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Erst ziehen, dann denken: Sinn und Unsinn im Schachtraining

Erst ziehen, dann denken: Sinn und Unsinn im Schachtraining

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Erst ziehen, dann denken: Sinn und Unsinn im Schachtraining

Länge:
655 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Juni 2016
ISBN:
9789056915506
Format:
Buch

Beschreibung

In der Schachlehre wird allgemein behauptet, dass man sich nur auf die Merkmale einer Stellung zu konzentrieren braucht. Bei Beachtung einiger Faustregeln wird man mehr oder weniger automatisch gute Züge produzieren.

So läuft die Sache aber nicht, wie der internationale Meister Willy Hendriks feststellt.

Weder schwache noch starke Spieler schmieden zuerst einen Plan, bevor sie Kandidatenzüge betrachten.

Die Trial-and-Error-Methode ist eine sehr gebräuchliche und in der Tat sehr effektive Weise, den besten Zug zu finden.

Auf seiner Reise in den Schachspielerverstand bedient sich Hendriks jüngster wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Funktionieren des Gehirns.

Er wirft einige interessante Fragen auf:

* Kann jeder (ob talentiert oder nicht) Großmeister werden?

* Warum klingt der Rat eines Schachtrainers häufig wie ein Horoskop?

* Kann man starke Züge finden, indem man eine To-do-Liste abarbeitet?

* Kann man Meisterstärke erreichen, ohne jemals einen Plan ausgearbeitet zu haben?

In diesem erfrischenden, unterhaltsamen und äußerst lehrreichen Buch zeigt Willy Hendriks, wie man den Weg zur schachlichen Verbesserung mit wenig Gepäck beschreiten kann!

Enthält eine Fülle von wertvollem Trainingsmaterial.
Herausgeber:
Freigegeben:
22. Juni 2016
ISBN:
9789056915506
Format:
Buch

Über den Autor

International Master Willy Hendriks (1966) has been working as a chess trainer for over 25 years. His acclaimed bestseller Move First, Think Later won the English Chess Federation Book of the Year Award.


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Buchvorschau

Erst ziehen, dann denken - Willy Hendriks

Wijs.

Übungen für Kapitel 1

1. Weiß am Zug

2. Weiß am Zug

3. Weiß am Zug

1. Erst ziehen, dann planen, dann urteilen

Erst schießen, dann Fragen stellen.

Motto aus Westernfilmen

Mein Schwiegervater war Mitglied eines Billardclubs mit dem Namen ESDSWÜI: Erst stoßen, dann schauen, was übrig ist. Auf Niederländisch klingt das eleganter: ESDO: Eerst Stoten Dan Overhouden. In Analogie dazu könnte man einen Schachclub EZDD taufen: Erst Ziehen, Dann Denken. Der Titel dieses Kapitels scheint die Dinge auf die gleiche Art und Weise umzudrehen und vermittelt daher die gleiche Atmosphäre fröhlichen Kneipensports wie der oben erwähnte Club. Ich meine es damit aber bierernst.

An dieser Stelle möchte ich auf eine elementare Annahme hinweisen, die für viele Schachtrainer völlig selbstverständlich erscheint und die Grundlage für viele Schachlehrbücher bildet. Ich muss zugeben, dass ich selbst mich auch lange Zeit daran gehalten habe.

Der folgende Dialog hätte sich während einer meiner eigenen Trainingssitzungen ereignen können.

Juri Balaschow

Jaime Sunye Neto

Wijk aan Zee 1982

(Übung Nr. 1)

Trainer: „Ihr hattet Gelegenheit, Euch die Stellung anzusehen. Worum geht es hier, und was sind die wichtigsten Merkmale dieser Stellung? Paul, hast Du eine Idee?"

Paul: „Äh, ja, ich würde ♖c6 spielen, und wenn er den Turm schlägt, habe ich ♘d5."

Trainer: „Ja, Du kommst gleich mit Zügen daher. Gehen wir aber zurück zu den Stellungsmerkmalen; kannst Du dazu etwas sagen?"

Paul: „Nun, äh, ♖c6 droht mit dem Schlagen auf d6, ich kann nicht sehen, was Schwarz dagegen unternehmen kann, wenn er nimmt, nehme ich zurück und lasse ♘d5 folgen, was kann er dann machen?"

