Ebner schildert das Montafon als eines der ärmsten Täler in Vorarlberg, wo ein Bauerngut, das eine größere Familie ernähren könne, selten und deshalb die zeitliche Auswanderung am stärksten sei. Neben den Scharen der Hirtenkinder, die nach Schwaben gehen, wanderten Maurer, Stukkateure, Zimmerer nach der Schweiz, Frankreich, Holland, Sensenhändler in die deutschen Staaten, „Hunderte von Weibern als Spinnerinnen oder zum Getreideschnitt und Ährenlesen nach Schwaben. Eine Besonderheit sind die Krauthobler, die mit dem Krauthobel auf dem Rücken „einen großen Teil besonders des nördlichen Deutschlands, Hollands und Preußen durchwandern, wobei jeder einen gleichsam von den Vätern ererbten Bezirk habe. Es sei eine grobe Beleidigung, wenn ein anderer Krautschneider in diesen Bezirk eindringe, aber „ein noch ahndungswürdigeres Verbrechen gegen die guten alten Gewohnheiten dieser Krautschneidergesellschaft und respektive Zunft" sei der Verkauf eines Krauthobels im Ausland, weil damit die Verkümmerung dieser Erwerbsquelle gefördert werde. Ohnehin gebe es für die Krautschneider in Preußen allerhand Anstände, ebenso bei den Sensenhändlern in der Schweiz. (Abb. 54)

Eine frühe Kinderwanderung in Vorarlberg

Von der Sitte einer Kinderwanderung zur Arbeitsuche berichtet am 2. September 1625 der Pfleger auf Schloß Bludenz, Johann Conrad Kostner, an die Regierung in Innsbruck. Er schreibt vom Montafon: wol ziechen alle jar zue früelings Zeitten vil Khinder auf die huett nacher Rauensburg, Überlingen und ins Reich hin und wieder, weliche aber vor und nach Marthini zue Haus khommen, gestalten mann dann an der heurigen Khindern auch erwarten tuett." (Abb. 3.) Das ist sicher der Bericht über eine gleiche Art der Kinderwanderung zur Arbeitsuche, wie sie um 1800 von den Tiroler und Vorarlberger Kindern berichtet wird. Es ist aber nötig, zu prüfen, welche Schlüsse aus diesem Bericht zu ziehen sind, einerseits hinsichtlich der zeitlichen Kontinuität, anderseits hinsichtlich der regionalen Ausdehnung11.

Bedeutsam ist, daß der Pfleger von Bludenz als einziger eine Kinderwanderung erwähnt, während unter den 55 anderen gleichzeitigen Berichten in gleicher Sache keiner ist, der ähnliche Mitteilungen macht. Der Hinweis auf die Wanderung der „Khinder auf die huett" geschieht in einem völlig anderen Aspekt, nur am Rande eines Problems der Konfessionalität, die in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges von besonderer Bedeutung war.

Anmerkungen

1 Grissemann, Hans: Die Fortzieher von Grins. In: Tiroler Heimatbilder 1926, Heft 5/6, S. 165.

2 Rohrer, Josef: Uiber die Tiroler. Ein Beytrag zur österreichischen Völkerkunde. 1796 Wien. S. 49f.

3 Guggenberg, Ignaz von: Topographie und Statistik des Landgerichtes Landeck. Manuskript 1835 im Ferdinandeum, Innsbruck. S. 13.

4 Gasteiger, Anton von: Landgericht Telfs oder Härtenberg und Schloßberg. Manuskript 1816 im Ferdinandeum, Innsbruck. S. 43ff.

5 Weber, Beda: Das Land Tirol. 1837 Innsbruck. Seite III 311, II 287, I 722, III 183 ff.

6 Falger, Anton: Chronik vom Lechthal. Handschrift 1854–1867 im Ferdinandeum, Innsbruck. S. 60.

7 TLA Hofregistratur Reihe A Abt. X, Position 70a, Fascikel 26.

8 Staffler, Johann Jakob: Tirol und Vorarlberg statistisch und topographisch. I. Teil S. 370.

9 Ebner: Die Berichte des Kreishauptmannes; bearbeitet von Meinrad Tiefenthaler. 1950 Dornbirn. S. 38.

10 Ebner, Berichte, aaO. S. 93, 230.

11 TLA Litt. R. 15 Abt. Leopoldinum.

Moralität — Glaubensinnigkeit — Polizeizwang

Das Seelenheil abwesender Kinder

Tirolische Religionsagenten waren von 1607 bis 1665 eingesetzt, um außerhalb des Landes das religiöse Verhalten der Landesangehörigen zu kontrollieren12. Die wichtigste Station war Augsburg und die dort residierenden Agenten betrieben ihre Aufgabe mit besonderem Eifer. Alle Akten über diese Vorgänge sind im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck vorhanden.

