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Grenzüberschreitungen: Energie, Wunder und Gesetze: Das Okkulte als Weltanschauung und seine Manifestationen im Werk Arthur Schnitzlers

Grenzüberschreitungen: Energie, Wunder und Gesetze: Das Okkulte als Weltanschauung und seine Manifestationen im Werk Arthur Schnitzlers

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Grenzüberschreitungen: Energie, Wunder und Gesetze: Das Okkulte als Weltanschauung und seine Manifestationen im Werk Arthur Schnitzlers

Länge:
333 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 12, 2014
ISBN:
9783706930017
Format:
Buch

Beschreibung

Die in diesem Buch behandelte Zeit ist der Übergang des 19. zum 20. Jahrhundert, eine Zeit, in der Energie eine zentrale Rolle spielt, nicht nur in der Physik, sondern auch in der Psychologie und der Metaphysik. Im Mittelpunkt steht hier der Begriff einer
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Freigegeben:
Jun 12, 2014
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9783706930017
Format:
Buch

Über den Autor


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Grenzüberschreitungen - Gerd K. Schneider

Gerd K. Schneider

Grenzüberschreitungen: Energie, Wunder und Gesetze

Das Okkulte als Weltanschauung und seine Manifestationen im Werk Arthur Schnitzlers

Praesens Verlag

© 2014

Praesens Verlag, Wien

www.praesens.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom verwendeten ebook-Reader kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7069-3001-7

ISBN Print 978-3-7069-0740-8

Arthur Schnitzler:

Gedanken über Kunst: Aus dem Nachlaß*

„Der Zufall kann [in einem Werk] natürlich nie ganz ausgeschieden werden, aber er darf nur so weit wirken, als die Idee durch ihn nichts geschädigt oder gar paralysiert wird. Ja, es ist oft Aufgabe des Dichters, das Zufällige zu eliminieren. Freilich, was für den Mitlebenden noch als Zufall erscheint, weil er zu nahe ist, um alle Kausalitätsketten zu überblicken, ist es für den Späterkommenden nicht mehr, sondern fügt sich als Notwendigkeit ins Ganze. [. .] Anderseits kann auch das Zufällige in der Idee des Kunstwerks liegen, und gänzlich fehlen darf es niemals. Die kleinen Störungen und Schwankungen, in denen sich das Weiterrollen der Welt kundgibt, machen erst ein Werk lebendig. Fehlt dieses Zufällige vollkommen, so empfinden wir mit Recht ein Werk als konstruiert".*

„Überall ist man nur da wahrhaft lebendig, wo man etwas Neues schafft – überall, wo man sich ganz sicher fühlt, hat der Zustand schon etwas Verdächtiges, denn da weiß man etwas ganz gewiß. Also etwas, was schon da ist, wird nur gehandhabt, wird wiederholt angewendet. Dies ist schon eine halb Lebendigkeit. Überall da, wo man ungewiß ist, aber den Drang fühlt und die Ahnung hat zu und von etwas Schönem, welches dargestellt werden muß, da wo man also sucht, da ist man wahrhaft lebendig. Was schon da ist, wird nur gehandhabt, wird wiederholt angewendet. Das ist eine halbe Lebendigkeit".**

*Die Neue Rundschau 32, Band 1 (1932) 37-38; hier 38.

**Karl Friedrich Schinkel, in Willi Baumeister, Das Unbekannte in der Kunst (Köln: DuMont Schauberg, 1947; 1960², S. 174).

In den in dieser Studie erwähnten Zitaten wurden Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Änderungen sind im Text so gekennzeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Start

Siglen

Teil 1

Teil 2

Schlussbemerkung

Bibliografie

Anmerkungen

Bildteil

Siglen

Primärliteratur von C. G. Jung

CGJ Carl Gustav Jung. Gesammelte Werke. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter-Verlag, 1971 ff.

Primärliteratur von Robert Mayer

JW 1 (Jacob Weyrauch, Hrsg.). Robert Mayer. Mechanik der Wärme. Gesammelte Schriften. Stuttgart: Cotta, 1893.