Viele Schachbücher sind in dem gleichen pedantischen Ton geschrieben, wie ihn der Trainer hier benutzt. Sie beruhen auf der Idee, dass man nicht aufs Geratewohl Züge versuchen sollte, sondern sich zunächst die Merkmale der Stellung genau ansehen, darauf aufbauend einen allgemeineren Plan formulieren und erst dann nach einem konkreten „Ergebnis" in Form eines tatsächlichen Zuges suchen sollte.

Das ist Unsinn.

Kein Schachspieler denkt so, niemand hat mit dieser Denkweise Schachspielen gelernt, selbst Trainer und Schachbuchautoren denken nicht so.

In vielen Büchern wird uns jedoch genau diese Perspektive suggeriert: Wenn man sich nur die Merkmale der Stellung genau ansieht, ergibt sich daraus fast wie von selbst ein guter Zug.

Diese Autoren vergessen oft, dass sie selbst es umgekehrt machen: In der von ihnen zur Veranschaulichung irgendeines Punkts gewählten Stellung kennen sie den stärksten Zug schon. Sie geben dann vor, dass dieser Zug die logische Konsequenz ihrer Beschreibung der Merkmale der Stellung ist, während sie in Wirklichkeit diese Merkmale an den Zug anpassen, dessen Stärke sie bereits kennen.

Wie könnte es andersherum gehen? Nehmen wir die obige Stellung als Beispiel. Die meisten Spieler werden ihre Aufmerksamkeit alsbald auf die Möglichkeiten der aktiven weißen Figuren gegen den schwarzen König richten:

„1.♘f5+ ♗xf5 2.♕xf5, hmmmm, nett, als Nächstes vielleicht 3.♖c6; 2…bxa4 greift den Läufer an, unangenehm, andere Züge, 1.a5 langsam, aha: 1.♗xd6+ ♔xd6 2.♕xf6+ gewinnt für Weiß, also 1…♕xd6, dann 2.♘f5+ ♗xf5 3.♕xf5 mit der Drohung 4.♖c6, aber das ist mir nicht geheuer; aha: sofort 2.♖c6, Dame geht weg, dann 3.♕xf6 und auf 2…♗xc6 gewinnt 3.♘f5+, ja, das muss gewinnen, Schwarz bekommt nicht genug für die Dame, alles hängt.

1.♗xd6+ sieht gut aus. Moment mal, warum nicht sofort 1.♖c6? Das sieht sogar noch besser aus. Nach 1…♗xc6 2.dxc6 kommt 3.♘d5 (greift f6 an und macht c7 zu einem Thema). Oder vielleicht doch 1.♗xd6+?"

So könnte der Denkprozess in Wirklichkeit ablaufen. Und es gibt noch viele andere Möglichkeiten. Vielleicht findet jemand 1.♖c6, ohne vorher die Variante mit 1.♗xd6+ gesehen zu haben. Oder er findet 1.♖c6 oder 1.♗xd6+ überhaupt nicht – wer derartige Züge findet, ist bereits ein ziemlich starker Spieler.

Nun, da wir 1.♖c6 gefunden haben, kann man konstatieren, dass Weiß wegen der unsicheren Stellung des schwarzen Königs in der Mitte, seiner aktiven weißen Figuren, der weißfeldrigen Schwächen des Nachziehenden, des überlasteten Verteidigers der weißen Felder (♗d7), der Fesselung des Bauern d6, der versteckten Möglichkeit ♘d5 usw. auf Gewinn steht.

(In der Partie gab Schwarz nach 22.♖c6! auf. Stattdessen ist nach 22.♗xd6+ ♕xd6 23.♖c6 die Verteidigung 23…e4! noch eine harte Nuss.)¹

Rückblickend könnte ich sogar versuchen, Ihnen den folgenden Plan zu verkaufen: Ich spiele 1.♖c6 mit Druck auf d6, um die starke Verteidigungsfigur auf d7 zu eliminieren und das starke freigewordene Feld d5 durch nachfolgendes ♘d5 auszunutzen. So gelange ich über die effektiven Züge zum Plan und zur Beurteilung der Stellung, also in umgekehrter Reihenfolge.

Vielleicht ist diese Interpretation nicht ganz zufriedenstellend? Ich muss zugeben, dass ich etwas übertrieben habe, um meine Aussage an den Mann zu bringen.