Schon 1568 hatte Ferdinand II. sich dagegen gewendet, daß „Landeskinde an Universitäten, die nicht der katholischen Religion zugetan waren, studierten. Dann ergingen von 1609 an in Abständen einiger Jahre bis 1625 immer wieder „Beuelch an die underthonen, deren von haimat abwesende Kinder oder anbevolne betreffend, . . . daß sie ihre Kinder, pupillen, befreundte und andere ihre anbevolhne oder zugewandte in keine sectische Schulen schicken.

Da die erwarteten Berichte immer wieder ausbleiben, wird 1625 mit ernster Mahnung von den „beambten Bericht gefordert. 56 Berichte gehen ein, davon 46 aus Tirol, aber keiner bringt ein Ergebnis von Bedeutung. 24 Berichte stimmen darin überein, daß trotz aller Mühe und allen Fleißes niemand zu erfahren gewesen sei, der an „sectischen Orten sich aufhalte.

Alle Landrichter betonen eingehend die von ihnen angestellten Umfragen und „Inquisitionen, einige nennen eine Reihe von Ortsangehörigen namentlich, die sich auswärts aufhalten. In einzelnen Fällen werden genau Ablauf und Umstände dieser Ortsveränderung geschildert, aber in bezug auf die Ausübung der religiösen Pflichten, oder es werden Abwandernde aus lange zurückliegender Zeit genannt, über deren Verbleib nichts zu erfahren sei — „ob sie noch am Leben sind.

Auch der Pfleger zu Bludenz verneint zunächst die Frage nach Einwohnern seines Bezirks, die in unkatholische, sektische und lutherische Orte für dauernd oder vorübergehend abwandern; er fügt dann die Bemerkung an, daß „viele Kinder" den Sommer über in die oberschwäbischen Gebiete gehen.

Von Stams, zwischen Telfs und Imst im Inntal, wird berichtet:

„Zeige darauf Euer Exzellenz hiermit gehorsamblichen an, daß ich Vorhin wie auch dießmal zur Volzürchung dero außgangenen gnädigen bevelch mit anderem angelegenen fleiß gute Achtung und nachforschung auf die Gerichtskhünder meiner Verwaltung, so außer Landts sein möchten, gehalten. Und weil Ich in erfarung gebracht und mir selbst bewiß, solange ich allhier im Ambt bin, Ungefer vor zway Jaren, zwey ledige Purschen, der eine Jörg Kleubeuschädl geheißen, seinem erlernten Schneiderhandwerk nachgewandert, Und der Andere Thomas Dayser genannt, ins Schweizer Landt aufs Holzerwerb gezogen, Und man nit weiß und erfaren khan, wellichen orten derzeitig, und ob Sy noch bei Leben sein oder nit.

Sollichen hab Euer Exzellenz auf derselben gnediges bevelch Ich Unterthenig und gehorsamblich nit unterlassen wollen.

Stambß den 2 Aprilis anno 1623         Jeremias Bernhart Richter alda"

Von Pfunds, im oberen Inntal, dicht vor dem Reschenpaß, kommt folgender Bericht:

„Zu schuldigem Gehorsam hab ich meine Nachfrage und Inquisition alhie meiner Verwaltung gehalten, ob etwa Ainer oder anderer Unterthanen Ihr Khinder an fremde Ort oder wohin geschickt habe. Aber ainichen nit befunnden das etwa Ainer sein Eigne oder Pflegekhinder ander gleichem weder zum Augspurg noch andere Luteriche orts geschickt hat. Allein sein vor vil Jarn etliche bey drey oder vier Khinder vörlich wie Ich verhanden, ins Österreich zogen. Aber unbewißt wo Sy der Zeit ob Sy noch bey Leben oder nit sind. Das hab E. Exz. gehorsamblich berichten und dero mich undterthenig Bevohlen wollen.