JW 2 (Jacob Weyrauch, Hrsg.). Kleinere Schriften und Briefe von Robert Mayer. Nebst Mittheilungen aus seinem Leben. Stuttgart: Cotta, 1893.

Primärliteratur von Friedrich Nietzsche

KS (Karl Schlechta, Hrsg.) Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973.

Primärliteratur von Arthur Schnitzler

AB Gesammelte Werke. Aphorismen und Betrachtungen. Herausgegeben von Robert O. Weiss. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1967.

AN Arthur Schnitzler. „Gedanken über Kunst. Aus dem Nachlaß". Die Neue Rundschau 32, Band 1 (1932): 37-38.

BSB Buch der Sprüche und Bedenken. Wien: Phaidon Verlag, 1927.

DW Die dramatischen Werke. Zwei Bände. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1962. Angeführt als DW 1 und DW 2.

ES Die erzählenden Schriften. Zwei Bände. Gütersloh: Bertelsmann Lesering. [1962]. Lizenz des S. Fischer Verlags Frankfurt am Main. Angeführt als ES 1 und ES 2.

EV Gesammelte Werke. Entworfenes und Verworfenes. Aus dem Nachlaß. Her­ausgegeben von Reinhard Urbach. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1977.

TB Arthur Schnitzler Tagebuch 1875-1931. Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth et al. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1981 ff.

TTB Arthur Schnitzler. Das Traumtagebuch 1879-1931. Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Göttingen: Wallstein Verlag, 2012.

Arthur Schnitzler: Korrespondenz

AK Arthur Kaufmann. 63 Briefe von Arthur Kaufmann an Arthur Schnitzler. 79 Blatt. Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar. Abschrift der Originale in Cambridge.

ASB1 Arthur Schnitzler. Briefe 1875-1912. Herausgegeben von Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. Band 1. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1981.

KB Bergel, Kurt (Hrsg.). Georg Brandes – Arthur Schnitzler: Ein Briefwechsel. Bern: Francke Verlag, 1956.

OS Seidlin, Oskar (Hrsg.). Arthur Schnitzler – Otto Brahm: Ein Briefwechsel. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1975.

TN Nickl, Therese und Heinrich Schnitzler (Hrsg.). Hugo von Hofmannsthal - Arthur Schnitzler. Briefwechsel. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1964.

Sekundärliteratur

BFE Barbara Frame Eger. Supernatural and Apparently Supernatural Elements in the Works of Arthur Schnitzler. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der Germanistischen Fakultät der Indiana University, Juni 1971.

CM Christa Melchinger. Illusion und Wirklichkeit im dramatischen Werk Arthur Schnitzlers. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1968.

EO Ernst L. Offermanns. Arthur Schnitzler. Das Komödienwerk als Kritik des Impressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag, 1973.

GJ Gottfried Just. Ironie und Sentimentalität in den erzählenden Dichtungen Arthur Schnitzlers. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1968.

KF Konstanze Fliedl. Arthur Schnitzler. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2005.

KFM —. „Moment und Gedächtnis. Dramatische Geschichte in Schnitzlers Der grüne Kakadu und Der Schleier der Beatrice, (S. 10)Austriaca (1994), Heft 39: 21-31.

MI Michael Imboden. Die surreale Komponente im erzählenden Werk Arthur Schnitzlers. Bern/Frankfurt am M: Verlag Herbert Lang 1971.

MP Michaele Perlmann. Arthur Schnitzler. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1987.

MP-T —. Der Traum in der literarischen Moderne. Untersuchugen zum Werk Arthur Schnitzlers. München: Wilhelm Fink Verlag, 1987.

OPS —. „Arthur Schnitzler’s Nachlass". The Germanic Review VIII (1933): 114-123.

OSB Otto P. Schinnerer. „Schnitzler’s Der Schleier der Beatrice", The Germanic Review 7 (1937): 263-279.

RL Rudolf Lantin. Traum und Wirklichkeit in der Prosadichtung Arthur Schnitzlers. Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1958.

RU Reinhard Urbach. Schnitzler-Kommentar zu den erzählenden Schriften und dramatischen Werken. München: Winkler Verlag, 1974.