In Wirklichkeit gibt es aber überhaupt keine Reihenfolge! Wir beurteilen nicht zuerst die Stellung und betrachten dann Züge. Alles passiert gleichzeitig.

Die Erklärung hierfür lautet: Ein Stellungsmerkmal kann nicht bedeutsam sein, wenn es nicht mit einem (mehr oder weniger) effektiven Zug verbunden ist.

Wir sehen Stellungsmerkmale und die entsprechenden Züge gleichzeitig, da Merkmale, die nicht mit einem effektiven Zug verbunden sind, einfach nicht relevant sind. Wir sehen keine Schwäche auf f7, wenn wir nicht (gleichzeitig oder schon früher) Züge wie ♘g5 oder ♗xf7 sehen.

Gilt das Prinzip, zuerst die Merkmale zu betrachten und erst dann nach Zügen zu suchen, womöglich für ruhigere Stellungen mit eher positionellem Charakter?

Garri Kasparow

Alexej Schirow

Wijk aan Zee 2001

(Übung Nr. 2)

Wie sind Sie auf Ihren Zug gekommen? Das ist an sich schon eine schwierige Frage, da es zweifelhaft ist, ob wir durch Selbstprüfung nachvollziehen können, was in unserem Gehirn vor sich geht. Ich bin aber der Meinung, dass bei denjenigen, die hier wie Kasparow 17.a4! spielen, dieser Zug einfach plötzlich in ihrem Kopf „auftaucht. Hat irgendjemand so etwas gedacht wie: „Ich muss den Turm von f8 vertreiben. Wie kann ich das anstellen?

Ich behaupte also, dass es in Wirklichkeit keine „Reihenfolge oder „Ordnung gibt, in der wir das Brett betrachten – wir sehen alles gleichzeitig. Es ist so, als ob man den Fußballer fragt, was er zuerst gesehen hat: dass der Torwart zu weit vor seinem Tor steht oder dass der Ball sich vor seinem geistigen Auge über den Kopf des Torwarts hinweg ins Netz senkt.

Worte und Züge

„Es steht geschrieben, dass die Tiere wie folgt eingeteilt werden: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese Einteilung aufgenommene, i) sich wie toll gebärdende, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gemalte, l) usw., m) die gerade den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen."²

Das „Dogma der respektablen Ordnung, wie ich es nennen würde, ist ein offensichtliches, aber ziemlich altmodisches didaktisches Konzept. An einem Trainer, der seine Aufmerksamkeit den verschiedenen Merkmalen einer Stellung widmet, ist nichts auszusetzen. Ein Gespräch über Stellungen kann recht lehrreich sein (insbesondere, wenn man den besten Zug kennt). Problematisch wird es aber, wenn man seinen Schülern die Reihenfolge von „Urteil und Plan aufzwingen will. Schach ist ein schnelles Spiel. Bei der Suche nach dem besten Zug kann man sich keine Umwege leisten.

Sorgfältig die Merkmale betrachten, einen allgemeinen Plan fassen, nach einer „Realisierung" auf irgendeiner Ebene suchen: Das ist nicht, wie wir Schach spielen oder wie wir das Schachspielen lernen. Diese Reihenfolge kann ebenso leicht umgekehrt werden: Effektive Züge führen uns zum Kern der Stellung.

Mit dem Dogma der respektablen Ordnung eng verbunden und häufig schwer davon zu unterscheiden ist eine noch abscheulichere Idee, die ich etwas pathetisch als „Illusion der sprachlichen Regeln" beschreiben möchte.

Einige Trainer und Schachbuchautoren denken, dass sie alle möglichen Ratschläge in Worten formulieren können und diese Ratschläge dann auf konkrete Positionen angewendet werden und dem Spieler bei der Auffindung des richtigen Zuges (des richtigen Plans) helfen können. Mit anderen Worten kann Sprache im Schach nicht nur deskriptiv, sondern auch präskriptiv sein.

In Schachlehrbüchern dieser Art findet man oft sprachliche „Ratschläge allgemeinen Charakters mit einer nachfolgenden (Großmeister-)Partie als „Beispiel. Damit wird suggeriert, dass der Großmeister im Grunde nichts anderes macht, als den gerade gegebenen Ratschlag zu befolgen.