Datum Pfundts den 24. Juli 1625 Undterthenig und gehorsamst (Unterschrift)"

Es besteht kein Anlaß, anzunehmen, daß irgendein Landrichter sich der Verpflichtung entzogen hätte, auch über regelmäßige zeitliche Abwanderung einer großen Zahl von Kindern zu berichten, wenn diese in seinem Bezirk stattgefunden haben würde. Insbesondere aber ist bei keinem derjenigen Bezirke, aus denen im 19. Jahrhundert die Hauptmasse der Schwabenkinder abwandert, im damaligen Bericht auch nur der geringste Hinweis auf eine solche Gepflogenheit enthalten. Es wäre ein unsinniger Gedanke, daß ein Landrichter in dem ausdrücklich angeforderten Bericht über die ortsabwesenden „Kinder" etwas hätte übersehen oder verschweigen können, was als eine, lange Zeit gewohnte Handlungsweise der Bevölkerung ohnehin über seinen Bezirk hinaus bekannt gewesen wäre.

Das Fehlen solcher Berichte aus den anderen Bezirken außer dem einen läßt sich auch nicht etwa damit erklären, daß die Beantwortung deshalb gegenstandslos gewesen wäre, weil die „Schwabenkinder in jener Zeit sowieso nur in „katholische Gegenden wanderten, so daß die religiös-disziplinär begründete Umfrage nach Auswanderern in unkatholische Orte nicht in Betracht gekommen wäre. Wie man noch im 19. Jahrhundert eifrig darüber wachte, daß kein protestantischer Bauer in Oberschwaben ein Tiroler Kind aufnahm, so war erst recht zur Zeit der Umfrage — zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges — keine Gewähr gegeben, daß um den Bodensee herum „alles katholisch gewesen wäre. Selbst die heute, in der Gegenwart, „katholischen Städte wie Ravensburg und Überlingen veränderten ihre konfessionelle Stellung in jener Zeit und galten für die „ur-katholische" Tiroler Geistlichkeit mindestens zeitweise als sektisch oder lutherisch oder kalvinistisch.

Diese konfessionelle „Unzuverlässigkeit dieser Orte wird bestätigt in einem weiteren Mandat, das 1629 an die vorländischen und vorarlbergischen und an zwei Tiroler Beamte erging, „daß ein jeder sich erkundigen soll, was unter seinen Untertanen für Kinder, Handwerker und andere Personen außer Landes an sektischen Orten, besonders in Augsburg, Ulm, Kempten, Memmingen, Isny, Lindau, Leutkirch, Ravensburg, Biberach, St. Gallen und anderen kalvinischen Orten sich aufhalten. Demnach hätte keiner der berichterstattenden Beamten eine Kinderwanderung ungenannt lassen können, die in jene Gegenden führte, die später von den „Schwabenkindern" aufgesucht wurden.

Die ganze Aktion war unergiebig, wahrscheinlich, weil überhaupt nicht viele Tiroler im Ausland waren und blieben, ebenso war es auch in Vorarlberg. So hat die Stadt Bludenz „von dergl. Personen keine Wissenschaft". Diese Unergiebigkeit solcher Feststellungen war es vielleicht auch, die den Beamten schon lange die Lust an der Berichterstattung ganz genommen hatte, so daß sie nur mit energischen Mahnungen endlich dazu gebracht werden konnten. Auch die österreichischen Beamten in den Vorlanden sollten berichten, es gingen aber auch von da nur inhaltslose Berichte ein und überhaupt nur von Rottenburg am Neckar, Günzburg an der Donau, Stockach und Burgau.

Überdies ist nicht anzunehmen, daß die „Khinder in dem Bericht des Pflegers Kostner „Schulkinder nach dem neuzeitlichen Begriff sein müssen. Es ging um die den Eltern und Vormünder anvertrauten „Kinder, pupillen [Waisenkinder], befreundte, anbevolhne oder zugewandte" — also außer leiblichen Kindern um Verwandte, Mündel und anvertraute Elternlose.

Besonders kritisch wurde das Studium an ausländischen Universitäten betrachtet, und auch dies kann nicht für jüngere Kinder in Betracht kommen. Die Feststellungen über auswärts Lebende ergaben sich durch Befragen der Eltern, die oft nichts mehr wußten von den schon vor Jahren Abgewanwanderten, die wohl inzwischen das Kindesalter überschritten hatten.