TR Theodor Reik. Arthur Schnitzler als Psycholog. Minden (Westf.): Bruns, [1913].

WR William H. Rey. Arthur Schnitzler. Die späte Prosa als Gipfel seines Schaffens. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1968.

Teil 1

Zeitgemäße Betrachtungen zum Okkultismus

1. Arthur Schnitzlers Themenpalette

Viele Dichter und Schriftsteller lassen die Handlung in Ländern und Gegenden spielen, die sie selbst nicht aufgesucht hatten. So z. B. Shakespeare, der seinen Kaufmann in Venedig agieren lässt, obwohl der Dichter Venedig nicht besucht hatte, genau so wenig wie Verona. Auch Karl May war nie im Lande der Apachen und Komantschen, wie auch nicht im wilden Kurdistan. Anders liegt die Sachlage bei dem Wiener Dichter Arthur Schnitzler. Er wird häufig als Chronist seiner Zeit betrachtet, denn er war Augen- und Ohrenzeuge seiner Zeit. Bestätigt wird diese Ansicht in seiner Themenpalette, die man nicht nur in seinem dichterischen Werk findet, sondern auch in seinen persönlichen Bemerkungen, niedergelegt in seinen Tagebucheintragungen und seinem umfangreichen Briefwechsel. Die antisemitische Strömung seiner Zeit wird in seiner Komödie Professor Bernhardi und seinem Roman Der Weg ins Freie geschildert; die Subjektivität und die Effekthascherei der Presse findet Ausdruck in seiner Komödie Fink und Fliederbusch. Reigen und „Weihnachtseinkäufe" in der Anatol-Serie zeigen die Gestalt des süßen Mädels und ihr von der Gesellschaft geduldetes soziales und sexuelles Arrangement; die sich daraus ergebende Tragödie wird in seinem Schauspiel Liebelei beschrieben. Die Vormachtstellung des Sexus und die Heuchelei als Mittel zum sexuellen Zweck wird in seiner Szenenfolge Reigen vorgeführt. Die Demaskierung der Heldenpose und das Duell in seiner Monolognovelle Leutnant Gustl; die Psychoanalyse als Weg zur Wahrheitsfindung in der „Frage an das Schicksal", enthalten in Anatol und weiter ausgeführt in seinem Blankvers-Einakter Paracelsus; die Entlarvung der Ideale in der Französischen Revolution in seiner Groteske Der grüne Kakadu; der Typus des melancholischen Liebhabers in der Gestalt des Anatol; das Unterschwellige des Ressentiments und die Versöhnung zweier Brüder in der Novelle Der blinde Geronimo und sein Bruder, um nur einige Themen zu nennen, die Schnitzlers Zeit bewegten.

Diese Themen, von denen viele nur noch historisch interessant sind, sind in der Sekundärliteratur weitgehend besprochen und analysiert worden. Deshalb nimmt es wunder, dass die Forschungsliteratur Geschehnisse, die unter die Rubrik Okkultismus fallen, nur am Rande behandelt, denn die Beschäftigung mit dem Okkulten war ein wichtiger Bestandteil des österreichischen Fin de siècle. Okkulte Ereignisse waren bis in die späten 20er Jahre des 20. Jahrhunderts populär und das nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern auch in Übersee.

2. Definitionen des Okkultismus oder des ‚Wunderbaren‘

Die Bezeichnung Okkultismus, zurückgehend auf das Lateinische occultus=verborgen, geheim, ist ein Sammelbegriff, der vieles vereint: das Übersinnliche, das Esoterische, das Paranormale, den Spiritismus, den Mediumismus, die Parapsychologie, das Hellsehen, die Präkognition, das Mystische, kurzum: das Geheimnisvolle oder wie es zu Schnitzlers Zeiten auch genannt wird: das Wunderbare. Allen diesen Bezeichnungen ist gemeinsam, dass bestimmte Ereignisse nicht mit Hilfe der bis jetzt erkannten Wirkungskräfte der Naturwissenschaft erklärt werden können. Dazu gehören auch die Energieausstrahlungen, die der menschlichen Wahrnehmung verborgen sind. Hans Prinzhorn weist auf die Schwierigkeiten hin, die mit einer allgemein gültigen Definition des Okkulten und des Okkultismus verbunden sind:

Eine scharfe Begriffsbestimmung des Okkulten ist schwer. Man meint mit dem Worte eigentlich nur die vorläufige Zusammenfassung recht verschiedener Tatsachengruppen, die vorwiegend das eine gemeinsam haben, dass sie sich mit den geltenden sinnespsychologischen und physikalischen Lehren nicht hinreichend erklären lassen, oder dann deren unbedingte Gültigkeit in Frage stellen würden, wenn man zugäbe, sie seien einwandfrei beobachtet.¹

Die drei okkulte Phänomene für ihn sind: parapsychische Erscheinungen von Seele zu Seele, wie z. B. bei Gedankenübertragungen; paraphysische Erscheinungen, die von Körper zu Körper geschehen, wie z. B. bei Materialisationen, der Telekinese und Teleplastik; und letztlich spiritistische Erscheinungen, „bei denen man zu der Annahme gedrängt wird, es manifestiere sich direkt oder durch das Medium ein fremdes, nicht leiblich gegenwärtiges Individuum, sei dieses nun am Leben oder gestorben (213). Da wir in Schnitzlers Werk sowohl parapsychische wie auch paraphysische und spiritistische Erscheinungen antreffen, schließen wir uns der Klassifizierung Prinzhorns an und verwenden im Folgenden nur den Begriff „Okkultismus oder seine Ableitungen.

Marianne Wünsch² weist darauf hin, dass wir nichtrealitätskompatible Phänomene häufig in der Literatur der Jahrhundertwende finden, wie z. B. in Hofmannsthals Der Tod und der Tod. Legitimiert sei diese Abweichung von der Realität durch die Gattungszuordnung, wie z. B. die Bezeichnung von Hauptmanns Werk Die versunkene Glocke als Märchendrama, Und Pippa tanzt als ein Glashüttenmärchen. Auch Schnitzler weist in seiner Titelgebung auf die Nichtrealitätskomparität hin, in einer Zeit, die vom Vorexpressionismus geprägt ist, „denn selbst Arthur Schnitzler läßt schon 1906 die Marionetten erscheinen" (81). Das Merkmal der fantastischen Literatur ist, dass sie eben nicht realitätskomparabel ist, aber, wie Maria Wünsch schreibt, nicht ausschließlich, denn „selbst in den ausgesprochen fantastischen Texten verbindet sich das Fantastische zusätzlich gern mit menschlichen Grenzsituarionen verschiedener Art, wie sie umgekehrt auch bei Autoren der Epoche auftreten, die keine fantastischen Texte publiziert haben" (73). Man darf also die Autoren nicht in zwei Gruppen einteilen – in die, die fantastische Literatur verfasst haben und solche, die keine fantastische Literatur verfasst haben. Ein Autor kann sowohl als auch schreiben. Ein Beispiel hierfür ist Schnitzler. Er gehört zu der Gruppe „bedeutende[r] Autoren, die primär als nicht fantastisch bekannt sind [aber] gelegentlich fantastische Texte geschrieben haben; so hat Schnitzler mindestens eine fantastische Erzählung – Die Weissagung (Erstpublikation 1905; Buchpublikation 1907) – veröffentlicht" (73). Arthur Schnitzler selbst macht hier keinen Unterschied zwischen dem Okkulten und dem Fantastischen, denn er benutzt diese Bezeichnungen als gleichwertig.

Interessant ist es, der Frage nachzugehen, ob übersinnliche Ereignisse in den Bereich des Fantastischen oder des Okkulten gehören. Marianne Wünsch vertritt die These, dass eine solche Unterscheidung nicht vom Autor oder vom Leser gemacht werden soll, und sie zitiert in diesem Zusammenhang Gustav Meyrink, „der sich zweifelsfrei allen erdenklichen okkultistischen Systemen, den Spiritismus ausgenommen, hingegeben hat; und ausgestattet mit diesem biographischen Wissen haben okkultistisch orientierte Leser dann auch seine Romane nicht als fantastische Literatur, sondern als Einweihung in okkulte Geheimnisse gelesen – und manche scheinen dies heute noch zu tun (9). Andererseits kann die Neigung oder Erfahrung eines Autors die Zuordnung seiner Werke bestimmen. Dies ist, wie Wünsch ausführt, bei Thomas Mann der Fall. Ein Beispiel hier ist Thomas Manns Kapitel „Fragwürdiges aus dem Zauberberg:

wo zwei spiritistische Sitzungen, eine davon mit der Manifestation eines kompletten und identifizierbaren Geistes, dargestellt werden, während wir gleichzeitig aus seinem Aufsatz ‚Okkulte Erlebnisse‘ wissen, daß er an die übernatürlichen Phänomene des Spiritismus glaubt: die Episode wäre somit, folgt man ihrem Autor, nicht fantastisch, obwohl vermutlich die Mehrheit heutiger Leser sie – zu Recht – für fantastisch hielt. (9)

Das Fazit wäre dann, dass die Unterscheidung zwischen der fantastischen Literatur und der okkulten Literatur von demjenigen abhängt, der sie macht oder sie so empfindet.

Die Unterscheidung zwischen fantastischer und okkulter Literatur ist fraglich, denn, wie Uwe Durst in seiner veröffentlichten Dissertation schreibt, besteht „bis heute [...] keine Einigkeit darüber, was unter dem Begriff der phantastischen Literatur zu verstehen sei.³ Er unterscheidet zwischen einer maximalistischen Bestimmung des Fantastischen, in der „alle erzählenden Texte, in deren fiktiver Welt die Naturgesetze verletzt werden (27), und einer minimalistischen Genredefinition, bestimmt „durch die „Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat.⁴ Es ist demnach noch schwieriger, zwischen der okkulten und der fantastischen Literatur zu unterscheiden; beiden gemeinsam ist, den Leser aus der vertrauten Welt in eine mysteriöse, manchmal furchterregende Welt zu versetzen, in der die Gesetze der Naturwissenschaft, die realitätsgebunden sind, bis zu dem Zeitpunkt ihrer Niederschrift noch keine rationale Erklärung liefern können. Jedoch kann gesagt werden, dass vieles, was in der Vergangenheit als okkult betrachtet wurde, heute Bestandteil eines rationalen Systems ist, also nicht mehr als okkult gilt. Zu Schnitzlers Zeiten wurde der Ausdruck fantastisch sehr selten angewandt, und so wird im Folgenden auch ausschließlich die Bezeichnung okkult benutzt. Einige Forscher sind sehr vorsichtig, Schnitzler mit dem Etikett des Okkulten zu versehen, denn genau so wenig wie es keine feststehende Definition des Fantastischen gibt, gibt es keine des Okkulten. Richard Specht bezeichnet diese übersinnlichen Erscheinungen als „seltsame Zusammenhänge,⁵ was genau so unbestimmt ist, wie das Wunderbare bei Freud.

2.1. Der Okkultismus als Zeiterscheinung der Moderne

Beschäftigung mit okkulten Ereignissen ist so alt wie die Menschheit und findet besonders in den verschiedenen religiösen Richtungen ihren Niederschlag. Der moderne Okkultismus um 1900 unterscheidet sich aber bedeutend von dem Okkultismus der früheren Jahrhunderte, und dieser Wechsel war das Resultat der Forschungsergebnisse in den Naturwissenschaften. Der moderne Okkultismus kann deshalb nicht als antiwissenschaftlich verstanden werden: „der Widerstand richtete sich eher gegen die mechanistisch-materialistischen Tendenzen in der zeitgenössischen Naturwissenschaft und Philosophie. Man versuchte ganz im Gegenteil die alten magischen Praktiken durch die Entdeckung der in ihnen wirkenden Kräften einer naturwissenschaftlichen Betrachtung zuzuführen und somit das bisher Unerklärliche dem naturwissenschaftlichen Weltbild einzugliedern".⁶