Ein Beispiel hierfür findet sich in Carsten Hansens Buch Improve your Positional Chess, das größtenteils auf dieser Illusion basiert. Offensichtlich ist eine Menge Arbeit in dieses Buch gesteckt worden, aber diese nichtssagenden, in pedantischem Ton abgegebenen Ratschläge machen das Werk schwer verdaulich. Unter der Überschrift „Wie man eine Schwäche erzeugt" schreibt Hansen u.a. Folgendes:

[In Stellungen, in denen der Gegner keine Schwächen hat] „wird man nach den auf dem Brett bestehenden Ungleichgewichten suchen und sehen müssen, wie man sie zur Erzeugung einer Schwäche in der gegnerischen Stellung nutzen kann, entweder durch Provokation oder durch zielorientiertes Spiel, wo man einen Weg sieht, eine Schwäche herauszubilden."

Als „Beispiel" führt er dann das folgende Fragment an.

Alexej Schirow

Garri Kasparow

Linares 1997

16…g4! 17.f4 h4!

Die wunderschöne Pointe. Nach 18.fxe5 dxe5 hat der weiße Springer kein Fluchtfeld – Schwarz gewinnt die Figur mit bequemem Spiel zurück.

18.♗e3 h3 19.g3 ♘c6

Schwarz hat einen kleinen Erfolg erzielt: der Bauer auf h3 ist ein Dorn im Fleisch des Anziehenden. Hansen führt dieses Fragment weiter, aber die Schwäche (der weißen Felder) ist erzeugt worden (mit „zielgerichtetem Spiel").

Es ist so, als ob man in einer Anleitung zur Kunst das Malens behauptet, dass man mit einer Reihe von gut gezielten, aber gefühlvollen Pinselstrichen und einer guten Idee der schlussendlichen Komposition die schönsten Gemälde erschaffen kann, und dann darunter ein Gemälde von Monet als Beispiel abdruckt.

Auf Fragen wie: „Wie erzeuge ich eine Schwäche? und „Wie wirke ich der gegnerischen Initiative entgegen? gibt es nur eine Antwort: Spiele gute Züge!

Was wir aus diesem Fragment von Kasparow lernen können, ist nicht, wie man Schwächen erzeugen kann; der lehrreiche Teil ist 16…g4! und 17…h4!. Wer weiß, vielleicht bringt uns das eines Tages auf die Spur eines ähnlichen Zuges …h5-h4 oder eines ähnlichen vorübergehenden Figurenopfers oder vielleicht auf einen ganz anders gearteten, aber ebenfalls effektiven Zug …h5-h4.

Als wir Schach gelernt haben, wurde uns allen eine Vielzahl von sprichwortartigen Ratschlägen mitgegeben. Genau wie im richtigen Leben können wir erkennen, dass sie ein Körnchen Wahrheit enthalten, aber als Ratschläge wertlos sind, da sie nicht unter allen Umständen befolgt werden können.

Nehmen wir das Diktum „Ein Bauernvorstoß am Flügel sollte mit einer Aktion im Zentrum beantwortet werden. Dies kann von einem Schachbuchautor mit einer Unmenge attraktiver Beispiele veranschaulicht werden. Es wäre schwierig, zu diesem Thema eine statistische Analyse anzustellen, aber meiner Meinung nach ist ein Spruch wie „Nach einem gegnerischen Bauernvorstoß am Flügel sollte man ruhig bleiben und nichts Verrücktes unternehmen genauso stichhaltig. Oder auch genauso nichtssagend.³

Das Gleiche gilt für gewisse Listen, die wie Rezepte aussehen. Wie führe ich einen Angriff auf den gegnerischen König? Führe Angreifer heran, schalte Verteidiger aus, öffne Linien, bringe Deine Figuren in Stellung, opfere eine Figur, um die Bauerndeckung des Gegners zu zerstören, setze Matt. Problematisch ist an diesem Rezept, dass es so ziemlich alles enthält, was man in der Nähe des gegnerischen Königs anstellen kann. Genau wie in der Küche reicht eine Liste von Zutaten alleine nicht aus. Man braucht einen guten Koch, um eine schmackhafte Mahlzeit zuzubereiten.