Wenn 1654 Ferdinand Karl ein neues Mandat erläßt: „daß etwelche Bauersund Handwerksleute der Grafschaft Tirol im Frühling und Sommer eines besseren Gewinnes halber außer Landes in unkatholische Orte ziehen, dann spricht er mit solchen Worten von Erwachsenen, und die Sorge, daß sie „im Herbst verbotene Bücher mitbringen, ist ebenfalls nicht auf junge Kinder gemünzt. Schließlich heißt es 1657, daß noch immer Untertanen auf einige Zeit im Ausland arbeiten und „ihre Kinder, die sie allein lassen, seien dann den Untertanen den Sommer hindurch stets vor der Tür, Almosen zu suchen — was nur dafür spricht, daß die Alten weggingen und die (jüngeren) Kinder sich selbst überlassen waren. Wenn das letzte Mandat 1658 wieder sagt, daß haufenweise die Untertanen in unkatholische Orte ziehen, und zwar nicht zur Sommerzeit, sondern auch auf ständig, und dann in der Fremde von der katholischen Religion abfielen, „selbst minderjährige Knaben, so ist nicht die Rede von einer jährlich wiederholten, sondern von einer gänzlichen Auswanderung, an der Minderjährige teilnehmen, wozu eben auch Jünglinge gehörten.

Insgesamt bringt die ganze, konfessionell begründete Aktion keinerlei Spuren davon, daß schon kurz nach 1600 aus Tirol eine regelmäßige zeitliche Auswanderung von Kindern jüngeren Alters stattgefunden habe, ja, dies bezeugt der Bericht des Bludenzer Pflegers auch nur vom Montafon, aber keineswegs ist daraus das gleiche für ganz Vorarlberg zu schließen.

Ferdinand Ulmer kommt in seinem Buch „Die Schwabenkinder 1943 zwar zu anderen Folgerungen, mit denen er den Anfang einer allgemeinen Kinderwanderung wesentlich früher datiert, er hat aber dafür keine exakten Belege. Er erklärt selbst, er habe sich „nicht allzusehr bemüht, weitere Beweise dafür zu finden. Wenn der Bericht Kostners „nicht von einer Tiroler Kinderauswanderung erzählt und die befragten Tiroler Landrichter in ihren Berichten „die Schwabenkinder gar nicht erwähnen, so haben diese „darüber vielleicht aus Unkenntnis, vielleicht aus Absicht nichts gemeldet, aber „alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es auch in Tirol schon damals Schwabenkinder gab13.

Das absolute Vakuum in den Berichten der Pfleger und Landrichter hinsichtlich einer gewohnheitsmäßigen regelmäßigen Kinderwanderung muß als Beweis dafür gelten, daß diese damals noch nicht im Gange war. Selbst die zeitliche Auswanderung Erwachsener kann nicht von besonderem Umfange gewesen sein. Das ergibt sich nicht nur aus der geringfügigen Anzahl der Landeskinder, von denen überhaupt die Abwesenheit berichtet wird, sondern auch praktisch aus der Unmöglichkeit, daß man Hunderte oder Tausende durch einzelne Religions-Agenten hätte überwachen lassen können.

Der Übergang von der überschaubaren Einzelwanderung zur kollektiven Wanderung kann also erst später erfolgt sein, wahrscheinlich veranlaßt durch die Zunahme der Bevölkerung. Da sich die Kinderwanderung erst auf der Brücke der Erwachsenenwanderung entwickelt haben kann, darf man ihren Anfang mit einiger Sicherheit im 18. Jahrhundert suchen, ohne ihn innerhalb dieses großen Zeitraumes näher fixieren zu können.

Geistliche Sorgen — Ökonomische Sorgen

„Der Fall ist wichtig; es trifft das Heil vieler Seelen an. Rathen Ihre Hochwürden, wie da zu mitteln wäre. Zehnjährige pfarrliche Erfahrung konnte mich bei allem mir möglichen Bemühen nicht auf ein zweckmäßiges Mittel führen, so vielem sittlichen Unheil zu steuern. Meistens trifft es Vorarlberger und Tiroler alle Brixener Bistumsangehörige über 300 an der Zahl. Diese Leute sichern hier durch Arbeit ihr Brod, aber mit großem Nachteil ihrer Seele. Der Ort ist ganz protestantisch. ... schon erlebt, daß die Christen in kurzer Zeit die ruchlosesten geworden sind. . . . "