Wenn Schnitzler in Paracelsus bemerkt: „Sicherheit ist nirgends, so bestätigt sich dies besonders in der Zeit nach 1918. Und diese Unsicherheit trifft ebenfalls auf die Naturwissenschaften zu. Die Forschungsergebnisse in der Physik ließen den Menschen noch zusätzlich an seiner metaphysischen Sicherheit zweifeln. Einsteins Relativitätstheorie stellte die traditionellen Ansichten von Raum und Zeit in Frage, und die Quantentheorie von Max Planck weckte Zweifel an die Bestimmbarkeit der Welt. Für Planck ist es unmöglich, „daß die metaphysisch reale Welt mit den Anschauungen, die dem bisherigen naiven Weltbild entnommen sind, vollkommen faßbar und verständlich sind. Dies ist eine unerfüllbare Forderung. Man kann unmöglich die feinere Struktur eines Gegenstandes erkennen, wenn man es grundsätzlich ablehnt, ihn anders als mit dem bloßen Auge zu erkennen.⁷ Damit ist der Glaube an das Absolute in Frage gestellt, und Nietzsche in seiner Schrift „Menschliches-Allzumenschliches" verkündet: „Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen: so wie es keine absoluten Wahrheiten gibt" (KS I, 448). Das bedeutet auch, dass die Realität, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nicht die absolute Wahrheit ist, sondern nur eine relative, oder wie es bei Nietzsche heißt, ein Produkt unseres perspektivischen Schauens.

Ein weiterer Grund für die Breitenwirkung des Okkultismus um 1900 war eine Art ‚Entkirchlichung‘ und eine neue Wertefindung:

die schwindende Verbindlichkeit der Kirchen, durch die Infragestellung des Christentums als göttliche Offenbarung und Verengung des Weltbildes auf mechanische, kausalische und relativistische Denkmodelle im Darwinismus, Historismus und Positivismus hat man den breit gefächerten esoterische und mystischen Strömungen [...] bevorzugt in die Reihe der Versuche eingeordnet, durch Wiederanknüpfung an eine wie auch geartete Transzendenz eine Tiefendimension zurückzufinden und den Relativismus der Werte zu überwinden.⁸

Eine solche Ersatzreligion gefährdete die Rolle der Kirchen, die antispiritistische Versammlungen abhielten, wie z. B. die des Berliner Hofpredigers a. D. Adolf Stöcker. Stöcker, der Gründer der Christlich Sozialen Partei, sah den Bruch zwischen Arm und Reich als Resultat eines kapitalistischen Denkens und Handelns, für das er besonders die Juden verantwortlich machte. Sein Anliegen war es, die Menschen wieder zu den Werten zurückzuführen, wie es das traditionelle Christentum verkündete. Der Spiritismus war seiner Ansicht nach ein Irrweg.⁹ Ablehnend verhält sich auch Hans Bäcker, wenn er bemerkt: „Der Okkultismus grassiert heute wie eine schlimme Seuche [...] Wir wollen hier unser Augenmerk auf den Okkultismus in seinem Anspruch richten, als gebe er der Welt eine Religion, eine Ethik, eine Philosophie. In diesem Anspruch befinden die sich im Übrigen zum Teil bitter befehdenden okkultistischen Richtungen: okkultistische Orden und Zirkel, spiritistische Vereinigungen und Kirchen, theosophische Gemeinden und Anthroposophie".¹⁰

Eine zusätzliche Erklärung für die schnelle Verbreitung des Okkultismus liegt in dem Verlust des ersten Weltkriegs. Gelitten hatten nicht nur der Patriotismus, sondern auch die Menschen, die ihre Angehörigen im Krieg verloren hatten. Dazu kamen noch die Inflation und der Verlust der materiellen Güter. Die Hinwendung zum Okkultismus war somit auch eine Ablenkung von all dem Leid, das man im Ersten Weltkrieg erfahren hatte, und eine Hinwendung zu den transzendentalen Ideen: „Es ist das Verhältnis der Seele zum Höchsten, zu Gott, den sie in sich wachzurufen trachtet.¹¹ Man denkt auch nicht mehr an kleine Ideen, wenn es darum geht, „große, überpersönliche Aufgaben zu lösen. Eine solche Ansicht baut eine Nation wieder auf und gibt ihr wieder Achtung. Der Schlusssatz dieses Artikels enthält die folgende Prophezeiung: „Die Nation aber, die viele solche Persönlichkeiten in sich hegt, wird nicht vom Unglück zerrieben, sondern zu Stahl geschmiedet. Und so soll und wird es uns Deutschen ergehen! (401). Gerade davor warnt das Gedicht: „Deutscher Okkultismus,¹² dessen erste Zeile lautet; „Wir sind das Volk der wunderbaren Kulte, ein Volk, das die Attentäter in Schutz nimmt und die demokratischen Kräfte als „Landesverräter" hinstellt. Das Gedicht endet mit dem Hinweis, dass in der deutschen Republik noch alles so ist, wie es war:

Geduld, Geduld –

Uns trifft keine Schuld:

Die deutsche Republik ist noch etwas okkult.

Wie okkult die deutsche Republik war, lässt sich aus dem Erfolg der Nazis sehen, die den Hang zum Okkultismus politisch ausschlachteten.¹³

Dass der Okkultismus bei den unteren Massen Einzug gehalten hat, bezieht sich auf das Versagen des Marxismus als eine Massenbewegung, wie Hans Bäcker in seinem Essay „Okkultismus" verlauten lässt:

Was der Idealismus für die Saturierten und Gebildeten war, bedeutete für die in Armut, Bedrückung, Unsicherheit und Unbildung dahinlebende Masse der Fabrikproletarier in den letzten Jahrzehnten der Materialismus. Zu dieser Bedeutung war er gekommen durch seine Ehe mit dem politischen Marxismus. Der Materialismus war ihr Glaube, ihre Hoffnung, ihre Religion. Mit dem katastrophalen Versagen des Marxismus, seinem Zusammenbruch zerrinnen jetzt die materialistischen Luftschlösser. Die Bahn ist frei für den Okkultismus bei den Massen. (129)

So war der Weg gebahnt zu einer Hinwendung zu dem, was hinter der Welt der sinnlich wahrnehmenden, und für die meisten Menschen enttäuschenden, Realität liegt, über das empirisch Wahrnehmbare hinaus und damit eine Hinwendung zur Innenwelt – weg vom kapitalistischen Erwerb zum geistigen Reichtum.

Feststeht, dass um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Welle des Okkultismus zu einer Kulturerscheinung wurde und auch weite Kreisen der Bevölkerung in sich schloss. Fanny Moser beschreibt das Hereinbrechen des Okkultismus in ihrem Standardwerk Das große Buch des Okkultismus folgendermaßen: „Wie eine Sturmflut ergießt er [=der Okkultismus] sich über uns, an den Grundfesten selbst der Wissenschaft rüttelnd.¹⁴ Der Okkultismus wurde Tagesgespräch, und dass Jung selbst mit dem Okkultismus vertraut war, lässt sich bei Kurt Koch finden. In seinem Bericht über Jung schreibt er, dieser habe gesagt, dass in seinem Elternhaus spiritistische Séancen abgehalten wurden und dass für ihn der Spiritismus akzeptabel sei. Er selbst war auch bei diesen Sitzungen aktiv: „Die spiritistischen Experimente Jungs mit seiner medial begabten Cousine war der Start für eine lebenslange Beschäftigung mit dem Okkultismus.¹⁵ Sein Interesse für übersinnliche Erscheinungen ist auch in dem Vorwort zu Fanny Mosers Buch zu sehen, betitelt Spuk.¹⁶ Ein anderes Beispiel, das von der Popularität des Okkultismus zeugt, bietet Leo Tolstoys Anna Karenina, erschienen zwischen 1875 und 1877. In diesem Roman beschreibt Tolstoy eine Abendgesellschaft, die eine Séance plant, ein Vorhaben, das auf den Zweifel einiger Anwesenden stößt. Der Kavallerieoffizier Graf Vronsky verteidigt das Tischrücken in der Séance, wenn er sagt; „We do not know yet what force it is, but it exists and these are the conditions under which it acts. Let the scientists discover what the force is".¹⁷ Um diese Zeit, genauer im Jahr 1875, wurde auch die Theosophische Gesellschaft von Helena Blavatsky, Henry Steel Olcott und William Quan Judge in New York gegründet. Die theosophische Logengründung in Hamburg geschah 1870 und in Österreich 1887. Zu den Zielsetzungen dieser Gesellschaft gehören u.a. die Erforschung der noch ungeklärten Naturgesetze sowie der im Menschen verborgenen Kräfte.¹⁸