Wir könnten die Beziehung zwischen Worten und Zügen gemäß dem altehrwürdigen philosophischen Aspekt des Speziellen und des Allgemeinen betrachten, aber das ist meiner Meinung nach nicht der richtige Blickwinkel. Beim Schach geht es nicht um die Anwendung allgemeiner Prinzipien, die sich auf etwas subtilerem Niveau gut in Worten ausdrücken lassen. Vielmehr findet das Spiel in einer anderen Domäne statt, in der Worte hoffnungslos unzureichend sind. Darauf wies J.H. Donner bereits mit seiner wohlbekannten Beschreibung des Schachspiels als „erschnüffelnde ertastende Wahrnehmung" hin.

Das bedeutet für den Leser von Schachbüchern, der seine Spielstärke anheben will, dass er mit der Arbeit an dem Material beginnen muss und vom Textteil nicht allzu viel erwarten sollte. Keine sehr angenehme Botschaft für die vielen Leser, die bei ihrer Suche nach dem einen magischen Wort, das den Schlüssel zu einer höheren Ebene darstellt, die Partien, Fragmente und Übungen überschlagen.

Für den Trainer bedeutet dies, dass der Vorrang den von ihm besprochenen Stellungen gebührt. Stellungen sind keine Beispiele, die allgemeinere Prinzipien veranschaulichen – sie bilden das eigentliche Lernmaterial.

Dagegen kann sich ein Trainer u.a. versündigen, indem er versucht, Stellungen in das starre Korsett eines allgemeinen Prinzips zu zwängen. Unvorhergesehene Varianten, die nicht in dieses Schema passen, werden dabei unter den Tisch fallen gelassen.

Betrachten wir hierzu ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis. Dies war auch ein Fall des Nachplapperns eines anderen Autors, aber meiner Ansicht nach verdeutlicht es schön, wie der Blick auf die Stellung verschwimmen kann, wenn man denkt, dass man schon weiß, wie das Ergebnis lauten sollte.

Jelena Dembo

Anetta Günther

Damenbundesliga 2004

(Übung Nr. 3)

Diese Stellung stellte ich in zwei verschiedenen Trainingsgruppen vor mit der Idee, ein attraktives Beispiel für gutes Manövrieren zu zeigen.

In der Partie folgte 21.♗d1!? (Schachtrainer lieben solche Züge!), und nach 21…♖g8 22.♗h5 ♕f8 23.♖g4 d5?!

gewann Weiß elegant mit 24.♗f7! g5 (24…♕xf7 25.♕xh7+!) 25.fxg6 ♖g7 26.♗h6, und Schwarz gab auf.

Dieses Fragment hatte ich in How to Choose a Chess Move von Andrew Soltis gefunden. Dieses Buch ist sehr unterhaltsam, enthält aber auch hier und da einige weniger zufriedenstellende Varianten.

Soltis war von dem attraktiven Zug 21.♗d1 ebenfalls beeindruckt, aber in beiden Trainingsgruppen wurde der Zug 21.♖xg7 vorgeschlagen. Dies versuchte ich zunächst einfach abzuwimmeln („zu wenig Figuren in Angriffsstellungen oder „Weiß sollte den Abtausch seines schönen Läufers gegen die lahme schwarze Mähre auf a5 nicht zulassen), aber nachdem wir uns einige Varianten angesehen hatten, versuchte ich mich mit dem Versprechen aus der Affäre zu ziehen, mir das zu Hause anzusehen, wobei ich felsenfest darauf vertraute, dass Fritz mir hier schon helfen würde. Fehlanzeige! Das energische 21.♖xg7! gewinnt auf der Stelle. Nach 21…♔xg7 22.♗h6+ ♔h8 23.♖g1 gibt es keine Verteidigung für Schwarz; 23…♕e7 wird mit 24.♕g3! beantwortet.

(Analysestellung nach 24.♕g3)

Also musste ich in der nächsten Trainingssitzung Abbitte leisten.

Wenn man sich zu sehr an Allgemeinheiten klammert, verliert man den Blick für das Konkrete. Wir wissen alle, dass das ultimative Argument eines Schachspielers nicht aus einer leidenschaftlichen Rede besteht, sondern aus der Frage: „Also, was spielst Du hier?".

In den letzten Jahren ist dieses „Diktat des Konkreten" in einer Reihe von Büchern angesprochen worden, von denen Secrets of Modern Chess Strategy von John Watson hervorzuheben ist.