Diese dramatischen Worte schreibt 1825 der „Apostolische Missionar in Graubünden, P. Florian Ord. Capuc., und dessen Brief fügt das „Fürstbischöfliche Brixener Generalvikariat Feldkirch seinem Schreiben vom 10. August an das „k. k. löbliche Kreisamt in Bregenz bei, in dem es seinerseits erklärt: „Welchen Gefahren die Sittlichkeit der vorzüglich in Graubünden dienenden Tyroler und Vorarlberg ausgesetzt sey und welchen Einfluß auf Tyrol und Vorarlberg das an sich unvermeidliche jährliche Auswandern von Tausenden habe, will das löbl. Kreisamt aus dem in Abschrift beiliegenden Schreiben ersehen. Die Sache ist wichtig, allein zu helfen ist schwer. ... Das Generalvikariat ist in Verlegenheit wenn da von den Mitteln die Rede ist, die diesem Übel entgegengesetzt werden soll. Das Generalvikariat wünscht, daß alle jene, die ins Ausland gehen, keinen Paß erhalten, ohne sich ausweisen zu können, daß sie sich vor ihrem Seelsorger gestellt und von diesem die erforderliche Warnung erhalten haben14.

Vom 19. August 1825 findet sich ein handschriftlicher Entwurf des Kreishauptmannes Ebner an die drei Landgerichte, die zum Bericht aufgefordert werden, „ob die bisher gemachten Erfahrungen wirklich die Verdorbenheit der zeitlichen Auswanderer und einen besonderen Einfluß auf die Moralität [ergeben] . . . und durch welche Mittel dafür gesorgt werden kann ... , daß die zeitlichen Auswanderer nicht auf „Moralität und Sittlichkeit der übrigen Bevölkerung schädlich einwirken können. Ebner erweitert die Fragestellung auf „Auswanderung und „Ausland allgemein, während die Klage der Geistlichkeit nur unmittelbar aus dem schweizerischen Kanton Graubünden kommt.

Das Landgericht Schruns (Montafon) antwortet am 3. September 1825: „... aus den Erhebungen resultiert nicht, daß die zeitlichen Auswanderungen ... nachteilig einwirken. Wenn aber wirklich ein Indifferentismus . . . verbreitet würde, so sieht das Landgericht nicht ein, daß zu der beantragten geistlichen Belehrung die Mithilfe des weltlichen Armes nöthig seye. ... es läßt sich erwarten, daß ein solcher mit Liebe und Glaubensinnigkeit ertheilter Unterricht den gewünschten Zweck nicht verfehlen werde. Zwang in Religionssachen hat, wie die Geschichte lehrt, nie gute Folgen gehabt."

Vom Landgericht Sonnenberg (Bludenz) kommt am 30. April 1826 die Antwort, es sei „... nicht zu leugnen, daß einige junge Leute durch die zeitweise Auswanderung ... in Beziehung auf Sittlichkeit und Religion verdorben werden. Allein die Zahl dieser ist bei weitem nicht so groß . . . hält man sich daher auch verpflichtet, zur Zurückweisung der angetragenen nur zwecklos Aufsehen erregenden Maßregel des Fürstbischöflichen Generalvikariats einzurathen".

Die Antwort des Landgerichts Bregenzerwald (Bezau) vom 8. September 1825 lautet ähnlich: daß „die länger andauernde Auswanderung jener Arbeitsleute in jedem Falle als für die Religiosität und Sittlichkeit sehr gefährlich angesehen werden muß, läßt sich wohl nicht bezweifeln. . . . [Aber es] dürfte das auf das Gutte der Sache mehr nachteilig als Vorteilhaft wirken, wenn dieser allerdings wichtige ... Teil des öffentlichen Unterrichtes zu einer polizeilichen Zwangsanstalt heruntergewürdigt werden sollte".

Kreishauptmann Ebner schreibt am 3. März 1826 an das Generalvikariat: „... Nach den Erhebungen sind die Fälle, wo zeitlich Auswandernde an Leib und Seele verdorben zurückgekehrt sind, und auf die Moralität ihrer Mitbürger nachteiligen eingewirkt haben, bisher weder so häufig noch so einflußreich geworden, daß es notwendig wäre, eine außerordentliche Maßnahme, die im In- und Ausland Aufsehen erregen müßte, in Anwendung zu bringen.

... Diese Maßnahme würde bei dem Umstande, daß oft 100 und noch mehr Individuen auf einmal sich in das Ausland fortbegeben, gar nicht ausführbar sein. . . . [Es würde] höchstwahrscheinlich der Seelsorger größtenteils sich fruchtlos abmühen, und der zeitliche Auswanderer, dem es um die Erhaltung des Passes so schnell wie möglich zu tun sein muß, goldene Berge versprechen,

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