Dieser in diesen Zitaten angeführte Gedanke eines zu dieser Zeit weitverbreiteten Zugangs zu Mystik und Okkultismus wird auch von Prinzhorn festgestellt:

Wenn der verpönte Begriff des Okkultismus in den letzten Jahren sich Schritt um Schritt ruhigere Geltung unter den Gebildeten von heute verschafft hat und sogar im Kreise der strengen Wissenschaft nicht mehr unbedingt mit Verachtung beiseite geschoben wird, so offenbart sich in solcher Wandlung nicht etwa eine kurzwellige Zeitmode, sondern etwas Tieferes von dauernder Bedeutung. Das konnte man zur Not schon an der Art der Veröffentlichungen erkennen, die neuerdings dem Okkultismus gewidmet werden. Konnte man früher fast nur aus schäbiger Ramschware, geschmacklosen billigsten Broschüren von mehr oder weniger marktschrei­erischer Aufmachung [...] sich unterrichten, so bietet der Büchermarkt jetzt eine ganze Reihe von gepflegten Darstellungen des geheimnisvollen Grenzgebietes, die sämtliche ausdenkbaren Standpunkte zwischen kühler Skepsis und ahnender fast religiöser Ergriffenheit repräsentieren.¹⁹

Diesen Worten kann entnommen werden, dass mystische und okkulte Neigungen und Bestrebungen zum Zuge dieser Zeit gehörten, in welcher auch Schnitzler seine „mit dem Wunderbaren liebäugelnde Produkte"²⁰ verfasst hatte.

Das letzte Zitat stammt von Sigmund Freud, der dem Okkulten sehr kritisch gegenüberstand. Freud war Wissenschaftler, der an die Beweisbarkeit seiner Lehre glaubte, während das Okkulte sich jeder Beweisbarkeit entzieht. Freud allerdings musste zugeben, dass der Okkultismus zu seiner Zeit populärer war als die Psychoanalyse, und er bemerkt: „Die Psychoanalyse hat sozusagen alle seelischen Instinkte gegen sich, dem Okkultismus kommen starke, dunkle Sympathien entgegen".²¹ Er selbst hatte keine sogenannten okkulten Erlebnisse, wie er in einem erst 1986 veröffentlichten Brief an die in Böhmen ansässige Biologin Dr. Fanny Moser angibt, die 1914 nach einer Levitation-Séance in Berlin Okkultistin wurde, aber er erwähnt in demselben Brief, dass okkulte Vorgänge möglich sein könnten: „Ich habe in wenigstens zwei Fällen durch Analyse von Prophezeiungen – (die nebenbei nicht eingetroffen sind) – die Wahrscheinlichkeit, daß es Gedankenübertragung auf anderem als physikalischem Weg giebt, anerkennen müssen.²² Sein Essay, „Psychoanalyse und Telepathie²³ legt Zeugnis dafür ab, dass er sich eingehend mit dem Phänomen des Okkultismus befasst hatte, wie auch sein Biograf Ernest Jones in dem Kapitel „Okkultismus" anführt.²⁴ Andere Einflüsse auf Freuds Einstellung zum Okkultismus stammen unter dem Einfluss von C. G. Jung und Sándor Ferenczi, wie Eberhard Bauer in den Freiburger Universitätsblättern feststellt.²⁵ Freuds Haltung zum Okkultismus war ambivalent, aber er war als Wissenschaftler ehrlich genug, um sich zu einer Haltung durchzuringen, die dem Okkultismus die Möglichkeit einer Existenz einräumte, oder wie er schrieb: „Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln".²⁶ Freud wusste, dass das Phänomen des Okkultismus stark und beliebter war als seine Lehre, die „alle seelischen Instinkte gegen sich

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