Ein anderes Buch, in dem viel Wert auf diesen Punkt gelegt wird, ist The Road to Chess Improvement von Alex Yermolinsky. Für den aufstrebenden Spieler hat er nur einen Ratschlag: Geh‘ an die Arbeit! Für ihn selbst bestand der Weg zu einem höheren Niveau aus der Analyse seiner eigenen Partien. Sein Wissen und seine Fähigkeiten kann man nicht mit Allgemeinplätzen aus Büchern mehren, sondern nur, indem man sich intensiv mit konkreten Stellungen befasst.

Sind also all die Ratschläge und Aphorismen der großen Spieler der Schachgeschichte nutzlos? Nein – die folgenden Worte von Capablanca sind beachtenswert: Wenn Sie einen guten Zug sehen, spielen Sie ihn!

Anmerkungen

1. Diese Übung stammt aus Imagination in Chess von Paata Gaprindaschwili, einem Buch mit einer Fülle von guten, aber recht schwierigen Übungen.

2. Eine berühmte Einteilung von Jorge Luis Borges aus einer gewissen chinesischen Enzyklopädie mit dem Titel Heavenly Emporium of Benevolent Knowledge. Sie wird im Vorwort von Michel Foucaults Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses) zitiert. Die im französischsprachigen Titel angesprochene Beziehung ist eines der großen Themen in der gesamten Geschichte der Philosophie: Wie stehen Worte, Konzepte, Theorien, Wissenschaften (und Einteilungen) in Zusammenhang mit der „Realität", den Dingen, wie sie sind?

3. In Kapitel 7 werde ich zu diesem Thema einige Recherchen anstellen.

4. Donner, The King, Seite 201.

5. Dies ist ein interessantes Buch über Strategie und seine historischen Veränderungen, das von Nimzowitsch ausgeht. So weit ich sehen kann, wirft Watson die Nützlichkeit theoretischer Konzepte nicht über Bord, sondern sucht stattdessen nach Wegen, sie zu verfeinern.

Übungen für Kapitel 2

4. Schwarz am Zug

5. Weiß am Zug

6. Schwarz am Zug

7. Weiß am Zug

8. Weiß am Zug

9. Weiß am Zug

2. Schau und Du wirst sehen gegen Trial and Error

I believe there is no philosophical high-road in science, with epistemological signposts. No, we are in a jungle and find our way by trial and error, building our road behind us as we proceed.

Max Born

Die wesentlichen Punkte des ersten Kapitels lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Relevante Elemente/Merkmale der Stellung und (mehr oder weniger) effektive Züge bedingen sich gegenseitig und werden meist gleichzeitig gesehen.

2. Verbale Protokolle, die den Spieler von Merkmalen zu Zügen führen sollten, sind von geringem Wert.

3. Das Studium effektiver Züge/Pläne ist daher ein besserer Weg zur Anhebung der Spielstärke als das Studium dieser Protokolle.

In engem Zusammenhang damit stehen die nächsten beiden Aussagen, auf die ich später näher eingehen werde:

4. Bei der Betrachtung einer Stellung sieht (erkennt) man, was man bereits weiß. Das „Finden" guter Züge ist mehr eine Frage der Aktivierung des Gedächtnisses als irgendeine Art von kreativem Prozess.

5. Das Finden von Zügen hat mit einer Auswahl auf der Basis eines hierarchischen verbalen Systems wenig zu tun. Es kann besser als „Erkennen von Ähnlichkeiten" beschrieben werden.

Diese Aussagen stehen im Widerspruch zu dem gängigsten didaktischen Modell. Bei diesem Modell beginnt man mit der genauen Betrachtung der Merkmale/Elemente der Stellung und geht dann zum Finden von Zügen über, indem man abstrakte Richtlinien in konkrete Lösungen umwandelt.

Aus didaktischer Sicht ist dies recht attraktiv: Die guten Lösungen kommen in jedermanns Reichweite, und „gutes Benehmen" (sorgfältige stillschweigende Betrachtung ohne sofortiges Ausrufen von Zügen) wird belohnt.

Der Trainer kann leicht die Überzeugung gewinnen, dass die Sache genau so läuft. Nicht nur, weil dieses Modell die (Schach-)Didaktik lange Zeit dominiert hat, sondern auch, weil man leicht von seiner (rückblickenden) Sichtweise davon, was bei der Betrachtung einer Stellung passiert, in die Irre geführt werden kann.

Dass die Züge, die man sieht, sich logisch aus den Merkmalen der betrachteten Stellung ergeben, und dass jemand anderes, der die Stellung genauso betrachtet wie man selbst, mit dem gleichen logischen, intellektuellen Aufwand und unter Anwendung von Richtlinien zu den gleichen Zügen gelangen kann, ist ein verlockender Gedanke.

Oleg Romanischin

Predrag Nikolic

Leningrad 1987

(Übung Nr. 4)

Diese Stellung habe ich mehreren Gruppen vorgestellt. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich sie korrekt gelöst habe, als ich sie zum ersten Mal sah, aber ich denke schon. Wahrscheinlich stolperte ich einfach zufällig über den Zug und sah, dass er gut war.

Nikolic spielte 1…♗e8, was auch der beste Zug ist. Viele meiner Schüler wählten 1…e5, was ebenfalls eine attraktive Möglichkeit darstellt.

Wie findet man den Zug 1…♗e8? Aller Wahrscheinlichkeit nach, weil man diesen Plan schon „kennt". Man hat das Manöver …♗d7-e8-h5 in mehr oder weniger analogen Stellungen bereits gesehen, und bei der Betrachtung dieser Stellung taucht es dann irgendwann vor dem geistigen Auge auf. Und man sieht, dass es gut ist.

Das passiert nicht (unbedingt) auf einer bewussten Ebene. Daher hat man eine Menge Spielraum, sich für diesen Zug, der eigentlich nur ein spontaner Einfall war, Rechtfertigungen auszudenken. „Ja, ich sah, dass der Läufer etwas durch seine eigenen Bauern behindert wurde, und er hat mit g2-g3 seine weißen Felder geschwächt. Daher dachte ich, bring‘ ihn nach h5, was vielleicht wegen der Fesselung gut funktioniert und außerdem im Kampf um die Kontrolle über die wichtigen Felder d4 und e5 nützlich sein kann. Außerdem arbeitet der Läufer gut mit dem Turm auf f8 zusammen und verstärkt den Druck auf f3."

Dann kann man tatsächlich glauben, dass man diesen starken Zug auf vorbildliche, rationale Weise gefunden hat. Als Nächstes drängt man dann seine Schüler dazu, die Merkmale zu betrachten, in der felsenfesten Erwartung, dass sich der Zug 1…♗e8 einfach daraus ergeben wird, genau wie bei sich selbst.

Sie denken vielleicht, dass Sie sich nicht selbst so etwas vormachen können. Es gibt jedoch eine Menge neuerer Forschungsarbeiten in der Psychologie, die zu beweisen scheinen, dass Menschen ein ausgesprochenes Talent dafür haben, sich selbst etwas vorzugaukeln und bewusste Rechtfertigungen für aus dem Unterbewusstsein kommende Verhaltensweisen zu finden. Dieser spezielle Fall von Selbsttäuschung durch Konstruieren des Gedächtnisses nach dem Fakt wird als „Rückschaufehler" bezeichnet.

Dies ist meiner Ansicht nach ein wesentlicher Fehler, den Trainer leicht machen: das Verwechseln der Leichtigkeit, mit der man nachher über eine konkrete Stellung reden kann (deskriptiv), mit der Möglichkeit, einen Satz schriftlicher Regeln, die in jeder Stellung Hilfe bieten (preskriptiv).

In der Hoffnung, der Kopernikus der Schachwelt zu werden, schlage ich also meinen Paradigmenwechsel vor: Die These, dass die Merkmale zu den effektiven Zügen führen, kann mit mindestens gleichem Recht umgekehrt werden.

Bewegen wir uns nun auf eine Henne-Ei-„Lösung zu? Da wir keinen Zugang zu den vielen Gehirnzellen haben, in denen all das „passiert, ist sehr schwer zu entscheiden, welche Beschreibung denn nun am zutreffendsten ist.

Wenn ich damit Recht habe, die „respektable Ordnung" über den Haufen zu werfen, kann ein Konzept wiederbelebt werden, das von traditionellen Didaktikern in hohem Maße verabscheut wird: Trial and Error (Versuch und Irrtum).

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